Über schwierige Bibelstellen, Nachträge zu Teil 2

Alle Teile hier: https://nolitetimereweb.wordpress.com/reihe-ueber-schwierige-bibelstellen/

 

Wie das eben so passiert, wenn man Blogartikel zu hastig verfasst, habe ich bei Teil 2 meiner Reihe zu den schwierigen Bibelstellen ein paar Dinge zu erwähnen bzw. genauer zu erläutern vergessen. Hier also noch ein paar gesammelte Nachträge:

1) Regel Nummer 6 für das Bibellesen lautet: Gott spricht nicht nur zu, sondern, wie es Dei Verbum 12 sagt, auch durch Menschen. Die Muslime glauben, dass der Koran wortwörtlich vom Himmel herab diktiert wurde. Die Katholiken glauben das von der Bibel nicht. In Dei Verbum 11 heißt es: Zur Abfassung der Heiligen Bücher hat Gott Menschen erwählt, die ihm durch den Gebrauch ihrer eigenen Fähigkeiten und Kräfte dazu dienen sollten (2), all das und nur das, was er – in ihnen und durch sie wirksam (3) – geschrieben haben wollte, als echte Verfasser schriftlich zu überliefern (4). Gott spricht durch das, was diese Menschen schrieben, aber sie schrieben dennoch eigene Texte, nicht einfach, was ihnen eine himmlische Stimme diktierte. Ich glaube, mehr muss ich dazu nicht sagen?

 

2) Die katholische Ansicht, dass eine autoritative Instanz zur Auslegung der Bibel nötig ist und sie sich nicht selbst erklärt, wird übrigens auch von der Bibel selbst sehr gut belegt. Ein paar Stellen wären beispielsweise:

