Einfältige, Sklaven, Weiber und Kinder

Ich bin ja immer für Ehrlichkeit in der Apologetik. Auch unsere Gegner und Kritiker haben nicht immer Unrecht, und wenn sie einmal Recht haben, muss man es auch ganz offen und ehrlich zugeben. Da darf man die Tatsachen nicht verdrehen.

In diesem konkreten Fall: Der antike Kirchenkritiker Kelsos (2. Hälfte 2. Jh.) warf den Christen seiner Zeit an einer Stelle seiner antichristlichen Polemik „Wahre Lehre“ (Alethes logos) vor, sie wollten „offenbar nur die einfältigen, gemeinen und stumpfsinnigen Menschen, und nur Sklaven, Weiber und Kinder überreden, und vermögen dies auch“. Wir wollen daher einmal ganz ehrlich und unvoreingenommen prüfen, anhand einiger Vorbilder im Glauben, die unsere Kirche uns präsentiert, ob er denn Recht hat mit seinem Vorwurf, unsere Religion sei eine Religion nur für „einfältige, gemeine und stumpfsinnige Menschen, […] Sklaven, Weiber und Kinder.“

Fangen wir da beim Thema Sklaven an:

  • St. Onesimus: Ihn finden wir in der Bibel. Er war seinem Herrn Philemon, einem Christen, davongelaufen und traf Paulus in Rom. Paulus schickte ihn zu Philemon zurück und gab ihm einen Brief mit (eben den „Brief an Philemon“ im Neuen Testament), in dem er für Onesimus Fürsprache einlegte und um seine Freilassung bat. „Ich, Paulus, ein alter Mann, der jetzt für Christus Jesus im Kerker liegt, ich bitte dich für mein Kind Onesimus, dem ich im Gefängnis zum Vater geworden bin. Früher konntest du ihn zu nichts gebrauchen, doch jetzt ist er dir und mir recht nützlich. Ich schicke ihn zu dir zurück, ihn, das bedeutet mein eigenes Herz. […] Denn vielleicht wurde er nur deshalb eine Weile von dir getrennt, damit du ihn für ewig zurückerhältst, nicht mehr als Sklaven, sondern als weit mehr: als geliebten Bruder. Das ist er jedenfalls für mich, um wie viel mehr dann für dich, als Mensch und auch vor dem Herrn. Wenn du dich mir verbunden fühlst, dann nimm ihn also auf wie mich selbst! Wenn er dich aber geschädigt hat oder dir etwas schuldet, setz das auf meine Rechnung! Ich, Paulus, schreibe mit eigener Hand: Ich werde es bezahlen – um nicht davon zu reden, dass du dich selbst mir schuldest. Ja, Bruder, um des Herrn willen möchte ich von dir einen Nutzen haben. Erfreue mein Herz; wir gehören beide zu Christus. Ich schreibe dir im Vertrauen auf deinen Gehorsam und weiß, dass du noch mehr tun wirst, als ich gesagt habe.“ (Phlm 8-12.15-21) Der Überlieferung nach wurde Onesimus tatsächlich freigelassen und wurde später als Nachfolger des Timotheus Bischof von Ephesus, und schließlich Märtyrer.
  • St. Anakletus: Der dritte Papst nach St. Petrus und St. Linus war wahrscheinlich ein Sklave oder ein Freigelassener. Er soll etwa von 76 bis 88 n. Chr. Bischof von Rom gewesen sein. Der Überlieferung nach ebenfalls Märtyrer.
  • St. Felicitas: Sie war eine Sklavin der reichen Römerin St. Perpetua; beide erlitten im Jahr 203 in Karthago zusammen das Martyrium. Ihre Geschichte ist sehr gut überliefert; Perpetua selbst schrieb im Gefängnis ihre Erlebnisse auf.
