Vollkommene Liebe vertreibt die Furcht, Teil 3: Zwei Arten von Skrupulosität

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Man kann zwei Arten von Skrupulosität unterscheiden. Die leichtere Form ist ganz einfach Übereifer, der auf fehlerhaften Ansichten beruht. Sie kann besonders bei Gläubigen entstehen, die vor kurzem erst begonnen haben, ihren Glauben ernst zu nehmen. Diese Art von Skrupeln entsteht, wenn jemand zum Beispiel gehört hat, dass es auch Gedankensünden gibt, das Unterhalten von hasserfüllten oder unkeuschen Fantasien zum Beispiel. Nun unterscheidet er nicht zwischen Sünde und Versuchung und hält jeden unpassenden Gedanken, der ihm in den Kopf kommt, für Sünde. Natürlich kann niemand verhindern, dass ihm einmal der Gedanke ins Gehirn kommt „Ich wünschte, der würde tot umfallen!“ (oder so ähnlich); und ohne Einwilligung gibt es keine Schuld, ohne Schuld keine Sünde. Die Sünde bestünde darin, solchen Gedanken zuzustimmen, sich mit Freuden vorzustellen, was dem Betreffenden passieren könnte. Oder nehmen wir an, jemand spürt in der ersten Phase seiner Bekehrung häufig die Anwesenheit Gottes im Gebet; dann auf einmal nichts mehr, wochenlang. Er kann sich auf seine Gebete nicht konzentrieren, und Gott scheint nicht zu antworten. Was macht er bloß falsch? Betet er nicht ernsthaft genug? Er weiß nicht, dass solche Phasen eine Erfahrung sind, die viele Heilige erlebt und beschrieben haben, eine notwendige Prüfungszeit, in der es darauf ankommt, trotzdem im Gebet zu verharren, und dass Gefühle nicht immer das Entscheidende sind. Wenn man solchen Katholiken die Situation auseinandersetzt, lassen sich ihre Probleme relativ einfach lösen. Es handelt sich um ein falsches Verständnis, das sich mit neuen Informationen korrigieren lässt.

Schwieriger sieht es aus bei der zweiten Form aus, der Skrupulosität im eigentlichen Sinne, die man auch als religiöse Zwangsstörung bezeichnen kann. Wieso Zwangsstörung? Nun, der Betroffene erlebt Zwangsgedanken, und er führt Zwangshandlungen aus, um sich davon zu befreien. Die Zwangsgedanken gaukeln einem eine (schwere) Sünde vor. Sie können aus sich aufdrängenden blasphemischen Gedanken bestehen, aus der Vorstellung, anderen etwas antun zu können, zum Beispiel sein Kind aus dem Fenster zu werfen oder seine Arbeitskollegin sexuell zu belästigen. Sofort hält man diese Gedanken, die man nicht haben wollte, und gegen die man nichts tun kann, für Sünde. Zwangsgedanken können auch plötzliche Sorgen sein, schlecht gebeichtet oder die Kommunion unwürdig empfangen zu haben, oder sonst irgendetwas falsch gemacht zu haben. Man wird unruhig, die Gedanken verstärken sich nur; sofort fühlt man den Drang, seine angeblichen oder tatsächlichen Sünden zu beichten oder bestimmte Gebete zu verrichten (Zwangshandlung), um sich wieder davon zu reinigen. Die Zwangshandlungen bringen zwar eine Beruhigung – aber nur eine vorübergehende. Mit der Zeit reißt der Zwang die Kontrolle über das eigene Leben an sich, und die Sorgen werden immer nur mehr und mehr und mehr und mehr.

Unter einer Zwangsstörung stellt man sich spontan so etwas wie einen Waschzwang vor. Und die Symptome sind hier tatsächlich genau dieselben: belastende Zwangsgedanken (was, wenn an der Türklinke Viren waren?) und kompensierende Zwangshandlungen (Desinfizieren, Händewaschen), die aber nur kurzfristig helfen und den Alltag letztendlich zur Belastung werden lassen. Skrupulosität schließt andere Zwangsstörungen übrigens nicht aus: Zwanghaftes Desinfizierung und zwanghaftes Beichten können Hand in Hand gehen.

