Franz von Sales über Sanftmut gegen sich selbst

Heute mal ein Auszug aus Franz von Sales’ „Einführung in das fromme Leben“, auch unter dem Titel „Philothea“ bekannt:

 

Die Sanftmut können wir gut an uns selbst üben, indem wir über uns oder unsere Fehler niemals in Zorn geraten. Gewiss verlangt die Vernunft, dass uns die Fehler missfallen und leid tun, aber dieses Missfallen darf nicht bitter, ärgerlich und zornig sein. Darin fehlen viele, die nach einem Zornausbruch in Zorn geraten, weil sie zornig waren; sie ärgern sich über ihren Ärger und dadurch sind sie die Ursache, dass ihr Herz immer von Zorn wie durchtränkt ist. Wenn es auch scheint, als ob der zweite Zorn den ersten aus der Welt schaffen sollte, in Wirklichkeit bahnt er doch schon einen neuen Zornausbruch für die nächste Gelegenheit an. Übrigens laufen dieser Zorn und Ärger, diese Erbitterung über sich selbst auf den Stolz hinaus, ihre Wurzel ist die Eigenliebe, die sich aufregt und in Unruhe gerät, weil sie uns noch unvollkommen findet.

Die gewiss notwendige Abscheu vor unseren Fehlern muss also ruhig, ernst und fest sein. Das Strafurteil des Richters über den Verbrecher ist wirkungsvoller, wenn der Richter sein Urteil ruhig und mit Vernunftgründen fällt, als wenn er es heftig und leidenschaftlich tut. Denn urteilt er leidenschaftlich, dann bestraft er die Fehler nicht nach der Schwere des Vergehens, sondern nach der Stärke seiner Leidenschaft. So strafen wir uns selbst auch wirksamer durch eine ruhige und beharrliche Reue als durch eine verbitterte, aufgeregte und zornige. Für eine heftige und ungestüme Reue ist der Maßstab nicht die Größe der Sünde, sondern die Heftigkeit unserer Neigungen. Wer z. B. die Keuschheit liebt, wird über den geringsten Fehler gegen diese Tugend mit beispielloser Bitterkeit aufgebracht sein, über eine schwere Verleumdung dagegen, die er begangen hat, nur lachen. Ein anderer wieder hasst die üble Nachrede und wird sich wegen einer geringfügigen Nörgelei abquälen, eine schwere Sünde gegen die Keuschheit aber nicht einmal beachten, usw. Das alles kommt davon, dass das Gewissen nicht nach der Vernunft, sondern aus Leidenschaft urteilt.

Glaube mir, ruhige und herzliche Ermahnungen des Vaters vermögen ein Kind viel eher zu bessern als Zorn und Wutausbrüche. So ist es auch bei uns. Haben wir einen Fehler begangen, dann mahnen wir unser Herz ruhig und liebevoll, mehr aus Mitleid als in leidenschaftlichem Unwillen; reden wir ihm zu, sich zu bessern, dann wird die Reue viel tiefer ins Herz eindringen und es nachhaltiger beeinflussen als eine verärgerte, zornige und stürmische Reue. Wäre mir z. B. viel daran gelegen, ja nicht durch Eitelkeit zu sündigen, und ich beginge trotzdem einen schweren Fehler dagegen, so würde ich mein Herz nicht etwa so tadeln: „Was bist du doch abscheulich und erbärmlich, dass du dich nach vielen Vorsätzen wieder der Eitelkeit ergeben hast! Stirb vor Scham! Erhebe mir nie mehr die Augen zum Himmel, du blindes, schamloses, verräterisches, gegen deinen Gott treuloses Herz …“ Ich würde ihm vielmehr vernünftig und voll Mitleid zureden: „Mein armes Herz, jetzt bist du wieder in die Grube gefallen, die wir zu meiden so entschlossen waren. Lass uns wieder aufstehen und ein für allemal der Eitelkeit entsagen! Rufen wir die Barmherzigkeit Gottes an, vertrauen wir auf sie; sie wird uns helfen, in Zukunft tapferer zu sein. Kehren wir wieder auf den Weg der Demut zurück. Mut! Seien wir von jetzt an recht auf der Hut; mit Gottes Hilfe wird es gehen.“ Auf dieser Selbstermahnung würde ich dann einen festen, kräftigen Entschluss aufbauen, nicht mehr in den Fehler zu fallen und alle Mittel dagegen anzuwenden, besonders den Rat meines Seelenführers.

Wer aber findet, dass durch diese milde Zurechtweisung sein Herz nicht genug erschüttert wird, der mag es auch ernst und schwer tadeln, um sich zu einer tiefen Herzenszerknirschung anzuregen. Nachdem er aber gegen sich gezürnt und sich abgekanzelt hat, soll er seine Reue durch einen friedlichen Akt heiligen Vertrauens auf Gott beschließen nach dem Vorbild des großen Büßers, der seiner betrübten Seele wieder Mut macht mit dem Gebet: „Warum bist du so traurig, meine Seele, warum erregt? Hoffe auf Gott, denn ich werde ihn preisen als meines Antlitzes Heil und meinen wahren Gott“ (Ps 43,5).

Erhebe also dein Herz ganz sanft, wenn es gefallen ist, und demütige dich tief vor Gott in der Erkenntnis deines Elends, ohne jemals über deinen Fall erstaunt zu sein. Es ist ja kein Wunder, wenn die Schwäche schwach, die Kraftlosigkeit kraftlos, das Elend armselig ist. Verabscheue aber trotzdem von ganzem Herzen die Beleidigung, die du Gott zugefügt hast, und kehre mit großem Mut und Vertrauen auf seine Barmherzigkeit zurück auf den Weg der Tugend, von dem du abgewichen bist.

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Die Unauflöslichkeit der Familie

Die Unauflöslichkeit der Ehe ist wahrscheinlich eine der unbeliebtesten Lehren der Kirche, wenn nicht die unbeliebteste. Wenn es einen Beweis für den Schutz des Heiligen Geistes über der katholischen Kirche gibt, dann wohl die Tatsache, dass sie als einzige christliche Gemeinschaft auf dieser Welt an der absoluten Unauflöslichkeit einer sakramentalen und vollzogenen Ehe festhält. Selbst die sonst so vergleichsweise rechtgläubigen Ostkirchen, deren größtes Problem einfach die Abspaltung vom Papst ist, haben diese Lehre aufgegeben und erlauben in manchen Fällen eine Scheidung und eine zweite Ehe. Während viele konservative protestantische Kirchen zum Thema „Kein Sex vor der Ehe“ und ähnlichen Dingen klar Position beziehen, ist mir keine bekannt, die grundsätzlich in jedem Fall gegen Scheidung und Wiederheirat wäre.

Dieser Befund ist eigentlich seltsam angesichts der Tatsache, dass die Lehre von der Unauflöslichkeit der Ehe wahrscheinlich auch die Lehre ist, die am allerdeutlichsten von so ziemlich allen christlichen Lehren aus der Bibel hervorgeht. Ich meine, Aussagen über die Dreifaltigkeit etwa sind da noch wesentlich unklarer und für Missverständnisse offener. Über die Ehe gibt es dagegen folgende Stellen bei Jesus selbst:

„Da kamen Pharisäer zu ihm und fragten: Darf ein Mann seine Frau aus der Ehe entlassen? Damit wollten sie ihm eine Falle stellen. Er antwortete ihnen: Was hat euch Mose vorgeschrieben? Sie sagten: Mose hat erlaubt, eine Scheidungsurkunde auszustellen und (die Frau) aus der Ehe zu entlassen. Jesus entgegnete ihnen: Nur weil ihr so hartherzig seid, hat er euch dieses Gebot gegeben. Am Anfang der Schöpfung aber hat Gott sie als Mann und Frau geschaffen. Darum wird der Mann Vater und Mutter verlassen, und die zwei werden ein Fleisch sein. Sie sind also nicht mehr zwei, sondern eins. Was aber Gott verbunden hat, das darf der Mensch nicht trennen. Zu Hause befragten ihn die Jünger noch einmal darüber. Er antwortete ihnen: Wer seine Frau aus der Ehe entlässt und eine andere heiratet, begeht ihr gegenüber Ehebruch. Auch eine Frau begeht Ehebruch, wenn sie ihren Mann aus der Ehe entlässt und einen anderen heiratet.“ (Mk 10,2-12)

 

„Wer seine Frau aus der Ehe entlässt und eine andere heiratet, begeht Ehebruch; auch wer eine Frau heiratet, die von ihrem Mann aus der Ehe entlassen worden ist, begeht Ehebruch.“ (Lk 16,18)

 

„Ferner ist gesagt worden: Wer seine Frau aus der Ehe entlässt, muss ihr eine Scheidungsurkunde geben. Ich aber sage euch: Wer seine Frau entlässt, obwohl kein Fall von Unzucht vorliegt, liefert sie dem Ehebruch aus; und wer eine Frau heiratet, die aus der Ehe entlassen worden ist, begeht Ehebruch.“ (Mt 5,31f., aus der Bergpredigt)

 

„Da kamen Pharisäer zu ihm, die ihm eine Falle stellen wollten, und fragten: Darf man seine Frau aus jedem beliebigen Grund aus der Ehe entlassen? Er antwortete: Habt ihr nicht gelesen, dass der Schöpfer die Menschen am Anfang als Mann und Frau geschaffen hat und dass er gesagt hat: Darum wird der Mann Vater und Mutter verlassen und sich an seine Frau binden und die zwei werden ein Fleisch sein? Sie sind also nicht mehr zwei, sondern eins. Was aber Gott verbunden hat, das darf der Mensch nicht trennen. Da sagten sie zu ihm: Wozu hat dann Mose vorgeschrieben, dass man (der Frau) eine Scheidungsurkunde geben muss, wenn man sich trennen will? Er antwortete: Nur weil ihr so hartherzig seid, hat Mose euch erlaubt, eure Frauen aus der Ehe zu entlassen. Am Anfang war das nicht so. Ich sage euch: Wer seine Frau entlässt, obwohl kein Fall von Unzucht vorliegt, und eine andere heiratet, der begeht Ehebruch.“ (Mt 19,3-9)

(Zum Thema „obwohl kein Fall von Unzucht vorliegt“ verlinke ich der Vollständigkeit halber einfach mal einen schönen Artikel von Joe Heschmeyer: http://shamelesspopery.com/divorce-and-remarriage-in-the-case-of-adultery-what-does-the-bible-really-say/ Hier ist nämlich nicht von einer Ausnahme im Fall von untreuen Ehepartnern die Rede! – Wie aus den anderen Stellen sowieso klar werden sollte.)

…und dann noch diese Stelle bei Paulus:

„Den Verheirateten gebiete nicht ich, sondern der Herr: Die Frau soll sich vom Mann nicht trennen – wenn sie sich aber trennt, so bleibe sie unverheiratet oder versöhne sich wieder mit dem Mann – und der Mann darf die Frau nicht verstoßen.“ (1 Kor 7,10f.)

…und selbst im Alten Testament heißt es bereits:

„(13) Außerdem bedeckt ihr den Altar des Herrn mit Tränen, ihr weint und klagt, weil er sich eurem Opfer nicht mehr zuwendet und es nicht mehr gnädig annimmt aus eurer Hand. (14) Und wenn ihr fragt: Warum?: Weil der Herr Zeuge war zwischen dir und der Frau deiner Jugend, an der du treulos handelst, obwohl sie deine Gefährtin ist, die Frau, mit der du einen Bund geschlossen hast. (15) Hat er nicht eine Einheit geschaffen, ein lebendiges Wesen? Was ist das Ziel dieser Einheit? Nachkommen von Gott. Nehmt euch also um eures Lebens willen in Acht! Handle nicht treulos an der Frau deiner Jugend! (16) Wenn einer seine Frau aus Abneigung verstößt, [spricht der Herr, Israels Gott,] dann befleckt er sich mit einer Gewalttat, spricht der Herr der Heere. Nehmt euch also um eures Lebens willen in Acht und handelt nicht treulos! (17) Ihr ermüdet den Herrn mit euren Reden und ihr fragt: Wodurch ermüden wir ihn? Dadurch, dass ihr sagt: Jeder, der Böses tut, ist gut in den Augen des Herrn, an solchen Leuten hat er Gefallen. Oder auch: Wo ist denn Gott, der Gericht hält?“ (Mal 2,13-17)

(Bei dieser Stelle aus dem prophetischen Buch Maleachi, dem letzten Buch des AT, gibt es in den hebräischen Manuskripten und der griechischen Septuaginta unterschiedliche Varianten; im griechischen Text heißt es in Vers 15 statt des oben angegebenen hebräischen Textes, der übrigens wohl für die heutigen Übersetzer schwer verständlich ist: „Ihr aber sagt: Was anderes als Nachkommen sucht Gott?“ In der hebräischen Überlieferung wird also eins der grundlegenden – um mit dem kirchenrechtlichen Fachausdruck zu sprechen – „Eheziele“ erklärt: In der Ehe geht es (auch) um Kinder. Was ja hier als ein sehr guter Grund gegen Ehescheidung angeführt werden kann: Sie reißt Familien auseinander und schadet den Kindern. In der Septuaginta wird dagegen ausdrücklich hervorgehoben, dass auch Unfruchtbarkeit kein akzeptabler Grund für Ehescheidung ist, auch wenn die Israeliten das meinen. Welcher Text der Urtext ist, weiß ich nicht – normalerweise würde man den hebräischen annehmen, allerdings haben wir von der Septuaginta, der griechischen Übersetzung des ursprünglichen hebräischen Textes, schon antike Manuskripte, während das früheste hebräische Manuskript des gesamten AT aus dem Jahr 1008 n. Chr. stammt; von einzelnen Büchern wie Jesaja gibt es, dank Qumran etc., zwar auch schon sehr viel ältere Handschriften, die ziemlich genau mit den mittelalterlichen übereinstimmen, wobei es auch in der Antike schon leicht voneinander abweichende Varianten gegeben haben muss, aber von Maleachi gibt es, soweit ich weiß, kein antikes hebräisches Manuskript; also kurz gesagt: Ich nehme an, dass die Frage unter Exegeten nicht geklärt ist. Ist aber ja eigentlich auch egal, da beide Stellen wunderbar sind und die eigentliche Aussage nicht tangieren.)