  • Bereits im Alten Testament, im Buch Nehemia, findet sich folgende Szene: „Das ganze Volk versammelte sich geschlossen auf dem Platz vor dem Wassertor und bat den Schriftgelehrten Esra, das Buch mit dem Gesetz des Mose zu holen, das der Herr den Israeliten vorgeschrieben hat. Am ersten Tag des siebten Monats brachte der Priester Esra das Gesetz vor die Versammlung; zu ihr gehörten die Männer und die Frauen und alle, die das Gesetz verstehen konnten. Vom frühen Morgen bis zum Mittag las Esra auf dem Platz vor dem Wassertor den Männern und Frauen und denen, die es verstehen konnten, das Gesetz vor. Das ganze Volk lauschte auf das Buch des Gesetzes. Der Schriftgelehrte Esra stand auf einer Kanzel aus Holz, die man eigens dafür errichtet hatte. Neben ihm standen rechts Mattitja, Schema, Anaja, Urija, Hilkija und Maaseja und links Pedaja, Mischaël, Malkija, Haschum, Haschbaddana, Secharja und Meschullam. Esra öffnete das Buch vor aller Augen, denn er stand höher als das versammelte Volk. Als er das Buch aufschlug, erhoben sich alle. Dann pries Esra den Herrn, den großen Gott; darauf antworteten alle mit erhobenen Händen: Amen, amen! Sie verneigten sich, warfen sich vor dem Herrn nieder, mit dem Gesicht zur Erde. Die Leviten Jeschua, Bani, Scherebja, Jamin, Akkub, Schabbetai, Hodija, Maaseja, Kelita, Asarja, Josabad, Hanan und Pelaja erklärten dem Volk das Gesetz; die Leute blieben auf ihrem Platz. Man las aus dem Buch, dem Gesetz Gottes, in Abschnitten vor und gab dazu Erklärungen, sodass die Leute das Vorgelesene verstehen konnten. (Neh 8,1-8) Das heißt, zur Zeit des zweiten Tempels ist es im Volk Gottes völlig normal, dass es eine Priesterschaft gibt – die levitische –, die dafür zuständig ist, dem Volk die Schrift zu erklären, damit es sie verstehen kann.
  • Schauen wir dann ins Neue Testament. In der Apostelgeschichte findet sich folgende Geschichte: „Ein Engel des Herrn sagte zu Philippus: Steh auf und zieh nach Süden auf der Straße, die von Jerusalem nach Gaza hinabführt. Sie führt durch eine einsame Gegend.Und er brach auf. Nun war da ein Äthiopier, ein Kämmerer, Hofbeamter der Kandake, der Königin der Äthiopier, der ihren ganzen Schatz verwaltete. Dieser war nach Jerusalem gekommen, um Gott anzubeten, und fuhr jetzt heimwärts. Er saß auf seinem Wagen und las den Propheten Jesaja. Und der Geist sagte zu Philippus: Geh und folge diesem Wagen. Philippus lief hin und hörte ihn den Propheten Jesaja lesen. Da sagte er: Verstehst du auch, was du liest? Jener antwortete: Wie könnte ich es, wenn mich niemand anleitet? Und er bat den Philippus, einzusteigen und neben ihm Platz zu nehmen. Der Abschnitt der Schrift, den er las, lautete: Wie ein Schaf wurde er zum Schlachten geführt; und wie ein Lamm, das verstummt, wenn man es schert, so tat er seinen Mund nicht auf. In der Erniedrigung wurde seine Verurteilung aufgehoben. Seine Nachkommen, wer kann sie zählen? Denn sein Leben wurde von der Erde fortgenommen. Der Kämmerer wandte sich an Philippus und sagte: Ich bitte dich, von wem sagt der Prophet das? Von sich selbst oder von einem anderen? Da begann Philippus zu reden und ausgehend von diesem Schriftwort verkündete er ihm das Evangelium von Jesus. Als sie nun weiterzogen, kamen sie zu einer Wasserstelle. Da sagte der Kämmerer: Hier ist Wasser. Was steht meiner Taufe noch im Weg? Er ließ den Wagen halten und beide, Philippus und der Kämmerer, stiegen in das Wasser hinab und er taufte ihn.“ (Apg 8,26-38)
  • Kommen wir jetzt von diesen Geschichten zu konkreten Anweisungen eines Apostels: „Bedenkt dabei vor allem dies: Keine Weissagung der Schrift darf eigenmächtig ausgelegt werden; denn niemals wurde eine Weissagung ausgesprochen, weil ein Mensch es wollte, sondern vom Heiligen Geist getrieben haben Menschen im Auftrag Gottes geredet.“ Das schreibt Petrus in seinem zweiten Brief. (2 Petr 1,20-21). Und es geht an späterer Stelle noch weiter: „Seid überzeugt, dass die Geduld unseres Herrn eure Rettung ist. Das hat euch auch unser geliebter Bruder Paulus mit der ihm geschenkten Weisheit geschrieben; es steht in allen seinen Briefen, in denen er davon spricht. In ihnen ist manches schwer zu verstehen und die Unwissenden, die noch nicht gefestigt sind, verdrehen diese Stellen ebenso wie die übrigen Schriften zu ihrem eigenen Verderben. (2 Petr 3,15-16)
  • Zuletzt noch eine sehr interessante Stelle: Die Versuchung Jesu. Auf den ersten Versuch Satans – „Wenn du Gottes Sohn bist, so befiehl, dass aus diesen Steinen Brot wird“ (Mt 4,3) – reagiert Jesus, indem er die Bibel zitiert. „Er aber antwortete: In der Schrift heißt es: Der Mensch lebt nicht nur von Brot, sondern von jedem Wort, das aus Gottes Mund kommt.“ (Mt 4,4) Aber der Teufel ist lernfähig. In der zweiten Versuchung probiert er selbst, das Gleiche zu tun: „Darauf nahm ihn der Teufel mit sich in die Heilige Stadt, stellte ihn oben auf den Tempel und sagte zu ihm: Wenn du Gottes Sohn bist, so stürz dich hinab; denn es heißt in der Schrift: Seinen Engeln befiehlt er, dich auf ihren Händen zu tragen, damit dein Fuß nicht an einen Stein stößt.“ (Mt 4,5-6) Der Teufel selbst kann – laut der Schrift – die Schrift zitieren und als Theologe auftreten!

