Die Sache mit der Nächstenliebe und den Kirchenfürsten

Pfarrer Rainer Maria Schießler aus München zählt wohl, wenn auch nicht gerade zu den katholischen Promis, dann doch zu den bekannteren Kirchenmännern Deutschlands. Regelmäßig im BR zu sehen, bekannt für seinen Nebenjob als Kellner auf der Wiesn, seine „Viecherlgottesdienste“ und seine Fahrzeugsegnungen; einer, von dem man eben ab und zu in der Regionalzeitung liest. So einer erreicht die Menschen, könnte man sagen. Wenn man ihn allerdings einmal reden hört, fragt man sich, mit welcher Botschaft genau er sie eigentlich erreichen will.

Vor einigen Wochen bekam ich von einer Freundin die Einladung zu einer Lesung mit Pfarrer Schießler. Ich hatte Zeit, es war eine gute Gelegenheit, sich mal wieder zu treffen – bin also gern hingegangen. Über den Referenten des Abends hatte ich mich nicht wirklich intensiv informiert. Er machte mir auf dem Plakat keinen wirklich ansprechenden Eindruck, aber na und. Ich ging ja nicht wegen ihm hin, und vielleicht würde es doch ganz nett werden.

Während Hochwürden Schießler (wie er sich selbst wohl nicht titulieren würde) zu Beginn der Veranstaltung noch seine Bücher signierte, die zahlreichen Anwesenden hauptsächlich mittleren Alters sich ihre Plätze im Saal suchten, und meine Freundin sich mit Bekannten unterhielt, blätterte ich ein wenig in seinem Werk mit dem dezidiert bayerischen Titel „Himmel, Herrgott, Sakrament“. Mein erster Eindruck war: Worum, Himmel Herrgott Sakrament no a mal, geht es hier eigentlich? Das Buch schien nichts weiter zu sein als eine Ansammlung von ungeordneten autobiographischen Anekdoten und Meinungsäußerungen zu einzelnen Themen, alles wenig aussagekräftig, sehr durcheinander und vor allem: eher eine Selbstdarstellung des Autors als eine Darstellung eines bestimmten Themas.

Der insgesamt leicht über zweieinhalbstündige Vortrag begann dann passenderweise nicht gleich mit einer Lesung, sondern ebenfalls mit Anekdoten über Schießlers Erlebnisse beim Bayerischen Fernsehen, beim Oktoberfest, und Ähnlichem. Man muss ihm eins lassen: Reden kann er, und seine Erzählungen sind witzig. Zum Kabarettisten hätte er durchaus das Zeug. In der kurzen Lesung aus seinem Buch ging es dann passenderweise um ein Kindheitserlebnis, als der aufgeregte Rainer sich bei seinem allerersten Mal Ministrantendienst übergeben musste. Witzig geschrieben, eine süße Geschichte, man muss es sagen. Die Geschichte, wie der Verlag mit dem Buchprojekt auf ihn zugekommen sei, war dagegen von ostentativ zur Schau gestellter Demut geprägt: Dass so ein Dorfpfarrer wie er jetzt ein Buch schreiben solle, usw. (München ist zwar nicht direkt ein Dorf, aber gut. Stadtpfarrer sind schließlich nicht automatisch wichtiger als Dorfpfarrer.) Sicher: Das Buch ist offenbar auch von der Seite des Verlags als eine Vorstellung der Person Schießlers und seiner Ansichten und Projekte gedacht. Offenbar wird bei den Lesern vorausgesetzt, dass sie bereits ein wenig darüber wissen, wer er ist. Trotzdem blieb da der Eindruck, dass der Herr Pfarrer es doch ganz gut leiden kann, im Mittelpunkt zu stehen.

Einige konkrete Themen hat er doch angesprochen, und dabei auch einige gute Dinge gesagt. Diese Themen kann man wohl unter dem Untertitel seines Buches zusammenfassen: „Auftreten statt austreten“. Katholiken sollten ihre Kirche lieben und deshalb manches in ihr zu ändern versuchen. An sich ein gutes Prinzip (ecclesia semper reformanda!), und auch in eher „konservativen“ Kreisen ist ja das Kritisieren von bestimmten deutschen Bischöfen, kirchensteuerfinanzierten Einrichtungen und gewissen Gremien (*hüstl* ZDK *hüstl*) bekanntermaßen an der Tagesordnung. Wie sehen also Pfarrer Schießlers Vorstellungen von einer besseren, lebendigeren Kirche aus?

