Die Unauflöslichkeit der Familie

Die Unauflöslichkeit der Ehe ist wahrscheinlich eine der unbeliebtesten Lehren der Kirche, wenn nicht die unbeliebteste. Wenn es einen Beweis für den Schutz des Heiligen Geistes über der katholischen Kirche gibt, dann wohl die Tatsache, dass sie als einzige christliche Gemeinschaft auf dieser Welt an der absoluten Unauflöslichkeit einer sakramentalen und vollzogenen Ehe festhält. Selbst die sonst so vergleichsweise rechtgläubigen Ostkirchen, deren größtes Problem einfach die Abspaltung vom Papst ist, haben diese Lehre aufgegeben und erlauben in manchen Fällen eine Scheidung und eine zweite Ehe. Während viele konservative protestantische Kirchen zum Thema „Kein Sex vor der Ehe“ und ähnlichen Dingen klar Position beziehen, ist mir keine bekannt, die grundsätzlich in jedem Fall gegen Scheidung und Wiederheirat wäre.

Dieser Befund ist eigentlich seltsam angesichts der Tatsache, dass die Lehre von der Unauflöslichkeit der Ehe wahrscheinlich auch die Lehre ist, die am allerdeutlichsten von so ziemlich allen christlichen Lehren aus der Bibel hervorgeht. Ich meine, Aussagen über die Dreifaltigkeit etwa sind da noch wesentlich unklarer und für Missverständnisse offener. Über die Ehe gibt es dagegen folgende Stellen bei Jesus selbst:

„Da kamen Pharisäer zu ihm und fragten: Darf ein Mann seine Frau aus der Ehe entlassen? Damit wollten sie ihm eine Falle stellen. Er antwortete ihnen: Was hat euch Mose vorgeschrieben? Sie sagten: Mose hat erlaubt, eine Scheidungsurkunde auszustellen und (die Frau) aus der Ehe zu entlassen. Jesus entgegnete ihnen: Nur weil ihr so hartherzig seid, hat er euch dieses Gebot gegeben. Am Anfang der Schöpfung aber hat Gott sie als Mann und Frau geschaffen. Darum wird der Mann Vater und Mutter verlassen, und die zwei werden ein Fleisch sein. Sie sind also nicht mehr zwei, sondern eins. Was aber Gott verbunden hat, das darf der Mensch nicht trennen. Zu Hause befragten ihn die Jünger noch einmal darüber. Er antwortete ihnen: Wer seine Frau aus der Ehe entlässt und eine andere heiratet, begeht ihr gegenüber Ehebruch. Auch eine Frau begeht Ehebruch, wenn sie ihren Mann aus der Ehe entlässt und einen anderen heiratet.“ (Mk 10,2-12)

 

„Wer seine Frau aus der Ehe entlässt und eine andere heiratet, begeht Ehebruch; auch wer eine Frau heiratet, die von ihrem Mann aus der Ehe entlassen worden ist, begeht Ehebruch.“ (Lk 16,18)

 

„Ferner ist gesagt worden: Wer seine Frau aus der Ehe entlässt, muss ihr eine Scheidungsurkunde geben. Ich aber sage euch: Wer seine Frau entlässt, obwohl kein Fall von Unzucht vorliegt, liefert sie dem Ehebruch aus; und wer eine Frau heiratet, die aus der Ehe entlassen worden ist, begeht Ehebruch.“ (Mt 5,31f., aus der Bergpredigt)

 

„Da kamen Pharisäer zu ihm, die ihm eine Falle stellen wollten, und fragten: Darf man seine Frau aus jedem beliebigen Grund aus der Ehe entlassen? Er antwortete: Habt ihr nicht gelesen, dass der Schöpfer die Menschen am Anfang als Mann und Frau geschaffen hat und dass er gesagt hat: Darum wird der Mann Vater und Mutter verlassen und sich an seine Frau binden und die zwei werden ein Fleisch sein? Sie sind also nicht mehr zwei, sondern eins. Was aber Gott verbunden hat, das darf der Mensch nicht trennen. Da sagten sie zu ihm: Wozu hat dann Mose vorgeschrieben, dass man (der Frau) eine Scheidungsurkunde geben muss, wenn man sich trennen will? Er antwortete: Nur weil ihr so hartherzig seid, hat Mose euch erlaubt, eure Frauen aus der Ehe zu entlassen. Am Anfang war das nicht so. Ich sage euch: Wer seine Frau entlässt, obwohl kein Fall von Unzucht vorliegt, und eine andere heiratet, der begeht Ehebruch.“ (Mt 19,3-9)

