Die allumfassende Kirche, Teil 6: Sein oder Nichtsein – Katholizismus, Buddhismus und Malthusianismus

Alle Teile hier: https://nolitetimereweb.wordpress.com/reihe-die-allumfassende-kirche/

 

Es gibt eine Grundentscheidung, die der Mensch in seinem Leben treffen muss: Für das Sein oder für das Nichtsein. Damit meine ich die Entscheidung, ob er das Sein, das Leben, die Welt letztlich als gut – wenn auch in dieser Welt offensichtlich mangelhaft und entstellt – sehen will, oder ob er das Nichtsein, den Tod, das Nirwana vorzieht. Die erste Ansicht ist die des Christen; die zweite die des Buddhisten oder auch des nihilistischen Atheisten.

Es gibt vielleicht ein paar Unterschiede zwischen dem durchschnittlichen westlichen Atheisten und dem durchschnittlichen östlichen Buddhisten. Der westliche Atheist ist oft aggressiver und wendet sich deutlicher gegen den christlichen Gott, von dem er mal gehört hat. Er klagt Gott an, dass der das Leid zulasse, und scheint sich dabei manchmal nicht entscheiden zu können, ob er sagen will, dass Gott schlecht ist oder dass es Gott nicht geben kann, weil er schlecht wäre, wenn es Ihn gäbe. Der Buddhist ist friedlicher und meditativer und macht sich nicht wirklich Gedanken über Gott. Er glaubt einfach nicht an ihn; eigentlich ist er der wahre Atheist.

Es gibt ja immer mal wieder Diskussionen darüber, ob man den Buddhismus als eine Religion bezeichnen kann. Das hängt letztlich vom Religionsbegriff ab. Der Buddhismus ist eine Weltanschauung oder Philosophie, die den Menschen zu seinem Heil führen soll, aber an diesem Heil sind keine Götter beteiligt. Der Mensch wirkt es selbst. Durch Erkenntnis und eventuell auch gute Taten befreit der Buddhist sich von dieser Welt, die für ihn nur Leiden bedeutet. Er erfasst, dass sie letztlich nur Schein ist, und gelangt in die Welt des Nicht-Seins, wie es Buddha exemplarisch vorgemacht und gelehrt hat.

Der Buddhismus hat einen guten Ruf, weil er friedlich ist und das Mitleid kennt und einige gute Weisheitssprüche hervorgebracht hat, und natürlich, weil er eine irgendwie exotische Alternative zur einheimischen Religion ist. Aber in seinem tiefsten Inneren ist er Leblosigkeit und Verzweiflung.

Das Christentum ist so ganz anders. Der Himmel wird das Leben in Fülle sein, die selige Schau Gottes; wir freuen uns auf die Chöre der Engel und Heiligen, auf Gesang und Jubel und Schönheit und das Antlitz unseres geliebten Erlösers – nicht auf die Auslöschung unserer Seele. Für uns ist das Sein gut, in seinem tiefsten Wesen gut – es ist nur verzerrt und verschmutzt worden durch die Sünde. Es muss daher gereinigt werden, nicht zerstört.

Wenn man über die Theodizeefrage diskutiert, wird es immer mal wieder Leute geben, die argumentieren, es wäre besser, nicht zu leben, als in einer so leidvollen Welt zu leben (zumindest für Menschen, die wirklich schlimmes Leid erleben, sagen wir mal, die Juden, die nach Auschwitz deportiert wurden, oder die Insassen der nordkoreanischen Arbeitslager, oder Sklavinnen in den Händen des IS). Da ist jedoch eine Art logischer Fehler drin, zumindest etwas, das in dieser Formulierung leicht übersehen wird. Wenn es mich nicht geben würde, wäre das für mich nicht besser – weil es mich dann nicht geben würde. Dann würde ich nicht in einer Welt leben, in der ich weder Schmerz noch Freude empfände, sondern dann würde ich überhaupt nicht leben. Für mich wäre es besser, wenn es mich nicht gäbe, ist ein Widerspruch in sich. Wenn es mich nicht gäbe, könnte nichts für mich gut oder schlecht sein. Wenn man den Satz logisch einwandfrei formulieren möchte, könnte man vielleicht sagen: Es lohnt sich nicht, zu sein, da das Sein zu viel Leid bedeutet, oder etwas in der Art. Aber so richtig überzeugend ist das noch immer nicht.

Diese Art der Argumentation („es wäre besser, nicht zu sein“) muss man nicht akzeptieren. Wer lebt, wird Leid erfahren; aber er wird auch Freude erfahren, zumindest hat er die Chance, wieder einmal Freude zu erfahren (vor allem durch Gott; wenn es Gott nicht gäbe, wäre das Leben allerdings um einiges hoffnungsloser).

Die Kirche ist für das Leben. Der heilige Papst Johannes Paul II. hat oft von einer „Kultur des Lebens“ gesprochen, die sich der verbreiteten „Kultur des Todes“ entgegenstellen muss. Zu dieser Kultur des Todes gehören nach seiner Auffassung – u. a. – Abtreibung, Euthanasie/Sterbehilfe, assistierter Selbstmord, Todesstrafe, und auch die lebensfeindliche Einstellung, die sich im Widerwillen gegenüber Kindern ausdrückt. Gerade im Bereich von Abtreibung und Sterbehilfe hört man oft das Argument, der Tod sei für diese Menschen das Bessere (bei Abtreibung zum Beispiel mit der Begründung, dass ein Kind nicht entweder mit einer Behinderung oder in einer nicht gut funktionierenden Familie leben sollte). Das Christentum wendet nun, wie oben gesagt, ein, dass das Leben an sich gut ist, und das elementare Gutsein des Daseins durch Leid nicht außer Kraft gesetzt wird. (Mal ganz abgesehen davon, dass es eine beinahe lächerliche Unehrlichkeit ist, zu behaupten, man gebe einem Kind mit Downsyndrom eine Giftspritze ins Herz oder zerstückele es, um ihm das Leid des Lebens zu ersparen. Denn Kinder mit Downsyndrom, falls man das noch nicht bemerkt haben sollte, können ein sehr glückliches Leben führen. Den einzigen, denen man hier etwas ersparen will, sind die Menschen, die mit diesem Kind zurechtkommen müssten. Schließlich treffen ja auch sie die Entscheidung für den Tod des Kindes, nicht das Kind.)

Man könnte gegen die christliche Sicht auf diese Themen natürlich einwenden, dass der Tod – im Gegensatz zum Gar-nicht-existiert-haben – für die Christen ja nicht die Auslöschung, sondern die Vollendung des Lebens ist. Darauf würde man als Christ entgegnen, dass es an Gott ist, zu bestimmen, wann diese Vollendung fällig ist. Wir leben das Leben, das er uns gegeben hat, und machen das Beste draus, und sehen dann, wann wir zur Vollendung gerufen werden. Abgesehen davon steht bei Leuten, die für Abtreibung und Sterbehilfe sind, wohl kaum das Bestreben im Vordergrund, dem abgetriebenen Kind oder getöteten Kranken ein besseres Leben im Jenseits zu verschaffen (wenn sie denn überhaupt daran glauben), sondern sie wollen – jedenfalls ist das das vorgebrachte Motiv – sein schlechtes Leben im Diesseits zu beenden; lebensbeendende Maßnahmen haben genau dieses Ziel: Leben zu beenden, den Tod zu bringen. Darüber hinaus wird gar nicht geschaut.

Bleiben wir beim Thema Kultur des Todes: Zu dieser Kultur gehören auch gewisse Strömungen in ganz extremen Umweltschützerkreisen, in denen der Mensch teilweise als etwas gesehen wird, das es eigentlich nicht geben sollte. Er ist zu schlecht, er zerstört anderes Leben, er sollte am liebsten einfach weg. (Eigentlich paradox, dass Menschen, die alles Leben für schützenswert halten, das menschliche Leben dabei nicht einschließen.) Eine heute damit verbundene Idee ist der Malthusianismus; eine Philosophie, die meines Erachtens nach direkt aus der Hölle kommt.

Thomas Robert Malthus (1766-1834) war ein anglikanischer Pfarrer und Ökonom. (Er ist auch ein Beispiel dafür, dass auch Menschen, die äußerlich als Christen leben, schlechte – sehr schlechte – Ideen haben können und sich keineswegs immer als christliche Denker erweisen; Malthus übte tatsächlich großen Einfluss auf den ein wenig später entstandenen Sozialdarwinismus aus.) Er beschäftigte sich hauptsächlich mit dem Thema Bevölkerungsentwicklung, und zwar in ziemlich stümperhafter Weise. Seine simple Theorie lautete folgendermaßen: Die Menschen würden sich exponentiell vermehren (Beispiel: Ein Paar aus einer Generation hat durchschnittlich vier Kinder, die Paare der Generation dieser Kinder dann ebenfalls wieder durchschnittlich vier Kinder, usw.), die Nahrungsmittelproduktion dagegen nur linear (d. h. sie wachse immer um dieselbe Menge, also, sagen wir mal, x Tonnen Weizen kommen jedes Jahr dazu, der Zuwachs wird nie größer). Die Kurven der Nahrungsmittelproduktion und der Bevölkerungsentwicklung würden sich dadurch zwangsläufig immer mehr auseinander entwickeln. Nach diesem Naturgesetz ließen sich natürlich irgendwann nicht mehr alle Menschen ernähren, also würde die Natur zwangsläufig zurückschlagen und ein Teil der Menschen eben durch Hunger, Seuchen etc. sterben. Es sei denn natürlich, sie bekämen weniger Kinder. (Malthus war allerdings stark genug durch eine halbwegs christliche Kultur geprägt, dass er Abtreibung und künstliche Verhütungsmethoden ablehnte und stattdessen späte Heiraten und Enthaltsamkeit vorschlug.)

Die Geschichte hat diese Theorie widerlegt; die von Malthus prophezeite Bevölkerungskatastrophe trat bekanntlich nie ein. Stattdessen wuchs die Nahrungsmittelproduktion im 19. Jahrhundert durch neue Techniken enorm, sogar mehr als notwendig; und diese Techniken wurden gerade deshalb entwickelt, weil eine größere Bevölkerung ernährt werden musste.

Was ist nun das Schlimme an Malthus’ Theorie, abgesehen davon, dass sie sich in der Realität nicht behauptet hat? Schließlich kann es doch schon zu einem Problem werden, wenn – in einem bestimmten Land oder in einer bestimmten Familie – zu viele Kinder auf einmal geboren werden, oder nicht?

