Vergessene Dinge aus der Geschichte

[Mit „vergessenen Dingen“ meine ich hier Epochen und Geschehnisse in der Geschichte, die Historikern zwar durchaus bekannt sind, aber im allgemeinen Geschichtsbewusstsein meistens einfach nicht auftauchen.]

 

Hier also eine kleine Liste, die absolut keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt:

  • Die Jesuitenreduktionen.
  • Die Kongogräuel.
  • Die Türkenkriege.
  • Die Thomaschristen.
  • Das Täuferreich von Münster.
  • Die Geschichte Russlands vor 1917.
  • Das katholische Königreich am Kongo im 16. Jahrhundert.
  • Phönizier, Hethiter, Assyrer, Sumerer… der alte Orient eben.
  • Die Makkabäerzeit.
  • Die internationale, sozialdarwinistische Bewegung für Eugenik und – wie man das damals nannte – „Rassenhygiene“ im frühen 20. Jahrhundert, die in Ländern wie den USA Gesetze zur Zwangssterilisation von Behinderten und Kriminellen u. Ä. durchsetzen konnte.
  • So ziemlich die gesamte Geschichte Ostasiens, vielleicht abgesehen von Pearl Harbor und Hiroshima und Nagasaki.
  • So ziemlich die gesamte Geschichte der -stan-Länder (damit meine ich Kasachstan, Tadschikistan, Usbekistan, und wie sie alle heißen).
  • Die Geschichte Äthiopiens; z. B. die Tatsache, dass es in der ganzen Antike gute Verbindungen zum Mittelmeerraum hatte (in Ägypten gab es zeitweise schwarze Pharaonen (25. Dynastie)) und seit dem 4. Jahrhundert christlich war.
  • Die Sklavenjagden in Ostafrika, besonders dem Sudan, durch muslimische Sklavenhändler, die die Gefangenen dann in sämtliche islamische Länder weiterverkauften – die Gesamtzahl der im Lauf der Jahrhunderte zwischen 650 und 1920 Deportierten wird auf ca. 17 Millionen geschätzt.
  • Der größte Teil der Geschichte Spaniens, Irlands oder Polens – zum Beispiel der Spanische Bürgerkrieg, die jahrhundertelange Unterdrückung Irlands durch England oder die polnischen Teilungen.
  • Katholikenverfolgungen in protestantischen Ländern wie Schweden und England im Zuge der Reformation.
  • Der Moabiter Klostersturm.
  • Der protestantische Gottesstaat in Genf unter Calvin.
  • Die Tatsache, dass Luther dem Landgrafen Philipp von Hessen die Bigamie erlaubte.
  • Pol Pot und die Roten Khmer.
  • Die ursprünglichen Khmer.
  • Wie die verschiedenen Staaten Lateinamerikas unabhängig wurden.
  • Das Oströmische Reich: Das Römische Reich ging 476 n. Chr. nicht unter. Ein großer Teil davon bestand noch ziemlich lange weiter.
  • Die Tatsache, dass antike Statuen und Tempel nicht strahlend weiß, sondern quietschbunt waren. Wirklich furchtbar quietschebunt. (Die Farbreste sind zwar heute größtenteils abgeblättert, aber bei genauerem Erforschen mussten auch die Pioniere der Geschichtswissenschaft im 18. und 19. Jahrhundert sie schon bemerken. Bloß passte diese Erkenntnis nicht in ihr Weltbild von der klassischen, reinen Antike, das sie uns dann weiter überlieferten.)
  • Die Tatsache, dass das ius primae noctis niemals existierte und ebenfalls eine Geschichtslegende des an Geschichtslegenden so reichen 19. Jahrhunderts ist.
  • So außergewöhnliche Lebensgeschichten wie die von Josefine Bakhita, Kateri Tekakwhita, Juan Diego, Andreas Dung-Lac, Karl Lwanga, Raimund Nonnatus, Margaret Clitherow, Thomas Becket, Thomas Morus, Edmund Campion, Moses dem Äthiopier, Pelagius von Cordoba, Petrus Claver, Hippolyt von Rom, den Karmelitinnen von Compiègne, Martín Martínez Pascual, Wilhelm Répin, Augustine Tolton…
  • Antike Häresien: Arianismus, Monophysitismus, Nestorianismus, Doketismus, Apollinarismus, Monotheletismus, Modalismus, Markionismus, Adoptianismus, Nikolaitismus, Pelagianismus, und wie sie sonst noch alle heißen. Obwohl – irgendwie schön, dass die so in Vergessenheit geraten sind!
  • Die Katharer/Albigenser.
  • Die katholische Aufklärung.
  • Die Völkerwanderung und das frühe Mittelalter.
  • Wie schlimm es in Europa ca. zwischen 850 und 950 aussah, als von Osten die Ungarn, von Süden die Sarazenen und von Norden die Wikinger ihre Überfälle verübten, in vielen Fürstentümern eher Chaos herrschte und in Rom so schlechte Päpste regierten, dass es zu solchen Vorkommnissen wie der Leichensynode von 897 kam.
  • Der Mercedarierorden – ein Orden, der im 13. Jahrhundert eigens zu dem Zweck gegründet wurde, Christen, die im Mittelmeerraum verschleppt und als Sklaven in muslimische Länder verkauft worden waren, freizukaufen, und dessen Mitglieder schließlich zusätzlich zu Armut, Ehelosigkeit und Gehorsam das folgende Ordensgelübde ablegten: „…und in der Macht der Sarazenen verbleibe ich als Geisel, wenn es nötig zur Befreiung der gläubigen Christen ist“. Was sagen die Tatsache, dass ein solcher Orden nötig war, und die Tatsache, dass sich Leute fanden, die dabei mitzumachen bereit waren, wohl über die damalige Situation aus?

