Vollkommene Liebe vertreibt die Furcht, Teil 4: Was Skrupulosität nicht ist

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Aber ist es nicht besser, denken sich manche Skrupulanten (oder auch manche Nicht-Skrupulanten) vielleicht, strenger mit sich zu sein, genauer auf Gottes Gebote zu achten? Ist die Krankheit unserer Zeit nicht vielmehr die Gleichgültigkeit gegenüber der Sünde, sodass wir lieber mehr Skrupel als weniger bräuchten? Ist die Alternative zu dem, was ich als Skrupulantentum beschreibe, ein „laues“ Christentum, „weder kalt noch heiß“ (Offb 3,15)? Wie die meisten sich schon denken werden, lautet die Antwort nein.

Skrupulosität ist nicht einfach nur eine besonders genaue, besonders sorgfältige Beachtung der christlichen Gebote; tatsächlich steht sie einem christlichen Leben im Weg.

Es ist hilfreich, die auf Aristoteles zurückgehende Lehre von den Komplementärtugenden zu kennen. Jede Tugend kann, wenn sie allein in jeder Situation geübt wird, völlig entarten, und ist dann keine Tugend mehr. Alle Tugenden brauchen die Ergänzung durch andere Tugenden. Neben der Vorsicht braucht es die Tapferkeit, neben der Barmherzigkeit die Gerechtigkeit. Höchste Vorsicht in jeder Situation führt zu Feigheit, reine Tapferkeit zu unvernünftiger Waghalsigkeit. Die Forderungen der Gerechtigkeit im Namen der Barmherzigkeit zu missachten, führt zu Ungerechtigkeit (wenn z. B. Täter der Nazizeit nicht zur Verantwortung gezogen wurden, war das nicht Barmherzigkeit, sondern Ungerechtigkeit gegenüber den Opfern); die Barmherzigkeit dagegen völlig außer acht zu lassen, zu Grausamkeit und Unversöhntheit. Die eine Tugend ist in dieser Situation stärker gefragt, die andere in jener. Manchmal braucht es beide zugleich. Polizisten, die einen Terroristen fassen müssen, müssen zum Beispiel gleichzeitig vorsichtig sein, indem sie alle nötigen Maßnahmen treffen, um die Bevölkerung zu schützen und auch sich selbst nicht unnötig zu gefährden, und tapfer, indem sie, wenn es wirklich notwendig ist, auch ihr Leben riskieren.

Deshalb darf man sich die Tugend nicht als eine Linie vorstellen – links zum Beispiel die Gerechtigkeit, rechts die Barmherzigkeit, die Goldene Mitte irgendwo dazwischen –, sondern man muss an ein Dreieck denken: An der Grundlinie sind links unten an der Ecke die reine Gerechtigkeit, die zur unbeugsamen Grausamkeit entartet ist, rechts unten an der Ecke die reine Barmherzigkeit, die Anarchie und Ungerechtigkeit geworden ist, und in der Mitte der Linie vielleicht ein laues Mischmasch daraus. Oben an der Spitze dagegen findet man die Vereinigung beider Tugenden auf höchstem Niveau. Nichts darf im christlichen Leben absolut gesetzt werden außer der Liebe zu Gott und dem Nächsten, die der Maßstab für alles ist. Damit die Liebe in jeder Situation verwirklicht werden kann, braucht es in allen anderen Dingen Maß und Ausgewogenheit und Ergänzung.

Und maßlose Skrupulosität geht auf Kosten ganz bestimmter sehr wichtiger Dinge: Glaube, Hoffnung und letztendlich der Liebe. Der Skrupulant reibt sich wegen der geringsten Dinge auf und übersieht das ganze Bild, manchmal „siebt er Mücken aus und schluckt Kamele“ (Mt 23,24) – nicht in pharisäerhafter Selbstgerechtigkeit, sondern in krampfhafter Ängstlichkeit. Es gelingt ihm nicht mehr, Gott zu lieben – wie denn auch? Die meiste Zeit fürchtet er Gottes Strafe. Seine Liebe, Seine Gnade: das sind Dinge, an die er theoretisch glaubt, die aber mit seinem Leben in keinem Zusammenhang stehen.

