Über schwierige Bibelstellen, Teil 1: Die Problemstellung

Immer wieder tauchen sie auf – in Diskussionen mit Atheisten (im Internet oder in der Welt da draußen), im Religionsunterricht, im Theologiestudium – und manchmal bereiten sie einem selber Kopfschmerzen: die „schwierigen“ Bibelstellen. Ob jetzt Achtjährige, denen man von Mose erzählt hat, wissen wollen, wieso denn Gott auch die ganzen erstgeborenen Kinder der Ägypter umgebracht hat, wo doch nur der Pharao so stur war; oder Atheisten ihre Ablehnung des Christentums damit begründen, der Gott der Bibel erlaube die Sklaverei und befehle Steinigungen und Völkermorde; oder man bei der abendlichen Bibellektüre nichtsahnend auf so erbauliche Stellen wie etwa Exodus 32,26-29 stößt:

„Mose trat in das Lagertor und sagte: Wer für den HERRN ist, her zu mir! Da sammelten sich alle Leviten um ihn. Er sagte zu ihnen: So spricht der HERR, der Gott Israels: Jeder lege sein Schwert an. Zieht durch das Lager von Tor zu Tor! Jeder erschlage seinen Bruder, seinen Freund, seinen Nachbarn. Die Leviten taten, was Mose gesagt hatte. Vom Volk fielen an jenem Tag gegen dreitausend Mann. Dann sagte Mose: Füllt heute eure Hände für den HERRN! Denn jeder ist gegen seinen Sohn und seinen Bruder vorgegangen, damit Segen auf euch komme.“

Ähm, ja, hm. (Während Mose vierzig Tage auf dem Berg gewesen war, um mit Gott zu sprechen, hatten die Israeliten sich das goldene Kalb gegossen und es angebetet. Als er wieder heruntergekommen war, war er so wütend geworden, dass er erst einmal die Tafeln mit den zehn Geboten zerschmettert, das Kalb zerstört und seinen Bruder Aaron, der es hergestellt hatte, zur Rede gestellt hatte. Dann passierte das eben Geschilderte, was in der durchschnittlichen Kinderbibel eher ausgelassen wird.)

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(Holzschnitt von Julius Schnorr von Carolsfeld, zwischen 1851 und 1860. Gemeinfrei.)

Ich denke, die Frage nach den schwierigen Bibelstellen ist eine Frage, die man ernst nehmen sollte, denn sie ist eine wirkliche ernste Frage für manche Menschen, und kein so lächerliches Argument wie manche Argumente von einer gewissen Sorte von Internet-Religionskritikern („Die Religion ist für die Gewalt in der Welt verantwortlich“) es sind. Nein, es handelt sich um eine wirkliche, ehrliche Schwierigkeit. Und leider wird die katholische Antwort darauf viel zu selten deutlich vermittelt.

Ich neige sicher nicht dazu, diese Schwierigkeit kleinzureden, ich hatte sie nämlich selber mal. Hier will ich jetzt ein bisschen von meiner eigenen Entwicklung reden. Ich bin ja in einer katholischen, aber nicht besonders streng katholischen, Familie aufgewachsen; man war ab und zu mal in der Kirche; viel Wissen über den Glauben wurde nicht vermittelt, jedenfalls nicht über die Gründe, zu glauben.

