Die allumfassende Kirche, Teil 4 – Alles zur größeren Ehre Gottes

Alle Teile hier: https://nolitetimereweb.wordpress.com/reihe-die-allumfassende-kirche/

Die katholische (=allumfassende) Kirche bekennt den Glauben, dass der von Ewigkeit existierende, allmächtige und allwissende Schöpfer des Universums vor zweitausend Jahren zuerst ein kleiner Zellklumpen im Bauch eines Teenagers wurde und dann in einer als Stall genutzten Höhle „in Windeln gewickelt in einer Krippe“ lag. Gott selber hat menschliche Natur angenommen und hat sich damit zu den Menschen heruntergebeugt, um sie zu sich emporzuziehen; er hat durch seine Menschwerdung alles Menschliche geheiligt. Und das heißt: Es gibt nichts in dieser Welt, das nicht, wenn es seiner Natur nach gebraucht wird, geheiligt werden, zur größeren Ehre Gottes gebraucht werden könnte.

„Alles zur größeren Ehre Gottes“ ist das Motto des Jesuitenordens. Dieser Orden trat in einer Zeit (dem 17. und 18. Jahrhundert), in der die rigorosen Jansenisten predigten, dass der Rückzug aus der Welt notwendig sei, um ein einigermaßen gottgefälliges christliches Leben führen zu können, dafür ein, die Welt nicht zu verlassen, sondern zu heiligen, d. h. Gottes Wirken in jeden einzelnen Lebensbereich strahlen zu lassen. (Sidenote: Es ist wahrscheinlich kein Wunder, dass gerade der Jesuitenorden uns so viele Astronomen und anderweitigen Naturwissenschaftler beschert hat. (Ja, Priester, die gleichzeitig Wissenschaftler sind, so was gibt’s, und früher gab’s das sogar gar nicht mal selten, siehe zum Beispiel hier: https://en.wikipedia.org/wiki/List_of_Roman_Catholic_cleric-scientists; auch Georges Lemaîte beispielsweise, der die Urknalltheorie aufstellte, war Priester (allerdings kein Jesuit).))

Man hört von extremen Kirchengegnern immer mal wieder die Ansicht, Religion könne privat ja praktiziert werden, habe sich aber aus dem öffentlichen Leben herauszuhalten. Nun ist diese Ansicht erstens einmal völlig unlogisch und freiheitsfeindlich; es gehört zum Wesen einer jeden Weltanschauung, dass sie nicht nur eine Frage des Gebets im stillen Kämmerlein ist, sondern sich auch im Handeln ausdrückt und eine Gesellschaft beeinflussen will; wenn sie es nicht täte, wäre das Heuchelei (practice what you preach und so); und wenn ein Staat das beschränken wollte, wäre es Unfreiheit – wie beispielsweise unter Queen Elizabeth I. Man konnte zu ihrer Zeit in England so ganz privat und heimlich schon an die katholische Lehre glauben, aber wenn man nicht in die anglikanische Kirche ging, musste man eben Strafe zahlen, und wenn man einen Priester versteckte und bei einer heimlichen Messe dabei war, also seine Religion auch praktizierte – ja, dann sah die Sache noch mal etwas kritischer aus. Dann hatte man nämlich gute Chancen, eine Märtyrerkrone zu gewinnen. Ich denke, dass das nicht Religionsfreiheit ist, erschließt sich von selbst. Denn Religionsfreiheit ist Freiheit zur Religion, nicht Freiheit von Religion. (Sie ist an sich natürlich auch kein uneingeschränktes Recht – Dschihadpredigern möchte man sie zum Beispiel bekanntlich nicht zugestehen. Aber so ist es ja mit allen Freiheiten.)

