Philosophie und Offenbarung, Teil 1

Ein Unterschied, der beim Thema „Glaube ich an Gott oder nicht?“ gemacht werden sollte und oft nicht gemacht wird, ist der zwischen philosophischer Gotteserkenntnis und Gotteserkenntnis durch Offenbarung.

Menschen können durch Nachdenken zu dem Schluss kommen, dass es einen Gott gibt (oder dass es wahrscheinlich einen Gott gibt). Allerdings führt das noch nicht unbedingt zu der Erkenntnis, wie genau dieser Gott ist, was er so macht, was er mich angeht, und was er so von meinem Leben hält. Wenn dieser Gott existiert, hat er aber auch die Möglichkeit, sich selbst auf spezielle Weise den Menschen zu zeigen, nicht nur durch das, was er allgemein erkenntlich in seiner Schöpfung von sich gezeigt hat und das die Menschen möglicherweise durch ihre von ihm gegebene Vernunft erkennen können, sondern auch auf andere Weise, wie es ihm gerade einfällt. Er könnte mit rosa Farbe einzelne Lehren und Gebote in den Himmel schreiben, oder Feuer und Schwefel regnen lassen, oder er könnte auch selber die menschliche Natur annehmen, in einer kleinen Höhle bei Bethlehem geboren werden, in einer menschlichen Familie aufwachsen, lehren, Wunder wirken, wegen Gotteslästerung brutal hingerichtet werden und dann wieder auferstehen. Laut dem Christentum wählte er Letzteres. Es gibt keinen Widerspruch zwischen beidem; Gott kann sich nicht widersprechen, also auch nicht Philosophie (wenn sie korrekt ist und nicht auf Denkfehlern beruht) und Offenbarung. Im Gegenteil: Die Offenbarung kann auf der Philosophie aufbauen.

Um es mit den schönen Worten des Thomas von Aquin zu sagen:

 

„Zuerst muß folglich gesagt werden, dass ‚Gott IST’, und dass das andere Derartige, was durch die natürliche Vernunft von Gott bekannt sein kann […]  nicht Glaubensartikel, sondern Vorüberlegungen zu den Artikeln darstellt;  so nämlich setzt der Glaube die natürliche Erkenntnis voraus, wie die Gnade die Natur und wie die Vollendung das Vollendbare voraussetzt.“ (Quelle: http://12koerbe.de/pan/st1qu2.htm )

 

Philosophische Argumente für die Existenz Gottes (d. h. eines absoluten Seins ohne Anfang und Ende, eines ursprunglosen Wesens, das seinerseits für die Entstehung der Welt verantwortlich ist) sind beispielsweise die „fünf Wege“ des Thomas, die er in der Summa theologiae ausführt. Thomas geht z. B. davon aus, dass es in der Welt Bewegung (ein Begriff für Veränderung im Allgemeinen) gibt, aber keine Veränderung ohne Ursache denkbar ist. Diese Ursachenkette kann man immer weiter zurückverfolgen. Irgendwann muss es jedoch eine erste Ursache geben, denn sonst könnte die ganze Kette überhaupt nicht existieren, „wie der Stock nichts bewegt, es sei denn dadurch, dass er von der Hand bewegt wird“. Von nichts kommt nichts: Das entspricht unserer ganzen Erfahrung. Also muss es einen ersten „unbewegten Beweger“ geben – „und das begreifen alle als ‚Gott’“. Ein weiterer Weg geht davon aus, dass es in der Welt Zielgerichtetheit gibt, also dass Dinge zu einem Zweck da zu sein scheinen. Dasselbe hört man von Ökologen recht häufig; in der Natur hat alles seinen Platz und seinen Sinn. Ohne Bienen würde zum Beispiel ziemlich wenig funktionieren. Solche Zielgerichtetheit und Ordnung setzt jedoch jemanden voraus, der das ganze System geordnet hat – wiederum einen Gott.

Noch ein anderer der fünf Wege beruht auf dem Argument der Stufungen: In der Welt gibt es verschiedene Abstufungen von Vollkommenheit, von Gutheit (das ist zwar falsches Deutsch, aber das deutsche Wort Güte passt hier einfach nicht). Wir beurteilen diese Abstufungen; also muss es einen Maßstab geben, nach dem wir urteilen, eine oberste Gutheit, eine Kraft oder ein Wesen, die oder das das Gute verkörpert, der Ursprung des Guten ist, „und das nennen wir Gott“. C. S. Lewis führt in „Mere Christianity“ ein sehr ähnliches Argument genauer aus: Alle Menschen fühlen in sich den Anspruch ihres Gewissens, das ihnen sagt, was sie tun sollen. Das ist oft sehr verschieden von dem, was sie tun wollen, aber die Stimme, die ihnen sagt, was richtig und was falsch ist, verlangt trotzdem Gehorsam. Jeder Mensch erkennt implizit an, dass es Gut und Böse, dass es einen Maßstab des Richtigen gibt – spätestens dann, wenn er selbst ungerecht behandelt wird, wird er Gerechtigkeit verlangen. Wir können gar nicht anders, als in Begriffen von richtig und falsch, von moralisch und unmoralisch, von gut und schlecht zu denken; das ist uns angeboren, und das tun unbewusst selbst die, die eine andere Philosophie vertreten.

