Über schwierige Bibelstellen, Teil 1: Die Problemstellung

Immer wieder tauchen sie auf – in Diskussionen mit Atheisten (im Internet oder in der Welt da draußen), im Religionsunterricht, im Theologiestudium – und manchmal bereiten sie einem auch selber Kopfschmerzen: die „schwierigen“ Bibelstellen. Ob jetzt Achtjährige, denen man von Mose erzählt hat, wissen wollen, wieso denn Gott auch die ganzen erstgeborenen Kinder der Ägypter umgebracht hat, wo doch nur der Pharao so stur war; oder Atheisten ihre Ablehnung des Christentums damit begründen, der Gott der Bibel erlaube die Sklaverei und befehle Steinigungen und Völkermorde; oder man bei der abendlichen Bibellektüre nichtsahnend auf so erbauliche Stellen wie etwa Exodus 32,26-29 stößt:

„Mose trat an das Lagertor und sagte: Wer für den Herrn ist, her zu mir! Da sammelten sich alle Leviten um ihn. Er sagte zu ihnen: So spricht der Herr, der Gott Israels: Jeder lege sein Schwert an. Zieht durch das Lager von Tor zu Tor! Jeder erschlage seinen Bruder, seinen Freund, seinen Nächsten. Die Leviten taten, was Mose gesagt hatte. Vom Volk fielen an jenem Tag gegen dreitausend Mann. Dann sagte Mose: Füllt heute eure Hände mit Gaben für den Herrn! Denn jeder von euch ist heute gegen seinen Sohn und seinen Bruder vorgegangen und der Herr hat Segen auf ihn gelegt.“ Ähm, ja, hm. (Während Mose vierzig Tage auf dem Berg gewesen war, um mit Gott zu sprechen, hatten die Israeliten sich das goldene Kalb gegossen und es angebetet. Als er wieder heruntergekommen war, war er so wütend geworden, dass er erst einmal die Tafeln mit den zehn Geboten zerschmettert, das Kalb zerstört und seinen Bruder Aaron, der es hergestellt hatte, zur Rede gestellt hatte. Dann passierte das eben Geschilderte, was in der durchschnittlichen Kinderbibel aber wahrscheinlich eher ausgelassen wird.)

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(James Tissot, Moses destroys the Tables of the Ten Commandments, Wikimedia Commons)

Ich denke, die Frage nach den schwierigen Bibelstellen ist eine Frage, die man ernst nehmen sollte, denn sie ist eine wirkliche ernste Frage für manche Menschen, und keineswegs ein so lächerliches Argument wie manche Argumente von einer gewissen Sorte von Internet-Religionskritikern (z. B. „Die Religion ist für die Gewalt in der Welt verantwortlich“) es sind. Nein, es handelt sich hier um eine wirkliche, ehrliche Schwierigkeit. Und leider wird die katholische Antwort darauf viel zu selten deutlich vermittelt.

Ich neige sicher nicht dazu, diese Schwierigkeit kleinzureden, ich hatte sie nämlich selber mal. Hier will ich jetzt ein bisschen von meiner eigenen Entwicklung reden. Ich bin ja in einer katholischen, aber nicht besonders streng katholischen, Familie aufgewachsen. Man war an Weihnachten und Ostern, und vielleicht noch im Advent oder an Erntedank, mal im Gottesdienst, hatte zu den Feiertagen eine Krippe im Wohnzimmer stehen, und wenn meine Eltern uns als Kinder ins Bett brachten, beteten sie auch mit uns. Ich besuchte in Grundschule und Gymnasium den katholischen Religionsunterricht und ging auch zur Erstkommunion- und Firmvorbereitung in der Pfarrei; beides war wahrscheinlich so schlecht wie allgemein üblich, jedenfalls bestand letzteres mehr aus Bastelstunden als aus irgendeiner Vermittlung davon, was die besagten Sakramente bedeuten. (Ein Ausflug in ein nahes Kloster vor der Firmung war ganz interessant, okay.) Der Religionsunterricht ließ ähnlich zu wünschen übrig. Er war mal grauenvoll und mal ganz nett (je nach Lehrer), vermittelte vielleicht auch ein bisschen nützliches Wissen über die Geschichten von Abraham und Mose und so weiter, aber allgemein wenig Gründe dafür, wieso man überhaupt Christ sein sollte und was das Christsein eigentlich bedeutet. Ich nehme an, viele katholische Millenials haben ähnliche Erfahrungen.