(Zum Thema „obwohl kein Fall von Unzucht vorliegt“ verlinke ich der Vollständigkeit halber einfach mal einen schönen Artikel von Joe Heschmeyer: http://shamelesspopery.com/divorce-and-remarriage-in-the-case-of-adultery-what-does-the-bible-really-say/ Hier ist nämlich nicht von einer Ausnahme im Fall von untreuen Ehepartnern die Rede! – Wie aus den anderen Stellen sowieso klar werden sollte.)

…und dann noch diese Stelle bei Paulus:

„Den Verheirateten gebiete nicht ich, sondern der Herr: Die Frau soll sich vom Mann nicht trennen – wenn sie sich aber trennt, so bleibe sie unverheiratet oder versöhne sich wieder mit dem Mann – und der Mann darf die Frau nicht verstoßen.“ (1 Kor 7,10f.)

…und selbst im Alten Testament heißt es bereits:

„(13) Außerdem bedeckt ihr den Altar des Herrn mit Tränen, ihr weint und klagt, weil er sich eurem Opfer nicht mehr zuwendet und es nicht mehr gnädig annimmt aus eurer Hand. (14) Und wenn ihr fragt: Warum?: Weil der Herr Zeuge war zwischen dir und der Frau deiner Jugend, an der du treulos handelst, obwohl sie deine Gefährtin ist, die Frau, mit der du einen Bund geschlossen hast. (15) Hat er nicht eine Einheit geschaffen, ein lebendiges Wesen? Was ist das Ziel dieser Einheit? Nachkommen von Gott. Nehmt euch also um eures Lebens willen in Acht! Handle nicht treulos an der Frau deiner Jugend! (16) Wenn einer seine Frau aus Abneigung verstößt, [spricht der Herr, Israels Gott,] dann befleckt er sich mit einer Gewalttat, spricht der Herr der Heere. Nehmt euch also um eures Lebens willen in Acht und handelt nicht treulos! (17) Ihr ermüdet den Herrn mit euren Reden und ihr fragt: Wodurch ermüden wir ihn? Dadurch, dass ihr sagt: Jeder, der Böses tut, ist gut in den Augen des Herrn, an solchen Leuten hat er Gefallen. Oder auch: Wo ist denn Gott, der Gericht hält?“ (Mal 2,13-17)

(Bei dieser Stelle aus dem prophetischen Buch Maleachi, dem letzten Buch des AT, gibt es in den hebräischen Manuskripten und der griechischen Septuaginta unterschiedliche Varianten; im griechischen Text heißt es in Vers 15 statt des oben angegebenen hebräischen Textes, der übrigens wohl für die heutigen Übersetzer schwer verständlich ist: „Ihr aber sagt: Was anderes als Nachkommen sucht Gott?“ In der hebräischen Überlieferung wird also eins der grundlegenden – um mit dem kirchenrechtlichen Fachausdruck zu sprechen – „Eheziele“ erklärt: In der Ehe geht es (auch) um Kinder. Was ja hier als ein sehr guter Grund gegen Ehescheidung angeführt werden kann: Sie reißt Familien auseinander und schadet den Kindern. In der Septuaginta wird dagegen ausdrücklich hervorgehoben, dass auch Unfruchtbarkeit kein akzeptabler Grund für Ehescheidung ist, auch wenn die Israeliten das meinen. Welcher Text der Urtext ist, weiß ich nicht – normalerweise würde man den hebräischen annehmen, allerdings haben wir von der Septuaginta, der griechischen Übersetzung des ursprünglichen hebräischen Textes, schon antike Manuskripte, während das früheste hebräische Manuskript des gesamten AT aus dem Jahr 1008 n. Chr. stammt; von einzelnen Büchern wie Jesaja gibt es, dank Qumran etc., zwar auch schon sehr viel ältere Handschriften, die ziemlich genau mit den mittelalterlichen übereinstimmen, wobei es auch in der Antike schon leicht voneinander abweichende Varianten gegeben haben muss, aber von Maleachi gibt es, soweit ich weiß, kein antikes hebräisches Manuskript; also kurz gesagt: Ich nehme an, dass die Frage unter Exegeten nicht geklärt ist. Ist aber ja eigentlich auch egal, da beide Stellen wunderbar sind und die eigentliche Aussage nicht tangieren.)

