Allegorie und Anwendbarkeit

J. R. R. Tolkien wurde ja immer wieder mal angedichtet, mit „Der Herr der Ringe“ eine allegorische Erzählung über den Zweiten Weltkrieg geschaffen, den Einen Ring als Symbol für die Atombombe eingebaut zu haben, und Ähnliches mehr. Er selbst hat diese Deutungen immer zurückgewiesen. (Im Übrigen entstanden die Pläne für das Werk auch lange vor dem Krieg.) Er schreibt in einem Vorwort zu einer Ausgabe seines Buches:

 

Was die tiefere Bedeutung oder ‚Botschaft’ des Buches angeht, so hat es nach Absicht des Autors keine. Es ist weder allegorisch, noch hat es irgendeinen aktuellen Bezug. […] Doch die Allegorie in allen ihren Formen verabscheue ich von Herzen, und zwar schon immer, seit ich alt und argwöhnisch genug bin, ihr Vorhandensein zu bemerken. Geschichte, ob wahr oder erfunden, mit ihrer vielfältigen Anwendbarkeit im Denken und Erleben des Lesers ist mir viel lieber. Ich glaube, dass ‚Anwendbarkeit’ mit ‚Allegorie’ oft verwechselt wird; doch liegt die eine im freien Ermessen des Lesers, während die andere von der Absicht des Autors beherrscht wird.

 Der Autor kann natürlich von der eigenen Erfahrung nicht völlig unberührt bleiben, aber der Vorgang, in dem der Keim einer Geschichte aus dem Boden der Erfahrung seine Nahrung zieht, ist äußerst verwickelt, und Versuche, ihn zu beschreiben, beruhen bestenfalls auf Mutmaßungen anhand unzureichender und mehrdeutiger Befunde.

 

Obwohl ich keine so starke Abneigung gegen allegorische Erzählungen habe  wie er, bin ich doch im Großen und Ganzen mit Tolkien einer Meinung. Eine Geschichte sollte nicht einfach nur geschrieben werden, um eine Botschaft rüberzubringen. Sie hat ihren Wert in sich – aber wenn es eine gute Geschichte ist, wird der Leser oft eine Anwendbarkeit für sein Leben finden können. Unser eigenes Leben ist schließlich auch eine Geschichte; und auch das, worauf die katholische Religion beruht, ist keine Theorie, sondern eine Geschichte, in der sich eine bestimmte handelnde Person auf ganz besondere Weise in unser Leben einmischt, nämlich indem Er unsere Menschengestalt annimmt und am Kreuz für uns stirbt.

Jeder Leser wird in jeder Geschichte andere Anwendbarkeiten finden, und die meisten davon werden vom Autor nicht bewusst hineingearbeitet worden sein. Auch ein Autor selber kann in einem seiner Werke auf einmal Anwendbarkeiten finden, die ihm vorher entgangen sind. Manchmal fügen sich die Dinge einfach gut. Dann fällt einem vielleicht auf einmal auf, dass drei Figuren Gemeinsamkeiten mit Mose, Aaron und Miriam aus dem Alten Testament haben, oder man sieht an einer anderen Stelle eine unheimliche Ähnlichkeit zwischen zwei Figuren, die aber in ähnlichen Situationen ganz unterschiedliche Wege einschlagen und damit die Macht der freien menschlichen Entscheidung vor Augen führen.

Sokrates erzählte in seiner Verteidigungsrede vor Gericht, als er sich gegen den Vorwurf verteidigen musste, er verderbe die Jugend mit gottloser Philosophiererei, wie er nacheinander zu verschiedenen Berufsgruppen gegangen war, um herauszufinden, ob Politiker, Handwerker oder auch Dichter im Ganzen weise Menschen seien. Am Ende habe er keine weisen Menschen gefunden, nämlich keine, die sich wenigstens bewusst gewesen wären, dass sie eigentlich nichts wussten. Von seinem Erlebnis bei den Dichtern erzählt er folgendermaßen:

 

Von ihren Gedichten also diejenigen vornehmend, welche sie mir am vorzüglichsten schienen ausgearbeitet zu haben, fragte ich sie aus, was sie wohl damit meinten, auf daß ich auch zugleich etwas lernte von ihnen. Schämen muß ich mich nun freilich, ihr Männer, euch die Wahrheit zu sagen: dennoch soll sie gesagt werden. Um es nämlich geradeheraus zu sagen, fast sprachen alle Anwesenden besser als sie selbst über das, was sie gedichtet hatten. Ich erfuhr also auch von den Dichtern in kurzem dieses, daß sie nicht durch Weisheit dichteten, was sie dichten, sondern durch eine Naturgabe und in der Begeisterung, eben wie die Wahrsager und Orakelsänger. Denn auch diese sagen viel Schönes, wissen aber nichts von dem, was sie sagen; ebenso nun schien es mir auch den Dichtern zu ergehen. (Platon, Apologie des Sokrates)

 

Wenn jemandem eine Geschichte einfällt, dann ist das eine Gabe; wenn es eine so schöne Geschichte wie „Der Herr der Ringe“ ist, ist es eine sehr große Gabe. Und es ist spannend, zu ergründen, welche unerkannten Weisheiten in solchen Gaben verborgen sein können.

Ich arbeite an ein paar Beiträgen zu verschiedenen Büchern; darin gehe ich auf solche Anwendbarkeiten ein – ich möchte betonen, Anwendbarkeiten, nicht Allegorien, denn ob ein Autor an das gedacht hat, was ich hineinlese, kann ich nicht beurteilen. Das wollte ich zum Verständnis späterer Posts voranschicken.

Advertisements

Ein Gedanke zu “Allegorie und Anwendbarkeit

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s