Im Alter von ungefähr acht oder neun Jahren las ich eine Zeitlang immer wieder relativ enthusiastisch in der Kinderbibel, die bei uns daheim stand; aber schon damals hat es mir ein bisschen Kopfzerbrechen bereitet, dass es doch zum Beispiel bei der Eroberung Jerusalems durch König David doch auch recht gewaltsam zugegangen sein muss. Na ja, den Gedanken habe ich dann nicht mehr viel weiter verfolgt und der Enthusiasmus ist dann irgendwann nach meiner Erstkommunion von selber wieder abgeebbt. So im Alter von ungefähr zehn Jahren begann dann allerdings gewissermaßen meine „religionskritische Phase“. Ich war nie in meinem Leben Atheistin, es war damals eher so ein unentschlossenes, rebellisch aufgelegtes „Die Katholische Kirche ist doof“-Ding. Es störte mich, dass Frauen in der Kirche nicht gleichberechtigt waren, wie es damals für mich aussah; was konnte es anderes bedeuten, dass mein Geschlecht nicht zum Priesteramt zugelassen war, als dass der Papst und die Bischöfe und die alle da oben uns Frauen als minderwertig ansahen? Dann das Thema Glaube und Wissenschaft: Widersprach der Schöpfungsbericht nicht der Wissenschaft? Ich lebte keineswegs in einem kreationistischen Umfeld, aber auch in keinem sehr theologisch gebildeten, und machte mir ehrlich gesagt auch nicht übermäßig viel Mühe, bei denen in meinem Umfeld, die theologisch gebildet hätten sein sollen (d. h. der Religionslehrerschaft), Antworten auf meine Fragen zu suchen. (Welche schüchterne Zehnjährige geht schon von sich aus zur Religionslehrerin und fragt so etwas?) Ich weiß jedenfalls noch, dass es mich z. B. einmal ärgerte, dass in einer Randspalte meines Erdkundebuchs der fünften Klasse auf einer Seite, auf der es um den Urknall und die Evolution ging, auch die Erzählung über das Sieben-Tage-Werk aus dem Buch Genesis kurz zusammengefasst war und das Buch uns Schülern erklärte, von der Abfolge der Geschehnisse her stimme diese Erzählung mit den wissenschaftlichen Erkenntnissen eigentlich gut überein. Ich weiß noch, dass ich mir in etwa dachte: Meinetwegen – aber was haben religiöse Erzählungen in einem Buch über Naturwissenschaft verloren? (Ich war übrigens auf einem staatlichen Gymnasium, naturwissenschaftlicher Zweig.) Dann fragte ich mich auch, wie das mit den anderen Religionen auf der Erde so war; woher wollten wir wissen, dass die alle falsch waren und nur unser Gott der richtige? (Meine Ansichten waren damals ziemlich naiv und ich liebäugelte sogar mit dem Polytheismus – aber was will man erwarten? Ich lehnte übrigens das Christentum an sich nicht grundsätzlich ab, war mir nur in allem sehr unsicher und hatte auch keine Ahnung, wer Jesus eigentlich gewesen war.)