Sicher kann es das. Und die katholische Kirche hat auch nie behauptet, dass jede Familie fünfzehn Kinder kriegen muss. (Auch wenn in der Welt da draußen die Tatsache, dass es so etwas wie „NFP“ gibt, ziemlich unbekannt ist.) Aber es besteht doch ein gewisser Unterschied zwischen einer Familie mit mehreren Kindern, die sich selbst entscheidet, vorerst nicht noch ein weiteres zu bekommen, weil sie dann einfach Schwierigkeiten hätte, alle Kinder zu ernähren, und einem Ökonomen, der aus seinem Lehrstuhl heraus erklärt, dass die Welt nun einmal leider nur begrenzte Ressourcen biete und man, wenn es zu viele Menschen gäbe, nichts anderes erwarten könne, als dass einige eben wegstürben, oder einer Regierung wie der chinesischen, die, von der Theorie dieses Ökonomen beeinflusst, Zwangsabtreibungen an Frauen vornehmen lässt, die zum zweiten Mal schwanger werden (und sich dann irgendwann fragt, wie eigentlich die Alten im Land versorgt werden sollen). Von Malthus stammt das folgende Zitat: „Ein Mensch, sagte er, der in einer schon okkupierten Welt geboren wird, wenn seine Familie nicht die Mittel hat, ihn zu ernähren oder wenn die Gesellschaft seine Arbeit nicht nötig hat, dieser Mensch hat nicht das mindeste Recht, irgend einen Teil von Nahrung zu verlangen, und er ist wirklich zu viel auf der Erde. Bei dem großen Gastmahle der Natur ist durchaus kein Gedecke für ihn gelegt. Die Natur gebietet ihm abzutreten, und sie säumt nicht, selbst diesen Befehl zur Ausführung zu bringen.“ (Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Thomas_Robert_Malthus ) Ich denke, das klärt die Frage, was man von Thomas Robert Malthus’ Ideen zu halten hat, oder?

Man sieht das Problem in dieser Philosophie ganz einfach an der Wortwahl ihrer Vertreter: Sie sprechen nicht von einem Mangel an Nahrung, sondern einem Zuviel an Menschen („Überbevölkerung“ oder, früher, „Bevölkerungsüberschuss“). Nicht die Landwirtschaft ist zu wenig produktiv oder die Verteilung zu ungerecht, nein, einfach, dass die Menschen da sind, ist das Problem. An dieser Wortwahl sieht man eins sehr deutlich: Sie sehen ein gewisses Maß an Bevölkerung als akzeptabel an, und der Rest ist dann ein „Überschuss“; es bleibt zwangsläufig die Frage, wer zu diesem Überschuss gehört und wer nicht.

Als einen exemplarischen Malthusianer könnte man vielleicht Ebenezer Scrooge aus Charles Dickens’ „Eine Weihnachtsgeschichte“ nennen. Als zu Beginn des Buches zwei Männer in sein Büro kommen, um ihn um Spenden zu bitten, entwickelt sich zwischen ihnen folgendes Gespräch:

„‚In dieser Festzeit, Herr Scrooge’, sagte der Herr und nahm eine Feder zur Hand, ‚ist es mehr als sonst erwünscht, dass man ein weniges für die Armen und Hilflosen tut, die gegenwärtig schwer zu leiden haben. Vielen Tausenden mangelt es am Allernötigsten, Hunderttausenden an den bescheidensten Annehmlichkeiten des Daseins.’

‚Gibt es keine Gefängnisse?’ fragte Scrooge.

‚Eine Menge Gefängnisse’, sagte der Herr und legte die Feder wieder hin.

‚Und die Arbeitshäuser?’ forschte Scrooge weiter. ‚Sind sie noch in Betrieb?’

‚Gewiss. Indessen’, erwiderte der Herr, ‚ich wollte, ich könnte sagen: Nein!

‚Die Tretmühle und das Armengesetz finden auch noch Anwendung?’ sagte Scrooge.

‚Beide nur zu sehr, mein Herr!’

‚Oh! Ich fürchtete schon – nach dem, was Sie zuerst sagten –, es wäre ein Umstand eingetreten, der ihre nützliche Tätigkeit aufgehalten hätte’, sagte Scrooge. ‚Ich freue mich, das Gegenteil zu hören.’

‚Unter dem Eindruck, dass sie in christlichem Sinne kaum förderlich auf Geist und Körper der breiten Masse wirken, bemühen wir uns daher, das nötige Geld zusammenzubringen, um für die Armen etwas zu essen und zu trinken und warme Kleidung beschaffen zu können. Wir haben dazu diese Zeit gewählt, weil da gerade der Mangel am härtesten empfunden wird und so viele wiederum sich des Überflusses erfreuen. Was darf ich für Sie einsetzen?’

‚Nichts!’, erwiderte Scrooge.

‚Sie wünschen ungenannt zu bleiben?’

‚Ich wünsche allein gelassen zu werden’, sagte Scrooge. ‚Da Sie mich fragen, was ich wünsche, meine Herren, ist das meine Antwort. Ich bereite mir selbst kein fröhliches Weihnachten und ich kann mir nicht leisten, es für Faulenzer zu tun. Ich trage dazu bei, die Einrichtungen zu unterstützen, die ich erwähnt habe – sie kosten gerade genug –, und wem es schlecht geht, der muss sich dorthin wenden!’

‚Viele können es nicht und viele würden lieber sterben.’

‚Wenn sie lieber sterben würden’, sagte Scrooge, ‚täten sie gut daran, dies auch wirklich zu tun und den Bevölkerungsüberschuss zu vermindern. Übrigens – entschuldigen Sie – weiß ich nicht, was ich damit zu tun hab.’

‚Aber Sie könnten es wissen’, bemerkte der Herr.

‚Das ist nicht meine Angelegenheit’, gab Scrooge zurück. ‚Es genügt, wenn ein Mann sich auf seine eigenen Angelegenheiten versteht und sich nicht in diejenigen anderer einmischt. Meine beschäftigen mich zur Genüge. Guten Tag, meine Herren!“

Denn man mache sich nichts vor: Zum Kern des Malthusianismus gehört dieser krasse Individualismus, der den Menschen, der in die Welt kommt (siehe das Zitat oben) nicht als Teil einer Gemeinschaft, sondern als möglicherweise überzählige, auf sich gestellte Einzelperson sieht. Er leugnet nicht nur den grundsätzlichen Wert und die Gleichwertigkeit aller Menschen, sondern auch alle Solidarität unter ihnen. Er ist dem Christentum, in dem es immer um die Ausrichtung auf den Anderen, die Offenheit und den Austausch und Hilfe und Rücksicht und das Mitleiden und Mitfreuen – kurz, die Liebe – geht, fundamental entgegengesetzt. Diese „Jeder ist sich selbst der Nächste“-Philosophie ist der genaue Gegensatz zum Christentum.

Auch heute ist die Theorie von der Überbevölkerung noch lange nicht ausgestorben; man denke an den Club of Rome, oder derzeitige Befürchtungen, dass dank der hohen Geburtenrate in Afrika eine Völkerwanderung auf Europa zukommen könnte. In Zeiten, in denen die Erde bei gerechter Verteilung etwa 12 Milliarden Menschen ernähren könnte, während 7 Milliarden auf ihr leben, ist das alles meiner Meinung nach ziemlich… na ja, sagen wir mal, es zeugt von einer gewissen Misswirtschaft des Menschengeschlechts im Ganzen.

Wenn das Leben Probleme mit sich bringt, muss man gegen die Probleme vorgehen und nicht gegen das Leben. Wenn es in Afrika keine Arbeitsplätze gibt, muss man Arbeitsplätze schaffen, anstatt „Kriegt eben einfach keine Kinder!“ zu sagen. (Wenn die Leute dort keine Kinder kriegen, geht es ihnen übrigens erst recht nicht besser.) Wenn eine Behinderung gesellschaftliche Nachteile und/oder körperliche Beschwerden mit sich bringt, muss man mit Inklusion und Medikamenten ankommen, nicht mit der Giftspritze. Wenn jemand keinen Sinn mehr in seinem Leben sehen will, muss man ihm helfen, den Sinn zu finden, nicht den Tod.

Ich will wieder zu meinem Ausgangspunkt zurückkommen: Man muss sich entscheiden, ob man finden will, dass das Leben, das Dasein an sich, auch das Leiden aufwiegt, das es mit sich bringt, oder nicht. Das ist eine Grundentscheidung, die nicht durch logisches Argumentieren erzwungen werden kann. Aber Gott ist offensichtlich der Meinung, dass das Leben das Leiden aufwiegt; Ihn haben wir hier auf unserer Seite. Und man kann Ihm auch nicht vorwerfen, das Leiden nur den Geschöpfen zuzumuten, die Er ungefragt ins Leben gerufen hat. Schließlich hat Er selber ihr Leben und auch mehr als genug Leiden auf sich genommen. Gekreuzigt zu werden ist kein angenehmer Tod.

 

[Update: Ich wurde von einem Buddhisten für meine Kritik am Buddhismus in der Einleitung dafür kritisiert, dass ich Buddhisten eine Art Todessehnsucht und totalen Pessimismus unterstellen würde. In Bezug auf die Todessehnsucht war das in gewisser Weise ein Missverständnis; ich wollte ausdrücken, dass die Buddhisten das Leben als grundsätzlich leidbehaftet sehen und man als Buddhist aus dem Kreislauf der Wiedergeburt ausbrechen will, nicht dass man automatisch selbstmordgefährdet ist. Ich wurde nun aber darauf hingewiesen, dass für Buddhisten die Erkenntnis, dass alles Leben leidbehaftet sei, lediglich ein Zwischenschritt auf dem Weg zur Buddhaschaft sei, und dass man daraus zu der Erkenntnis kommen solle, dass es nur auf einen selber ankomme, was man als angenehm oder unangenehm erlebe, und zu der Erkenntnis, dass das Leben an sich wertfrei und dass alles eigentlich eins sei usw. Dadurch würde man dann gerade das Glück finden, das letztendlich dann wohl doch in einer Art Aufgehen in einem innerlich erkannten großen Ganzen zu bestehen scheint oder so ähnlich. (Soweit die Darstellung dieses Buddhisten; ich kenne nicht alle buddhistischen Schulen.) Diesen buddhistischen Gleichmut finde ich nun allerdings erst recht nicht gerade besser, da er mir ganz einfach als Kapitulation und Gleichgültigkeit erscheint und diese Sicht die Wirklichkeit von Gut und Böse in einem Einerlei auflöst – aber ich wollte es noch erwähnen, damit hier keine Missverständnisse mehr entstehen. Wer sich für die ganze Diskussion interessiert, mag sie hier nachlesen: https://winklbauer.wordpress.com/2016/10/09/wir-warten-nicht-aufs-ende/ (Die neuesten Kommentare stehen oben.) An meiner obigen Kritik am Buddhismus würde ich insofern nicht wirklich etwas ändern, da sich auch nach dieser Diskussion mein Eindruck bestätigt hat, dass die Buddhisten das Glück eben darin sehen, sich von der Anhänglichkeit an die Welt zu lösen, während die Christen hier eben genauer unterscheiden, und Anhänglichkeit an das Gute, Wahre und Schöne eben gerade nicht schlecht ist, auch wenn es schlechte Anhänglichkeiten gibt, von denen man sich lösen muss. (Die nennen sich dann Sünden.) Also, nach dem Christentum ist die Lösung nicht Gleichmut und Ende aller Begierden und Wünsche, sondern deren richtige Lenkung und Einsatz für das Gute. Ich würde allerdings sagen, dass konsequent durchgezogener Nihilismus in seiner westlichen Form wohl doch noch mal ein bisschen nihilistischer (und vor allem in der Praxis destruktiver) ist als der Buddhismus.]

