Die allumfassende Kirche, Nachtrag zu Teil 5: Ein Gastbeitrag zu Skeptizismus, Materialismus und begrenzten Unendlichkeiten von Mr. Chesterton

Alle Teile hier: https://nolitetimereweb.wordpress.com/reihe-die-allumfassende-kirche/

 

Man kann in Diskussionen an der Uni (aber nicht nur dort) heute immer wieder Folgendes hören: Das menschliche Erkennen ist subjektiv, die Realität an sich gibt es nicht, das, was wir als Realität bezeichnen, ist nur eine von uns selber aufgestellte Konstruktion. Dazu fällt mir nur eine Antwort ein: Wie um Himmels willen können Menschen, die sich selber für „aufgeklärt“ und „gebildet“ halten, einen solchen hanebüchenen Unsinn ernsthaft glauben?

Eine mögliche Antwort wäre, dass sie nicht wirklich merken, was sie da behaupten; daher will ich diese Behauptung in sich nun einmal näher betrachten.

Ich möchte meine Argumentation in scholastischer Weise aufbauen. Die Prämisse – Das menschliche Erkennen ist subjektiv und begrenzt – stimmt, aber die Folgerungen sind in keiner Weise logisch aus dieser Prämisse ableitbar. Wir alle haben Augen, Ohren, Hände, Füße, Nerven, ein Gehirn, und das alles kann mehr oder weniger gut funktionieren. Wenn wir müde oder krank sind, fällt uns das Denken schwerer, wenn wir im Koma liegen, dann wohl noch mehr (ebenso, wie ein Computer schlechter funktioniert, wenn man Kaffee darüber gekippt hat). Aber – Vorsicht, Logik – die Tatsache, dass wir die Welt da draußen dank unserer menschlichen Begrenztheit nicht vollständig in ihrem Wesen erfassen können (was übrigens in der Geschichte der Menschheit nie jemand behauptet hat), heißt nicht, dass sie nicht existiert, und auch nicht, dass wir überhaupt nichts von ihr erfassen können. Wenn ich nicht kapiere, wie Hitler Reichskanzler werden konnte, heißt das dann, dass er nie Reichskanzler wurde? Schön wär’s. Unser Erfassen und unsere Sprache – die Frage, wie und ob wir etwas mit der Sprache korrekt beschreiben können, hängt mit alldem zusammen – sind nicht perfekt und können es nie sein; das hat das Christentum immer schon so gesehen. Aber trotzdem gibt es diese Welt, die da an uns herantritt, und die wir mit unserem stümperhaften Gehirn und unserer stümperhaften Sprache auf mangelhafte Weise zu erfassen versuchen. Das Bild, das wir uns dabei erstellen, ist eine Konstruktion, oder besser gesagt, eine Abstraktion; wie eine Landkarte oder das Modell eines Architekten. Aber die Existenz der Landkarte setzt die Existenz der Landschaft voraus. Vielleicht ist sie falsch; dann kann man das im Vergleich mit der wirklichen Landschaft herausfinden. Aber die Landschaft ist da. Zu sagen, dass die Realität wegen unseres begrenzten Erkennens nicht da ist, wäre dasselbe, wie wenn man sagen würde, die Existenz der Landkarte widerlege die Existenz der Landschaft.

Von nichts kommt nichts. Aus nichts können wir nichts konstruieren. Es gibt uns als erkennende Wesen, und an diese erkennenden Wesen tritt von außen etwas heran, das nicht zu uns gehört und uns zu einer Antwort und Reaktion herausfordert und uns sicher nie in Ruhe lassen wird. Das kann die Mutter sein, die einem sagt, dass man endlich mal seine Socken aufräumen soll, oder der Regen, der auf einen niederprasselt, oder die Regierung, die einen zum Militärdienst rekrutiert, oder der Nachbar, der einen zur Geburtstagsfeier einlädt, oder der Stein, der einen am großen Zeh drückt, oder der Terrorist, der einen mit seiner Bombe umbringt. Das ist schon der Boden unter unseren Füßen und die Luft, die wir atmen. Die Welt ist einfach da, und zwar ungebeten.