Mit zwölf Jahren, immer noch in dieser Einstellung, begann ich dann wieder einmal – aus welchem Grund, weiß ich nicht mehr, vielleicht war es einfach Neugierde – in der Bibel zu lesen, und zwar der richtigen Bibel, nicht der – wenn wir ehrlich sind – viele Geschichten ziemlich verharmlosenden Kinderbibel. Und da stieß ich auf die ersten Kapitel des Buches Josua, genauer gesagt, auf die Erzählung von der Eroberung Jerichos, und ich fand sie, kurz gesagt, grau-en-voll. „Mit scharfem Schwert weihten sie alles, was in der Stadt war, dem Untergang, Männer und Frauen, Kinder und Greise, Rinder, Schafe und Esel.“ (Jos 6,21) Wie konnte das der Wille Gottes sein, ein solches Massaker? Wie konnte so etwas in der Bibel stehen! Ich sah auch irgendwo einen Widerspruch zum Neuen Testament, und ich fand das auf jeden Fall alles ganz scheußlich. Damals dachte ich mir schon gerne Geschichten aus und machte die ersten Versuche darin, sie niederzuschreiben, und ich konzipierte dann aus meiner Empörung heraus sogar eine Geschichte, die die biblische Erzählung, na ja, sagen wir mal, aus einer etwas anderen Perspektive heraus in den Blick nahm. Mose, der nur eine geringe Rolle spielte und während des wichtigsten Teils der Handlung schon längst tot war, kam mit der Rolle des geistesgestörten, aber wenigstens ehrlichen, religiösen Fanatikers davon (wenn ich die oben erwähnte Schilderung über das, was nach der Sache mit dem goldenen Kalb passierte, damals auch bereits gelesen gehabt hätte, wäre es für ihn vielleicht nicht so glimpflich ausgegangen), während Josua sozusagen zum Erzschurken mutierte: einem grausamen Machtmenschen, der sogar Mose ermordet hatte, um seinen Platz einzunehmen, und mit erfundenen Geschichten über den Gott Jahwe für seine Legitimation unter den Israeliten sorgte. Rahab, die Prostituierte aus Jericho, die in der Bibel den israelitischen Spionen hilft und daher bei dem Massaker zusammen mit ihrer Familie netterweise am Leben gelassen wird („Zu den beiden Männern, die das Land erkundet hatten, sagte Josua: Geht zu dem Haus der Dirne und holt von dort die Frau und alles, was ihr gehört, wie ihr es ihr geschworen habt. Da gingen die jungen Männer, die Kundschafter, und holten Rahab, ihren Vater, ihre Mutter, ihre Brüder und alles, was ihr gehörte; sie führten ihre ganze Verwandtschaft (aus der Stadt) heraus und wiesen ihnen einen Platz außerhalb des Lagers Israels an. Die Stadt aber und alles, was darin war, brannte man nieder; nur das Silber und Gold und die Geräte aus Bronze und Eisen brachte man in den Schatz im Haus des Herrn. Die Dirne Rahab und die Familie ihres Vaters und alles, was ihr gehörte, ließ Josua am Leben. So wohnt ihre Familie bis heute mitten in Israel; denn Rahab hatte die Boten versteckt, die Josua ausgesandt hatte, um Jericho auskundschaften zu lassen.“ (Jos 6,22-25)), wird zu einer geschickten Opportunistin, die einfach auf ihr Überleben – und, zur Ehrenrettung meiner Figur muss man das sagen, auch auf das ihrer Familie – bedacht ist. Meine Hauptfiguren waren allerdings völlig erfundene Gestalten: zum einen eine Cousine Rahabs, die eben dank dieser überlebt, dann noch ein paar Bewohner Jerichos, die in dem Massaker durch sehr viel Glück und Zufall davonkommen und im Folgenden mehr oder weniger auf der Flucht oder im Untergrund leben, wo die Israeliten ja jetzt die Gegend beherrschen, darunter ein junger Mann, der dann eine tragisch endende heimliche Liebesbeziehung zu einem jüdischen Mädchen beginnt. (Hey, ich war zwölf.) Die Geschichte, deren Handlung über Jahrzehnte verlief und einige tragische, aber auch ein paar schöne Wendungen nahm, kam über ein paar wenige skizzierte Szenen nicht hinaus; eine davon war die, in der Rahabs Cousine zusammen mit ihrer ganzen Verwandtschaft in Rahabs Haus sitzt und dem Schlachten draußen in den Straßen lauscht.

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(James Tissot, The harlot of Jericho and the two spies, Wikimedia Commons)

Ein Grund, warum aus der Geschichte nichts mehr wurde, war wohl, dass mir nach und nach auffiel, dass ich nicht allzu viel Ahnung vom Alten Orient hatte und man ein bisschen rudimentäre Ahnung über eine Zeit haben muss (oder theoretisch haben sollte – wenn ich mir historische Romane so anschaue, ist es allgemein nicht immer üblich, Ahnung zu haben), wenn man über sie schreiben will. Dazu kam auch ein bisschen die Schwierigkeit, dass die Eroberung Jerichos laut der Bibel auf einem Wunder beruhte und meiner Handlung nach aber zwangsläufig nicht darauf beruhen konnte (wir erinnern uns: Josua, der falsche Prophet und Oberschurke), und vor allem die ganze Exodusgeschichte bereitete mir Schwierigkeiten. Denn die Anwesenheit der Israeliten in der Gegend von Jericho beruhte ja laut der biblischen Schilderung, auf der ich meine – nennen wir mal es freundlich – Abwandlung aufbaute, gerade darauf, dass Gott selbst sie „unter Prüfungen, unter Zeichen, Wundern und Krieg, mit starker Hand und hoch erhobenem Arm und unter großen Schrecken“ (Deuteronomium 4,34) aus der Sklaverei in Ägypten geführt hatte. Ich fragte mich, wie das damals eigentlich tatsächlich wohl gewesen war, recherchierte ein bisschen im Internet zu den Ausgrabungen in Jericho, kam zu keinem wirklichen Ergebnis. Irgendwann flaute mein Interesse an dem Thema einfach wieder ab.

