Komm, Herr Jesus!

Advent heißt Ankunft. Und in der Adventszeit denken wir nicht nur an die Ankunft Jesu vor zweitausend Jahren, sondern auch daran, dass er genau jetzt in unsere Zeit, in unser Leben kommen will, aber ebenso auch an seine bevorstehende Ankunft am Ende aller Zeiten, von der wir in den Lesungen der Adventssonntage hören.

Das ist durchaus kein Randthema. Die letzten Sätze der Bibel, mit denen dieses Buch seine Botschaft abschließt, lauten:

„Er, der dies bezeugt, spricht: Ja, ich komme bald. – Amen. Komm, Herr Jesus! Die Gnade des Herrn Jesus sei mit allen!“ (Offb 22,20f.)

Komm, Herr Jesus! Diese tiefe, hoffnungsvolle Sehnsucht, diese frohe Erwartung… ich muss zugeben, dass ich mir damit oft schwer tue. Ich meine, da werde ich wahrscheinlich nicht die einzige sein: Wer von uns Christen wünscht sich denn wirklich im tiefsten Inneren, wenn er einmal ganz ehrlich mit sich selbst ist, dass der Herr endlich wiederkehren möge, so bald wie möglich, am besten gleich sofort? Ich jedenfalls… meistens nicht. Man fühlt sich nicht bereit. Lieber jetzt noch nicht gleich. Lieber irgendwann später einmal. (Ob man jetzt an die Wiederkunft Christi im Großen, d. h. die sog. Parusie, oder einfach an den eigenen Tod denkt.) Da sind Skrupulanten wie ich wahrscheinlich keineswegs die Einzigen, denen diese Sehnsucht der ersten Christen so fremd ist. (In einem schönen Beitrag zum Blogoezesanen Adventskalender beispielsweise geht es ebenfalls um dieses Thema: http://mightymightykingbear.blogspot.de/2016/12/worauf-warten-wir-eigentlich.html)

Aber wieso eigentlich? Wie ist das so gekommen? Wenn wir in die Bibel schauen: Die Menschen, die diese Texte geschrieben haben, sehnten sich nach Gott, liebten ihn, wollten endlich, endlich sein Angesicht schauen. Man lese die Psalmen, die Propheten, die Evangelien (die ersten Kapitel des Lukasevangeliums allein!), die Apostelbriefe, die Offenbarung… Diese Menschen sehnten sich nach Gott. Und dafür hatten sie ja auch guten Grund, denn sie kannten Ihn.

Auch wenn ich mir dank meiner neurotisch geprägten Gottesvorstellung nicht immer so leicht mit dem Gedanken an die nächste Ankunft Jesu tue: Ich mag Weihnachten sehr. Weihnachten ist ein so schönes Fest, so ziemlich mein liebstes im Kirchenjahr. Es ist schön, die Krippe anzuschauen. Es klingt vielleicht blöd, das so zu sagen, aber: Das Jesuskind hat etwas so… Un-Bedrohliches an sich. Es ist so hilflos, liebenswert und kann einem nichts tun, es kann nicht einmal reden; es macht es einem leicht, es lieb zu haben. Ja, ich weiß, gerade in meinen erzkatholischen Kreisen redet man gerne davon, dass Gott kein braver, zahmer Gott ist, den wir uns nach unseren Vorstellungen zurechtmodellieren könnten, und wendet sich gegen eine die Ansprüche des Christentums fallen lassende, verwässerte Wir-kommen-eh-alle-in-den-Himmel-Theologie. Hat ja auch irgendwo seinen Sinn. Aber dieses Verhalten ist bloß eine Reaktion auf eine Übertonung eines Aspekts des Christentums – nicht das Christentum selbst. Wir müssen von der Barmherzigkeit, Güte und Zärtlichkeit Gottes sprechen (ja, auch nachdem das Jahr der Barmherzigkeit vorbei ist!), und uns selber klar werden, uns wirklich bewusst werden, wie groß Seine Liebe zu uns eigentlich ist. Gerade Weihnachten führt uns diese Liebe ja wieder so eindringlich vor Augen.