Allerdings denke ich, dass das, was ich im letzten Absatz zu erläutern versucht habe, zu offensichtlich ist, um es beweisen zu können. Man muss es akzeptieren, dass es da draußen eine Welt gibt, oder man muss sich gegen diese Annahme entscheiden. Vielleicht könnte man tatsächlich widerspruchsfrei behaupten, alles sei Schein und eine Vorspiegelung unseres eigenen Bewusstseins, das uns die wahre Existenz von Dingen nur vorgaukelt. Man kann im Endeffekt alles anzweifeln. Man kann sich fragen – denkende Menschen tun so was wahrscheinlich irgendwann – ob nicht vielleicht doch alles nur Schein und Schleier ist, ob wir vielleicht doch in einer gigantischen Matrix (der Film ist übrigens sehr interessant!) leben, in einer Art von Truman Show (auch der Film ist nicht schlecht) und den Dingen, die wir für selbstverständlich nehmen, überhaupt trauen können, ob wir sogar unserer eigenen Vernunft überhaupt trauen können. Es ist eine beängstigende, aber theoretisch mögliche Vorstellung; man kann sie nicht durch reine Logik widerlegen. Natürlich kann man sie ebenso wenig belegen, weil Belege nur mit Denken funktionieren und diese Ansicht – heute als Skeptizismus, früher als Solipsismus (solus = allein, ipse = selbst; d. h. allein das Selbst wird als wirklich anerkannt) bezeichnet – ja gerade darauf beruht, dass das Denken nicht verlässlich sei.

Ich denke, man kann den extremen Subjektivismus, Skeptizismus und Solipsismus (letzteres meiner Meinung nach der passendste Begriff) tatsächlich nicht logisch widerlegen; aber man kann ihm mit gesundem Menschenverstand zu Leibe rücken. G. K. Chesterton geht in seinem Buch „Orthodoxie“ auf die Themen Materialismus (eine ähnlich dämliche Ansicht: den Geist, das Denken, das wir tagtäglich erleben, gäbe es nicht wirklich, sondern das alles seien nur Auswüchse von Materie – was dann zwangsläufig auch alle Gedanken der Materialisten ad absurdum führen würde) und Skeptizismus ein:

 

Durch und durch weltliche Menschen bringen es nicht einmal zum Verständnis der Welt selbst; sie bescheiden sich mit ein paar zynischen Grundsätzen, die keine Wahrheit haben. Ich erinnere mich, dass ich einmal mit einem wohlhabenden Verleger spazierenging und der eine Bemerkung machte, die ich schon zu oft zu hören bekommen hatte; fast kann man sie als Motto der heutigen Welt ansehen. Jetzt hatte ich sie aber einmal zu oft gehört, und plötzlich ging mir auf, wie nichtssagend sie war. Der Verleger äußerte über jemanden: „Dieser Mann wird es weit bringen; er glaubt an sich.“ Und ich erinnere mich, dass, als ich lauschend den Kopf hob, mein Blick auf einen Omnibus fiel, auf dem der Name „Hanwell“ [Name einer damaligen psychiatrischen Anstalt in London] stand. Ich sagte zu ihm: „Wollen Sie wissen, wo sich die Leute befinden, die am meisten an sich glauben? Ich kann es ihnen sagen. Ich kenne Leute, deren Glaube an sich unerschütterlicher ist als der eines Napoleon oder Cäsar. […] Die Menschen, die wahrhaft an sich glauben, stecken alle in Irrenanstalten.“ Er entgegnete nachsichtig, es gebe schließlich eine erkleckliche Zahl Menschen, die an sich glaubten und nicht in Irrenanstalten seien. „Ja, die gibt es“, erwiderte ich, „und Sie dürften sie am besten kennen. Der versoffene Dichter, dessen dröge Tragödie Sie nicht herausbringen wollten – er glaubte an sich. Der ältliche Pastor mit seiner Monumentaldichtung, vor dem Sie sich in einem Hinterzimmer versteckten – er glaubte an sich. […] Es läge weitaus mehr Wahrheit darin zu sagen, dass ein Mann scheitern muss, weil er an sich glaubt. Absolutes Selbstvertrauen ist nicht nur eine Sünde, es ist auch eine Schwäche. Voll und ganz an die eigene Person zu glauben ist so hysterisch und abergläubisch wie der Glaube an Joanna Southcott [Sektengründerin des 19. Jahrhunderts]; der Mensch, der diesem Glauben frönt, trägt ‚Hanwell’ ebenso deutlich auf seiner Stirn, wie das Wort da auf dem Omnibus steht.“

 […]