  • St. Benedikt „der Mohr“, auch Benedikt von San Fratello (1526-1589): Er war ein äthiopischstämmiger Sklave und wurde auf Sizilien geboren. Mit 18 Jahren wurde er aufgrund der treuen Dienste seiner Eltern freigelassen; ein paar Jahre später wurde er zuerst Eremit und schloss sich dann den Franziskanern an, wo er als Koch des Klosters fungierte. Gegen seinen Willen und obwohl er Analphabet war (wir erinnern uns: „einfältige, gemeine und stumpfsinnige Menschen“), wählten seine Mitbrüder ihn später zum Oberen. Er stand im Ruf großer Heiligkeit und wurde während seines Lebens von Massen von ratsuchenden Menschen aus dem ganzen Land aufgesucht. Er soll seinen Todeszeitpunkt selbst vorhergesagt und noch andere Wunder vollbracht haben und wurde schon gleich nach seinem Tod sehr verehrt; seliggesprochen wurde er 1743 und heiliggesprochen 1807.
  • St. Josefine Bakhita (1869-1947): Sie wurde in einem Dorf im Sudan geboren und als Kind von Sklavenjägern verschleppt und in El Obeid und Khartoum mehrmals weiterverkauft. Durch das Trauma der Entführung vergaß sie ihren ursprünglichen Namen; „Bakhita“ (die Glückliche) ist der Name, den ihre Entführer ihr in einem Anflug von Zynismus gaben. In dieser Zeit erlebte sie bei verschiedenen Besitzern furchtbar brutale Behandlungen. Schließlich wurde sie von einem italienischen Konsul gekauft, der sie gut behandelte und schließlich nach Italien mitnahm. Dort gab er sie zur Familie eines Freundes, den Michielis, für deren Tochter sie als Kindermädchen diente. Zusammen mit dem Kind kam sie dann zeitweise in die Obhut eines Konvents der Canossianerinnen, wo sie den Glauben kennenlernte. 1890 ließ sie sich taufen. Als die Michielis sie wieder zu sich holen wollten, konnte sie durchsetzen, im Kloster zu bleiben (ein Gericht erklärte sie schließlich für frei); sie trat in den Orden ein, wobei sie den Namen Guiseppina annahm, und legte 1895 die ewige Profess ab. Sie war Pförtnerin im Kloster. Später wurde sie von ihrem Orden angeregt, ihre Erinnerungen aufzuschreiben und in den 30ern sprach sie in verschiedenen Klöstern in Italien über ihr Leben, um junge Ordensschwestern auf die Mission in Afrika vorzubereiten. Bei der Bevölkerung war sie bekannt als die „Santa madre moretta“ (heilige braune Mutter); 1992 wurde sie selig- und 2000 heiliggesprochen.
  • Ehrwürdiger Diener Gottes Augustine Tolton (1854-1897): Er wurde als Sklave in Missouri geboren. Sein Vater floh während des Bürgerkrieges, um sich den Truppen der Nordstaaten anzuschließen; auch seine Mutter floh ein wenig später mit ihren drei Kindern nach Quincy, Illinois. Der Vater starb noch vor dem Ende des Krieges an einer Krankheit und kehrte nie zu der Familie zurück. Augustine arbeitete in einer Tabakwarenfabrik in Quincy und ging im Winter in die Schule seiner Pfarrei. Sein Pfarrer Peter McGirr förderte seinen Wunsch, Priester zu werden; kein amerikanisches Seminar nahm ihn auf, aber schließlich konnte er stattdessen in Rom studieren. 