3) Jesus reagiert übrigens auf die zweite Versuchung mit der Antwort: „In der Schrift heißt es auch: Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht auf die Probe stellen.“ (Mt 4,7) Man könnte (wenn man es so langweilig formulieren will) sagen, er weist Satan darauf hin, in welchem Sinn dessen Bibelzitat zu verstehen ist, wenn man den Kontext der ganzen Bibel in Betracht zieht.

Dasselbe muss man allgemein bei Stellen tun, die einem zunächst gegensätzlich erscheinen. Ein Beispiel: Wird das Tun des Guten von Gott belohnt werden, oder hat man, wenn man sich immer richtig verhält, eher mit dem Martyrium zu rechnen? In der Schrift lassen sich für beide Ansichten Belege finden. Einerseits: „Wenn du auf die Stimme des Herrn, deines Gottes, hörst, indem du auf alle seine Gebote, auf die ich dich heute verpflichte, achtest und sie hältst, wird dich der Herr, dein Gott, über alle Völker der Erde erheben. Alle diese Segnungen werden über dich kommen und dich erreichen, wenn du auf die Stimme des Herrn, deines Gottes, hörst: Gesegnet bist du in der Stadt, gesegnet bist du auf dem Land. Gesegnet ist die Frucht deines Leibes, die Frucht deines Ackers und die Frucht deines Viehs, die Kälber, Lämmer und Zicklein. Gesegnet ist dein Korb und dein Backtrog. Gesegnet bist du, wenn du heimkehrst, gesegnet bist du, wenn du ausziehst.“ (Deuteronomium 28,1-6; die Verheißungen gehen noch ein ganzes Stück weiter.) Aber dann auch: „Selig, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn ihnen gehört das Himmelreich. Selig seid ihr, wenn ihr um meinetwillen beschimpft und verfolgt und auf alle mögliche Weise verleumdet werdet. Freut euch und jubelt: Euer Lohn im Himmel wird groß sein. Denn so wurden schon vor euch die Propheten verfolgt.“ (Mt 5,10-12) Und: „Nehmt euch aber vor den Menschen in Acht! Denn sie werden euch vor die Gerichte bringen und in ihren Synagogen auspeitschen. Ihr werdet um meinetwillen vor Statthalter und Könige geführt, damit ihr vor ihnen und den Heiden Zeugnis ablegt. […] Brüder werden einander dem Tod ausliefern und Väter ihre Kinder, und die Kinder werden sich gegen ihre Eltern auflehnen und sie in den Tod schicken. Und ihr werdet um meines Namens willen von allen gehasst werden; wer aber bis zum Ende standhaft bleibt, der wird gerettet. […] Denkt nicht, ich sei gekommen, um Frieden auf die Erde zu bringen. Ich bin nicht gekommen, um Frieden zu bringen, sondern das Schwert. Denn ich bin gekommen, um den Sohn mit seinem Vater zu entzweien und die Tochter mit ihrer Mutter und die Schwiegertochter mit ihrer Schwiegermutter; und die Hausgenossen eines Menschen werden seine Feinde sein. Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, ist meiner nicht würdig, und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, ist meiner nicht würdig. Und wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und mir nachfolgt, ist meiner nicht würdig. Wer das Leben gewinnen will, wird es verlieren; wer aber das Leben um meinetwillen verliert, wird es gewinnen.“ (Mt 10,17-18.21-22.34-39)

