Über schwierige Bibelstellen, Teil 2: Das katholische Schriftverständnis

Die Antwort auf die Frage vom letzten Mal lautet natürlich: Die Protestanten. D. h., die Ansicht, die Schrift habe jederzeit für jeden Christen, der sie aufschlage, gefälligst verständlich zu sein, der Sinn ihrer Wort liege natürlich klar zutage und alle Christen müssten sich eigentlich darauf einigen können, was sie aussagt, wenn sie sie nur ehrlich lesen würden, ist nichts als eine Irrlehre, die eineinhalb Jahrtausende nach Christus auftauchte, und deren Erfinder und weitere Vertreter seitdem in sehr erheiternder Weise wieder und wieder das Gegenteil bewiesen haben (wie viele Tausend protestantische Kirchen, die sich nicht darauf einigen können, was Taufe, Abendmahl, Erlösung und so weiter eigentlich bedeuten, gibt es noch gleich auf der Welt?).

Die Kirchenväter und die mittelalterlichen Theologen hatten dagegen kein Problem damit, zuzugeben, dass es „dunkle“, schwer verständliche Stellen in der Heiligen Schrift gibt. Und die katholische Kirche hat es bis heute nicht. Wenn man sich also bei Christen über die Unverständlichkeit der Bibel beschweren will, muss man zu den Lutherischen gehen. Bei der heiligen Mutter Kirche rennt man offene Türen ein.

Regel Nummer 1 für das Lesen der Schrift lautet: Gott kann sich nicht widersprechen. Also können auch die Lehren der Bibel und die Dogmen der Kirche einander nicht widersprechen – denn beide sind vom Heiligen Geist inspiriert. Tatsächlich war die Kirche sogar vor der Bibel da; Jesus Christus hat Apostel ausgewählt und eine Kirche auf sie gegründet, keine Texte verteilt. Die ersten Christen hatten noch kein Neues Testament, denn ihre Bischöfe schrieben gerade erst daran. Die Bibel ist aus der Kirche hervorgegangen, nicht umgekehrt, und die Kirche entschied später auch in strittigen Fällen darüber, welche Schriften als kanonisch zu gelten hatten. (Z. B. wurden die Didache, der 1. Clemensbrief und der „Hirt des Hermas“ nicht aufgenommen; alles drei sind Schriften aus dem späten 1. oder frühen 2. Jahrhundert, die keine Häresien enthalten und sich auf jeden Fall zu lesen lohnen (sie sind im Internet zu finden), aber sie wurden eben, da nicht apostolischen Ursprungs, schließlich als nicht inspirierte Schriften nicht in die Bibel aufgenommen. Umgekehrt war z. B. die Offenbarung des Johannes ein bisschen umstritten, aber die antiken Bischöfe erklärten schließlich, dass sie kanonisch war.) Folglich: Immer wenn es so aussieht, als würde die Bibel einer klar definierten kirchlichen Lehre widersprechen, missverstehen wir die Bibel. Etwas provozierender ausgedrückt: Wenn es so aussieht, als würde die Bibel der Kirche widersprechen, müssen diese Widersprüche eben irgendwie wegerklärt werden können. Es gilt: Im Zweifelsfall für die Kirche. Die Kirche hat immer Recht (wenn sie etwas mit unfehlbarer Autorität erklärt, was selten genug der Fall ist). (Ich sehe schon die Empörung auf den Gesichtern der Protestanten über diese das klare Wort der Heiligen Schrift verfälschende römische Kirche. Dann sollen sie mir aber mal bitte sagen, wie sie „Ihr seht, dass der Mensch aufgrund seiner Werke gerecht wird, nicht durch den Glauben allein“ (Jakobus 2,24) mit ihrer Römerbriefauslegung in eins bringen, oder wie sie „Denn mein Fleisch ist wirklich eine Speise und mein Blut ist wirklich ein Trank“ (Johannes 6,55) lesen? Welche Seite verfälscht hier die Bibel?) Meine Schlussfolgerung ist zwangsläufig, sobald man – aus Gründen, die unabhängig von den hier diskutierten exegetischen Fragen sind – zu dem Schluss gekommen ist, dass Jesus der Sohn Gottes und die katholische Kirche Seine Kirche ist. Denn Gott kann sich selbst nicht widersprechen. Meine Regel noch einmal anders ausgedrückt: Wenn verschiedene Bibelstellen widersprüchlich oder unklar sind, brauchen wir eine weitere Instanz zu ihrer Auslegung, und das ist die Kirche. Zu diesem Punkt – Gott kann sich nicht widersprechen – gehört übrigens auch, dass man einzelne Stellen im Kontext der gesamten Schrift lesen muss. Hierzu später mehr.