Eins sollte ich aus dieser meiner bibelkritischen Zeit wohl noch erwähnen: Ich hatte ab der Jericho-Geschichte die feste Überzeugung gefasst, dass das Alte Testament böse sein müsse, und blätterte dann, zur Recherche und aus Neugier, noch durch die fünf Bücher Mose, besonders die darin enthaltenen Gesetzestexte. Meine Gedanken dabei lassen sich in etwa so wiedergeben: Ja, gut, ein Gesetz über Schutzgeländer an Dachterrassen hat schon irgendwo seinen Sinn, aber irgendwie ist es auch komisch, solche kleinkarierten Details unter einem angeblich göttlichen Gesetz stehen zu haben… da! Wieso um alles in der Welt verbietet dieses dämliche Buch jetzt Kleidung aus Mischgewebe? Okay, das Gesetz da klingt ganz sinnvoll… okay, das da auch… die alttestamentlichen Israeliten kannten schon das Konzept der Feindesliebe und das Verbot der Sippenhaft? Die Stelle hier klingt irgendwie richtig schön… aber hier! Schon wieder Steinigung! Das Alte Testament ist grausam und barbarisch! Kurz: im Rückblick kann ich sagen, dass ich eine Art von confirmation bias in action erlebte. Ich konzentrierte mich auf das, was ich ablehnen konnte.

Wie kommt es, dass ich dann zur Erzkatholikin mutierte? Na ja, das geschah so im Alter von fünfzehn Jahren, und hatte mehrere Gründe und Anlässe. Ich stieß auf einige Quellen zur katholischen Glaubenslehre, beschloss, mich mal etwas schlauer zu machen, was die Kirche denn eigentlich überhaupt lehrt, besorgte mir den neu erschienenen Youcat, und informierte mich noch anderswo. Schließlich kam ich zum Schluss, dass Jesus von Nazareth tatsächlich der Sohn Gottes sein musste; die Berichte über Seine Auferstehung waren historisch glaubwürdig, sie ließen sich nicht anders als durch Seine tatsächliche Auferstehung erklären, und die bestätigte wiederum Seine Göttlichkeit, deren Glaubwürdigkeit für mich überhaupt von allen Seiten her zunahm. Auch die Ansicht, Er habe die katholische Kirche ins Leben gerufen und der Unterstützung des Heiligen Geistes versichert, stellte sich als sinnvoll, logisch und durch die Geschichte bestätigt heraus. Ich kam, kurz gesagt, zu der Überzeugung, dass die katholische Kirche tatsächlich den wahren Glauben verkündete, und dass dann auch alle Bibelstellen irgendwie erklärbar sein müssten. Aber wie genau diese schwierigen Bibelstellen sich mit meinem Glauben harmonisieren ließen, das war für mich noch eine Zeit lang ein ungelöstes – aber auch eher untergeordnetes – Problem. Ich suchte immer mal wieder, wenn ich daran dachte, nach konkreten Antworten und war oft erstaunt, wie wenig ich dazu fand. Nach und nach stieß ich aber durch Zufall auf einige Dinge: etwa einen Essay von C. S. Lewis über die Psalmen, deren Rachsucht und Selbstgerechtigkeit mir, seit ich angefangen hatte, sie gelegentlich zu lesen und zu beten, immer wieder unangenehm aufgefallen war, eine schöne Katechese bei der Karl-Leisner-Jugend zum Gottesbild des Alten Testaments (http://www.k-l-j.de/055_altes_testament_gottesbild.htm), vereinzelte Bemerkungen bei verschiedenen Schriftstellern oder auf verschiedenen Internetseiten und schließlich auch ein Buch, das dieses Thema ganz systematisch anging, „Hard Sayings. A Catholic Approach to Answering Bible Difficulties“ von Trent Horn (das ich nur empfehlen kann; https://www.amazon.de/Hard-Sayings-Catholic-Answering-Difficulties/dp/1941663745/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1481850905&sr=8-1&keywords=trent+horn+hard+sayings); kurz gesagt, ich stellte fest, dass es da sehr wohl Antworten gibt, und weil diese viel zu wenig kommuniziert werden, möchte ich das Thema hier jetzt auch systematisch angehen. Ich werde mich dabei auch in vielem an Horn orientieren.