 

Werbeanzeigen

Die allumfassende Kirche, Nachtrag zu Teil 5: Ein Gastbeitrag zu Skeptizismus, Materialismus und begrenzten Unendlichkeiten von Mr. Chesterton

Alle Teile hier: https://nolitetimereweb.wordpress.com/reihe-die-allumfassende-kirche/

 

Man kann in Diskussionen an der Uni (aber nicht nur dort) heute immer wieder Folgendes hören: Das menschliche Erkennen ist subjektiv, die Realität an sich gibt es nicht, das, was wir als Realität bezeichnen, ist nur eine von uns selber aufgestellte Konstruktion. Dazu fällt mir nur eine Antwort ein: Wie um Himmels willen können Menschen, die sich selber für „aufgeklärt“ und „gebildet“ halten, einen solchen hanebüchenen Unsinn ernsthaft glauben?

Eine mögliche Antwort wäre, dass sie nicht wirklich merken, was sie da behaupten; daher will ich diese Behauptung in sich nun einmal näher betrachten.

Ich möchte meine Argumentation in scholastischer Weise aufbauen. Die Prämisse – Das menschliche Erkennen ist subjektiv und begrenzt – stimmt, aber die Folgerungen sind in keiner Weise logisch aus dieser Prämisse ableitbar. Wir alle haben Augen, Ohren, Hände, Füße, Nerven, ein Gehirn, und das alles kann mehr oder weniger gut funktionieren. Wenn wir müde oder krank sind, fällt uns das Denken schwerer, wenn wir im Koma liegen, dann wohl noch mehr (ebenso, wie ein Computer schlechter funktioniert, wenn man Kaffee darüber gekippt hat). Aber – Vorsicht, Logik – die Tatsache, dass wir die Welt da draußen dank unserer menschlichen Begrenztheit nicht vollständig in ihrem Wesen erfassen können (was übrigens in der Geschichte der Menschheit nie jemand behauptet hat), heißt nicht, dass sie nicht existiert, und auch nicht, dass wir überhaupt nichts von ihr erfassen können. Wenn ich nicht kapiere, wie Hitler Reichskanzler werden konnte, heißt das dann, dass er nie Reichskanzler wurde? Schön wär’s. Unser Erfassen und unsere Sprache – die Frage, wie und ob wir etwas mit der Sprache korrekt beschreiben können, hängt mit alldem zusammen – sind nicht perfekt und können es nie sein; das hat das Christentum immer schon so gesehen. Aber trotzdem gibt es diese Welt, die da an uns herantritt, und die wir mit unserem stümperhaften Gehirn und unserer stümperhaften Sprache auf mangelhafte Weise zu erfassen versuchen. Das Bild, das wir uns dabei erstellen, ist eine Konstruktion, oder besser gesagt, eine Abstraktion; wie eine Landkarte oder das Modell eines Architekten. Aber die Existenz der Landkarte setzt die Existenz der Landschaft voraus. Vielleicht ist sie falsch; dann kann man das im Vergleich mit der wirklichen Landschaft herausfinden. Aber die Landschaft ist da. Zu sagen, dass die Realität wegen unseres begrenzten Erkennens nicht da ist, wäre dasselbe, wie wenn man sagen würde, die Existenz der Landkarte widerlege die Existenz der Landschaft.

Von nichts kommt nichts. Aus nichts können wir nichts konstruieren. Es gibt uns als erkennende Wesen, und an diese erkennenden Wesen tritt von außen etwas heran, das nicht zu uns gehört und uns zu einer Antwort und Reaktion herausfordert und uns sicher nie in Ruhe lassen wird. Das kann die Mutter sein, die einem sagt, dass man endlich mal seine Socken aufräumen soll, oder der Regen, der auf einen niederprasselt, oder die Regierung, die einen zum Militärdienst rekrutiert, oder der Nachbar, der einen zur Geburtstagsfeier einlädt, oder der Stein, der einen am großen Zeh drückt, oder der Terrorist, der einen mit seiner Bombe umbringt. Das ist schon der Boden unter unseren Füßen und die Luft, die wir atmen. Die Welt ist einfach da, und zwar ungebeten.

Allerdings denke ich, dass das, was ich im letzten Absatz zu erläutern versucht habe, zu offensichtlich ist, um es beweisen zu können. Man muss es akzeptieren, dass es da draußen eine Welt gibt, oder man muss sich gegen diese Annahme entscheiden. Vielleicht könnte man tatsächlich widerspruchsfrei behaupten, alles sei Schein und eine Vorspiegelung unseres eigenen Bewusstseins, das uns die wahre Existenz von Dingen nur vorgaukelt. Man kann im Endeffekt alles anzweifeln. Man kann sich fragen – denkende Menschen tun so was wahrscheinlich irgendwann – ob nicht vielleicht doch alles nur Schein und Schleier ist, ob wir vielleicht doch in einer gigantischen Matrix (der Film ist übrigens sehr interessant!) leben, in einer Art von Truman Show (auch der Film ist nicht schlecht) und den Dingen, die wir für selbstverständlich nehmen, überhaupt trauen können, ob wir sogar unserer eigenen Vernunft überhaupt trauen können. Es ist eine beängstigende, aber theoretisch mögliche Vorstellung; man kann sie nicht durch reine Logik widerlegen. Natürlich kann man sie ebenso wenig belegen, weil Belege nur mit Denken funktionieren und diese Ansicht – heute als Skeptizismus, früher als Solipsismus (solus = allein, ipse = selbst; d. h. allein das Selbst wird als wirklich anerkannt) bezeichnet – ja gerade darauf beruht, dass das Denken nicht verlässlich sei.

Ich denke, man kann den extremen Subjektivismus, Skeptizismus und Solipsismus (letzteres meiner Meinung nach der passendste Begriff) tatsächlich nicht logisch widerlegen; aber man kann ihm mit gesundem Menschenverstand zu Leibe rücken. G. K. Chesterton geht in seinem Buch „Orthodoxie“ auf die Themen Materialismus (eine ähnlich dämliche Ansicht: den Geist, das Denken, das wir tagtäglich erleben, gäbe es nicht wirklich, sondern das alles seien nur Auswüchse von Materie – was dann zwangsläufig auch alle Gedanken der Materialisten ad absurdum führen würde) und Skeptizismus ein:

 

Durch und durch weltliche Menschen bringen es nicht einmal zum Verständnis der Welt selbst; sie bescheiden sich mit ein paar zynischen Grundsätzen, die keine Wahrheit haben. Ich erinnere mich, dass ich einmal mit einem wohlhabenden Verleger spazierenging und der eine Bemerkung machte, die ich schon zu oft zu hören bekommen hatte; fast kann man sie als Motto der heutigen Welt ansehen. Jetzt hatte ich sie aber einmal zu oft gehört, und plötzlich ging mir auf, wie nichtssagend sie war. Der Verleger äußerte über jemanden: „Dieser Mann wird es weit bringen; er glaubt an sich.“ Und ich erinnere mich, dass, als ich lauschend den Kopf hob, mein Blick auf einen Omnibus fiel, auf dem der Name „Hanwell“ [Name einer damaligen psychiatrischen Anstalt in London] stand. Ich sagte zu ihm: „Wollen Sie wissen, wo sich die Leute befinden, die am meisten an sich glauben? Ich kann es ihnen sagen. Ich kenne Leute, deren Glaube an sich unerschütterlicher ist als der eines Napoleon oder Cäsar. […] Die Menschen, die wahrhaft an sich glauben, stecken alle in Irrenanstalten.“ Er entgegnete nachsichtig, es gebe schließlich eine erkleckliche Zahl Menschen, die an sich glaubten und nicht in Irrenanstalten seien. „Ja, die gibt es“, erwiderte ich, „und Sie dürften sie am besten kennen. Der versoffene Dichter, dessen dröge Tragödie Sie nicht herausbringen wollten – er glaubte an sich. Der ältliche Pastor mit seiner Monumentaldichtung, vor dem Sie sich in einem Hinterzimmer versteckten – er glaubte an sich. […] Es läge weitaus mehr Wahrheit darin zu sagen, dass ein Mann scheitern muss, weil er an sich glaubt. Absolutes Selbstvertrauen ist nicht nur eine Sünde, es ist auch eine Schwäche. Voll und ganz an die eigene Person zu glauben ist so hysterisch und abergläubisch wie der Glaube an Joanna Southcott [Sektengründerin des 19. Jahrhunderts]; der Mensch, der diesem Glauben frönt, trägt ‚Hanwell’ ebenso deutlich auf seiner Stirn, wie das Wort da auf dem Omnibus steht.“

 […]

 Die Erklärungen eines Verrückten sind immer vollständig und stellen in einem rein verstandesmäßigen Sinne oft zufrieden. Genauer gesagt ist die Erklärung des Geisteskranken zwar vielleicht nicht schlüssig, aber jedenfalls unwiderlegbar; das lässt sich zumal bei den zwei oder drei geläufigsten Formen der Verrücktheit beobachten. Wenn jemand (zum Beispiel) behauptet, man schmiede ein Komplott gegen ihn, lässt sich das nicht bestreiten, außer man setzt dagegen, alle Betroffenen leugneten, sich gegen ihn verschworen zu haben; aber genau so würden Verschwörer sich ja verhalten. Die Erklärung des Verrückten passt ebensogut zu den Fakten, wie das, was man dagegen vorbringt. Wenn jemand behauptet, er sei der rechtmäßige König von England, reicht es nicht aus, ihm zu entgegnen, die Behörden erklärten ihn für verrückt; denn wenn er tatsächlich der König von England wäre, wäre dies vielleicht das Klügste, was die Regierenden tun könnten. Wenn jemand behauptet, er sei Jesus Christus, hilft es nichts, wenn man ihm entgegenhält, die Welt bestreite seine Göttlichkeit; denn das hat die Welt auch bei Christus getan.