Zweitens ist eine solche Ansicht insbesondere dem Geist des Christentums grundsätzlich entgegengesetzt; ein Christentum, das nur in privatem Gebet besteht, wäre kein Christentum mehr. Von der Antike an wirkte die Kirche in die Welt; zuerst natürlich nur in ihrem begrenzten Wirkkreis der Gemeinden, aber sobald es ihr möglich war – d. h. sobald sie dank Kaiser Konstantin legal war (beginnendes 4. Jahrhundert) – baute sie im Römischen Reich Krankenhäuser, Herbergen, Waisenhäuser, Altenheime usw. (Jedenfalls im Oströmischen Reich; das Weströmische ging dann erstens ziemlich schnell unter und zweitens kenne ich mich damit einfach weniger aus und kann daher wenige genaue Aussagen darüber treffen, welche kirchlichen Institutionen in den Wirren der Völkerwanderung im 4. und 5. Jahrhundert dort noch gegründet werden konnten. Im Osten gab es jedenfalls so einige. Klöster boten qualitätvolle medizinische Versorgung, wobei auch Ärzte von außen angestellt wurden, nahmen Alte, Behinderte und Waisen auf, kümmerten sich um Leprakranke, speisten Arme an der Klosterpforte, oder sorgten für die Wiedereingliederung ehemaliger Prostituierter in die Gesellschaft.) Und da ab Konstantin die römischen Kaiser und im Zuge der gewandelten öffentlichen Meinung allmählich auch die große Masse der Bevölkerung christlich wurden, wandelte sich auch die öffentliche Ordnung; zum Beispiel wurde das Aussetzen von Kindern verboten. In heidnischer Zeit hatte man es als Recht des Familienvaters angesehen, zu entscheiden, ob ein neugeborenes Kind in der Familie angenommen wurde oder nicht; schließlich war es ja möglich, dass dieses Kind behindert – oder die Götter bewahren! – ein Mädchen war. Auch die blutigen Spektakel in den Amphitheatern wurden abgeschafft.

Alle diese Änderungen brauchten ein wenig Zeit – letztere zum Beispiel geschah erst, nachdem im 5. Jahrhundert ein Mönch aus Protest gegen diese grausamen, anachrostischen Schauspiele, die seiner Meinung nach in einem christlichen Zeitalter längst der dunklen Vergangenheit anzugehören hatten, in eine Arena gerannt und von den wilden Tieren darin getötet worden war. (Nebenbei: So etwas ist grundsätzlich natürlich weder zu empfehlen noch nachzumachen.) Und natürlich war auch im christlichen Römischen Reich nicht gerade alles ideal. Auch neue Probleme traten mit der gesellschaftlichen Anerkennung auf – zum Beispiel das Problem, dass die Kaiser jetzt gerne in theologischen Debatten auf den Konzilien mitreden wollten (die in gesamtkirchlichem Rahmen allerdings auch erst dank der staatlichen Toleranz stattfinden konnten).

Aber das ist wieder ein anderes Thema und mir geht es ja hier auch nicht um eine Bewertung der Spätantike oder irgendeiner anderen Epoche im Ganzen, sondern ums Grundsätzliche: Es ist Aufgabe der Kirche, in die Welt zu wirken. Gestehen wir den NGOs, sagen wir mal, Greenpeace oder feministischen Gruppen oder dem Roten Kreuz zu, dass sie versuchen dürfen, in die Gesellschaft hinein zu wirken und ihre Anliegen durchzusetzen? Klar, ist ja ihre Aufgabe. Na also, und wieso sollte es bei der Kirche anders sein?

Und die Kirche hat sehr viel Gutes für die Welt bewirkt. Zum Beispiel unsere Vorstellung von der Würde jedes einzelnen Menschen, unabhängig von seiner Leistung, beruht ausschließlich auf dem christlichen Bild vom Menschen als gottebenbildlichem Geschöpf. (Versuchen Sie mal, das atheistisch zu begründen und sagen Sie mir, wie weit Sie da kommen.)

Das Prinzip der Kirche, alles in der Welt zu heiligen, sieht man auch an zwei weiteren Dingen: Nämlich den Patronaten der Heiligen und den Segnungen. Ich meine, wir haben in der katholischen Kirche nun wirklich für alles und jedes einen Schutzpatron. Das heißt, meistens haben wir für ein und dieselbe Sache auch mehrere Schutzpatrone. (Ich habe in der Liste bei Wikipedia nachgezählt: Es gibt 69 Patrone gegen Fieber und immerhin 23 gegen Epilepsie und vier gegen Brandwunden.)

