Die allumfassende Kirche, Nachtrag zu Teil 3: Ein kleiner Gastbeitrag zum Thema Religion & Kultur von Kardinal Ratzinger

Alle Teile hier: https://nolitetimereweb.wordpress.com/reihe-die-allumfassende-kirche/

Ich möchte in diesem Nachtrag zu meinem letzten Artikel einige Gedanken unseres emeritierten Papstes Benedikt (damals noch Kardinal Ratzinger) zum Thema Glaube und Kultur zitieren. Er beschäftigt sich hier mit der Frage, wie Glaube und Kultur zusammenhängen, mit dem Begriff der Inkulturation, dem Thema, wie der Glaube eine eigene Kultur bildet und neue Kulturen aufnimmt, usw.:

„In allen bekannten geschichtlichen Kulturen ist Religion wesentliches Element der Kultur, ja, ihre bestimmende Mitte; sie ist es, die das Wertgefüge und damit das innere Ordnungssystem der Kulturen bestimmt. Wenn es aber so steht, erscheint Inkulturation des christlichen Glaubens in andere Kulturen nur um so schwieriger. Denn es ist nicht zu sehen, wie die mit der Religion verflochtene, in ihr webende und lebende Kultur sozusagen in eine andere Religion transplantiert werden könne, ohne dass beide dabei zugrunde gehen. Nimmt man aus einer Kultur die ihr eigene, sie zeugende Religion heraus, so beraubt man sie ihres Herzens; pflanzt man ihr ein neues Herz – das christliche – ein, so scheint es unausweichlich, dass der ihm nicht zugeordnete Organismus das fremde Organ abstößt. Ein positiver Ausgang scheint schwer vorstellbar. Sinnvoll kann sie eigentlich nur sein, wenn der christliche Glaube und die jeweilige andere Religion samt der aus ihr lebenden Kultur nicht in einem Verhältnis der schlechthinnigen Andersheit zueinander stehen, sondern eine innere Offenheit aufeinander hin in ihnen liegt, oder anders gesagt: wenn die Tendenz, aufeinander zuzugehen und sich zu vereinigen ohnedies in ihrem Wesen begründet ist. Inkulturation setzt also die potentielle Universalität jeder Kultur voraus. Sie setzt voraus, dass in allen das gleiche menschliche Wesen am Werk ist und dass in diesem eine gemeinsame Wahrheit des Menschseins lebt, die auf Vereinigung abzielt. […] Denn dasjenige an einer Kultur, was solche Öffnung und solchen Austausch ausschließt, ist zugleich das Unzulängliche an ihr, weil Ausschließung des anderen dem Menschen wesenswidrig ist. Die Höhe einer Kultur zeigt sich in ihrer Offenheit, in ihrer Fähigkeit, zu geben und zu empfangen, in ihrer Kraft, sich zu entwickeln, sich reinigen zu lassen und dadurch wahrheitsgemäßer, menschengemäßer zu werden.

 […]

 Als erstes müssen wir feststellen: Der Glaube selbst ist Kultur. Es gibt ihn nicht nackt, als bloße Religion. Einfach indem er dem Menschen sagt, wer er ist und wie er das Menschsein anfangen soll, schafft Glaube Kultur, ist er Kultur. […] Das bedeutet dann auch, dass er ein eigenes Subjekt ist: eine Lebens- und Kulturgemeinschaft, die wir „Volk Gottes“ nennen. […] Von den klassischen Kultursubjekten, die stammlich, völkisch oder sonst wie durch die Grenzen eines gemeinsamen Lebensbereiches definiert sind, weicht das Subjekt Volk Gottes dadurch ab, dass es in verschiedenen Kultursubjekten besteht, die ihrerseits dabei nicht aufhören, auch für den einzelnen Christen erstes und unmittelbares Subjekt seiner Kultur zu sein. Auch als Christ bleibt man Franzose oder Deutscher, Amerikaner oder Inder usw. In der vorchristlichen Welt, auch in den Hochkulturen Indiens, Chinas, Japans gilt die Identität und Untrennbarkeit des Kultursubjekts. Doppelte Zugehörigkeit ist im allgemeinen unmöglich, wobei freilich der Buddhismus eine Ausnahme bildet, der sich mit anderen Kultursubjekten sozusagen als deren innere Dimension verbinden kann. Aber in aller Konsequenz tritt die Doppelung erst im Christlichen auf, so dass der Mensch nun in zwei Kultursubjekten lebt: in seinem historischen und in dem neuen des Glaubens, die sich in ihm begegnen und durchdringen. Dieses Miteinander wird nie eine ganz fertige Synthese sein; es schließt die Notwendigkeit fortwährender Versöhnungs- und Reinigungsarbeit ein. Immer wieder muss die Überschreitung ins Ganze, ins Universale eingeübt werden, das nicht empirisches Volk, sondern eben Volk Gottes und daher der Raum aller Menschen ist. Immer wieder muss umgekehrt dieses Gemeinsame ins Eigene hereingeholt und am konkreten Ort der Geschichte gelebt oder auch gelitten werden.

 Aus dem Gesagten folgt etwas sehr Wichtiges. Man könnte meinen, dass die Kultur jeweils Sache des einzelnen Geschichtssubjektes (Deutschland, Frankreich, Amerika usw.) sei, während der Glaube erst auf der Suche nach kulturellem Ausdruck wäre. Die einzelnen Kulturen würden ihm sozusagen erst seinen kulturellen Körper zuteilen. […] Solches Denken ist im Grunde manichäisch: Es erniedrigt die Kultur zu bloßem, austauschbarem Körper; es verflüchtigt den Glauben in bloßen und letztlich wirklichkeitslosen Geist. Freilich ist eine solche Auffassung typisch für die nachaufklärerische Geisteshaltung. Kultur wird ins bloß Formale, Religion ins Ausdruckslose des bloßen Gefühls oder des reinen Gedankens verwiesen. […] Wenn Kultur mehr ist als bloße Form oder bloße Ästhetik, wenn sie vielmehr Ordnung von Werten in einer geschichtlichen Lebensgestalt ist und von der Frage nach dem Göttlichen gar nicht absehen kann, dann ist nicht daran vorbeizukommen, dass Kirche für den Gläubigen ein eigenes Kultursubjekt ist. […]

 Wenn es so steht, dann kann es in der Begegnung zwischen dem Glauben und seiner Kultur mit einer ihm bisher fremden Religion nicht darum gehen, diese Zweiheit der Kultursubjekte nach der einen oder nach der anderen Seite hin aufzulösen. Sowohl die Preisgabe des eigenen kulturellen Erbes zugunsten eines Christentums ohne konkrete menschliche Färbung wie das Verschwinden der eigenen kulturellen Physiognomie des Glaubens in der neuen Kultur wäre verfehlt. Gerade die Spannung ist fruchtbar, erneuert den Glauben und heilt die Kultur. […]

 Das alles trifft dann zu, wenn Jesus von Nazareth wirklich der menschgewordene Sinn der Geschichte, der Logos, das Sichzeigen der Wahrheit selber ist. Dann ist klar, dass diese Wahrheit der offene Raum ist, in dem alle zueinander finden können und nichts seinen eigenen Wert und seine eigene Würde verliert. An dieser Stelle setzt heute Kritik ein. Für die konkreten Glaubensaussagen einer Religion den Anspruch der Wahrheit zu erheben, erscheint heute nicht nur als Anmaßung, sondern als Zeichen mangelnder Aufklärung. Hans Kelsen hat den Geist unserer Epche ausgedrückt, wenn er den großen sittlichen und religiösen Problemen der Menschheit gegenüber für die Gestaltung der staatlichen Gemeinschaft die Pilatusfrage ‚Was ist Wahrheit?’ als einzig angemessene Haltung darstellt. Die Wahrheit ist durch den Mehrheitsentscheid ersetzt, so sagt er, eben weil es Wahrheit als gemeinsam verbindlich zugängliche Größe für den Menschen nicht geben könne. So wird die Vielheit der Kulturen zum Nachweis der Relativität aller. Kultur wird der Wahrheit entgegengestellt. […]

 Das Relativismusdogma wirkt aber auch noch in eine andere Richtung: Der in der Mission konkret vollzogene christliche Universalismus ist nicht mehr pflichtgemäße Weitergabe eines Gutes, das für alle bestimmt ist, der Wahrheit und der Liebe nämlich; die Mission wird unter dieser Voraussetzung zur blanken Anmaßung einer sich überlegen dünkenden Kultur, die schändlicherweise eine Vielzahl religiöser Kulturen zertreten und so den Völkern ihr Bestes, ihr Eigenes genommen hätte. […]

 Zumindest müsste man bei solchen Forderungen [nach der Wiederherstellung vorchristlicher religiöser Kulturen] sorgsam auf die einzelnen Religionen hinsehen, ob denn ihre Wiederherstellung wünschenswert sei. Wenn wir zum Beispiel daran denken, dass bei der Weihe des letzten Umbaus des Haupttempels der Azteken im Jahre 1487 ‚nach den geringsten Schätzungen in vier Tagen 20.000 Menschen auf den Altären Tenochtitlans’ (der Hauptstadt der Azteken im Hochtal von Mexiko) als Menschenopfer für den Sonnengott verbluteten, so wird es schwerfallen, die Wiederherstellung dieser Religion zu fordern. Solche Opferung geschah, weil die Sonne vom Blut menschlicher Herzen lebte und nur durch Menschenopfer der Untergang der Welt aufgehalten werden konnte. […] Dies ist gewiss ein extremes Beispiel, aber es zeigt immerhin, dass man nicht ohne weiteres in allen Religionen Wege Gottes zu den Menschen und des Menschen zu Gott sehen kann.

 Wir müssen aber die Frage grundsätzlicher anfassen. Kann man die Religionen überhaupt einfach so stehen lassen, sozusagen bei ihnen die Geschichte anhalten? Offenkundig ist, dass man nicht Menschen zu einer Art von religions- und kulturgeschichtlichem Naturschutzpark erklären kann, in den die Neuzeit nicht eindringen dürfte. Solche Versuche sind nicht nur unwürdig und im letzten menschenverachtend, sie sind auch völlig unrealistisch.