 Dennoch irrt er. Versuchen wir indes seinen Irrtum auf den Begriff zu bringen, stellen wir fest, dass dies nicht ganz so einfach ist, wie wir gedacht haben. Vielleicht kommen wir der Sache am nächsten, wenn wir sagen, sein Geist bewege sich in einem perfekt geschlossenen, aber engen Kreis. Ein kleiner Kreis ist genauso unendlich wie ein großer Kreis; aber wenn er auch genauso unendlich ist, ist er doch nicht genauso groß. In vergleichbarer Weise ist die Erklärung des Geisteskranken genauso vollständig wie die des Gesunden, nur ist sie nicht so umfänglich. Eine Gewehrkugel ist genauso rund wie die Welt, aber sie ist nicht die Welt. Es gibt so etwas wie eine enge Universalität, eine kleine, verkrampfte Ewigkeit; man kann das in vielen heutigen Religionen beobachten. Um aber die Sache ganz äußerlich und empirisch zu fassen, können wir sagen, das stärkste und unmissverständlichste Symptom für Verrücktheit besteht in dieser Kombination aus logischer Vollständigkeit und spiritueller Enge. Die Theorie des Geisteskranken hat umfänglichen Erklärungswert, aber sie erklärt nicht auf umfängliche Weise. Das heißt, wenn der Leser oder ich es mit einem Geiste zu tun hätten, der dabei ist, zu erkranken, dann dürften wir nicht so sehr darauf aus sein, ihm mit Argumenten zu begegnen, sondern wir müssten uns hauptsächlich darum bemühen, ihm Luft zu schaffen, ihn davon zu überzeugen, dass es außerhalb der erstickenden Enge einer bornierten Argumentation eine reinere und kühlere Atmosphäre gibt. Nehmen wir zum Beispiel an, wir haben es mit dem ersten der von mir als typisch angeführten Fälle zu tun; nehmen wir den Fall des Mannes, der alle Welt beschuldigt, sich gegen ihn zu verschwören. Um all unseren Widerstand und Einspruch gegen diese fixe Idee zum Ausdruck zu bringen, würden wir vielleicht etwas wie das Folgende äußern. „Also, ich gebe zu, dass an dem, was du da sagst, etwas dran ist und dass es dir ernst damit ist und dass vieles so zusammenpasst, wie du behauptest. Ich gebe zu, dass deine Erklärung vieles erklärt, aber wieviel anderes klammert sie aus! Gibt es in der Welt keine anderen Geschichten außer deiner? Hat die ganze Menschheit nichts weiter zu tun, als sich mit dir zu beschäftigen? Räumen wir die Möglichkeit ein, dass der Mann auf der Straße, der dich nicht zu bemerken schien, nur so tat, als ob, oder dass der Polizist, der deinen Namen wissen wollte, ihn in Wahrheit bereits kannte. Aber wieviel glücklicher wärst du, wenn du wissen dürftest, dass du diesen Menschen ganz egal bist? Wieviel großartiger wäre dein Leben, wenn du dich selber ein bisschen kleiner in ihm machen könntest, wenn du die Leute mit normaler Neugier und Amüsiertheit beobachten, wenn du ihnen zusehen könntest, wie sie in ihrer wonnigen Selbstsucht und kraftvollen Indifferenz herumlaufen! Du würdest anfangen, dich für sie zu interessieren, weil sie an dir kein Interesse zeigen. Du würdest aus diesem winzigen, aufgeputzten Theater, in dem ständig nur dein eigenes kleines Stück gespielt wird, ausbrechen und dich unter freiem Himmel, in einer Straße voller himmlischer Fremder wiederfinden.“ Oder nehmen wir an, es handelt sich um den zweiten Fall von Verrücktheit, den Fall des Mannes, der Anspruch auf die Krone erhebt; dann würden Sie vielleicht den Drang verspüren, ihm zu entgegnen: „Also gut! Vielleicht weißt du, dass du der König von England bist; aber warum ist dir das so wichtig? Gib dir einen großen Ruck, und schon bist du ein Mensch und blickst auf alle Könige der Erde herab.“ Oder wir haben es mit dem dritten Fall zu tun, dem Verrückten, der sich für Christus hält. Um unserem Herzen Luft zu machen, müssten wir ihm sagen: „Du bist also der Schöpfer und Erlöser der Welt; aber was muss das für eine Miniaturwelt sein! Was für einen winzigen Himmel musst du bewohnen, in dem die Engel nicht größer als Schmetterlinge sind! Wie trist musst du es finden, Gott, ein höchst unzulänglicher Gott zu sein! Gibt es wirklich kein erfüllteres Leben als deines und keine fabelhaftere Liebe als deine, und ist es tatsächlich deine kleine, verquälte Barmherzigkeit, in die alles Fleisch seine Zuversicht setzen muss? Wieviel glücklicher wärst du, wieviel mehr von dir wäre da, wenn der Hammer eines höheren Gottes deinen kleinen Kosmos zertrümmern könnte, so dass die Sterne wie Pailletten auseinanderspritzten und du wie andere Menschen im Offenen, Freien stündest und zum Himmel aufsehen oder zur Erde niederblicken könntest!“

 Und man darf nicht vergessen, dass die unverfälschteste praktische Wissenschaft genau diesen Standpunkt gegenüber geistigem Übel einnimmt; sie sucht nicht mit ihm wie mit einem Irrglauben zu rechten, sondern ist einfach bestrebt, es wie einen Bann zu brechen. […]

 Das ist der Verrückte, wie wir ihn kennen; er ist durchweg ein Argumentierer, häufig ein erfolgreicher Argumentierer. Sicher ließe er sich durch Argumente niederringen, ließe sich ihm mit Logik begegnen. Aber viel treffender kann man ihn in allgemeineren und geradezu ästhetischen Begriffen fassen. Er steckt im hygienischen und gut ausgeleuchteten Kerker seiner fixen Idee, ist auf einen qualvollen Punkt fixiert. Ihm fehlt jede gesunde Zögerlichkeit und Vielschichtigkeit. Nun beabsichtige ich, wie bereits eingehend erläutert, in diesen Anfangskapiteln nicht, den Abriss einer Doktrin zu liefern, sondern will durch ein paar Bilder einen Standpunkt illustrieren. Und meine Sicht vom Besessenen habe ich deshalb so ausführlich dargestellt, weil mir die meisten modernen Denker wie dieser Besessene vorkommen. Diese unverwechselbare Stimmung, die ich aus Hanwell kenne, sie schlägt mir auch von der Hälfte der heutigen Wissenschaftskatheder und Stätten der Gelehrsamkeit entgegen; und die meisten der verrückten Doktoren sind in mehrfacher Hinsicht verrückt. Sie alle weisen genau jene Mischung auf, die wir registriert haben: die Kombination aus umfassender und erschöpfender Verstandeskraft und stark eingeschränktem gesundem Empfinden. Sie sind universal nur in dem Sinne, dass sie eine einzige dünne Erklärung auf alles anwenden. Sie sehen ein Schachbrett weiß auf schwarz, und mag selbst das ganze Universum damit gepflastert sein, es bleibt für sie weiß auf schwarz. Wie der Geisteskranke können sie ihren Standpunkt nicht verändern; sie können nicht kraft einer geistigen Anstrengung das Muster plötzlich schwarz auf weiß gewahren.

 Nehmen wir als erstes den ziemlich vielsagenden Fall des Materialismus. Als Welterklärung ist der Materialismus von einer irrsinnigen Schlichtheit. Er ist von haargenau derselben Art wie die Argumentation eines Verrückten; er vermittelt gleichzeitig den Eindruck, alles einzubegreifen und nichts zu erfassen. Schauen wir uns einen kompetenten und ehrlichen Materialisten wie Mr. McCabe an, so lässt er uns genau mit diesem eigentümlichen Gefühl zurück. Er begreift alles, und was er begreift, scheint das Begreifen gar nicht zu lohnen. Sein Kosmos mag bis zum letzten Nietnagel und Zahnrädchen vollständig sein, und doch ist er kleiner als unsere Welt. Wie der luzide Aufriss des Verrückten scheint auch sein Entwurf von den fremdartigen Kräften und der großen Unbekümmertheit unseres Planeten nichts zu wissen; er weiß nichts von den wirklichen Dingen auf Erden, den kämpfenden Völkern oder stolzen Müttern, der ersten Liebe oder der Todesangst auf dem offenen Meer. Die Erde ist so ungeheuer groß und der Kosmos so außerordentlich klein. Der Kosmos ist so ziemlich das kleinste Loch, in dem ein Mensch seinen Kopf verstecken kann.

[…] Fürs erste bin ich ebensowenig darauf aus, Haeckel nachzuweisen, dass der Materialismus unwahr ist, wie es mir darum ging, dem Mann, der sich für Christus hält, nachzuweisen, dass er Opfer eines Irrtums ist. Ich beschäftige mich an dieser Stelle nur mit dem Umstand, dass beide Fälle den gleichen Eindruck von Vollständigkeit und Unvollständigkeit machen. Dass ein Mensch in Hanwell festgehalten wird, lässt sich mit der Gleichgültigkeit der Öffentlichkeit und also damit erklären, dass man sagt, hier werde ein Gott gekreuzigt, in einer Welt, die seiner nicht wert sei. Das ist durchaus eine Erklärung. Ganz ähnlich kann man die Ordnung des Universums damit erklären, dass man sagt, alle Dinge, einschließlich der Seelen der Menschen, seien Blätter, die sich an einem Baum ohne jedes Bewusstsein naturgesetzlich entfalten – dem blinden Schicksal der Materie gehorchend. Die Erklärung hat durchaus Erklärungswert, wenn auch natürlich keinen so vollständigen wie die des Verrückten. Worum es hier aber geht, ist die Tatsache, dass der normale menschliche Verstand nicht nur beide Erklärungen ablehnt, sondern sie auch aus dem gleichen Grund ablehnt. Das Argument läuft in etwa darauf hinaus, dass der Mann in Hanwell, wenn er denn wirklich Gott ist, als Gott arg zu wünschen übrig lässt. Und entsprechend lässt auch der Kosmos des Materialisten, falls er der wirkliche Kosmos ist, arg zu wünschen übrig. Er ist geschrumpft. Die Gottheit ist weniger göttlich als viele Menschen; und folgt man Haeckel, so ist das Leben als Ganzes grauer, enger und nichtssagender als viele seiner einzelnen Aspekte. Die Teile wirken großartiger als das Ganze.

 Denn wir dürfen nicht aus dem Auge verlieren, dass die materialistische Philosophie (mag sie nun wahr sein oder nicht) mit Sicherheit weit einengender ist als jede Religion. In gewissem Sinne engen natürlich alle Ideen ein. Sie können nicht umfassender sein, als sie sind. Die Beschränkung eines Christen ist gleiche, der auch ein Atheist unterliegt. Ein Christ kann nicht das Christentum für falsch halten und weiter Christ sein; und der Atheist kann nicht den Atheismus für falsch halten und weiter Atheist sein. Aber darüber hinaus unterliegt der Atheismus in einem ganz eigentümlichen Sinne stärkeren Beschränkungen als der Spiritualismus. […] Der Christ gibt zu, dass die Welt vielfältig und sogar bunt gewürfelt ist, geradeso wie ein gesunder Mensch weiß, dass er vielschichtig ist. Der Gesunde weiß, dass er etwas von einem wilden Tier, etwas von einem Teufel, etwas von einem Heiligen, etwas von einem Bürger hat. Ja, der wirklich Gesunde weiß sogar, dass etwas von einem Verrückten in ihm steckt. Die Welt des Materialisten dagegen ist ganz einfach und gediegen, im Stile des Verrückten, der sich seiner Gesundheit absolut sicher ist. Der Materialist weiß ganz genau, dass die Geschichte schlicht und einfach eine Kausalkette darstellt, geradeso wie die zuvor erwähnte Person todsicher weiß, dass sie schlicht und einfach ein Huhn ist. Materialisten und Verrückte sind gegen jeden Zweifel gefeit.