Jeder Kontinent, jedes Land, jedes Bistum, jede Kirche, jede Krankheit und jeder Beruf hat seine besonderen Schutzheiligen; dann gibt es noch die Patrone für Mütter, Verlobte, Schwangere, Pilger, Migranten, Gefangene, Sinti und Roma, gegen Hagel, Blitz, Diebstahl, Erdbeben, und so weiter und so fort. Heilige können auch mehrere Patronate übernehmen, und müssen das meistens auch, sobald sie entsprechend bekannt werden. (Wir können uns wohl auch darauf verlassen, dass sie die ihnen zugeteilten Aufgaben ernst nehmen; schließlich sind sie ja Heilige.) Johannes der Täufer beispielsweise ist laut Ökumenischem Heiligenlexikon Patron von: „Jordanien, Malta, Burgund und der Provence, von Florenz, Amiens und Québec; der Schneider, Weber, Gerber, Kürschner, Färber, Sattler, Gastwirte, Winzer, Fassbinder, Zimmerleute, Architekten, Maurer, Steinmetze, Restauratoren, Schornsteinfeger, Schmiede, Hirten, Bauern, Sänger, Tänzer, Musiker, Kinoinhaber; der Lämmer, Schafe und Haustiere; der Weinstöcke; gegen Alkoholismus, Kopfschmerzen, Schwindel, Angstzustände, Fallsucht, Epilepsie, Krämpfe, Heiserkeit, Kinderkrankheiten, Tanzwut, Furcht und Hagel; des Bistums Gurk-Klagenfurt.“ Johannes Paul II. hat in der kurzen Zeit seit seiner Heiligsprechung immerhin schon den Weltjugendtag 2016, die slowakischen Bergretter und die polnische Stadt Belchatow erhalten.

Also, wir halten mal fest: In der Kirche gibt es einen eigenen Schutzpatron, dem die Zuständigkeit für Restauratoren, Kinoinhaber, Haustiere und Weinstöcke und gegen Kopfschmerzen und Schwindel zugewiesen worden ist. Es wirkt irgendwie ein bisschen witzig, fast trivial – ebenso, wie wenn man beispielsweise am 3. Februar in der Messe den Blasiussegen erhält, der da lautet: „Auf die Fürsprache des heiligen Blasius bewahre dich der Herr vor Halskrankheit und allem Bösen.“ (Halskrankheiten und alles sonstige Böse – eine sehr klare und deutliche Unterteilung des Bösen, oder? Das musste ich jedenfalls denken, als ich das zum ersten Mal gehört habe. 😉 ) Aber genau darum geht es ja: In der katholischen – allumfassenden – Kirche ist nichts zu trivial, um Beachtung zu finden, auch durch einen eigenen Schutzpatron und einen eigenen Segen, auch nicht Halsschmerzen, Weinstöcke und Haustiere.

Da wir nun auch beim Thema Segen angekommen sind: Ich lebe ja in Bayern, und bin da eigentlich ziemlich froh drum. Eines der schönen Merkmale des Lebens in diesem Land ist, dass, auch wenn die Leute nicht mehr so unbedingt überzeugt katholisch sind, trotzdem noch bei jedem Richtfest eines Vereinsheims, jeder Eröffnung einer Fabrikhalle und jeder Einweihung eines neuen Fahrzeugs der Dorffeuerwehr der Pfarrer mit dem Weihwasserwedel da stehen muss. Und das ist wirklich schön. Gott stellt alles unter seinen Segen, ausgeteilt durch seine Priester. Wir haben in dieser unserer allumfassenden Kirche sogar – das war mir auch neu – einen eigenen offiziellen Segen für Bier. (Hier gefunden: http://www.patheos.com/blogs/badcatholic/2011/11/in-case-you-needed-another-reason-to-be-catholic.html) Also ist diese Kirche toll oder ist sie toll?

Noch ein anderes Thema könnte man im Zusammenhang mit „Alles zur größeren Ehre Gottes!“ ansprechen: Es gibt oft die Forderung zu hören, die Laien müssten in der Kirche stärker beteiligt werden; worunter man nicht die Kirche als Gemeinschaft aller Gläubigen (da sind sie ja eh schon drin), sondern die Organisation, die Ämter versteht; d. h. es müssten zum Beispiel die Pfarrgemeinderäte gestärkt werden, die Laien sollten bei der Organisation des Bistums mehr gefragt werden, und so weiter.

