Vollkommene Liebe vertreibt die Furcht, Teil 2: Wieso Skrupulosität nicht gut ist

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Im gegenwärtigen Katholizismus gibt es eine gewisse Tendenz, zu betonen, dass Gott nicht einfach nur „nett“ ist, nicht bloß ein harmloser Opa in den Wolken, dass das Christentum mehr ist als „moralistic therapeutic deism“. Diese Aussagen sind nicht falsch. Aber Skrupulanten verzerren sie dahingehend, dass die Vorstellungen von Gottes bedingungsloser Liebe und einer persönlichen Beziehung zu Jesus Christus beiseite gedrängt werden. Man macht es sich nicht so einfach wie die liberalen Wohlfühl-Katholiken mit ihren Gitarren und ihrer „Gradualität“. Man übergeht die harten, anspruchsvollen Aussagen seiner Religion nicht einfach, sagt man sich. Man will es sich auf keinen Fall zu leicht machen.

Aber auf diese Weise gerät man in Gefahr, das Eigentlich des Christentums zu verlieren. Man sieht Gottes Ansprüche, aber nicht die gewichtigere Tatsache der Erlösung, die zuerst kommen muss.

Man muss hier die Gefahr beachten, etwas für „traditionellen Katholizismus“ zu halten, das in Wahrheit nicht der Tradition entspricht. Derartige Rigidität entspricht ihr in keiner Weise. Im 17. und 18. Jahrhundert, als verschiedene „Moralsysteme“ debattiert wurden, wurden vonseiten des Lehramts sowohl gewisse Ansichten der „Laxisten“ als auch der rigoristischen Jansenisten abgelehnt. Beispielsweise wurde der jansenistische Satz „Es ist nicht erlaubt, einer [wahrscheinlichen] Meinung oder unter wahrscheinlichen der wahrscheinlichsten zu folgen“ im Jahr 1690 vom Heiligen Offizium verurteilt. (Das heißt: Es ist erlaubt, einer wahrscheinlichen Meinung zu einem moralischen Gebot zu folgen, auch wenn das nicht die strengstmögliche Meinung ist.)

Man sehe sich alte Kirchenlieder an: „Dich will ich lieben, o mein Leben, als meinen allerbesten Freund…“ , „mein König und mein Bräutigam, du hältst mein Herz gefangen…“, „Von Gott kommt mir ein Freudenschein / wenn du mich mit den Augen dein / gar freundlich tust anblicken. / Herr Jesus, du mein trautes Gut, / dein Wort, dein Geist, dein Leib und Blut / mich innerlich erquicken…“, und so weiter und so fort. – „Jesus liebt dich“ ist eben nicht die einfache Teddybären-Theologie von 80er-Charismatikern, sondern die christliche Lehre zweier Jahrtausende. (Auch wenn man sich über den Stil streiten kann, in dem sie verkündigt werden sollte.)

Alle Theologen vergangener Jahrhunderte betrachteten ein skrupulöses Gewissen als eine Krankheit, ein Hindernis, eine Versuchung. Skrupulosität ist ein Problem, das auch einige Heilige erlebt und zu dem sie Ratschläge erteilt haben; Ignatius von Loyola (1491-1556) und Alfons von Liguori (1696-1787) sind die bekanntesten Beispiele. Ignatius erlebte eine Phase schlimmer Skrupel, die schließlich sogar zu Selbstmordgedanken führten, die er aber dann besiegte. Während dieser Zeit erschien es ihm sogar als eine Sünde, auf zwei Strohhalme zu treten, die zufällig in der Form eines Kreuzes auf der Erde lagen. Später schrieb er in seinen Anleitungen zur Unterscheidung der Geister:

Nachdem ich auf jenes Kreuz getreten bin und unterdessen irgend etwas anderes gedacht oder gesagt oder getan habe, kommt mir von außen her der Gedanke, ich hätte gesündigt. Anderseits scheint es mir, ich hätte nicht gesündigt, und doch fühle ich mich dabei verwirrt, sofern ich nämlich zweifle und zugleich auch nicht zweifle. Dies nun ist ein eigentlicher Skrupel und eine Versuchung, die der Feind setzt. […]

 Der Feind achtet sehr darauf, ob eine Seele grob oder fein ist. Und ist sie fein, so besorgt er, sie je mehr ins Äußerste zu verfeinern, um sie je mehr zu verwirren und zugrunde zu richten. Wenn er zum Beispiel sieht, dass eine Seele keine tödlichen oder lässlichen Sünden in sich einlässt, noch irgend einen Schein überlegter Sünde, dann besorgt der Feind, wenn er nicht zuwege bringt, sie in etwas fallen zu lassen, was Sünde scheint, sie [wenigstens] eine Sünde sich einbilden zu lassen, dort, wo keine ist; wie etwa bei einen Wort oder einem geringsten Gedanken. Ist die Seele grob, so besorgt der Feind, sie je mehr zu vergröbern […].

 Die Seele, die im geistlichen Leben voranzukommen wünscht, muss immerdar in der dem Feind entgegen gesetzten Weise verfahren. Das heißt: versucht der Feind die Seele zu vergröbern, so besorge die Seele, sich zu verfeinern. Sucht der Feind sie entsprechend bis ins Äußerste zu verfeinern, so besorge sie, sich in der Mitte zu festigen, um in allem ruhig zu werden. […]

 Wenn eine solche Seele den guten Willen hat, etwas zu reden oder zu tun, was im Bereich der Kirche, im Bereich der Meinung unserer Obern liegt und zur Ehre Gottes Unseres Herrn gereicht, und es kommt ein Gedanke oder eine Versuchung von außen, jene Sache nicht zu sagen oder zu tun, Scheingründe vorstellend wie eiteln Ruhm oder irgend etwas anderes usf., dann soll sie ihren Verstand zu Gott ihrem Schöpfer und Herrn erheben, und wenn sie sieht, dass es Sein schuldiger Dienst ist oder wenigstens nicht dagegen verstößt, dann soll sie geradenwegs jener Versuchung entgegenhandeln, und ihr wie Bernhard antworten: ‚Weder fing ich deinetwegen an, noch höre ich deinetwegen auf.’“

Der Kirchenlehrer, Ordensgründer und Bischof Alfons von Liguori hatte sogar sein ganzes Leben lang mit schlimmen Skrupeln zu kämpfen. Aber auch er bemühte sich, sie zu besiegen. Er wandte sich in seinen Schriften gegen den moralischen Rigorismus der Jansenisten und predigte Gottesliebe und hoffnungsvolles Gebet. Niemand in der ganzen Kirchengeschichte – ich wiederhole, niemand – hat diesen Zustand jemals für wünschenswert gehalten.

Skrupulosität gibt es nicht nur unter traditionellen Katholiken, sondern unter Menschen aller Weltanschauungen (dazu in den folgenden Beiträgen mehr), und den meisten Lesern ist sie sicher fremd. Es geht mir hier nur darum, spezielle Schwierigkeiten aus dem Weg zu räumen, die gerade lehramtstreue, zu Skrupeln neigende Katholiken in dieser Frage vielleicht haben.

 

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