 […]

 An dieser Stelle liegen die großen Aufgaben des gegenwärtigen geschichtlichen Augenblicks. Zweifellos muss christliche Mission die Religionen in einer viel tieferen Weise verstehen und aufnehmen als bisher geschehen, aber umgekehrt bedürfen die Religionen, um in ihrem Besten weiterzuleben, der Anerkennung ihres eigenen adventlichen Charakters, der sie nach vorne, auf Christus verweist. […] Die Gemeinsamkeiten des Christentums mit den alten Kulturen der Menschheit sind größer als die Gemeinsamkeiten mit der relativistisch-rationalistischen Welt, die sich aus den tragenden Grunderkenntnissen der Menschheit gelöst hat und so den Menschen in ein Sinnvakuum verweist, das tödlich zu werden droht, wenn ihm nicht rechtzeitig Antwort wird. Denn quer durch die Kulturen geht das Wissen um die Verwiesenheit auf Gott und auf das Ewige; das Wissen um Sünde, Buße und Vergebung; das Wissen um Gottesgemeinschaft und ewiges Leben und schließlich das Wissen um die sittlichen Grundordnungen, wie sie im Dekalog Gestalt gefunden haben. Nicht der Relativismus wird bestätigt, sondern die Einheit des Menschseins und sein gemeinsames Angerührtsein von einer Wahrheit, die größer ist als wir.“

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Die allumfassende Kirche, Teil 3: Die Kulturen und das Gute und das Böse

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Allumfassend – griechisch katholikos –  ist die Kirche nicht nur in Bezug auf Raum und Zeit, sondern auch in noch anderer Hinsicht. Man könnte sie mit dem koboldgearbeiteten und basiliskengiftgetränkten Schwert Godric Gryffindors in „Harry Potter und die Heiligtümer des Todes“ vergleichen: Sie nimmt nur auf, was sie stärkt.

Goethe hat in „Faust I“ seinen Mephistopheles (also den Teufel) etwas polemisch über die Kirche sagen lassen (Mephisto paraphrasiert hier einen Pfarrer) „Die Kirche hat einen guten Magen, / Hat ganze Länder aufgefressen, / Und doch noch nie sich übergessen; / Die Kirch allein, meine lieben Frauen, / Kann ungerechtes Gut verdauen.“, und hat das auf ihre große Bereitschaft zur Annahme von Spenden bezogen, um es höflich zu formulieren. Aber in einer anderen Hinsicht ist dieser Satz ganz passend. Die Kirche kann aus jedem Land, aus jeder Kultur, aus jeder Kunst und jeder Wissenschaft alles aufnehmen, was gut und wahr und schön ist, so wie sie während der Völkerwanderung die Werke der antiken heidnischen Autoren wie Vergil, Cicero oder Homer in ihren Klöstern bewahrte und im Mittelalter die Philosophie des Aristoteles in die scholastische Theologie aufnahm. Sie wird ablehnen, was das Gute und Wahre und Schöne beeinträchtigt; die Kindesaussetzung bei den Römern und die Polygamie in Afrika ebenso wie die Blutrache bei den Germanen oder die Verheiratung von Kindern unter den Japanern oder die zweiten und dritten und vierten Ehen nach einer Scheidung bei den heutigen Europäern.

Viele Christen sahen in den vorchristlichen Mythen eine praeparatio evangelii, eine Vorbereitung für das Evangelium, weil darin schon gewisse Einsichten enthalten waren, und ebenso auch in der vorchristlichen Philosophie. Sokrates, Platon, Aristoteles, die Stoiker, Vergil, Cicero, Homer: Die Werke all dieser sind uns erhalten und bekannt und haben unsere Kultur beeinflusst, weil Kirchenväter wie Augustinus (Anhänger des Neuplatonismus), Scholastiker wie Thomas von Aquin (Aristoteles) oder die christlichen Humanisten und Künstler der Renaissance darin Gutes und Bewahrenswertes fanden, das in einer christlichen Kultur seinen Platz finden kann – vor allem in den Werken Vergils. Natürlich nicht alles. Es gibt z. B. auch bei Platons Sokrates-Dialogen manches, wo man sich denken kann, also ja, hm, das ist jetzt, ähm, eher nicht so toll (ich denke da z. B. an die leicht totalitären Elemente in der Politeia). Im 16. Jahrhundert waren die Jesuiten-Missionare in China ganz begeistert von Konfuzius.

Kurz gesagt: Die Kirche nimmt alle guten Früchte und entfernt nur die verfaulten Stellen.

Denn das Böse ist immer nur eine Verderbnis des Guten; es hat in sich keine eigenständige Existenz, kein eigenes Wesen.

„Man kann allein um der Güte willen gut sein“, schreibt C. S. Lewis in „Mere Christianity“, „aber beim Bösen geht das nicht. Wir können etwas Gutes tun, auch wenn uns nicht danach zumute ist und wir keinen Nutzen davon haben; einfach weil das Gute recht ist. Aber niemand hat je eine Grausamkeit begangen, einfach weil Grausamkeit schlecht ist, sondern vielmehr weil sie Vergnügen bereitet oder Nutzen bringt. Mit anderen Worten: Dem Bösen gelingt es nicht einmal, auf die gleiche Weise böse zu sein, wie das Gute gut ist. Das Gute ist sozusagen ‚es selbst’. Das Böse ist nur das verdorbene Gute. Und es muss zuerst etwas Gutes geben, ehe es verdorben werden kann. […]

 Noch einfacher ausgedrückt: Um schlecht zu sein, muss die Macht des Bösen existieren, muss sie Verstand und Willen besitzen. Existenz, Verstand und Wille aber sind an sich gut. Also muss sie diese von der Macht des Guten empfangen haben. Um überhaupt schlecht sein zu können, muss sie bei ihrem Widersacher borgen oder ihn sogar bestehlen.

 Verstehen wir jetzt, warum das Christentum schon immer behauptet hat, der Teufel sei ein gefallener Engel? Das ist kein Ammenmärchen. Dahinter steht die Erkenntnis, dass das Böse ein Schmarotzer, nicht etwas Ursprüngliches ist.“

Das ist keine Verharmlosung des Bösen, ganz im Gegenteil: Zu behaupten, dass das Böse in sich eine Existenz hätte, hieße, es zu verharmlosen, indem man ihm einen legitimen Platz zugesteht. Das ist das Problem mit manchen Philosophien, die Gut und Böse als sich gegenseitig ergänzende notwendige Seiten des Lebens, als Yin und Yang sehen. Das Christentum ist da ganz anders. Das Böse ist einfach nur eine Perversion, das heißt wörtlich übersetzt eine Verdrehung des Guten, es ist eine Verschmutzung also muss es beseitigt werden, restlos, damit das Gute wieder in seinem Glanz erstrahlen kann.

Philosophie und Offenbarung, Teil 1

Ein Unterschied, der beim Thema „Glaube ich an Gott oder nicht?“ gemacht werden sollte und oft nicht gemacht wird, ist der zwischen philosophischer Gotteserkenntnis und Gotteserkenntnis durch Offenbarung.

Menschen können durch Nachdenken zu dem Schluss kommen, dass es einen Gott gibt (oder dass es wahrscheinlich einen Gott gibt). Allerdings führt das noch nicht unbedingt zu der Erkenntnis, wie genau dieser Gott ist, was er so macht, was er mich angeht, und was er so von meinem Leben hält. Wenn dieser Gott existiert, hat er aber auch die Möglichkeit, sich selbst auf spezielle Weise den Menschen zu zeigen, nicht nur durch das, was er allgemein erkenntlich in seiner Schöpfung von sich gezeigt hat und das die Menschen möglicherweise durch ihre von ihm gegebene Vernunft erkennen können, sondern auch auf andere Weise, wie es ihm gerade einfällt. Er könnte mit rosa Farbe einzelne Lehren und Gebote in den Himmel schreiben, oder Feuer und Schwefel regnen lassen, oder er könnte auch selber die menschliche Natur annehmen, in einer kleinen Höhle bei Bethlehem geboren werden, in einer menschlichen Familie aufwachsen, lehren, Wunder wirken, wegen Gotteslästerung brutal hingerichtet werden und dann wieder auferstehen. Laut dem Christentum wählte er Letzteres. Es gibt keinen Widerspruch zwischen beidem; Gott kann sich nicht widersprechen, also auch nicht Philosophie (wenn sie korrekt ist und nicht auf Denkfehlern beruht) und Offenbarung. Im Gegenteil: Die Offenbarung kann auf der Philosophie aufbauen.

Um es mit den schönen Worten des Thomas von Aquin zu sagen:

 

„Zuerst muß folglich gesagt werden, dass ‚Gott IST’, und dass das andere Derartige, was durch die natürliche Vernunft von Gott bekannt sein kann […]  nicht Glaubensartikel, sondern Vorüberlegungen zu den Artikeln darstellt;  so nämlich setzt der Glaube die natürliche Erkenntnis voraus, wie die Gnade die Natur und wie die Vollendung das Vollendbare voraussetzt.“ (Quelle: http://12koerbe.de/pan/st1qu2.htm )

 

Philosophische Argumente für die Existenz Gottes (d. h. eines absoluten Seins ohne Anfang und Ende, eines ursprunglosen Wesens, das seinerseits für die Entstehung der Welt verantwortlich ist) sind beispielsweise die „fünf Wege“ des Thomas, die er in der Summa theologiae ausführt. Thomas geht z. B. davon aus, dass es in der Welt Bewegung (ein Begriff für Veränderung im Allgemeinen) gibt, aber keine Veränderung ohne Ursache denkbar ist. Diese Ursachenkette kann man immer weiter zurückverfolgen. Irgendwann muss es jedoch eine erste Ursache geben, denn sonst könnte die ganze Kette überhaupt nicht existieren, „wie der Stock nichts bewegt, es sei denn dadurch, dass er von der Hand bewegt wird“. Von nichts kommt nichts: Das entspricht unserer ganzen Erfahrung. Also muss es einen ersten „unbewegten Beweger“ geben – „und das begreifen alle als ‚Gott’“. Ein weiterer Weg geht davon aus, dass es in der Welt Zielgerichtetheit gibt, also dass Dinge zu einem Zweck da zu sein scheinen. Dasselbe hört man von Ökologen recht häufig; in der Natur hat alles seinen Platz und seinen Sinn. Ohne Bienen würde zum Beispiel ziemlich wenig funktionieren. Solche Zielgerichtetheit und Ordnung setzt jedoch jemanden voraus, der das ganze System geordnet hat – wiederum einen Gott.

Noch ein anderer der fünf Wege beruht auf dem Argument der Stufungen: In der Welt gibt es verschiedene Abstufungen von Vollkommenheit, von Gutheit (das ist zwar falsches Deutsch, aber das deutsche Wort Güte passt hier einfach nicht). Wir beurteilen diese Abstufungen; also muss es einen Maßstab geben, nach dem wir urteilen, eine oberste Gutheit, eine Kraft oder ein Wesen, die oder das das Gute verkörpert, der Ursprung des Guten ist, „und das nennen wir Gott“. C. S. Lewis führt in „Mere Christianity“ ein sehr ähnliches Argument genauer aus: Alle Menschen fühlen in sich den Anspruch ihres Gewissens, das ihnen sagt, was sie tun sollen. Das ist oft sehr verschieden von dem, was sie tun wollen, aber die Stimme, die ihnen sagt, was richtig und was falsch ist, verlangt trotzdem Gehorsam. Jeder Mensch erkennt implizit an, dass es Gut und Böse, dass es einen Maßstab des Richtigen gibt – spätestens dann, wenn er selbst ungerecht behandelt wird, wird er Gerechtigkeit verlangen. Wir können gar nicht anders, als in Begriffen von richtig und falsch, von moralisch und unmoralisch, von gut und schlecht zu denken; das ist uns angeboren, und das tun unbewusst selbst die, die eine andere Philosophie vertreten.