Im Alter von ungefähr acht oder neun Jahren habe ich eine Zeitlang immer wieder relativ enthusiastisch in der Kinderbibel gelesen, die bei uns daheim stand; aber schon damals hat es mir ein bisschen Kopfzerbrechen bereitet, dass es doch zum Beispiel bei der Eroberung Jerusalems durch König David doch auch recht gewaltsam zugegangen sein muss. Den Gedanken habe ich dann nicht mehr viel weiter verfolgt und der Enthusiasmus ist dann irgendwann nach meiner Erstkommunion von selber wieder abgeebbt. So im Alter von ungefähr zehn Jahren begann dann allerdings gewissermaßen meine „religionskritische Phase“, in der ich mich z. B. gefragt habe, wie Glaube und Wissenschaft zusammengehen. (Ich habe nicht in einem kreationistischen Umfeld gelebt, aber auch in keinem sehr theologisch gebildeten.) Ich war nie in meinem Leben Atheistin, es war damals eher so ein unentschlossenes, rebellisch aufgelegtes „Die Katholische Kirche ist doof“-Ding. Mit zwölf Jahren, immer noch in einer solchen Einstellung, habe ich dann wieder einmal begonnen, in der Bibel zu lesen, und zwar der richtigen Bibel, nicht der – wenn wir ehrlich sind – viele Geschichten ziemlich verharmlosenden Kinderbibel. Und da bin ich auf die ersten Kapitel des Buches Josua gestoßen, genauer gesagt, auf die Erzählung von der Eroberung Jerichos, und fand sie, kurz gesagt, grauenvoll. „Mit scharfem Schwert weihten sie alles, was in der Stadt war, dem Untergang, Männer und Frauen, Kinder und Greise, Rinder, Schafe und Esel.“ (Jos 6,21, zitiert nach der alten Einheitsübersetzung, die ich damals hatte.) Wie konnte das der Wille Gottes sein, ein solches Massaker? Wie konnte so etwas in der Bibel stehen! Ich sah auch irgendwo einen Widerspruch zum Neuen Testament, und ich fand das auf jeden Fall alles ganz scheußlich.

Eins sollte ich aus dieser meiner bibelkritischen Zeit wohl noch erwähnen: Ich hatte ab der Jericho-Geschichte die feste Überzeugung gefasst, dass das Alte Testament böse sein müsse, und blätterte dann, zur Recherche und aus Neugier, noch durch die fünf Bücher Mose, besonders die darin enthaltenen Gesetzestexte. Meine Gedanken dabei lassen sich in etwa so wiedergeben: Ja, gut, ein Gesetz über Schutzgeländer an Dachterrassen hat schon irgendwo seinen Sinn, aber irgendwie ist es auch komisch, solche kleinkarierten Details unter einem angeblich göttlichen Gesetz stehen zu haben… da! Wieso um alles in der Welt verbietet dieses dämliche Buch jetzt Kleidung aus Mischgewebe? Okay, das Gesetz da klingt ganz sinnvoll… okay, das da auch… die alttestamentlichen Israeliten kannten schon das Konzept der Feindesliebe und das Verbot der Sippenhaft? Die Stelle hier klingt irgendwie richtig schön… aber hier! Schon wieder Steinigung! Das Alte Testament ist grausam und barbarisch! Kurz: im Rückblick kann ich sagen, dass ich eine Art von confirmation bias in Aktion erlebte. Ich konzentrierte mich auf das, was ich ablehnen konnte.

Drei Jahre später (ungefähr 2011) bin ich dann zur Erzkatholikin mutiert; ich stieß auf einige Quellen zur katholischen Glaubenslehre, beschloss, mich mal etwas schlauer zu machen, was die Kirche denn eigentlich überhaupt lehrt, besorgte mir den neu erschienenen Youcat, und informierte mich noch anderswo. Schließlich kam ich zum Schluss, dass Jesus von Nazareth tatsächlich der Sohn Gottes sein musste; die Berichte über Seine Auferstehung waren historisch glaubwürdig, sie ließen sich nicht anders als durch Seine tatsächliche Auferstehung erklären, und die bestätigte wiederum Seine Göttlichkeit, deren Glaubwürdigkeit für mich überhaupt von allen Seiten her zunahm. Auch die Ansicht, Er habe die katholische Kirche ins Leben gerufen und der Unterstützung des Heiligen Geistes versichert, stellte sich als sinnvoll, logisch und durch die Geschichte bestätigt heraus.

Ich kam, kurz gesagt, zu der Überzeugung, dass die katholische Kirche tatsächlich den wahren Glauben verkündete, und dass dann auch alle Bibelstellen irgendwie erklärbar sein müssten. Aber wie genau diese schwierigen Bibelstellen sich mit meinem Glauben harmonisieren ließen, das war für mich noch eine Zeit lang ein ungelöstes – aber auch eher untergeordnetes – Problem. Ich suchte immer mal wieder, wenn ich daran dachte, nach konkreten Antworten und war oft erstaunt, wie wenig ich dazu fand. Nach und nach stieß ich aber durch Zufall auf einige Dinge: etwa einen Essay von C. S. Lewis über die Psalmen, die mir manchmal rachsüchtig und selbstgerecht vorgekommen waren, vereinzelte Bemerkungen bei verschiedenen Schriftstellern oder auf verschiedenen Internetseiten und schließlich auch ein Buch, das dieses Thema ganz systematisch anging, „Hard Sayings. A Catholic Approach to Answering Bible Difficulties“ von Trent Horn (das ich nur empfehlen kann); kurz gesagt, ich stellte fest, dass es da sehr wohl Antworten gibt, und weil diese viel zu wenig kommuniziert werden, möchte ich das Thema hier jetzt auch systematisch angehen. Ich werde mich dabei auch in vielem an Horn orientieren.