Ein weiteres Argument für eine Existenz von irgendetwas Übernatürlichem läge ebenfalls im Wesen des Menschen: Er ist so offensichtlich darauf ausgerichtet, an etwas außer- und oberhalb dieser Welt zu glauben, dass die Atheisten, global betrachtet, auch heute ziemlich deutlich in der Minderheit sind. Der Mensch hat ein Verlangen nach etwas, das über diese Welt hinaus geht, nach dem Übernatürlichen. So ein Verlangen wäre aber sehr seltsam, wenn es die Erfüllung des Verlangens einfach nicht gäbe. Wir haben Hunger – Essen existiert. Wir haben Durst – Flüssigkeiten existieren. Wir frieren – Wärme existiert. Wir haben ein Bedürfnis nach Kommunikation und Austausch – andere Menschen existieren. Wir haben in der Regel kein Bedürfnis, für das es keinen Grund gibt; so sagt es uns die Erfahrung. Das einzige Verlangen, das nicht gestillt werden können soll, soll das nach Gott sein? (Wieder danke an Lewis für diese Einsicht!)

Ich denke, wir können anhand der oben beschriebenen Gedankengänge davon ausgehen, dass es zumindest recht vernünftig ist, anzunehmen, dass ein Gott existiert. (Gegenbeweise wurden übrigens noch nie erbracht.) Sokrates und Platon vertraten einen philosophischen Monotheismus, dasselbe gilt für die meisten Philosophen der sogenannten Aufklärung. (Ich mag den Begriff eigentlich nicht, weil er nicht zutrifft, aber dazu eigens.) Man kann Gottes Existenz für erwiesen, wahrscheinlich oder möglich halten, unabhängig davon, ob man glaubt, dass er sich irgendwann noch speziell offenbart hat. Allerdings sollte man nicht – wie die französischen Aufklärer das taten – generell davon ausgehen, dass er sich grundsätzlich nicht offenbart; denn das wäre ziemlich dämlich, es hieße nämlich, einem Wesen, das man selbst nicht im geringsten erfassen kann, vorschreiben zu wollen, was es zu tun hat und was nicht.*

Nun gibt es ganz verschiedene angebliche Offenbarungen im Lauf der Geschichte; Jesus, Mohammed und Joseph Smith (der Gründer der Mormonen) behaupteten alle, von Gott gesandt zu sein, und da waren sie noch lange nicht die einzigen. Nun kann man daran einfach herangehen wie an jeden Bericht von irgendetwas: Mit der Frage „Stimmt das?“.

Da kann man Verschiedenes betrachten. Erst einmal sollte man sich anschauen, was sie selber denn gesagt haben und welchen Eindruck das macht. Ich hatte zum Beispiel bereits das Buch Mormon in der Hand, und ich muss sagen mein Eindruck war: Billiger Versuch eines Bibelabklatsches (jeder zweite Satz lautete „Und es begab sich“), und Mischmasch aus kruden Geschichten, die historisch so was von unbeweisbar oder bereits widerlegt sind (Jesus ist nach seiner Auferstehung den Indianern erschienen, die zum Teil aus den verlorenen Stämmen Israels bestanden, allerdings haben die sich dann irgendwann untereinander bekämpft und ausgerottet, und so ist der Glaube dort verloren gegangen… also bitte!). Hinzu kommen bei den Mormonen moralische… ähm… Fragwürdigkeiten wie die Einführung der Polygamie (inzwischen zwar längst wieder aufgegeben, aber trotzdem kann man sich fragen, was das sollte). Weiters könnte man prüfen, ob eine Lehre in sich logisch ist oder ob Widersprüche bestehen, oder ob Prophezeiungen gemacht und erfüllt oder nicht erfüllt wurden (wie bei den Zeugen Jehovas; Wiederkunft Christi 1914). Man kann sich generell fragen, wie nachprüfbar das ist, wodurch ein selbsternannter Prophet zu belegen weiß, dass er von Gott ernannt ist. „Ich hatte eine Erscheinung, also glaubt mir, was ich sage!“ ist nicht ausreichend. (Ja, hier meine ich u. a. Mohammed.)

Zum Thema, wie der Katholizismus bei einer solchen Prüfung abschneidet, im zweiten Teil…

 

 

* Natürlich gehen auch die Christen davon aus, dass Gott bestimmte Dinge grundsätzlich nicht tun kann, nämlich Böses tun, weil das Böse ein Mangel ist, und Gott vollkommen ist, und das ein Widerspruch in sich wäre, und Gott sich nicht widersprechen kann. (Zu dem Thema mehr in einem anderen Beitrag.) Aber eine Offenbarung an die Menschen kann nun kaum böse genannt werden.

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