Es waren hilfreiche praktische Einsichten für den persönlichen Alltag dabei, was etwa die Angst vor dem Leben angeht. Außerdem gab es pastorale Tipps; sein Bericht von seiner Israelfahrt mit seinen Firmlingen war recht spannend, und kann durchaus als Vorbild für Firmpastoral dienen: Sakramente muss man spüren, sei einer seiner Grundsätze. Sicher gebe es auch eine objektive Wirksamkeit des Sakraments, aber trotzdem sei eine intensive, ansprechende Vorbereitung nötig. Gut und richtig, in keiner Weise häresieverdächtig, wenn man auch darüber streiten kann, ab wann der Eventcharakter überbewertet wird. Wobei eine Fahrt ins Heilige Land sicher so ziemlich die beste Firmvorbereitung ist, die man sich denken kann, wenn sie entsprechend begleitet wird (und die Eltern beim Bezahlen mitmachen).

An manchen Stellen wurde es etwas unlogisch, wenn er zum Beispiel wie selbstverständlich davon ausging, dass die „heutigen Menschen“ von den mittelalterlichen irgendwie grundsätzlich verschieden seien; ein nicht sehr durchdachter, aber verbreiteter Trugschluss. Lassen wir’s mal durchgehen.

Aber dann schlägt Hochwürden wieder ganz andere Töne an.

Es sind die üblichen Themen. Wiederverheiratete Geschiedene. Homosexuelle. Letzteren erteilt er natürlich eine Segnung. Die würden ja nicht einmal eine richtige Hochzeit verlangen, sondern bloß eine Segnung wünschen. Und überhaupt habe er vor allen denen großen Respekt, die gerade nicht kirchlich heirateten, weil sie sich dem Ideal nicht gewachsen fühlten. Und manche, die unverheiratet zusammenlebten, gingen ja sehr viel besser und rücksichtsvoller mit ihrem Partner um als manche kirchlich Verheirateten. (Man fragt sich unwillkürlich, was es dann überhaupt noch wert ist, wenn man sich anstrengt, dem Ideal gerecht zu werden.) Und man komme ihm hier nicht mit diesem Spruch „Liebe den Sünder, hasse die Sünde!“ Nächstenliebe! Toleranz!

An dieser Stelle wurde natürlich Papst Franziskus gelobt, der ja, trotz der ergebnislosen Synode, mit seinen Bemerkungen („Wer bin ich, zu urteilen?“, Die meisten Ehen seien ungültig, etc.) Türen geöffnet habe, die sich jetzt nicht mehr schließen ließen. Man kann sich hier denken, dass es gut ist, dass die Kirche kein solches Konzept des Lehramts vertritt, nach dem jede Äußerung eines Papstes für alle weiteren Zeiten von höchster Bedeutung wäre; andernfalls wäre Papst Liberius’ Nachgiebigkeit gegenüber dem Arianismus wohl von recht fataler Auswirkung.

Das Lästern über Papst Benedikt XVI. durfte natürlich auch nicht fehlen: der in seinen „barocken“ Gewändern.

Insgesamt zeichnete sich in Schießlers Äußerungen ein Bild von den höheren Funktionsträgern in der Kirche ab, das von klarem Antiklerikalismus geprägt ist. Er brüstete sich damit, dass er kein höheres kirchliches Amt anstrebe (er strebt ja auch nur Ämter im Bayerischen Rundfunk an), mit einer Meinungsverschiedenheit mit einem „Prälaten“ (man beachte hier immer die Wahl der Begriffe! „Generalvikar“, oder „Weihbischof“, oder was auch immer dieser Prälat genau war, hätte einen anderen Klang) und zog über Vorschläge her, die Zelebrationsrichtung „mit dem Rücken zum Volk“ wieder einzuführen. Er habe jetzt endlich in seiner Kirche einen Volksaltar installiert, und es sei wohl in Ordnung, fünfzig Jahre nach dem Konzil das Konzil umzusetzen. Argumente für oder gegen die eine oder die andere Richtung, oder Kardinal Sarahs Gründe für einen solchen Vorschlag, oder auch nur Zitate aus tatsächlichen Konzilsdokumenten wurden nicht erwähnt.

Dieser Antiklerikalismus hat eine klare Wirkung: Schießler setzt sich als der heldenhafte Rebell gegen die Kirchenfürsten in Szene und erntet dafür öffentlichen Beifall. Mit den „anderen“ braucht es keinen Austausch von Argumenten; das verschwommene, aber unverrückbar verankerte Bild von überheblichen reichen alten Herren in prunkvollen lila Seidengewändern auf einem weltentrückten Elfenbeinturm ist Argument genug.