1886 wurde er zum Priester geweiht; damit der erste schwarze Priester der USA. (James Augustine Healy, der später auch Bischof wurde, wurde zwar schon 1854 geweiht, aber Healy war „gemischtrassig“, und seine Abstammung war zwar seinen Vorgesetzten, aber nicht der Öffentlichkeit, bekannt, da er äußerlich als weiß durchgehen konnte.) Zuerst sollte Tolton in die Mission nach Afrika gehen, aber dann wurde er doch in die USA zurück geschickt. (Hier findet sich ein Bericht aus einer deutschen Missionszeitschrift von damals über seine Primiz in Quincy: http://die-missionen.blogspot.de/2011/12/primizfeier-des-ersten-schwarzen.html) Zuerst blieb er in Quincy, wo er aber bald mit Schwierigkeiten und Ablehnung zu kämpfen hatte; später wurde er nach Chicago versetzt, wo er eine Pfarrkirche für afroamerikanische Katholiken bauen ließ. Er starb mit nur 43 Jahren überraschend an einer Krankheit. Sein Seligsprechungsverfahren läuft derzeit. (Nähere Informationen dazu hier: http://www.toltoncanonization.org/default.htm)
  • St. Petrus Claver (1580-1654): Er war ein Apostel von Sklaven – ein spanischer Jesuit, der nach Cartagena, das Zentrum des südamerikanischen Sklavenhandels, ging, mit dem Schwur „allezeit Sklave der Negersklaven“ zu sein. Er ging auf die neu ankommenden Schiffe aus Afrika, sorgte für die Gefangenen dort mit Essen und Kleidung, pflegte die Kranken, predigte das Evangelium. 300.000 Menschen soll er in seinen vierzig Jahren dort getauft haben. Jedes Jahr um Ostern durchwanderte er die unwegsame Gegend, um die Sklaven auf dem Land aufzusuchen und ihnen die Sakramente zu spenden; er schlief dabei immer in ihren Hütten, und in Cartagena bestand er gegenüber den feinen spanischen Herrschaften darauf, dass eine Messe für Herren wie Sklaven gemeinsam gefeiert wurde; als ein paar Damen sich über den Gestank der Afrikaner in der Kirche beschwerten, erwiderte er, Gott müsse auch den Gestank der Sünden dieser Damen aushalten.
  • St. Petrus Nolascus (um 1182-1249/1256) und St. Raimund Nonnatus (1202-1240): Ersterer gründete den Orden der Mercedarier, der sich zur Aufgabe setzte, verschleppte Christen aus der Sklaverei von Muslimen loszukaufen, letzterer war sein wahrscheinlich bedeutendster Ordensbruder. Raimund legte, wie alle Mercedarier, den Schwur ab, notfalls als Geisel in der Hand der Muslime zu bleiben, wenn es zur Befreiung der Christen notwendig sei, und er war dann tatsächlich zeitweise in muslimischer Gefangenschaft. Dort predigte er allerdings fröhlich weiter das Evangelium, sodass man ihm mit einem Eisenpfahl die Lippen durchbohrt und seinen Mund mit einem Vorhängeschloss verschlossen haben soll. Schließlich konnte er von seinem Orden noch freigekauft werden, starb aber kurze Zeit später.
  • Wen gäbe es noch zu erwähnen? St. Serapion natürlich, einen Märtyrer der Mercedarier, und St. Patrick von Irland fiele mir ein, oh, ja, und Papst Calixt I., vielleicht könnte man noch die ehrwürdige Dienerin Gottes Henriette de Lille und St. Martin de Porres zählen…