Die Lösung des Problems ist hier ganz einfach: Man muss ein bisschen gesunden Menschenverstand benutzen und die Passagen ordentlich lesen mit der Frage, was damit wohl gemeint ist und was nicht. Die simple Antwort lautet: Deuteronomium beschreibt, was dann geschehen würde, wenn alle Menschen sich an Gottes Gebote halten würden. Denn Gott ist gut und befiehlt den Menschen das, was für sie selbst gut ist und ihrer Natur entspricht – Ihn und sich gegenseitig zu lieben, sich um ihre Familien zu kümmern, einander zu achten, die Wahrheit zu sagen, für Arme zu sorgen, und dergleichen mehr – und wenn alle Menschen sich daran halten würden, hätten wir in kürzester Zeit das Paradies auf Erden; das ist der Segen, der in Deuteronomium für das Halten der Gebote verheißen ist. Er ist nicht nur irgendeine äußerliche Belohnung (wenn du deine Hausaufgaben machst und Lesen übst, kriegst du von mir ein Stück Schokolade.), sondern die innere, logische Folge dieses Handelns (wenn du deine Hausaufgaben machst und Lesen übst, kannst du irgendwann spannende Bücher lesen). Allerdings – jetzt kommt’s! – halten sich die Menschen leider nicht immer an Gottes Gebote. Keiner tut immer das Richtige; und oft kann man es dann, wenn man es nicht tut, nicht leiden, wenn andere es eben doch tun. Das Buch der Weisheit beschreibt die Gedanken der „Frevler“ auf folgende Weise: „Lasst uns den Gerechten unterdrücken, der in Armut lebt, die Witwe nicht schonen und das graue Haar des betagten Greises nicht scheuen! Unsere Stärke soll bestimmen, was Gerechtigkeit ist; denn das Schwache erweist sich als unnütz. Lasst uns dem Gerechten auflauern! Er ist uns unbequem und steht unserem Tun im Weg. Er wirft uns Vergehen gegen das Gesetz vor und beschuldigt uns des Verrats an unserer Erziehung. Er rühmt sich, die Erkenntnis Gottes zu besitzen, und nennt sich einen Knecht des Herrn. Er ist unserer Gesinnung ein lebendiger Vorwurf, schon sein Anblick ist uns lästig; denn er führt ein Leben, das dem der andern nicht gleicht, und seine Wege sind grundverschieden.“ (Weish 2,10-15) Und da sich die Menschen gelegentlich so verhalten, ist es leider so, dass, auch wenn das Tun des Guten an sich zum Glück führen würde, es in der Praxis auch dazu führen kann, dass man verleumdet oder verfolgt wird. Es hat sich leider als richtig erwiesen, was Sokrates ein paar Jahrhunderte vor Christus einmal gesagt hat: Dass ein vollkommen guter Mensch in dieser Welt wohl gekreuzigt werden würde. Genau das ist mit einem vollkommen guten Menschen geschehen. Aber das liegt am gefallenen Zustand der Welt; in ihrem ursprünglichen Wesen liegt es, dass das Gute zum Glück führt. (Aber der gefallene Zustand wird am Ende ja auch überwunden werden – es heißt in den oben genannten Stellen zum Martyrium ja auch noch „Euer Lohn im Himmel wird groß sein“. Während man also nicht immer mit irdischem Lohn zu rechnen hat, kann man sich durchaus auf den himmlischen freuen, und es bleibt weiterhin eine Tatsache, dass es sich auch auf Erden konkret lohnen kann, gut zu sein – erstens mal fanden die Heiligen und Märtyrer größeres Glück in der Liebe zu Gott als in irgendetwas anderem (man kann sagen, sie lebten schon halb im Himmel), zweitens mal lohnt es sich auch im ganz und gar weltlichen Sinn gelegentlich, vorurteilsfrei, mutig oder verlässlich zu sein. („Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht“ und so.)) (Im Kontext dieses ganzen Themas müsste man natürlich auch noch das Thema des Buches Ijob erläutern, sprich, dass nicht nur Verfolgung, sondern auch Dinge wie Krankheit, Armut, Verlust etc. auch gute Menschen treffen können, aber das würde hier jetzt doch alles zu viel Platz in Anspruch nehmen.) Jedenfalls behalten sowohl Deuteronomium als auch Matthäus ihre Gültigkeit: Wenn es sich nicht lohnt, gut zu sein, dann ist das mehr oder weniger ein der Sünde oder deren Folgen geschuldeter Unfall, und das muss man dann halt in Kauf nehmen.