 Glaubenslehren engen den Geist nicht mit solcher Entschiedenheit ein, wie das die materialistischen Verleugnungen tun. Selbst wenn ich an die Unsterblichkeit glaube, muss ich den Gedanken an sie nicht ständig im Herzen tragen. Glaube ich hingegen nicht an die Unsterblichkeit, darf ich keinen Gedanken an sie verschwenden. Im ersten Fall ist der Weg frei und ich kann gehen, soweit ich eben mag; im zweiten Fall ist der Weg blockiert. Aber die Parallele zur Geisteskrankheit reicht sogar noch tiefer und ist noch merkwürdiger. Gegen die erschöpfend logische Theorie des Irren haben wir geltend gemacht, dass sie unabhängig von ihrer Wahrheit oder Falschheit nach und nach das Menschsein des Betreffenden zerstört. Unser Vorwurf gegen die Hauptsätze des Materialismus lautet nun, dass auch sie nach und nach sein Menschsein zerstören – womit ich nicht nur die Menschlichkeit, sondern auch Hoffnung, Mut, Poesie, Initiative meine, kurz, alles, was menschlich ist. Wenn zum Beispiel der Materialismus die Menschen zum vollständigen Fatalismus führt (was er gemeinhin tut), so ist es ganz müßig, ihn als eine befreiende Kraft auszugeben. Es ist absurd zu behaupten, man leiste vor allem der Freiheit Vorschub, wenn man die Freiheit des Denkens nur nutzt, um den freien Willen zu zerstören. Die Deterministen machen nicht frei; sie legen in Ketten. Sie haben allen Grund, ihr Gesetz als kausale ‚Kette’ zu bezeichnen. Es ist die ärgste Fessel, die je ein menschliches Wesen umschlossen hat. Man mag im Zusammenhang mit der materialistischen Lehre noch so sehr die Sprache der Freiheit bemühen – es liegt auf der Hand, dass sie insgesamt ebensowenig dazu passt wie zu einem im Irrenhaus eingesperrten Menschen. Man mag die Ansicht vertreten, es stehe dem Menschen frei, sich für ein Rührei zu halten. Aber mit Sicherheit wiegt die Tatsache schwerer, dass er als Rührei nicht die Freiheit hat, zu essen, zu trinken, zu schlafen, spazierenzugehen und eine Zigarette zu rauchen. Ebenso mag man auch die Ansicht vertreten, der kühne materialistische Denker sei frei, die Wirklichkeit des Willens in Abrede zu stellen. Aber viel schwerer wiegt die Tatsache, dass er dann nicht mehr frei ist, aufzustehen, zu fluchen, zu danken, zu rechtfertigen, zu drängen, zu bestrafen, Versuchungen zu widerstehen, Menschenmengen aufzustacheln, gute Vorsätze an Neujahr zu fassen, Sündern zu vergeben, Tyrannen zu tadeln oder auch nur zu sagen: ‚Würden Sie mir bitte mal den Senf reichen.’

[…]

 Natürlich gilt dies alles nicht nur vom Materialisten, sondern trifft auch auf andere Auswüchse logischer Spekulation zu. Es gibt eine Form der Skepsis, die weit fürchterlicher ist als die Überzeugung, dass die Materie der Anfang von allem ist. Ich denke an den Skeptiker, der die Überzeugung hegt, dass er selbst der Anfang von allem ist. Er zweifelt nicht an der Existenz von Engeln oder Teufeln, sondern daran, dass es Menschen und Kühe gibt. Für ihn sind seine eigenen Freunde Märchengestalten, die er selbst erdichtet hat. Vater und Mutter sind seine eigenen Geschöpfe. Diese schreckliche Phantasterei übt auf den geradezu mystischen Ichkult unserer Tage einen unverkennbaren Reiz aus. Den erwähnten Verleger, der meinte, Menschen brächten es zu etwas, wenn sie an sich glaubten, die Fahnder nach dem Übermenschen, die ständig im Spiegel Ausschau nach ihm halten, die Schriftsteller, die von der Entwicklung der eigenen Persönlichkeit reden, statt für die Welt Leben zu schaffen – all diese Menschen trennt von jener schrecklichen Leere nur ein Wimpernschlag. Wenn dann die ganze freundliche Welt, die diesen Skeptiker umgibt, als Lüge entlarvt ist, wenn die Freunde zu Gespenstern verblasst sind und die Welt bodenlos geworden ist und er, der an nichts und niemanden glaubt, allein in seinem Alptraum zurückbleibt, dann wird in rächender Ironie das große Motto seines Individualismus über seinem Haupt geschrieben stehen. Die Sterne werden zu bloßen Leuchtpunkten in der Finsternis seines Gehirns; seine Mutter wird nichts als eine flüchtige, seinem Wahn entsprungene Erscheinung an der Wand seines Kerkers sein. Über seinem Kerker aber wird die grauenvolle Wahrheit geschrieben stehen: „Er glaubt an sich.“

 Uns interessiert hier allerdings nur die Feststellung, dass dieses solipsistische Extrem des Denkens die gleiche Paradoxie aufweist wie das materialistische. Es ist der Theorie nach ebenso umfassend wie in der Praxis verkrüppelnd. Der Einfachheit halber lässt sich die Sache so formulieren, dass ein Mensch immer wähnen kann, in einem Traum zu sein. Dass er sich in keinem Traum befindet, lässt sich ihm nicht positiv nachweisen, und zwar einfach deshalb, weil es keinen positiven Beweis gibt, der ihm nicht auch im Traum geliefert werden könnte. Wenn aber der Betreffende nun anfinge, London in Brand zu stecken und zu erklären, er warte darauf, von seiner Haushälterin zum Frühstück gerufen zu werden, dann würden wir ihn uns greifen und ihn zusammen mit anderen Logikern an dem Ort unterbringen, von dem schon mehrfach in diesem Kapitel die Rede war. Wer seinen Sinnen keinen Glauben schenken und wer an nichts außer an die Materie glauben kann ist gleichermaßen wahnsinnig; aber in beiden Fällen findet der Wahnsinn seinen Ausdruck nicht in einer fehlerhaften Argumentation, sondern in der offenkundigen Fehlorientierung des ganzen Lebens. Beide haben sie sich in Kästen eingeschlossen, die innen mit Sonne und Sternen bemalt sind; beide finden sie nicht ins Freie, der eine nicht in die Gesundheit und die Wonne des Himmelreichs, der andere nicht einmal in die Gesundheit und die Wonne des irdischen Daseins. Ihre Haltung ist ganz vernünftig, ja, in gewissem Sinne ist sie unendlich vernünftig, wie ein Zehnpfennigstück unendlich kreisförmig ist. Aber es gibt so etwas wie eine schlechte Unendlichkeit, eine niedrige, erbärmliche Ewigkeit. Es ist interessant zu sehen, dass viele der Modernen, Skeptiker ebenso wie Mystiker, ein bestimmtes östliches Symbol zu ihrem Wahrzeichen erkoren haben, ein Symbol, das diese äußerste Nichtigkeit verkörpert. Die Ewigkeit versinnbildlichen sie durch eine Schlange, die sich selbst in den Schwanz beißt. In diesem Bild von unbefriedigendem Selbstverzehr steckt ein überraschender bitterer Sarkasmus. Die Ewigkeit der fernöstlichen Pessimisten, die Ewigkeit der hochnäsigen Theosophie und der höheren Wissenschaft unserer Tage lässt sich in der Tat kaum besser wiedergeben als durch das Bild der Schlange, die sich selber auffrisst, das Bild eines degenerierten Tieres, das nicht einmal vor der Selbstzerstörung haltmacht.

 […] Zusammenfassend können wir feststellen, dass dieses Hauptmoment die entwurzelte Vernunft ist, die Vernunft, die im luftleeren Raum agiert. Verrückt wird der Mensch, der ohne angemessene Grundlage zu denken anfängt; er beginnt am falschen Punkt. […] Das mystische Moment ist es was den Menschen im Laufe ihrer Geschichte die Gesundheit erhalten hat. Solange es das Mysterium gibt, bleiben die Menschen gesund; zerstört man es, liefert man sie dem Verfall aus. Der einfache Mensch ist gesund, weil er ein Mystiker ist. Er gestattet sich, im Zwielicht zu leben.  […] Stand er vor zwei Wahrheiten, die sich zu widersprechen schienen, so akzeptierte er beide und nahm den Widerspruch in Kauf. Seine spirituelle Sichtweise ist so stereoskopisch wie seine körperliche: er sieht zwei verschiedene Bilder gleichzeitig, was seiner Scharfsicht aber nur zum Vorteil gereicht. So hat er immer an so etwas wie Schicksal, aber auch immer an so etwas wie den freien Willen geglaubt. So hat er geglaubt, dass den Kindern das Himmelreich gehört, aber auch, dass sie dennoch den irdischen Mächten zu gehorchen haben. Er hat die Jungen wegen ihrer Jugend bewundert und die Alten, weil sie die Jugend hinter sich hatten. Genau in diesem Ausbalancieren scheinbarer Widersprüche bestand die Spannkraft des gesunden Menschen.

 […]

 Das letzte Kapitel drehte sich ausschließlich um eine empirische Beobachtung: darum, dass dem Menschen Krankheit eher von seinem Verstand als von seiner Einbildungskraft droht. Dabei ging es nicht darum, die Herrschaft des Verstandes anzugreifen; das Ziel war im Gegenteil, sie zu verteidigen. Denn sie hat Verteidigung nötig. Die ganze moderne Welt führt Krieg gegen den Verstand; schon wankt er in seinen Grundfesten.

 […]

 Es ist müßig, ständig von dem Gegensatz zwischen Vernunft und Glauben zu reden. Die Vernunft selbst ist eine Sache des Glaubens. Davon auszugehen, dass unsere Gedanken überhaupt in einer Beziehung zur Wirklichkeit stehen, ist ein Glaubensakt. Ist man bloß Skeptiker, so drängt sich einem früher oder später die Frage auf: „Warum sollte irgend etwas zutreffen, empirische Beobachtung und logisches Denken eingeschlossen? Warum sollte logische Stringenz weniger irreführend sein als logische Ungereimtheit? Spielt sich doch beides im Gehirn eines verwirrten Großaffen ab.“ Der junge Skeptiker erklärt: „Ich habe ein Recht darauf, selbstständig zu denken.“ Der alte Skeptiker, der vollkommene Skeptiker, aber sagt: „Ich habe kein Recht auf selbstständiges Denken. Ich habe überhaupt kein Recht auf Denken.“

 Es gibt ein Denken, das dem Denken den Garaus macht. Dies ist das einzige Denken, dem man einen Riegel vorschieben sollte. Dies ist das Böse schlechthin, gegen das alle kirchliche Autorität aufgeboten wurde. […] Dass sich das so verhält, wissen wir heute; so zu tun, als wüssten wir es nicht, lässt sich nicht länger rechtfertigen. Wir können hören, wie die Skepsis den alten Verteidigungsring aus Autoritäten durchbricht, und wir sehen die Vernunft auf ihrem Throne wanken. In eben dem Maße, wie die Religion geschwunden ist, schwindet auch die Vernunft. Denn sie sind beide von der gleichen ursprünglichen und maßgebenden Beschaffenheit. Sie sind beide Beweismittel, die sich ihrerseits der Beweisbarkeit entziehen. […] Wir haben lange und mit aller Kraft gezerrt, um dem pontifikalen Menschen die Mitra herunterzureißen, und dabei haben wir den Kopf gleich mit abgerissen.“

 

Eins vielleicht noch zum Thema Skeptizismus: Zunächst, unser Erkennen hat einen Wert, auch wenn es immer mit Mängeln behaftet ist. Wir können einiges darüber erkennen, was gut und wahr und richtig ist. Aber, es gibt tatsächlich noch eine Welt hinter der unseren; die Welt Gottes und der Engel und Heiligen. Wir leben sozusagen in einem Exil, in einem abgeschotteten Land, in dem wir nur spärliche Informationen aus dieser anderen Welt bekommen können – C. S. Lewis, der in Zeiten des Zweiten Weltkriegs schrieb, hat den Besuch des Gottesdienstes einmal mit dem Abhören verbotener Radiosender verglichen –  aber die Informationen, die wir bekommen, stürzen unser Bild von der Welt (wenn es ein gutes und wirklichkeitsgetreues ist) nicht um, sondern geben ihm noch eine viel tiefere Dimension. Die Gnade setzt die Natur voraus, hat Thomas von Aquin gesagt, das Übernatürliche baut auf dem Fundament des Natürlichen weiter.

