5 Arten von Predigten, die ich nicht leiden kann

1) Predigten, die eine halbe Stunde dauern und deren Kernaussage sich nicht wirklich erfassen lässt.

 

Und zwar deshalb, weil der Herr Pfarrer nicht über ein Thema predigt, sondern über ungefähr zehn. Erst einmal geht er vielleicht vom Evangeliumstext aus, dann kommt ein nicht sehr aussagekräftiges Zitat von irgendjemandem, dessen Namen man noch nie gehört hat, dann wird zur aktuellen Flüchtlingspolitik übergeleitet. „Und das Zweite Vatikanische Konzil hat betont… es gibt drei Möglichkeiten, so könnte man sagen, das in die Tat umzusetzen… so schreibt Papst Franziskus auch, dass… der Dichter X hat einmal gesagt… dann könnte man die folgenden vier Punkte betrachten… Der Philosoph Y hat einmal gesagt…“

Man würde ja gerne abschalten und sich auf irgendein Gebet konzentrieren – Zeit dazu wäre ja –, aber leider kann man das nicht so einfach.

Liebe Priester: Wir sind hier nicht bei den Protestanten. Die Predigt ist nicht der Kern des Gottesdienstes! Und selbst wenn sie es wäre, wäre es ganz sinnvoll, wenn man hinterher irgendeine konkrete Aussage mitnehmen könnte.

 

2) Wissenschaftlich-objektiv klingen sollende Lebensbeschreibungen von Heiligen

 

Kennen Sie das auch? Sie gehen immer nach St. Kolumban, und irgendwann im Jahr kommt nun einmal der Festtag des heiligen Kolumban, also beschließt der Herr Pfarrer, dass doch etwas über den heiligen Kolumban gesagt werden muss, und in der Messe verkündet er dann nach dem Evangelium vom Ambo, dass er die liebe Frau Pastoralreferentin gebeten habe, etwas zum Leben des heiligen Kolumban herauszusuchen und winkt sie an den Ambo. Man erwartet bei der Frau Pastoralreferentin eh schon keinen wirklich fesselnden Predigtstil, und erwartungsgemäß verläuft die Predigt dann ungefähr so:

„Kolumban ist der Name zweier Heiliger des frühen Mittelalters. Unsere Pfarrkirche ist Kolumban dem Jüngeren geweiht. Kolumban wurde um das Jahr 540 in Irland geboren und gilt als wichtiger Glaubensbote der Franken und auch der Alemannen in der heutigen Schweiz und am Bodensee… kam es zu einem Konflikt mit den fränkischen Bischöfen um den Termin des Osterfestes… zog er mit seinen Gefährten in Richtung… gründete er ein Kloster in… starb er am 23. November 615… Mönchsregel gab prägende Impulse für das entstehende westliche Mönchtum… dargestellt wird er oft mit…“ Man merkt sehr deutlich, was die Frau Pastoralreferentin vermitteln will: Sie gibt hier nicht irgendwelche hagiographischen Legenden wieder, sondern wirklich nur historisch gesicherte Tatsachen, wir sind ja hier wohl nicht mehr im Mittelalter, also bitte.

Bitte: Wenn man über Heilige predigt, dann sollte es darum gehen, inwiefern diese Heiligen ein Vorbild für die Leute sein können, die dieser Predigt zuhören. Es gibt einen Platz für wissenschaftliche Darstellungen, und der ist zum Beispiel in einem universitären Seminar über den Einfluss irischer Wandermönche auf die frühmittelalterliche Kirche in Westeuropa. Da gibt es dann nämlich auch tatsächliche wissenschaftliche Darstellungen und nicht dieses bemüht hochgestochen-objektive Geschwafel, das ziemlich deutlich von Wikipedia abgeschrieben wirkt und uns über das, was dem Heiligen wichtig war, wie er dachte, was er tatsächlich bewirkte und was er uns noch angeht, sehr wenig sagt. Es wäre, kurz gesagt, ganz sinnvoll, sich erst zu überlegen, ob die Leute sich dafür interessieren könnten, was man predigt, ehe man predigt.

Die Frau Pastoralreferentin tritt ab. Der Herr Pfarrer kommt wieder zum Ambo, sagt ein herzliches Vergelt’s Gott für diese schöne Darstellung des Lebens und Wirkens des heiligen Kolumban, fügt ein paar Worte hinzu, die auch nichts wirklich Interessantes mehr hinzufügen, und leitet dann – endlich! – zum Credo und den Fürbitten über.

 

3) Gewollt pädagogisch-lebensnahe Predigten mit Hilfsmittel

 

Solche Predigten können einem besonders in Kinder- oder Jugendgottesdiensten unterkommen. Bereits wenn man die Kirche betritt, sieht man, dass im Alterraum eine Art Matte oder Wolldecke liegt, vorzugsweise in scheußlichem Orange, das so wunderbar mit der betongrauen Sechziger-Jahre-Architektur des Kirchengebäudes harmonisiert. Darauf befindet sich dann das besagte Hilfsmittel: Vielleicht ein paar aufgetürmte Ziegelsteine oder eine Topfpflanze oder ein Stock oder eine Nachttischlampe oder ein paar Pappschilder, die sehr nach selbst gebastelt aussehen.

