Das schlechte Gefühl, wenn man sich gut fühlt

Wer die Überschrift aufmerksam gelesen hat, wird sie wohl eines sehr eindeutigen inneren Widerspruchs bezichtigen. Aber dieses schlechte Gefühl, wenn man sich gut fühlt, gibt es tatsächlich, nämlich bei Skrupulanten wie mir. (Was Skrupulosität ist, siehe hier: https://nolitetimereweb.wordpress.com/reihe-vollkommene-liebe-vertreibt-die-furcht-skrupulositaet/)

Es sieht kurz gesagt so aus: Wenn man sich gerade gut fühlt – wenn man stolz ist auf etwas, das man erreicht hat, oder sich bei Gott geborgen fühlt, oder das Gefühl hat, dass dieser über etwas erfreut sein könnte, das man getan hat – taucht prompt, wie ein falsch programmiertes rotes Warnblinklicht im Gehirn die gestrenge Mahnung auf, sich bitte schön des geistlichen Hochmuts und der Selbstgefälligkeit zu enthalten oder jedenfalls streng darauf zu achten, ihnen nicht zu nahe zu kommen.

[Sidenote: Ich könnte mir übrigens vorstellen, dass dieser Mechanismus durch die in unseren Breitengraden recht häufige Anklage gegenüber religiösen, insbesondere christlichen, Menschen, sie würden sich für irgendwie besser als andere halten und diese anderen „verurteilen“, verstärkt wird, denn ein an sich ja gar nicht so schlimmes Resultat dieser Anklage ist, dass gerade in religiösen, insbesondere christlichen, Kreisen viel Sensibilisierung für die Gefahr da ist, sich für besser als andere zu halten und andere zu verurteilen. Man verrate mir, wie lange man eine Diskussion mit Katholiken über, sagen wir mal, Abtreibung oder Sterbehilfe, führen kann, ehe aufseiten der Katholiken die Worte „Wir wollen niemanden verurteilen“ oder „Es geht nicht darum, Menschen in schwierigen Situationen zu verurteilen“ oder „Ich würde natürlich niemals jemanden in der Situation verurteilen“ fallen. Das Thema „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet“ ist als Predigtthema doch ziemlich beliebt. Ich will mit diesen Anmerkungen nicht behaupten, dass mir in christlichen Kreisen noch nie Selbstgerechtigkeit untergekommen sei, aber in anderen Kreisen habe ich sie tatsächlich wesentlich häufiger bemerkt – weil da die Sensibilisierung nicht da ist. Es ist manchmal regelrecht witzig, welche Beleidigungen manche Leute Katholiken an den Kopf werfen können, wenn sie Aussagen von ihnen beleidigend finden, ohne dass ihnen ihr eigenes Verhalten dabei auch nur bewusst wird. Da kann man etwa in der Abtreibungsdebatte noch so sehr „Wir verurteilen niemanden“ wiederholen, man wird trotzdem ganz offen als dumm und verblendet betitelt bzw. – na ja – verurteilt. Und hier übertreibe ich nicht, sondern ich zitiere. Das ist kein allgemeines Phänomen; die meisten Diskussionen, die ich mit Nichtgläubigen erlebt habe, liefen entspannt und respektvoll ab; aber es gibt dieses Phänomen tatsächlich.]

Jedenfalls, um wieder zum eigentlichen Punkt zurück zu kommen: Dieses Gefühl, irgendwie ein schlechtes Gewissen haben zu müssen, wenn man sich gut fühlt, ist nach meinem Erleben ganz typisch für Skrupulosität. Es ist eine Ausprägung dieser skrupulösen Angst, es sich zu leicht zu machen.

Das beste Kennzeichen dafür, dass dieses Gefühl ungesund ist, ist, dass die typischen Heiligen es nicht kannten. Bei ihnen sieht man oft einerseits eine erstaunliche Selbstsicherheit und andererseits eine extreme Demut, deren seltsame Verflechtungen einen durchaus verwirren können, wenn man mit seinen weltlichen Maßstäben, was ordentliches Selbstbewusstsein und ordentliche Bescheidenheit seien und wo sie am Platz seien, an sie herangeht. „Als Letztem von allen“, schreibt Paulus im 1. Korintherbrief, „erschien er [Christus] auch mir, dem Unerwarteten, der Missgeburt. Denn ich bin nicht wert, Apostel genannt zu werden, weil ich die Kirche Gottes verfolgt habe. Doch durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin, und sein gnädiges Handeln an mir ist nicht ohne Wirkung geblieben. Mehr als sie alle habe ich mich abgemüht – nicht ich, sondern die Gnade Gottes zusammen mit mir.“ (1 Kor 15,8-10) „Paulus, durch Gottes Willen berufener Apostel Christi Jesu, und der Bruder Sosthenes an die Kirche Gottes, die in Korinth ist, – an die Geheiligten in Christus Jesus“ – so beginnt dieser Brief schon.