 Die Erklärungen eines Verrückten sind immer vollständig und stellen in einem rein verstandesmäßigen Sinne oft zufrieden. Genauer gesagt ist die Erklärung des Geisteskranken zwar vielleicht nicht schlüssig, aber jedenfalls unwiderlegbar; das lässt sich zumal bei den zwei oder drei geläufigsten Formen der Verrücktheit beobachten. Wenn jemand (zum Beispiel) behauptet, man schmiede ein Komplott gegen ihn, lässt sich das nicht bestreiten, außer man setzt dagegen, alle Betroffenen leugneten, sich gegen ihn verschworen zu haben; aber genau so würden Verschwörer sich ja verhalten. Die Erklärung des Verrückten passt ebensogut zu den Fakten, wie das, was man dagegen vorbringt. Wenn jemand behauptet, er sei der rechtmäßige König von England, reicht es nicht aus, ihm zu entgegnen, die Behörden erklärten ihn für verrückt; denn wenn er tatsächlich der König von England wäre, wäre dies vielleicht das Klügste, was die Regierenden tun könnten. Wenn jemand behauptet, er sei Jesus Christus, hilft es nichts, wenn man ihm entgegenhält, die Welt bestreite seine Göttlichkeit; denn das hat die Welt auch bei Christus getan.

 Dennoch irrt er. Versuchen wir indes seinen Irrtum auf den Begriff zu bringen, stellen wir fest, dass dies nicht ganz so einfach ist, wie wir gedacht haben. Vielleicht kommen wir der Sache am nächsten, wenn wir sagen, sein Geist bewege sich in einem perfekt geschlossenen, aber engen Kreis. Ein kleiner Kreis ist genauso unendlich wie ein großer Kreis; aber wenn er auch genauso unendlich ist, ist er doch nicht genauso groß. In vergleichbarer Weise ist die Erklärung des Geisteskranken genauso vollständig wie die des Gesunden, nur ist sie nicht so umfänglich. Eine Gewehrkugel ist genauso rund wie die Welt, aber sie ist nicht die Welt. Es gibt so etwas wie eine enge Universalität, eine kleine, verkrampfte Ewigkeit; man kann das in vielen heutigen Religionen beobachten. Um aber die Sache ganz äußerlich und empirisch zu fassen, können wir sagen, das stärkste und unmissverständlichste Symptom für Verrücktheit besteht in dieser Kombination aus logischer Vollständigkeit und spiritueller Enge. Die Theorie des Geisteskranken hat umfänglichen Erklärungswert, aber sie erklärt nicht auf umfängliche Weise. Das heißt, wenn der Leser oder ich es mit einem Geiste zu tun hätten, der dabei ist, zu erkranken, dann dürften wir nicht so sehr darauf aus sein, ihm mit Argumenten zu begegnen, sondern wir müssten uns hauptsächlich darum bemühen, ihm Luft zu schaffen, ihn davon zu überzeugen, dass es außerhalb der erstickenden Enge einer bornierten Argumentation eine reinere und kühlere Atmosphäre gibt. Nehmen wir zum Beispiel an, wir haben es mit dem ersten der von mir als typisch angeführten Fälle zu tun; nehmen wir den Fall des Mannes, der alle Welt beschuldigt, sich gegen ihn zu verschwören. Um all unseren Widerstand und Einspruch gegen diese fixe Idee zum Ausdruck zu bringen, würden wir vielleicht etwas wie das Folgende äußern. „Also, ich gebe zu, dass an dem, was du da sagst, etwas dran ist und dass es dir ernst damit ist und dass vieles so zusammenpasst, wie du behauptest. Ich gebe zu, dass deine Erklärung vieles erklärt, aber wieviel anderes klammert sie aus! Gibt es in der Welt keine anderen Geschichten außer deiner? Hat die ganze Menschheit nichts weiter zu tun, als sich mit dir zu beschäftigen? Räumen wir die Möglichkeit ein, dass der Mann auf der Straße, der dich nicht zu bemerken schien, nur so tat, als ob, oder dass der Polizist, der deinen Namen wissen wollte, ihn in Wahrheit bereits kannte. Aber wieviel glücklicher wärst du, wenn du wissen dürftest, dass du diesen Menschen ganz egal bist? Wieviel großartiger wäre dein Leben, wenn du dich selber ein bisschen kleiner in ihm machen könntest, wenn du die Leute mit normaler Neugier und Amüsiertheit beobachten, wenn du ihnen zusehen könntest, wie sie in ihrer wonnigen Selbstsucht und kraftvollen Indifferenz herumlaufen! Du würdest anfangen, dich für sie zu interessieren, weil sie an dir kein Interesse zeigen. Du würdest aus diesem winzigen, aufgeputzten Theater, in dem ständig nur dein eigenes kleines Stück gespielt wird, ausbrechen und dich unter freiem Himmel, in einer Straße voller himmlischer Fremder wiederfinden.“ Oder nehmen wir an, es handelt sich um den zweiten Fall von Verrücktheit, den Fall des Mannes, der Anspruch auf die Krone erhebt; dann würden Sie vielleicht den Drang verspüren, ihm zu entgegnen: „Also gut! Vielleicht weißt du, dass du der König von England bist; aber warum ist dir das so wichtig? Gib dir einen großen Ruck, und schon bist du ein Mensch und blickst auf alle Könige der Erde herab.“ Oder wir haben es mit dem dritten Fall zu tun, dem Verrückten, der sich für Christus hält. Um unserem Herzen Luft zu machen, müssten wir ihm sagen: „Du bist also der Schöpfer und Erlöser der Welt; aber was muss das für eine Miniaturwelt sein! Was für einen winzigen Himmel musst du bewohnen, in dem die Engel nicht größer als Schmetterlinge sind! Wie trist musst du es finden, Gott, ein höchst unzulänglicher Gott zu sein! Gibt es wirklich kein erfüllteres Leben als deines und keine fabelhaftere Liebe als deine, und ist es tatsächlich deine kleine, verquälte Barmherzigkeit, in die alles Fleisch seine Zuversicht setzen muss? Wieviel glücklicher wärst du, wieviel mehr von dir wäre da, wenn der Hammer eines höheren Gottes deinen kleinen Kosmos zertrümmern könnte, so dass die Sterne wie Pailletten auseinanderspritzten und du wie andere Menschen im Offenen, Freien stündest und zum Himmel aufsehen oder zur Erde niederblicken könntest!“