Angesichts dieser Fülle von Belegstellen ist es doch relativ seltsam, dass Leute, die „sola scriptura“ und „solus Christus“ proklamieren, sich mit der Unauflöslichkeit der Ehe gleichzeitig so schwer tun.

Ich will die Frage nach der Unauflöslichkeit der Ehe einmal von einem anderen Blickwinkel aus angehen. Ich habe einmal eine Vorlesung über die Geschichte des Mittelalters gehört; in einer der ersten Sitzungen sprach der Dozent ein wenig über ein paar soziologische Grundlagen des Frühmittelalters. Er ging dabei auf unterschiedliche Formen von Familienstrukturen ein, die es in verschiedenen Gesellschaften gibt. In jeder Gesellschaft wird eine Verwandtschaftsbeziehung als zentraler Ankerpunkt der Familie gesehen; das kann zum Beispiel die Vater-Sohn-Beziehung sein, oder, wenn ich mich recht erinnere, auch die Beziehung zwischen Brüdern. Es wird vielleicht manche – wie mich damals – ein wenig überraschen, dass dieser Historiker dann konstatierte, die damals entstehende christliche Gesellschaft des Mittelalters unterscheide sich von anderen Gesellschaftsformen dadurch, dass sie die Ehe in den Mittelpunkt stelle.

Das sieht man ganz klar in der Praxis, wenn man einmal zum Vergleich auf die heidnische römische Antike schaut. (Ich habe mich mal zufällig im Rahmen eines anderen Seminars damit beschäftigt.) Da war mehr oder weniger klar: Eine Frau gehört noch immer zu ihrer ursprünglichen Familie, auch wenn sie verheiratet ist. Nach einer Scheidung oder dem Tod ihres Mannes kehrt sie zu ihrer eigenen Familie zurück, die dann wieder für sie verantwortlich ist. (Gegebenenfalls lebt sie auch für sich.) Wenn ihr Mann stirbt, dann erbt sie entweder gar nichts oder kaum etwas von ihm; sein Besitz geht teilweise an die Kinder und teilweise an seine Brüder, deren Kinder etc. Die Vormundschaft über ihre Kinder erhält in diesem Fall auch nicht sie, sondern die muss irgendein Verwandter oder Freund des Vaters – klassischerweise wohl der Onkel oder Großvater – übernehmen. (Das war die rechtliche Lage. Das hieß nicht, dass Witwen nicht mehr in den meisten Fällen mit ihren Kindern zusammenlebten. Sie hatten nur nicht die rechtliche Vormundschaft, die Erziehungsberechtigung und vor allem die Vermögensverwaltung, für sie inne.) Die Ehe war eine Verbindung, die man mit einer außenstehenden Person einging und die durch Scheidung (oder natürlich Tod) wieder gelöst wurde. Beide Partner gehörten dabei immer noch irgendwie ihren ursprünglichen Familien an. Sie bildeten keine grundsätzlich neue Familie, sondern die Frau unterstand eben, solange die Ehe andauerte, ihrem Mann oder Schwiegervater als dem pater familias, es war eine Art Erweiterung der schon bestehenden Familie, die eher vorübergehenden Charakter haben konnte. „Darum verlässt der Mann Vater und Mutter und bindet sich an seine Frau und sie werden ein Fleisch“ – diese Denkweise ist einer solchen Gesellschaft tendenziell eher fremd. Die Römer dachten wohl, trotz der doch noch ein wenig größeren Stabilität ihrer Ehen, ähnlich wie das heutige Hollywood: Ehepartner kommen und gehen. Dafür blieb für sie der zentrale Ankerpunkt die patrilineale leibliche Familie. Man darf das nicht überbewerten; natürlich bildeten ein Paar und seine Kinder irgendwie eine eigene Familie; die Ehe war die Beziehung, die für das Kriegen und Erziehen von Kindern sorgte, und war daher logischerweise in allen Gesellschaften wichtig und zentral, aber trotzdem eben nicht immer so zentral wie in christlichen Gesellschaften.

Das christliche Modell ist dagegen ganz klar: Ehe begründet Familie. Das soll nicht heißen, dass Abstammung und Blutsverwandtschaft im Vergleich nicht mehr zählen, aber der Fokus verschob sich.

Man kann es sich beispielhaft wieder anhand von ganz banalen rechtlichen Änderungen ansehen, die nach und nach kamen, als das Römische Reich christlich wurde. Nun kam es immer häufiger vor, dass auch Mütter, Großmütter, Tanten und Verwandte mütterlicherseits die Vormundschaft über (Halb)Waisen übernahmen. Ab dem Jahr 390 konnten Witwen rechtlich die Vormundschaft übernehmen; ab dem Jahr 543 waren Mütter und Großmütter dafür sogar erste Wahl. (Allerdings mussten sie dann, wenn sie die Vormundschaft übernehmen wollten, versprechen, nicht mehr zu heiraten. In der Antike wurde es als eine gewisse Gefahr gesehen, dass Stiefväter den Besitz ihrer Stiefkinder veruntreuten; die römische Vormundschaftsregelung zielte hauptsächlich darauf, die Verwaltung des Erbes von vermögenden Waisen, nicht die bloße Unterbringung mittelloser Kinder, zu regeln.) Nun wurde Witwen erstmals auch zumindest ein gewisser Teil des Erbes ihres Mannes zugesprochen. Irgendwann war es dann schließlich so, dass, wenn ein Mann starb, seine Witwe ihn ganz automatisch als Familienoberhaupt ablöste, wie wir das heute auch gewohnt sind. Gut, diese konkreten Änderungen betreffen jetzt hauptsächlich das Oströmische Reich, mit der genauen Entwicklung im Westen kenne ich mich nicht so gut aus, aber sehen wir mal die Situation an, wie sie heutzutage bei uns ist: Wir nehmen es heute als ganz selbstverständlich, dass, wenn ein älterer Herr mit einem Schlaganfall ins Krankenhaus eingeliefert wird, seine Frau als „nächste Angehörige“ zuallererst verständigt wird, dass sie gegebenenfalls medizinische Entscheidungen über seine Behandlung trifft, und dass sie, wenn er sterben sollte, die Haupterbin ist. In einer anders gearteten Gesellschaft hätte aber der Sohn des Mannes diese Rolle übernommen. Ebenso selbstverständlich ist es für uns, dass eine Witwe rechtlich zuständig ist für ihre minderjährigen Kinder, und nicht erst irgendein Bruder ihres Mannes sich zu dieser Aufgabe bereit erklären muss. Aber das kam durch den jüdisch-christlichen Einfluss.

Den Einfluss dieser christlichen Idee sieht man auch bei den Ehehindernissen im mittelalterlichen Kirchenrecht. Damals war die Kirche mit ihren Verboten bezüglich Verwandtenehen im Allgemeinen noch um einiges strenger als heute, und sie dehnte diese Verbote auch auf angeheiratete Verwandte aus: Eine Frau durfte also nicht nach dem Tod ihres Mannes einfach dessen Bruder heiraten, zumindest nicht ohne kirchlichen Dispens. (Nach dem heutigen Codex des Kanonischen Rechts ist nur noch Schwägerschaft in der geraden Linie ein Ehehindernis. D. h. ein Mann dürfte nach dem Tod seiner Frau seine Schwägerin heiraten, aber nicht seine Schwiegermutter oder Schwiegertochter. Im früheren Kirchenrecht war es übrigens auch so, dass sogar durch Taufpatenschaft eine ehehindernisrelevante „geistliche Verwandtschaft“ entstand, eine Frau also z. B. nicht einmal einfach so den Sohn ihres Taufpaten heiraten durfte, weil er als etwas Ähnliches galt wie heutzutage ihr Adoptivbruder. Dispens konnte man natürlich immer beantragen, aber als ideal galten solche Beziehungen nicht.) Das christliche Modell sagt, kurz gesagt, dass auch die Beziehung zu einer nicht blutsverwandten Person durch freiwillig eingegangene Verpflichtungen eine Treuebindung nach sich ziehen kann, die der Treuebindung zu Blutsverwandten ebenbürtig ist.

Okay, das war jetzt ein etwas längerer soziologischer und kirchenrechtlicher Exkurs, aber ich finde, es ist wichtig, diese Grundstrukturen wirklich zu erfassen. Der Unterschied zwischen dem christlichen und dem prä- und vor allem dem post-christlichen Bild der Ehe ist ganz einfach, ob die Ehe eine eigene, neue Familie begründet, oder ob sie ein jederzeit wieder auflösbarer Vertrag mit einer außenstehenden Person ist, die kommt und wieder geht und dann ersetzt werden kann.

Familie ist nämlich etwas, das immer bleibt. Meine Eltern werden immer meine Eltern und meine Geschwister immer meine Geschwister und meine Kinder immer meine Kinder sein. Es kann sein, dass ich aus Gründen mal keinen Kontakt mehr zu ihnen pflegen kann; zum Beispiel, weil sie selber keinen Kontakt zu mir haben wollen. Ebenso kann es sein, dass man vom Ehepartner verlassen wird, oder auch, dass man ihn verlassen muss, weil er gewalttätig ist o. Ä. Aber auch wenn meine Schwester nichts mehr mit mir zu tun haben will, ist sie immer noch meine Schwester, und daran wird sich nie etwas ändern. Ebenso wenig wird eine Ehe dadurch nichtig, dass man sich trennt oder staatlich scheiden lässt. Und dieses Bewusstsein fehlt mittlerweile in der überwältigenden Mehrheit unserer Gesellschaft.

Wenn ich einmal einem anderen Menschen gegenüber das Eheversprechen abgelegt habe, dann habe ich mich damit an ihn gebunden, unwiderruflich, bis dass der Tod uns scheidet. Ab diesem Moment ist man Familie.

Bei Eltern, Geschwistern oder Großeltern ist es manchmal sogar noch etwas schwieriger, zu definieren, was Menschen dazu, also zu einem Teil der Familie, macht – was ist mit Adoptiveltern? Sind das meine Eltern? Es ist dagegen sehr leicht zu bestimmen, was Eheleute zu Eheleuten macht. Eine Ehe entsteht nämlich, anders als die Beziehung zur übrigen Familie, durch die freie Zustimmung, den Ehekonsens. (Zwangsehen sind per definitionem ungültig.) Es gibt einen weiteren Unterschied: Die Ehe ist exklusiver als andere Beziehungen, und ihre Regeln sind klarer bestimmt. Wenn ich herausfinde, dass ich adoptiert bin und meine leiblichen Eltern kennenlerne, kann ich sie lieben und gleichzeitig auch noch meine Adoptiveltern – bei einer Ehe dagegen kann es nur einen geben. Ebenso folgen zwar gewisse Pflichten aus der Geschwister- oder der Eltern-Kind-Beziehung, vor allem aus letzterer (man kümmert sich zum Beispiel umeinander, wenn der jeweils andere sich, etwa aufgrund seines noch sehr geringen oder bereits sehr hohen Alters, nicht mehr um sich selbst kümmern kann, usw.), aber es ist weniger klar bestimmt. Bei Ehepaaren ist alles viel klarer: Man lebt zusammen (wenn irgend möglich; natürlich kann es mal sein, dass man vorübergehend getrennt ist, wenn etwa ein Partner einige Monate lang anderswo arbeiten muss, aber das sollte weder der Regelfall noch ein Dauerzustand sein), man schläft miteinander (und zwar nur miteinander), man ist offen für Kinder, und wenn man welche bekommt, zieht man sie groß. Eine Geschwister-Beziehung zum Beispiel ist dagegen viel offener und weniger exklusiv; vielleicht sieht man sich irgendwann bloß noch alle paar Monate oder noch seltener. Und niemand verbietet einem, ähnlich geartete Beziehungen wie zu seinen Geschwistern zu Freunden zu pflegen. (Aber trotzdem ist diese Beziehung unauflöslich. Meine Geschwister werden immer meine Geschwister sein.)