Nach den Lesungen und dem Evangelium (in dem dann oft irgendein Gleichnis vorkommt, etwa vom Senfkorn oder dem guten Hirten, oder vom „Licht der Welt“ o. Ä. die Rede ist) beginnt dann nicht gleich die Predigt, sondern stattdessen kommen eine Dame und ein Herr vom Kindergottesdienstvorbereitungsteam zusammen mit drei oder vier Kindern im Grundschulalter nach vorn. Erneut wünscht man sich, die Gabe zu besitzen, einfach seine Ohren zumachen zu können – so wie man das mit den Augen tun kann, wenn man die orangefarbene Wolldecke nicht sehen will. Die Dame nimmt sich das Mikrofon und beginnt langsam und überdeutlich zu sprechen. „Heute spricht Paulus in seinem Brief von der Kirche. Und wisst ihr, wer damit gemeint ist? Wir alle! Wir alle gehören da dazu! Und da sagt Paulus, dass jeder von uns so ist wie ein Stein – wie so ein Ziegelstein wie die, die wir da hinten aufgebaut haben. Und wer weiß, was man aus so Ziegelsteinen so bauen kann?“ Die Kinder in den vorderen Reihen zögern; aber irgendwann meldet sich eins, weil es sich wohl denkt, irgendwer muss ja doch, und die Dame läuft rasch hin. „Eine Mauer!“ sagt das Kind ins Mikrofon. Das war es nicht, worauf die Dame hinaus wollte. „Äh, ja, und was kann man denn sonst vielleicht noch bauen?“ beginnt sie wieder. Irgendwann meldet sich ein zweites Kind. „Ein Haus“, heißt es diesmal, und nun ist die Dame zufrieden. „Genau! Ein Haus! Und in so einem Haus, da ist jeder Stein wichtig!“ Nun sind die mitgebrachten Kinder an der Reihe. Der Herr reicht jedem von ihnen einen Ziegelstein von der orangefarbenen Wolldecke und sie dürfen nach vorn treten und leise und etwas steif in das Mikrofon sagen, das die Dame ihnen unter die Nase hält, was sie vorher auswendig gelernt haben. („Mein Stein steht für X.“, „Mein Stein steht für Y.“, „Mein Stein steht für Z.“)

Die ganze Gruppe setzt sich wieder, der Priester kommt nach vorn und übernimmt das Mikro. Er fügt noch einige Erläuterungen hinzu, während denen er auch immer wieder auf den wieder aufgetürmten Ziegelsteinhaufen deutet und den Ziegelsteinvergleich schließlich bis ins Letzte ausreizt. Schließlich ist es vorbei, und man fragt sich vage, ob sich Kinder eigentlich ernst genommener fühlen, wenn man sie in eine richtige Erwachsenenmesse mitnimmt oder wenn man sie mit Ziegelsteinen Theaterstückchen aufführen lässt.

 

4) Predigten zum Bibeltext, die den Bibeltext wegerklären wollen

 

Der Satz, der mich in einer Predigt bisher am meisten aufgeregt hat, war: „…können wir vielleicht annehmen, dass diese Stelle eher sekundär dazu gekommen ist…“

Auf Deutsch übersetzt heißt das: „Mir passt diese Aussage nicht, also gehe ich mal davon aus, dass Jesus das nicht so gesagt hat und irgendjemand das eben irgendwann einmal in den Bibeltext eingefügt hat.“

Okay: Es gibt – auch in den Evangelien – Stellen, die auf den ersten Blick unverständlich oder seltsam erscheinen. Aber deshalb muss jeder Mann, der zum Priester geweiht werden möchte, auch zuerst einmal 10 Semester Theologie studieren. Da sollte er zumindest mitbekommen haben, dass es hilfreiche Bibelkommentare, die Catena Aurea und ähnliche Quellen gibt, aus denen man sich über den Urtext, den historischen Hintergrund und mögliche Interpretationen informieren kann, wenn man eine Bibelstelle nicht versteht. Ein Priester ist dafür ausgebildet, den Leuten, die diese Ausbildung nicht haben, die Heilige Schrift zu erklären. Nicht dafür, sie wegzuerklären.

Wenn ich als Katholikin in eine katholische Messe gehe, habe ich den Anspruch, dass der katholische Priester die Lesungen aus katholischer Sicht auslegt (oder meinetwegen aus katholischer Sicht etwas zum Festtag sagt, oder beides verbindet). Und ein katholischer Priester sollte nicht – übrigens ohne jede Begründung – erklären, dass Jesus das da vielleicht ja so gar nicht gesagt habe, sondern er sollte die Heilige Schrift als Heilige Schrift annehmen, die nicht er nach seinen Maßstäben zu beurteilen hat, sondern die ihm seine Maßstäbe vorgibt. Wenn er das nicht tun will, schön, aber dann befindet er sich in der falschen Kirche.

