Das ist nicht eure Erfindung!

Gelegentlich wird es einem in Vorlesungen oder Seminaren im Fach Theologie unterkommen, dass man vom Dozenten oder der Dozentin zu hören bekommt, XYZ sei eine Idee, die vom Zweiten Vatikanum eingeführt worden sei und damit das theologische Denken großartig vorangebracht habe. „Zweites Vatikanum“ lässt sich hier oftmals auch ersetzen durch irgendeinen Theologen, irgendeine theologische Strömung oder Bewegung, oder gegebenenfalls irgendeinen Heiligen. XYZ kann alles Mögliche sein: „positive Sicht auf Sexualität“ oder „Betonung der göttlichen Barmherzigkeit“ oder irgendeine Form der Bibelinterpretation oder „Mitwirkung der Laien an der heiligen Messe“.

Immer wieder sind diese Behauptungen aber leider ziemlicher Unsinn. Und leider auch Unsinn, der nicht nur auf theologische Vorlesungen beschränkt ist. Gerade in der Hagiographie ist es beliebt, irgendeinem Heiligen anzudichten, er habe etwas als erster entdeckt, damit man ihn entsprechend loben kann. Die entsprechenden Heiligen sind nun ja auch oft sehr für das zu loben, was sie getan haben, das Problem ist hier nur: Wenn man unterstellt, dass vor ihnen in der ganzen Kirchengeschichte niemand auf dieselbe Idee gekommen sei, dann unterstellt man allen diesen früheren Christen oft ziemlich unsinnige Sachen.

Nehmen wir mal, weil es gerade so schön passt, das Thema Barmherzigkeit. Irgendein sich kirchlich nicht so auskennender Journalist wird vielleicht schreiben, die Betonung der Barmherzigkeit sei eine Erfindung von Papst Franziskus. Jemand, der sich ein kleines bisschen besser auskennt und für die pfarrliche Kirchenzeitung einen Artikel über die Mitpatronin des letzten Weltjugendtags, die hl. Faustyna (1905-1938) verfassen soll, wird darin vielleicht hervorheben, dass von dieser Heiligen das Bild vom „Barmherzigen Jesus“ stammt, und dass sie eben als erste so sehr diese Barmherzigkeit betont habe, was ja in der damaligen Zeit was ganz Neues und Besonderes gewesen sei. Wer auch immer den Wikipedia-Artikel zur hl. Thérèse von Lisieux (1873-1897) geschrieben hat, will dagegen sie als maßgebliche Impulsgeberin darstellen, was die Sache mit der Barmherzigkeit angeht. Ihr „Wunsch, sogar die Sünder zu lieben“ wird als „für ihre Zeit revolutionär“ (ernsthaft!) dargestellt. Ja, hm. Als nächstes liest man dann irgendwo, dass in derselben Hinsicht „für ihre Zeit revolutionär“ (oder so ähnlich) auch schon die hl. Margareta Maria Alacoque (1647-1690) mit der Einführung der Herz-Jesu-Verehrung gewesen sei. Ja, und wenn man dann irgendwann noch erfährt, dass, sagen wir mal, das geflügelte Wort „Liebe den Sünder, hasse die Sünde“ eigentlich schon vom hl. Augustinus (354-430) stammt und dass tatsächlich so ziemlich, na ja, immer in der Kirchengeschichte von der Barmherzigkeit Gottes geredet und geschrieben wurde, dann fragt man sich irgendwann, woher solche Verleumdungen eigentlich kommen.

Denn es sind Verleumdungen. Ja, es gab eine theologische Entwicklung im Lauf der Kirchengeschichte, die ist sehr wichtig (der sel. John Henry Kardinal Newman hat in seinem Buch „Development of Doctrine“ (dt. Übersetzung: „Entwicklung der Glaubenslehre“) alles Notwendige dazu geschrieben), aber wer unterstellt, dass die Christen vor dem 21. oder 20. oder 19. oder 17. Jahrhundert so grundlegende Sachen wie die Barmherzigkeit Gottes überhaupt nicht beachtet hätten – na ja, der verleumdet die Christen aus diesen früheren Zeiten, und das meistens ohne nachzuforschen, was sie denn tatsächlich überhaupt gesagt haben.