Ehe begründet Familie, und Familie bedeutet die Verpflichtung zu Liebe und Treue. Dass das so ist, kann jedes Kind sehen, das in einer funktionierenden Ehe aufwächst. Mama und Papa sind natürlich eine Familie; sie gehören ebenso zueinander wie zu einem selber. Als ich klein war, war Scheidung in meiner Vorstellungswelt etwas in gewisser Weise Undenkbares, jedenfalls in Bezug auf meine Eltern – etwas Dunkles in der Welt da draußen, das es bei Fremden gibt, etwas, von dem man traurigerweise bei Eltern von Klassenkameraden hört, das es aber bei uns nicht geben kann. Ich bin sehr froh darum. Meine Eltern haben inzwischen ihre Silberhochzeit hinter sich und sind noch immer eine Familie.

Wenn Mama und Papa sich scheiden lassen, Papa auszieht und man ihn nur noch am Wochenende sieht, und dann auf einmal in seiner neuen Wohnung, wenn man freitags dort hin kommt, auch Sabine wohnt, und Mama dann, wenn man ab Sonntagabend wieder bei ihr ist, auf einmal auch noch Heiner mit nach Hause bringt – das ist etwas Widernatürliches. Etwas zutiefst Widernatürliches. Wenn ein Kind das als Normalität akzeptieren muss, die eben so ist, dann ist das eine Täuschung und ein Unrecht ihm gegenüber; einhergehend oft genug mit Selbsttäuschung durch das Kind, das von Mama und Papa nicht schlecht denken will, und sich deshalb einredet, dass Scheidung ja gar nicht so schlimm sei. Das ist so. Der Versuch, eine Ehe anders als durch den Tod zu beenden, ist die Zerstörung einer Familie – und zwar auch dann, wenn keine Kinder da sind. Und deshalb hält die katholische Kirche an der Unauflöslichkeit der Ehe fest.

Und ja, ich weiß, das ist nicht immer einfach. (Wie richtiges Handeln allgemein nicht immer einfach ist! Was nicht heißt, dass es gar nicht machbar oder nicht verpflichtend ist.) Es ist wahrscheinlich vor allem dann nicht immer einfach, wenn man vielleicht schon seit Jahren geschieden ist und in einer neuen Beziehung lebt, aus der auch Kinder hervorgegangen sind, und dann wieder zum Glauben zurückfinden will. Es ist alles nicht einfach. Daher versucht die Kirche ja auch, wenn es geht, Möglichkeiten zu finden – z. B. über Annullierungen. Wenn aber die erste Ehe gültig ist, ist sie gültig. Und dann ist der Mensch, mit dem man dann zusammenlebt, kein Ehepartner.

Scheidung und Ehebruch sind meiner Ansicht nach viel schlimmer als voreheliches Zusammenleben oder Homoehe oder solche Dinge. Ja, diese Dinge sind auch nicht gut, aber sie sind nicht so schlimm wie Untreue gegenüber einem Menschen, dem man aus freien Stücken lebenslange Treue geschworen hat. Der Versuch, eine Ehe aufzulösen, ist das Auseinanderreißen einer Familie. Und weil sie das nicht versteht, versteht die Welt die katholische Kirche nicht.

Die allumfassende Kirche, Teil 7 – Die Unvollständigkeiten der Ketzer

[Ach ja: Für diese Reihe sind nach diesem noch ca. drei Beiträge geplant, und dann werde ich endlich mal mit meiner schon lange geplanten Reihe über die „schwierigen“ Bibelstellen beginnen. Irgendwie gibt diese Reihe hier mehr her, als ich mir vorgenommen hatte. Ich warne die Leser vor: Die Bibel-Reihe wird dem Anschein nach wahrscheinlich noch länger werden…]

 

Bei den allermeisten Ketzern der Geschichte ist das Problem nicht das, was sie positiv lehren, sondern das, was sie ablehnen; das Problem ist, dass sie sich aus dem katholischen (=allumfassenden) Glauben einzelnes herauspicken und anderes liegen lassen. Schon das griechische Wort für Ketzerei, Häresie, heißt nichts anderes als „Wahl“, „Auswahl“. Sie behandelten bzw. behandeln den Glauben wie ein Büffet, aus dem man sich nimmt, was man mag, und liegen lässt, was einem nicht so zusagt. In Wahrheit ist er jedoch ein Mosaik, das durch das Fehlen jedes einzelnen Steines kaputt gemacht wird. Und ein weiteres Problem ist: wenn ein Stein fehlt, fallen auch bald andere heraus, oft auch solche, die man eigentlich behalten wollte.

Als Beispiel wollen wir zuerst einmal die Ketzerei ansehen, deren 500-jähriges Jubiläum zu feiern ich mich weigere. Luther sprach immer von „allein die Gnade“ und „allein der Glaube“. Die katholische Antwort darauf war nicht: Quatsch, bloß die guten Werke zählen! Sondern: Sicher, ohne Gnade und Glaube geht gar nichts, aber die guten Werke zählen auch. Die Ansicht, dass nur die Werke zählten, hatte die Kirche nämlich schon im 5. Jahrhundert verworfen – man nennt sie Pelagianismus (nach dem Mönch Pelagius, der sie propagierte). Die Protestanten sagen: „sola“ – allein. Die Katholiken sagen: „et – et“ – sowohl als auch. Das gilt in Bezug auf mehrere Dinge: Allein die Schrift – Sowohl die Schrift als auch die Tradition. Allein Christus – Sowohl Christus als auch die Heiligen als auch die sichtbare Kirche.

Leider führt die alleinige Betonung einer bestimmten Sache nicht immer dazu, dass selbst sie besonders in Ehren gehalten wird. Luther pickte sich aus dem katholischen Glauben das heraus, was ihm passte; die Kirche hatte die Bibel zusammengestellt und die Jahrhunderte hindurch bewahrt und ihm überliefert und er entschied nun: Die Bibel allein zählt, die Kirche nicht! Aber dann traf seine Häresie, seine Auswahl, selbst die Bibel, die er vorher so herausgestellt hatte: Aus dem Alten Testament schmiss er die sieben deuterokanonischen Bücher und den Jakobusbrief schimpfte er eine „Strohepistel“. Ein anderes Beispiel: Die Kirche hält die Ehe in großen Ehren – sie ist eins der sieben Sakramente, unauflöslich, Ehe und Familie gelten als Kirche im Kleinen und Kern einer jeden Gesellschaft. Gleichzeitig sagt sie aber auch, dass der Verzicht auf die Ehe, der Verzicht auf ein Gut um eines höheren Gutes willen, also gottgeweihte Jungfräulichkeit (bzw. Enthaltsamkeit), noch höher steht (wie es Christus gesagt hat – „wer das erfassen kann, der erfasse es“; Mt 19,12). Aber beides hat seinen Platz, beides ist unersetzlich. Luther verwarf nun Zölibat und Ordenswesen; er wurde seinem Mönchsgelübde untreu und heiratete eine abgefallene Nonne, und in den Landen, in denen seine Lehre sich durchsetzte, lösten die Fürsten die Klöster auf und rissen ihren Besitz an sich. Aber das führte nicht dazu, dass er die Ehe dann besonders in Ehren gehalten hätte – im Gegenteil; sie sei ein „weltlich Ding“. Ihre Unauflöslichkeit sah er nicht ganz so streng, und Philipp von Hessen erlaubte er die Bigamie. Das kommt davon, wenn man meint, eins der vielen Dinge, die im Katholizismus wichtig sind, aus dem System herausziehen und allein auf ein Podest stellen zu müssen; es verliert ebenfalls seinen Wert, den es nur im Zusammenspiel mit all den anderen Dingen bewahren könnte. Ich bin hier https://nolitetimereweb.wordpress.com/2016/08/16/vollkommene-liebe-vertreibt-die-furcht-teil-4-was-skrupulositaet-nicht-ist/ schon einmal auf Aristoteles’ Lehre der Komplementärtugenden, die Eingang in die katholische Theologie gefunden hat, eingegangen: Jede Tugend braucht die Ergänzung durch andere Tugenden. Gerechtigkeit und Barmherzigkeit, Vorsicht und Tapferkeit, usw. brauchen sich gegenseitig. Mal ist die eine Tugend nötig, mal die andere. Wenn die eine ganz verloren geht, wird auch die andere verzerrt. Ebenso ist es mit sämtlichen Glaubenslehren.

C. S. Lewis hat in einem Essay namens „Gültiges und Endgültiges“ aus dem Jahr 1942 ein paar schöne Beispiele aus anderen Bereichen für dieses Prinzip angeführt:

 

„Als ich am 6. Juni in der Time and Tide las, dass die Deutschen Hagen statt Siegfried zu ihrem Nationalhelden auserkoren haben, hätte ich vor Vergnügen laut lachen können. Denn ich bin ein romantischer Mensch, und seit ich eines goldenen Sommers in meiner Jugend zum ersten Mal den ‚Walkürenritt’ auf einem Grammophon gehört und Arthur Rackhams Illustrationen zum Ring des Nibelungen gesehen habe, liebe ich das Nibelungenlied, und ganz besonders die Wagnersche Fassung, über alles. Es kann mir noch heute passieren, dass beim bloßen Geruch dieser Bücher die ganze Inbrunst meiner alten Jugendliebe wieder über mich kommt. Darum war es ein bitterer Augenblick, als sich die Nazis meines Schatzes bemächtigten und ihn ihrer Ideologie einverleibten. Doch nun ist alles wieder gut. Offensichtlich ist die Geschichte für sie unverdaulich. Sie wäre ihnen schon längst wieder hochgekommen, wenn sie sie nicht auf den Kopf gestellt und einen der kleineren Bösewichte zum Helden gemacht hätten. Der nächste logische Schritt wird zweifellos sein, dass sie Alberich als die wahre Verkörperung des nordischen Geistes ausrufen. Aber mir haben sie wieder zurückgegeben, was sie mir gestohlen hatten.

 Das Stichwort ‚nordischer Geist’ bringt mich darauf, dass ihr Versuch, sich den Ring des Nibelungen anzueignen, nur ein Aspekt ihres Versuches ist, ‚das Nordische’ überhaupt für sich zu pachten, und das ist ein nicht minder lächerliches Unterfangen. Wie können Leute, die Macht mit ‚Recht’ gleichsetzen, sich Verehrer Odins nennen? Das Problem bei Odin war ja doch, dass er das Recht, aber nicht die Macht, für sich hatte. Das Problem der altisländischen Religion ist es ja gerade, dass sie – als einzige von allen Mythologien – den Menschen dazu aufforderte, Göttern zu dienen, die mit dem Rücken zur Wand kämpfen und am Ende mit Sicherheit unterliegen. ‚Ich gehe mit Odin in den Tod’, sagt der Wanderer in Stevensons Fabel und beweist damit, dass Stevenson etwas vom nordischen Geist begriffen hat, was Deutschland nie und nimmer begreifen kann. Die Götter werden fallen. Odins Weisheit, Thors derbes Draufgängertum (er war wohl eine Art Yorkshireman), Baldurs Schönheit – sie werden einst an der Realpolitik der stumpfsinnigen Riesen und ungeschlachten Trolle zerbrechen. Doch das kann keinen freien Menschen daran hindern, ihnen die Treue zu halten. Es muss uns daher nicht verwundern, dass alle echte germanische Dichtung von Heldentum und Kampf auf verlorenem Posten handelt.

 […] Wie kommt es, dass ausgerechnet das Volk, das als einziges in Europa versucht, seine vorchristliche Mythologie wieder zu beleben, sich als unfähig erweist, diese Mythologie überhaupt schon im Ansatz zu verstehen? […] Das Bessere dem weniger Guten opfern und dann nicht einmal fähig sein, mit dem weniger Guten etwas anzufangen – das ist doch völlig unbegreiflich. Das Erstgeburtsrecht für ein mythologisches ‚Linsengericht’ verkaufen und dann diese Mythologie noch völlig verdrehen – wie kann man nur! Denn soviel ist sicher: Mir (der ich mir eher das Gesicht mit Farbe blau malen würde, als an einen wirklichen Odin zu glauben) gibt die Beschäftigung mit Odin alle Befriedigung und Freude, die er zu geben hat, während die Nazi-Odinisten überhaupt nichts davon haben.