Ein weiteres Argument für eine Existenz von irgendetwas Übernatürlichem läge ebenfalls im Wesen des Menschen: Er ist so offensichtlich darauf ausgerichtet, an etwas außer- und oberhalb dieser Welt zu glauben, dass die Atheisten, global betrachtet, auch heute ziemlich deutlich in der Minderheit sind. Der Mensch hat ein Verlangen nach etwas, das über diese Welt hinaus geht, nach dem Übernatürlichen. So ein Verlangen wäre aber sehr seltsam, wenn es die Erfüllung des Verlangens einfach nicht gäbe. Wir haben Hunger – Essen existiert. Wir haben Durst – Flüssigkeiten existieren. Wir frieren – Wärme existiert. Wir haben ein Bedürfnis nach Kommunikation und Austausch – andere Menschen existieren. Wir haben in der Regel kein Bedürfnis, für das es keinen Grund gibt; so sagt es uns die Erfahrung. Das einzige Verlangen, das nicht gestillt werden können soll, soll das nach Gott sein? (Wieder danke an Lewis für diese Einsicht!)

Ich denke, wir können anhand der oben beschriebenen Gedankengänge davon ausgehen, dass es zumindest recht vernünftig ist, anzunehmen, dass ein Gott existiert. (Gegenbeweise wurden übrigens noch nie erbracht.) Sokrates und Platon vertraten einen philosophischen Monotheismus, dasselbe gilt für die meisten Philosophen der sogenannten Aufklärung. (Ich mag den Begriff eigentlich nicht, weil er nicht zutrifft, aber dazu eigens.) Man kann Gottes Existenz für erwiesen, wahrscheinlich oder möglich halten, unabhängig davon, ob man glaubt, dass er sich irgendwann noch speziell offenbart hat. Allerdings sollte man nicht – wie die französischen Aufklärer das taten – generell davon ausgehen, dass er sich grundsätzlich nicht offenbart; denn das wäre ziemlich dämlich, es hieße nämlich, einem Wesen, das man selbst nicht im geringsten erfassen kann, vorschreiben zu wollen, was es zu tun hat und was nicht.*

Nun gibt es ganz verschiedene angebliche Offenbarungen im Lauf der Geschichte; Jesus, Mohammed und Joseph Smith (der Gründer der Mormonen) behaupteten alle, von Gott gesandt zu sein, und da waren sie noch lange nicht die einzigen. Nun kann man daran einfach herangehen wie an jeden Bericht von irgendetwas: Mit der Frage „Stimmt das?“.

Da kann man Verschiedenes betrachten. Erst einmal sollte man sich anschauen, was sie selber denn gesagt haben und welchen Eindruck das macht. Ich hatte zum Beispiel bereits das Buch Mormon in der Hand, und ich muss sagen mein Eindruck war: Billiger Versuch eines Bibelabklatsches (jeder zweite Satz lautete „Und es begab sich“), und Mischmasch aus kruden Geschichten, die historisch so was von unbeweisbar oder bereits widerlegt sind (Jesus ist nach seiner Auferstehung den Indianern erschienen, die zum Teil aus den verlorenen Stämmen Israels bestanden, allerdings haben die sich dann irgendwann untereinander bekämpft und ausgerottet, und so ist der Glaube dort verloren gegangen… also bitte!). Hinzu kommen bei den Mormonen moralische… ähm… Fragwürdigkeiten wie die Einführung der Polygamie (inzwischen zwar längst wieder aufgegeben, aber trotzdem kann man sich fragen, was das sollte). Weiters könnte man prüfen, ob eine Lehre in sich logisch ist oder ob Widersprüche bestehen, oder ob Prophezeiungen gemacht und erfüllt oder nicht erfüllt wurden (wie bei den Zeugen Jehovas; Wiederkunft Christi 1914). Man kann sich generell fragen, wie nachprüfbar das ist, wodurch ein selbsternannter Prophet zu belegen weiß, dass er von Gott ernannt ist. „Ich hatte eine Erscheinung, also glaubt mir, was ich sage!“ ist nicht ausreichend. (Ja, hier meine ich u. a. Mohammed.)

Zum Thema, wie der Katholizismus bei einer solchen Prüfung abschneidet, im zweiten Teil…

 

 

* Natürlich gehen auch die Christen davon aus, dass Gott bestimmte Dinge grundsätzlich nicht tun kann, nämlich Böses tun, weil das Böse ein Mangel ist, und Gott vollkommen ist, und das ein Widerspruch in sich wäre, und Gott sich nicht widersprechen kann. (Zu dem Thema mehr in einem anderen Beitrag.) Aber eine Offenbarung an die Menschen kann nun kaum böse genannt werden.

Neu unter Erzkatholiken

Ich gehöre zu den zahlreichen Menschen, die in einem Elternhaus aufgewachsen sind, in dem es eine gewisse Bindung zur Kirche gab, aber keinen sonntäglichen Messbesuch und keine besonders „streng katholischen“ Ansichten. Vor einigen Jahren wurde ich dann allerdings „streng katholisch“. Wie immer, wenn man in einen neuen Kreis eintritt, erlebt man auch im erzkatholischen Milieu am Anfang einige Überraschungen; ich nehme an, dass ich da nicht die einzige gewesen bin. Zum Beispiel können einen die folgenden Dinge erst einmal erstaunen:

 

  • Katholiken sind einerseits irgendwie normale Menschen, die normale Jobs haben, normale Schulen besuchen und normale Hobbies betreiben. Sie betreten, man höre und staune, Kinos und Cocktailbars, und sehen z. B. Alkoholkonsum relativ locker.
  • Andererseits verwenden sie Wörter wie „Keuschheit“, „Gehorsam“ und „Demut“ als Bezeichnung für lobenswerte Haltungen (auf Katholisch: „Tugenden“) und meinen das im Ernst.
  • Sie zitieren relativ häufig Monty Python. „Das Leben des Brian“ und „The Spanish Inquisition“ sind unter ihnen nicht nur bekannt, sondern auch beliebt. Sie können durchaus Humor besitzen, diese Katholiken.
  • Es gibt unter ihnen ziemlich geniale Denker, beispielsweise Joseph Ratzinger oder G. K. Chesterton oder auch Marc Barnes ( http://www.patheos.com/blogs/badcatholic/ ).
  • Sie glauben, dass der Teufel tatsächlich existiert.*
  • Ihnen wird häufig vorgeworfen, andere zu verurteilen oder als schlechte Menschen darzustellen, weshalb sie, wenn sie in Debatten ihre Meinung sagen, häufig damit beginnen, zu betonen, dass es ihnen nicht darum geht, irgendjemanden zu verurteilen oder als schlechten Menschen darzustellen. Und ja, damit ist es ihnen ernst. Sie sind überwiegend freundliche und respektvolle Zeitgenossen, die es ernst damit meinen, alle ihre Mitmenschen zu achten.
  • Auch unter ihnen gibt’s Idioten.
  • In politischen Dingen sind sie im Allgemeinen relativ, hm, mittig-konservativ eingestellt, aber v. a. in wirtschaftspolitischen Fragen gibt es unter ihnen große Spielräume. Für sie ist die Frage, ob man SPD, CDU, AfD oder auch die PARTEI wählt, oftmals belangloser als die Frage, ob man Katholik oder Protestant ist.
  • Es gibt unter ihnen Meinungsverschiedenheiten und man kritisiert sich auch mal gegenseitig. Sehr häufig kritisiert man auch dieses oder jenes Verhalten von einzelnen kirchlichen Organisationen, Bischöfen und gegebenenfalls dem Papst. Gewisse traditionelle Katholiken können schärfere Kritiker des deutschen Kirchensteuersystems sein als jeder Atheist. (Ich persönlich halte dieses System im Übrigen für prinzipiell sinnvoll.)
  • Sie können endlos über Hand- und Mundkommunion, die Zelebrationsrichtung, den Wortlaut des Hochgebets und ähnliche liturgische Fragen diskutieren.

 

Wenn man längere Zeit katholisch ist, merkt man auch, dass man sich selbst einigen dieser Verhaltensweisen angleicht. Und noch weitere Veränderungen macht man durch. Beispiele:

 

  • Man legt einen strengeren Maßstab an sich an und überprüft regelmäßig, in welchen Dingen man sich nicht daran gehalten hat.
  • Man gewöhnt sich irgendwann daran, alle paar Wochen in einem geschlossenen Holzkasten mit Gitter in der Mitte einem Priester gegenüberzuknien und ihm zu erzählen, wann man sich nicht daran gehalten hat. Zu den dort erzählten Sünden gehören regelmäßig auch Dinge, die man sonst niemals niemandem unter gar keinen Umständen erzählen würde. Man gewöhnt sich dran.
  • Da man, sobald andere Leute gemerkt haben, dass man katholisch ist, regelmäßig „Kreuzzüge-Hexenverfolgung-Inquisition“ zu hören bekommt, beginnt man beinahe zwangsläufig, sich etwas Geschichtswissen anzulesen, um etwas auf Vorwürfe entgegnen zu können. Katholizismus ist gut für die Allgemeinbildung.
  • Man muss seine Ansichten allgemein häufiger rechtfertigen und beginnt somit, sich Informationen über viele Bereiche seines Glaubens zu sammeln und diese zu durchdenken. Katholizismus ist gut für die Übung des Verstandes.
  • Man beginnt, Katholisch zu sprechen. Begriffe wie Kollar (nicht einmal mein Rechtschreibprogramm kennt das Wort für den katholischen Priesterkragen), Eucharistische Anbetung, lichtreiche Geheimnisse, Tabernakel, Häresie, Schisma, Tridentinum (auch von der lateinischen Bezeichnung für das Konzil von Trient weiß das Programm nichts), Novene, Konklave oder Ignatianische Exerzitien verwendet man bald wie von selbst und geht davon aus, dass jeder diese Worte versteht.
  • Zu der neuen Sprache, die man erlernt, gehören auch ein paar Brocken Latein. Irgendwann kann man sogar ganze Sätze sagen. Leider aber nur solche wie „Agnus Dei qui tollis peccata mundi“ (Lamm Gottes, der du die Sünde der Welt hinwegnimmst), die einem nicht viel nützen würden, wenn man, sagen wir mal, Cäsars Gallischen Krieg im Original lesen wollen würde.