Die Beteiligung von Laien in der Gemeinde ist natürlich wichtig, wenn sie am Laufen gehalten werden soll; dank Priestermangel bleibt ja oft genug gar nichts anderes übrig, aber auch mit genug Priestern ginge es ganz ohne Laien ja nie. Aber sie ist nicht die allererste und -wichtigste Berufung von uns Laien. Für das Innerkirchliche sind an vorderster Front die Bischöfe und Priester und Mönche und Nonnen zuständig, jedenfalls haben die da das Sagen und sollten es auch haben. Die Laien haben dagegen vor allem die Aufgabe, aus der Kirche nach außen zu wirken: In ihre Familien, in ihre Vereine und in ihre Berufe, als christliche Ärzte, Politiker, Künstler, Geologen, Wirtschaftsfachleute, Verwaltungsbeamte, Polizisten, Lehrer, Journalisten oder meinetwegen Taxifahrer und Putzfrauen. Da haben wir so einige Vorbilder, die in ihrem Laienberuf tatsächlich eine viel größere, einflussreichere und für die Kirche nützlichere Rolle gespielt haben, als sie hätten spielen können, wenn sie sich nur darauf konzentriert hätten, in der Kirchenhierarchie Pfarrgemeinderäte und Laienkomitees zu etablieren; nehmen wir mal den hl. Ludwig IX., König von Frankreich, oder den hl. Thomas Morus, Philosoph, Schriftsteller und Lordkanzler von England (und schließlich Märtyrer); oder unter den nicht-heiliggesprochenen Katholiken etwa Konrad Adenauer oder die Zentrumspartei oder die zahlreichen Schriftsteller des Renouveau Catholique; oder heutzutage meinetwegen Matthias Matussek, Raphael Bonelli, Peter Seewald, Martin Mosebach oder Mel Gibson.

Sicher wird es in vielen Berufen (siehe Geologen, Taxifahrer und Putzfrauen) in der Praxis keinen großen Unterschied machen, ob man Christ ist oder nicht; abgesehen davon vielleicht, dass die Christen einen höheren moralischen Anspruch an sich stellen oder zumindest stellen sollten, was Ehrlichkeit und gute, sinnvolle Arbeit anbelangt. In anderen Berufen (siehe Politiker und Journalisten) werden die Unterschiede ziemlich offenkundig sein; bei wieder anderen kann es sie in Einzelfragen geben (z. B. wird ein christlicher Arzt keine ungeborenen Kinder töten oder bei Sterbehilfe mitmachen, aber ansonsten wird er seine Patienten so behandeln wie jeder andere Arzt auch).

Und hey – grundsätzlich ist es egal, ob es äußerlich einen großen Unterschied macht. Das ist ja gerade auch der Punkt bei dem Konzept „Alles zur größeren Ehre Gottes“. In dieser Welt muss oder sollte ziemlich viel gemacht werden, auch Gesteine erforscht, öffentliche Gebäude geputzt (so einen Nebenjob hatte ich auch schon) und Taxis gefahren, und alles Gute und Notwendige, das nach Kräften getan wird, ist immer für Gott getan, und alles, was für Gott getan wird, hat einen großen Wert. Das ist das, was die hl. Thérèse von Lisieux, die immerhin zur Kirchenlehrerin ernannt worden ist, – und nicht nur sie – gelehrt hat: Den „kleinen Weg“ der Liebe. Es kommt nicht immer darauf an, was man Großes leistet, ob man überhaupt Großes leisten kann, sondern es kommt darauf an, das Kleine, das man jeden Tag tut, immer aus Liebe zu tun. Deshalb ist, glaube ich, auch das Wichtigste, das man auf der Erde tun kann, bei den meisten Menschen nicht das, was man in seinem Beruf tut, sondern was man in persönlichen Beziehungen zu anderen Menschen, zur Familie und so weiter, tut. Auch zu Gott. Auch das Gebet hat nämlich einen sehr großen Wert.

Christus hat gesagt: „Wer in den kleinsten Dingen zuverlässig ist, der ist es auch in den großen, und wer bei den kleinsten Dingen Unrecht tut, der tut es auch bei den großen.“ (Lukas 16,10) Und: „Du bist im Kleinen ein treuer Verwalter gewesen, ich will dir eine große Aufgabe übertragen.“ (Matthäus 25,21) Das beste Beispiel dafür ist seine eigene Mutter. Sie hat eigentlich kein Aufsehen erregendes Leben geführt, und jetzt hat sie es immerhin bis zur Himmelskönigin gebracht. Jetzt hat sie seit zweitausend Jahren unzähligen Christen auf der Erde in unzähligen Anliegen geholfen.

Also: Alles zur größeren Ehre Gottes! Omnia ad maiorem Dei gloriam!

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