Einige praktische Regeln für Skrupulanten

Anmerkung: Diese Regeln gelten für Menschen mit einem skrupulösen Gewissen. Was das ist: siehe hier. Menschen mit einem normalen oder laxen Gewissen müssen vielleicht in anderer Weise an sich arbeiten. Man sollte freilich weder als zur Laxheit neigender Katholik sich einreden, man sei Skrupulant, noch als Skrupulant, man neige in Wirklichkeit zur Laxheit; am besten ist es, sich auf die Einschätzung eines vertrauenswürdigen Beichtvaters zu verlassen statt auf seine eigene.

 

Meine Reihe von Artikeln über Skrupulosität war eher allgemein ausgerichtet; deshalb möchte ich jetzt noch ein paar praktische Regeln nicht unerwähnt lassen, die wir Skrupulanten immer (!) beherzigen sollten. Die obersten Regeln sind natürlich, wie erwähnt, der Gehorsam gegenüber dem Beichtvater, und das Ignorieren von Zweifeln (d. h. wenn man zweifelt, ob etwas, das man tun oder unterlassen will, erlaubt ist, ist es erlaubt; wenn man zweifelt, ob etwas, das man getan oder unterlassen hat, Sünde war, war es keine Sünde). Weiter sollte man beachten:

 

  1. Wegen lässlichen Sünden muss man nicht zur Beichte gehen, nur wegen schweren. (Das gilt für alle Katholiken und sollte bekannt sein.)
  2. Als schwer gilt eine Sünde für uns Skrupulanten nur dann, wenn wir vor Gott schwören könnten, dass es an sich eine schwere Sünde ist, dass wir uns dessen im Voraus bewusst waren, und dass wir aus freiem Willen gehandelt haben. Wenn wir das nicht könnten, müssen wir nicht zur Beichte gehen und können (sollen!) die Kommunion empfangen.
  3. Sünden, die man schon einmal gebeichtet hat, werden nicht erneut gebeichtet, wenn man zweifelt, ob man genau und ausführlich genug war. (Zweifel sind, wie gesagt, generell zu ignorieren.)
  4. Nur klare und sicher feststehende Sünden werden gebeichtet. Wenn man zweifelt, ob man eine Tat begangen hat, oder ob eine begangene Tat eine Sünde war, wird sie nicht gebeichtet.
  5. In der Beichte sind nicht sämtliche Details notwendig; man muss nur das nennen, was die Art der Sünde betrifft, was aus einer bestimmten Sünde eine andere macht (z. B. wird aus einer Lüge, die unter Eid gesprochen wurde, ein Meineid; in diesem Fall muss man in der Beichte sagen, dass man einen Meineid begangen hat, es genügt nicht ein „ich habe einmal gelogen“), und ihre Zahl, soweit man sich daran erinnert oder sie abschätzen kann.
  6. Das Bußgebet nach der Beichte wird nicht wiederholt, auch wenn man glaubt, man war beim ersten Mal nicht andächtig genug. (Die Sünde ist im Übrigen schon mit der Absolution weg. Die Buße ist eine Wiedergutmachung.) Das Nicht-Wiederholungs-Gebot gilt zudem für alle Gebete, die man verrichtet.
  7. Wenn man nicht Essen in den Mund steckt und es schluckt, oder etwas trinkt (was nicht Wasser und Medizin ist, das ist erlaubt), indem man eine Flasche oder ein Glas an die Lippen nimmt und schluckt, kann man das Fasten vor der Kommunion nicht brechen. Zum Brechen dieses Gebots gehört, dass etwas von außen aufgenommen wird (wenn man Zahnfleischbluten hat und Blut verschluckt, gilt es nicht, auch nicht, wenn man Speisereste verschluckt, die schon länger zwischen den Zähnen stecken), es muss geschluckt werden (wenn man also kurz probiert, ob etwas gut gewürzt ist und es dann wieder ausspuckt, gilt es nicht), und es muss ein Akt des Essens/Trinkens vorliegen (wenn einem eine Fliege in den Mund fliegt und man sie reflexhaft schluckt, gilt es nicht). Das Fastengebot gilt im Übrigen für ältere Menschen und für Kranke nicht. (Essen aus Versehen (z. B. weil man sich in der Zeit geirrt hat oder zerstreut war) gilt allerdings; dann sollte man von der Kommunion fernbleiben. (Man hat aber durch das Essen an sich keine Sünde begangen, auch weil keine Pflicht besteht, in jeder Messe zur Kommunion zu gehen; wenn man nicht vorhat, zur Kommunion zu gehen, darf man immer etwas essen.)
  8. Gedanken, Wünsche, Gefühle, Fantasien, die man nicht mit Absicht herbeiholt bzw. mit Absicht im Kopf behält bzw. ihnen willentlich zustimmt, können keine Sünde sein. Solche Dinge tauchen oft ohne eine eigene Willensentscheidung im Kopf auf und lassen sich manchmal schwer vertreiben. Im Zweifelsfall soll man davon ausgehen, dass man diesen Gedanken etc. nicht zugestimmt hat. Außerdem würden die belastenden Gedanken dadurch, dass man ewig darüber nachgrübelt, ob man ihnen zugestimmt hat, erst recht wieder hochkommen.
  9. Generalbeichten werden nicht abgelegt. Wenn es unbedingt sein muss, dann einmal und dann absolut nie wieder. Auch nicht bei einem anderen Beichtvater.
  10. Das, was immer nötig ist, ist Vertrauen auf Gottes Barmherzigkeit, Güte und Liebe. Er liebt uns mehr, als wir es uns vorstellen könnten. Er will uns bei sich haben. Wieso sollte er so einfach zulassen, dass wir von ihm getrennt werden?