 

* Unter dem Teufel und den Dämonen verstehen wir gefallene Engel. Vor den Menschen, die Wesen aus Körper und Geist sind, erschuf Gott auch die Engel, reine Geistwesen. So wie die Menschen haben sie jedoch einen freien Willen und daher gibt es logischerweise gute und böse (gefallene) Engel. Von allen diesen Engeln wissen wir ein bisschen etwas durch Gottes Offenbarung in der Bibel.

Psychologie der Beichte

Der katholische Psychiater Raphael Bonelli über Psychologie und Beichte: Was sind Unterschiede, was Gemeinsamkeiten, wofür ist das eine da, wofür das andere, welche psychologische Wirkung hat die Beichte? Sehr Interessantes über das Gleichnis vom Verlorenen Sohn, Selbstbetrug und Selbsterkenntnis, usw.

Ein paar Zitate:

„Die Psyche ist das, was zwischen dem Körper und der Seele ist. […] Und die Psyche ist abhängig vom Körper, im Sinn, dass sie abhängig ist vom Gehirn. Die Psyche hat Depressionen; das hat nicht die Seele, das ist eine psychische Funktion. Das ist sozusagen die Befindlichkeit. […] in der Seele, oder auch im Herzen, entscheidet sich der Mensch dazu, eine gute oder eine schlechte Tat zu tun. Aber mit der Psyche ist er depressiv, oder manisch, oder schizophren, oder sonst irgendwas. […] Es gibt depressive Heilige. Und es gibt glückliche Verbrecher. Ja, die gibt’s. Es muss nicht jeder, der was Schlechtes macht, gleich auch unglücklich sein. […] Das Seelenheil ist nicht die Befindlichkeit.“

„Und da fällt mir auf, dass dieses schwindende Selbstvertrauen der Priester […] auch damit zusammenhängt, dass sie diese Würde nicht mehr ausstrahlen können, diese Väterlichkeit. […] Ein Priester muss ein Auftreten haben, dass man normalerweise den Affekt hat, ‚Wow, bei dem würd ich gerne beichten‘. […] Und das kriegt der originelle Messgestalter nicht hin, oder der coole Junggeselle, oder der, der sich bemüht, dass alle wissen, dass er eh ganz normal ist. Der ist dann so normal, dass man sagt, also, das wär mir peinlich, wenn der jetzt meine Sünden erfährt. […] Wenn der Priester krampfhaft versucht, ganz normal zu sein, dann nimmt er sich, was er eigentlich hat.“

„Eltern sind super. Eltern sind an allem schuld. […] Ein Drama ist zum Beispiel diese schizophrenogene Mutter, die die Psychoanalytiker erfunden haben, also d. h. die Mutter, die schuld ist an der Schizophrenie des Kindes. Ich hab Mütter schon so heulen sehen […] Da gibt’s Selbstmorde deswegen, wegen der schizophrenogenen Mutter. Gott sei dank haben die Analytiker in der Zwischenzeit diese Hypothese wieder fallen lassen.  Aber in den Köpfen vieler Leute spukt das noch herum, dass die Eltern an allem Möglichen schuld sind. […] Dieses Wort ‚ekklesiogene Neurose‘ sagt ja auch, ich kann nichts dafür, die böse Kirche macht mich kaputt. Diese Fremdbeschuldigung […] ist etwas, was die Menschen extrem unfrei macht, weil dadurch kommst du ja gar nicht mehr raus.“

„Und dann gibt’s noch etwas, das in der Gesellschaft, und besonders in der Psychotherapie sehr präsent ist, und zwar das Selbstwertgefühl. Jeder von ihnen hat eins und alle sind zu weit unten. […] Ich hör das ständig, in allen psychologischen Gutachten steht ‚Patient hat eine Selbstwertproblematik‘, das klingt besonders g’scheit, und das stimmt auch manchmal, aber das stimmt nicht immer. […] In vielen Psychotherapien – jetzt nicht in der Verhaltenstherapie, aber in vielen Psychotherapieformen – ist die Hebung des Selbstwertgefühls die Lösung für alles. Und eigentlich muss man sich ja auch fragen: ‚tschuldigung, es muss ja auch noch was mit der Wahrheit zu tun haben. […] Wir bewegen uns genau in die Richtung einer Gesellschaft, die sich für extrem super hält, und alle, die sich nicht für extrem super halten, die sind schon krank. Die brauchen mehr Selbstwertgefühl. Und gesund sind sie, wenn sie sich super finden. […] Was die Kirche da anzubieten hat, das nennt man Gotteskindschaft. Das ist eine Stabilität zwischen: Ich bin zwar nicht der Allerbeste […] aber andererseits bin ich nicht der letzte Dreck. Weil die Alternative für ein agnostisches Wesen ist: entweder ich bin der Beste oder ich bin gar nichts.“

„Dann schafft man es [durch regelmäßiges Beichten], dass die eigene Tat nicht mehr schicksalhaft erlebt wird, also als etwas, das einfach so passiert, sondern dass eine rationale Steuerung und Beurteilung möglich ist. Und das macht dann ein gesundes Selbstbewusstsein. Also nicht ein übersteigertes, narzisstisches, sondern ein gesundes Bewusstsein der Gotteskindschaft. Und dadurch wird man auch dankbar gegenüber einem großen Gott, der verzeiht. Der muss nicht verzeihen, weil ich so super bin […], sondern der verzeiht, weil er so gütig ist. Dann versteht man auch erst die Barmherzigkeit Gottes so richtig. Und dann kommt eine echte Freude auf.“

Jesus Christus und der Sinn des Kreuzes

„Every other person who ever came into this world came into it to live. He came into it to die. Death was a stumbling block to Socrates – it interrupted his teaching. But to Christ, death was the goal and fulfillment of His life, the gold that He was seeking. Few of His words or actions are intelligible without references to His Cross. He presented Himself as a Savior rather than merely as a Teacher. It meant nothing to teach men to be good unless He also gave them the power to be good, after rescuing them from the frustration of guilt.“

(Jede andere Person, die jemals in diese Welt kam, kam in sie, um zu leben. Er kam in sie, um zu sterben. Der Tod war ein Hindernis für Sokrates; er unterbrach sein Lehren. Aber für Christus war der Tod das Ziel und die Erfüllung Seines Lebens, der Schatz, den er suchte. Wenige seiner Worte oder Taten sind verständlich ohne Bezugnahme auf Sein Kreuz. Er präsentierte sich eher als ein Erlöser denn bloß als ein Lehrer. Es bedeutete nichts, die Menschen zu lehren, gut zu sein, wenn Er ihnen nicht auch die Kraft gab, gut zu sein, nachdem Er sie von der Frustration der Schuld gerettet hatte.)

(Fulton Sheen, Life of Christ)

 

Das Kreuz scheint einerseits allgegenwärtig zu sein – in Klassenzimmern, an Straßen, auf Friedhöfen, in den Kirchen – aber gleichzeitig wird es in der Regel übersehen. Es ist so allgegenwärtig, dass man es oft kaum noch bemerkt. Und selbst wenn man es bemerkt, weiß man oft nicht mehr, was es eigentlich bedeutet. Klar, Jesus ist am Kreuz gestorben, schade, ja, aber er ist dann ja wieder auferstanden oder so… Nun, darin erschöpft sich der Sinn des Kreuzes nicht, auch wenn man, wie ich, sich beinahe ein Jahrzehnt lang katholischem Religionsunterricht unterziehen kann, ohne etwas darüber beigebracht zu bekommen, dass Jesu Tod kein bedauerlicher Unfall war.

Der Sinn des Kreuzes ist dieser: Gott (genauer: die zweite Person der göttlichen Dreifaltigkeit) hat menschliche Natur angenommen – wirklich menschliche Natur, Körper und Seele, Er ist nicht bloß in menschlicher Gestalt erschienen, sondern Mensch geworden, ohne dabei jedoch irgendetwas von seiner göttlichen Natur zu verlieren – und hat sich von den Menschen töten lassen, um den Preis für ihre Sünden zu bezahlen.

„Sünde“ ist nicht die Übertretung irgendeines willkürlichen Kirchengebotes. Sünde meint Schuld, Verletzung, eine Verletzung, die da ist und nicht mehr ungeschehen gemacht werden kann. Wenn man durch Lügen, Neid oder Gleichgültigkeit das Verhältnis zu Familie oder Freunden zerstört hat, dann ist das erstmal kaputt. Wenn man betrunken Auto gefahren ist und jemanden dabei totgefahren hat, ist der tot. Wenn man jemanden, den man nicht leiden kann, durch Verachtung oder Mobbing verletzt hat, ist diese Verletzung da. Da ist eine Schuld, die bezahlt, die gesühnt werden muss, und die wir aus eigener Kraft nicht sühnen können. Und deswegen hat Gott  das selbst für uns übernommen. „Er hat den Schuldschein, der gegen uns sprach“, schreibt Paulus, „durchgestrichen und seine Forderungen, die uns anklagten, aufgehoben. Er hat ihn dadurch getilgt, dass er ihn an das Kreuz geheftet hat.“ (Kol 2,14)

Gott ist gerecht; Er kann Unrecht nicht einfach zulassen und schönreden. Aber Er ist auch gnädig, und liebt auch den, der Unrecht tut; an Seiner Liebe kann sich durch nichts etwas ändern. Und deshalb hat Er selbst uns eine Möglichkeit des Auswegs aus dem Kreislauf von Schuld und Sünde – denn Sünde trägt oft genug die Züge von Sucht – geebnet.

Seht, mein Knecht hat Erfolg, er wird groß sein und hoch erhaben.
Viele haben sich über ihn entsetzt, so entstellt sah er aus, nicht mehr wie ein Mensch, seine Gestalt war nicht mehr die eines Menschen.
Jetzt aber setzt er viele Völker in Staunen, Könige müssen vor ihm verstummen. Denn was man ihnen noch nie erzählt hat, das sehen sie nun; was sie niemals hörten, das erfahren sie jetzt.
Wer hat unserer Kunde geglaubt? Der Arm des Herrn – wem wurde er offenbar?
Vor seinen Augen wuchs er auf wie ein junger Spross, wie ein Wurzeltrieb aus trockenem Boden. Er hatte keine schöne und edle Gestalt, sodass wir ihn anschauen mochten. Er sah nicht so aus, dass wir Gefallen fanden an ihm.
Er wurde verachtet und von den Menschen gemieden, ein Mann voller Schmerzen, mit Krankheit vertraut. Wie einer, vor dem man das Gesicht verhüllt, war er verachtet; wir schätzten ihn nicht.
Aber er hat unsere Krankheit getragen und unsere Schmerzen auf sich geladen. Wir meinten, er sei von Gott geschlagen, von ihm getroffen und gebeugt.
Doch er wurde durchbohrt wegen unserer Verbrechen, wegen unserer Sünden zermalmt. Zu unserem Heil lag die Strafe auf ihm, durch seine Wunden sind wir geheilt.
Wir hatten uns alle verirrt wie Schafe, jeder ging für sich seinen Weg. Doch der Herr lud auf ihn die Schuld von uns allen.
Er wurde misshandelt und niedergedrückt, aber er tat seinen Mund nicht auf. Wie ein Lamm, das man zum Schlachten führt, und wie ein Schaf angesichts seiner Scherer, so tat auch er seinen Mund nicht auf.
Durch Haft und Gericht wurde er dahingerafft, doch wen kümmerte sein Geschick? Er wurde vom Land der Lebenden abgeschnitten und wegen der Verbrechen seines Volkes zu Tode getroffen.
Bei den Ruchlosen gab man ihm sein Grab, bei den Verbrechern seine Ruhestätte, obwohl er kein Unrecht getan hat und kein trügerisches Wort in seinem Mund war.
Doch der Herr fand Gefallen an seinem zerschlagenen (Knecht), er rettete den, der sein Leben als Sühnopfer hingab. Er wird Nachkommen sehen und lange leben. Der Plan des Herrn wird durch ihn gelingen.
Nachdem er so vieles ertrug, erblickt er das Licht. Er sättigt sich an Erkenntnis. Mein Knecht, der gerechte, macht die vielen gerecht; er lädt ihre Schuld auf sich.
Deshalb gebe ich ihm seinen Anteil unter den Großen und mit den Mächtigen teilt er die Beute, weil er sein Leben dem Tod preisgab und sich unter die Verbrecher rechnen ließ. Denn er trug die Sünden von vielen und trat für die Schuldigen ein.

