Die allumfassende Kirche, Teil 2: Die Gemeinschaft der Heiligen

Alle Teile hier: https://nolitetimereweb.wordpress.com/reihe-die-allumfassende-kirche/

 

Im ersten Teil dieser Reihe ging es um eine erste Bedeutung der Katholizität der Kirche (katholisch, altgriechisch katholikos, bedeutet, wie gesagt, allumfassend): Sie ist universal in Bezug auf Länder, Völker und Nationen. Sie ist es aber auch – und das ist mindestens ebenso wichtig – in Bezug auf Epochen und Zeiten.

Es ist Unsinn, von der Kirche zu fordern, sie solle sich einer bestimmten Zeit (zum Beispiel der, die jetzt gerade da ist) anpassen; dadurch würde sie ihre Universalität aufgeben. Petrus und Paulus, Athanasius von Alexandria und Benedikt von Nursia, Hildegard von Bingen und Katharina von Siena, Thomas Morus und Kateri Tekakwitha gehören ebenso zur katholischen Kirche wie Max Meier und Chantal Müller aus Obereischheim. Sicher verwirklicht sich der katholische Glaube in jeder Zeit und in jedem Menschen anders; aber er bleibt trotzdem immer im Kern gleich. Paulus schreibt: „Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir“ (Galater 2,20) und „Jesus Christus ist derselbe gestern, heute und in Ewigkeit“ (Hebräer 13,8). Daraus folgt logisch, dass alle Christen aller Epochen etwas gemeinsam haben müssen – denn in uns allen lebt derselbe Christus.

C. S. Lewis (1898-1963), einer meiner Lieblingsschriftsteller, spricht in „Surprised by joy“ davon, dass er während seiner Zeit als Atheist unter einer Art von „chronologischem Snobismus“ litt, und in einem Essay, den ich leider gerade nicht finden kann, spricht er eine Art von verbreitetem chronologischem Provinzialismus an. Wir halten unsere Zeit für allen anderen überlegen – „mittelalterlich“ ist ein Synonym für „schlecht“ geworden –, haben aber gleichzeitig so gut wie keine Ahnung von diesen anderen Zeiten, vor allem davon, wie die Menschen in diesen anderen Zeiten gedacht haben und ob uns das etwas sagen könnte. Wir lesen nicht das, was sie damals geschrieben haben, sondern bestenfalls, was andere heute über sie schreiben; und das ist nichts anderes als chronologischer Provinzialismus, als denkerische Enge.

Diese allgemein übliche Verachtung der Vergangenheit betrifft nicht ausschließlich die christliche Vergangenheit. In längst vergangenen Tagen – selbst noch in Lewis’ Tagen – war es in höheren Schulen einmal üblich, Platon und Vergil zu lesen in der Annahme, dass die einem eventuell noch was zu sagen haben könnten. Heute kann man froh sein, wenn Neuntklässler aus dem Geschichtsunterricht in Erinnerung behalten, wann der Zweite Weltkrieg stattgefunden hat. (Ja, ich gehöre tatsächlich zu den Menschen, die sich endlos darüber aufregen könnten, dass meine Generation dank der großartigen innovativen „entrümpelnden“ Lehrpläne unserer Kultusministerien kein historisches Wissen und im Übrigen auch nahezu keine Ahnung von Grammatik und Rechtschreibung mehr hat. Meistens habe ich zwar Besseres zu tun, aber gelegentlich muss man das mal sagen dürfen. So!) Und obwohl die antiken heidnischen Philosophen in Abgrenzung vom christlichen Erbe gerne mal öffentlich gelobt werden, sind die einzigen, die sie (wenn auch leider immer noch recht selten) tatsächlich lesen, meistens die Christen. Ich spreche aus Erfahrung: In den Altgriechischkursen an den Unis sitzen nun einfach so gut wie ausschließlich Theologiestudenten.

Selbst wenn ein Historiker heute mal Platon – oder vielleicht sogar einen christlichen Philosophen wie Boethius oder Thomas von Aquin – liest, dann selten mit der Frage im Hinterkopf: Hatte er Recht? Was hat mir das zu sagen?