Ähnlich kann es mit den anderen Themen sein. Sowohl der hl. Augustinus als auch der hl. Thomas von Aquin (1215-1274) vertraten z. B. die Ansicht, dass die Schöpfungsgeschichte der Genesis nicht wortwörtlich zu interpretieren sei – ja, wirklich, die beiden allermaßgeblichsten katholischen Theologen aus Antike und Mittelalter waren dieser Ansicht. Oder nehmen wir das leidige Thema Sex. Während die antiken Theologen da zum Teil tatsächlich vergleichsweise streng waren (wenn auch keiner am Ende die Ehe als sündhaft beurteilte, wie das andere antike Sekten wie die Manichäer (oder mittelalterliche wie die Katharer) taten; schließlich ist einer der Grundsätze des katholischen Glaubens, dass Gottes Schöpfung grundsätzlich gut ist), kann man u. a. bei Franz von Sales (1567-1622) im Grunde absolut dieselbe positive Bewertung der (ehelichen) Sexualität lesen wie bei Paul VI. oder Johannes Paul II. oder Franziskus – sorry, is’ so. Auch, was z. B. die participatio actuosa, d. h. das tätige Mitfeiern der hl. Messe durch die Laien – wobei mit diesem Begriff nicht gemeint ist, als Lektor oder Ministrant oder Redner o. Ä. mitzuwirken, sondern zu wissen und nachzuvollziehen und mitzubeten, was der Priester da so am Altar macht – ist Franz von Sales ein gutes Beispiel. Die Idee von der participatio actuosa wurde nämlich auch nicht erst durch die Liturgische Bewegung des 19. und 20. Jahrhunderts (die ja an sich ganz wunderbar war; die Volksmessbücher beispielsweise hat sie erfunden) aufgebracht; und natürlich erst recht nicht erst in den 60ern durch das letzte Konzil. „Bemühe dich also ganz besonders“, schreibt Franz von Sales im Jahr 1609, „jeden Tag der heiligen Messe beizuwohnen, um mit dem Priester das Opfer deines Erlösers Gott dem Vater für dich und die ganze Kirche darzubringen. […] Welches Glück für eine Seele, durch ihr frommes Gebet an einem so kostbaren und begehrenswerten Geheimnis mitzuwirken! 5. Um nun wirklich oder geistig das heilige Messopfer in der rechten Weise mitzufeiern, beachte folgendes: 1) Bereite dich mit dem Priester vor, ehe er an den Altar tritt; denke an Gottes Gegenwart, bekenne deine Unwürdigkeit, bitte um Vergebung deiner Sünden.“ (Usw.) (Einführung in das fromme Leben, Kapitel 14)

Solche Verleumdungen früherer Christengenerationen sind gar nicht selten, und sie nerven. Sie sind falsch. Die damaligen Christen hatten ihre charakteristischen Fehler, und wir haben unsere, aber sie waren oft durchaus christlicher, als man es ihnen zutraut, und locker auch mal christlicher als wir. Und ihre Fehler liegen auch nicht immer da, wo wir sie vermuten. Zum Beispiel hat in der ganzen Kirchengeschichte kein Theologe oder Papst je Zwangstaufen befürwortet. Ebenso gab es auch in Mittelalter und Renaissance Päpste und Bischöfe, die nicht unbedingt dem Bild der „Borgia“-Serie entsprechen, sondern tatsächlich sehr heilig und asketisch waren. Ich könnte noch viele Beispiele aufzählen, aber ich hoffe, es ist klar geworden, was ich sagen will: Auch wenn man seinen Blick darauf richten will, welche wirklichen theologischen Fortschritte und tieferen Einsichten es im Lauf der Kirchengeschichte gab – und die gab es natürlich; beim Konzil von Nicäa ebenso wie beim Konzil von Trient oder beim Zweiten Vatikanischen Konzil, bei Augustinus ebenso wie bei Thomas oder Thérèse, in der Kirchenreform des 11. Jahrhunderts ebenso wie in der Katholischen Reform des 16. oder in der Liturgischen Bewegung; in der Kirche gibt es eine solche „Entwicklung der Glaubenslehre“, wenn auch diese Entwicklung nur eine Weiterentwicklung, nicht eine totale Veränderung bedeuten kann –, sollte man hier bei den historischen Tatsachen bleiben. Wahrhaftigkeit ist nie schlecht.

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Ein Gedanke zu “Das ist nicht eure Erfindung!

  1. Ähnlich die Beichte – weder Pater Pio, noch das Jahr der Barmherzigkeit hat sie „entdeckt“. Sie war schon immer präsent, wird aber in jeder Generation anders bewertet und gelebt.
    In diesem Sinn dürfen wir gespannt sein, wie es um den Ablass steht. Seit Martin Luther schämte sich die Katholische Kirche eher dafür und sprach nicht mehr offen darüber. Vielleicht gibt es bald einen Heiligen oder eine Synode, die ihn neu „entdeckt“.
    Spannend finde ich jedoch in der heutigen Zeit die „Entdeckung“ der Barmherzigkeit für wiederverheiratet Geschiedene und die immer mehr angewandte Möglichkeit der Annulierung von sakramentalen Ehen, weil der Glaube dafür fehlte.

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