Das ist kein schönes Gottesbild, nicht wahr? Tatsächlich ist es das Bild eines Tyrannen, den man besänftigen muss, nicht das eines liebenden Vaters. Der skrupulöse Katholik würde es so nicht ausdrücken. Aber sein Verhalten spricht eine andere Sprache: Er ist peinlich darauf bedacht, nicht unehrerbietig zu erscheinen; es kommt ihm zu anbiedernd, zu wenig ehrfurchtsvoll vor, seinen Herrn mit Ausdrücken wie „Liebster Jesus“ anzusprechen; er macht Gott eilfertige Versprechungen für die Ableistung von Gebeten oder Ähnlichem, um für seine vermeintlichen oder tatsächlichen Vergehen zu sühnen; er muss Ihn sofort um Verzeihung bitten, wenn ihm auch nur der Gedanke in den Kopf kommt, dieser oder jener Heilige sei ihm nicht sympathisch. Und zuletzt macht er sich schließlich Vorwürfe für sein mangelndes Vertrauen und seine Ängstlichkeit. Er fühlt beständig den Druck, seine Existenz vor Gott rechtfertigen zu müssen.

Das Problem ist, dass er im tiefsten Inneren nicht an Gottes Liebe zu ihm glaubt. Er hält sich selbst nicht für liebenswert, und er glaubt nicht, dass Gott das anders sehen könnte; das heißt, er glaubt in der Praxis nicht, was er in der Theorie glaubt.

Diese Art der Religiosität ist zutiefst ungesund; und sie lässt sich auf Dauer nicht durchhalten, jedenfalls dann nicht, wenn sie entsprechend extrem ausgeprägt ist. Irgendwann erfüllt man zwar noch seine Sonntagspflicht, aber man würde die Messe am liebsten meiden, wenn man die Wahl hätte. Man betritt eine Kirche nur noch dann, wenn man fühlt, dass man es muss. Man betet nur noch dann, wenn man fühlt, dass man es muss. Man ist nicht mehr gern bei Gott, wie am Anfang seines Glaubensweges. Es gibt Menschen, die sich deshalb am Ende nicht von ihrem Zerrbild des Glaubens, sondern vom Glauben selbst abgewandt haben. Man will nur noch raus, man kann es nicht mehr ertragen.

Wenn noch einer zweifelt, ob dieser Zustand denn so schlimm ist, dann möchte ich ihm den berühmtesten aller Skrupulanten vorstellen: Martin Luther, gewissenhafter und frommer Augustinermönch, Doktor der Theologie zu Wittenberg.

Für Dr. Luther waren nicht irgendwelche kritischen Thesen zum Ablasswesen, sondern die Doktrinen „sola fide!“ (allein durch den Glauben!) und „sola gratia!“ (allein durch die Gnade!) die zentralen Punkte seiner Lehre. Er entwickelte sie deshalb, weil er den Gedanken nicht mehr ertragen konnte, dass seine guten Werke Gott nicht genügten. Er suchte aus dieser grauenvollen Aussicht einen Ausweg, und den fand er in seiner Irrlehre, der gläubige Christ könne sich seiner Erlösung völlig unabhängig von seinen Werken sicher sein. Er könne gar nichts dazu beitragen – so entledigte er sich des Drucks, genügend beitragen zu müssen, den er auf sich geladen hatte.

Nun macht Skrupulosität einen noch nicht gleich sofort zum Ketzer. Aber wenn sie nicht bekämpft wird, ist die wirkliche Gefahr da, den Glauben aufzugeben. Denn was ist das schon für ein Glaube, den man noch hat? Liebe Skrupulanten, ihr wisst selbst, wie sehr euer Glaube sich von dem Glauben der Menschen unterscheidet, die, sagen wir mal, auf dem Weltjugendtag feiern und beten.

Wir brauchen uns zwar wegen unseres Zustandes nicht auch noch ein schlechtes Gewissen zu machen. Skrupel sind eine Krankheit. Sie sind keine Sünde. Aber Gott will nicht, dass wir krank bleiben. Er will, dass wir gesund und glücklich werden, und er will uns dabei helfen.

 

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