Man kann die Schwierigkeiten mit der Bibel in drei Gruppen einteilen:

  • Naturwissenschaftliche Schwierigkeiten
  • Historische Schwierigkeiten
  • Moralische/philosophische Schwierigkeiten

In die erste Kategorie gehört die Schöpfungsgeschichte, und vielleicht kann man auch das ganze Thema Wunder da noch einordnen. Die zweite Kategorie betrifft einfach die Frage „Ist das denn alles überhaupt so passiert?“ (Zum Beispiel haben die Ausgrabungen in Jericho die oben erwähnte Erzählung des Buches Josua eher nicht bestätigt.) Diese beiden Kategorien sind relativ einfach abzuhandeln, deshalb will ich mich in dieser Reihe hauptsächlich auf die dritte Kategorie konzentrieren, aber ohne die ersten zwei ganz zu ignorieren. Mit moralischen und philosophischen Schwierigkeiten meine ich lauter solche Schwierigkeiten, wie ich sie oben geschildert habe. Befiehlt ein guter Gott den Israeliten die Ausrottung der Kanaaniter? Tötet ein guter Gott einfach die ägyptischen Erstgeborenen? Wieso wird Gott als ein „eifersüchtiger Gott“ oder als ein Gott, der seine Meinung ändert und den sogar etwas „reut“, beschrieben? Das sind die eigentlich wichtigen Fragen hier, die man beantworten muss.

Es gibt ein paar Standardantworten, die Christen oft geben, wenn sie auf die schwierigen Bibelstellen angesprochen werden, und die oft (nicht immer) an sich richtig sind. (Dinge, die an sich richtig sind – das ist so eine Kategorie für sich.) Dazu zählen:

  • Das darf man nicht wörtlich nehmen!
  • Das muss man im Kontext lesen! (Gegebenenfalls in den Varianten: im Kontext des Abschnitts / im historischen Kontext)
  • Gelegentlich auch: Das steht im Alten Testament!

Hier muss man aufpassen. Gut aufpassen. Diese Sätze sind zwar oft ein guter Ansatzpunkt, aber es gibt da auch einige Dinge zu beachten.

Erstens sollten sie nicht zu einer raschen Ausrede werden, sondern auch genauer begründet werden.

Zweitens sollte man damit nicht einfach versuchen, etwas auf eine Art und Weise wegzuerklären, mit der man auch jede andere Bibelstelle wegerklären könnte. Das merken Diskussionspartner nämlich.