Ja, schön, könnte man jetzt einwenden, aber ihr Katholiken glaubt doch trotzdem an die Irrtumslosigkeit der Schrift, oder? Ihr könnt also auch nicht einfach missliebige Stellen, die sich nicht in euer Gesamtbild von Gott fügen, einfach ignorieren, quasi aus eurer Bibel streichen. Heißt es nicht auch bei eurem 2. Vatikanischen Konzil in der Dogmatischen Konstitution Dei Verbum unter Punkt 11:

11. Das von Gott Geoffenbarte, das in der Heiligen Schrift enthalten ist und vorliegt, ist unter dem Anhauch des Heiligen Geistes aufgezeichnet worden; denn aufgrund apostolischen Glaubens gelten unserer heiligen Mutter, der Kirche, die Bücher des Alten wie des Neuen Testamentes in ihrer Ganzheit mit allen ihren Teilen als heilig und kanonisch, weil sie, unter der Einwirkung des Heiligen Geistes geschrieben (vgl. Joh 20,31; 2 Tim 3,16; 2 Petr 1,19-21; 3,15-16), Gott zum Urheber haben und als solche der Kirche übergeben sind (1). Zur Abfassung der Heiligen Bücher hat Gott Menschen erwählt, die ihm durch den Gebrauch ihrer eigenen Fähigkeiten und Kräfte dazu dienen sollten (2), all das und nur das, was er – in ihnen und durch sie wirksam (3) – geschrieben haben wollte, als echte Verfasser schriftlich zu überliefern (4).

 Da also alles, was die inspirierten Verfasser oder Hagiographen aussagen, als vom Heiligen Geist ausgesagt zu gelten hat, ist von den Büchern der Schrift zu bekennen, daß sie sicher, getreu und ohne Irrtum die Wahrheit lehren, die Gott um unseres Heiles willen in heiligen Schriften aufgezeichnet haben wollte (5). Daher „ist jede Schrift, von Gott eingegeben, auch nützlich zur Belehrung, zur Beweisführung, zur Zurechtweisung, zur Erziehung in der Gerechtigkeit, damit der Gott gehörige Mensch bereit sei, wohlgerüstet zu jedem guten Werk“ (2 Tim 3,16-17 griech.).

Papstmesse auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil, Foto: Lothar Wolleh, Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Zweites_Vatikanisches_Konzil)

Das ist doch unlogisch, könnte man argumentieren, einerseits haltet ihr alle Teile der Schrift für göttlich inspiriert und irrtumslos, andererseits aber erklärt ihr manche Texte für praktisch doch ein bisschen irrig – oder etwa nicht?

Nein, tun wir nicht. Und man muss Dei Verbum 11 genau lesen. Und was wir Katholiken unter der Irrtumslosigkeit der Schrift verstehen, wird vielleicht auch im folgenden Punkt der Konstitution noch etwas deutlicher. Da heißt es nämlich:

12. Da Gott in der Heiligen Schrift durch Menschen nach Menschenart gesprochen hat (6), muß der Schrifterklärer, um zu erfassen, was Gott uns mitteilen wollte, sorgfältig erforschen, was die heiligen Schriftsteller wirklich zu sagen beabsichtigten und was Gott mit ihren Worten kundtun wollte. Um die Aussageabsicht der Hagiographen zu ermitteln, ist neben anderem auf die literarischen Gattungen zu achten. Denn die Wahrheit wird je anders dargelegt und ausgedrückt in Texten von in verschiedenem Sinn geschichtlicher, prophetischer oder dichterischer Art, oder in anderen Redegattungen. Weiterhin hat der Erklärer nach dem Sinn zu forschen, wie ihn aus einer gegebenen Situation heraus der Hagiograph den Bedingungen seiner Zeit und Kultur entsprechend – mit Hilfe der damals üblichen literarischen Gattungen – hat ausdrücken wollen und wirklich zum Ausdruck gebracht hat (7). Will man richtig verstehen, was der heilige Verfasser in seiner Schrift aussagen wollte, so muß man schließlich genau auf die vorgegebenen umweltbedingten Denk-, Sprach- und Erzählformen achten, die zur Zeit des Verfassers herrschten, wie auf die Formen, die damals im menschlichen Alltagsverkehr üblich waren (8).