 

Was will ich mit dieser Liste sagen?

Eigentlich nicht so viel. Zum einen will ich damit vielleicht einfach diesen Ausspruch des Sokrates illustrieren: „Ich weiß, dass ich nichts weiß.“

Irgendwie, so habe ich manchmal das Gefühl, ist es vielleicht gar nicht so schlimm, dass an den Unis inzwischen so viel Spezialwissen und so wenig Überblickswissen vermittelt wird. Das vermittelt wenigstens eine gewisse Demut – ein gewisses Bewusstsein der Begrenztheit des eigenen Wissens. Wenn man erst einmal merkt, wie wenig man auch nur über soziale Randgruppen im mittelalterlichen Westeuropa weiß, nachdem man sich ausführlich in einem halbjährigen Seminar mit diesem Thema beschäftigt hat, und wie viele offene Fragen man danach noch dazu hat, auf die teilweise auch die Quellen keine Antwort geben, wird einem vielleicht klar, wie viel es im mittelalterlichen Westeuropa im Ganzen gibt, das man nicht weiß, und wie viel es in der ganzen Weltgeschichte gibt, das man nicht weiß, und wie viele andere Wissensbereiche (z. B. Astrophysik und Geologie) es gibt, aus denen man erst recht nichts weiß.

Etwas anderes will ich auch noch sagen: Geschichte wird gemacht. Was als Allgemeinbildung zählt, ist eine Auswahl – und die ist nicht immer repräsentativ, und übrigens auch uns Katholiken gegenüber nicht immer fair. Vor allem bringt diese Auswahl oft nicht nur eine Beschränkung auf Epochen und Länder mit sich, sondern auch auf bestimmte Geschehnisse und geistige Strömungen innerhalb von Ländern und Epochen. Nur, weil man ein paar Informationen über die Napoleonischen Kriege hat, weiß man noch lange nicht, was die Menschen in Europa um 1800 in ihrem täglichen Leben am meisten bewegte, über welche Skandale sie redeten, welche Romane sie lasen, welche Sommerhüte bei ihnen modern waren, was sie zum Mittagessen aßen, wie ihre Sonntagsgottesdienste abliefen, wie sie mehrheitlich über den Papst dachten oder auf was sie für die Zukunft hofften.

Zum dritten finde ich Geschichte einfach wahnsinnig spannend und wollte mit meinen Lesern ein paar Gründe teilen, wieso das so ist.

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