Angesichts dieser Fülle von Belegstellen ist es doch relativ seltsam, dass Leute, die „sola scriptura“ und „solus Christus“ proklamieren, sich mit der Unauflöslichkeit der Ehe gleichzeitig so schwer tun.

Ich will die Frage nach der Unauflöslichkeit der Ehe einmal von einem anderen Blickwinkel aus angehen. Ich habe einmal eine Vorlesung über die Geschichte des Mittelalters gehört; in einer der ersten Sitzungen sprach der Dozent ein wenig über ein paar soziologische Grundlagen des Frühmittelalters. Er ging dabei auf unterschiedliche Formen von Familienstrukturen ein, die es in verschiedenen Gesellschaften gibt. In jeder Gesellschaft wird eine Verwandtschaftsbeziehung als zentraler Ankerpunkt der Familie gesehen; das kann zum Beispiel die Vater-Sohn-Beziehung sein, oder, wenn ich mich recht erinnere, auch die Beziehung zwischen Brüdern. Es wird vielleicht manche – wie mich damals – ein wenig überraschen, dass dieser Historiker dann konstatierte, die damals entstehende christliche Gesellschaft des Mittelalters unterscheide sich von anderen Gesellschaftsformen dadurch, dass sie die Ehe in den Mittelpunkt stelle.

Das sieht man ganz klar in der Praxis, wenn man einmal zum Vergleich auf die heidnische römische Antike schaut. (Ich habe mich mal zufällig im Rahmen eines anderen Seminars damit beschäftigt.) Da war mehr oder weniger klar: Eine Frau gehört noch immer zu ihrer ursprünglichen Familie, auch wenn sie verheiratet ist. Nach einer Scheidung oder dem Tod ihres Mannes kehrt sie zu ihrer eigenen Familie zurück, die dann wieder für sie verantwortlich ist. (Gegebenenfalls lebt sie auch für sich.) Wenn ihr Mann stirbt, dann erbt sie entweder gar nichts oder kaum etwas von ihm; sein Besitz geht teilweise an die Kinder und teilweise an seine Brüder, deren Kinder etc. Die Vormundschaft über ihre Kinder erhält in diesem Fall auch nicht sie, sondern die muss irgendein Verwandter oder Freund des Vaters – klassischerweise wohl der Onkel oder Großvater – übernehmen. (Das war die rechtliche Lage. Das hieß nicht, dass Witwen nicht mehr in den meisten Fällen mit ihren Kindern zusammenlebten. Sie hatten nur nicht die rechtliche Vormundschaft, die Erziehungsberechtigung und vor allem die Vermögensverwaltung, für sie inne.) Die Ehe war eine Verbindung, die man mit einer außenstehenden Person einging und die durch Scheidung (oder natürlich Tod) wieder gelöst wurde. Beide Partner gehörten dabei immer noch irgendwie ihren ursprünglichen Familien an. Sie bildeten keine grundsätzlich neue Familie, sondern die Frau unterstand eben, solange die Ehe andauerte, ihrem Mann oder Schwiegervater als dem pater familias, es war eine Art Erweiterung der schon bestehenden Familie, die eher vorübergehenden Charakter haben konnte. „Darum verlässt der Mann Vater und Mutter und bindet sich an seine Frau und sie werden ein Fleisch“ – diese Denkweise ist einer solchen Gesellschaft tendenziell eher fremd. Die Römer dachten wohl, trotz der doch noch ein wenig größeren Stabilität ihrer Ehen, ähnlich wie das heutige Hollywood: Ehepartner kommen und gehen. Dafür blieb für sie der zentrale Ankerpunkt die patrilineale leibliche Familie. Man darf das nicht überbewerten; natürlich bildeten ein Paar und seine Kinder irgendwie eine eigene Familie; die Ehe war die Beziehung, die für das Kriegen und Erziehen von Kindern sorgte, und war daher logischerweise in allen Gesellschaften wichtig und zentral, aber trotzdem eben nicht immer so zentral wie in christlichen Gesellschaften.