Ich kann hier nur sagen: Zu diesem Priester möchte ich nicht zur Beichte gehen. Mit ihm möchte ich nicht über meinen Glauben, meine Probleme oder irgendetwas sprechen, über das man sonst speziell mit Priestern spricht. Ich möchte mir nicht einmal seine Predigten anhören. Weil ich das Gefühl habe, dass ich – auch wenn ich kein „Prälat“, sondern bloß eine gewöhnliche Katholikin mit eher „konservativen“ Ansichten bin – für ihn als passendes Zielobjekt von „Nächstenliebe“ letztendlich ausscheiden würde. Schießler liebt nicht den Sünder und hasst dabei die Sünde, wie es seine Gegner proklamieren. Er hasst Sünde und Sünder, er definiert sie nur anders. Sünder sind für ihn nicht wiederverheiratete Geschiedene, sondern Katholiken, die bei bestimmten Themen nicht einer Meinung mit ihm sind; das sind Pharisäer; die sind die wahren Sünder; und auf die muss man auch nicht zugehen und sie suchen wie das verlorene Schaf. Die sollen gefälligst bereuen und in Sack und Asche Buße tun und froh sein, wenn man sie dann gnädigst wieder aufnimmt.

Ich will alle diese Themen hier nicht lang und breit diskutieren; einzelne, wie die Zelebrationsrichtung oder das Firmalter (in diesem Zusammenhang kritisierte er die Einführung eines jüngeren Firmalters durch „junge konservative Bischöfe“), sind nicht einmal häresieverdächtig und Katholiken können hier durchaus unterschiedlicher Meinung sein. Ich selber beispielsweise bin doch auch eher für ein höheres Firmalter, würde aber dafür die Zelebrationsrichtung ad orientem für sinnvoll halten. Aber das Entscheidende ist dies: Pfarrer Schießler lässt gar nicht den Gedanken daran aufkommen, dass die „Prälaten“, die „jungen, konservativen Bischöfe“ oder was für Gegner er sonst noch haben mag, aus anderen Gründen als klerikaler Arroganz anderer Meinung sind als er, ob es nun um die Unauflöslichkeit der Ehe oder die alte Messe geht. Ich bin bereit, Herrn Schießler zu glauben, dass er seine Konzepte ernsthaft für barmherziger und menschenfreundlicher hält, auch wenn seine Argumentationsweise nicht gerade intellektuell redlich ist. Ist er bereit, mir dasselbe zu glauben?

Letzten Endes jedoch bleibt vor allem ein Eindruck: Dass auch die Kritik an den „Prälaten“ nicht der Kern von Hochwürden Schießlers Botschaft ist. Sondern die Selbstdarstellung. In jedem Thema, das er ansprach, war deutlich die Aussage zu hören: Seht her, so toll mache ich das.

Während ich später noch im Foyer des Veranstaltungshauses gewartet habe, ergab sich übrigens noch ein kurzes Gespräch zwischen mir und Pfarrer Schießlers Photograf, bei dem ich zum Ausdruck brachte, dass ich den Vortrag nicht besonders ansprechend gefunden hatte. Was mir denn nicht gefallen habe, erkundigte er sich. Auf die Schnelle konnte ich es nicht gut in Worte fassen, aber ich sagte ihm, dass Pfarrer Schießler auf mich den Eindruck gemacht habe, seine Meinung stehe für ihn über allem. So sei er nicht, versicherte der nette junge Photograf mir.

Ich weiß nicht, wie Pfarrer Schießler privat ist. Sicher neigen viele Menschen, die im Fernsehen, wenn auch nur im öffentlich-rechtlichen, auftreten, zwangsläufig zu Selbstdarstellung und Polemik, wenn sie öffentlich sprechen; die Versuchung zur Selbstdarstellung kommt mit der Bekanntheit Hand in Hand. Natürlich möchte man seine Ansicht auch gut darstellen, und übertreibt dann manchmal. Wenn er mit seinen „Gegnern“ direkt reden würde, würde er vielleicht anders reden als vor einem Saal von Leuten, bei denen er mit Beifall rechnet (und ihn größtenteils auch bekommt, auch wenn an diesem Abend einige allein von der Länge des Vortrags nicht begeistert waren). Vielleicht wäre er dann verständnisvoller. Keiner ist perfekt, wie es uns die Kirche lehrt.

Aber was ich sagen kann, ist, dass Vorträge wie dieser sicher nicht zu einem Geist der Nächstenliebe, der Toleranz und der gepflegten Debatten beitragen. Bei den sog. konservativen/strenggläubigen/wie-auch-immer-man-sie-betiteln-mag Katholiken, die sich mit den bösen Prälaten solidarisieren, hinterlassen sie jedenfalls das Gefühl, dass sie von vornherein als die Bösen abgestempelt werden sollen. Weil es ja gar keinen anderen Grund geben kann, gegen eine Wiederheirat nach einer Scheidung zu sein, als mangelnde Nächstenliebe.

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