 Und doch ist der Widerspruch, wenn ich es recht überlege, vielleicht gar nicht so groß, wie er aussieht. […] Mir fielen noch andere Beispiele dafür ein. Bis in die neuere Zeit – bis etwa zur Romantik – wäre es niemandem in den Sinn gekommen, Literatur und Kunst als Selbstzweck zu betrachten. Sie waren zur ‚Verschönerung des Lebens’ da, zur ‚harmlosen Zerstreuung’ oder aber zur ‚Verfeinerung der Sitten’, als ‚Ansporn zur Tugend’ oder zur Verherrlichung der Götter. Die großen Werke der Musik wurden für die Messe geschrieben, die großen Gemälde gemalt, um im Speisesaal irgendeines vornehmen Gönners eine leere Wand zu füllen oder um in der Kirche zur Andacht anzuregen; die großen Tragödien wurden entweder von religiösen Dichtern zu Ehren des Dionysos geschrieben, oder sie entstanden als Lohnaufträge zur Unterhaltung der Londoner an ihren freien Nachmittagen. Erst im neunzehnten Jahrhundert sind wir uns der vollen Würde der Kunst bewusst geworden. Erst da haben wir begonnen, sie ‚ernst zu nehmen’, so wie die Nazis die Mythologie ernst nehmen. Doch die Folge ist offenbar, dass das Ästhetische die Beziehung zum Leben verloren hat und nicht viel mehr davon übrig geblieben ist als Werke, die entweder so ‚hoch’ sind, dass immer weniger Leute sie lesen, hören oder sich ansehen mögen, oder so ‚populär’, dass sich sowohl die Schreiber als auch die Leser ihrer beinah schämen. […]

 Eine Frau, die ihren Hund zum Lebensinhalt macht, verliert letztlich nicht nur Lebenssinn und Menschenwürde, sondern auch die Freude an ihrem Hund selbst. Ein Mann, dem der Alkohol das Wichtigste ist, verliert nicht nur seine Arbeitsstelle, sondern auch die Freude an einem guten Tropfen und die Fähigkeit, die ersten leichten (und durchaus angenehmen) Stadien eines Rauschs zu genießen. Es ist wunderbar, einen Augenblick lang (oder auch zwei) das Gefühl zu haben, der ganze Sinn und Zweck des Lebens sei in einer Frau zu finden – doch nur, solange andere Pflichten und Freuden uns immer wieder von ihr wegreißen. Aber räumen Sie alles aus dem Weg und richten Sie Ihr Leben so ein (manchmal lässt sich das machen), dass Sie nichts anderes mehr zu tun haben, als für sie da zu sein – und was geschieht? […] Jede Bevorzugung eines geringeren Gutes vor dem höheren oder eines Teils vor dem Ganzen führt zum Verlust des geringeren Guts oder des Teils, um deswillen das Opfer gebracht wurde. […]“

(Nebenbei: Lewis war zwar kein Katholik, sondern Anglikaner, aber z. B. in Bezug auf das oben genannte Thema Glaube & Werke vertrat er sehr eindeutig die katholische Position; er schreibt in „Mere Christianity“, die Frage, was davon wichtiger sei, sei wie die Frage, welche Schneide einer Schere wichtiger sei als die andere – ganz genau die katholische Lehre gegenüber Protestantismus und Pelagianismus.)

 

Ein klassisches Beispiel für die Unvollständigkeiten der Ketzer wären natürlich auch die christologischen Streitereien der Antike. Die katholische Lehre ist: Christus ist die zweite Person der göttlichen Dreifaltigkeit, wahrer Gott, ganz Gott, ewig, ungeschaffen, eins mit dem Vater und dem Heiligen Geist – und gleichzeitig ist er wahrer Mensch geworden, mit einem menschlichen Leib und einer menschlichen Seele und einem menschlichen Willen, er war zuerst ein Embryo und später ein Kleinkind, er hat sprechen und gehen gelernt und hatte Zehennägel und ein Verdauungssystem und ein bestimmtes Aussehen und hat geschlafen und gegessen und Gefühle erlebt wie jeder einzelne Mensch; „in allem uns gleich außer der Sünde“; und er ist sogar jetzt, nach seiner Auferstehung und Himmelfahrt, immer noch gleichzeitig Gott und Mensch, er hat seine verherrlichte Menschennatur mit in den Himmel genommen. Diese Lehre wurde auf den frühen Konzilien definiert, gegen alle die Häretiker, die den Skandal der göttlichen Liebe, den Skandal des wirklichen Gottes, des unfassbar fernen, unbegreiflichen, allwissenden und allmächtigen Schöpfers der Welt, der gleichzeitig ein Geschöpf in seiner eigenen Welt wird, verwässern wollten.

Es gab Häretiker auf beiden Seiten: Die Doketisten (doxa = Schein) meinten, Christus sei nur Gott, der eine menschliche Erscheinungsform angenommen habe; natürlich habe er aber nicht wirklich leiden oder sterben oder essen können, sondern es habe eben nur so ausgesehen. Dann gab es die Adoptianisten, die meinten, Gott habe einfach einen besonderen Menschen, Jesus, als seinen Sohn angenommen (sozusagen adoptiert); der erhabene Gott und selber Mensch werden, also, aber wirklich! Dann gab es die gemäßigteren Häretiker der zwei Seiten, die Arianer, die Monophysiten und die Monotheleten zum Beispiel. Die Arianer sind benannt nach Arius, einem Bischof des 4. Jahrhunderts, der diese Ketzerei aufbrachte und der übrigens – interessante Anekdote – beim Konzil von Nicäa von einem anderen Bischof, St. Nikolaus von Myra, geohrfeigt worden sein soll. Sie lehrten, dass Christus zwar nicht einfach nur ein Mensch sei, aber trotzdem ein Geschöpf und nicht Gott; eine Art oberster Engel, geschaffen von Gott vor der Schöpfung aller anderen Geschöpfe; durch ihn sei dann unsere Welt geschaffen worden und er sei Mensch geworden und habe die Welt erlöst. Auch wieder hier: Nicht wirklich der richtige Gott, sondern ein Geschöpf (und der Unterschied zwischen Schöpfer und Geschöpf ist größer, als der zwischen einem Erzengel und einem Bakterium je sein könnte) ist am Kreuz gestorben, um die Menschen zu erlösen; der richtige Gott kann das doch nicht gemacht haben. Die Monophysiten auf der anderen Seite (monos = eins, einzig, physis = Natur) lehrten dagegen, dass Christus nur eine einzige Natur, die göttliche, gehabt habe. Er sei zwar wirklich Gott, ja, Gott sei wirklich auf die Erde gekommen, aber er habe nicht wirklich die menschliche Natur angenommen – einen menschlichen Leib, ja, gut, aber dass die zweite Person der göttlichen Dreifaltigkeit auch eine menschliche Seele haben soll, menschliche Gefühle, den Beschränkungen des menschlichen Gehirns unterworfen gewesen sein soll… das wäre doch etwas unpassend. Der Monotheletismus lehrte ganz ähnlich, dass Jesus nur einen einzigen Willen (thelos) gehabt habe, den göttlichen, nicht einen göttlichen und einen menschlichen zugleich, wie es die Kirche dann definierte. Es gibt noch zahlreiche andere Varianten dieser Häresien beider Seiten, aber ihnen allen ist eines gemeinsam: Entweder sagen sie, der Erlöser sei nur ein Geschöpf und nicht Gott, oder sie sagen, er sei nur Gott und nicht so ganz wirklich richtig Mensch geworden. Sie sind alle wohlmeinend auf Gottes Erhabenheit und Ehre bedacht; es käme ihnen nicht ganz richtig vor, dass er sich so erniedrigt. Und das ist ja verständlich; man muss sich das wirklich mal vor Augen führen, an was wir Katholiken eigentlich glauben – einen Gott, dem mal die Windeln gewechselt werden mussten.

Aber Gott ist eben so, auch wenn es Adoptianisten, Arianern, Doketisten, Gnostikern, Monophysiten, Monotheleten und Nestorianern komisch vorkommt. Er ist einfach so, und wir Katholiken sind dankbar dafür, und akzeptieren fröhlich beide Seiten – wahrer Gott und wahrer Mensch. Wir stimmen den Adoptianisten zu, wenn sie sagen, dass Jesus ein Mensch war, wie wir alle, und den Doketisten, wenn sie sagen, dass er Gott war, ganz anders als wir. Er ist beides. (Hier lohnt es sich vielleicht, den Begriff der Perichorese zu erwähnen; er bedeutet: völlige gegenseitige Durchdringung ohne Vermischung. Er wird in der Trinitätstheologie für das Verhältnis der drei göttlichen Personen – Vater, Sohn, Heiliger Geist – verwendet, und in der Christologie für das Verhältnis der zwei Naturen – göttliche und menschliche – in der zweiten Person der göttlichen Dreieinigkeit.)

Oder nehmen wir ein Beispiel aus modernen Zeiten: Individualismus vs. Kollektivismus/Totalitarismus. Im Individualismus wird nur auf den Einzelnen geschaut, im Kollektivismus nur auf die Gemeinschaft, aber beide halten Individuum und Gemeinschaft nicht wirklich in Ehren. Der Individualismus vergisst eigentlich die Würde des Einzelnen, zu der gerade seine Beziehungsfähigkeit, sein Vermögen, andere zu kennen und zu lieben und über sich selbst hinaus zu schauen, gehört. Egoistisches Schauen auf reine „Selbstverwirklichung“ wird weder dem Individuum noch der Gemeinschaft gerecht. Der Kollektivismus gleichzeitig vergisst nicht nur den Wert des Individuums, sondern auch das wahre Wesen der Gemeinschaft, die doch ihren Wert gerade dadurch erweist, dass sie für jedes einzelne ihrer Mitglieder einsteht. (Noch dazu propagiert er die völlig falsche Vorstellung von einer formlosen Masse gleichgeschalteter Wesen anstelle einer Gemeinschaft ganz unterschiedlicher Menschen, die jeweils das Ihre beitragen und einander ergänzen wie die verschiedenen Organe eines Körpers.) Die katholische Sicht, wie sie etwa in der kirchlichen Soziallehre zum Tragen kommt, wäre dagegen: Einer für alle und alle für einen. Weder Individualismus noch Kollektivismus erfassen dieses Konzept.

Ich glaube, der Satz, dass die Leute oft „right in what they affirm, but wrong in what they deny“ sind, stammt ursprünglich von John Henry Newman. Das trifft das Phänomen der Ketzerei sehr gut. Protestanten sind Jesus und die Bibel und der Glaube wichtig, und da können wir Katholiken nur aus vollem Herzen zustimmen! Aber wieso lehnen sie dann die Eucharistie ab, in der Jesus selbst gegenwärtig wird? Wieso lehnen sie die Kirche ab, von deren Einsetzung durch Jesus uns die Bibel ebenfalls berichtet? Wieso lehnen sie es ab, alle die Christen zu ehren, die Ihm im Lauf der Geschichte besonders nachfolgten, d. h. die Heiligen? Das ist doch unverständlich.

Sie besitzen immer noch einzelne Wahrheiten; aber nicht mehr die Fülle der Wahrheit. Die gibt es eben nur in der einen, heiligen, katholischen und apostolischen Kirche.

Das schlechte Gefühl, wenn man sich gut fühlt

Wer die Überschrift aufmerksam gelesen hat, wird sie wohl eines sehr eindeutigen inneren Widerspruchs bezichtigen. Aber dieses schlechte Gefühl, wenn man sich gut fühlt, gibt es tatsächlich, nämlich bei Skrupulanten wie mir. (Was Skrupulosität ist, siehe hier: https://nolitetimereweb.wordpress.com/reihe-vollkommene-liebe-vertreibt-die-furcht-skrupulositaet/)

Es sieht kurz gesagt so aus: Wenn man sich gerade gut fühlt – wenn man stolz ist auf etwas, das man erreicht hat, oder sich bei Gott geborgen fühlt, oder das Gefühl hat, dass dieser über etwas erfreut sein könnte, das man getan hat – taucht prompt, wie ein falsch programmiertes rotes Warnblinklicht im Gehirn die gestrenge Mahnung auf, sich bitte schön des geistlichen Hochmuts und der Selbstgefälligkeit zu enthalten oder jedenfalls streng darauf zu achten, ihnen nicht zu nahe zu kommen.