 

Die vergessene Tugend der Ritterlichkeit

5 Ways Opening the Door for Women Can Go Terribly Wrong

Marc Barnes trifft es wieder mal auf den Punkt =) . Und zwar auch sehr lustig. Aber aus weiblicher Sicht möchte ich eins hinzufügen: Als Frau schätzt man es grundsätzlich, wenn der Mann die Tür aufmacht. Selbst wenn man spontan und unüberlegt auf die ungewohnte Geste „Geh ruhig vor!“ antwortet, schätzt man sie trotzdem. (Zumindest geht das mir so, und ich glaube wirklich, dass da die allermeisten meiner Geschlechtsgenossinnen im tiefsten Inneren dasselbe denken.) So viel kann man da eigentlich gar nicht mehr falsch machen, sobald man es probiert, ehrlich!

Das ist hiermit also an alle männlichen Leser ein Aufruf zur vergessenen Tugend der Ritterlichkeit, ob sich die jetzt im Türenöffnen oder in anderem ausdrückt. (Es sollte ja an sich nicht beim Türenöffnen bleiben.) Probiert es ruhig, es könnte wirklich gut ankommen. Sooo radikal-feministisch-emanzipatorisch sind die Frauen inzwischen ja meistens eh nicht mehr.

 

Die allumfassende Kirche, Teil 5: Die Kirche und die Vernunft

Alle Teile hier: https://nolitetimereweb.wordpress.com/reihe-die-allumfassende-kirche/

 

Als ich vor einigen Jahren begann, den neu erschienenen Youcat (Jugendkatechismus) zu studieren, um mich mal schlau zu machen, was diese Kirche, zu der ich ja offiziell gehörte, eigentlich so lehrt – wie sich das alles mit Jesus und dem Sinn seines Todes und so verhält, und der ganze Rest – war ich von einer Sache sehr überrascht: Wie hoch die Kirche anscheinend die Vernunft bewertete. Im Allgemeinen wird einem ja immer gesagt, glauben hieße nichts wissen. Und dass genügend Vernunft und „Aufklärung“ den Glauben austreibe, auch wenn die Kirche inzwischen versuchen möge, den Glauben mit der Vernunft zu versöhnen, scheint so ungefähr zum Standardrepertoire der Allgemeinbildung zu gehören. (Das wird einem vielleicht nicht immer in dieser Deutlichkeit gesagt, das stimmt. Aber die Botschaft kommt schon oft an.)

Wenn man schon lange genug überzeugt katholisch ist, kommt es einem so selbstverständlich vor, und so komisch, dass man mal was Anderes geglaubt hat; aber wenn man nicht gläubig ist, kann man durchaus ziemlich überrascht sein, wenn man liest, dass Mönche des 13. Jahrhunderts Sachen gesagt haben wie: „Die vornehmste Kraft des Menschen ist die Vernunft. Das höchste Ziel der Vernunft ist die Erkenntnis Gottes.“ (Heiliger Albertus Magnus) oder „Ich würde nicht glauben, wenn ich nicht einsehen würde, dass es vernünftig ist, zu glauben.“ (Heiliger Thomas von Aquin). Man kann es kaum glauben, wenn man es hört, dass im Mittelalter – Mittelalter! Inquisition, Hexenverfolgung und Kreuzzüge! – an jeder Universität u. a. das Fach Logik belegt werden musste, ehe man Theologie, Medizin oder Jura studieren konnte. Die mittelalterliche Theologie der Scholastik wurde später von den Humanisten der Renaissance (die übrigens auch Christen waren; Erasmus von Rotterdam etwa war Priester, und Thomas Morus zum Beispiel sogar ein Märtyrer und Heiliger) nicht kritisiert, weil sie irgendwie unvernünftig gewesen wäre, sondern wegen ihrer angeblich kalten Logik und lebensfernen Philosophiererei. Die Humanisten schrieben eher Satiren und Utopien und dergleichen, sie benutzten mehr Humor und erzählten mehr Geschichten; aber ihre Gedanken waren sicher nicht per se logischer und durchdachter als die ihrer Vorgänger. Die Werke der Scholastiker (allen voran des Thomas von Aquin) bestanden einfach aus aneinander gereihten philosophischen und theologischen Fragen. Es wurden Prämissen aufgestellt, Folgerungen gezogen, Einwände betrachtet und widerlegt, und schließlich das Ergebnis erklärt. An den mittelalterlichen Universitäten wurde die Kunst der Debatte sehr, sehr stark gepflegt; der Ablauf war reglementiert und am Ende sollte ein klares, durch die Betrachtung aller Vorannahmen, Folgerungen und Argumente erzieltes Ergebnis stehen – ein gewisser Unterschied zu dem ziellosen und unsortierten Gerede bei Maischberger und Co., oder?

Eigentlich war das aber auch im Mittelalter nichts wirklich Neues mehr. Die antiken Kirchenväter nahmen zwar eher Plato als Aristoteles auf (für die Scholastiker ging Aristoteles über alles, auch wenn sie nicht alle seiner Theorien übernahmen) und entwickelten kein ganz so striktes philosophisches System, aber auch sie verbündeten sich mit der Philosophie gegen Vielgötterglauben, Mysterienkulte und natürlich den Kaiserkult, der nichts anderes als eine nützliche politische Fiktion zur Verabsolutierung des Staates war, die so ungefähr gar nichts mit Wahrheit und Vernunft zu tun hatte. Sie identifizierten ihren Gott, der sich den Juden unter dem Namen Jahwe gezeigt hatte und schließlich in Jesus von Nazareth auf die Erde gekommen war, mit dem einen Gott, dem Höchsten Wesen und Schöpfer der Welt, dessen Existenz Sokrates und Platon durch logisches Denken erkannt hatten. Es gibt im Christentum keine doppelte Wahrheit; alle wahre Erkenntnis der Philosophie über Gott ist wahre Erkenntnis über Gott, die ihre Gültigkeit in der Theologie hat. (Der Unterschied ist nur, dass in der Theologie auch die Informationen dazu kommen, die dieser Gott selber uns durch die Offenbarung mitgeteilt hat. Thomas von Aquin bezeichnete deshalb die Philosophie als Magd der Theologie, weil die philosophischen Erkenntnisse beim Verständnis der geoffenbarten Wahrheit helfen.)

Und tatsächlich wird man, wenn man sich wirklich näher damit beschäftigt, feststellen, dass die nichtchristliche Philosophie der Neuzeit immer skeptischer gegenüber der Vernunft wurde. Subjektivismus und Relativismus, extremer Skeptizismus/Solipsismus und deterministischer Materialismus kamen mit der Entfernung vom Christentum. Diesen Denkrichtungen ist gemeinsam, dass sie jedes logische, allgemeingültige Denken leugnen, besonders im Fall des Materialismus eigentlich jedes Denken überhaupt. (Dazu später noch ein anderer Beitrag.)

Die katholische Kirche hält die Vernunft hoch, und die Welt nicht. So einfach ist das. Der katholische Glaube ist, was er zu sein beansprucht: allumfassend, universal. In Gottes Universum gibt es keinen Widerspruch der Wahrheiten; nichts kann unlogisch sein; nichts der Vernunft widersprechen. Es gibt faszinierende Paradoxa, die sich ergänzen müssen, ja, einige sogar (dazu ebenfalls später mehr), aber keine Widersprüche. Gott selbst ist vernünftig; von ihm kommt die Vernunft überhaupt erst.

Im Prolog des Johannesevangeliums heißt es bekanntlich: Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott. Im Anfang war es bei Gott. Alles ist durch das Wort geworden, und ohne das Wort wurde nichts, was geworden ist. In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen. (Joh 1,1-4) Und weiter heißt es dann: Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt und wir haben seine Herrlichkeit gesehen, die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater, voll Gnade und Wahrheit. (Joh 1,14) Das „Wort“ = der Sohn; das schöpferische „Wort Gottes“, durch das die Welt geschaffen worden und das Fleisch geworden ist, = Jesus Christus; und „Wort“ heißt hier im griechischen Urtext „Logos“ – Wort, Rede, Sinn, Weisheit, Vernunft.

Die allumfassende Kirche, Teil 4 – Alles zur größeren Ehre Gottes

Alle Teile hier: https://nolitetimereweb.wordpress.com/reihe-die-allumfassende-kirche/

Die katholische (=allumfassende) Kirche bekennt den Glauben, dass der von Ewigkeit existierende, allmächtige und allwissende Schöpfer des Universums vor zweitausend Jahren zuerst ein kleiner Zellklumpen im Bauch eines Teenagers wurde und dann in einer als Stall genutzten Höhle „in Windeln gewickelt in einer Krippe“ lag. Gott selber hat menschliche Natur angenommen und hat sich damit zu den Menschen heruntergebeugt, um sie zu sich emporzuziehen; er hat durch seine Menschwerdung alles Menschliche geheiligt. Und das heißt: Es gibt nichts in dieser Welt, das nicht, wenn es seiner Natur nach gebraucht wird, geheiligt werden, zur größeren Ehre Gottes gebraucht werden könnte.

„Alles zur größeren Ehre Gottes“ ist das Motto des Jesuitenordens. Dieser Orden trat in einer Zeit (dem 17. und 18. Jahrhundert), in der die rigorosen Jansenisten predigten, dass der Rückzug aus der Welt notwendig sei, um ein einigermaßen gottgefälliges christliches Leben führen zu können, dafür ein, die Welt nicht zu verlassen, sondern zu heiligen, d. h. Gottes Wirken in jeden einzelnen Lebensbereich strahlen zu lassen. (Sidenote: Es ist wahrscheinlich kein Wunder, dass gerade der Jesuitenorden uns so viele Astronomen und anderweitigen Naturwissenschaftler beschert hat. (Ja, Priester, die gleichzeitig Wissenschaftler sind, so was gibt’s, und früher gab’s das sogar gar nicht mal selten, siehe zum Beispiel hier: https://en.wikipedia.org/wiki/List_of_Roman_Catholic_cleric-scientists; auch Georges Lemaîte beispielsweise, der die Urknalltheorie aufstellte, war Priester (allerdings kein Jesuit).))