Kommen wir nach den Sklaven zu den Kindern:

  • Heilige Unschuldige Kinder: Die dürfen natürlich nicht fehlen. Unsere allerjüngsten Heiligen.
  • St. Tarcisius: Der Patron der Ministranten. Er lebte in der zweiten Hälfte des 3. Jahrhunderts in Rom und war damit beauftragt, die Eucharistie zu den Kranken zu bringen. Als eine Gruppe heidnischer Jugendlicher ihn zwingen wollte, herzuzeigen und herauszugeben, was er da bei sich hatte, weigerte er sich; daraufhin wurde er zusammengeschlagen und getötet.
  • St. Agnes von Rom (gest. ca. 250): Agnes war erst 12 Jahre alt, als sie zur Märtyrerin wurde. Der Überlieferung nach weigerte sie sich, zu heiraten, da sie Jungfräulichkeit gelobt hatte; ziemlich viele Legenden ranken sich um ihr Martyrium. Sie ist sicherlich historisch (sie wurde schon im 4. Jahrhundert verehrt), aber wie viel Wahres an den Details ihrer Geschichte ist, weiß man nicht.
  • St. Maria Goretti (1890-1902): Sie war ein italienisches Bauernmädchen, das sich nach dem Tod ihres Vaters um den Haushalt und ihre jüngeren Geschwister kümmern musste, während ihre Mutter arbeitete. Als sie elf Jahre alt war, stellte Alessandro Serenelli, der Sohn ihres Nachbarn, ihr immer wieder nach und versuchte sie schließlich zu vergewaltigen; da sie sich heftig wehrte, stach er auf sie ein, sodass sie einen Tag später im Krankenhaus starb. Ehe sie starb, vergab sie ihrem Mörder, und sechs Jahre später, während er eine 30-jährige Zuchthausstrafe verbüßte, erschien sie ihm im Traum, woraufhin er bereute und sich bekehrte. Nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis bat er ihre Mutter um Vergebung und wurde Laienbruder in einem Franziskanerkloster. Maria Goretti ist übrigens die einzige mir bekannte Heilige, bei deren Heiligsprechung noch ein Elternteil dabei war. (Das war 1950.)
  • St. José Luis Sánchez del Rio (1913-1928): Er ist einer unserer wenigen Heiligen, die direkt an militärischen Auseinandersetzungen beteiligt waren – in seinem Fall am Cristero-Aufstand gegen die die Kirche verfolgende Regierung in Mexiko. Er war erst vierzehn, als er getötet wurde, und man hatte ihm daher nicht erlaubt, wirklich mitzukämpfen, aber schließlich hatte einer der Anführer der Cristeros ihn als Bannerträger aufgenommen. Er wurde in einem Kampf von den Regierungstruppen gefangen genommen und schließlich gefoltert und getötet, weil er sich weigerte, seinen Glauben abzulegen. (Man schlitzte ihm die Fußsohlen auf und ließ ihn auf ausgestreutem Salz hin und her laufen. Seine Peiniger boten ihm an, ihn zu verschonen, wenn er rufe: Tod, Christus dem König! Aber er rief den Ruf der Cristeros: „Viva Cristo Rey!“ – Es lebe Christus, der König! Am Ende wurde er dann per Kopfschuss getötet.) Am 16. Oktober 2016 erst wurde er heiliggesprochen.
  • Sel. Jacinta Marto (1910-1920) und sel. Francisco Marto (1908-1919): Den beiden Geschwistern erschien, zusammen mit ihrer Cousine Lucia dos Santos (die sehr lange lebte und erst 2005 starb; ihr Seligsprechungsverfahren läuft), im Jahr 1917 bei ihrem portugiesischen Heimatdorf Fatima die Gottesmutter, als sie gerade Schafe hüteten. Sie starben sehr jung an der Spanischen Grippe.
  • Ansonsten gäbe es noch St. Domenico Savio (1842-1857), oder die sel. Laura Vicuna (1891-1904), oder die sel. Imelda Lambertini (1321/22-1333)…

Zu den Weibern muss ich wahrscheinlich nichts sagen, oder? Ich meine, so angesichts der Tatsache, dass unsere allerhöchste Heilige eine Frau ist („gebenedeit unter den Frauen“), unser Herr nach seiner Auferstehung zuerst Frauen erschien, und auch fast nur Frauen bei Ihm unter dem Kreuz ausgeharrt hatten… (Nebenbei: Ich vermute mal, dass die Anzahl der kanonisierten Heiligen sich relativ geschlechtergerecht aufteilt, aber es war übrigens auch im 19. und frühen 20. Jahrhundert ein Vorwurf der fortschrittlichen Denker gegen die katholische Kirche, dass ja eh bloß Weiber dahin gingen.)

Noch allgemein etwas zu den einfältigen, gemeinen und stumpfsinnigen Menschen? Na ja, da könnte man St. Jean-Marie Vianney, auch bekannt als Pfarrer von Ars, nennen, der während seiner Seminarzeit mit großen Lernschwierigkeiten – besonders in Bezug auf die lateinische Sprache – zu kämpfen hatte, oder auch „ungelehrte und einfache Leute“ (Apg 4,13) wie St. Petrus, den Apostelfürsten und ersten Papst…

Ist der Katholizismus also eine Religion nur für „einfältige, gemeine und stumpfsinnige Menschen, […] Sklaven, Weiber und Kinder“? Nun, ich würde behaupten, sicher nicht „nur“, aber definitiv „auch“!