[Sidenote: Ich könnte mir übrigens vorstellen, dass dieser Mechanismus durch die in unseren Breitengraden recht häufige Anklage gegenüber religiösen, insbesondere christlichen, Menschen, sie würden sich für irgendwie besser als andere halten und diese anderen „verurteilen“, verstärkt wird, denn ein an sich ja gar nicht so schlimmes Resultat dieser Anklage ist, dass gerade in religiösen, insbesondere christlichen, Kreisen viel Sensibilisierung für die Gefahr da ist, sich für besser als andere zu halten und andere zu verurteilen. Man verrate mir, wie lange man eine Diskussion mit Katholiken über, sagen wir mal, Abtreibung oder Sterbehilfe, führen kann, ehe aufseiten der Katholiken die Worte „Wir wollen niemanden verurteilen“ oder „Es geht nicht darum, Menschen in schwierigen Situationen zu verurteilen“ oder „Ich würde natürlich niemals jemanden in der Situation verurteilen“ fallen. Das Thema „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet“ ist als Predigtthema doch ziemlich beliebt. Ich will mit diesen Anmerkungen nicht behaupten, dass mir in christlichen Kreisen noch nie Selbstgerechtigkeit untergekommen sei, aber in anderen Kreisen habe ich sie tatsächlich wesentlich häufiger bemerkt – weil da die Sensibilisierung nicht da ist. Es ist manchmal regelrecht witzig, welche Beleidigungen manche Leute Katholiken an den Kopf werfen können, wenn sie Aussagen von ihnen beleidigend finden, ohne dass ihnen ihr eigenes Verhalten dabei auch nur bewusst wird. Da kann man etwa in der Abtreibungsdebatte noch so sehr „Wir verurteilen niemanden“ wiederholen, man wird trotzdem ganz offen als dumm und verblendet betitelt bzw. – na ja – verurteilt. Und hier übertreibe ich nicht, sondern ich zitiere. Das ist kein allgemeines Phänomen; die meisten Diskussionen, die ich mit Nichtgläubigen erlebt habe, liefen entspannt und respektvoll ab; aber es gibt dieses Phänomen tatsächlich.]

Jedenfalls, um wieder zum eigentlichen Punkt zurück zu kommen: Dieses Gefühl, irgendwie ein schlechtes Gewissen haben zu müssen, wenn man sich gut fühlt, ist nach meinem Erleben ganz typisch für Skrupulosität. Es ist eine Ausprägung dieser skrupulösen Angst, es sich zu leicht zu machen.

Das beste Kennzeichen dafür, dass dieses Gefühl ungesund ist, ist, dass die typischen Heiligen es nicht kannten. Bei ihnen sieht man oft einerseits eine erstaunliche Selbstsicherheit und andererseits eine extreme Demut, deren seltsame Verflechtungen einen durchaus verwirren können, wenn man mit seinen weltlichen Maßstäben, was ordentliches Selbstbewusstsein und ordentliche Bescheidenheit seien und wo sie am Platz seien, an sie herangeht. „Als Letztem von allen“, schreibt Paulus im 1. Korintherbrief, „erschien er [Christus] auch mir, dem Unerwarteten, der Missgeburt. Denn ich bin nicht wert, Apostel genannt zu werden, weil ich die Kirche Gottes verfolgt habe. Doch durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin, und sein gnädiges Handeln an mir ist nicht ohne Wirkung geblieben. Mehr als sie alle habe ich mich abgemüht – nicht ich, sondern die Gnade Gottes zusammen mit mir.“ (1 Kor 15,8-10) „Paulus, durch Gottes Willen berufener Apostel Christi Jesu, und der Bruder Sosthenes an die Kirche Gottes, die in Korinth ist, – an die Geheiligten in Christus Jesus“ – so beginnt dieser Brief schon.

Der Heilige ist sich seiner Sache vollkommen sicher. Er ist sich auch seines Platzes in Gottes Volk völlig bewusst. Er ist sich gleichzeitig ebenso bewusst, dass er kein „guter Mensch“ ist und Gottes Liebe nicht verdienen kann. Er kommt damit absolut klar. Wir sollten eigentlich auch wissen, dass Gott uns liebt, egal wie wir sind. An dieser Liebe wird sich nie etwas ändern, weil sie nicht von uns abhängt. Unser erster Papst schreibt in einem seiner Briefe: „Ihr seid ein auserwähltes Geschlecht, eine königliche Priesterschaft, ein heiliger Stamm, ein Volk, das sein besonderes Eigentum wurde, damit ihr die großen Taten dessen verkündet, der euch aus der Finsternis in sein wunderbares Licht gerufen hat.“ (1 Petr 2,9)

Die Heiligen und genauso Jesus selber sprechen völlig ohne Zögern oder Zurückhaltung von dem hohen Rang, zu dem wir erhoben sind, und ebenso völlig offen, ungeniert und unverfroren von den Freuden, die unserer im Himmel harren, von dem übergroßen Lohn im nächsten Leben für nur einen Becher Wasser.

 „Verkauft man nicht zwei Spatzen für ein paar Pfennig? Und doch fällt keiner von ihnen zur Erde ohne den Willen eures Vaters. Bei euch aber sind sogar die Haare auf dem Kopf alle gezählt. Fürchtet euch also nicht! Ihr seid mehr wert als viele Spatzen.“ (Mt 10,29-31)

 „Wer euch aufnimmt, der nimmt mich auf, und wer mich aufnimmt, nimmt den auf, der mich gesandt hat. Wer einen Propheten aufnimmt, weil es ein Prophet ist, wird den Lohn eines Propheten erhalten. Wer einen Gerechten aufnimmt, weil es ein Gerechter ist, wird den Lohn eines Gerechten erhalten. Und wer einem von diesen Kleinen auch nur einen Becher frisches Wasser zu trinken gibt, weil es ein Jünger ist – amen, ich sage euch: Er wird gewiss nicht um seinen Lohn kommen.“ (Mt 10,40-42)

 „Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt: Wer siegt, dem werde ich zu essen geben vom Baum des Lebens, der im Paradies Gottes steht.“ (Offb 2,7)

 „Sei treu bis in den Tod; dann werde ich dir den Kranz des Lebens geben. Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt: Wer siegt, dem kann der zweite Tod nichts anhaben.“ (Offb 2,10f.)

 „Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt: Wer siegt, dem werde ich von dem verborgenen Manna geben. Ich werde ihm einen weißen Stein geben und auf dem Stein steht ein neuer Name, den nur der kennt, der ihn empfängt.“ (Offb 2,17)

 „Ich stehe vor der Tür und klopfe an. Wer meine Stimme hört und die Tür öffnet, bei dem werde ich eintreten und wir werden Mahl halten, ich mit ihm und er mit mir. Wer siegt, der darf mit mir auf meinem Thron sitzen, so wie auch ich gesiegt habe und mich mit meinem Vater auf seinen Thron gesetzt habe. Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt.“ (Offb 3,20-22)

 „Dann sah ich einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, auch das Meer ist nicht mehr. Ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott her aus dem Himmel herabkommen; sie war bereit wie eine Braut, die sich für ihren Mann geschmückt hat. Da hörte ich eine laute Stimme vom Thron her rufen: Seht, die Wohnung Gottes unter den Menschen! Er wird in ihrer Mitte wohnen, und sie werden sein Volk sein; und er, Gott, wird bei ihnen sein. Er wird alle Tränen von ihren Augen abwischen: Der Tod wird nicht mehr sein, keine Trauer, keine Klage, keine Mühsal. Denn was früher war, ist vergangen. Er, der auf dem Thron saß, sprach: Seht, ich mache alles neu.“ (Offb 21,1-5)

Wir reden vielleicht nicht mehr so gerne von diesem Thema, weil es dann immer gleich „Opium des Volkes“ und so heißt, aber wieso sollten wir etwas verschweigen, das wahr ist? Wir dürfen grenzenloses Vertrauen auf Gott haben. Gott hat das und das zugesagt, und für Geschenke, die man erhält, muss man sich nicht schämen. Man freut sich einfach über sie.

Im Christentum geht es eben nicht einfach darum, sich gefälligst gut zu verhalten. Es geht darum, durch Gottes Liebe erlöst, und dazu befreit zu werden, zu lieben, und Gottes Liebe hat etwas an sich, das der Liebe einfach eigen ist: Überfluss, Maßlosigkeit im Schenken. Liebe geht über jede Art von gewöhnlicher Gerechtigkeit und Angemessenheit hinaus. Und darüber darf man sich ruhig mal freuen. „Der Geist und die Braut aber sagen: Komm! Wer hört, der rufe: Komm! Wer durstig ist, der komme. Wer will, empfange umsonst das Wasser des Lebens.“ (Offb 22,17)

Die Pforten der Hölle werden sie nicht überwältigen

„Das haben zweihundert Päpste vor mir nicht geschafft. Warum sollte es ausgerechnet Ihnen gelingen?“

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Das soll laut einer Anekdote die Antwort Papst Pius‘ VII. gewesen sein, als Napoleon Bonaporte zu ihm sagte, er habe die Macht, die Kirche zu zerstören. (Das war zu der Zeit, als Napoleon den Papst gefangen nehmen und in Frankreich hatte einsperren lassen.) Es ist nur eine Anekdote, von der nicht geklärt ist, ob sie stimmt, klar, aber es ist trotzdem irgendwie eine seeehr coole Antwort.

(Ein bisschen was zum historischen Hintergrund: 1789 begann bekanntlich die Französische Revolution. Zuerst fing es recht harmlos mit der Einberufung der Generalstände an, die sich um die Finanznot des Königreichs kümmern sollten, dann kamen bald stärkere Forderungen nach größeren Rechten auf, man strebte eine Verfassung an und proklamierte die Menschenrechte, es kam dann auch zu Gewaltausbrüchen wie dem Sturm auf die Bastille, König Ludwig XVI. war nachgiebig und um Frieden bemüht und hatte gleichzeitig keinen rechten Plan, was zu tun war. Anfangs war die Revolution noch nicht wirklich gegen die Kirche gerichtet; aber es gab doch schon seit längerem kirchenfeindliche Strömungen im Land, unter anderem unter den sich als aufklärerisch verstehenden Intellektuellen. Es war im späten 18. Jahrhundert in der feinen Gesellschaft Frankreichs ebenso Mode, die christliche Religion als „Aberglaube“ und „Fanatismus“ zu bezeichnen, wie einen gewissen Antiklerikalismus zur Schau zu tragen und Ordenswesen und Zölibat abzulehnen. Auch der politische Einfluss der Kirche ging vielen zu weit; sie sollte lieber klar dem Staat untergeordnet werden. (Ein Anliegen, das in Frankreich lange Tradition hatte.) 1790 wurden dann, zur Behebung der finanziellen Nöte, die Kirchengüter eingezogen, und da dann natürlich die Besoldung der Kleriker irgendwie geregelt werden musste, beschloss man, zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen: Die Zivilkonstitution des Klerus wurde beschlossen; d. h. Kleriker sollten vom Staat besoldet und von allen Bürgern gewählt werden und einen Eid auf die noch auszuarbeitende Verfassung ablegen. Der damalige Papst, Pius VI., betrachtete diese Entwicklung wohl mit Sorge, zögerte aber mit einer Reaktion. (Ich habe einmal von einem Historiker gehört, dass er ein Papst war, der sich am liebsten zurückzog, um sich mit seiner Sammlung antiker Statuen zu beschäftigen, also kein sehr machtpolitisch und diplomatisch gewandter Fürst.) 1792 verurteilte er die Zivilkonstitution schließlich. Die Revolution hatte sich unterdessen sowieso radikalisiert (Septembermassaker im selben Jahr), und nun wurden auch die eidverweigernden Priester verfolgt und sämtliche noch übrigen Orden aufgehoben. Die Monarchie wurde abgeschafft, der König Anfang 1793 hingerichtet, und Robespierre, der Vorsitzende des Wohlfahrtsausschusses, übernahm die Macht; die Abschaffung des Christentums wurde nun ein Staatsziel, ein neuer Kalender (beginnend mit der Gründung der Republik), neue Feiertage, eine Zehn-Tage-Woche, Revolutionsheilige und Revolutionskulte wurden eingeführt. Zahlreiche Priester (jetzt nicht mehr nur die Eidverweigerer) wurden hingerichtet oder in die südamerikanischen Kolonien deportiert; auch die Nonnen von Compiègne kamen damals unter die Guillotine. Die Revolution fraß bekanntlich auch ihre eigenen Kinder; nicht nur die gemäßigten Girondisten, sondern auch radikalere Revolutionäre wie Danton wurden wegen angeblicher Verschwörung gegen die Revolution hingerichtet. Ein Aufstand gegen die Revolutionsregierung in der Vendée wurde brutal niedergeschlagen. 1794 wurde Robespierre gestürzt und die Situation wurde ein bisschen weniger schlimm; 1799 übernahm Napoleon schließlich die Macht, brachte wieder ein bisschen Ordnung nach Frankreich, und überzog Europa mit Krieg.

Die Revolutionskriege begannen an sich schon 1792; der Kirchenstaat wurde erstmals 1796 besetzt, 1798 dann erneut; die Franzosen riefen in Rom die Republik aus und verschleppten den alten Papst nach Frankreich, wo er 1799 starb. Man nannte ihn spöttisch Pius den Letzten.

Dank österreichischer Hilfe konnte dennoch in Venedig ein Konklave zusammentreten, das 1800 einen Nachfolger, eben Pius VII., wählte. Barnaba Chiaramonti, wie er vorher hieß, war ein italienischer Benediktiner, Theologe und Bischof und galt als neutraler Kompromisskandidat. Beim französischen Italienfeldzug von 1797 hatte er die Italiener von nutzlosem Widerstand abhalten und die Franzosen an der Plünderung einer Stadt hindern können. In seiner Weihnachtspredigt im selben Jahr hatte er gesagt, dass die Demokratie mit dem Christentum vereinbar sei.