 Und man darf nicht vergessen, dass die unverfälschteste praktische Wissenschaft genau diesen Standpunkt gegenüber geistigem Übel einnimmt; sie sucht nicht mit ihm wie mit einem Irrglauben zu rechten, sondern ist einfach bestrebt, es wie einen Bann zu brechen. […]

 Das ist der Verrückte, wie wir ihn kennen; er ist durchweg ein Argumentierer, häufig ein erfolgreicher Argumentierer. Sicher ließe er sich durch Argumente niederringen, ließe sich ihm mit Logik begegnen. Aber viel treffender kann man ihn in allgemeineren und geradezu ästhetischen Begriffen fassen. Er steckt im hygienischen und gut ausgeleuchteten Kerker seiner fixen Idee, ist auf einen qualvollen Punkt fixiert. Ihm fehlt jede gesunde Zögerlichkeit und Vielschichtigkeit. Nun beabsichtige ich, wie bereits eingehend erläutert, in diesen Anfangskapiteln nicht, den Abriss einer Doktrin zu liefern, sondern will durch ein paar Bilder einen Standpunkt illustrieren. Und meine Sicht vom Besessenen habe ich deshalb so ausführlich dargestellt, weil mir die meisten modernen Denker wie dieser Besessene vorkommen. Diese unverwechselbare Stimmung, die ich aus Hanwell kenne, sie schlägt mir auch von der Hälfte der heutigen Wissenschaftskatheder und Stätten der Gelehrsamkeit entgegen; und die meisten der verrückten Doktoren sind in mehrfacher Hinsicht verrückt. Sie alle weisen genau jene Mischung auf, die wir registriert haben: die Kombination aus umfassender und erschöpfender Verstandeskraft und stark eingeschränktem gesundem Empfinden. Sie sind universal nur in dem Sinne, dass sie eine einzige dünne Erklärung auf alles anwenden. Sie sehen ein Schachbrett weiß auf schwarz, und mag selbst das ganze Universum damit gepflastert sein, es bleibt für sie weiß auf schwarz. Wie der Geisteskranke können sie ihren Standpunkt nicht verändern; sie können nicht kraft einer geistigen Anstrengung das Muster plötzlich schwarz auf weiß gewahren.