 

Diese Zeilen sind eine Prophezeiung über den Messias beim Propheten Jesaja (Jes 52,13-53,12). Man spricht hier auch vom Vierten Lied vom Gottesknecht. Dieser stellvertretend leidende Gottesknecht zeigte sich schließlich Jahrhunderte nach Jesaja in Jesus Christus.

 „Die Juden fordern Zeichen, die Griechen suchen Weisheit“, schreibt der Apostel Paulus im 1. Korintherbrief.Wir dagegen verkündigen Christus als den Gekreuzigten: für Juden ein empörendes Ärgernis, für Heiden eine Torheit, für die Berufenen aber, Juden wie Griechen, Christus, Gottes Kraft und Gottes Weisheit.“ (1 Kor 1,22-24)
 Christus ist für uns gestorben, und durch die Taufe bekommen wir Anteil an Seinem Opfer! Durch die Taufe werden wir von aller Schuld erlöst und Ihm ähnlich gemacht und bekommen Seine Gnade, um ein neues Leben zu leben; nicht mehr nur als Geschöpf, sondern als Kind Gottes. Jesus ist der Sohn Gottes, alle Getauften Seine Adoptivgeschwister. „Wir verkündigen“, schreibt Paulus weiter hinten in diesem Brief, „wie es in der Schrift heißt, was kein Auge gesehen und kein Ohr gehört hat, was keinem Menschen in den Sinn gekommen ist: das Große, das Gott denen bereitet hat, die ihn lieben.“ (1 Kor 2,9)

 

Nach seinem stellvertretenden Tod ist Christus auferstanden: Weil die Liebe den Tod besiegt.

In „Der König von Narnia“ stirbt der Löwe Aslan einen solchen stellvertretenden Tod wie Christus, und auch ihn kann der Tod nicht festhalten. „Wenn sich einer, der nichts verbrochen hat, freiwillig für einen Schuldigen opfert, dann bricht der Steintisch entzwei und der Tod weicht zurück“, sagt Aslan zu Lucy und Suse, als er vom Tod zurückgekehrt ist.

 

PS: Fulton Sheens Buch, aus dem ich oben zitiert habe, ist übrigens sehr, sehr, sehr empfehlenswert. Je mehr ich von Fulton Sheen lese, desto begeisterter bin ich. Es gibt es übrigens auch auf Deutsch, Titel: „Das Leben Jesu“. Ich habe nur aus der englischen Version zitiert, weil ich erst gemerkt habe, dass es eine deutsche Übersetzung gibt, als ich mir die englische Version schon bestellt hatte. Aber gut, ich lese Bücher gern mal im Original.

Was der IS, die Hitlerjugend und die katholische Kirche gemeinsam haben…

…und was sie unterscheidet:

Es ist wohl mittlerweile allgemein bekannt, dass der IS seine Kämpfer nicht nur aus irgendwelchen jungen Irakern rekrutiert, die nie etwas anderes als fundamentalistischen Islam zu hören bekommen haben und wütend auf den Westen sind, der seine Drohnen und Soldaten in den Mittleren Osten schickt, sondern auch aus Männern aus diesen westlichen Ländern selbst, und nicht nur aus Männern „mit Migrationshintergrund“, sondern genauso aus jungen Deutschen, Franzosen, Amerikanern, die irgendwann zum Islam konvertiert sind. Und auch genügend europäische Mädchen bieten sich IS-Kämpfern als Ehefrauen an und verlassen ihr Land Richtung Syrien, und jetzt initiieren sie auch eigene Terroranschläge und laufen mit Niqab und Maschinengewehren gleichzeitig herum.

Vor ein paar Tagen habe ich in einer Tageszeitung einen Artikel über den von Frauen geplanten Terroranschlag in Paris und die aus Frauen bestehende Al-Chansaa-Brigade in Al-Rakka, allgemein eben über weibliche Terroristen, gelesen. Dieser Artikel strotzte schlichtweg vor Unverständnis gegenüber diesem Phänomen – und ich frage mich, ob es bloß ein Nicht-Verstehen-Wollen, oder tatsächlich ein Nicht-Verstehen-Können war. Da hieß es zum Beispiel, dass der IS bei Frauen Erfolg hat, und zwar „trotz seines mittelalterlichen, frauenfeindlichen Rollenbildes“. (Ich übergehe hier mal die Frage, wie viel der Artikelschreiber wohl vom tatsächlichen Mittelalter weiß. Leider gilt „mittelalterlich“ ja mittlerweile als Standardschimpfwort.) Und dieses Rollenbild wird u. a. dadurch definiert, dass „die Männer Modegeschäfte, Schönheitssalons, ja alles Westliche für Teufelszeug halten“. Lassen wir uns das mal auf der Zunge zergehen. Beispiel für das „Westliche“, für unser großartiges neuzeitliches Frauenbild, für weibliche Emanzipation und Freiheit, sind Modegeschäfte und Schönheitssalons. Da sage noch einer, der Westen hätte Frauen nicht mehr zu bieten als der IS. Der Autor des Artikels scheint tatsächlich nicht zu verstehen, dass es Frauen geben kann, denen Modegeschäfte und Schönheitssalons völlig egal sind im Vergleich zu anderen Dingen.*

Ich denke, eine Gesellschaft, der die Leute zu einer fleißig bombenden, enthauptenden und versklavenden Terrormiliz davonlaufen, sollte sich mal fragen, was bei ihr eigentlich falsch läuft.

Seien wir ehrlich: „Unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung“, „Rechtsstaatlichkeit“, „Meinungsfreiheit“, usw. – das alles sind gute und wichtige Sachen, und wir merken wahrscheinlich gar nicht mehr, wie dankbar wir dafür sein können, aber sie bieten keinen Sinn für das Leben des einzelnen. Sie langweilen einen, wenn man sie im Sozialkundeunterricht oder im nächsten Leitartikel zum fünfzigsten Mal vorgekaut bekommt. Sie sind Rahmenbedingungen für ein einigermaßen geordnetes Zusammenleben, und das war’s auch schon. Der Rahmen ist da, aber er ist leer. Deutschland hat eine wunderbare Verfassung (nicht zuletzt dank gewisser Inspirationen durch die katholische Soziallehre), aber kein Mensch liest die Verfassung, wenn er Krebs hat oder verlassen wird oder die Ungerechtigkeit auf der Welt sieht oder sich einfach fragt, wofür er eigentlich da ist – was sich auch junge Frauen schon mal fragen können, so blöd sind wir ja nicht. Deswegen ist es lächerlich, wenn Politiker auf Koranverteilungsaktionen damit reagieren wollen, das Grundgesetz zu verteilen. Unsere Gesetze bieten einigermaßen vernünftige, wenn auch von Menschen aufgestellte Grenzen, innerhalb derer das Leben im Namen des öffentlichen Friedens stattfinden soll. Sie bieten keine Orientierung für dieses Leben. Noch schlimmer ist es natürlich, wenn den Leuten auch Freiheit und Recht und Gleichheit eigentlich nichts mehr bedeuten und „westliche Werte“ eher als Chiffre für „Vollbeschäftigung, RTL II und Stripclubs“ dienen – oder wenn eben weibliche Emanzipation nicht dadurch definiert wird, dass Frauen selbst entscheiden, wen sie heiraten, dass sie wählen gehen, studieren oder im Parlament sitzen, sondern dadurch, wie knapp ihre Strandbekleidung ausfällt. Das scheint mir allgemein ein Problem im Umgang mit dem Islam zu sein. Der Westen scheint sich nicht ganz entscheiden zu können, ob Frauenrechte nun darin bestehen, möglichst wenig anzuziehen und möglichst viel Sex zu haben (was meiner Meinung nach das genaue Gegenteil von Emanzipation ist, nämlich ein Ausgenutztwerden), oder vielleicht doch eher in irgendetwas anderem.

Der Mensch braucht etwas Höheres, für das er leben kann, er braucht einen Sinn und ein Ziel und Regeln für sein Leben. Er ist auf den wahren Gott ausgerichtet; also kann er ohne Ihn nicht leben, und wenn er ohne Ihn leben muss, sucht er sich falsche Götter als Ersatz. Und das tun nicht nur arbeitslose Jugendliche ohne Freunde und Selbstbewusstsein. Auch wenn man Bildung, Arbeit, gutes Aussehen, eine funktionierende Beziehung, nette Bekannte und eine schöne Eigentumswohnung hat, kann man sich irgendwann mal fragen: War das schon alles? Vielleicht nicht so früh, wie wenn man das nicht hat, aber irgendwann taucht die Frage doch auf: Gibt es nicht auch mehr? Was ist Wahrheit? Gibt es Wahrheit? Was soll ich tun? Worauf kann ich bauen? Was kann ich hoffen?

Die Menschen suchen nach Sinn und Antworten für ihr Leben, und unsere Gesellschaft bietet keine. Den Vertretern ihrer anerkannten Elite (besonders solchen, die Zeitungsartikel und Schulbücher schreiben) fällt zu dieser Frage meistens nichts Besseres ein als „da gibt es keine so einfachen Antworten“, wenn sie tatsächlich überhaupt keine Antworten haben oder über manche möglichen Antworten von vorn herein nicht nachdenken wollen. Und wenn dann die Salafisten die ersten sind, die Antworten anbieten… zuerst findet man klare Regeln, ein größeres Ganzes anstelle des eigenen Ich, Gehorsam gegenüber dem göttlichen Willen, und irgendwann soll dann der Dschihad diesem Willen entsprechen.