 Da die Heilige Schrift in dem Geist gelesen und ausgelegt werden muß, in dem sie geschrieben wurde (9), erfordert die rechte Ermittlung des Sinnes der heiligen Texte, daß man mit nicht geringerer Sorgfalt auf den Inhalt und die Einheit der ganzen Schrift achtet, unter Berücksichtigung der lebendigen Überlieferung der Gesamtkirche und der Analogie des Glaubens. Aufgabe der Exegeten ist es, nach diesen Regeln auf eine tiefere Erfassung und Auslegung des Sinnes der Heiligen Schrift hinzuarbeiten, damit so gleichsam auf Grund wissenschaftlicher Vorarbeit das Urteil der Kirche reift. Alles, was die Art der Schrifterklärung betrifft, untersteht letztlich dem Urteil der Kirche, deren gottergebener Auftrag und Dienst es ist, das Wort Gottes zu bewahren und auszulegen (10).

13. In der Heiligen Schrift also offenbart sich, unbeschadet der Wahrheit und Heiligkeit Gottes, eine wunderbare Herablassung der ewigen Weisheit, „damit wir die unsagbare Menschenfreundlichkeit Gottes kennenlernen und erfahren, wie sehr er sich aus Sorge für unser Geschlecht in seinem Wort herabgelassen hat“ (11). Denn Gottes Worte, durch Menschenzunge formuliert, sind menschlicher Rede ähnlich geworden, wie einst des ewigen Vaters Wort durch die Annahme menschlich-schwachen Fleisches den Menschen ähnlich geworden ist.

Es gibt mehrere Dinge, die wir hier festhalten müssen:

Regel Nummer 2 In Nummer 11 der Dogmatischen Konstitution heißt es in der deutschen Übersetzung: „Da also alles, was die inspirierten Verfasser oder Hagiographen aussagen…“ Im lateinischen Originaltext lautet dieser Satz: „Cum ergo omne id, quod auctores inspirati seu hagiographi asserunt…“ Das wichtige Wort ist hier das Verb „asserunt“ (Grundform asserere), das im deutschen Text mit „aussagen“ wiedergegeben wird. Man könnte es auch mit beanspruchen, behaupten, schützen, sicherstellen, versichern, bestätigen, bejahen übersetzen. Es entspricht dem englischen „to assert“, das ebenfalls im Sinne von behaupten, beteuern, versichern, erklären gebraucht wird. Das heißt: Nicht alles, was in der Bibel steht, sondern was in der Bibel behauptet, explizit ausgesagt wird – das ist irrtumslos (wie in Dei Verbum 12 dann genauer erläutert wird.

Regel Nummer 3 Gott spricht zu Menschen. Das heißt, alles was in der Bibel steht, auch das gesamte Neue Testament, auch die Worte Jesu selber, ist immer noch bruchstückhafte und extrem vereinfachte Information. Wir sind Menschen; das heißt, wir werden Gott nie ganz verstehen können, und zwar erst recht nicht in diesem Leben. Trotzdem wollte Er mit uns reden; also musste er es entsprechend vereinfachen. Man könnte einen Vergleich ziehen mit Eltern, die ihren kleinen Kindern etwas erklären. Eine Mutter könnte zum Beispiel versuchen, ihrem fünfjährigen Sohn beizubringen, dass man die Zimmerpflanzen regelmäßig gießen muss, indem sie ihm sagt, dass die sonst furchtbar Durst bekommen. Nun haben Pflanzen keine Nerven wie wir und empfinden sicher nicht dasselbe Durstgefühl wie Menschen. Aber das hat die Mutter auch nicht ausgesagt (im Sinne von asserere). Sie hat ausgesagt, dass es Pflanzen schadet, wenn sie kein Wasser bekommen. Wir können nur in Analogien und Vergleichen aus unserer Welt von Gott reden; wenn wir ihn unseren Vater nennen, dann ist das eine solche Redeweise. Deshalb erzählt Jesus so oft Gleichnisse. Weil Er das Wesen Gottes, so wie Er in sich ist, in keiner menschlichen Sprache irgendwie akkurat ausdrücken könnte. Es ist einfach nicht möglich. Und deshalb ist in der Bibel auch manchmal davon die Rede, dass Gott zornig oder eifersüchtig (auf Israels Götzen) ist. Das ist, wie wenn man zu seinem dreijährigen Kind sagt: „Wenn du auf die heiße Herdplatte fasst, werde ich aber böse!“