 

5) Predigten, deren Kernaussage darauf hinausläuft: „Wir müssen die Gebote halten, damit wir nicht in die Hölle kommen.“

 

Das sind – anders als die oben genannten Beispiele – Predigten, die man eher von den konservativeren Priestern zu hören bekommt. Die laufen dann ungefähr so ab: „An dieser Stelle spricht unser Herr vom Gericht, das… Christus sagt klar und deutlich, dass es wichtig ist, die Gebote zu halten, ja: unbedingt notwendig… das Ziel, das Gott uns verheißt, ist der Himmel… um dieses Ziel zu erlangen, müssen wir standhaft bleiben und Seinen Willen erfüllen… wir müssen unsere Sünden anerkennen und umkehren… das ist nicht immer einfach, aber sehr wichtig… achten wir darauf, unser ewiges Ziel nicht zu verfehlen… denken wir daran, wir werden eines Tages vor Gott Rechenschaft ablegen müssen… die Sünde muss man ernst nehmen…“ Zu guter Letzt wird am Ende auf die vermehrten Beichtgelegenheiten hingewiesen, die es jetzt in der Fastenzeit gibt.

Ich weiß: Es ist gut gemeint. Es ist absolut gut gemeint. Und hier wird auch nicht mit der Hölle gedroht, hier wird gewarnt. Der junge Kaplan, der hier kein besonderes Talent zum Predigen hat, meint es wirklich gut; er denkt sich einfach, dass es wichtig ist, auch einmal die Sünde und das Gericht anzusprechen, weil ja jeder Mensch damit konfrontiert ist und sein wird, und dass es in diesen Dingen Ehrlichkeit statt schönfärberischem Selbstbetrug braucht. Im Übrigen bezieht er sich selbst in den Adressatenkreis seiner Mahnungen mit ein. Er sagt auch an sich nichts Falsches. Aber: Besondere Bekehrungserfolge würde ich ihm nicht voraussagen.

Denn es gibt viele Leute, die zwar ab und zu mal in die Kirche kommen, oder gerade jetzt an diesem Sonntag eben zufällig da sind, weil die Messe für den vor einem Jahr verstorbenen Großvater gefeiert wird und es sich irgendwie gehört, hinzugehen, die aber vom katholischen Konzept von Sünde, Hölle und Himmel nicht wirklich viel Ahnung haben. Und deshalb sollte man vielleicht zuerst einmal deutlich machen, dass der Himmel ganz einfach die Gemeinschaft mit Gott bedeutet und die Hölle das Fernsein von ihm; dass Sünde Beziehungsabbruch ist; dass Lügen, Neid, Geiz oder Gleichgültigkeit Beziehungen zerstören, zu anderen Menschen und damit auch zu Gott, dass sie immer Schaden anrichten, den ein guter Gott nicht einfach gutheißen kann, dass die Sünde den Menschen von Gott, dem Nächsten und sich selbst entfremdet, dass Gott unser wahres Glück will und seine Gebote nicht willkürliche Anweisungen sind, denen wir einfach zu folgen haben, sondern dass sie Wege zu diesem Glück sind, dass Gott alle Menschen bei sich haben will, aber der freie Wille des Menschen aus dummer Selbstsucht und Stolz nein zu Gott sagen kann und der Mensch sich damit selbst unglücklich machen wird, etc. etc.

Sonst gehen diese Menschen, denen diese Hintergrundinformationen nicht präsent sind, weil sie sich einfach nicht regelmäßig in katholischen Kreisen bewegen, nämlich wieder mit einer Bestätigung ihres Kirchenbildes weg: Die Kirche droht eben wie immer mit einem strafenden Gott, der die Leute, die ihren kleinlichen Geboten nicht Genüge tun, in seinen Feuerofen wirft. Diese Kirche kann man offensichtlich abhaken. Ein solches Vorurteil wollen wir doch nicht auch noch fördern, oder?

Noch für eine andere Gruppe von Menschen sind solche Predigten eher ungeeignet, nämlich für Skrupulanten wie mich. Die denken nämlich eh schon genug an die Notwendigkeit von Gottesfurcht und Gehorsam und Bekehrung und Beichte und an das Gericht und Gottes Ansprüche und dass man es sich nicht zu einfach machen dürfe. Und den gesunden, gut informierten Gläubigen wird eine solche Predigt zwar nicht besonders stören, aber wahrscheinlich auch nicht besonders inspirieren.

Der hl. Franz von Sales hat einmal gesagt: „Man fängt mehr Fliegen mit einem Löffel voll Honig als mit einem Fass voll Essig.“ Und der muss es wissen, er hat immerhin eine ganze calvinistische Region bekehrt. Also bitte lieber etwas positivere Predigten.

 

Wenn die geschätzten Leser noch weitere nervige Predigtarten kennen, immer her damit! 😉

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