Ich denke, dass es mit der Nazi-Bewegung, die ja auch eine Art politische Religion war, sehr ähnlich gewesen ist. Auch in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, obwohl die Kirchen noch irgendwie fester im Sattel saßen als heute, herrschte eine große Unsicherheit, viele Menschen fanden im Glauben keine Orientierung mehr – er war irgendwie langweilig, bürgerlich geworden. Gefährliche Ideen kursierten – Eugenik, Sozialdarwinismus, Wettstreit der Nationen; das Denken in allen diesen Kategorien war in Europa und Nordamerika schon lange vor Hitler weiter verbreitet, als uns heute oft bewusst ist. Diese Ideen waren aufregend, neu, und beriefen sich doch auf ewige Gesetze. Dann kam ein Führer, der sich vom Schicksal berufen sah, formierte eine Bewegung, forderte Gehorsam – und natürlich liefen ihm die jungen Leute begeistert hinterher.

Das soll jetzt bitte schön in keiner Weise als Verharmlosung der Nazizeit oder des IS verstanden werden. Ich bin überzeugt, dass Menschen nie nur aus fehlgeleitetem Idealismus zu SS-Männern und islamistischen Terroristen werden. Solche gewaltbereiten Gruppen sprechen die besten und die schlimmsten Seiten im Menschen an. Man kann sich überlegen fühlen, hat ein klares Feindbild, und kann vor allem seine Agressionen ungehemmt ausüben, beim IS vielleicht auch ein paar Sex-Sklavinnen kriegen – und sich dabei auch noch dazu gratulieren, dass man zu den Guten gehört und etwas Tolles leistet, da man ja schließlich sein Leben einsetzt. (Dass man es ehrlich im tiefsten Innern glaubt, dass einem keine Zweifel daran kommen, kann ich mir schwer vorstellen.) Perfekte Mischung sozusagen. Und genau deswegen brauchen wir die Kirche Jesu Christi als Gegengift.

Falsche Religion kann man nur mit richtiger Religion bekämpfen. Wenn Menschen Gott folgen wollen, muss man ihnen zeigen, wie der richtige Gott ist, dass er keine Menschenopfer fordert, auch keine Menschenopfer durch den Dschihad. Ich bezweifle, dass „Das ist doch finsteres Mittelalter!“ da viel Erfolg hat. Gehorsam, Opferbereitschaft, Treue, Demut, ein höheres Ziel; das alles ist nichts, was wir hinter uns lassen sollten oder auch nur könnten. Das ist gerade das, was wir brauchen, aber richtig. Gerade das liebe ich an der katholischen Kirche. Es macht Freude, dem Papst und dem eigenen Bischof gehorsam zu sein, es bringt wirkliche, ehrliche Freude. Es macht Freude, sich zu überwinden und zur Beichte zu gehen und diesem Menschen zu helfen und jenes zu tun und zu beten im Versuch, der Liebe zu Jesus Christus näher zu kommen.

Ich denke, es ist vielleicht jetzt schon ein bisschen klar geworden, wieso die wahre Religion anders ist als die vielen falschen Religionen (zu denen auch die vielen politischen Religionen wie der Kommunismus oder eben der Nationalsozialismus zählen). Ihr Gesetz ist Liebe; Liebe zu unserem Gott und Liebe zu allen seinen Geschöpfen. Sie bringt Klarheit, Licht und Frieden. Man möge Videos vom Weltjugendtag mit Videos von Enthauptungen durch den IS vergleichen – ich denke, der Unterschied wird deutlich. Zwischen den Menschen dort liegen Welten. Und das ist wohl auch der Grund dafür, dass gerade jetzt so viele Muslime zum Christentum finden; und zwar trotz der Probleme, die sie sich damit schaffen, und zu denen u. a. Todesdrohungen und Verstoßung durch die Familie ja schon standardmäßig dazu gehören.

Ich finde es furchtbar schlimm, wenn Christen suchenden Menschen keine klaren und tiefen Antworten bieten können. In seinem Buch „Inside IS – 10 Tage im Islamischen Staat“ beschreibt der Journalist Jürgen Todenhöfer, wie er über das Internet Kontakt zu IS-Terroristen aufnahm und von ihnen die Erlaubnis erhielt, für zehn Tage in ihr Gebiet zu reisen, um darüber zu berichten. Im Lauf der Vorbereitungen traf er sich auch mit der Mutter eines dieser deutschen IS-Terroristen und sie schilderte ihm, wie aus ihrem Sohn ein Islamist geworden war. Ihre Geschichte beginnt folgendermaßen:

 

„Seit frühester Kindheit war Christian extrem wissbegierig. ‚Was ist der Tod, Mama?’, fragte er sie zum Beispiel. Er stellte Fragen, auf die sie sich die Antworten oft lange überlegen musste. Sie verbrachten während seiner Kindheit viel Zeit mit Lesen. Bücher wie Was ist was? waren heiß begehrt. Was man nicht wusste, musste man in Büchern nachlesen. Auch seinen Lehrern und dem evangelischen Pfarrer fiel auf, wie viele Fragen Christian hatte. Doch in der Kirche bekam Christian nie Antworten auf seine Fragen. Christian fand das so enttäuschend, dass er kurz vor seiner Konfirmation beschloss, auf die Feier zu verzichten. Auch auf die Konfirmationsgeschenke. Er suchte lieber weiter nach Antworten.“

 

In der Kirche bekam Christian nie Antworten auf seine Fragen.

Ja, das kann ich mir vorstellen. Bei den deutschen Lutheranern ist es ja generell noch schlimmer als bei den Katholiken, aber auch bei uns gibt es genug, die eigentlich gar nicht recht wissen, was sie glauben, und irgendwie auch gar nicht mehr recht glauben. Jedenfalls können sie kein klares Zeugnis mehr davon ablegen, was sie eigentlich glauben. Sie sind nicht bereit, „jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die euch erfüllt“ (1 Petrus 3,15), und das ist das Problem.

Nach 1945, als der nationalsozialistische Traum vom Tausendjährigen Reich zusammengebrochen war, lebte der christliche Glaube in Deutschland übrigens zeitweise wieder sehr stark auf. (Dank der erneuten Rückschläge in den 60ern ist uns das nicht mehr so bewusst. Aber heute scheint sich das Blatt ja wieder langsam zu unseren Gunsten wenden.) Entwicklungen sind nicht unumkehrbar. Und das Christentum hat immer noch gesiegt; es hat sehr viele Verfolger überlebt, nicht wenige davon in den letzten 200 Jahren. Es wird auch noch da sein, wenn der Islamische Staat zusammengebrochen ist. Und das ganz einfach deswegen, weil es den wahren Gott verkündigt – wenn es denn ordentlich verkündigt -, der gütig und barmherzig ist und allen seine Liebe und Vergebung schenken und sie zu seinen Kindern machen will, auch die, die seine Kinder jetzt gerade verfolgen. (Ein Beispiel wäre der Christenverfolger Saulus, der zum Völkerapostel Paulus wurde.)

Unser erster Papst schreibt: „Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die euch erfüllt; aber antwortet bescheiden und ehrfürchtig, denn ihr habt ein reines Gewissen. Dann werden die, die euch beschimpfen, weil ihr in (der Gemeinschaft mit) Christus ein rechtschaffenes Leben führt, sich wegen ihrer Verleumdungen schämen müssen. Es ist besser, für gute Taten zu leiden, wenn es Gottes Wille ist, als für böse. Denn auch Christus ist der Sünden wegen ein einziges Mal gestorben, er, der Gerechte, für die Ungerechten, um euch zu Gott hinzuführen; dem Fleisch nach wurde er getötet, dem Geist nach lebendig gemacht.“ (1 Petrus 3,15-18) So geht das. Unser Gott hat es eben nicht nötig, dass wir für ihn Bomben werfen. Denn es geht ihm darum, Seelen zu gewinnen, nicht Länder.

 

*Ich habe übrigens nichts gegen Modegeschäfte und so weiter. So weit bin ich dann doch westliche Frau. Aber es gibt halt auch mehr.

Die allumfassende Kirche, Teil 2: Die Gemeinschaft der Heiligen

Alle Teile hier: https://nolitetimereweb.wordpress.com/reihe-die-allumfassende-kirche/

 

Im ersten Teil dieser Reihe ging es um eine erste Bedeutung der Katholizität der Kirche (katholisch, altgriechisch katholikos, bedeutet, wie gesagt, allumfassend): Sie ist universal in Bezug auf Länder, Völker und Nationen. Sie ist es aber auch – und das ist mindestens ebenso wichtig – in Bezug auf Epochen und Zeiten.

Es ist Unsinn, von der Kirche zu fordern, sie solle sich einer bestimmten Zeit (zum Beispiel der, die jetzt gerade da ist) anpassen; dadurch würde sie ihre Universalität aufgeben. Petrus und Paulus, Athanasius von Alexandria und Benedikt von Nursia, Hildegard von Bingen und Katharina von Siena, Thomas Morus und Kateri Tekakwitha gehören ebenso zur katholischen Kirche wie Max Meier und Chantal Müller aus Obereischheim. Sicher verwirklicht sich der katholische Glaube in jeder Zeit und in jedem Menschen anders; aber er bleibt trotzdem immer im Kern gleich. Paulus schreibt: „Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir“ (Galater 2,20) und „Jesus Christus ist derselbe gestern, heute und in Ewigkeit“ (Hebräer 13,8). Daraus folgt logisch, dass alle Christen aller Epochen etwas gemeinsam haben müssen – denn in uns allen lebt derselbe Christus.

C. S. Lewis (1898-1963), einer meiner Lieblingsschriftsteller, spricht in „Surprised by joy“ davon, dass er während seiner Zeit als Atheist unter einer Art von „chronologischem Snobismus“ litt, und in einem Essay, den ich leider gerade nicht finden kann, spricht er eine Art von verbreitetem chronologischem Provinzialismus an. Wir halten unsere Zeit für allen anderen überlegen – „mittelalterlich“ ist ein Synonym für „schlecht“ geworden –, haben aber gleichzeitig so gut wie keine Ahnung von diesen anderen Zeiten, vor allem davon, wie die Menschen in diesen anderen Zeiten gedacht haben und ob uns das etwas sagen könnte. Wir lesen nicht das, was sie damals geschrieben haben, sondern bestenfalls, was andere heute über sie schreiben; und das ist nichts anderes als chronologischer Provinzialismus, als denkerische Enge.