Der Heilige ist sich seiner Sache vollkommen sicher. Er ist sich auch seines Platzes in Gottes Volk völlig bewusst. Er ist sich gleichzeitig ebenso bewusst, dass er kein „guter Mensch“ ist und Gottes Liebe nicht verdienen kann. Er kommt damit absolut klar. Wir sollten eigentlich auch wissen, dass Gott uns liebt, egal wie wir sind. An dieser Liebe wird sich nie etwas ändern, weil sie nicht von uns abhängt. Unser erster Papst schreibt in einem seiner Briefe: „Ihr seid ein auserwähltes Geschlecht, eine königliche Priesterschaft, ein heiliger Stamm, ein Volk, das sein besonderes Eigentum wurde, damit ihr die großen Taten dessen verkündet, der euch aus der Finsternis in sein wunderbares Licht gerufen hat.“ (1 Petr 2,9)

Die Heiligen und genauso Jesus selber sprechen völlig ohne Zögern oder Zurückhaltung von dem hohen Rang, zu dem wir erhoben sind, und ebenso völlig offen, ungeniert und unverfroren von den Freuden, die unserer im Himmel harren, von dem übergroßen Lohn im nächsten Leben für nur einen Becher Wasser.

 „Verkauft man nicht zwei Spatzen für ein paar Pfennig? Und doch fällt keiner von ihnen zur Erde ohne den Willen eures Vaters. Bei euch aber sind sogar die Haare auf dem Kopf alle gezählt. Fürchtet euch also nicht! Ihr seid mehr wert als viele Spatzen.“ (Mt 10,29-31)

 „Wer euch aufnimmt, der nimmt mich auf, und wer mich aufnimmt, nimmt den auf, der mich gesandt hat. Wer einen Propheten aufnimmt, weil es ein Prophet ist, wird den Lohn eines Propheten erhalten. Wer einen Gerechten aufnimmt, weil es ein Gerechter ist, wird den Lohn eines Gerechten erhalten. Und wer einem von diesen Kleinen auch nur einen Becher frisches Wasser zu trinken gibt, weil es ein Jünger ist – amen, ich sage euch: Er wird gewiss nicht um seinen Lohn kommen.“ (Mt 10,40-42)

 „Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt: Wer siegt, dem werde ich zu essen geben vom Baum des Lebens, der im Paradies Gottes steht.“ (Offb 2,7)

 „Sei treu bis in den Tod; dann werde ich dir den Kranz des Lebens geben. Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt: Wer siegt, dem kann der zweite Tod nichts anhaben.“ (Offb 2,10f.)

 „Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt: Wer siegt, dem werde ich von dem verborgenen Manna geben. Ich werde ihm einen weißen Stein geben und auf dem Stein steht ein neuer Name, den nur der kennt, der ihn empfängt.“ (Offb 2,17)

 „Ich stehe vor der Tür und klopfe an. Wer meine Stimme hört und die Tür öffnet, bei dem werde ich eintreten und wir werden Mahl halten, ich mit ihm und er mit mir. Wer siegt, der darf mit mir auf meinem Thron sitzen, so wie auch ich gesiegt habe und mich mit meinem Vater auf seinen Thron gesetzt habe. Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt.“ (Offb 3,20-22)

 „Dann sah ich einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, auch das Meer ist nicht mehr. Ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott her aus dem Himmel herabkommen; sie war bereit wie eine Braut, die sich für ihren Mann geschmückt hat. Da hörte ich eine laute Stimme vom Thron her rufen: Seht, die Wohnung Gottes unter den Menschen! Er wird in ihrer Mitte wohnen, und sie werden sein Volk sein; und er, Gott, wird bei ihnen sein. Er wird alle Tränen von ihren Augen abwischen: Der Tod wird nicht mehr sein, keine Trauer, keine Klage, keine Mühsal. Denn was früher war, ist vergangen. Er, der auf dem Thron saß, sprach: Seht, ich mache alles neu.“ (Offb 21,1-5)

Wir reden vielleicht nicht mehr so gerne von diesem Thema, weil es dann immer gleich „Opium des Volkes“ und so heißt, aber wieso sollten wir etwas verschweigen, das wahr ist? Wir dürfen grenzenloses Vertrauen auf Gott haben. Gott hat das und das zugesagt, und für Geschenke, die man erhält, muss man sich nicht schämen. Man freut sich einfach über sie.

Im Christentum geht es eben nicht einfach darum, sich gefälligst gut zu verhalten. Es geht darum, durch Gottes Liebe erlöst, und dazu befreit zu werden, zu lieben, und Gottes Liebe hat etwas an sich, das der Liebe einfach eigen ist: Überfluss, Maßlosigkeit im Schenken. Liebe geht über jede Art von gewöhnlicher Gerechtigkeit und Angemessenheit hinaus. Und darüber darf man sich ruhig mal freuen. „Der Geist und die Braut aber sagen: Komm! Wer hört, der rufe: Komm! Wer durstig ist, der komme. Wer will, empfange umsonst das Wasser des Lebens.“ (Offb 22,17)

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