Man hört von extremen Kirchengegnern immer mal wieder die Ansicht, Religion könne privat ja praktiziert werden, habe sich aber aus dem öffentlichen Leben herauszuhalten. Nun ist diese Ansicht erstens einmal völlig unlogisch und freiheitsfeindlich; es gehört zum Wesen einer jeden Weltanschauung, dass sie nicht nur eine Frage des Gebets im stillen Kämmerlein ist, sondern sich auch im Handeln ausdrückt und eine Gesellschaft beeinflussen will; wenn sie es nicht täte, wäre das Heuchelei (practice what you preach und so); und wenn ein Staat das beschränken wollte, wäre es Unfreiheit – wie beispielsweise unter Queen Elizabeth I. Man konnte zu ihrer Zeit in England so ganz privat und heimlich schon an die katholische Lehre glauben, aber wenn man nicht in die anglikanische Kirche ging, musste man eben Strafe zahlen, und wenn man einen Priester versteckte und bei einer heimlichen Messe dabei war, also seine Religion auch praktizierte – ja, dann sah die Sache noch mal etwas kritischer aus. Dann hatte man nämlich gute Chancen, eine Märtyrerkrone zu gewinnen. Ich denke, dass das nicht Religionsfreiheit ist, erschließt sich von selbst. Denn Religionsfreiheit ist Freiheit zur Religion, nicht Freiheit von Religion. (Sie ist an sich natürlich auch kein uneingeschränktes Recht – Dschihadpredigern möchte man sie zum Beispiel bekanntlich nicht zugestehen. Aber so ist es ja mit allen Freiheiten.)

Zweitens ist eine solche Ansicht insbesondere dem Geist des Christentums grundsätzlich entgegengesetzt; ein Christentum, das nur in privatem Gebet besteht, wäre kein Christentum mehr. Von der Antike an wirkte die Kirche in die Welt; zuerst natürlich nur in ihrem begrenzten Wirkkreis der Gemeinden, aber sobald es ihr möglich war – d. h. sobald sie dank Kaiser Konstantin legal war (beginnendes 4. Jahrhundert) – baute sie im Römischen Reich Krankenhäuser, Herbergen, Waisenhäuser, Altenheime usw. (Jedenfalls im Oströmischen Reich; das Weströmische ging dann erstens ziemlich schnell unter und zweitens kenne ich mich damit einfach weniger aus und kann daher wenige genaue Aussagen darüber treffen, welche kirchlichen Institutionen in den Wirren der Völkerwanderung im 4. und 5. Jahrhundert dort noch gegründet werden konnten. Im Osten gab es jedenfalls so einige. Klöster boten qualitätvolle medizinische Versorgung, wobei auch Ärzte von außen angestellt wurden, nahmen Alte, Behinderte und Waisen auf, kümmerten sich um Leprakranke, speisten Arme an der Klosterpforte, oder sorgten für die Wiedereingliederung ehemaliger Prostituierter in die Gesellschaft.) Und da ab Konstantin die römischen Kaiser und im Zuge der gewandelten öffentlichen Meinung allmählich auch die große Masse der Bevölkerung christlich wurden, wandelte sich auch die öffentliche Ordnung; zum Beispiel wurde das Aussetzen von Kindern verboten. In heidnischer Zeit hatte man es als Recht des Familienvaters angesehen, zu entscheiden, ob ein neugeborenes Kind in der Familie angenommen wurde oder nicht; schließlich war es ja möglich, dass dieses Kind behindert – oder die Götter bewahren! – ein Mädchen war. Auch die blutigen Spektakel in den Amphitheatern wurden abgeschafft.

Alle diese Änderungen brauchten ein wenig Zeit – letztere zum Beispiel geschah erst, nachdem im 5. Jahrhundert ein Mönch aus Protest gegen diese grausamen, anachrostischen Schauspiele, die seiner Meinung nach in einem christlichen Zeitalter längst der dunklen Vergangenheit anzugehören hatten, in eine Arena gerannt und von den wilden Tieren darin getötet worden war. (Nebenbei: So etwas ist grundsätzlich natürlich weder zu empfehlen noch nachzumachen.) Und natürlich war auch im christlichen Römischen Reich nicht gerade alles ideal. Auch neue Probleme traten mit der gesellschaftlichen Anerkennung auf – zum Beispiel das Problem, dass die Kaiser jetzt gerne in theologischen Debatten auf den Konzilien mitreden wollten (die in gesamtkirchlichem Rahmen allerdings auch erst dank der staatlichen Toleranz stattfinden konnten).

Aber das ist wieder ein anderes Thema und mir geht es ja hier auch nicht um eine Bewertung der Spätantike oder irgendeiner anderen Epoche im Ganzen, sondern ums Grundsätzliche: Es ist Aufgabe der Kirche, in die Welt zu wirken. Gestehen wir den NGOs, sagen wir mal, Greenpeace oder feministischen Gruppen oder dem Roten Kreuz zu, dass sie versuchen dürfen, in die Gesellschaft hinein zu wirken und ihre Anliegen durchzusetzen? Klar, ist ja ihre Aufgabe. Na also, und wieso sollte es bei der Kirche anders sein?

Und die Kirche hat sehr viel Gutes für die Welt bewirkt. Zum Beispiel unsere Vorstellung von der Würde jedes einzelnen Menschen, unabhängig von seiner Leistung, beruht ausschließlich auf dem christlichen Bild vom Menschen als gottebenbildlichem Geschöpf. (Versuchen Sie mal, das atheistisch zu begründen und sagen Sie mir, wie weit Sie da kommen.)

Das Prinzip der Kirche, alles in der Welt zu heiligen, sieht man auch an zwei weiteren Dingen: Nämlich den Patronaten der Heiligen und den Segnungen. Ich meine, wir haben in der katholischen Kirche nun wirklich für alles und jedes einen Schutzpatron. Das heißt, meistens haben wir für ein und dieselbe Sache auch mehrere Schutzpatrone. (Ich habe in der Liste bei Wikipedia nachgezählt: Es gibt 69 Patrone gegen Fieber und immerhin 23 gegen Epilepsie und vier gegen Brandwunden.)

Jeder Kontinent, jedes Land, jedes Bistum, jede Kirche, jede Krankheit und jeder Beruf hat seine besonderen Schutzheiligen; dann gibt es noch die Patrone für Mütter, Verlobte, Schwangere, Pilger, Migranten, Gefangene, Sinti und Roma, gegen Hagel, Blitz, Diebstahl, Erdbeben, und so weiter und so fort. Heilige können auch mehrere Patronate übernehmen, und müssen das meistens auch, sobald sie entsprechend bekannt werden. (Wir können uns wohl auch darauf verlassen, dass sie die ihnen zugeteilten Aufgaben ernst nehmen; schließlich sind sie ja Heilige.) Johannes der Täufer beispielsweise ist laut Ökumenischem Heiligenlexikon Patron von: „Jordanien, Malta, Burgund und der Provence, von Florenz, Amiens und Québec; der Schneider, Weber, Gerber, Kürschner, Färber, Sattler, Gastwirte, Winzer, Fassbinder, Zimmerleute, Architekten, Maurer, Steinmetze, Restauratoren, Schornsteinfeger, Schmiede, Hirten, Bauern, Sänger, Tänzer, Musiker, Kinoinhaber; der Lämmer, Schafe und Haustiere; der Weinstöcke; gegen Alkoholismus, Kopfschmerzen, Schwindel, Angstzustände, Fallsucht, Epilepsie, Krämpfe, Heiserkeit, Kinderkrankheiten, Tanzwut, Furcht und Hagel; des Bistums Gurk-Klagenfurt.“ Johannes Paul II. hat in der kurzen Zeit seit seiner Heiligsprechung immerhin schon den Weltjugendtag 2016, die slowakischen Bergretter und die polnische Stadt Belchatow erhalten.

Also, wir halten mal fest: In der Kirche gibt es einen eigenen Schutzpatron, dem die Zuständigkeit für Restauratoren, Kinoinhaber, Haustiere und Weinstöcke und gegen Kopfschmerzen und Schwindel zugewiesen worden ist. Es wirkt irgendwie ein bisschen witzig, fast trivial – ebenso, wie wenn man beispielsweise am 3. Februar in der Messe den Blasiussegen erhält, der da lautet: „Auf die Fürsprache des heiligen Blasius bewahre dich der Herr vor Halskrankheit und allem Bösen.“ (Halskrankheiten und alles sonstige Böse – eine sehr klare und deutliche Unterteilung des Bösen, oder? Das musste ich jedenfalls denken, als ich das zum ersten Mal gehört habe. 😉 ) Aber genau darum geht es ja: In der katholischen – allumfassenden – Kirche ist nichts zu trivial, um Beachtung zu finden, auch durch einen eigenen Schutzpatron und einen eigenen Segen, auch nicht Halsschmerzen, Weinstöcke und Haustiere.

Da wir nun auch beim Thema Segen angekommen sind: Ich lebe ja in Bayern, und bin da eigentlich ziemlich froh drum. Eines der schönen Merkmale des Lebens in diesem Land ist, dass, auch wenn die Leute nicht mehr so unbedingt überzeugt katholisch sind, trotzdem noch bei jedem Richtfest eines Vereinsheims, jeder Eröffnung einer Fabrikhalle und jeder Einweihung eines neuen Fahrzeugs der Dorffeuerwehr der Pfarrer mit dem Weihwasserwedel da stehen muss. Und das ist wirklich schön. Gott stellt alles unter seinen Segen, ausgeteilt durch seine Priester. Wir haben in dieser unserer allumfassenden Kirche sogar – das war mir auch neu – einen eigenen offiziellen Segen für Bier. (Hier gefunden: http://www.patheos.com/blogs/badcatholic/2011/11/in-case-you-needed-another-reason-to-be-catholic.html) Also ist diese Kirche toll oder ist sie toll?

Noch ein anderes Thema könnte man im Zusammenhang mit „Alles zur größeren Ehre Gottes!“ ansprechen: Es gibt oft die Forderung zu hören, die Laien müssten in der Kirche stärker beteiligt werden; worunter man nicht die Kirche als Gemeinschaft aller Gläubigen (da sind sie ja eh schon drin), sondern die Organisation, die Ämter versteht; d. h. es müssten zum Beispiel die Pfarrgemeinderäte gestärkt werden, die Laien sollten bei der Organisation des Bistums mehr gefragt werden, und so weiter.

Die Beteiligung von Laien in der Gemeinde ist natürlich wichtig, wenn sie am Laufen gehalten werden soll; dank Priestermangel bleibt ja oft genug gar nichts anderes übrig, aber auch mit genug Priestern ginge es ganz ohne Laien ja nie. Aber sie ist nicht die allererste und -wichtigste Berufung von uns Laien. Für das Innerkirchliche sind an vorderster Front die Bischöfe und Priester und Mönche und Nonnen zuständig, jedenfalls haben die da das Sagen und sollten es auch haben. Die Laien haben dagegen vor allem die Aufgabe, aus der Kirche nach außen zu wirken: In ihre Familien, in ihre Vereine und in ihre Berufe, als christliche Ärzte, Politiker, Künstler, Geologen, Wirtschaftsfachleute, Verwaltungsbeamte, Polizisten, Lehrer, Journalisten oder meinetwegen Taxifahrer und Putzfrauen. Da haben wir so einige Vorbilder, die in ihrem Laienberuf tatsächlich eine viel größere, einflussreichere und für die Kirche nützlichere Rolle gespielt haben, als sie hätten spielen können, wenn sie sich nur darauf konzentriert hätten, in der Kirchenhierarchie Pfarrgemeinderäte und Laienkomitees zu etablieren; nehmen wir mal den hl. Ludwig IX., König von Frankreich, oder den hl. Thomas Morus, Philosoph, Schriftsteller und Lordkanzler von England (und schließlich Märtyrer); oder unter den nicht-heiliggesprochenen Katholiken etwa Konrad Adenauer oder die Zentrumspartei oder die zahlreichen Schriftsteller des Renouveau Catholique; oder heutzutage meinetwegen Matthias Matussek, Raphael Bonelli, Peter Seewald, Martin Mosebach oder Mel Gibson.