Man kann die Schwierigkeiten mit der Bibel in drei Gruppen einteilen:

  • Naturwissenschaftliche Schwierigkeiten
  • Historische Schwierigkeiten
  • Moralische/philosophische Schwierigkeiten

In die erste Kategorie gehört die Schöpfungsgeschichte, und vielleicht kann man auch das ganze Thema Wunder noch hier einordnen. Die zweite Kategorie betrifft einfach die Frage „Ist das denn alles überhaupt so passiert?“ Diese beiden Kategorien sind relativ einfach abzuhandeln, deshalb will ich mich in dieser Reihe hauptsächlich auf die dritte Kategorie konzentrieren, aber ohne die ersten zwei ganz zu ignorieren. Mit moralischen und philosophischen Schwierigkeiten meine ich solche Schwierigkeiten, wie ich sie oben geschildert habe. Befiehlt ein guter Gott den Israeliten die Ausrottung der Kanaaniter? Tötet ein guter Gott einfach die ägyptischen Erstgeborenen? Wieso wird Gott als ein „eifersüchtiger Gott“ oder als ein Gott, der seine Meinung ändert und den sogar etwas „reut“, beschrieben? Das sind die eigentlich wichtigen Fragen hier, die man beantworten muss.

Es gibt ein paar Standardantworten, die Christen oft geben, wenn sie auf die schwierigen Bibelstellen angesprochen werden, und die oft (nicht immer) an sich richtig sind. (Dinge, die an sich richtig sind – das ist so eine Kategorie für sich.) Dazu zählen:

  • Das darf man nicht wörtlich nehmen!
  • Das muss man im Kontext lesen! (Gegebenenfalls in den Varianten: im Kontext des Abschnitts / im historischen Kontext)
  • Gelegentlich auch: Das steht im Alten Testament!

Hier muss man aufpassen. Gut aufpassen. Diese Sätze sind zwar oft ein guter Ansatzpunkt, aber es gibt da auch einige Dinge zu beachten.

Erstens sollten sie nicht zu einer raschen Ausrede werden, sondern auch genauer begründet werden.

Zweitens sollte man damit nicht einfach versuchen, etwas auf eine Art und Weise wegzuerklären, mit der man auch jede andere Bibelstelle wegerklären könnte. Das merken Diskussionspartner nämlich.

Drittens: „Das ist nicht wörtlich gemeint“ stimmt zwar gelegentlich, aber das heißt auch nicht einfach, dass es überhaupt nicht gemeint ist; „ es ist nicht wörtlich gemeint“ heißt nicht „das kann man ignorieren“. Wenn etwa Christus in seinen Gleichnissen die Hölle als einen Ort mit „Heulen und Zähneknirschen“ und in Begriffen wie Ausgeschlossensein, Dunkelheit und Feuer beschreibt, dann kann man durchaus davon ausgehen, dass das nicht im materiellen Sinne gemeint ist (wie gesagt: es sind Gleichnisse), aber die Aussage dieser Gleichnisse, dass die Hölle existiert und kein besonders schöner Ort ist, die bleibt trotzdem da stehen. Ausgeschlossensein, Dunkelheit und Feuer sind auch im übertragenen Sinne nicht so toll. C. S. Lewis hat einmal diesen Vergleich gebraucht: Wenn man sagt, „Mein Herz ist gebrochen“ meint man das nicht wörtlich im anatomischen Sinn, aber man will damit auch nicht sagen „Ich fühle mich sehr heiter“.

