Einige praktische Regeln für Skrupulanten

Anmerkung: Diese Regeln gelten für Menschen mit einem skrupulösen Gewissen. Was das ist: siehe hier: https://nolitetimereweb.wordpress.com/2016/08/16/vollkommene-liebe-vertreibt-die-furcht-teil-1-was-skrupulositaet-ist/ Menschen mit einem normalen oder laxen Gewissen müssen vielleicht in anderer Weise an sich arbeiten. Aber, liebe Skrupulanten: bitte redet euch nach dieser Anmerkung jetzt nicht ein, dass ihr ein laxes Gewissen habt! Das gilt nicht!

 

Meine Reihe von Artikeln über Skrupulosität war eher allgemein ausgerichtet; deshalb möchte ich jetzt noch ein paar praktische Regeln nicht unerwähnt lassen, die wir Skrupulanten immer (!) beherzigen sollten. Die sind übrigens nicht meine Erfindung, sondern stammen größtenteils von Thomas Santa, dem Gründer von Scrupulous Anonymous [http://scrupulousanonymous.org/], und der hat sie sich natürlich auch nicht aus den Fingern gesaugt, sondern altbewährte Regeln nur zusammengefasst. Die obersten Regeln sind natürlich, wie erwähnt [https://nolitetimereweb.wordpress.com/2016/08/16/vollkommene-liebe-vertreibt-die-furcht-teil-5-was-man-gegen-skrupulositaet-tun-soll-ratschlaege-der-theologen-und-kirchenlehrer/], der Gehorsam gegenüber dem Beichtvater, und das Ignorieren von Zweifeln (d. h. wenn man zweifelt, ob etwas, das man tun oder unterlassen will, erlaubt ist, ist es erlaubt; wenn man zweifelt, ob etwas, das man getan oder unterlassen hat, Sünde war, war es keine Sünde). Weiter sollte man beachten:

 

  1. Wegen lässlichen Sünden muss man nicht zur Beichte gehen, nur wegen schweren. (Das gilt für alle Katholiken und sollte bekannt sein.)
  2. Als schwer gilt eine Sünde für uns Skrupulanten nur dann, wenn wir auf einen Stapel Bibeln schwören könnten, dass es an sich eine schwere Sünde ist, dass wir uns dessen im Voraus bewusst waren, und dass wir aus freiem Willen gehandelt haben. Wenn wir das nicht könnten, müssen wir nicht zur Beichte gehen und können (sollen!) die Kommunion empfangen.
  3. Sünden, die man schon einmal gebeichtet hat, werden nicht erneut gebeichtet, auch wenn man zweifelt, ob man genau und ausführlich genug war. Sie werden nicht erneut gebeichtet.
  4. Nur klare und sicher feststehende Sünden werden gebeichtet. Wenn man zweifelt, ob man eine Tat begangen hat, oder ob eine begangene Tat eine Sünde war, wird sie nicht gebeichtet.
  5. In der Beichte sind nicht sämtliche Details notwendig; man muss nur das nennen, was die Art der Sünde betrifft.
  6. Das Bußgebet nach der Beichte wird nicht wiederholt, auch wenn man glaubt, man war beim ersten Mal nicht andächtig genug. Es wird aus überhaupt keinem Grund wiederholt. (Die Sünde ist im Übrigen schon mit der Absolution weg. Die Buße ist eine fast schon mehr symbolische Wiedergutmachung.) Das Nicht-Wiederholungs-Gebot gilt zudem für alle Gebete, die man verrichtet.
  7. Wenn man nicht mit voller Absicht Essen in den Mund steckt und es kaut und schluckt, oder mit voller Absicht etwas trinkt (was nicht Wasser und Medizin ist, das ist erlaubt), indem man eine Flasche oder ein Glas an die Lippen nimmt und schluckt, kann man das Fasten vor der Kommunion nicht brechen. Das Fastengebot gilt im Übrigen für ältere Menschen und für Kranke NICHT.
  8. Gedanken, Wünsche und Fantasien, die man nicht mit voller Absicht herbeiholt, können keine Sünde sein. Gefühle, die man nicht mit voller Absicht herbeiholt, können keine Sünde sein.
  9. Man hat sich keine Gedanken darüber zu machen, ob man Gedanken, Wünschen, Fantasien oder Gefühlen innerlich zugestimmt hat. Wenn man sich Gedanken machen muss, zweifelt man; und Zweifel zählen bekanntlich nicht. Außerdem würden die belastenden Gedanken durch das ganze Grübeln erst recht wieder hochkommen. Und im Übrigen sind Gedanken und Gefühle ganz normal und kein grauenvoller Kontrollverlust, der uns sicher in die Hölle führen wird. Sie werden auch nicht leicht schwere Sünde.
  10. Generalbeichten werden nicht abgelegt. Wenn es unbedingt sein muss, dann einmal und dann absolut nie wieder. Auch nicht bei einem anderen Beichtvater. Nie wieder.
  11. Das, was immer nötig ist, ist absolutes Vertrauen auf Gottes Barmherzigkeit, Güte und Liebe. Er liebt uns mehr, als wir es uns vorstellen könnten. Er will uns bei sich haben. Wieso sollte er so einfach zulassen, dass wir von ihm getrennt werden?