Diese allgemein übliche Verachtung der Vergangenheit betrifft nicht ausschließlich die christliche Vergangenheit. In längst vergangenen Tagen – selbst noch in Lewis’ Tagen – war es in höheren Schulen einmal üblich, Platon und Vergil zu lesen in der Annahme, dass die einem eventuell noch was zu sagen haben könnten. Heute kann man froh sein, wenn Neuntklässler aus dem Geschichtsunterricht in Erinnerung behalten, wann der Zweite Weltkrieg stattgefunden hat. (Ja, ich gehöre tatsächlich zu den Menschen, die sich endlos darüber aufregen könnten, dass meine Generation dank der großartigen innovativen „entrümpelnden“ Lehrpläne unserer Kultusministerien kein historisches Wissen und im Übrigen auch nahezu keine Ahnung von Grammatik und Rechtschreibung mehr hat. Meistens habe ich zwar Besseres zu tun, aber gelegentlich muss man das mal sagen dürfen. So!) Und obwohl die antiken heidnischen Philosophen in Abgrenzung vom christlichen Erbe gerne mal öffentlich gelobt werden, sind die einzigen, die sie (wenn auch leider immer noch recht selten) tatsächlich lesen, meistens die Christen. Ich spreche aus Erfahrung: In den Altgriechischkursen an den Unis sitzen nun einfach so gut wie ausschließlich Theologiestudenten.

Selbst wenn ein Historiker heute mal Platon – oder vielleicht sogar einen christlichen Philosophen wie Boethius oder Thomas von Aquin – liest, dann selten mit der Frage im Hinterkopf: Hatte er Recht? Was hat mir das zu sagen?

Ich will schon wieder Lewis zitieren, der in seinen berühmten „Screwtape letters“ (deutsch: „Dienstanweisungen für einen Unterteufel“) den höhergestellten Teufel Screwtape an seinen Neffen Wormwood schreiben ließ:

Es mag nun erwidert werden, dass einige dieser zudringlichen menschlichen Schriftsteller, vorab Boethius, diese Geheimnis preisgegeben haben. Aber dank dem intellektuellen Klima, das uns in Westeuropa endlich zu schaffen gelungen ist, brauchst Du dich um diese Gefahr nicht groß zu sorgen. Nur die Gelehrten lesen alte Bücher. Wir aber haben diese Gelehrten so geschult, dass sie unter allen Menschen am wenigsten geeignet sind, sich die Weisheit aus den Büchern der Alten anzueignen. Wir haben das erreicht, indem wir ihnen „den geschichtswissenschaftlichen Standpunkt“ unauslöschlich eingeprägt haben. Der „geschichtswissenschaftliche Standtpunkt“ bedeutet kurz gefasst dies: Wenn ein Gelehrter irgendeiner Aussage eines früheren Autors begegnet, dann ist die eine Frage, die er nie stellen wird, die, ob sie wahr ist. Er fragt, wer den antiken Verfasser beeinflusst hat, wie diese Aussage mit dem übereinstimmt, was er in anderen Büchern sagt, und welche Entwicklungsphase des Schreibenden oder der allgemeinen Geschichte des Denkens erläutert wird und wieweit sie spätere Denker beeinflusst haben und wie oft sie falsch verstanden worden sind (besonders von den eigenen Kollegen des Gelehrten), welche Richtung die allgemeine Kritik in dieser Frage im Laufe der letzten zehn Jahre eingeschlagen hat und welches der „gegenwärtige Stand der Frage“ ist. Die Schriften des alten Verfassers als mögliche Quelle der Erkenntnis anzusehen, zu erwarten, dass das, was sie sagen, möglicherweise die eigenen Gedanken oder das eigene Handeln ändern könnte – das würde als äußerst einfältig abgewiesen.

G. K. Chesterton (1874-1936) hat Tradition einmal als „Demokratie für die Toten“ bezeichnet. Eine solche Art der Demokratie, in der auch die Toten Stimmrecht haben, macht natürlich dann besonderen Sinn, wenn man davon ausgeht, dass die Toten noch leben. Die Christen vergangener Epochen gehören zur Kirche wie wir, und zwar aus dem einfachen Grund, dass zwar ihre Epochen vergangen sein mögen, aber sie nicht.

Im Credo bekennen wir unseren Glauben an die „Gemeinschaft der Heiligen“. Hier wird das Wort „Heilige“ im Sinn des Paulus verwendet, der seine Briefe mit „an die Heiligen in XYZ“ begann: Heilige – Geheiligte durch die Taufe und den Glauben – sind in diesem Sinne alle Christen. Wir bilden eine Gemeinschaft. Und zu der gehören nicht nur die Christen auf der Erde, sondern auch die, die bereits tot und bei Gott sind (= die im Himmel) bzw. vor ihrem endgültigen Eintritt in die Gemeinschaft mit Gott noch eine Läuterungszeit durchmachen (= die im Fegefeuer, lateinisch Purgatorium (Reinigungsort)). Deshalb beten wir zu denen im Himmel um Fürsprache, und leisten selber Fürsprache für die im Fegefeuer; bei denen auf der Erde geht beides, wir können für andere und andere für uns beten.

Für diese drei Bereiche der Kirche verwendete man klassischerweise die Begriffe:

  • ecclesia militans: streitende (d. h. kämpfende) Kirche (auf der Erde)
  • ecclesia patiens: leidende Kirche (im Fegefeuer) und
  • ecclesia triumphans: triumphierende Kirche (im Himmel“).

Im Moment sind wir noch bei der kämpfenden Kirche auf dem Schlachtfeld; aber wir hoffen darauf, mal zur siegreichen, triumphierenden Kirche im Angesicht Gottes zu gehören.

PS: Ja, „Kämpfen“ ist hier im übertragenen Sinne gemeint, wir Katholiken sind keine Gotteskrieger. Mit Kämpfen meinen die Christen traditionellerweise immer so was wie Kampf gegen die Sünde, das Schlechte in einem selber. Ja, auch das Schlechte da draußen in der Welt, aber anfangen muss man in sich selber, da gibt’s auch genug Schlechtes. Aus dem Gesagten folgt wohl logisch, dass die geeigneten Waffen in diesem Kampf wohl weder Feuer und Schwert, noch Sprengsatz und Maschinengewehr sind.

Wie sieht ein katholischer Priester aus, der vor einem Erschießungskommando steht?

So sieht er aus:

Gefunden hier: http://ucatholic.com/blog/man-die-smiling/ (und hier noch ein paar Infos auf Deutsch: http://www.st-antonius.at/?p=2169)

Zum historischen Hintergrund: Im Spanischen Bürgerkrieg (1936-1939) kämpften kommunistische Republikaner gegen Faschisten, und die Kommunisten hatten eine gewisse Neigung dazu, Priester, Nonnen und Mönche umzubringen, und unter ihren Opfern war auch der junge Priester Martín Martínez Pascual (der mit anderen Märtyrern von Johannes Paul II. seliggesprochen wurde), und so haben wir einige Fürsprecher mehr im Himmelreich gewonnen. Pascual (1910-1936) unterrichtete vor dem Bürgerkrieg Latein an einem Priesterseminar. Im Sommer 1936 war er in seinem Heimatdorf, als republikanische Milizen auftauchten. Er konnte fliehen und die Hostien aus der Kirche noch mitnehmen; als er nach einigen Tagen von den Republikanern gefangen genommen wurde, verbrachte er seine verbleibende Zeit im Gefängnis damit, den anderen Gefangenen die Eucharistie auszuteilen und die Beichte abzunehmen, bis er dann mit seinen Leidensgenossen vors Dorf gebracht und vor ein Erschießungskommando gestellt wurde. Er wurde nur Sekunden vor seinem Tod von dem republikanischen Photografen Hans Guttman aufgenommen. Er sieht ziemlich entspannt aus, nicht? Schließlich hat er ja auch eigentlich nichts zu befürchten und alles zu erhoffen. Vor seinem Tod erteilte er seinen Mördern den Segen („Ich will nichts weiter als euch den Segen geben, damit Gott euch die Dummheit, die ihr begehen werdet, nicht anrechnet“, sagte er, als man ihn nach seinem letzten Wunsch fragte), und seine letzten Worte lauteten: „Viva Christo Rey!“ – „Es lebe Christus, der König!“.

Die Sache mit der Nächstenliebe und den Kirchenfürsten

Pfarrer Rainer Maria Schießler aus München zählt wohl, wenn auch nicht gerade zu den katholischen Promis, dann doch zu den bekannteren Kirchenmännern Deutschlands. Regelmäßig im BR zu sehen, bekannt für seinen Nebenjob als Kellner auf der Wiesn, seine „Viecherlgottesdienste“ und seine Fahrzeugsegnungen; einer, von dem man eben ab und zu in der Regionalzeitung liest. So einer erreicht die Menschen, könnte man sagen. Wenn man ihn allerdings einmal reden hört, fragt man sich, mit welcher Botschaft genau er sie eigentlich erreichen will.

Vor einigen Wochen bekam ich von einer Freundin die Einladung zu einer Lesung mit Pfarrer Schießler. Ich hatte Zeit, es war eine gute Gelegenheit, sich mal wieder zu treffen – bin also gern hingegangen. Über den Referenten des Abends hatte ich mich nicht wirklich intensiv informiert. Er machte mir auf dem Plakat keinen wirklich ansprechenden Eindruck, aber na und. Ich ging ja nicht wegen ihm hin, und vielleicht würde es doch ganz nett werden.

Während Hochwürden Schießler (wie er sich selbst wohl nicht titulieren würde) zu Beginn der Veranstaltung noch seine Bücher signierte, die zahlreichen Anwesenden hauptsächlich mittleren Alters sich ihre Plätze im Saal suchten, und meine Freundin sich mit Bekannten unterhielt, blätterte ich ein wenig in seinem Werk mit dem dezidiert bayerischen Titel „Himmel, Herrgott, Sakrament“. Mein erster Eindruck war: Worum, Himmel Herrgott Sakrament no a mal, geht es hier eigentlich? Das Buch schien nichts weiter zu sein als eine Ansammlung von ungeordneten autobiographischen Anekdoten und Meinungsäußerungen zu einzelnen Themen, alles wenig aussagekräftig, sehr durcheinander und vor allem: eher eine Selbstdarstellung des Autors als eine Darstellung eines bestimmten Themas.

Der insgesamt leicht über zweieinhalbstündige Vortrag begann dann passenderweise nicht gleich mit einer Lesung, sondern ebenfalls mit Anekdoten über Schießlers Erlebnisse beim Bayerischen Fernsehen, beim Oktoberfest, und Ähnlichem. Man muss ihm eins lassen: Reden kann er, und seine Erzählungen sind witzig. Zum Kabarettisten hätte er durchaus das Zeug. In der kurzen Lesung aus seinem Buch ging es dann passenderweise um ein Kindheitserlebnis, als der aufgeregte Rainer sich bei seinem allerersten Mal Ministrantendienst übergeben musste. Witzig geschrieben, eine süße Geschichte, man muss es sagen. Die Geschichte, wie der Verlag mit dem Buchprojekt auf ihn zugekommen sei, war dagegen von ostentativ zur Schau gestellter Demut geprägt: Dass so ein Dorfpfarrer wie er jetzt ein Buch schreiben solle, usw. (München ist zwar nicht direkt ein Dorf, aber gut. Stadtpfarrer sind schließlich nicht automatisch wichtiger als Dorfpfarrer.) Sicher: Das Buch ist offenbar auch von der Seite des Verlags als eine Vorstellung der Person Schießlers und seiner Ansichten und Projekte gedacht. Offenbar wird bei den Lesern vorausgesetzt, dass sie bereits ein wenig darüber wissen, wer er ist. Trotzdem blieb da der Eindruck, dass der Herr Pfarrer es doch ganz gut leiden kann, im Mittelpunkt zu stehen.

