Wenn man nichts richtig machen kann

Ich habe in meinen Beiträgen zur Skrupulosität [beginnend hier: https://nolitetimereweb.wordpress.com/2016/08/16/vollkommene-liebe-vertreibt-die-furcht-teil-1-was-skrupulositaet-ist/ ] ja gesagt, dass Skrupulanten nicht die besseren Christen sind. Auch anderswo kann man manchmal Ähnliches lesen: Dass Skrupulanten von einer gewissen Selbstsucht geleitet ihres eigenen Heils unbedingt sicher sein wollen, dass in ihrem Perfektionismus ein gewisser versteckter Stolz da ist, dass sie manchmal kleinlich auf die Erfüllung der unwichtigsten Gebote achten und die wichtigeren übersehen, dass ihnen das Vertrauen auf Gott fehlt, dass sie stur sein können und die Hilfe und die Anweisungen eines Beichtvaters oft nicht annehmen wollen usw.

Das alles ist nicht falsch (sonst hätte ich ja selber nicht auch so was in der Art erwähnt, nicht wahr). Aber ich weiß auch aus Erfahrung, dass es nicht immer hilfreich und ermutigend ist, solche Ermahnungen zu hören oder zu lesen. Manchmal reagiert man dann einfach nur noch trotzig und wütend. Man macht es sich eh nicht leicht – man tut, was man kann – man versucht, immer alles perfekt zu machen – und dann bekommt man gesagt, dass es immer noch nicht reicht. Egal was man tut, man kann scheinbar nichts recht machen. Man ist wütend auf Gott und wütend auf die Kirche und will sich irgendwo verkriechen und in Selbstmitleid versinken.

Leute, so müssen wir nicht reagieren.

Zum einen ist das nicht das ganze Bild. Ja, wir haben keine absolut reine und vorbildliche und vollkommen uneigennützige Liebe zu Gott und dem Nächsten, aber es ist – ich schreibe nur, was ich ebenfalls bei Theologen und Psychologen gelesen habe – bei Skrupulanten oft viel ehrlicher guter Wille da, auch der Wunsch, wirklich zu lieben. Es ist viel ehrliches Verantwortungsgefühl da, auch wenn es fehlgeleitet und überzogen ist. Wir sind sicherlich nicht die schlechtesten Christen auf dieser Welt, und selbstgerechte Pharisäer sind wir eigentlich auch nicht.

Zum anderen müssen wir einfach lernen, es nicht als existenzielle Bedrohung anzusehen, eigene Fehler anzuerkennen und anzunehmen. Wir können es Gott gar nie recht machen. Das ist eine Tatsache. Hängt mit solchen Sachen wie Erbsünde zusammen – wir wollen doch nicht der Häresie des Pelagius nachfolgen, oder? Wir müssen von der Vorstellung wegkommen, dass wir uns selbst vor Gott gerecht machen könnten. Wir müssen darauf vertrauen, dass Gott weiß, dass wir nie perfekt sein werden, und dass er uns trotzdem seine Gnade schenken will.

Das ist nicht so leicht; aber man muss wirklich erst einmal erkennen, dass das eigene unterbewusste Denken verkehrt ist. Raphael Bonelli, ein katholischer Psychiater aus Wien, schildert Perfektionisten folgendermaßen:

 

Der Perfektionist ist ein Kind einer leistungsfixierten Zeit: In ihm baut sich ein innerer Druck aus Unzufriedenheit, Selbstverachtung und Verbitterung auf. Unter diesem leidet er und diesen gibt er auch an seine Umgebung weiter. Das Bessere ist für ihn der Feind des Guten: Nichts ist so gut, als dass es nicht noch besser sein könnte.

 […]

 Ein Wesensmerkmal des Perfektionismus ist das krankhaft überzogene Leistungsdenken, bei dem nur zählt, wer Tadelloses, Bewundernswertes und Außergewöhnliches vorzuweisen hat. Häufig ist Perfektionismus von einer irrationalen Angst vor Ablehnung begleitet, der Angst, nicht gut genug zu sein, den Ansprüchen nicht zu genügen, und von einer ängstlichen Besorgtheit um den eigenen Ruf. Der Perfektionist ist ein unsicherer Mensch. Er sehnt sich unbewusst nach einer bombensicheren Unantastbarkeit. Er hält sich ständig einen inneren Spiegel vor und überlegt, wie er vor sich und anderen dasteht, was er von sich halten darf. Perfektion ist bei ihm nur Mittel zum Zweck: eine Fassade, die er aufrichtet, eine Maske, hinter der er sich versteckt.

 […] Dem Perfektionismus liegt eine unfreie, neurotische Angst vor der eigenen Fehlerhaftigkeit zugrunde, die die Seele erstarren lässt wie die Maus vor der Schlange. (Raphael M. Bonelli: Perfektionismus. Wenn das Soll zum Muss wird, S. 12f.)

 

Wir müssen lernen, uns ein wenig leichter zu nehmen. Auch mal über uns selber lachen zu können. Und das wird nur funktionieren, wenn wir unsere Angst vor Gott verlieren.

Ich persönlich habe manchmal große Angst vor Gott. Gott kann man nicht kontrollieren, und man kann nicht mit Ihm verhandeln, und man kann nicht wissen, was Er über einen denkt. Gott steht man vollkommen ohnmächtig gegenüber. Wenn ich daran denken muss, Ihm irgendwann einmal nach meinem Tod direkt gegenüberzutreten, dann würde ich mich manchmal am liebsten unter der Bettdecke verkriechen und heulen. Manchmal mache ich das auch; inzwischen vielleicht etwas seltener. Aber ich weiß auch, dass mich das nicht weiterbringt. Mein Tod kommt trotzdem irgendwann – der Statistik nach zwar noch nicht so bald, aber irgendwann kommt er. Und deshalb habe ich nur diese eine Möglichkeit: ganz auf Gottes Gnade zu vertrauen. Etwas anderes bleibt mir nicht übrig. Es ist ganz einfach kein anderer Weg vorhanden. Und irgendwann einmal werde ich hoffentlich verstehen, dass das auch gut so ist. (Im Moment hab ich noch so meine Probleme damit, das innerlich zu akzeptieren.)

Manchmal gibt es Momente, in denen man sich klar wird, dass man für Gott wichtig sein muss. Ich denke, wir müssen gar nicht selbstmitleidig sein, wenn wir merken, dass Gott schon mit uns mitfühlt; dann haben wir das nicht mehr nötig. Er sieht doch, wenn es uns schlecht geht, und es ist Ihm nicht egal. Und wenn einem das klar wird, dann tut sich vielleicht so nach und nach der Weg zur Freiheit der Kinder Gottes auf. Dann können wir, wie es Zacharias, der Vater Johannes des Täufers sagt, „ihm furchtlos dienen in Heiligkeit und Gerechtigkeit, vor seinem Angesicht all unsre Tage“ (Lk 1,74-75).

 

Denn ihr habt nicht einen Geist empfangen, der euch zu Sklaven macht, so dass ihr euch immer noch fürchten müsstet, sondern ihr habt den Geist empfangen, der euch zu Söhnen macht, den Geist, in dem wir rufen: Abba, Vater! (Römer 8,15)

 

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