Das ist kein Seins-Sollens-Fehlschluss!

In der Moralphilosophie gibt es das Konzept des Seins-Sollens-Fehlschlusses (auch Naturalistischer Fehlschluss), d. h. es kann ein logischer Fehlschluss entstehen, wenn man daraus, wie etwas ist, direkt ableitet, dass es so sein soll. Allerdings habe ich festgestellt, dass oft eine ziemliche Uneinigkeit bei der Frage herrscht, was eigentlich ein Seins-Sollens-Fehlschluss ist.

Im traditionellen katholischen Naturrechtsdenken wird ja immer mal wieder auf das Sein zurückgegriffen, um ein Sollen abzuleiten. Denn, wie allgemein bekannt sein sollte, glaubt man ja als Katholik nicht, dass man nur dadurch erkennen kann, was gut und richtig ist, dass eine göttliche Stimme es verkündet und Mose es auf Steintafeln aufgezeichnet hat (auch wenn das bei der Erkenntnis hilft; wenn wir nicht selber drauf kommen, sagt Gott es eben ausdrücklich noch mal), sondern dass die Moral an sich durch die Vernunft einsichtig ist. Dabei schaut man erst einmal immer auf die Natur der Dinge. Ein paar Beispiele aus der katholischen Moraltheologie:

  • Der Mensch ist seiner Natur nach ein Gemeinschaftswesen. Es entspricht seiner Natur und ist daher gut für ihn, mit anderen Menschen zusammenzuleben, also braucht es auch gewisse Regeln unter den Menschen, z. B. andere nicht schädigen, anderen helfen, jeder soll in der Gemeinschaft das Seine tun, eine Gemeinschaft braucht Ordnung und Regeln, bei einer größeren Gemeinschaft nennt sich das dann Regierung und Verfassung. Anarchie wäre also unchristlich, ebenso wie willkürlicher Diebstahl, Verantwortungslosigkeit gegenüber der Gemeinschaft, der man angehört, etc.
  • Die Natur der Sprache ist Kommunikation mit anderen, Mitteilung von Wahrheit. Daher ist Lügen falsch, denn dadurch wird die Sprache ihrer eigentlichen Funktion beraubt.
  • Zur Natur der Sexualität gehören, um es mit dem sel. Papst Paul VI. (Enzyklika Humanae Vitae) zu sagen „liebende Vereinigung und Fortpflanzung“. Kinder sollen durch Liebe entstehen, und durch Liebe sollen Kinder entstehen, also sind sowohl Pille und Kondom, durch die Liebe unfruchtbar gemacht wird, als auch Befruchtung im Reagenzglas, durch die Kinder zum Produkt degradiert werden, abzulehnen. Das – wieder Paul VI. – „gründet in einer von Gott bestimmten unlösbaren Verknüpfung der beiden Sinngehalte […], die beide dem ehelichen Akt innewohnen“. (Ja, das ist eine gewöhnungsbedürftige Sprache, aber die Enzyklika ist ja schließlich auch schon knapp fuffzig Jahre alt.)

Die drei Beispiele sind eigentlich ganz schöne Beispiele, finde ich jedenfalls, denn sie zeigen alle drei, dass der Mensch im katholischen Weltbild seiner Natur nach eben immer auf andere Menschen, auf Gemeinschaft, Kommunikation, Liebe und in der Familie sogar das in-die-Welt-Setzen neuer anderer Menschen, ausgerichtet ist. Das ist also die Natur des Menschen und daher ist das, was ihr widerspricht, schlecht. Eigentlich sehr vernünftig, oder?

Nun kann man jedoch bei manchen neueren Moraltheologen die Argumentation lesen, das, was Humanae Vitae sagt, brauche man jetzt sooooo ernst auch nicht zu nehmen, denn da müsse man „gegebenenfalls die Gefahr eines Seins-Sollens-Fehlschlusses beachten“ (Akademikerdeutsch für: „ich finde, das ist ein Seins-Sollens-Fehlschluss“) oder so ähnlich. Bei anderen Sachen – s. Anarchie – liest man diese Argumentationslinie zwar nicht so oft, weil Verhütung und künstliche Befruchtung nun mal beliebter sind als Anarchie, aber bleiben wir mal bei der philosophischen Argumentation an sich:

Die oben genannte Argumentationsweise im Naturrechtsdenken ist kein Seins-Sollens-Fehlschluss, weil im Sein schon ein Sollen liegt. Jedenfalls nach christlicher Überzeugung. Die Welt ist nämlich eine Schöpfung eines guten Gottes, also liegt auch Gutes in ihrer Natur.

Natürlich ist die Frage wieder nicht ganz so einfach, wie immer in der katholischen Philosophie heißt es auch hier wieder: distinguere! Man muss sehr genau unterscheiden. Man kann ja nun nicht einfach so sagen, alles, was jetzt so ist, wie es ist, soll so sein. (Das wäre zwar ganz schön, denn dann müsste man ja gar keine Veränderungen mehr predigen, aber so funktioniert es eben leider doch nicht.) Und das liegt daran, dass die Welt eine gefallene Welt ist, d. h. eine ursprünglich gute, aber verdorbene Welt, deren Urzustand erst wieder hergestellt werden muss. Zum Beispiel gibt es unter den Menschen, wie sie jetzt sind, generell Neid und Missgunst, das ist so. Aber das ist nicht gut so, denn es entspricht nicht ihrer wahren, sondern ihrer beschädigten Natur, und es macht sie, da es nicht zu ihrer wahren Natur gehört, auch nicht glücklich. Daher wäre es ein tatsächlicher Seins-Sollens-Fehlschluss, zu sagen, alle Menschen kennen Neid, also muss Neid eine sinnvolle Funktion in der menschlichen Gemeinschaft haben. Ebenfalls ein Seins-Sollens-Fehlschluss wäre beispielsweise der Sozialdarwinismus: Daraus, dass man einen Kampf ums Dasein zwischen den Lebewesen beobachten kann, wird beschlossen, dass das Leben generell als Kampf geführt werden sollte, das Recht auf der Seite der Starken und damit Macht gleich Recht ist. Das ist aber nur ein Merkmal der von Gott entfernten Welt.

Bei der Frage danach, ob etwas ein Seins-Sollens-Fehlschluss ist oder nicht, muss aus christlicher Sicht, kurz gesagt, immer danach gefragt werden, ob etwas dem gefallenen Zustand der Welt und des Menschen geschuldet ist, oder der eigentlichen Schöpfungsordnung Gottes. Man muss nach der wahren Natur fragen, dann gibt es auch keinen Naturalistischen Fehlschluss. Das erfordert im Einzelfall sicher genaue Unterscheidung, aber es ist wichtig.

Benedikt XVI. hat beim Naturrecht in seiner Rede vor dem Bundestag von einer „Ökologie des Menschen“ gesprochen. Auch der Mensch kann bloß leben, wenn er artgerecht lebt, und das kann man nun wirklich keinen logischen Fehlschluss nennen (unabhängig davon, was man im Einzelnen als artgerecht bewertet).

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