Einige konkrete Themen hat er doch angesprochen, und dabei auch einige gute Dinge gesagt. Diese Themen kann man wohl unter dem Untertitel seines Buches zusammenfassen: „Auftreten statt austreten“. Katholiken sollten ihre Kirche lieben und deshalb manches in ihr zu ändern versuchen. An sich ein gutes Prinzip (ecclesia semper reformanda!), und auch in eher „konservativen“ Kreisen ist ja das Kritisieren von bestimmten deutschen Bischöfen, kirchensteuerfinanzierten Einrichtungen und gewissen Gremien (*hüstl* ZDK *hüstl*) bekanntermaßen an der Tagesordnung. Wie sehen also Pfarrer Schießlers Vorstellungen von einer besseren, lebendigeren Kirche aus?

Es waren hilfreiche praktische Einsichten für den persönlichen Alltag dabei, was etwa die Angst vor dem Leben angeht. Außerdem gab es pastorale Tipps; sein Bericht von seiner Israelfahrt mit seinen Firmlingen war recht spannend, und kann durchaus als Vorbild für Firmpastoral dienen: Sakramente muss man spüren, sei einer seiner Grundsätze. Sicher gebe es auch eine objektive Wirksamkeit des Sakraments, aber trotzdem sei eine intensive, ansprechende Vorbereitung nötig. Gut und richtig, in keiner Weise häresieverdächtig, wenn man auch darüber streiten kann, ab wann der Eventcharakter überbewertet wird. Wobei eine Fahrt ins Heilige Land sicher so ziemlich die beste Firmvorbereitung ist, die man sich denken kann, wenn sie entsprechend begleitet wird (und die Eltern beim Bezahlen mitmachen).

An manchen Stellen wurde es etwas unlogisch, wenn er zum Beispiel wie selbstverständlich davon ausging, dass die „heutigen Menschen“ von den mittelalterlichen irgendwie grundsätzlich verschieden seien; ein nicht sehr durchdachter, aber verbreiteter Trugschluss. Lassen wir’s mal durchgehen.

Aber dann schlägt Hochwürden wieder ganz andere Töne an.

Es sind die üblichen Themen. Wiederverheiratete Geschiedene. Homosexuelle. Letzteren erteilt er natürlich eine Segnung. Die würden ja nicht einmal eine richtige Hochzeit verlangen, sondern bloß eine Segnung wünschen. Und überhaupt habe er vor allen denen großen Respekt, die gerade nicht kirchlich heirateten, weil sie sich dem Ideal nicht gewachsen fühlten. Und manche, die unverheiratet zusammenlebten, gingen ja sehr viel besser und rücksichtsvoller mit ihrem Partner um als manche kirchlich Verheirateten. (Man fragt sich unwillkürlich, was es dann überhaupt noch wert ist, wenn man sich anstrengt, dem Ideal gerecht zu werden.) Und man komme ihm hier nicht mit diesem Spruch „Liebe den Sünder, hasse die Sünde!“ Nächstenliebe! Toleranz!

An dieser Stelle wurde natürlich Papst Franziskus gelobt, der ja, trotz der ergebnislosen Synode, mit seinen Bemerkungen („Wer bin ich, zu urteilen?“, Die meisten Ehen seien ungültig, etc.) Türen geöffnet habe, die sich jetzt nicht mehr schließen ließen. Man kann sich hier denken, dass es gut ist, dass die Kirche kein solches Konzept des Lehramts vertritt, nach dem jede Äußerung eines Papstes für alle weiteren Zeiten von höchster Bedeutung wäre; andernfalls wäre Papst Liberius’ Nachgiebigkeit gegenüber dem Arianismus wohl von recht fataler Auswirkung.

Das Lästern über Papst Benedikt XVI. durfte natürlich auch nicht fehlen: der in seinen „barocken“ Gewändern.

Insgesamt zeichnete sich in Schießlers Äußerungen ein Bild von den höheren Funktionsträgern in der Kirche ab, das von klarem Antiklerikalismus geprägt ist. Er brüstete sich damit, dass er kein höheres kirchliches Amt anstrebe (er strebt ja auch nur Ämter im Bayerischen Rundfunk an), mit einer Meinungsverschiedenheit mit einem „Prälaten“ (man beachte hier immer die Wahl der Begriffe! „Generalvikar“, oder „Weihbischof“, oder was auch immer dieser Prälat genau war, hätte einen anderen Klang) und zog über Vorschläge her, die Zelebrationsrichtung „mit dem Rücken zum Volk“ wieder einzuführen. Er habe jetzt endlich in seiner Kirche einen Volksaltar installiert, und es sei wohl in Ordnung, fünfzig Jahre nach dem Konzil das Konzil umzusetzen. Argumente für oder gegen die eine oder die andere Richtung, oder Kardinal Sarahs Gründe für einen solchen Vorschlag, oder auch nur Zitate aus tatsächlichen Konzilsdokumenten wurden nicht erwähnt.

Dieser Antiklerikalismus hat eine klare Wirkung: Schießler setzt sich als der heldenhafte Rebell gegen die Kirchenfürsten in Szene und erntet dafür öffentlichen Beifall. Mit den „anderen“ braucht es keinen Austausch von Argumenten; das verschwommene, aber unverrückbar verankerte Bild von überheblichen reichen alten Herren in prunkvollen lila Seidengewändern auf einem weltentrückten Elfenbeinturm ist Argument genug.

Ich kann hier nur sagen: Zu diesem Priester möchte ich nicht zur Beichte gehen. Mit ihm möchte ich nicht über meinen Glauben, meine Probleme oder irgendetwas sprechen, über das man sonst speziell mit Priestern spricht. Ich möchte mir nicht einmal seine Predigten anhören. Weil ich das Gefühl habe, dass ich – auch wenn ich kein „Prälat“, sondern bloß eine gewöhnliche Katholikin mit eher „konservativen“ Ansichten bin – für ihn als passendes Zielobjekt von „Nächstenliebe“ letztendlich ausscheiden würde. Schießler liebt nicht den Sünder und hasst dabei die Sünde, wie es seine Gegner proklamieren. Er hasst Sünde und Sünder, er definiert sie nur anders. Sünder sind für ihn nicht wiederverheiratete Geschiedene, sondern Katholiken, die bei bestimmten Themen nicht einer Meinung mit ihm sind; das sind Pharisäer; die sind die wahren Sünder; und auf die muss man auch nicht zugehen und sie suchen wie das verlorene Schaf. Die sollen gefälligst bereuen und in Sack und Asche Buße tun und froh sein, wenn man sie dann gnädigst wieder aufnimmt.

Ich will alle diese Themen hier nicht lang und breit diskutieren; einzelne, wie die Zelebrationsrichtung oder das Firmalter (in diesem Zusammenhang kritisierte er die Einführung eines jüngeren Firmalters durch „junge konservative Bischöfe“), sind nicht einmal häresieverdächtig und Katholiken können hier durchaus unterschiedlicher Meinung sein. Ich selber beispielsweise bin doch auch eher für ein höheres Firmalter, würde aber dafür die Zelebrationsrichtung ad orientem für sinnvoll halten. Aber das Entscheidende ist dies: Pfarrer Schießler lässt gar nicht den Gedanken daran aufkommen, dass die „Prälaten“, die „jungen, konservativen Bischöfe“ oder was für Gegner er sonst noch haben mag, aus anderen Gründen als klerikaler Arroganz anderer Meinung sind als er, ob es nun um die Unauflöslichkeit der Ehe oder die alte Messe geht. Ich bin bereit, Herrn Schießler zu glauben, dass er seine Konzepte ernsthaft für barmherziger und menschenfreundlicher hält, auch wenn seine Argumentationsweise nicht gerade intellektuell redlich ist. Ist er bereit, mir dasselbe zu glauben?

Letzten Endes jedoch bleibt vor allem ein Eindruck: Dass auch die Kritik an den „Prälaten“ nicht der Kern von Hochwürden Schießlers Botschaft ist. Sondern die Selbstdarstellung. In jedem Thema, das er ansprach, war deutlich die Aussage zu hören: Seht her, so toll mache ich das.

Während ich später noch im Foyer des Veranstaltungshauses gewartet habe, ergab sich übrigens noch ein kurzes Gespräch zwischen mir und Pfarrer Schießlers Photograf, bei dem ich zum Ausdruck brachte, dass ich den Vortrag nicht besonders ansprechend gefunden hatte. Was mir denn nicht gefallen habe, erkundigte er sich. Auf die Schnelle konnte ich es nicht gut in Worte fassen, aber ich sagte ihm, dass Pfarrer Schießler auf mich den Eindruck gemacht habe, seine Meinung stehe für ihn über allem. So sei er nicht, versicherte der nette junge Photograf mir.

Ich weiß nicht, wie Pfarrer Schießler privat ist. Sicher neigen viele Menschen, die im Fernsehen, wenn auch nur im öffentlich-rechtlichen, auftreten, zwangsläufig zu Selbstdarstellung und Polemik, wenn sie öffentlich sprechen; die Versuchung zur Selbstdarstellung kommt mit der Bekanntheit Hand in Hand. Natürlich möchte man seine Ansicht auch gut darstellen, und übertreibt dann manchmal. Wenn er mit seinen „Gegnern“ direkt reden würde, würde er vielleicht anders reden als vor einem Saal von Leuten, bei denen er mit Beifall rechnet (und ihn größtenteils auch bekommt, auch wenn an diesem Abend einige allein von der Länge des Vortrags nicht begeistert waren). Vielleicht wäre er dann verständnisvoller. Keiner ist perfekt, wie es uns die Kirche lehrt.

Aber was ich sagen kann, ist, dass Vorträge wie dieser sicher nicht zu einem Geist der Nächstenliebe, der Toleranz und der gepflegten Debatten beitragen. Bei den sog. konservativen/strenggläubigen/wie-auch-immer-man-sie-betiteln-mag Katholiken, die sich mit den bösen Prälaten solidarisieren, hinterlassen sie jedenfalls das Gefühl, dass sie von vornherein als die Bösen abgestempelt werden sollen. Weil es ja gar keinen anderen Grund geben kann, gegen eine Wiederheirat nach einer Scheidung zu sein, als mangelnde Nächstenliebe.