 Nehmen wir als erstes den ziemlich vielsagenden Fall des Materialismus. Als Welterklärung ist der Materialismus von einer irrsinnigen Schlichtheit. Er ist von haargenau derselben Art wie die Argumentation eines Verrückten; er vermittelt gleichzeitig den Eindruck, alles einzubegreifen und nichts zu erfassen. Schauen wir uns einen kompetenten und ehrlichen Materialisten wie Mr. McCabe an, so lässt er uns genau mit diesem eigentümlichen Gefühl zurück. Er begreift alles, und was er begreift, scheint das Begreifen gar nicht zu lohnen. Sein Kosmos mag bis zum letzten Nietnagel und Zahnrädchen vollständig sein, und doch ist er kleiner als unsere Welt. Wie der luzide Aufriss des Verrückten scheint auch sein Entwurf von den fremdartigen Kräften und der großen Unbekümmertheit unseres Planeten nichts zu wissen; er weiß nichts von den wirklichen Dingen auf Erden, den kämpfenden Völkern oder stolzen Müttern, der ersten Liebe oder der Todesangst auf dem offenen Meer. Die Erde ist so ungeheuer groß und der Kosmos so außerordentlich klein. Der Kosmos ist so ziemlich das kleinste Loch, in dem ein Mensch seinen Kopf verstecken kann.

[…] Fürs erste bin ich ebensowenig darauf aus, Haeckel nachzuweisen, dass der Materialismus unwahr ist, wie es mir darum ging, dem Mann, der sich für Christus hält, nachzuweisen, dass er Opfer eines Irrtums ist. Ich beschäftige mich an dieser Stelle nur mit dem Umstand, dass beide Fälle den gleichen Eindruck von Vollständigkeit und Unvollständigkeit machen. Dass ein Mensch in Hanwell festgehalten wird, lässt sich mit der Gleichgültigkeit der Öffentlichkeit und also damit erklären, dass man sagt, hier werde ein Gott gekreuzigt, in einer Welt, die seiner nicht wert sei. Das ist durchaus eine Erklärung. Ganz ähnlich kann man die Ordnung des Universums damit erklären, dass man sagt, alle Dinge, einschließlich der Seelen der Menschen, seien Blätter, die sich an einem Baum ohne jedes Bewusstsein naturgesetzlich entfalten – dem blinden Schicksal der Materie gehorchend. Die Erklärung hat durchaus Erklärungswert, wenn auch natürlich keinen so vollständigen wie die des Verrückten. Worum es hier aber geht, ist die Tatsache, dass der normale menschliche Verstand nicht nur beide Erklärungen ablehnt, sondern sie auch aus dem gleichen Grund ablehnt. Das Argument läuft in etwa darauf hinaus, dass der Mann in Hanwell, wenn er denn wirklich Gott ist, als Gott arg zu wünschen übrig lässt. Und entsprechend lässt auch der Kosmos des Materialisten, falls er der wirkliche Kosmos ist, arg zu wünschen übrig. Er ist geschrumpft. Die Gottheit ist weniger göttlich als viele Menschen; und folgt man Haeckel, so ist das Leben als Ganzes grauer, enger und nichtssagender als viele seiner einzelnen Aspekte. Die Teile wirken großartiger als das Ganze.

 Denn wir dürfen nicht aus dem Auge verlieren, dass die materialistische Philosophie (mag sie nun wahr sein oder nicht) mit Sicherheit weit einengender ist als jede Religion. In gewissem Sinne engen natürlich alle Ideen ein. Sie können nicht umfassender sein, als sie sind. Die Beschränkung eines Christen ist gleiche, der auch ein Atheist unterliegt. Ein Christ kann nicht das Christentum für falsch halten und weiter Christ sein; und der Atheist kann nicht den Atheismus für falsch halten und weiter Atheist sein. Aber darüber hinaus unterliegt der Atheismus in einem ganz eigentümlichen Sinne stärkeren Beschränkungen als der Spiritualismus. […] Der Christ gibt zu, dass die Welt vielfältig und sogar bunt gewürfelt ist, geradeso wie ein gesunder Mensch weiß, dass er vielschichtig ist. Der Gesunde weiß, dass er etwas von einem wilden Tier, etwas von einem Teufel, etwas von einem Heiligen, etwas von einem Bürger hat. Ja, der wirklich Gesunde weiß sogar, dass etwas von einem Verrückten in ihm steckt. Die Welt des Materialisten dagegen ist ganz einfach und gediegen, im Stile des Verrückten, der sich seiner Gesundheit absolut sicher ist. Der Materialist weiß ganz genau, dass die Geschichte schlicht und einfach eine Kausalkette darstellt, geradeso wie die zuvor erwähnte Person todsicher weiß, dass sie schlicht und einfach ein Huhn ist. Materialisten und Verrückte sind gegen jeden Zweifel gefeit.