Ich liebe C. S. Lewis’ „Chroniken von Narnia“, ich habe alle sieben Bücher viele Male gelesen. Das siebte davon, „Der letzte Kampf“, lohnt sich besonders. (Okay, alle lohnen sich, eigentlich ist es unmöglich, eins davon auf diese Weise herauszustellen.) Dieses Buch beginnt damit, dass in Narnia ein machtgieriger, verschlagener Affe einen Esel mit einer Löwenhaut verkleidet und ihn als den wiedergekehrten Aslan ausgibt. Er ist kein zahmer Löwe, das ist der Satz, den der Affe und seine Helfer – und er selbst wird bald nur noch zu einem untergeordneten Helfer der mächtigen Kalormenen, die seinen Betrug für sich zu nutzen wissen – immer wieder im Lauf des Buches wiederholen, um die Tyrannei, die sie mithilfe des falschen Aslan aufzubauen versuchen, gegenüber den Narnianen durchzusetzen. Perfiderweise ist das ein Satz, der schon in den früheren Büchern gelegentlich vorgekommen ist und bei dem alle Narnianen wissen, dass er wahr ist. Viele glauben dem Affen, und auch einige der Hauptfiguren zweifeln anfangs, ob es nicht tatsächlich Aslan sein könnte, der da gekommen ist, als sie zuerst von ihm hören, so etwa König Tirian von Narnia und sein Freund, das Einhorn Kleinod:

„Noch etwas“, sprach der König, „das Pferd meinte, alles sei Aslans Befehl. Von der Ratte hörten wir dasselbe. Alle sagen, Aslan ist hier. Wenn das nun wahr ist?“

 „Aber, Majestät, wie könnte Aslan solche entsetzlichen Dinge anordnen?“

 „Er ist kein zahmer Löwe“, gab Tirian zu bedenken. „Wie sollen wir wissen, was er täte, wir, die wir Mörder sind? [Die beiden haben im Affekt zwei Kalormenen getötet, um ein sprechendes Pferd zu befreien.] Kleinod, ich will umkehren. Ich will mein Schwert ablegen und mich selbst in die Hände dieser Kalormenen begeben. Sie sollen mich vor Aslan bringen und er soll über mich Recht sprechen.“

 „Das wird Euer Tod sein!“, sagte Kleinod.

 „Glaubst du, ich frage danach, wenn Aslan mich zum Tode verurteilt?“, erwiderte der König. „Das macht mir nichts aus. Wäre es nicht besser, tot zu sein, als diese schreckliche Angst zu haben, dass Aslan zwar gekommen ist, aber nicht als der, an den wir geglaubt haben? Es ist, als ginge plötzlich eine schwarze Sonne auf.“

 „Ich weiß“, erwiderte Kleinod. „Oder als ob man Wasser trinken will und das Wasser ist vertrocknet. Ihr habt Recht, Majestät. Das ist das Ende aller Dinge. Wir sollten gehen und uns Aslan ausliefern.“

 „Beide müssen wir nicht gehen.“

 „Wenn wir jemals Freunde waren, dann lasst mich jetzt mit Euch kommen“, sagte das Einhorn. „Wenn Ihr tot seid, was bliebe mir vom Leben?“

Sie liefern sich also den Kalormenen aus und werden vor den Affen gebracht, der den verkleideten Esel in einem Stall verborgen hält und bloß abends bei Dunkelheit kurz herauskommen lässt, damit er sich den Narnianen und Kalormenen zeigt. Als sie dort ankommen, ist der Affe erst einmal damit beschäftigt, die Eichhörnchen herumzukommandieren, damit sie ihm ihre letzten Vorräte an Nüssen bringen:

Ein bestürztes Murmeln kam aus der Reihe der Eichhörnchen. Ihr Anführer sagte mutig: „Bitte, könnte nicht Aslan selbst mit uns darüber sprechen? Oder dürfen wir ihn nicht sehen?“

 „Nein, das wird euch nicht erlaubt“, kreischte der Affe. „Er wird so gnädig sein und heute Abend ein paar Minuten herauskommen. Das ist schon mehr, als die meisten von euch verdienen. […]“

 […]

 Plötzlich hörte man die tiefe Stimme eines zottigen Bären. „Aber warum können wir Aslan jetzt nicht sehen? Wenn er früher in Narnia erschien, konnte jeder mit ihm sprechen, von Angesicht zu Angesicht.“

 „Das glaubst du doch wohl selbst nicht“, entgegnete der Affe. „Aber, selbst wenn es so war, die Zeiten haben sich geändert. Aslan sagt, er sei früher viel zu sanft mit euch gewesen, versteht ihr? Sanft wird er nicht mehr sein. Diesmal wird er euch gehörig zurechtstutzen. Er wird euch den Gedanken, er sei ein zahmer Löwe, schon austreiben!“

Nun, wie genau es weitergeht, will ich jetzt hier nicht verraten, aber vor dem Ende des Buches kehrt dann jedenfalls noch der wahre Aslan zurück: ein ziemlicher Kontrast zu dem Schauspiel des Affen.

