Vollkommene Liebe vertreibt die Furcht, Teil 1: Was Skrupulosität ist

Ein Thema, um das es in diesem Blog wie angekündigt häufiger gehen soll, ist Skrupulosität. Das ist ein Thema, das in der Kirche relativ selten zur Sprache kommt, und vielleicht nicht ohne Grund: Ein skrupulöses Gewissen ist kein Problem, das viele Katholiken betrifft. Aber für den geringen Prozentsatz der Betroffenen ist es ein sehr großes Problem, eins, das das Glaubensleben zur Qual machen kann.

Was versteht man unter dem Begriff? Der Theologe Adolphe Tanquerey (1854-1932) nennt die Skrupulosität „eine übertriebene Unruhe, Gott beleidigt zu haben, die von manchen Gewissen aus den nichtigsten Beweggründen empfunden wird“ (Adolphe Tanquerey, Grundriss der aszetischen und mystischen Theologie). Skrupulanten sind Menschen, die dort Sünde sehen, wo keine Sünde ist, und dort schwere Schuld, wo man allerhöchstens von lässlicher reden kann. Immer wieder zweifeln sie, grübeln über vergangene Handlungen nach und ängstigen sich wegen möglicher Verfehlungen, die sie begangen haben könnten oder im Begriff sind, zu begehen. Überall sehen sie Verpflichtungen und die Gefahr der Todsünde. Besonders häufig tritt diese Angst bei zwei Gebieten der Sünde auf, Unkeuschheit und Blasphemie, wobei letzteres meist die quälendsten Sorgen für Skrupulanten mit sich bringt.

Habe ich mich anständig genug angezogen – was, wenn ich eine Versuchung für Männer in der Straßenbahn war? War dieser gehässige Gedanke eine schwere Sünde? Vielleicht sollte ich deshalb lieber nicht zur Kommunion gehen. War ich beim Gebet unaufmerksam? Ich sollte es wiederholen. War ich bei der Beichte genau genug? Habe ich etwas vergessen oder ein entscheidendes Detail ausgelassen? Vielleicht habe ich genuschelt, weil ich dieses und jenes unbewusst nicht zugeben wollte, und der Priester hat mich nicht genau verstanden? Als ich gesagt habe, dass ich dies und jenes „einige Male“ getan habe, hätte ich da nicht lieber „viele Male“ sagen sollen? Oder versuchen sollen, mich an die genaue Zahl zu erinnern? Vielleicht war die Beichte ungültig. Ich sollte noch einmal beichten. Habe ich das Fasten vor der Kommunion eingehalten? Was, wenn ich vielleicht auf dem Weg zur Kirche eine Schneeflocke verschluckt habe? Auch bei der Kommunion selbst stellen sich Fragen: Was, wenn ein winziger Krümel der Hostie zwischen meinen Zähnen hängen geblieben ist, und beim Zähneputzen in der Zahnbürste und dann im Waschbecken gelandet ist? Was soll ich jetzt nur tun?

Vor allem Beichte und Kommunion sind sowohl im Vorfeld als auch im Rückblick eine Qual für Skrupulanten. Skrupel können aber auch auf anderen Gebieten auftreten: War ich in diesem Gespräch zu rechthaberisch oder nicht höflich genug und habe meinen Gesprächspartner deshalb für immer von der Kirche weggetrieben? Sollte ich meine ungläubige Cousine darauf hinweisen, dass es falsch ist, vor der Ehe zusammenzuleben? Könnten mir auf irgendeine Weise Glassplitter in den Tomaten-Eintopf gekommen sein, woran meine Kinder sterben könnten, wenn sie ihn essen? Schließlich habe ich vor zwei Tagen hier auf diesem Regal ein Glas zerbrochen, und wenn ich einzelne Splitter beim Aufwischen übersehen habe, und diese inzwischen ins untere Fach in die Kiste mit den Tomaten gefallen sind, die ich gestern dort hingestellt habe…

Nicht-skrupulöse Leser fühlen inzwischen möglicherweise eine Mischung aus Mitleid und dem Drang, zu lachen. Skrupulosität hat von außen betrachtet tatsächlich etwas Lächerliches an sich, aber für die Betroffenen ist sie leider alles andere als komisch. Das kann ich aus eigener Erfahrung sagen.

Man muss nicht meinen, wir Skrupulanten würden nicht bemerken, dass etwas an unseren Zweifeln und Ängsten eher ungewöhnlich ist. Das merken wir schon. Oft ist einem auch bewusst, dass diese Sorgen völlig unsinnig sind. Aber dann taucht wieder die Frage auf, was wenn doch…? Schließlich kann die Welt irren. Vielleicht sind alle meine Bekannten nur nicht katholisch genug! Und auch, wenn man letzten Endes überzeugt ist, dass eine Befürchtung unsinnig ist, ist sie manchmal so laut und drängend im Kopf geworden, dass es schwer wird, ihr zu widerstehen.

Leider ist auch nicht alles so eindeutig. Es gibt durchaus Fälle, in denen sich Katholiken (gute Katholiken) uneins sind, ob schwere oder leichte Sünde vorliegt, oder ob etwas überhaupt Sünde ist. Skrupulanten wählen in all diesen Fällen automatisch die rigideste Ansicht – vorsichtshalber, man will kein Risiko eingehen. Man fühlt sich für alles und jeden verantwortlich; jede Sünde beurteilt man als Todsünde.

 

Alle Teile hier: https://nolitetimereweb.wordpress.com/reihe-vollkommene-liebe-vertreibt-die-furcht-skrupulositaet/

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9 Gedanken zu “Vollkommene Liebe vertreibt die Furcht, Teil 1: Was Skrupulosität ist

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