 Glaubenslehren engen den Geist nicht mit solcher Entschiedenheit ein, wie das die materialistischen Verleugnungen tun. Selbst wenn ich an die Unsterblichkeit glaube, muss ich den Gedanken an sie nicht ständig im Herzen tragen. Glaube ich hingegen nicht an die Unsterblichkeit, darf ich keinen Gedanken an sie verschwenden. Im ersten Fall ist der Weg frei und ich kann gehen, soweit ich eben mag; im zweiten Fall ist der Weg blockiert. Aber die Parallele zur Geisteskrankheit reicht sogar noch tiefer und ist noch merkwürdiger. Gegen die erschöpfend logische Theorie des Irren haben wir geltend gemacht, dass sie unabhängig von ihrer Wahrheit oder Falschheit nach und nach das Menschsein des Betreffenden zerstört. Unser Vorwurf gegen die Hauptsätze des Materialismus lautet nun, dass auch sie nach und nach sein Menschsein zerstören – womit ich nicht nur die Menschlichkeit, sondern auch Hoffnung, Mut, Poesie, Initiative meine, kurz, alles, was menschlich ist. Wenn zum Beispiel der Materialismus die Menschen zum vollständigen Fatalismus führt (was er gemeinhin tut), so ist es ganz müßig, ihn als eine befreiende Kraft auszugeben. Es ist absurd zu behaupten, man leiste vor allem der Freiheit Vorschub, wenn man die Freiheit des Denkens nur nutzt, um den freien Willen zu zerstören. Die Deterministen machen nicht frei; sie legen in Ketten. Sie haben allen Grund, ihr Gesetz als kausale ‚Kette’ zu bezeichnen. Es ist die ärgste Fessel, die je ein menschliches Wesen umschlossen hat. Man mag im Zusammenhang mit der materialistischen Lehre noch so sehr die Sprache der Freiheit bemühen – es liegt auf der Hand, dass sie insgesamt ebensowenig dazu passt wie zu einem im Irrenhaus eingesperrten Menschen. Man mag die Ansicht vertreten, es stehe dem Menschen frei, sich für ein Rührei zu halten. Aber mit Sicherheit wiegt die Tatsache schwerer, dass er als Rührei nicht die Freiheit hat, zu essen, zu trinken, zu schlafen, spazierenzugehen und eine Zigarette zu rauchen. Ebenso mag man auch die Ansicht vertreten, der kühne materialistische Denker sei frei, die Wirklichkeit des Willens in Abrede zu stellen. Aber viel schwerer wiegt die Tatsache, dass er dann nicht mehr frei ist, aufzustehen, zu fluchen, zu danken, zu rechtfertigen, zu drängen, zu bestrafen, Versuchungen zu widerstehen, Menschenmengen aufzustacheln, gute Vorsätze an Neujahr zu fassen, Sündern zu vergeben, Tyrannen zu tadeln oder auch nur zu sagen: ‚Würden Sie mir bitte mal den Senf reichen.’

[…]

 Natürlich gilt dies alles nicht nur vom Materialisten, sondern trifft auch auf andere Auswüchse logischer Spekulation zu. Es gibt eine Form der Skepsis, die weit fürchterlicher ist als die Überzeugung, dass die Materie der Anfang von allem ist. Ich denke an den Skeptiker, der die Überzeugung hegt, dass er selbst der Anfang von allem ist. Er zweifelt nicht an der Existenz von Engeln oder Teufeln, sondern daran, dass es Menschen und Kühe gibt. Für ihn sind seine eigenen Freunde Märchengestalten, die er selbst erdichtet hat. Vater und Mutter sind seine eigenen Geschöpfe. Diese schreckliche Phantasterei übt auf den geradezu mystischen Ichkult unserer Tage einen unverkennbaren Reiz aus. Den erwähnten Verleger, der meinte, Menschen brächten es zu etwas, wenn sie an sich glaubten, die Fahnder nach dem Übermenschen, die ständig im Spiegel Ausschau nach ihm halten, die Schriftsteller, die von der Entwicklung der eigenen Persönlichkeit reden, statt für die Welt Leben zu schaffen – all diese Menschen trennt von jener schrecklichen Leere nur ein Wimpernschlag. Wenn dann die ganze freundliche Welt, die diesen Skeptiker umgibt, als Lüge entlarvt ist, wenn die Freunde zu Gespenstern verblasst sind und die Welt bodenlos geworden ist und er, der an nichts und niemanden glaubt, allein in seinem Alptraum zurückbleibt, dann wird in rächender Ironie das große Motto seines Individualismus über seinem Haupt geschrieben stehen. Die Sterne werden zu bloßen Leuchtpunkten in der Finsternis seines Gehirns; seine Mutter wird nichts als eine flüchtige, seinem Wahn entsprungene Erscheinung an der Wand seines Kerkers sein. Über seinem Kerker aber wird die grauenvolle Wahrheit geschrieben stehen: „Er glaubt an sich.“

