Vollkommene Liebe vertreibt die Furcht, Teil 5: Was man gegen Skrupulosität tun soll – Ratschläge der Theologen und Kirchenlehrer

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Da wir nun geklärt haben, was Skrupulosität ist, was sie nicht ist und wieso sie nicht gut ist: Was soll man gegen sie tun?

Nun, zuallererst muss man sich wirklich vornehmen, etwas gegen sie zu tun. Realisiert zu haben, dass etwas nicht stimmt, ist schon mal die halbe Miete. Skrupulosität ist grundsätzlich heilbar, aber nicht immer heilt sie ganz, dessen muss man sich auch bewusst sein. Es kann Phasen der Besserung und Phasen des Rückfalls geben, meistens wird es das geben. Das muss man einkalkulieren. Deshalb: Nicht verzagen! Der heilige Ignatius besiegte die Skrupulosität; der heilige Alfons hatte sein Leben lang mit ihr zu kämpfen; aber beide wurden zu Heiligen. Letztendlich haben sie beide gesiegt.

Wie lässt sich Skrupulosität nun konkret besiegen? Der erste Ratschlag, den alle mir bekannten Heiligen und mit diesem Thema beschäftigten Theologen, von Ignatius von Loyola und Alfons von Liguori bis Adolphe Tanquerey und Thomas Santa, geben, ist: Gehorsam gegenüber einem Beichtvater.

Das Gewissen eines Skrupulanten, sagen alle diese erfahrenen Männer, funktioniert nicht mehr, wie es sollte. Es irrt. Daher muss sich ein solcher Mensch auf das Gewissen eines anderen verlassen. Er muss sich einen Beichtvater suchen, dem er vertraut, und dann dessen Entscheidungen bedingungslos akzeptieren. Ja, bedingungslos, ohne Debatten, ohne Anzweifeln. Wenn der Beichtvater sagt, etwas ist keine Sünde, dann ist es keine Sünde. Was, wenn er irrt? Egal. Diese Möglichkeit muss man vorab berücksichtigen. Es ist wahrscheinlich eher nicht anzuraten, sich einem Priester anzuvertrauen, der jeden Sonntag in der Predigt seine Hoffnung verkündet, Papst Franziskus werde nun endlich das Frauenpriestertum einführen und homosexuelle Partnerschaften erlauben. Man sollte schon mit jemandem sprechen, auf dessen Urteil man sich verlassen kann. Aber dann muss man sich darauf verlassen.

Und wenn er sich trotzdem einmal irrt? Dann ist es sein Problem, nicht unseres. Gott wird uns dafür nicht zur Rechenschaft ziehen. Gott will von uns im Moment, dass wir unsere Skrupel überwinden; wenn wir dabei ohne Absicht einem fehlerhaften Urteil vertrauen, wird er es uns nachsehen. (Wussten Sie übrigens, dass es Heilige gab, die während des Großen Abendländischen Schismas eine Zeitlang auf der Seite eines Gegenpapstes standen, den sie für den legitimen hielten?) Gott verlangt von uns nicht Allwissenheit, sondern redliches Bemühen. In diesem Fall redliches Bemühen, sich von den Skrupeln zu lösen, und deshalb ist es absolut keine gute Idee, sich vorsichtshalber eine zweite Meinung bei einem anderen Priester einzuholen. Wenn man das zur Gewohnheit macht, wird man jedes Mal die strikteste Ansicht anwenden, die man zu hören bekommt – auch wenn gerade diese vielleicht irrig ist. Wenn Priester A sagt, X ist erlaubt, und Priester B sagt, X ist nicht erlaubt, wird man X für nicht erlaubt halten. Wenn Priester A sagt, Y ist nicht erlaubt, und Priester B sagt, Y ist erlaubt, wird man auch Y für nicht erlaubt halten. Damit hat die Skrupulosität wieder gewonnen, und man hätte sich die Ratsuche gleich sparen können.