Sicher wird es in vielen Berufen (siehe Geologen, Taxifahrer und Putzfrauen) in der Praxis keinen großen Unterschied machen, ob man Christ ist oder nicht; abgesehen davon vielleicht, dass die Christen einen höheren moralischen Anspruch an sich stellen oder zumindest stellen sollten, was Ehrlichkeit und gute, sinnvolle Arbeit anbelangt. In anderen Berufen (siehe Politiker und Journalisten) werden die Unterschiede ziemlich offenkundig sein; bei wieder anderen kann es sie in Einzelfragen geben (z. B. wird ein christlicher Arzt keine ungeborenen Kinder töten oder bei Sterbehilfe mitmachen, aber ansonsten wird er seine Patienten so behandeln wie jeder andere Arzt auch).

Und hey – grundsätzlich ist es egal, ob es äußerlich einen großen Unterschied macht. Das ist ja gerade auch der Punkt bei dem Konzept „Alles zur größeren Ehre Gottes“. In dieser Welt muss oder sollte ziemlich viel gemacht werden, auch Gesteine erforscht, öffentliche Gebäude geputzt (so einen Nebenjob hatte ich auch schon) und Taxis gefahren, und alles Gute und Notwendige, das nach Kräften getan wird, ist immer für Gott getan, und alles, was für Gott getan wird, hat einen großen Wert. Das ist das, was die hl. Thérèse von Lisieux, die immerhin zur Kirchenlehrerin ernannt worden ist, – und nicht nur sie – gelehrt hat: Den „kleinen Weg“ der Liebe. Es kommt nicht immer darauf an, was man Großes leistet, ob man überhaupt Großes leisten kann, sondern es kommt darauf an, das Kleine, das man jeden Tag tut, immer aus Liebe zu tun. Deshalb ist, glaube ich, auch das Wichtigste, das man auf der Erde tun kann, bei den meisten Menschen nicht das, was man in seinem Beruf tut, sondern was man in persönlichen Beziehungen zu anderen Menschen, zur Familie und so weiter, tut. Auch zu Gott. Auch das Gebet hat nämlich einen sehr großen Wert.

Christus hat gesagt: „Wer in den kleinsten Dingen zuverlässig ist, der ist es auch in den großen, und wer bei den kleinsten Dingen Unrecht tut, der tut es auch bei den großen.“ (Lukas 16,10) Und: „Du bist im Kleinen ein treuer Verwalter gewesen, ich will dir eine große Aufgabe übertragen.“ (Matthäus 25,21) Das beste Beispiel dafür ist seine eigene Mutter. Sie hat eigentlich kein Aufsehen erregendes Leben geführt, und jetzt hat sie es immerhin bis zur Himmelskönigin gebracht. Jetzt hat sie seit zweitausend Jahren unzähligen Christen auf der Erde in unzähligen Anliegen geholfen.

Also: Alles zur größeren Ehre Gottes! Omnia ad maiorem Dei gloriam!

Vergessene Dinge aus der Geschichte

[Mit „vergessenen Dingen“ meine ich hier Epochen und Geschehnisse in der Geschichte, die Historikern zwar durchaus bekannt sind, aber im allgemeinen Geschichtsbewusstsein meistens einfach nicht auftauchen.]

 

Hier also eine kleine Liste, die absolut keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt:

  • Die Jesuitenreduktionen.
  • Die Kongogräuel.
  • Die Türkenkriege.
  • Die Thomaschristen.
  • Das Täuferreich von Münster.
  • Die Geschichte Russlands vor 1917.
  • Das katholische Königreich am Kongo im 16. Jahrhundert.
  • Phönizier, Hethiter, Assyrer, Sumerer… der alte Orient eben.
  • Die Makkabäerzeit.
  • Die internationale, sozialdarwinistische Bewegung für Eugenik und – wie man das damals nannte – „Rassenhygiene“ im frühen 20. Jahrhundert, die in Ländern wie den USA Gesetze zur Zwangssterilisation von Behinderten und Kriminellen u. Ä. durchsetzen konnte.
  • So ziemlich die gesamte Geschichte Ostasiens, vielleicht abgesehen von Pearl Harbor und Hiroshima und Nagasaki.
  • So ziemlich die gesamte Geschichte der -stan-Länder (damit meine ich Kasachstan, Tadschikistan, Usbekistan, und wie sie alle heißen).
  • Die Geschichte Äthiopiens; z. B. die Tatsache, dass es in der ganzen Antike gute Verbindungen zum Mittelmeerraum hatte (in Ägypten gab es zeitweise schwarze Pharaonen (25. Dynastie)) und seit dem 4. Jahrhundert christlich war.
  • Die Sklavenjagden in Ostafrika, besonders dem Sudan, durch muslimische Sklavenhändler, die die Gefangenen dann in sämtliche islamische Länder weiterverkauften – die Gesamtzahl der im Lauf der Jahrhunderte zwischen 650 und 1920 Deportierten wird auf ca. 17 Millionen geschätzt.
  • Der größte Teil der Geschichte Spaniens, Irlands oder Polens – zum Beispiel der Spanische Bürgerkrieg, die jahrhundertelange Unterdrückung Irlands durch England oder die polnischen Teilungen.
  • Katholikenverfolgungen in protestantischen Ländern wie Schweden und England im Zuge der Reformation.
  • Der Moabiter Klostersturm.
  • Der protestantische Gottesstaat in Genf unter Calvin.
  • Die Tatsache, dass Luther dem Landgrafen Philipp von Hessen die Bigamie erlaubte.
  • Pol Pot und die Roten Khmer.
  • Die ursprünglichen Khmer.
  • Wie die verschiedenen Staaten Lateinamerikas unabhängig wurden.
  • Das Oströmische Reich: Das Römische Reich ging 476 n. Chr. nicht unter. Ein großer Teil davon bestand noch ziemlich lange weiter.
  • Die Tatsache, dass antike Statuen und Tempel nicht strahlend weiß, sondern quietschbunt waren. Wirklich furchtbar quietschebunt. (Die Farbreste sind zwar heute größtenteils abgeblättert, aber bei genauerem Erforschen mussten auch die Pioniere der Geschichtswissenschaft im 18. und 19. Jahrhundert sie schon bemerken. Bloß passte diese Erkenntnis nicht in ihr Weltbild von der klassischen, reinen Antike, das sie uns dann weiter überlieferten.)
  • Die Tatsache, dass das ius primae noctis niemals existierte und ebenfalls eine Geschichtslegende des an Geschichtslegenden so reichen 19. Jahrhunderts ist.
  • So außergewöhnliche Lebensgeschichten wie die von Josefine Bakhita, Kateri Tekakwhita, Juan Diego, Andreas Dung-Lac, Karl Lwanga, Raimund Nonnatus, Margaret Clitherow, Thomas Becket, Thomas Morus, Edmund Campion, Moses dem Äthiopier, Pelagius von Cordoba, Petrus Claver, Hippolyt von Rom, den Karmelitinnen von Compiègne, Martín Martínez Pascual, Wilhelm Répin, Augustine Tolton…
  • Antike Häresien: Arianismus, Monophysitismus, Nestorianismus, Doketismus, Apollinarismus, Monotheletismus, Modalismus, Markionismus, Adoptianismus, Nikolaitismus, Pelagianismus, und wie sie sonst noch alle heißen. Obwohl – irgendwie schön, dass die so in Vergessenheit geraten sind!
  • Die Katharer/Albigenser.
  • Die katholische Aufklärung.
  • Die Völkerwanderung und das frühe Mittelalter.
  • Wie schlimm es in Europa ca. zwischen 850 und 950 aussah, als von Osten die Ungarn, von Süden die Sarazenen und von Norden die Wikinger ihre Überfälle verübten, in vielen Fürstentümern eher Chaos herrschte und in Rom so schlechte Päpste regierten, dass es zu solchen Vorkommnissen wie der Leichensynode von 897 kam.
  • Der Mercedarierorden – ein Orden, der im 13. Jahrhundert eigens zu dem Zweck gegründet wurde, Christen, die im Mittelmeerraum verschleppt und als Sklaven in muslimische Länder verkauft worden waren, freizukaufen, und dessen Mitglieder schließlich zusätzlich zu Armut, Ehelosigkeit und Gehorsam das folgende Ordensgelübde ablegten: „…und in der Macht der Sarazenen verbleibe ich als Geisel, wenn es nötig zur Befreiung der gläubigen Christen ist“. Was sagen die Tatsache, dass ein solcher Orden nötig war, und die Tatsache, dass sich Leute fanden, die dabei mitzumachen bereit waren, wohl über die damalige Situation aus?

 

Was will ich mit dieser Liste sagen?

Eigentlich nicht so viel. Zum einen will ich damit vielleicht einfach diesen Ausspruch des Sokrates illustrieren: „Ich weiß, dass ich nichts weiß.“

Irgendwie, so habe ich manchmal das Gefühl, ist es vielleicht gar nicht so schlimm, dass an den Unis inzwischen so viel Spezialwissen und so wenig Überblickswissen vermittelt wird. Das vermittelt wenigstens eine gewisse Demut – ein gewisses Bewusstsein der Begrenztheit des eigenen Wissens. Wenn man erst einmal merkt, wie wenig man auch nur über soziale Randgruppen im mittelalterlichen Westeuropa weiß, nachdem man sich ausführlich in einem halbjährigen Seminar mit diesem Thema beschäftigt hat, und wie viele offene Fragen man danach noch dazu hat, auf die teilweise auch die Quellen keine Antwort geben, wird einem vielleicht klar, wie viel es im mittelalterlichen Westeuropa im Ganzen gibt, das man nicht weiß, und wie viel es in der ganzen Weltgeschichte gibt, das man nicht weiß, und wie viele andere Wissensbereiche (z. B. Astrophysik und Geologie) es gibt, aus denen man erst recht nichts weiß.

Etwas anderes will ich auch noch sagen: Geschichte wird gemacht. Was als Allgemeinbildung zählt, ist eine Auswahl – und die ist nicht immer repräsentativ, und übrigens auch uns Katholiken gegenüber nicht immer fair. Vor allem bringt diese Auswahl oft nicht nur eine Beschränkung auf Epochen und Länder mit sich, sondern auch auf bestimmte Geschehnisse und geistige Strömungen innerhalb von Ländern und Epochen. Nur, weil man ein paar Informationen über die Napoleonischen Kriege hat, weiß man noch lange nicht, was die Menschen in Europa um 1800 in ihrem täglichen Leben am meisten bewegte, über welche Skandale sie redeten, welche Romane sie lasen, welche Sommerhüte bei ihnen modern waren, was sie zum Mittagessen aßen, wie ihre Sonntagsgottesdienste abliefen, wie sie mehrheitlich über den Papst dachten oder auf was sie für die Zukunft hofften.

Zum dritten finde ich Geschichte einfach wahnsinnig spannend und wollte mit meinen Lesern ein paar Gründe teilen, wieso das so ist.