Ein anderer Fehler, der mit diesem Satz gemacht werden kann: Man sollte nicht einfach bei jeder unliebsamen Stelle gleich mit „Das ist doch gar nicht wörtlich gemeint!“ herausplatzen. Es gibt nämlich einerseits sehr schöne Stellen, die nicht wörtlich gemeint sind (z. B. gibt es gute Gründe, das Buch Jona als Lehrerzählung anstatt als historische Schilderung zu betrachten; und die Barmherzigkeit Gottes, die uns hier vor Augen geführt wird, ist wirklich sehr schön – zumindest solange man dem Konzept der Feindesliebe nicht derart ablehnend wie Jona selbst gegenübersteht –, aber die Geschichte ist trotzdem möglicherweise nicht historisch, sondern bildlich), und andererseits aber Stellen, die einem eher sauer aufstoßen können, die aber vonseiten der Verfasser sehr wohl vollkommen wörtlich und historisch gemeint sind. Ein Beispiel wäre diese Stelle im 1. Buch der Makkabäer, das eindeutig ein historisches Buch wie etwa die Evangelien ist: „Als Mattatias das sah, packte ihn der Eifer; seine Nieren erzitterten und er ließ seinem gerechten Zorn freien Lauf: Er sprang vor und erstach den Abtrünnigen über dem Altar. Zusammen mit ihm erschlug er auch den königlichen Beamten, der sie zum Opfer zwingen wollte, und riss den Altar nieder; der Eifer für das Gesetz hatte ihn gepackt und er tat, was einst Pinhas mit Simri, dem Sohn des Salu, gemacht hatte.“ (1 Makkabäer 2,24-26) (Zu dieser Stelle und ähnlichen in einem späteren Beitrag in dieser Reihe ausführlich.)

Viertens: Kontext. Gute Idee. Ja. Aber dann muss man auch sagen, welcher Kontext, was der bedeutet, und was die fragliche Stelle in diesem Kontext dann trotzdem noch bedeutet, denn sie steht ja trotzdem noch da.

Fünftens: Ja, das Alte Testament ist so eine Sache. Wenn einem das Fortschreiten der göttlichen Offenbarung vom Alten zum Neuen Bund klar ist, sieht man tatsächlich so einiges in der Bibel klarer. Aber: Das heißt auch nicht, dass das AT einfach irrelevant geworden wäre. Es ist immer noch Heilige Schrift, und seine Aussagen sind wahr.

Wie immer braucht es hier zwei Dinge: Ehrlichkeit und genaue Unterscheidung.

In den nächsten Beiträgen zu dieser Reihe will ich erst einmal auf das katholische Schriftverständnis und das Thema „Irrtumslosigkeit der Schrift“ eingehen, dann auf die (sehr, sehr, sehr wichtige) Unterscheidung „Was in der Bibel steht“ vs. „Was die Bibel lehrt“, dann auf den Alten und den Neuen Bund und die Konsequenzen aus dieser Unterscheidung für die Bibelinterpretation, und dann nach und nach auf verschiedene konkrete Beispiele vor allem aus dem Alten Testament zur Anwendung der Prinzipien – die Tora, die Landnahme, ähnlich brutale Geschichten, usw. Zuletzt kommt dann noch alles „Sonstige“: Die Frage nach der Vereinbarkeit der Bibel mit Naturwissenschaft und historischer Forschung, die Frage nach bestimmten einzelnen Stellen, auch einigen im Neuen Testament (das Lästern des Heiligen Geistes, „Das Weib schweige in der Kirche“, und lauter solche Dinge), bei denen es in vielen Fällen bloß darauf ankommt, einfach zu wissen, was mit bestimmten Begriffen und Redewendungen im Original gemeint ist. Das alles wird wahrscheinlich so einige Beiträge abgeben, und hiermit spreche ich eine offizielle Einladung an alle meine Leser aus: Wenn es eine bestimmte Bibelstelle gibt, die ihr schon immer total komisch und unverständlich fandet, dann hiermit eine herzliche Einladung, mich darauf hinzuweisen, und ich werde mich bemühen, etwas zu ihrer Interpretation zu finden und im Lauf der Reihe darauf einzugehen.

Zuletzt eine Frage für den nächsten Beitrag: Wer hat eigentlich behauptet, dass die Heiligen Schriften völlig klar, offen und verständlich für jedermann sein müssten?

2 Gedanken zu “Über schwierige Bibelstellen, Teil 1: Die Problemstellung

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