Das christliche Modell ist dagegen ganz klar: Ehe begründet Familie. Das soll nicht heißen, dass Abstammung und Blutsverwandtschaft im Vergleich nicht mehr zählen, aber der Fokus verschob sich.

Man kann es sich beispielhaft wieder anhand von ganz banalen rechtlichen Änderungen ansehen, die nach und nach kamen, als das Römische Reich christlich wurde. Nun kam es immer häufiger vor, dass auch Mütter, Großmütter, Tanten und Verwandte mütterlicherseits die Vormundschaft über (Halb)Waisen übernahmen. Ab dem Jahr 390 konnten Witwen rechtlich die Vormundschaft übernehmen; ab dem Jahr 543 waren Mütter und Großmütter dafür sogar erste Wahl. (Allerdings mussten sie dann, wenn sie die Vormundschaft übernehmen wollten, versprechen, nicht mehr zu heiraten. In der Antike wurde es als eine gewisse Gefahr gesehen, dass Stiefväter den Besitz ihrer Stiefkinder veruntreuten; die römische Vormundschaftsregelung zielte hauptsächlich darauf, die Verwaltung des Erbes von vermögenden Waisen, nicht die bloße Unterbringung mittelloser Kinder, zu regeln.) Nun wurde Witwen erstmals auch zumindest ein gewisser Teil des Erbes ihres Mannes zugesprochen. Irgendwann war es dann schließlich so, dass, wenn ein Mann starb, seine Witwe ihn ganz automatisch als Familienoberhaupt ablöste, wie wir das heute auch gewohnt sind. Gut, diese konkreten Änderungen betreffen jetzt hauptsächlich das Oströmische Reich, mit der genauen Entwicklung im Westen kenne ich mich nicht so gut aus, aber sehen wir mal die Situation an, wie sie heutzutage bei uns ist: Wir nehmen es heute als ganz selbstverständlich, dass, wenn ein älterer Herr mit einem Schlaganfall ins Krankenhaus eingeliefert wird, seine Frau als „nächste Angehörige“ zuallererst verständigt wird, dass sie gegebenenfalls medizinische Entscheidungen über seine Behandlung trifft, und dass sie, wenn er sterben sollte, die Haupterbin ist. In einer anders gearteten Gesellschaft hätte aber der Sohn des Mannes diese Rolle übernommen. Ebenso selbstverständlich ist es für uns, dass eine Witwe rechtlich zuständig ist für ihre minderjährigen Kinder, und nicht erst irgendein Bruder ihres Mannes sich zu dieser Aufgabe bereit erklären muss. Aber das kam durch den jüdisch-christlichen Einfluss.