 

Einige weitere Tipps aus meiner persönlichen Erfahrung wären:

  1. Wenn man glaubt, man muss beichten gehen, genügt es bei der nächsten wöchentlichen Beichtgelegenheit in der Pfarrei. Man muss nicht schnellstmöglichst den nächsten Priester abpassen.
  2. Wenn man gebeichtet hat, ist der Beichtstuhl für die nächsten sieben Tage absolut tabu.
  3. Wenn man keine sicher schwere Sünde begeht, ist er auch noch für die darauf folgenden drei Wochen absolut tabu. Regelmäßige Beichte ist gut, aber ein Abstand von vier Wochen reicht völlig.
  4. Regelmäßig beten (das ist sowieso wichtig), und zwar zu festgesetzten Zeiten. Eine Viertelstunde morgens, eine Viertelstunde abends, zum Beispiel. Ich weise noch einmal auf das Stundenbuch hin, das es auch als App im Playstore gibt, und dessen Texte wirklich wunderbar dafür geeignet sind, uns Gottes Liebe vor Augen zu führen.
  5. Wenn bestimmte Eingebungen, Gedanken, Bücher etc. uns unruhig und verängstigt zurücklassen und uns fast an der Möglichkeit, jemals in den Himmel zu kommen, verzweifeln lassen, dann sollten wir sie meiden. Das ist kein billiger Ausweg. Jeder muss die Medizin nehmen, die zu seiner Krankheit passt, und unsere Krankheit ist nicht moralische Gleichgültigkeit, also werden uns manche aufrüttelnden Texte und Ideen eher in Verwirrung, Mutlosigkeit und Verzweiflung treiben, als dass sie uns anspornen. Wenn uns ein Gedanke kommt, der nur diese Gefühle in uns hervorruft – zum Beispiel „Ich kann Gott nicht wirklich lieben, also nützt doch alles nichts, was ich tue, schließlich halte ich Seine Gebote nur aus Furcht, wenn ich es überhaupt tue“ – dann kann er nicht von Gott kommen. (Das ist übrigens nicht meine Idee; dasselbe sagt z. B. Giovanni Battista Scaramelli SJ (1687-1752), wenn er von der Unterscheidung der Geister spricht.) Gott bringt uns Licht, Klarheit, Frieden und Hoffnung; also beschäftigen wir uns mit den Ideen und Texten, die in uns diese Dinge hervorrufen. [Ach ja: Eine Antwort auf diesen speziellen Gedanken von oben wäre übrigens: Man will Gott lieben und das ist schon der Anfang der Gottesliebe; außerdem ist es kein Wunder, dass man keine oder wenig Liebe zu Gott spürt, wenn man von einem von Furcht überlagerten Gottesbild geplagt wird. Wenn man sich erst einmal klar gemacht hat, was Gott für einen getan hat, wird das schon noch kommen (wobei die Stärke der Gefühlsregungen auch dann nicht unbedingt ein Indikator für die Stärke der Liebe ist; Gefühle kommen und gehen).]
  6. Rom ist auch nicht an einem Tag erbaut worden. Daran muss man immer denken; es braucht kleine Schritte. Gott hat Geduld mit uns und wird uns nach und nach zu einer größeren Liebe führen. Daher nie ungeduldig und mutlos werden.
  7. Wenn einem der Gedanke kommt, man müsse andere vor irgendetwas warnen oder sie auf eine mögliche Sünde hinweisen, dann sollte man die Situation erst einmal durchdenken. Angenommen, man möchte zum Beispiel seinen Bruder davor warnen, dass auf diesem Apfel da Bakterien sein könnten, obwohl man weiß, dass der Bruder diese Phobie vor Bakterien für völlig bescheuert hält und noch nie auf einen gehört hat, wenn man meinte, auf diesen oder jenen Lebensmitteln seien vielleicht Bakterien (und dass er trotzdem noch nie von den entsprechenden Lebensmitteln krank geworden ist). In diesem Fall kann man sich sagen, es wäre sinn- und aussichtslos, die Warnung auszusprechen – selbst wenn da schädliche Bakterien wären, würde der Bruder nicht darauf hören. Oder man bekommt mit, dass eine Bekannte die Pille nimmt oder mit ihrem Freund zusammenziehen will. Nun ist sie vielleicht nicht einmal katholisch (oder jedenfalls nicht überzeugt katholisch), und wenn man nun versucht, sie auf dieses Thema anzusprechen und ihr die katholische Sexualmoral näherzubringen, wird sie das wahrscheinlich einfach als nervige und unangebrachte Einmischung in ihr Privatleben empfinden und dem Katholizismus dadurch nicht einen Schritt näher kommen. Sicher, man tut so etwas nur, weil das falsche Gewissen einen dazu drängt und man glaubt, dass es eine Pflicht der Nächstenliebe sei. Klingt erstmal gut. Aber man sollte durchdenken, wie solche Ermahnungen wahrscheinlich aufgenommen werden und ob sie überhaupt Erfolgsaussichten haben. Es ist für uns Skrupulanten, die wir eher zu viel tun als zu wenig und dabei einen falschen Eindruck hinterlassen können (nämlich den von Besserwisserei und Intoleranz), besser, im Bekanntenkreis hauptsächlich dann Zeugnis für Christus abzulegen, wenn man gefragt wird oder andere ein mit dem Glauben zusammenhängendes Thema aufbringen; vielleicht auch mal zu Nightfever einzuladen oder zu ähnlichen Veranstaltungen, auf denen es um Gott selber geht, nicht um ein bestimmtes katholisches Aufregerthema; und sich im Allgemeinen mehr durch sein Verhalten als durch seine Worte als Christ zu zeigen. Das zeigt langfristig eher Wirkung. (Allerdings ist es illusorisch, zu erwarten, dass man Menschen mit der richtigen Methode immer und überall einfach und schnell zu Christus bekehren könne. Da müssen die erstens selber nämlich auch mitmachen, und zweitens braucht so etwas immer Zeit. Wir haben jedenfalls nicht für alles und jeden Verantwortung.)
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