Okay. Das war nun eine recht ausführliche Darlegung hierzu, aber ich will nun doch auch einmal wieder ernst sein. Der arme Kelsos verdient es ja schließlich, dass man ihm eine ernsthafte Antwort gibt. Das hat damals in der Antike Origenes getan – Kelsos’ Aussagen sind uns übrigens ausschließlich in Zitaten seiner christlichen Gegner wie Origenes überliefert. Daher hier einmal, für alle, die es noch interessiert, das, was Origenes in seinem Werk Contra Celsum dazu sagt (falls jemand jetzt verwirrt ist: Auf Griechisch nennt man ihn Kelsos, latinisiert ist das Celsus, und da die Titel sämtlicher antiker Werke bei uns im vom Mittelalter her lateinisch geprägten Westen im Allgemeinen auf Latein angegeben werden, wird auch Origenes’ ursprünglich auf Griechisch geschriebenes Werk mit dem lateinischen Contra Celsum betitelt):

„Celsus führt dann im folgenden die im Widerspruche zu der Lehre Jesu stehenden Äußerungen von einige wenigen Personen an, die zwar den christlichen Namen tragen, aber nicht zu „den Verständigeren“ wie er meint, sondern zu den Ungebildetsten zu zählen sind. Er sagt, „dass solche Anordnungen von ihnen getroffen würden: Kein Gebildeter komme heran, kein Weiser, kein Verständiger“; denn „solche Eigenschaften würden bei uns für übel angesehen. Sondern wenn einer ungelehrt, wenn einer unvernünftig, wenn einer ungebildet, wenn einer töricht ist, der solle getrost kommen. Indem sie solche Leute von vornherein als würdig ihres Gottes bezeichnen, wollen sie offenbar nur die einfältigen, gemeinen und stumpfsinnigen Menschen, und nur Sklaven, Weiber und Kinder überreden, und vermögen dies auch.“ Darauf gebe ich zur Antwort: Jesus macht die Enthaltsamkeit zur Pflicht, indem er sagt: „Wer ein Weib ansieht mit Begierde nach ihr, hat schon die Ehe mit ihr gebrochen in seinem Herzen“. Wenn man nun von so vielen Christen einige wenige, die für Christen angesehen werden, ein unsittliches Leben führen sähe, dann würde man ihnen mit vollstem Rechte den Vorwurf machen, dass ihr Leben der Lehre Jesu widerspricht, höchst unvernünftig würde man dagegen handeln, wenn man den Vorwurf, den diese verdienen, der Lehre Jesu machen wollte. Ebenso wird man, wenn sich findet, dass die Lehre der Christen so gut wie irgendeine zur Weisheit ermahnt, diejenigen tadeln müssen, die ihre eigene Unwissenheit verteidigen, und zwar nicht solche Dinge vorbringen, wie Celsus sie ihnen zuschreibt – denn wenn einige auch einfältig und unwissend sind, eine solche schamlose Sprache führen sie doch nicht -, sondern weit geringere Dinge, die aber immerhin geeignet sind, die Menschen von der Übung der Weisheit abwendig zu machen.

Dass es aber der Absicht unserer Lehre entspricht, wenn wir nach Weisheit streben, lässt sich aus den alten jüdischen Schriften nachweisen, die bei uns wie bei den Juden in Geltung sind, ebenso sehr aber auch aus jenen Schriften, die nach Jesus verfaßt sind und in den Gemeinden als göttliche anerkannt werden. [Alttestamentliche Stellen werden angeführt]

Unserer Lehre ist so sehr daran gelegen, Weise unter der Zahl ihrer Bekenner zu haben, dass sie, um den Verstand der Zuhörer zu üben, einige ihrer Wahrheiten in Rätseln, andere in den sogenannten dunklen Worten, und wieder andere durch Gleichnisse und andere durch gestellte Aufgaben verkündet. So spricht Hosea, einer der Propheten am Schlusse seiner Reden: „Wer ist weise und wird dieses verstehen? oder verständig und wird es erkennen?“. Daniel und die Männer, die mit ihm in der Gefangenschaft waren, machten auch in den Wissenschaften, denen zu Babylon die Gelehrten am Hofe des Königs oblagen, solche Fortschritte, dass sie sich anerkanntermaßen vor allen diesen „zehnfach“ auszeichneten. Auch bei Ezechiel wird dem Herrscher von Tyros, der auf seine Weisheit stolz war, gesagt: „Bist du weiser als Daniel? Ist dir nicht alles Verborgene gezeigt worden?“