Ich will schon wieder Lewis zitieren, der in seinen berühmten „Screwtape letters“ (deutsch: „Dienstanweisungen für einen Unterteufel“) den höhergestellten Teufel Screwtape an seinen Neffen Wormwood schreiben ließ:

Es mag nun erwidert werden, dass einige dieser zudringlichen menschlichen Schriftsteller, vorab Boethius, diese Geheimnis preisgegeben haben. Aber dank dem intellektuellen Klima, das uns in Westeuropa endlich zu schaffen gelungen ist, brauchst Du dich um diese Gefahr nicht groß zu sorgen. Nur die Gelehrten lesen alte Bücher. Wir aber haben diese Gelehrten so geschult, dass sie unter allen Menschen am wenigsten geeignet sind, sich die Weisheit aus den Büchern der Alten anzueignen. Wir haben das erreicht, indem wir ihnen „den geschichtswissenschaftlichen Standpunkt“ unauslöschlich eingeprägt haben. Der „geschichtswissenschaftliche Standtpunkt“ bedeutet kurz gefasst dies: Wenn ein Gelehrter irgendeiner Aussage eines früheren Autors begegnet, dann ist die eine Frage, die er nie stellen wird, die, ob sie wahr ist. Er fragt, wer den antiken Verfasser beeinflusst hat, wie diese Aussage mit dem übereinstimmt, was er in anderen Büchern sagt, und welche Entwicklungsphase des Schreibenden oder der allgemeinen Geschichte des Denkens erläutert wird und wieweit sie spätere Denker beeinflusst haben und wie oft sie falsch verstanden worden sind (besonders von den eigenen Kollegen des Gelehrten), welche Richtung die allgemeine Kritik in dieser Frage im Laufe der letzten zehn Jahre eingeschlagen hat und welches der „gegenwärtige Stand der Frage“ ist. Die Schriften des alten Verfassers als mögliche Quelle der Erkenntnis anzusehen, zu erwarten, dass das, was sie sagen, möglicherweise die eigenen Gedanken oder das eigene Handeln ändern könnte – das würde als äußerst einfältig abgewiesen.

G. K. Chesterton (1874-1936) hat Tradition einmal als „Demokratie für die Toten“ bezeichnet. Eine solche Art der Demokratie, in der auch die Toten Stimmrecht haben, macht natürlich dann besonderen Sinn, wenn man davon ausgeht, dass die Toten noch leben. Die Christen vergangener Epochen gehören zur Kirche wie wir, und zwar aus dem einfachen Grund, dass zwar ihre Epochen vergangen sein mögen, aber sie nicht.

Im Credo bekennen wir unseren Glauben an die „Gemeinschaft der Heiligen“. Hier wird das Wort „Heilige“ im Sinn des Paulus verwendet, der seine Briefe mit „an die Heiligen in XYZ“ begann: Heilige – Geheiligte durch die Taufe und den Glauben – sind in diesem Sinne alle Christen. Wir bilden eine Gemeinschaft. Und zu der gehören nicht nur die Christen auf der Erde, sondern auch die, die bereits tot und bei Gott sind (= die im Himmel) bzw. vor ihrem endgültigen Eintritt in die Gemeinschaft mit Gott noch eine Läuterungszeit durchmachen (= die im Fegefeuer, lateinisch Purgatorium (Reinigungsort)). Deshalb beten wir zu denen im Himmel um Fürsprache, und leisten selber Fürsprache für die im Fegefeuer; bei denen auf der Erde geht beides, wir können für andere und andere für uns beten.

Für diese drei Bereiche der Kirche verwendete man klassischerweise die Begriffe:

  • ecclesia militans: streitende (d. h. kämpfende) Kirche (auf der Erde)
  • ecclesia patiens: leidende Kirche (im Fegefeuer) und
  • ecclesia triumphans: triumphierende Kirche (im Himmel“).

Im Moment sind wir noch bei der kämpfenden Kirche auf dem Schlachtfeld; aber wir hoffen darauf, mal zur siegreichen, triumphierenden Kirche im Angesicht Gottes zu gehören.

PS: Ja, „Kämpfen“ ist hier im übertragenen Sinne gemeint, wir Katholiken sind keine Gotteskrieger. Mit Kämpfen meinen die Christen traditionellerweise immer so was wie Kampf gegen die Sünde, das Schlechte in einem selber. Ja, auch das Schlechte da draußen in der Welt, aber anfangen muss man in sich selber, da gibt’s auch genug Schlechtes. Aus dem Gesagten folgt wohl logisch, dass die geeigneten Waffen in diesem Kampf wohl weder Feuer und Schwert, noch Sprengsatz und Maschinengewehr sind.

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