Eine derartige Auflösung von Widersprüchen ist keineswegs etwas Besonderes, das nur für die Bibel gelten würde; bloß machen sich bei ihr die Leute mehr Mühe, Widersprüche zu konstruieren. Auch ein x-beliebiger Journalist kann gleichzeitig schreiben „Die Politik sollte die Sorgen der Menschen ernst nehmen“ und „Politiker sollten sich nicht durch die Verbreitung von Ängsten bestimmen lassen“. Das muss sich nicht zwangsläufig widersprechen. Die eine Aussage beleuchtet die eine Hälfte der Medaille, die andere die andere. Und das ist eben auch bei den Zitaten Seinen Engeln befiehlt er, dich auf ihren Händen zu tragen, damit dein Fuß nicht an einen Stein stößt“ und Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht auf die Probe stellen“ der Fall. Ersteres will überhaupt nicht sagen, dass man sich ruhig in Gefahr begeben soll, Gott wird schon dafür sorgen, dass einem nichts passiert. Wenn man ein bisschen darüber nachdenkt, wird einem klar werden, dass der Psalmist wohl klug genug gewesen sein könnte, so einen Unsinn nicht zu behaupten. Er will einfach sagen, dass wir uns Gottes Beistand immer sicher sein können; es ist geistlich gemeint und hat denselben Sinn wie „Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, die Seele aber nicht töten können“ (Mt 10,28) oder „Was kann uns scheiden von der Liebe Christi? Bedrängnis oder Not oder Verfolgung, Hunger oder Kälte, Gefahr oder Schwert? In der Schrift steht: Um deinetwillen sind wir den ganzen Tag dem Tod ausgesetzt; wir werden behandelt wie Schafe, die man zum Schlachten bestimmt hat. Doch all das überwinden wir durch den, der uns geliebt hat. Denn ich bin gewiss: Weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Gewalten der Höhe oder Tiefe noch irgendeine andere Kreatur können uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn.“ (Römer 8,35-39)

4) Ich habe jetzt immer wieder die Autorität der Kirche betont. Aber: Die Kirche hat kein Verzeichnis angelegt, wie genau jeder einzelne Vers der Bibel zu verstehen ist. Sie hat ein gewisses System von Lehren festgelegt (das sich in Credo und Katechismus findet) und Bibelinterpretationen, die dem widersprechen, sind unzulässig. Ansonsten kann man in jede Passage hineinlesen, was einem gefällt. Die Kirchenväter haben sich oft ziemlich elaborierte allegorische Interpretationen zum Alten Testament einfallen lassen, die einem vielleicht manchmal an den Haaren herbeigezogen vorkommen können, aber an sich vollkommen legitim sind. Auch die schwierigen Bibelstellen darf man im Grunde genommen so interpretieren, wie man will – solange man im Rahmen der katholischen Lehre bleibt. Deshalb werde ich auch an manchen Stellen dieser Reihe verschiedene mögliche Interpretationen schwieriger Stellen erläutern und erklären, wieso ich persönlich welche vorziehe.

Zuletzt, nachdem so ziemlich alles Grundsätzliche zum katholischen Schriftverständnis geklärt sein müsste, noch ein paar praktische Tipps für den Fall, dass man sich als Christ in Diskussionen über schwierige Bibelstellen wiederfindet:

a) Die Stelle, die einem an den Kopf geworfen wird, erst einmal selbst nachlesen. Manchmal kann es nämlich vorkommen, dass man, wenn man das tut, sich dann erst einmal an den Kopf fassen muss und sich denkt: „Wollen die mich eigentlich verarschen?“ Ich bin tatsächlich schon einmal auf die Behauptung eines Atheisten gestoßen, Deuteronomium 22,23-27 sehe die Steinigung für vergewaltigte Mädchen vor. Das macht in etwa so viel Sinn, wie wenn man Donald Trump moralischen Rigorismus oder der AfD naive Multi-Kulti-Begeisterung vorwerfen würde. Lesen wir mal diese Stelle also mal: „Wenn ein unberührtes Mädchen mit einem Mann verlobt ist und ein anderer Mann ihr in der Stadt begegnet und sich mit ihr hinlegt, dann sollt ihr beide zum Tor dieser Stadt führen. Ihr sollt sie steinigen und sie sollen sterben, das Mädchen, weil es in der Stadt nicht um Hilfe geschrieen hat, und der Mann, weil er sich die Frau eines andern gefügig gemacht hat. Du sollst das Böse aus deiner Mitte wegschaffen. Wenn der Mann dem verlobten Mädchen aber auf freiem Feld begegnet, sie fest hält und sich mit ihr hinlegt, dann soll nur der Mann sterben, der bei ihr gelegen hat, dem Mädchen aber sollst du nichts tun. Bei dem Mädchen handelt es sich nicht um ein Verbrechen, auf das der Tod steht; denn dieser Fall ist so zu beurteilen, wie wenn ein Mann einen andern überfällt und ihn tötet. Auf freiem Feld ist er ihr begegnet, das verlobte Mädchen mag um Hilfe geschrieen haben, aber es ist kein Helfer da gewesen. Hier geht es gerade ausdrücklich darum, dass Vergewaltigungsopfer eben nicht zu bestrafen sind. Es gilt sogar „Im Zweifelsfall für die Angeklagte“; natürlich könnte ein Mädchen auch draußen vor der Stadt freiwillig mit einem Mann geschlafen haben, aber dieses Gesetz sagt: Wenn es sein könnte, dass es eine Vergewaltigung war (weil niemand da war, der sie hätte schreien hören können), gehen wir mal lieber davon aus, dass es eine war, als dass wir eine Unschuldige bestrafen; also wird nur der Mann bestraft. Aufgrund der dicht gedrängten Lebensverhältnisse innerhalb der Stadtmauern einer altorientalischen Stadt ging man davon aus, dass, wenn ein Mädchen dort geschrieen hätte, sie jemand hätte hören müssen, dass es also keine Vergewaltigung gewesen sein könne, wenn das nicht der Fall war. Dieses Gesetz sieht dann durchaus die Todesstrafe vor (zur Frage nach der Tora und deren Strafen in einem eigenen Beitrag mehr) – aber eben nur für konsensualen Ehebruch, ausdrücklich nicht für Vergewaltigung, und legt einfach eine Faustregel zur Beweisfindung vor. (Ich sage „Ehebruch“, weil die jüdische Eheschließung aus zwei Teilen bestand: Abschluss des Ehevertrags und Heimholung der Braut in das Haus des Bräutigams. Ersteres wird in der Bibel oft mit „Verlobung“ übersetzt, was aber den Sachverhalt nicht wirklich trifft, da „verlobte“ Mädchen rechtlich schon als mit ihrem Bräutigam verheiratet galten. Daher heißt es ja z. B. auch in der Einheitsübersetzung in Matthäus 1,18, dass Maria mit Josef „verlobt“ war, gleich darauf in Vers 19 aber, dass er „ihr Mann“ war.)

b) Damit bin ich auch schon beim nächsten Punkt: Die Stelle in der Originalsprache nachschauen, wenn man sie beherrscht, oder zumindest verschiedene Übersetzungen vergleichen, oder eine kommentierte Bibelausgabe heranziehen, in der Anmerkungen zum originalen Wortlaut stehen. Das macht zwar oft keinen großen Unterschied, aber manchmal kann es doch nötig sein, um eine Bibelstelle richtig zu verstehen.

