Die allumfassende Kirche, Teil 5: Die Kirche und die Vernunft

Alle Teile hier: https://nolitetimereweb.wordpress.com/reihe-die-allumfassende-kirche/

 

Als ich vor einigen Jahren begann, den neu erschienenen Youcat (Jugendkatechismus) zu studieren, um mich mal schlau zu machen, was diese Kirche, zu der ich ja offiziell gehörte, eigentlich so lehrt – wie sich das alles mit Jesus und dem Sinn seines Todes und so verhält, und der ganze Rest – war ich von einer Sache sehr überrascht: Wie hoch die Kirche anscheinend die Vernunft bewertete. Im Allgemeinen wird einem ja immer gesagt, glauben hieße nichts wissen. Und dass genügend Vernunft und „Aufklärung“ den Glauben austreibe, auch wenn die Kirche inzwischen versuchen möge, den Glauben mit der Vernunft zu versöhnen, scheint so ungefähr zum Standardrepertoire der Allgemeinbildung zu gehören. (Das wird einem vielleicht nicht immer in dieser Deutlichkeit gesagt, das stimmt. Aber die Botschaft kommt schon oft an.)

Wenn man schon lange genug überzeugt katholisch ist, kommt es einem so selbstverständlich vor, und so komisch, dass man mal was Anderes geglaubt hat; aber wenn man nicht gläubig ist, kann man durchaus ziemlich überrascht sein, wenn man liest, dass Mönche des 13. Jahrhunderts Sachen gesagt haben wie: „Die vornehmste Kraft des Menschen ist die Vernunft. Das höchste Ziel der Vernunft ist die Erkenntnis Gottes.“ (Heiliger Albertus Magnus) oder „Ich würde nicht glauben, wenn ich nicht einsehen würde, dass es vernünftig ist, zu glauben.“ (Heiliger Thomas von Aquin). Man kann es kaum glauben, wenn man es hört, dass im Mittelalter – Mittelalter! Inquisition, Hexenverfolgung und Kreuzzüge! – an jeder Universität u. a. das Fach Logik belegt werden musste, ehe man Theologie, Medizin oder Jura studieren konnte. Die mittelalterliche Theologie der Scholastik wurde später von den Humanisten der Renaissance (die übrigens auch Christen waren; Erasmus von Rotterdam etwa war Priester, und Thomas Morus zum Beispiel sogar ein Märtyrer und Heiliger) nicht kritisiert, weil sie irgendwie unvernünftig gewesen wäre, sondern wegen ihrer angeblich kalten Logik und lebensfernen Philosophiererei. Die Humanisten schrieben eher Satiren und Utopien und dergleichen, sie benutzten mehr Humor und erzählten mehr Geschichten; aber ihre Gedanken waren sicher nicht per se logischer und durchdachter als die ihrer Vorgänger. Die Werke der Scholastiker (allen voran des Thomas von Aquin) bestanden einfach aus aneinander gereihten philosophischen und theologischen Fragen. Es wurden Prämissen aufgestellt, Folgerungen gezogen, Einwände betrachtet und widerlegt, und schließlich das Ergebnis erklärt. An den mittelalterlichen Universitäten wurde die Kunst der Debatte sehr, sehr stark gepflegt; der Ablauf war reglementiert und am Ende sollte ein klares, durch die Betrachtung aller Vorannahmen, Folgerungen und Argumente erzieltes Ergebnis stehen – ein gewisser Unterschied zu dem ziellosen und unsortierten Gerede bei Maischberger und Co., oder?

Eigentlich war das aber auch im Mittelalter nichts wirklich Neues mehr. Die antiken Kirchenväter nahmen zwar eher Plato als Aristoteles auf (für die Scholastiker ging Aristoteles über alles, auch wenn sie nicht alle seiner Theorien übernahmen) und entwickelten kein ganz so striktes philosophisches System, aber auch sie verbündeten sich mit der Philosophie gegen Vielgötterglauben, Mysterienkulte und natürlich den Kaiserkult, der nichts anderes als eine nützliche politische Fiktion zur Verabsolutierung des Staates war, die so ungefähr gar nichts mit Wahrheit und Vernunft zu tun hatte. Sie identifizierten ihren Gott, der sich den Juden unter dem Namen Jahwe gezeigt hatte und schließlich in Jesus von Nazareth auf die Erde gekommen war, mit dem einen Gott, dem Höchsten Wesen und Schöpfer der Welt, dessen Existenz Sokrates und Platon durch logisches Denken erkannt hatten. Es gibt im Christentum keine doppelte Wahrheit; alle wahre Erkenntnis der Philosophie über Gott ist wahre Erkenntnis über Gott, die ihre Gültigkeit in der Theologie hat. (Der Unterschied ist nur, dass in der Theologie auch die Informationen dazu kommen, die dieser Gott selber uns durch die Offenbarung mitgeteilt hat. Thomas von Aquin bezeichnete deshalb die Philosophie als Magd der Theologie, weil die philosophischen Erkenntnisse beim Verständnis der geoffenbarten Wahrheit helfen.)

Und tatsächlich wird man, wenn man sich wirklich näher damit beschäftigt, feststellen, dass die nichtchristliche Philosophie der Neuzeit immer skeptischer gegenüber der Vernunft wurde. Subjektivismus und Relativismus, extremer Skeptizismus/Solipsismus und deterministischer Materialismus kamen mit der Entfernung vom Christentum. Diesen Denkrichtungen ist gemeinsam, dass sie jedes logische, allgemeingültige Denken leugnen, besonders im Fall des Materialismus eigentlich jedes Denken überhaupt. (Dazu später noch ein anderer Beitrag.)

Die katholische Kirche hält die Vernunft hoch, und die Welt nicht. So einfach ist das. Der katholische Glaube ist, was er zu sein beansprucht: allumfassend, universal. In Gottes Universum gibt es keinen Widerspruch der Wahrheiten; nichts kann unlogisch sein; nichts der Vernunft widersprechen. Es gibt faszinierende Paradoxa, die sich ergänzen müssen, ja, einige sogar (dazu ebenfalls später mehr), aber keine Widersprüche. Gott selbst ist vernünftig; von ihm kommt die Vernunft überhaupt erst.

Im Prolog des Johannesevangeliums heißt es bekanntlich: Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott. Im Anfang war es bei Gott. Alles ist durch das Wort geworden, und ohne das Wort wurde nichts, was geworden ist. In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen. (Joh 1,1-4) Und weiter heißt es dann: Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt und wir haben seine Herrlichkeit gesehen, die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater, voll Gnade und Wahrheit. (Joh 1,14) Das „Wort“ = der Sohn; das schöpferische „Wort Gottes“, durch das die Welt geschaffen worden und das Fleisch geworden ist, = Jesus Christus; und „Wort“ heißt hier im griechischen Urtext „Logos“ – Wort, Rede, Sinn, Weisheit, Vernunft.

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