 Uns interessiert hier allerdings nur die Feststellung, dass dieses solipsistische Extrem des Denkens die gleiche Paradoxie aufweist wie das materialistische. Es ist der Theorie nach ebenso umfassend wie in der Praxis verkrüppelnd. Der Einfachheit halber lässt sich die Sache so formulieren, dass ein Mensch immer wähnen kann, in einem Traum zu sein. Dass er sich in keinem Traum befindet, lässt sich ihm nicht positiv nachweisen, und zwar einfach deshalb, weil es keinen positiven Beweis gibt, der ihm nicht auch im Traum geliefert werden könnte. Wenn aber der Betreffende nun anfinge, London in Brand zu stecken und zu erklären, er warte darauf, von seiner Haushälterin zum Frühstück gerufen zu werden, dann würden wir ihn uns greifen und ihn zusammen mit anderen Logikern an dem Ort unterbringen, von dem schon mehrfach in diesem Kapitel die Rede war. Wer seinen Sinnen keinen Glauben schenken und wer an nichts außer an die Materie glauben kann ist gleichermaßen wahnsinnig; aber in beiden Fällen findet der Wahnsinn seinen Ausdruck nicht in einer fehlerhaften Argumentation, sondern in der offenkundigen Fehlorientierung des ganzen Lebens. Beide haben sie sich in Kästen eingeschlossen, die innen mit Sonne und Sternen bemalt sind; beide finden sie nicht ins Freie, der eine nicht in die Gesundheit und die Wonne des Himmelreichs, der andere nicht einmal in die Gesundheit und die Wonne des irdischen Daseins. Ihre Haltung ist ganz vernünftig, ja, in gewissem Sinne ist sie unendlich vernünftig, wie ein Zehnpfennigstück unendlich kreisförmig ist. Aber es gibt so etwas wie eine schlechte Unendlichkeit, eine niedrige, erbärmliche Ewigkeit. Es ist interessant zu sehen, dass viele der Modernen, Skeptiker ebenso wie Mystiker, ein bestimmtes östliches Symbol zu ihrem Wahrzeichen erkoren haben, ein Symbol, das diese äußerste Nichtigkeit verkörpert. Die Ewigkeit versinnbildlichen sie durch eine Schlange, die sich selbst in den Schwanz beißt. In diesem Bild von unbefriedigendem Selbstverzehr steckt ein überraschender bitterer Sarkasmus. Die Ewigkeit der fernöstlichen Pessimisten, die Ewigkeit der hochnäsigen Theosophie und der höheren Wissenschaft unserer Tage lässt sich in der Tat kaum besser wiedergeben als durch das Bild der Schlange, die sich selber auffrisst, das Bild eines degenerierten Tieres, das nicht einmal vor der Selbstzerstörung haltmacht.