Keine Übersetzung ist perfekt. Die Einheitsübersetzung beispielsweise ist eine relativ schlechte; ihr größtes Manko ist, dass sie zu viel Wert auf „Verständlichkeit“ und zu wenig auf Wörtlichkeit gelegt hat (kein Wunder – sie wurde im Jahr 1980 herausgegeben). Sie hat erstens die feierlichen Formulierungen des Originals oft in eine vergleichsweise langweilige Alltagssprache übertragen, und zweitens verliert sie an manchen Stellen mit ihrer mangelnden Wortgetreue gewisse Bedeutungsnuancen. Nehmen wir Matthäus 16,18. Da sagt Jesus – laut EÜ – zu Petrus: „Ich aber sage dir: Du bist Petrus und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen und die Mächte der Unterwelt werden sie nicht überwältigen“. „Mächte der Unterwelt“ heißt im griechischen Original „pylai hadou“ und wurde in älteren Übersetzungen mit „Pforten der Hölle“ wiedergegeben. Bei „hades“ (Genitiv „hadou“) kann man sich nun wohl darum streiten, ob es besser mit „Hölle“ oder mit „Unterwelt“ (oder mit einem anderen ähnlichen Begriff) zu übersetzen ist, aber „pylai“ heißt „Pforten“ oder „Tore“ und nicht „Mächte“! Oder nehmen wir eine Stelle aus dem Brief an Philemon. Situation: Paulus, der im Gefängnis sitzt, hat einen jungen Mann namens Onesimus kennengelernt, der ein Sklave und seinem Herrn Philemon weggelaufen ist. Philemon ist ein Christ und Paulus kennt ihn. Er schickt Onesimus zu Philemon zurück und gibt ihm einen Brief an seinen Herrn mit, in dem er für Onesimus Fürsprache einlegt und um seine Freilassung bittet. In diesem Brief heißt es an einer Stelle: „Denn vielleicht wurde er nur deshalb eine Weile von dir getrennt, damit du ihn für ewig zurückerhältst, nicht mehr als Sklaven, sondern als weit mehr: als geliebten Bruder. Das ist er jedenfalls für mich, um wie viel mehr dann für dich, als Mensch und auch vor dem Herrn.“ (Phlm 15-16) Was hier mit „als Mensch“ übersetzt wird, heißt im Original „im Fleisch“. Die Übersetzer haben sich hier offenbar gedacht, mit dem einen sei ja wohl das andere gemeint. Muss aber nicht so sein. Bei einer wortgetreuen Übersetzung könnte man auch spekulieren, ob Philemon und Onesimus möglicherweise tatsächlich leibliche Brüder gewesen sein könnten (d. h. Halbbrüder, Söhne desselben Vaters, der eine von einer Sklavin, der andere von einer legitimen Ehefrau; eine Konstellation, die im Römischen Reich nicht ungewöhnlich gewesen wäre). Diese Interpretationsmöglichkeit geht in der EÜ verloren. Hinzu kommt bei ihr, dass sie sich oft bemüht hat, ein bisschen abwechslungsreich zu sein und – vor allem im AT – oft ein und dasselbe Wort unterschiedlich übersetzt hat. Es hat aber eine große Bedeutung, wenn die Autoren der Bibel immer wieder in zehn Versen hintereinander dasselbe Wort verwenden, oder wenn sie dasselbe Wort verwenden, das vor ihnen schon andere Propheten in einem gewissen Zusammenhang verwendet haben. Es stellt Zusammenhänge her. Und die gehen verloren, wenn man das Wort jedes Mal anders übersetzt.