 

Einige weitere Tipps aus meiner persönlichen Erfahrung wären:

  1. Wenn man denkt, dass man beichten gehen muss, genügt es auf jeden Fall bei der nächsten wöchentlichen Beichtgelegenheit in der Pfarrei. Man muss nicht schnellstmöglichst den nächsten Priester abpassen. Genau genommen ist es sogar nur einmal im Jahr verpflichtend, seine schweren Sünden zu beichten; es besteht keine kirchenrechtliche Pflicht, sofort nach einer schweren Sünde zur Beichte zu gehen. Man begeht keine weitere Sünde, wenn man z. B. abwartet, bis man zu dem Beichtvater gehen kann, bei dem man immer ist, oder es einfach einige Zeit nicht zur Beichte schafft.
  2. Wenn man gebeichtet hat, sollte man zumindest eine Woche lang den Beichtstuhl komplett vermeiden.
  3. Generell wäre die Beichte evtl. alle vier Wochen anzuraten. Regelmäßige Beichte ist gut, aber ein Abstand von vier Wochen reicht.
  4. Regelmäßig beten (das ist sowieso wichtig), und zwar zu festgesetzten Zeiten. Eine Viertelstunde morgens, eine Viertelstunde abends, zum Beispiel. Ich weise noch einmal auf das Stundenbuch hin, das es auch als App im Playstore gibt, und dessen Texte wirklich wunderbar dafür geeignet sind, einem Gottes Liebe vor Augen zu führen.
  5. Wenn bestimmte Eingebungen, Gedanken, Bücher etc. einen unruhig und verängstigt zurücklassen und einen fast an der Möglichkeit, jemals in den Himmel zu kommen, verzweifeln lassen, dann sollte man sie meiden. Das ist kein billiger Ausweg. Jeder muss die Medizin nehmen, die zu seiner Krankheit passt, und unsere Krankheit ist nicht moralische Gleichgültigkeit, also werden uns manche aufrüttelnden Texte und Ideen eher in Verwirrung, Mutlosigkeit und Verzweiflung treiben, als dass sie uns anspornen. Wenn einem ein Gedanke kommt, der nur diese Gefühle in uns hervorruft – zum Beispiel „Ich kann Gott nicht wirklich lieben, also nützt doch alles nichts, was ich tue, schließlich halte ich Seine Gebote nur aus Furcht, wenn ich es überhaupt tue“ – dann kann er nicht von Gott kommen. (Das ist übrigens nicht meine Idee; dasselbe sagt z. B. Giovanni Battista Scaramelli SJ (1687-1752), wenn er von der Unterscheidung der Geister spricht.) Gott bringt einem Licht, Klarheit, Frieden und Hoffnung; also beschäftigen wir uns mit den Ideen und Texten, die in uns diese Dinge hervorrufen. [Ach ja: Eine Antwort auf diesen speziellen Gedanken von oben wäre übrigens: Man will Gott lieben und das ist schon der Anfang der Gottesliebe; außerdem ist es kein Wunder, dass man keine oder wenig Liebe zu Gott spürt, wenn man von einem von Furcht überlagerten Gottesbild geplagt wird. Wenn man sich erst einmal klar gemacht hat, was Gott für einen getan hat, wird das schon noch kommen (wobei die Stärke der Gefühlsregungen auch dann nicht unbedingt ein Indikator für die Stärke der Liebe ist; Gefühle kommen und gehen). Und diese Furcht ist auch keine Sünde. Wenn man sich sagt „wenn ich nicht in die Hölle käme, würde ich natürlich lügen und betrügen“ ist das eine Sünde, aber wenn man weiß, dass Lügen und Betrügen falsch ist und das nicht tun will, der größte motivierende Faktor dabei, es nicht zu tun, aber die Furcht vor der Hölle ist, ist das nicht schlimm. Die Kirche selbst hat festgestellt, dass z. B. in der Beichte die „Furchtreue“ genügt und schon ein von Gott gegebener Anfang ist. Sie ist nicht das Bestmögliche, aber trotzdem an sich gut; Furcht vor gerechter Strafe ist nicht falsch.]