Als er noch sprach, erzitterte die Erde. Die milde Luft wurde plötzlich noch milder. Etwas Helles leuchtete hinter ihnen auf. Alle wandten sich um, Tirian zuletzt, weil er Angst hatte. Da stand die Sehnsucht seines Herzens groß und wirklich vor ihm: der Goldene Löwe, Aslan selbst. Schon knieten die anderen im Kreis um seine Vorderpfoten und vergruben ihre Hände und Gesichter in seiner Mähne. Aslan aber beugte sein großes Haupt und streichelte sie mit seiner Zunge. Dann fasste er Tirian scharf ins Auge, und Tirian kam zitternd näher und warf sich dem Löwen zu Füßen. Der Löwe küsste ihn und sagte: „Du hast gute Arbeit geleistet, letzter König von Narnia, der standhielt in seiner dunkelsten Stunde.“

Den Rest bitte selber lesen. Dieses Buch ist so schön.

Es stimmt: Zahm ist Gott tatsächlich nicht – aber Er ist gut. Er lässt sich nicht von uns kontrollieren – aber Er liebt uns mit inniger, zärtlicher Liebe.

„Der Geliebte spricht zu mir: Steh auf, meine Freundin, meine Schöne, so komm doch! Denn vorbei ist der Winter, verrauscht der Regen. Auf der Flur erscheinen die Blumen; die Zeit zum Singen ist da. Die Stimme der Turteltaube ist zu hören in unserem Land. Am Feigenbaum reifen die ersten Früchte; die blühenden Reben duften. Steh auf, meine Freundin, meine Schöne, so komm doch! Meine Taube im Felsennest, versteckt an der Steilwand, dein Gesicht lass mich sehen, deine Stimme hören! Denn süß ist deine Stimme, lieblich dein Gesicht.“ (Hohelied 2,10-14)

„Alles an dir ist schön, meine Freundin; kein Makel haftet dir an. Komm doch mit mir, meine Braut, vom Libanon, weg vom Libanon komm du mit mir! Weg vom Gipfel des Amana, von den Höhen des Senir und Hermon; weg von den Lagern der Löwen, den Bergen der Panther. Verzaubert hast du mich, meine Schwester Braut; ja verzaubert mit einem (Blick) deiner Augen, mit einer Perle deiner Halskette. Wie schön ist deine Liebe, meine Schwester Braut; wie viel süßer ist deine Liebe als Wein, der Duft deiner Salben köstlicher als alle Balsamdüfte.“ (Hohelied 4,7-10)

Ich denke, vielleicht ist Weihnachten gerade das Fest für Skrupulanten und andere, die sich schwer damit tun, Gott zu lieben. Es macht einem irgendwie deutlich, dass Gott es nicht darauf abgesehen hat, uns dranzukriegen, sondern dass Gott auf unserer Seite ist – Er ist gekommen, um uns zu retten.

Hier noch zuletzt ein wunderbares Lied zum Advent, der Zeit, in der wir lernen können, uns auf die Ankunft des Herrn zu freuen:

 

O come, O come, Emmanuel

And ransom captive Israel

That mourns in lonely exile here

Until the Son of God appear

Rejoice! Rejoice! Emmanuel

Shall come to thee, O Israel.

 

O come, O come, Thou Lord of might,

Who to Thy tribes, on Sinai’s height,

In ancient times did’st give the Law,

In cloud, and majesty and awe.

Rejoice! Rejoice! Emmanuel

Shall come to thee, O Israel.

 

O come, Thou Rod of Jesse, free

Thine own from Satan’s tyranny

From depths of Hell Thy people save

And give them victory o’er the grave

Rejoice! Rejoice! Emmanuel

Shall come to thee, O Israel.

 

O come, Thou Day-Spring, come and cheer

Our spirits by Thine advent here

Disperse the gloomy clouds of night

And death’s dark shadows put to flight.

Rejoice! Rejoice! Emmanuel

Shall come to thee, O Israel.

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