Natürlich hatte Pius VII. ebenso wie sein Vorgänger weiter mit der Bedrohung durch Napoleon zu kämpfen; zwar konnte er nach Rom kommen, aber mit der Wiederherstellung des Kirchenstaates sah es nicht so gut aus. Er versuchte, mit dem französischen Herrscher zurande zu kommen, schloß 1801 ein Konkordat mit ihm ab und kam 1804 zu seiner Kaiserkrönung. Aber schließlich, 1809, wurde auch er aus Rom entführt und zuerst nach Savona, dann nach Frankreich gebracht; auch in Gefangenschaft blieb er jedoch gegenüber Forderungen Napoleons fest. Erst 1814 konnte er nach Rom zurückkehren und nach dem Wiener Kongress 1815 wurde der Kirchenstaat wiederhergestellt. Pius gewährte Napoleons Familie dann übrigens Asyl in Rom. Sonst ist er z. B. noch dafür bekannt, dass er die Künste und die Archäologie förderte, den Sklavenhandel verurteilte, und vor allem natürlich dafür, dass er 1814 den 1773 aufgehobenen Jesuitenorden wieder zuließ. Er starb 1823; sein Seligsprechungsprozess läuft seit 2007; inzwischen hat er immerhin schon den Titel „Diener Gottes“ erhalten.)

 

Ich glaube fast, ich habe mit Pius VII. einen neuen Lieblingspapst – d. h. natürlich, neben Benedikt XVI., St. Johannes Paul II., Pius XII., Pius XI., Benedikt XV., St. Pius X., Leo XIII., St. Gregor dem Großen, St. Leo dem Großen, St. Petrus… äh, ja, also ich habe viele Lieblingspäpste. Pius VII. ist mir jedenfalls irgendwie echt sympathisch. Ach ja: Das Internet schreibt ihm übrigens auch noch das Zitat „We are prepared to go to the gates of hell – but no further“ (Wir sind bereit, bis zu den Pforten der Hölle zu gehen – aber nicht weiter) zu. Klingt doch auch passend! Ich hoffe, dass seine Heiligsprechung rasch vorankommt 😉

Philosophie und Offenbarung, Teil 2

Jetzt habe ich den ersten Teil (https://nolitetimereweb.wordpress.com/2016/09/25/philosophie-und-offenbarung-teil-1/) schon vor Wochen gepostet und liefere erst jetzt den zweiten nach – aber besser spät als nie, denke ich mir.

Im ersten Teil ging es um das Allgemeine zum Thema philosophische Gotteserkenntnis und Gotteserkenntnis durch Offenbarung und die wichtigsten philosophischen Argumente für Gott wurden kurz angerissen; jetzt also speziell zu den Argumenten für die christliche/katholische Offenbarung.

Mir ist in letzter Zeit ein bestimmter Fehler in der typischen atheistischen Argumentation gegen die christliche Offenbarung aufgefallen. Da wird nämlich gelegentlich gefragt: Wieso hätte Gott sich so und so offenbaren sollen und nicht deutlicher? Wieso hätte er zu irgendwelchen „rückständigen Nomaden“ am Arsch der Welt reden sollen? Wieso damals und nicht heutzutage, wo es viel bessere Möglichkeiten zur Verbreitung der Botschaft gäbe? Usw.

Nun kann man sicher interessante Spekulationen darüber aufstellen, was die Antworten auf diese Fragen wären, aber für unser Thema sind sie eigentlich vollkommen falsch gestellt. Denn die Frage ist doch gar nicht, wieso, sondern ob Gott das gemacht hat. Argumentiert man mit „Wieso hätte Hannibal mit Elefanten über die Alpen laufen sollen, das wäre doch total umständlich gewesen“ dafür, dass Hannibal niemals mit Elefanten die Alpen überquert habe, oder damit, dass wohl kaum ein Generalsekretär des Zentralkomitees der KPdSU den Untergang des Kommunismus eingeläutet haben könne, dafür, dass es Gorbatschows „Glasnost & Perestroika“-Programm nie gegeben habe? Eben.

Man muss an die Frage anders herangehen: Man sieht sich einfach die Quellen an und fragt nach ihrer Glaubwürdigkeit – was nicht gleichbedeutend ist mit der Wahrscheinlichkeit der Ereignisse, die sie beschreiben, denn es ist in der Weltgeschichte viel Unwahrscheinliches geschehen. Wie viele Quellen haben wir für Hannibals Alpenüberquerung? Aus welcher Zeit stammen sie? Von wem stammen sie? Haben wir andere Quellen des Autors, von denen wir wissen können, dass sie Unwahres berichten, oder umgekehrt, dass sie zuverlässig sind? Werden die Quellen durch andere Quellen bestätigt? Oder stehen andere Quellen ihnen entgegen? Wenn ja, wie könnte sich das erklären lassen? Und so weiter. Und so muss man es eben auch mit Lehren, die von sich behaupten, göttliche Offenbarung zu sein, machen. Offenbarung – zumindest die christliche Offenbarung – ist bekanntlich ein grundlegend historischer Vorgang; sie hängt davon ab, dass zu dem und dem Zeitpunkt das und das wirklich geschehen ist. „Geboren von der Jungfrau Maria, gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben, hinabgestiegen in das Reich des Todes, am dritten Tage auferstanden von den Toten…“ Die nächsten Fragen sind also: Woher wissen wir von der christlichen Offenbarung? Durch die Kirche und durch ihre Heiligen Schriften. Woher stammen diese Schriften? Wie alt sind sie? Kann das stimmen, was darin steht?

Hier sollte man übrigens auf einen weiteren logischen Fehlschluss aufpassen. Oftmals wird nämlich, wenn in einem historischen Text von einem Wunder berichtet wird – z. B. von der Auferstehung – sofort darauf geschlossen, dass das dann ja gar nicht historisch sein könne. Die Ansicht, dass Wunder gar nicht passieren könnten, bringt man aber von außen als philosophisches Vorurteil an diesen Text heran. Und dieses Vorurteil ist durchaus zu hinterfragen. Denn wenn man (auch nur hypothetisch) davon ausgeht, dass es einen allmächtigen Gott außerhalb der Welt gibt, der diese geschaffen hat, sollte man auch davon ausgehen können, dass er abseits der von ihm eingerichteten normalen Naturgesetze zumindest theoretisch in das Weltgeschehen eingreifen kann – so, wie Eltern auf das Taschengeldkonto ihrer Kinder zugreifen können. Und das wird er vielleicht auch tatsächlich einmal tun, um den Leuten zu zeigen, dass es auch wirklich er ist, der sich ihnen da zeigt.

Einer der wichtigsten Punkte in der Frage nach der Wahrheit des Christentums ist natürlich die Auferstehung Jesu. Keiner, der auch nur die geringste Ahnung von Geschichte hat, leugnet, dass Jesus von Nazareth gelebt hat und unter Pontius Pilatus gekreuzigt wurde, dafür bräuchten wir nicht einmal die christlichen Quellen, sondern Tacitus und Flavius Josephus würden schon genügen, aber die Frage ist ja: War er wirklich Gott? Wurde er sozusagen von Gott bestätigt dadurch, dass er während seines Lebens Wunder wirken konnte und vor allem dadurch, dass er nach seinem Tod auferstanden ist? Ist dieser Bericht glaubhaft?

Kurz gesagt: Ja, ist er.

Zunächst einmal muss man auch hier den Fallstrick eines Fehlschlusses beachten, der darin besteht, biblische/christliche Quellen von vorn herein nicht als Beweismittel für in der Bibel erzählte Vorgänge anzunehmen, da sie ja irgendwie parteiisch oder so wären. Das ist Unsinn. Auf diese Weise könnte ich alle Quellen der gesamten Geschichte aus der Geschichtsschreibung hinauswerfen. Jede Quelle ist parteiisch; kein Geschichtsschreiber war je neutral. Man sage mir, wie viele unparteiische Quellen es über Julian Apostata, Napoleon Bonaparte oder Adolf Hitler gibt – ich nehme mal an, gar keine. Ich nehme alle vorhandenen Quellen, sehe mir ihre Berichte an und frage mich, wieso der Schreiber wohl für diese Seite und der Schreiber wohl für jene Seite Partei ergriffen hat, welcher Schreiber eher die Wahrheit berichtet oder welcher Schreiber vielleicht welchen Teil der Wahrheit berichtet. Wenn ich etwas über Sokrates wissen will, sehe ich mir Platons und Xenophons Sokrates-Dialoge ebenso an wie Aristophanes satirische Komödie „Die Wolken“. (Das ist übrigens ein ganz interessantes Beispiel, denn: „Die Wolken“ ist die einzige Quelle über Sokrates, die noch zu seinen Lebzeiten verfasst wurde, und trotzdem scheinen die meisten Historiker ziemlich deutlich der Meinung zu sein, dass sie bei Platon mehr vom historischen Sokrates finden als bei Aristophanes. (In dieser Hinsicht gibt es jetzt zwar keine Parallele zur Frage nach der Auferstehung, ich will nur deutlich machen, dass man sich bei Quelleninterpretation immer in vielerlei Hinsicht vor voreiligen Schlüssen hüten muss.))

Die Texte des Neuen Testaments stammen aus dem 1. Jahrhundert; als die ältesten unter ihnen werden in der Forschung meistens die Paulusbriefe aus den 50ern und frühen 60ern angenommen, aber auch die späte Datierung der Evangelien in die 70er, 80er und 90er wird in letzter Zeit immer wieder hinterfragt. (Wobei natürlich auch das immer noch eine relativ nahe Zeit wäre – wenn ein Evangelist in den 80ern über Geschehnisse aus dem Jahr 30 berichtet, wäre das nicht anders, als wenn heute jemand über die 68er-Bewegung oder das Zweite Vatikanum oder die Zeit des Wirtschaftswunders spricht. Die Forschungskontroversen lasse ich hier jetzt also mal aus, weil sie für das Thema eigentlich nicht so bedeutend sind.) Diese Texte sind, nebenbei bemerkt, wahnsinnig gut überliefert, was die Handschriften angeht. Von den allermeisten antiken Quellen haben wir bloß Abschriften aus dem Mittelalter; beim Neuen Testament dagegen sehr viele aus der Antike. Die älteste komplette Handschrift (Codex Sinaiticus) stammt von ca. 350 n. Chr., der früheste erhaltene Papyrusfetzen des Johannesevangeliums (P52) von ca. 100-125 n. Chr. (Eine fast komplette Ausgabe des Johannesevangeliums, P66, stammt ebenfalls noch aus dem 2. Jahrhunderts; zahlreiche weitere Einzeltexte aus diesen ersten Jahrhunderten kommen hinzu.) Für antike Quellen ist das wahnsinnig gut; die Bibel ist der am besten belegte Text der antiken Literatur überhaupt; und diese antiken Papyri und Codices stimmen mit unseren heutigen Texten überein.

Natürlich – siehe das Beispiel mit Sokrates – ist die Tatsache, dass eine Quelle erwiesenermaßen aus der Zeit stammt, von der sie berichtet, noch kein Beleg für ihre Richtigkeit; diese Fakten zur Überlieferung müssen zwar klargestellt werden angesichts von noch immer herumgeisternden Bibelverschwörungtheorien (die Bibel sei von Konstantin oder sonst wem nach seinem Belieben zusammengestellt / geändert worden o. Ä.); aber sie reichen natürlich noch nicht aus.  Aber: Wenn nun im Jahr 55 n. Chr., d. h. 25 Jahre nach der Kreuzigung, ein ehemaliger ultrajüdischer Christenverfolger Folgendes schreibt, dann muss man sich doch fragen, wie er dazu gekommen ist: „Ich erinnere euch, Brüder, an das Evangelium, das ich euch verkündet habe. Ihr habt es angenommen; es ist der Grund, auf dem ihr steht. Durch dieses Evangelium werdet ihr gerettet, wenn ihr an dem Wortlaut festhaltet, den ich euch verkündet habe. Oder habt ihr den Glauben vielleicht unüberlegt angenommen? Denn vor allem habe ich euch überliefert, was auch ich empfangen habe: Christus ist für unsere Sünden gestorben, gemäß der Schrift, und ist begraben worden. Er ist am dritten Tag auferweckt worden, gemäß der Schrift, und erschien dem Kephas, dann den Zwölf. Danach erschien er mehr als fünfhundert Brüdern zugleich; die meisten von ihnen sind noch am Leben, einige sind entschlafen. Danach erschien er dem Jakobus, dann allen Aposteln. Als Letztem von allen erschien er auch mir, dem Unerwarteten, der ‚Missgeburt’. Denn ich bin der geringste von den Aposteln; ich bin nicht wert, Apostel genannt zu werden, weil ich die Kirche Gottes verfolgt habe. Doch durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin, und sein gnädiges Handeln an mir ist nicht ohne Wirkung geblieben.“ [„Kephas“, nebenbei, ist aramäisch für gr. „Petros“, lt. „Petrus“, dt. „der Fels“, also der Beiname des Simon Petrus.] Wie gesagt: Paulus, früher Saulus, war jemand, der diesem neuen Messias erst einmal nicht nur skeptisch, sondern ganz klar feindlich gegenüberstand. Er muss einen Grund gehabt haben, ihm dann auf einmal nachzufolgen; er muss tatsächlich etwas erlebt haben. Und wenn er seiner Gemeinde in Korinth von fünfhundert weiteren Zeugen für die Auferstehung berichtet, von denen die meisten noch am Leben sind und also befragt werden können, dann fragt sich doch, ob man da so einfach eine Massenhalluzination annehmen kann.