Skrupel sind keine „katholische Krankheit“. Angehörige anderer Religionen erleben sie ebenso wie Nichtgläubige. Jeder kann eine Zwangsstörung in Bezug auf seine moralischen Grundsätze entwickeln – der Katholik examiniert seine Hände eine halbe Stunde lang nach Bröseln der Hostie, der evangelikale Protestant fragt sich, ob seine Bekehrung tatsächlich echt war, der Muslim beunruhigt sich wegen der rituellen Waschungen vor dem Gebet, der überbesorgte Nichtgläubige fährt zwei Stunden lang seinen Weg zur Arbeit hin und her, um sicherzugehen, dass er niemanden überfahren hat.

Es sollte klar sein, dass die Existenz krankhafter Skrupel nicht gegen die normale katholische Moral spricht. Jeder normale Mensch befürwortet Hygiene, wozu regelmäßiges Händewaschen und in bestimmten Situationen das Benutzen von Desinfektionsmitteln gehört, aber es ist diesen normalen Menschen auch bewusst, dass zwanghafte und übertriebene Hygiene nicht zur Verhinderung von Krankheiten beiträgt. Im Gegenteil, wenn die Haut vom vielen Händewaschen rau ist, dringen Krankheitserreger leichter ein. Skrupulanten sind nicht automatisch die authentischeren Katholiken, ebenso wenig wie Menschen mit einem Waschzwang automatisch gesünder sind.

Es ist auch wissenswert, dass nicht alle Skrupulanten dieselben Skrupel haben. Ich persönlich kann die ganze Messe über nachgrübeln, ob ich im Stand der Gnade bin und zur Kommunion gehen darf – zwar sagt die Kirche, wenn man sich unsicher ist, soll  man zur Kommunion gehen, aber vielleicht rede ich mir ja nur ein, ich sei mir unsicher, um es mir leichter zu machen, und so weiter und so fort – und es gleichzeitig völlig abwegig finden, zu meinen, eine verschluckte Schneeflocke bräche das Fastengebot.

Auch für diese Art von Skrupulanten ist es wichtig, die Lehre der Kirche genau zu kennen, ebenso wie Hygienefanatiker die Wahrheit über die Gefährlichkeit von Bakterien kennen müssen. Man muss z. B. wissen, dass keine Pflicht besteht, zweifelhaft schwere Sünden zu beichten – eine der wichtigsten Regeln für Skrupulanten überhaupt: nur sicher begangene, sicher schwere Sünden, die man sicher noch nie gebeichtet hat, müssen gebeichtet werden. Manchmal hilft es auch, Handlungen, vor deren Folgen man sich fürchtet, einfach mal genau zu durchdenken: Wenn man etwa eine Erkältung hat und sich endlos darüber Gedanken macht, ob man anderen Menschen die Hand zum Friedensgruß reichen sollte oder nicht – wenn man es tut, könnte man sie anstecken, aber wenn nicht, wären sie vielleicht verletzt! – sollte man sich einfach mal fragen, was denn schlimmstenfalls passieren könnte. Diese anderen Menschen könnten sich ebenfalls eine Erkältung einfangen. Vielleicht müssten sie zwei Tage von der Arbeit zu Hause bleiben. Klingt das nach Weltuntergang?

Aber mit Informationen und Nachdenken ist es noch nicht getan. Diese Art von Skrupeln basiert nämlich nicht auf Vernunft, sondern auf Gefühlen. Man ist sich eigentlich sicher, dass dieses oder jenes keine Sünde war… das heißt, man denkt es wenigstens… und dennoch… was wenn… man möchte nichts riskieren. Schließlich fürchtet man nichts Geringeres als die ewige Verdammnis.

Richtige Skrupulosität beruht auf Ängsten und Zweifeln, nie auf  der Gewissheit, etwas falsch gemacht zu haben. Gewissheit ist das, was ein Betroffener sucht. Er ist getrieben von der Sehnsucht nach Sicherheit – der Sicherheit, ein hundertprozentig reines Gewissen haben zu können, niemandem geschadet und Gott nicht verärgert zu haben, nicht in der Hölle zu landen.

 

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