  6. Rom ist auch nicht an einem Tag erbaut worden. Daran muss man immer denken; es braucht kleine Schritte. Gott hat Geduld mit uns. Daher nicht ungeduldig und mutlos werden.
  7. Wenn einem der Gedanke kommt, man müsse andere vor irgendetwas warnen oder sie auf eine mögliche Sünde hinweisen, dann sollte man es meistens lassen, oder jedenfalls die Situation erst einmal ganz in Ruhe durchdenken. Angenommen, man möchte zum Beispiel seinen Bruder davor warnen, dass auf diesem Apfel da Bakterien sein könnten, obwohl man weiß, dass der Bruder diese Phobie vor Bakterien für völlig bescheuert hält und noch nie auf einen gehört hat, wenn man meinte, auf diesen oder jenen Lebensmitteln seien vielleicht Bakterien (und dass er trotzdem noch nie von den entsprechenden Lebensmitteln krank geworden ist). In diesem Fall kann man sich sagen, es wäre sinn- und aussichtslos, die Warnung auszusprechen – selbst wenn da schädliche Bakterien wären, würde der Bruder nicht darauf hören. Oder man bekommt mit, dass eine Bekannte die Pille nimmt oder mit ihrem Freund zusammenziehen will. Nun ist sie vielleicht nicht einmal katholisch (oder jedenfalls nicht überzeugt katholisch), und wenn man nun versucht, sie auf dieses Thema anzusprechen und ihr die katholische Sexualmoral näherzubringen, wird sie das wahrscheinlich einfach als nervige und unangebrachte Einmischung in ihr Privatleben empfinden und dem Katholizismus dadurch nicht einen Schritt näher kommen. Sicher, man tut so etwas nur, weil das falsche Gewissen einen dazu drängt und man glaubt, dass es eine Pflicht der Nächstenliebe sei. Klingt erstmal gut. Aber man sollte durchdenken, wie solche Ermahnungen wahrscheinlich aufgenommen werden und ob sie überhaupt Erfolgsaussichten haben. Es ist für uns Skrupulanten, die wir eher zu viel tun als zu wenig und dabei einen falschen Eindruck hinterlassen können (nämlich den von Besserwisserei und Intoleranz), besser, im Bekanntenkreis hauptsächlich dann Zeugnis für Christus abzulegen, wenn man gefragt wird oder andere ein mit dem Glauben zusammenhängendes Thema aufbringen; vielleicht auch mal zu Nightfever einzuladen oder zu ähnlichen Veranstaltungen, auf denen es um Gott selber geht, nicht um ein bestimmtes katholisches Aufregerthema.  (Freilich ist es illusorisch, zu erwarten, dass man Menschen mit der richtigen Methode immer und überall einfach und schnell zu Christus bekehren könne. Da müssen die erstens selber nämlich auch mitmachen, und zweitens braucht so etwas immer Zeit, und wird manchmal gar nichts. Wir haben jedenfalls nicht für alles und jeden Verantwortung. Genaueres zur brüderlichen Zurechtweisung in diesem Artikel.)

4 Gedanken zu “Einige praktische Regeln für Skrupulanten

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