Ähnliches wie für Paulus gilt für die ursprünglichen elf Apostel (Judas hatte sich dann ja erhängt) und die übrigen Jünger: Ihr Meister war hingerichtet worden, er war tot, sie hatten ihn in ein Grab gelegt. Sie waren eine zerschlagene, mutlose Gemeinschaft, deren Ankerpunkt weggenommen worden war. Dann begannen sie auf einmal voller Überzeugung und Eifer von seiner Auferstehung zu verkünden. Nun gibt es drei Möglichkeiten: Entweder haben sie alle zusammen sich auf einmal eingebildet, er sei auferstanden, oder sie haben es erfunden, oder er ist wirklich auferstanden. Die Möglichkeit der Erfindung ist so lächerlich, dass es sich eigentlich nicht wirklich lohnt, weiter auf sie einzugehen. Denn: Was hatten sie davon? Erst einmal wurden sie verhaftet und ausgepeitscht (Apg 5,17-42), dann wurde einer von ihnen, der Diakon Stephanus, gesteinigt (Apg 7,54-60), das war der Ausgangspunkt für eine noch schlimmere Verfolgung (Apg 8,1-3); kurz gesagt: Flucht, Gefängnis und Tod waren Dinge, die man in den ersten Zeiten vom christlichen Bekenntnis hatte. „Fünfmal erhielt ich von Juden die neununddreißig Hiebe“, schreibt Paulus, „dreimal wurde ich ausgepeitscht, einmal gesteinigt, dreimal erlitt ich Schiffbruch, eine Nacht und einen Tag trieb ich auf hoher See. Ich war oft auf Reisen, gefährdet durch Flüsse, gefährdet durch Räuber, gefährdet durch das eigene Volk, gefährdet durch Heiden, gefährdet in der Stadt, gefährdet in der Wüste, gefährdet auf dem Meer, gefährdet durch falsche Brüder.“ (2 Kor 11,24-26) Nicht nur der Hohe Rat, sondern bald auch die Römer wurden auf diese neue Sekte da aufmerksam, und bereits in den 60ern hatte man die erste richtige Christenverfolgung unter Nero. Sorry, aber: wer lässt sich für etwas foltern und hinrichten, das er selber erfunden hat? Denn das hätten Petrus und die übrigen Apostel laut dieser Theorie getan. (Und laut Überlieferung wurde Petrus immerhin kopfüber gekreuzigt, was jetzt auch nicht sooo wahnsinnig angenehm ist.) Wenn man dazu mal Tacitus liest: „Doch nicht durch menschliche Hilfe, noch durch des Kaisers Spendungen oder durch Sühnungen der Götter ließ sich das Gerücht bannen, dass man glaubte, es sei die Feuersbrunst befohlen worden. Um daher dieses Gerede zu vernichten, gab Nero denen, welche wegen ihrer Schandtaten verhasst waren und welche das Volk Christen [wörtlich: Chrestianer] nannte, die Schuld und belegte sie mit den ausgesuchtesten Strafen. Derjenige, von welchem dieser Name ausgegangen war, Christus [Chrestus], war unter des Tiberius Regierung vom Procurator Pontius Pilatus hingerichtet worden; und der für den Augenblick unterdrückte verderbliche Aberglaube brach wieder aus, nicht nur in Judäa, dem Vaterlande dieses Unwesens, sondern auch in der Hauptstadt, wo von allen Seiten alle nur denkbaren Gräuel und Abscheulichkeiten zusammenströmen und Anhang finden. Die erste Zeit also wurden solche ergriffen, welche sich dazu bekannten, und dann auf deren Anzeige eine ungeheure Menge nicht sowohl der Brandstiftung als des allgemeinen Menschenhasses überwiesen. Und bei ihrem Tode ward auch noch Spott mit ihnen getrieben, dass sie mit Häuten wilder Tiere bedeckt durch Zerfleischung durch Hunde oder an Kreuze geheftet oder im Feuerkleid ihren Tod fanden, und wenn sich der Tag geneigt hatte, zur nächtlichen Erleuchtung verbrannt wurden. Seinen Park hatte Nero zu diesem Schauspiel geöffnet und gab ein Circusspiel, wobei er sich im Aufzug eines Wagenlenkers oder auf dem Wagen stehend sich unter das Volk mischte. Daher wurde, wenn auch für noch so Schuldige, welche die härtesten Strafen verdient hatten, Mitleid rege, als würden sie nicht dem allgemeinen Besten, sondern der Mordlust eines Einzigen geopfert.“ Das klingt jetzt alles nicht so toll. Und auch in den nächsten 250 Jahren noch hatte man Glück, wenn man als Christ halbwegs unbehelligt durchs Leben kam, ohne Gewalt oder Flucht oder Verhaftung erleben zu müssen; Vorteile hatte man vom Christsein gleich null. (Zum Märtyrer wurde man nicht zwangsläufig, weil die Verfolgung nur mal hier und da ausbrach, aber sicher war man eigentlich nie.) Natürlich könnte man nun annehmen, dass die Apostel und übrigen Anhänger Jesu (davon gab es ja wesentlich mehr als zwölf) einfach unterirdisch dumm gewesen wären oder sehr verkappte Selbstmordabsichten gehabt hätten, aber wirklichen Erklärungswert hat diese These eher nicht so, finde ich. Und auch die These der Massenhalluzination ist, na ja, nicht sehr schlüssig. Welche Parallelen gäbe es denn für so etwas?

Es gibt natürlich noch weitere Argumente. Zum Beispiel, wenn man sich diesen Mann, von dem das alles ausgeht, diesen Jesus von Nazareth selbst, ansieht. Es gibt dieses Argument, das man klassischerweise mit den Worten „Aut Deus aut homo malus“ zusammenfasst: Jesus muss entweder Gott oder ein schlechter Mensch (oder ein Verrückter) gewesen sein, denn er behauptete, Gott zu sein, was kein guter Mensch tut. Er war aber, nach allem, was wir in den Evangelien über ihn lesen, kein schlechter Mensch und kein Verrückter, also bleibt nur die Möglichkeit: Er hat ganz einfach die Wahrheit gesagt und war Gott. Ich will mal wieder C. S. Lewis zitieren:

„Unter diesen Juden taucht plötzlich ein Mensch auf, der redet, als wäre er Gott. Er behauptet, Sünden vergeben zu können. Er sagt, er sei von Ewigkeit an gewesen. Er sagt, er werde am Ende der Zeiten kommen, um die Welt zu richten. Überlegen wir einmal, was das heißt: Unter Pantheisten, etwa den Indern, könnte jeder sagen, er sei ein Teil Gottes oder er sei eins mit Gott; das wäre nichts Besonderes. Aber da dieser Mann Jude war, konnte er einen solchen Gott nicht meinen. In seiner Sprache bedeutete Gott jenes Wesen außerhalb der Welt, das die Welt erschaffen hat und mit nichts anderem zu vergleichen ist. Haben wir begriffen, was das heißt, dann wird klar: Was dieser Mann sagte, war schlechthin das Schockierendste, was je über menschliche Lippen gekommen ist.

Dabei entgeht uns oft ein gewisser Aspekt seiner Behauptung. Wir haben ihn schon so oft gehört, dass wir gar nicht mehr wissen, was damit eigentlich gesagt wird. Ich meine den Anspruch, Sünden zu vergeben. Diese Behauptung ist wirklich so ungeheuerlich, dass sie komisch wirken muss, solange sie nicht von Gott selbst kommt. Wir alle wissen, wie ein Mensch ihm angetanes Unrecht vergibt. Jemand tritt mir auf den Fuß, und ich verzeihe ihm; jemand stiehlt mir mein Geld, und ich vergebe ihm. Was aber würden wir von einem Menschen halten, der – selber unberaubt und unbehelligt – verkündet, er vergebe allen, die anderen Leuten auf die Füße treten und anderer Leute Geld stehlen? Eselsdumme Albernheit wäre noch die zarteste Umschreibung für ein derartiges Verhalten.

Und doch hat Jesus eben dies getan. Er sagte den Menschen, ihre Sünden seien ihnen vergeben, ohne erst alle die anderen zu fragen, denen sie mit ihren Sünden Unrecht getan hatten. Er verhielt sich einfach so, als sei er der am meisten Betroffene, als sei er derjenige, demgegenüber man sich am meisten vergangen habe. Das ist jedoch nur dann verständlich, wenn er wirklich der Gott ist, dessen Gesetze gebrochen und dessen Liebe durch jede Sünde verletzt wird. Im Mund jedes anderen, der nicht Gott ist, würden diese Worte doch wohl ein Maß von Einfältigkeit und Einbildung zum Ausdruck bringen, das in der Geschichte seinesgleichen suchen müsste.

Dennoch (und das ist ebenso eigenartig wie bedeutsam) gewinnen nicht einmal seine Feinde, wenn sie die Evangelien lesen, den Eindruck von Einfältigkeit und Einbildung. Viel weniger noch die vorurteilsfreien Leser. […]

Ich möchte damit jedermann vor dem wirklich dummen Einwand bewahren, er sei zwar bereit, Jesus als großen Morallehrer anzuerkennen, nicht aber seinen Anspruch, Gott zu sein. Denn gerade das können wir nicht sagen. Ein Mensch, der solche Dinge sagen würde, wie Jesus sie gesagt hat, wäre kein großer Morallehrer. Er wäre entweder ein Irrer – oder der Satan in Person. Wir müssen uns deshalb entscheiden: Entweder war – und ist – dieser Mensch Gottes Sohn, oder er war ein Narr oder Schlimmeres. Wir können ihn als Geisteskranken einsperren, wir können ihn verachten oder als Dämon töten. Oder wir können ihm zu Füßen fallen und ihn Herr und Gott nennen. Aber wir können ihn nicht mit gönnerhafter Herablassung als einen großen Lehrer der Menschheit bezeichnen. Das war nie seine Absicht; diese Möglichkeit hat er uns nicht offengelassen.“

Ich habe mal einen Theologen sagen hören, es sei eigentlich kein Wunder, dass man Jesus hingerichtet habe, erstaunlich sei es eher, dass man ihn nicht schon früher hingerichtet habe. Ich finde, das trifft es ganz gut. „Darauf sagte der Hohepriester zu ihm: Ich beschwöre dich bei dem lebendigen Gott, sag uns: Bist du der Messias, der Sohn Gottes? Jesus antwortete: Du hast es gesagt. Doch ich erkläre euch: Von nun an werdet ihr den Menschensohn zur Rechten der Macht sitzen und auf den Wolken des Himmels kommen sehen. Da zerriss der Hohepriester sein Gewand und rief: Er hat Gott gelästert! Wozu brauchen wir noch Zeugen? Jetzt habt ihr die Gotteslästerung selbst gehört. Was ist eure Meinung? Sie antworteten: Er ist schuldig und muss sterben.“ (Mt 26,63-67) Und doch – obwohl er solche Dinge sagte, die ihn in den Augen mancher zum frevelhaftesten aller Gotteslästerer machten – folgten ihm andere voller Überzeugung, Hoffnung, Vertrauen und Liebe. „Herr, zu wem sollen wir gehen?“ sagte Petrus. „Du hast Worte ewigen Lebens.“ (Joh 6,68) Und, später, zum Auferstandenen: „Herr, du weißt alles, du weißt, dass ich dich liebe.“ (Joh 21,17) „Herr, wenn du willst, kannst du machen, dass ich rein werde“, sagte der Aussätzige (Mt 8,2). „Herr, ich bin es nicht wert, dass du mein Haus betrittst; sprich nur ein Wort, dann wird mein Diener gesund“, sagte selbst der römische Hauptmann von Kafarnaum, der Jesus um die Heilung seines Dieners bat. „Auch ich muss Befehlen gehorchen und ich habe selber Soldaten unter mir; sage ich nun zu einem: Geh!, so geht er, und zu einem andern: Komm!, so kommt er, und zu meinem Diener: Tu das!, so tut er es.“ (Mt 8,8-9) Ich glaube, dass es einen Grund für diese Berichte der Evangelisten geben muss. Wieso erzählten sie von solchen Dingen? Wieso glaubten sie so unbeugsam an die Macht und Liebe Jesu? Die logischste Erklärung ist, dass sie Wahres berichten.