[Weitere Bibelstellen]

Wahrscheinlich haben die Worte des Paulus im ersten Briefe an die Korinther, gerichtet an Griechen, die auf ihre griechische Weisheit sehr stolz waren, einige auf die Meinung gebracht, als ob unser Glaube von gebildeten Personen nichts wissen wollte. Wer solcher Meinung ist, der mag hören, dass der Apostel an jener Stelle niedrig gesinnte Menschen tadelt, die nicht für die geistigen, unsichtbaren und ewigen Dinge „weise“ seien, sondern sich nur mit dem Sinnlichen beschäftigten und darauf allen Wert legten; deshalb nennt er sie „Weise der Welt“. Nun gibt es aber viele Lehrmeinungen; die einen nehmen nur Stoff und Körper an und erklären auch alle die Wesen, denen ein höheres Sein zukommt, für Körper und leugnen, dass es außer diesen Körpern etwas anderes gäbe, mag man es nun „unsichtbar“ nennen oder als „unkörperlich“ bezeichnen. Diese Anschauungen nennt Paulus „Weisheit der Welt“, die zunichte und zur Torheit gemacht wird, und „Weisheit dieser Zeit“. Es gibt aber auch andere Lehrmeinungen, die die Seele von dem Streben nach dem Irdischen abziehen und zur Seligkeit bei Gott und zu seinem Reich erheben; sie wollen, dass der Mensch alles Sinnliche und Sichtbare als vergänglich verachte, aber zu dem Unsichtbaren hineile und das Nichtsinnliche zum Ziele nehme; diese bezeichnet er als „Weisheit Gottes“. In seiner Wahrheitsliebe aber sagt Paulus von einigen griechischen Weltweisen, dass sie da, wo sie der Wahrheit gemäß reden, „Gott erkannt, ihn aber nicht als Gott gepriesen, noch ihm gedankt haben“. Er gibt ihnen das Zeugnis, dass sie „Gott erkannt haben“ und erklärt zugleich, dass ihnen dies ohne göttliche Hilfe nicht möglich gewesen wäre, wenn er sagt: „Denn Gott hat es ihnen offenbart“. Wenn ich nicht irre, redet er hier geheimnisvoll von den Personen, die von den sichtbaren Dingen zu den geistigen emporsteigen, wenn er schreibt; „Das unsichtbare Wesen wird von Erschaffung der Welt her an seinen Werken durch das Denken gesehen, nämlich seine ewige Macht und Göttlichkeit, damit sie ohne Entschuldigung seien, weil sie Gott zwar erkannt, ihn aber nicht als Gott gepriesen, noch ihm gedankt haben“.

Der Apostel schreibt an einer anderen Stelle: „Sehet aber auf eure Berufung, Brüder! Da sind nicht viel Weise nach dem Fleische, nicht viel Mächtige, nicht viel angesehene Leute. Sondern was vor der Welt töricht ist, hat Gott auserwählt, um die Weisen zu beschämen, und das Unedle vor der Welt und das Verachtete hat Gott auserwählt, und das, was nichts ist, um zunichte zu machen, was etwas ist, damit allem Fleische der Ruhm vor ihm benommen sei“. Es ist möglich, dass auch durch diese Worte einige zu der Meinung veranlasst worden sind, dass „kein Gebildeter, kein Weiser, kein Verständiger“ zu unserem Glauben komme. Einer solchen Meinung müssen wir entgegenhalten, dass der Apostel nicht schreibt: „Kein Weiser nach dem Fleische“, sondern: „Nicht viel Weise nach dem Fleische.“ Und wenn Paulus anderswo in der Charakteristik der Bischöfe die Eigenschaften aufzählt, die ein Bischof haben soll, so rechnet er bekanntlich dazu auch die Fähigkeit zur Verwaltung des Lehramtes.