Drittens: „Das ist nicht wörtlich gemeint“ stimmt zwar gelegentlich, aber das heißt auch nicht einfach, dass es überhaupt nicht gemeint ist; „ es ist nicht wörtlich gemeint“ heißt nicht „das kann man ignorieren“. Wenn etwa Christus in seinen Gleichnissen die Hölle als einen Ort mit „Heulen und Zähneknirschen“ und in Begriffen wie Ausgeschlossensein, Dunkelheit und Feuer beschreibt, dann kann man durchaus davon ausgehen, dass das nicht im materiellen Sinne gemeint ist (wie gesagt: es sind Gleichnisse), aber die Aussage dieser Gleichnisse, dass die Hölle existiert und kein besonders schöner Ort ist, die bleibt trotzdem da stehen. Ausgeschlossensein, Dunkelheit und Feuer sind auch im übertragenen Sinne nicht so toll. C. S. Lewis hat einmal diesen Vergleich gebraucht: Wenn man sagt, „Mein Herz ist gebrochen“ meint man das nicht wörtlich im anatomischen Sinn, aber man will damit auch nicht sagen „Ich fühle mich sehr heiter“. (Ich kann das genaue Zitat gerade nicht finden.) Ein anderer Fehler, der mit diesem Satz gemacht werden kann: Man sollte nicht einfach bei jeder unliebsamen Stelle gleich mit „Das ist doch gar nicht wörtlich gemeint!“ herausplatzen. Es gibt nämlich einerseits sehr schöne Stellen, die nicht wörtlich gemeint sind (z. B. gibt es gute Gründe, das Buch Jona als Lehrerzählung anstatt als historische Schilderung zu betrachten; und die Barmherzigkeit Gottes, die uns hier vor Augen geführt wird, ist wirklich sehr schön – zumindest solange man dem Konzept der Feindesliebe nicht derart ablehnend wie Jona selbst gegenübersteht –, aber die Geschichte ist trotzdem (wahrscheinlich) nicht historisch, sondern bildlich), und andererseits aber Stellen, die einem eher sauer aufstoßen können, die aber vonseiten der Verfasser sehr wohl vollkommen wörtlich und historisch gemeint sind. Ein Beispiel wäre diese Stelle im 1. Buch der Makkabäer, das eindeutig ein historisches Buch wie etwa die Evangelien ist: „Als Mattatias das sah, packte ihn leidenschaftlicher Eifer; er bebte vor Erregung und ließ seinem gerechten Zorn freien Lauf: Er sprang vor und erstach den Abtrünnigen über dem Altar. Zusammen mit ihm erschlug er auch den königlichen Beamten, der sie zum Opfer zwingen wollte, und riss den Altar nieder; der leidenschaftliche Eifer für das Gesetz hatte ihn gepackt und er tat, was einst Pinhas mit Simri, dem Sohn des Salu, gemacht hatte.“ (1 Makkabäer 2,24-26) (Zu dieser Stelle und ähnlichen in einem späteren Beitrag in dieser Reihe ausführlich.)

Viertens: Kontext. Gute Idee. Ja. Aber dann muss man auch sagen, welcher Kontext, was der bedeutet, und was die fragliche Stelle in diesem Kontext dann trotzdem noch bedeutet, denn sie steht ja trotzdem noch da.

Fünftens: Ja, das Alte Testament ist so eine Sache. Wenn einem das Fortschreiten der göttlichen Offenbarung vom Alten zum Neuen Bund klar ist, sieht man tatsächlich so einiges in der Bibel klarer. Aber: Das heißt auch nicht, dass das AT für uns einfach irrelevant geworden wäre. Es ist immer noch Heilige Schrift.

Wie immer braucht es hier zwei Dinge: Ehrlichkeit und genaue Unterscheidung. So wie in der Scholastik.

In den nächsten Beiträgen zu dieser Reihe will ich erst einmal auf das katholische Schriftverständnis und das Thema „Irrtumslosigkeit der Schrift“ eingehen, dann auf die (sehr, sehr, sehr wichtige) Unterscheidung „Was in der Bibel steht“ vs. „Was die Bibel lehrt“, dann auf den Alten und den Neuen Bund und die Konsequenzen aus dieser Unterscheidung für die Bibelinterpretation, und dann nach und nach auf verschiedene konkrete Beispiele vor allem aus dem Alten Testament zur Anwendung der Prinzipien – die Tora, die Landnahme, ähnlich brutale Geschichten, usw. Zuletzt kommt dann noch alles „Sonstige“: Die Frage nach der Vereinbarkeit der Bibel mit Naturwissenschaft und historischer Forschung, die Frage nach bestimmten einzelnen Stellen, auch einigen im Neuen Testament (das Lästern des Heiligen Geistes, „Das Weib schweige in der Kirche“, und lauter solche Dinge), bei denen es in vielen Fällen bloß darauf ankommt, einfach zu wissen, was mit bestimmten Begriffen und Redewendungen im Original gemeint ist. Das alles wird wahrscheinlich so einige Beiträge abgeben, und hiermit spreche ich eine offizielle Einladung an alle meine Leser aus: Wenn es eine bestimmte Bibelstelle gibt, die ihr schon immer total komisch und unverständlich fandet, dann hiermit eine herzliche Einladung, mich darauf hinzuweisen, und ich werde mich bemühen, etwas zu ihrer Interpretation zu finden und im Lauf der Reihe darauf einzugehen.

Zuletzt eine Frage, über deren Antwort ihr euch ja schon mal bis zum nächsten Beitrag Gedanken machen könnt: Wer hat eigentlich behauptet, dass die Heiligen Schriften völlig klar, offen und verständlich für jedermann sein müssten?

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