 […] Zusammenfassend können wir feststellen, dass dieses Hauptmoment die entwurzelte Vernunft ist, die Vernunft, die im luftleeren Raum agiert. Verrückt wird der Mensch, der ohne angemessene Grundlage zu denken anfängt; er beginnt am falschen Punkt. […] Das mystische Moment ist es was den Menschen im Laufe ihrer Geschichte die Gesundheit erhalten hat. Solange es das Mysterium gibt, bleiben die Menschen gesund; zerstört man es, liefert man sie dem Verfall aus. Der einfache Mensch ist gesund, weil er ein Mystiker ist. Er gestattet sich, im Zwielicht zu leben.  […] Stand er vor zwei Wahrheiten, die sich zu widersprechen schienen, so akzeptierte er beide und nahm den Widerspruch in Kauf. Seine spirituelle Sichtweise ist so stereoskopisch wie seine körperliche: er sieht zwei verschiedene Bilder gleichzeitig, was seiner Scharfsicht aber nur zum Vorteil gereicht. So hat er immer an so etwas wie Schicksal, aber auch immer an so etwas wie den freien Willen geglaubt. So hat er geglaubt, dass den Kindern das Himmelreich gehört, aber auch, dass sie dennoch den irdischen Mächten zu gehorchen haben. Er hat die Jungen wegen ihrer Jugend bewundert und die Alten, weil sie die Jugend hinter sich hatten. Genau in diesem Ausbalancieren scheinbarer Widersprüche bestand die Spannkraft des gesunden Menschen.

 […]

 Das letzte Kapitel drehte sich ausschließlich um eine empirische Beobachtung: darum, dass dem Menschen Krankheit eher von seinem Verstand als von seiner Einbildungskraft droht. Dabei ging es nicht darum, die Herrschaft des Verstandes anzugreifen; das Ziel war im Gegenteil, sie zu verteidigen. Denn sie hat Verteidigung nötig. Die ganze moderne Welt führt Krieg gegen den Verstand; schon wankt er in seinen Grundfesten.

 […]

 Es ist müßig, ständig von dem Gegensatz zwischen Vernunft und Glauben zu reden. Die Vernunft selbst ist eine Sache des Glaubens. Davon auszugehen, dass unsere Gedanken überhaupt in einer Beziehung zur Wirklichkeit stehen, ist ein Glaubensakt. Ist man bloß Skeptiker, so drängt sich einem früher oder später die Frage auf: „Warum sollte irgend etwas zutreffen, empirische Beobachtung und logisches Denken eingeschlossen? Warum sollte logische Stringenz weniger irreführend sein als logische Ungereimtheit? Spielt sich doch beides im Gehirn eines verwirrten Großaffen ab.“ Der junge Skeptiker erklärt: „Ich habe ein Recht darauf, selbstständig zu denken.“ Der alte Skeptiker, der vollkommene Skeptiker, aber sagt: „Ich habe kein Recht auf selbstständiges Denken. Ich habe überhaupt kein Recht auf Denken.“

 Es gibt ein Denken, das dem Denken den Garaus macht. Dies ist das einzige Denken, dem man einen Riegel vorschieben sollte. Dies ist das Böse schlechthin, gegen das alle kirchliche Autorität aufgeboten wurde. […] Dass sich das so verhält, wissen wir heute; so zu tun, als wüssten wir es nicht, lässt sich nicht länger rechtfertigen. Wir können hören, wie die Skepsis den alten Verteidigungsring aus Autoritäten durchbricht, und wir sehen die Vernunft auf ihrem Throne wanken. In eben dem Maße, wie die Religion geschwunden ist, schwindet auch die Vernunft. Denn sie sind beide von der gleichen ursprünglichen und maßgebenden Beschaffenheit. Sie sind beide Beweismittel, die sich ihrerseits der Beweisbarkeit entziehen. […] Wir haben lange und mit aller Kraft gezerrt, um dem pontifikalen Menschen die Mitra herunterzureißen, und dabei haben wir den Kopf gleich mit abgerissen.“

 

Eins vielleicht noch zum Thema Skeptizismus: Zunächst, unser Erkennen hat einen Wert, auch wenn es immer mit Mängeln behaftet ist. Wir können einiges darüber erkennen, was gut und wahr und richtig ist. Aber, es gibt tatsächlich noch eine Welt hinter der unseren; die Welt Gottes und der Engel und Heiligen. Wir leben sozusagen in einem Exil, in einem abgeschotteten Land, in dem wir nur spärliche Informationen aus dieser anderen Welt bekommen können – C. S. Lewis, der in Zeiten des Zweiten Weltkriegs schrieb, hat den Besuch des Gottesdienstes einmal mit dem Abhören verbotener Radiosender verglichen –  aber die Informationen, die wir bekommen, stürzen unser Bild von der Welt (wenn es ein gutes und wirklichkeitsgetreues ist) nicht um, sondern geben ihm noch eine viel tiefere Dimension. Die Gnade setzt die Natur voraus, hat Thomas von Aquin gesagt, das Übernatürliche baut auf dem Fundament des Natürlichen weiter.

 

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