Der bereits erwähnte Tanquerey gibt in seinem Werk Ratschläge für Priester, die mit Skrupulanten zu tun haben. „Der Seelenführer“, schreibt er, „muss daher zunächst das Vertrauen des Skrupulanten gewinnen, dann aber auch seine Autorität über ihn auszuüben verstehen, um ihn zu heilen. […] Skrupulanten fühlen zwar instinktiv das Bedürfnis nach einer Leitung. Einige jedoch wagen sich ihr nicht vollständig auszuliefern. Sie wollen sich zwar Rat holen, aber auch ihre Gründe auseinandersetzen. Mit einem Skrupulanten darf man sich jedoch nicht in Streitereien einlassen. […] Er lasse zuerst das Beichtkind sich ganz aussprechen und zeige nur hie und da durch Bemerkungen, er habe alles gut verstanden. Darauf stelle er einige Fragen, auf die der Skrupulant nur mit ja oder nein zu antworten braucht und leite so selbst eine methodische Gewissenserforschung. Dann füge er hinzu: ‚Ich verstehe ihren Fall. Sie leiden in dieser oder jener Hinsicht.’ – Für das Beichtkind ist es schon eine sehr große Erleichterung, sich gut verstanden zu wissen. […] Mit dem Gutverstehen muss Hingabe verbunden werden. Der Seelenführer zeige sich daher geduldig. Anfangs wenigstens höre er, ohne auch nur mit den Wimpern zu zucken, die langatmigen Auseinandersetzungen des Skrupulanten an. Er zeige sich gütig, nehme Anteil am Ergehen dieser Seele und äußere den Wunsch und die Hoffnung, sie zu heilen. Sanft. Er spreche nicht in strengem und barschem Tone, sondern mit Güte, selbst wenn er etwas befehlen muss. Nichts ist so sehr geeignet, das Vertrauen zu gewinnen, als Festigkeit mit Güte vermischt. Ist das Vertrauen gewonnen, so muss man seine Autorität zur Geltung bringen und Gehorsam verlangen. Man sage dem Skrupulanten: ‚Wollen Sie geheilt werden, so müssen Sie blind gehorchen. Gehorchen Sie, so sind Sie in größter Sicherheit, selbst wenn sich Ihr Seelenführer irren sollte; denn Gott verlangt gegenwärtig nur eines von Ihnen, den Gehorsam. […]’“

Tanquerey gibt auch einen weiteren Ratschlag: „Ist der geeignete Augenblick gekommen, so soll der Seelenführer den Allgemeingrundsatz einprägen, demzufolge der Skrupulant alle Zweifel verachten muss. Nötigenfalls lasse man ihn in irgend einer Form aufschreiben, etwa wie folgt: ‚Was mich betrifft, gilt als Gewissenspflicht nur die Evidenz, d. h. eine jeden Zweifel ausschließende Gewissheit, ruhige und volle Sicherheit, so klar wie zwei und zwei vier ist. Ich kann daher nur dann eine Todsünde oder lässliche Sünde begehen, wenn ich absolut sicher bin, die betreffende Handlung ist mir unter schwerer oder lässlicher Sünde verboten, und obwohl ich es weiß, sie doch vollziehen will. Ich werde deshalb die Wahrscheinlichkeiten, mögen sie auch noch so stark sein, nicht beachten und mich nur durch klare und sichere Evidenz für gebunden erachten. Ist diese nicht vorhanden, so handelt es sich nicht um Sünde.’“

Die Beziehung zu einem Beichtvater sollte, wie Tanquerey schon andeutet, nicht zu einer Abhängigkeit werden, d. h. man sollte nicht bei jeder kleinsten Entscheidung vorsichtshalber beim Pfarrer nachfragen müssen, ob dieses und jenes erlaubt ist. Das würde nicht helfen. Stattdessen soll man lernen, zu wagen, eigene Entscheidungen zu treffen, und sich dabei an diesen Grundsatz halten. Das Ziel ist, das kaputte Gewissen zu richten, sodass es wieder von selbst funktioniert. Wie in der Schule arbeitet man auf den Tag hin, an dem man den Lehrer nicht mehr brauchen wird.

Man muss sich im Alltag an den Grundsatz halten, Zweifel zu missachten. Das ist das Allerwichtigste. Die Ängste werden nur dadurch verschwinden, dass man sie konfrontiert. Ja, das macht zuerst noch mehr Angst. Ja, es ist scheußlich. Ja, man will es nicht wagen. Ja, es wird nicht immer gelingen. Aber es wird besser, wenn man durchhält.

Wir müssen uns von der Vorstellung lösen, absolute vollkommene Sicherheit haben zu können, wenn wir nur dieses oder jenes tun. Die wird es nicht geben. Aber die größte Sicherheit gibt es, wenn wir uns an diese Dinge halten. Und wir haben die Barmherzigkeit Gottes, auf die wir vertrauen können.

Es ist übrigens wichtig, die Skrupel auch dann zu bekämpfen, wenn man meint, so schlimm ist es bei mir ja noch nicht. Skrupulosität ist anfangs nie gleich so schlimm; oft tritt sie phasenweise auf. Auch wenn man sich immer noch zum Vertrauen auf Gott aufraffen kann und immer noch irgendwie Freude an Messe und Anbetung hat, zumindest meistens oder, na ja, relativ oft, sollte man die Angelegenheit ernst nehmen. Wenn ich bei einer Krankheit erst dann Medizin nehme oder zum Arzt gehe, wenn es richtig schlimm geworden ist, wird auch die Heilung länger dauern.

 

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