Er sagt nämlich, „der Bischof müsse imstande sein, auch die Widersprechenden zu widerlegen“, damit er durch die Weisheit, die in ihm ist, die hohlen Schwätzer und Seelenverführer zum Schweigen bringe“. Und wie er zum Bischofsamt den nur einmal Verheirateten lieber wählt als denjenigen, der eine zweite Ehe geschlossen hat, und den Mann „ohne Tadel“ dazu für tauglicher hält als den, dessen Wandel nicht tadellos ist, und wie er den „Nüchternen“ dem Unmäßigen, den „Keuschen“ dem Unkeuschen und den „unbescholtenen“ Mann demjenigen vorzieht, an dem ein wenn auch noch so kleiner Makel haftet, so verlangt er, dass der zum bischöflichen Amte besonders Berufene „zum Lehren geschickt und imstande sei, die Widersprechenden zu widerlegen“. Wie kann uns also Celsus mit Recht vorwerfen, dass wir sagten: „Kein Gebildeter komme heran, kein Weiser, kein Verständiger“? Nein, vielmehr soll jeder Gebildete und Weise und Verständige“, der es nur will, zu uns kommen; aber ebensogut soll auch zu uns kommen, „wenn einer ungelehrt und unvernünftig und ungebildet und töricht ist“. Denn unsere Lehre, die alle Menschen zum Dienste Gottes würdig zubereitet, verspricht auch für solche Menschen, wenn sie ihr beitreten, sorgen zu wollen.

Unwahr ist auch die Behauptung, dass die Lehrer des göttlichen Wortes „nur einfältige, gemeine und stumpfsinnige Menschen, und nur Sklaven, Weiber und Kinder überreden wollen“. Es ist wahr, unsere Lehre wendet sich an solche Personen, um sie zu bessern; sie will aber auch die gewinnen, die von diesen sehr verschieden sind. Denn Christus ist „ein Heiland aller Menschen“ und „besonders der gläubigen“, mögen sie nun scharfsinnige Geister oder einfache Leute sein, und er ist „eine Sühne“ „bei dem Vater“ „für unsere Sünden, doch nicht allein für die unsrigen, sondern auch für die ganze Welt“. Es erübrigt sich also für uns auf die folgenden Einwürfe des Celsus zu antworten, die so lauten: „Was ist denn sonst Schlimmes dabei, gebildet zu sein und sich um die besten Lehren zu bemühen und verständig zu sein und auch verständig zu scheinen? Ist dies ein Hindernis für die Gotteserkenntnis? Ist es nicht vielmehr förderlich und von der Art, dass man dadurch eher in den Besitz der Wahrheit gelangen kann?“ Wahrhaft „gebildet zu sein“ ist freilich „nichts Schlimmes“, denn der Weg zur Tugend ist die wissenschaftliche Ausbildung. Freilich werden auch die griechischen Weisen nicht sagen, dass man diejenigen unter die Gebildeten“ rechnen solle, die falschen Lehren anhangen. Wer wollte dagegen bestreiten, dass es gut sei „sich um die besten Lehren zu bemühen“? Doch welche „Lehren“ werden wir als „die besten“ bezeichnen?, welche anders als die wahren, die uns zur Tugend ermuntern? „Verständig sein“ ist gleichfalls eine gute Sache, aber nicht, es zu „scheinen“, was ja Celsus sagt. „Gebildet zu sein und sich um die besten Lehren zu bemühen und verständig zu sein“, das sind Dinge, durch welche die Erkenntnis Gottes“ nicht „gehindert“, sondern im Gegenteil gefördert wird. Und zu dieser Behauptung sind wir mehr berechtigt als Celsus, besonders wenn es sich herausstellt, dass er ein Epikureer ist.“ (Origenes, Contra Celsum, 3,44-49)

Origenes geht übrigens bereits im ersten Buch seiner Widerlegung schon einmal auf Kelsos’ philosophische Überheblichkeit ein:

„Wir antworten darauf: Wenn es möglich wäre, dass alle Menschen sich von den Geschäften des Lebens freimachen und ihre ganze Zeit auf das Studium der Philosophie verwendeten, so dürften sie keinen anderen Weg einschlagen als diesen allein. Denn im Christentum wird sich, damit ich mich nicht zu derb ausdrücke, keine geringere Prüfung der Glaubenslehren, keine geringere Auslegung der dunklen Stellen in den Propheten und der Gleichnisse in den Evangelien und von tausend anderen symbolischen Tatsachen oder gesetzlichen Anordnungen finden lassen als anderswo. Wenn aber dies nicht möglich ist, wenn wegen der Sorgen und Mühen, die das Leben mit sich bringt, und wegen mangelnder geistiger Begabung sich nur wenige der Wissenschaft widmen, welcher andere Weg, um der großen Menge zu helfen, dürfte wohl gefunden werden, der besser wäre, als der Weg, den Jesus den Völkern überliefert hat? Wir fragen hinsichtlich der Menge der Gläubigen, die sich von der großen Flut des Lasters, in der sie früher sich wälzten, frei gemacht haben, ob es für sie besser ist, dass sie, ohne die Vernunft zu befragen, geglaubt und ihr sittliches Leben in Ordnung gebracht, und wegen ihres Glaubens, dass die Sünden bestraft, die guten Werke aber belohnt werden, geistlichen Nutzen erfahren haben, oder dass ihre mit einfachem Glauben verbundene sittliche Besserung nicht eher anerkannt wird, als bis sie die Glaubenslehren gründlich geprüft hätten? Offenbar nämlich würde diese Prüfung der Gesamtheit mit ganz wenigen Ausnahmen nicht einmal das gewähren, was der einfache Glaube verleiht; die Mehrzahl würde ihr lasterhaftes Leben fortsetzen. Wenn es nun irgendeinen anderen Beweis dafür gibt, dass „die Menschenliebe“ des Wortes nach Gottes Absicht in das Leben der Menschen eingetreten ist, so muss man auch diesen Beweis mit dazu rechnen.“ (Origenes, Contra Celsum, 1,9)

Kurz gesagt: Gott ist nicht nur für brillante Philosophen da.

Ich habe noch nicht viel von den Kirchenvätern gelesen, aber ich finde es ziemlich spannend, damit anzufangen. Vieles von dem, was Origenes im Allgemeinen schreibt, kann man nämlich heute noch ganz genauso in Debatten mit Atheisten gebrauchen – er schreibt über das Naturrecht, das Zeugnis der Apostel und ziemlich viele andere Dinge noch. Wirklich interessant. Interessant ist auch, dass Kelsos es an einigen Stellen genau so zu machen scheint wie zahlreiche moderne Kritiker des Christentums – sprich, er reimt sich aus einzelnen Stellen der Evangelien seine eigene Version der Geschichte von Jesus von Nazareth zusammen, und ignoriert dann alles, was da nicht hinein passt. Ich bin noch nicht mit Contra Celsum fertig und habe manche Stellen eher überflogen, aber es ist wirklich interessant. (Es findet sich übrigens hier:  http://www.unifr.ch/bkv/buch46-82.htm) Irgendwie kommen mir unsere Zeit und die Antike immer ähnlicher vor, je mehr ich über letztere erfahre. Okay, ein paar Unterschiede gibt es, so etwa, um bei diesem Beispiel hier zu bleiben, hält Kelsos die Wunder, die durch Jesus und auch noch die späteren Christen geschahen, nicht für unmöglich, sondern für Beispiele von Zauberei, die man erlernen könnte. Aber insgesamt gibt es auch viele Gemeinsamkeiten, habe ich so allgemein den Eindruck. Ermutigend, oder? Schließlich setzte sich in der Antike die Überzeugungskraft des Christentums am Ende durch.

Eins vielleicht noch: Als ich diesen Text beendete, musste ich auf einmal an Björn Odendahls Kritik an der afrikanischen Kirche auf katholisch.de denken, die vor ein paar Monaten bekanntlich für so heftige Empörung im katholischen Teil des Internets gesorgt hat. Der Tenor von dessen Artikel war ja: Die Afrikaner sind bloß gläubig, weil sie so blöd sind; die Kirche in Afrika wachse, weil „der Bildungsstand durchschnittlich auf einem niedrigeren Niveau ist und die Menschen einfache Antworten auf schwierige (Glaubens)fragen akzeptieren“, wie sie zum Beispiel Kardinal Sarah aus Guinea gebe und so weiter – also, kurz gesagt, wenn sie treu katholisch sind, dann bloß, weil sie zu ungebildet dafür sind, den katholischen Glauben abzulehnen. So eine Behauptung hätte einem Kelsos doch alle Ehre gemacht.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s