Den Einfluss dieser christlichen Idee sieht man auch bei den Ehehindernissen im mittelalterlichen Kirchenrecht. Damals war die Kirche mit ihren Verboten bezüglich Verwandtenehen im Allgemeinen noch um einiges strenger als heute, und sie dehnte diese Verbote auch auf angeheiratete Verwandte aus: Eine Frau durfte also nicht nach dem Tod ihres Mannes einfach dessen Bruder heiraten, zumindest nicht ohne kirchlichen Dispens. (Nach dem heutigen Codex des Kanonischen Rechts ist nur noch Schwägerschaft in der geraden Linie ein Ehehindernis. D. h. ein Mann dürfte nach dem Tod seiner Frau seine Schwägerin heiraten, aber nicht seine Schwiegermutter oder Schwiegertochter. Im früheren Kirchenrecht war es übrigens auch so, dass sogar durch Taufpatenschaft eine ehehindernisrelevante „geistliche Verwandtschaft“ entstand, eine Frau also z. B. nicht einmal einfach so den Sohn ihres Taufpaten heiraten durfte, weil er als etwas Ähnliches galt wie heutzutage ihr Adoptivbruder. Dispens konnte man natürlich immer beantragen, aber als ideal galten solche Beziehungen nicht.) Das christliche Modell sagt, kurz gesagt, dass auch die Beziehung zu einer nicht blutsverwandten Person durch freiwillig eingegangene Verpflichtungen eine Treuebindung nach sich ziehen kann, die der Treuebindung zu Blutsverwandten ebenbürtig ist.

Okay, das war jetzt ein etwas längerer soziologischer und kirchenrechtlicher Exkurs, aber ich finde, es ist wichtig, diese Grundstrukturen wirklich zu erfassen. Der Unterschied zwischen dem christlichen und dem prä- und vor allem dem post-christlichen Bild der Ehe ist ganz einfach, ob die Ehe eine eigene, neue Familie begründet, oder ob sie ein jederzeit wieder auflösbarer Vertrag mit einer außenstehenden Person ist, die kommt und wieder geht und dann ersetzt werden kann.

Familie ist nämlich etwas, das immer bleibt. Meine Eltern werden immer meine Eltern und meine Geschwister immer meine Geschwister und meine Kinder immer meine Kinder sein. Es kann sein, dass ich aus Gründen mal keinen Kontakt mehr zu ihnen pflegen kann; zum Beispiel, weil sie selber keinen Kontakt zu mir haben wollen. Ebenso kann es sein, dass man vom Ehepartner verlassen wird, oder auch, dass man ihn verlassen muss, weil er gewalttätig ist o. Ä. Aber auch wenn meine Schwester nichts mehr mit mir zu tun haben will, ist sie immer noch meine Schwester, und daran wird sich nie etwas ändern. Ebenso wenig wird eine Ehe dadurch nichtig, dass man sich trennt oder staatlich scheiden lässt. Und dieses Bewusstsein fehlt mittlerweile in der überwältigenden Mehrheit unserer Gesellschaft.

Wenn ich einmal einem anderen Menschen gegenüber das Eheversprechen abgelegt habe, dann habe ich mich damit an ihn gebunden, unwiderruflich, bis dass der Tod uns scheidet. Ab diesem Moment ist man Familie.

Bei Eltern, Geschwistern oder Großeltern ist es manchmal sogar noch etwas schwieriger, zu definieren, was Menschen dazu, also zu einem Teil der Familie, macht – was ist mit Adoptiveltern? Sind das meine Eltern? Es ist dagegen sehr leicht zu bestimmen, was Eheleute zu Eheleuten macht. Eine Ehe entsteht nämlich, anders als die Beziehung zur übrigen Familie, durch die freie Zustimmung, den Ehekonsens. (Zwangsehen sind per definitionem ungültig.) Es gibt einen weiteren Unterschied: Die Ehe ist exklusiver als andere Beziehungen, und ihre Regeln sind klarer bestimmt. Wenn ich herausfinde, dass ich adoptiert bin und meine leiblichen Eltern kennenlerne, kann ich sie lieben und gleichzeitig auch noch meine Adoptiveltern – bei einer Ehe dagegen kann es nur einen geben. Ebenso folgen zwar gewisse Pflichten aus der Geschwister- oder der Eltern-Kind-Beziehung, vor allem aus letzterer (man kümmert sich zum Beispiel umeinander, wenn der jeweils andere sich, etwa aufgrund seines noch sehr geringen oder bereits sehr hohen Alters, nicht mehr um sich selbst kümmern kann, usw.), aber es ist weniger klar bestimmt. Bei Ehepaaren ist alles viel klarer: Man lebt zusammen (wenn irgend möglich; natürlich kann es mal sein, dass man vorübergehend getrennt ist, wenn etwa ein Partner einige Monate lang anderswo arbeiten muss, aber das sollte weder der Regelfall noch ein Dauerzustand sein), man schläft miteinander (und zwar nur miteinander), man ist offen für Kinder, und wenn man welche bekommt, zieht man sie groß. Eine Geschwister-Beziehung zum Beispiel ist dagegen viel offener und weniger exklusiv; vielleicht sieht man sich irgendwann bloß noch alle paar Monate oder noch seltener. Und niemand verbietet einem, ähnlich geartete Beziehungen wie zu seinen Geschwistern zu Freunden zu pflegen. (Aber trotzdem ist diese Beziehung unauflöslich. Meine Geschwister werden immer meine Geschwister sein.)