Regel Nummer 4 Die Bibel ist irrtumslos in Bezug auf das, was für Glaube und Moral wichtig ist. Das heißt aber nicht, dass sie gar nicht über historische Ereignisse und solche Dinge, sondern nur über Glaubenstatsachen berichten würde – denn einige Glaubenstatsachen sind historische Ereignisse, etwa die Auferstehung. Wenn sie nicht wirklich an einem bestimmten Punkt in der Geschichte geschehen wäre, wäre unser Glaube hinfällig. Die Evangelien berichten hier Historisches. Aber: die historischen Bücher sind nicht zwangsläufig irrtumslos in Bezug auf jedes kleine Detail, zum Beispiel, aus wie vielen Soldaten die assyrische Armee bestand oder in welchem Monat Esra nach Jerusalem kam. In Büchern, die parallel über dieselben Ereignisse berichten, beispielsweise in den Evangelien, gibt es, wie in allen Chroniken oder Zeugenberichten über dasselbe Geschehen, kleine Widersprüche, oder Dinge werden einfach anders geschildert. Aber ob die Frauen am Sonntagmorgen am leeren Grab einen oder zwei Engel trafen, ist relativ egal. Tatsache – und Textaussage – bleibt, dass das Grab am Sonntagmorgen leer war. Die Evangelisten geben die Worte Jesu oft mit geringen Abweichungen wieder – man vergleiche z. B. die Seligpreisungen in Matthäus 5 mit denen in Lukas 6. Aber grundsätzlich wird dasselbe ausgesagt; und zudem haben übrigens beide Formulierungen ihren tieferen Sinn und sind Heilige Schrift, egal, welche jetzt die Worte Jesu am wortgetreuesten wiedergibt. Wir sollten uns davor hüten, an antike Geschichtsschreibung, auch wenn sie ausdrücklich Geschichtsschreibung ist, dieselben Maßstäbe anzulegen wie an moderne. Antike Geschichtsschreiber waren bei Details nicht immer so übergenau.

Und noch etwas ist zu beachten:

Regel Nummer 5 Die Bibel ist keine systematische Zusammenstellung aller christlichen Glaubenslehren. So etwas nennt sich Katechismus (und findet sich hier: http://www.vatican.va/archive/ccc/index_ge.htm). Eine ähnliche Systematik wie im Katechismus findet man auch in den Glaubensbekenntnissen. Die Bibel dagegen ist anders. Sie enthält heilige Texte, die von der Geschichte Gottes mit seinem Volk erzählen; darunter Gebete, Hymnen, Sprichwörter, Ahnenlisten, Geschichten über Kriege und über Wunder, persönliche Briefe, Prophetensprüche, Visionen. Sie besteht außerdem aus vielen verschiedenen Büchern aus vielen verschiedenen Zeiten; darin unterscheidet sie sich etwa vom Koran, der nur ein Buch ist. Und wenn ich z. B. nur mit dem Buch Numeri oder dem Buch Kohelet oder dem Brief an Philemon dastehen würde, würde mir das sicher kein schlüssiges Gesamtbild von Gott geben. Sie ist ein vielstimmiger Chor, kein Lehrbuch. Und auch wenn ich die ganze Bibel hätte und keine anderen Informationen von Christen über den christlichen Gott bekäme, die die biblischen Aussagen ordneten und zusammenfassten, hätte ich wohl Schwierigkeiten, diesen Glauben genau zu erfassen und zu verstehen.

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4 Gedanken zu “Über schwierige Bibelstellen, Teil 2: Das katholische Schriftverständnis

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