Es gibt in der ganzen Geschichte der Menschheit keinen Menschen, der Jesus von Nazareth gleicht. Wer die Bergpredigt oder ähnliche seiner Worte liest, wird ihn gern als einen großen Weisheitslehrer bezeichnen; aber er ist nicht wie Sokrates oder Konfuzius, die wirklich Weisheitslehrer, und einfach nur Weisheitslehrer, waren. Sie lehrten Moral und Philosophie; und sie sagten dabei viele gute Dinge und waren sich dennoch bewusst, dass sie nur Menschen waren, die nach dem richtigen Weg suchten. Er dagegen sprach von der Erlösung durch seinen Tod; er sprach: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben.“ (Joh 14,6) Es ist lächerlich, ihn mit anderen Religionsgründern auf eine Stufe stellen zu wollen; keiner von denen behauptete jemals, was er behauptete. Viele Menschen sagten im Lauf der Geschichte, sie seien von Gott gesandt; aber wie viele behaupteten, Gott zu sein? Gegen Mohammed lässt sich viel sagen; er hat sich ziemlich viele Frauen genommen, darunter eine Neunjährige, und viel Zeit damit verbracht, Kriege zu führen, und duldete nicht, wenn irgendjemand seine göttliche Sendung hinterfragte. Aber auch er hat niemals die Anmaßung besessen, sich selbst mit Gott gleichzusetzen. Selbst die römischen Kaiser nannten sich nur „divus“, „vergöttlicht“; sie setzten sich nicht mit dem Schöpfer der Welt gleich. Jesus von Nazareth dagegen, dessen gewalttätigste Tat wohl war, dass er die Händler aus dem Tempel trieb, und gegen den kaum jemals der Vorwurf laut wird, er sei ein schlechter Mensch gewesen, hat sich mit Gott gleichgesetzt.

Man wird Christ, indem man Christus kennenlernt und ihm folgt; nicht, indem man eine Lehre annimmt. Und der Christus aus den Evangelien… wer würde diesem Mann nicht folgen wollen? Man kann nicht Christ sein, wenn man Christus nicht kennt, wenn man nicht weiß, wie er war, was er tat, was er litt. Darum würde ich jeden, der das Christentum ablehnt, erst einmal fragen, ob er die Evangelien gelesen hat.

Ein weiteres Argument: Die christliche Offenbarung schließt zunächst einmal die jüdische im Alten Testament mit ein; und die Einzigartigkeit der Juden im Alten Orient (ach was, die Einzigartigkeit der Juden zu allen Zeiten) ist etwas, was leicht ins Auge fällt. Sie lässt sich nicht so einfach erklären. Das auserwählte Volk ist das einzige Volk der Welt, das einen derartig klaren Monotheismus entwickelte, aber den einen Gott nicht nur als fernen obersten Gott über irgendwelchen der Menschenwelt näher stehenden Göttern und Geistern verehrte, sondern wirklich auch als den ihnen nahen, persönlichen Gott ihres Volkes, der es auserwählt hatte und beschützte, der zu Abraham, Isaak und Jakob gesprochen und die Israeliten unter Mose aus Ägypten herausgeführt hatte. Ein Gott, der nicht ist wie die Götter der anderen Völker, sondern der gut ist, dem es unmöglich ist, schlecht zu sein. Die Einzigkeit des auserwählten Volkes (auch in der Hinsicht, dass es, anders als Moabiter, Ammoniter oder Jebusiter trotz seiner ständigen Bedrohung und Unterdrückung einfach noch nach über 3000 Jahren existiert) ist eine Tatsache. Und sie lässt sich am besten damit erklären, dass es wirklich von Gott auserwählt wurde, dass er es führte und sich ihm zeigte.

Und in dieser Einzigkeit ist ihm die Kirche Gottes, das aus Juden und Heiden zusammengesetzte neue Israel, ähnlich: die einzige Institution der Geschichte, die 2000 Jahre überlebt hat, Verfolgungen und Vereinnahmungen gleichermaßen, und sich in ihrem Kern dabei nicht gewandelt hat. Sie hat die römischen Kaiser ebenso überlebt wie die französische Schreckensherrschaft, den Arianismus ebenso wie den Protestantismus oder den Kommunismus. Ich habe mal für ein Seminar über die Propaganda der französischen Revolutionsregierung gegen das Christentum recherchiert. Es ist schon ganz interessant, wenn man liest, dass es 1793 oder ’94 Leute gab, die die katholische Kirche für größtenteils erledigt hielten und ihr vielleicht noch ein paar Jahre gaben, und Pius VI. spaßeshalber „Pius den Letzten“ nannten. (Inzwischen haben wir übrigens zwölf Piusse auf dem Papstthron gehabt.) Es ist schon ganz witzig, wenn man in einer Zeit, in der es weltweit 1,2 Milliarden Katholiken gibt und mindestens 1,6 Millionen davon zu einem Treffen mit dem Papst nach Krakau pilgern, so etwas liest. Es ist ebenso witzig, wenn Leute heutzutage dann auf einmal ganz verwundert feststellen, dass Religion ja seltsamerweise immer noch nicht ausgestorben ist, nicht mal diese katholische Kirche da. Die katholische Kirche wird nicht untergehen. Das hat Christus, ihr Oberhaupt, ihr fest zugesagt. „Ich aber sage dir: Du bist Petrus und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen und die Mächte der Unterwelt werden sie nicht überwältigen. Ich werde dir die Schlüssel des Himmelreichs geben; was du auf Erden binden wirst, das wird auch im Himmel gebunden sein, und was du auf Erden lösen wirst, das wird auch im Himmel gelöst sein.“ (Mt 16,18-19) Inzwischen hat Simon Petrus, das erste stellvertretende Oberhaupt der katholischen Kirche, immerhin 265 Nachfolger gehabt, die diese Schlüsselgewalt ausübten und ausüben.

Es gibt noch vieles, was man anführen könnte. Zum Beispiel die Erfüllung alttestamentlicher Prophezeiungen durch Christus. Schon mal Psalm 22 oder Jesaja 53 gelesen? (Nebenbei: Vom Buch Jesaja haben wir eine vollständige Handschrift von ca. 200 v. Chr. aus Qumran.) „Sie durchbohren mir Hände und Füße. Man kann all meine Knochen zählen; sie gaffen und weiden sich an mir. Sie verteilen unter sich meine Kleider und werfen das Los um mein Gewand.“ (Ps 22,17-19) „Doch er wurde durchbohrt wegen unserer Verbrechen, wegen unserer Sünden zermalmt. Zu unserem Heil lag die Strafe auf ihm, durch seine Wunden sind wir geheilt. Wir hatten uns alle verirrt wie Schafe, jeder ging für sich seinen Weg. Doch der Herr lud auf ihn die Schuld von uns allen. Er wurde misshandelt und niedergedrückt, aber er tat seinen Mund nicht auf. Wie ein Lamm, das man zum Schlachten führt, und wie ein Schaf angesichts seiner Scherer, so tat auch er seinen Mund nicht auf. Durch Haft und Gericht wurde er dahingerafft, doch wen kümmerte sein Geschick? Er wurde vom Land der Lebenden abgeschnitten und wegen der Verbrechen seines Volkes zu Tode getroffen. Bei den Ruchlosen gab man ihm sein Grab, bei den Verbrechern seine Ruhestätte, obwohl er kein Unrecht getan hat und kein trügerisches Wort in seinem Mund war. Doch der Herr fand Gefallen an seinem zerschlagenen (Knecht), er rettete den, der sein Leben als Sühnopfer hingab.“ (Jes 53,5-10) „Und sie werden auf den blicken, den sie durchbohrt haben.“ (Sach 12,10)

Erwähnenswert wäre auch die interessante Tatsache, dass es in der katholischen Kirche recht häufig Wunder gibt (vor allem Heilungswunder), die von unabhängigen Ärzten nachgeprüft werden und für die keine wissenschaftliche Erklärung gefunden werden kann – für jede Selig- und Heiligsprechung sind sie beispielsweise nötig. In welcher anderen Religion ist das der Fall? Man könnte auch auf das Sonnenwunder von Fatima 1917, das Grabtuch von Turin, das Marienbild von Guadeloupe, die Heilungen in Lourdes, auf unverweste Leichname Heiliger oder Hostienwunder wie in Lanciano, Liegnitz (2013) und Buenos Aires (1996) hinweisen. Jede einzelne dieser Sachen könnte einem erst einmal einfach komisch und unerklärlich vorkommen, aber irgendwie wird sich das ja wohl erklären lassen… – aber ihre Summe ist doch irgendwie seltsam, oder? Vor allem angesichts der Tatsache, dass alle genannten Vorkommnisse von wissenschaftlicher Seite aus untersucht sind und bisher nicht zufriedenstellend erklärt werden konnten. (Natürlich gibt es auch Fälle, wo angebliche Wunder sich als keine Wunder herausstellten. Die sind sogar zahlreicher. Aber genau deshalb ist der Kirche da ja eine genaue Prüfung so wichtig.)

Man könnte auch auf die innere Logik der katholischen Lehre hinweisen. Hier gibt es keine inneren Widersprüche; auch nichts, was der grundlegenden menschlichen Erfahrung widerspricht. Ein beliebiges Beispiel: Erbsünde. Die katholische Ansicht (der Mensch hat einen freien Willen und kann zwischen Gut und Böse wählen, aber er neigt zum Bösen und kein Mensch wird immer nur das Gute wählen) entspricht ganz genau der alltäglichen Erfahrung. Determinismus oder Calvinismus, die dem Menschen den freien Willen absprechen, widersprechen ihr dagegen ebenso wie die Philosophie Rousseaus oder der Pelagianismus, die den Menschen beide für grundsätzlich gut und bloß ein bisschen erziehungsbedürftig erklärten.

Ich habe alle diese Argumente hier nun eher angerissen; natürlich müsste man sie genauer erläutern. Ich wollte eben einfach einen Überblick über ein paar der wichtigsten Gründe bieten, die katholische Offenbarung für eine wirkliche Offenbarung Gottes zu halten.

Etwas übers Beten im Stand der Todsünde

Ein paar sehr schöne Worte von Father Mike Schmitz über das Gebet im Stand der schweren Sünde:

Ein kurzes Zitat:

„In fact, the Catholic theology on this is this: Every time you and I go to pray, it’s always gonna be a response. None of us are ever initiators of prayer to God. It’s always God who initiates and invites us to pray, and if you ever pray, ever, it’s always a response to God. Which means a couple of things: One is, you never have to fight to get God’s attention. If you want His attention, that’s because He’s inviting you to give Him your attention. Secondly, when we go to confession, I think sometimes we have this image that when we go to confession, we go before the Lord and say to God: ‚Please please please give me another chance, I promise I’ll – you know – be good, give me another chance.‘ The exact opposite is true. When you go to confession, it’s actually God saying to you: ‚Please, give me another chance. Give me another chance to love you, give me another chance to have mercy on you, give me another chance to bring you into right relationship with me.‘ Why? Because the number one thing God wants with us is, He wants to be in relationship with us.“

(„Tatsächlich ist die katholische Lehre darüber das: Jedes Mal, wenn du und ich beten, wird es eine Antwort sein. Keiner von uns ist jemals Initiator eines Gebets zu Gott. Es ist immer Gott, der die Initiative ergreift und uns zum Gebet einlädt, und wenn du jemals betest, jemals, dann ist es immer eine Antwort an Gott. Was mehrere Sachen bedeutet: Das Erste ist, du musst dich niemals anstrengen, um Gottes Aufmerksamkeit zu erhalten. Wenn du Seine Aufmerksamkeit willst, ist das, weil Er dich einlädt, Ihm deine Aufmerksamkeit zu schenken. Zweitens, wenn wir zur Beichte gehen, ich glaube, dann haben wir manchmal dieses Bild, dass, wenn wir zur Beichte gehen, wir vor den Herrn hintreten und zu Gott sagen: ‚Bitte bitte bitte gib mir noch eine Chance, ich verspreche, ich werde – du weißt schon – brav sein, gib mir noch eine Chance.‘ Das genaue Gegenteil ist wahr. Wenn du zur Beichte gehst, ist es tatsächlich Gott, der zu dir sagt: ‚Bitte, gib mir noch eine Chance. Gib mir noch eine Chance, dich zu lieben, gib mir noch eine Chance, Gnade mit dir zu haben, gib mir noch eine Chance, dich in die richtige Beziehung zu mir zu bringen.‘ Wieso? Weil das Allererste, was Gott mit uns will, ist, Er will mit uns in Beziehung sein.“)