Ehe begründet Familie, und Familie bedeutet die Verpflichtung zu Liebe und Treue. Dass das so ist, kann jedes Kind sehen, das in einer funktionierenden Ehe aufwächst. Mama und Papa sind natürlich eine Familie; sie gehören ebenso zueinander wie zu einem selber. Als ich klein war, war Scheidung in meiner Vorstellungswelt etwas in gewisser Weise Undenkbares, jedenfalls in Bezug auf meine Eltern – etwas Dunkles in der Welt da draußen, das es bei Fremden gibt, etwas, von dem man traurigerweise bei Eltern von Klassenkameraden hört, das es aber bei uns nicht geben kann. Ich bin sehr froh darum. Meine Eltern haben inzwischen ihre Silberhochzeit hinter sich und sind noch immer eine Familie.

Wenn Mama und Papa sich scheiden lassen, Papa auszieht und man ihn nur noch am Wochenende sieht, und dann auf einmal in seiner neuen Wohnung, wenn man freitags dort hin kommt, auch Sabine wohnt, und Mama dann, wenn man ab Sonntagabend wieder bei ihr ist, auf einmal auch noch Heiner mit nach Hause bringt – das ist etwas Widernatürliches. Etwas zutiefst Widernatürliches. Wenn ein Kind das als Normalität akzeptieren muss, die eben so ist, dann ist das eine Täuschung und ein Unrecht ihm gegenüber; einhergehend oft genug mit Selbsttäuschung durch das Kind, das von Mama und Papa nicht schlecht denken will, und sich deshalb einredet, dass Scheidung ja gar nicht so schlimm sei. Das ist so. Der Versuch, eine Ehe anders als durch den Tod zu beenden, ist die Zerstörung einer Familie – und zwar auch dann, wenn keine Kinder da sind. Und deshalb hält die katholische Kirche an der Unauflöslichkeit der Ehe fest.

Und ja, ich weiß, das ist nicht immer einfach. (Wie richtiges Handeln allgemein nicht immer einfach ist! Was nicht heißt, dass es gar nicht machbar oder nicht verpflichtend ist.) Es ist wahrscheinlich vor allem dann nicht immer einfach, wenn man vielleicht schon seit Jahren geschieden ist und in einer neuen Beziehung lebt, aus der auch Kinder hervorgegangen sind, und dann wieder zum Glauben zurückfinden will. Es ist alles nicht einfach. Daher versucht die Kirche ja auch, wenn es geht, Möglichkeiten zu finden – z. B. über Annullierungen. Wenn aber die erste Ehe gültig ist, ist sie gültig. Und dann ist der Mensch, mit dem man dann zusammenlebt, kein Ehepartner.

Scheidung und Ehebruch sind meiner Ansicht nach viel schlimmer als voreheliches Zusammenleben oder Homoehe oder solche Dinge. Ja, diese Dinge sind auch nicht gut, aber sie sind nicht so schlimm wie Untreue gegenüber einem Menschen, dem man aus freien Stücken lebenslange Treue geschworen hat. Der Versuch, eine Ehe aufzulösen, ist das Auseinanderreißen einer Familie. Und weil sie das nicht versteht, versteht die Welt die katholische Kirche nicht.

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2 Gedanken zu “Die Unauflöslichkeit der Familie

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