Okay, meine beiden erwähnten Beispiele klingen jetzt vielleicht ein bisschen nach Luxusproblemen, mit denen sich eigentlich bloß Professoren für Exegese an den Theologischen Fakultäten beschäftigen müssten, und es gibt tatsächlich meines Wissens nach auch keine absichtlich verfälschende Bibelübersetzung außer der von Martin Luther (Luther fügte, abgesehen davon, dass er mehrere Bücher aus der Bibel schmiss, das Wort „allein“ in Römer 3,28 ein (der Mensch werde gerecht durch den „Glauben allein“), obwohl es da nicht steht – hier kann man seine Begründung lesen, wieso er das tat, falls es jemanden interessiert: http://www.bible-researcher.com/luther01.html), aber es gibt auch andere Stellen als die oben erwähnten Beispiele, bei denen es einem, wenn man das Original nicht kennt, wirklich so vorkommen kann, als ob sie irgendwie keinen Sinn ergeben, vor allem dann, wenn sie bestimmte Wörter oder Redewendungen gebrauchen, die uns einfach nicht mehr geläufig und daher auf Deutsch oder in anderen modernen Sprachen schwer wiederzugeben sind. Ein Beispiel: Die seltsame Geschichte in Genesis 9,18-27 um Noah und seinen Sohn Ham macht auf einmal Sinn, wenn man biblisches Hebräisch kennt und Genesis 9,22 mit Levitikus 20,11 und Levitikus 18,7-8 in Verbindung setzt. (Hier eine Interpretation eines Exegeten dazu, in der diese Passage genauer erklärt wird: http://www.scotthahn.com/resources-1/2016/1/15/noahs-nakedness-and-the-curse-on-canaan-genesis-920-27) Oder ein anderes Beispiel, wo der Originaltext neue Interpretationsmöglichkeiten eröffnet: Die Zahlenangaben in der Exodusgeschichte. „Sowohl das Buch Exodus als auch die Volkszählung in Numeri 1 scheinen zu bezeugen, dass ‚die Israeliten von Ramses nach Sukkot [zogen], etwa sechshunderttausend Mann zu Fuß, nicht gezählt die Frauen und Kinder’ (Ex 12,37). Letzteres Detail hätte die Gesamtzahl der Israeliten wahrscheinlich auf über eine Million erhöht. Kritiker haben nicht ganz Unrecht damit, dass diese Zahl von Menschen wahrscheinlich einige archäologische Belege ihrer Aktivitäten hinterlassen hätte. Selbst wenn nicht [wegen ihres nomadischen Lebensstils, wie im Absatz vorher erklärt wird], hätte eine so große Gruppe jederzeit in der Lage sein sollen, Ägypten nach Belieben zu verlassen, da sie größer gewesen wäre als jede Armee zu dieser Zeit. Angesichts dieser Faktoren ist es möglich, dass die Zahlen, die in diesen Texten angegeben werden, entweder, basierend auf dem literarischen Genre der Zeit, übertrieben sind [in altorientalischen Texten werden z. B. bei der Größe von Armeen praktisch immer weit übertriebene Angaben gemacht, zudem werden Zahlen damals oft symbolisch verwendet; im Absatz danach erklärt] oder dass sie falsch übersetzt sind. Die letztere Annahme ist plausibel, da das hebräische Wort in diesen Passagen, das als ‚tausend’ übersetzt wird, elep, auch ‚Klan’ oder ‚Militäreinheit’ meinen kann. Zum Beispiel spricht Gideon von seinem elep (oder Klan) als dem schwächsten in Israel (Richter 6,15) und David überreichte dem Befehlshaber von Israels elep ein Geschenk (1 Samuel 17,18). Also könnten anstatt 600.000 ‚Mann zu Fuß’ auch bloß 600 Familien oder 600 Gruppen von kampffähigen Männern Ägypten verlassen haben.“ (Trent Horn, Hard Sayings. A Catholic approach to answering Bible difficulties, S. 84, Übersetzung von mir.)

Noch kurz zum Thema „absichtlich verfälschend“: Alle Übersetzungen sind natürlich zwangsläufig auch theologisch geprägt – generell neigen deutsche Protestanten zum Beispiel dazu, „Gemeinde“ zu übersetzen, wenn Katholiken das Wort „Kirche“ nehmen (englischsprachige Protestanten haben dagegen, soweit ich das sehe, mit „church“ kein so großes Problem). Das würde ich jetzt nicht wirklich als absichtliche Verfälschung bezeichnen, weil man sich zwangsläufig für eins der Worte entscheiden muss – anders als im obengenannten Beispiel mit Luther, der sein „allein“ auch einfach hätte weglassen können – und die Wahl, die man trifft, zwangsläufig durch die eigenen Vorannahmen geprägt sein wird, da kann man gar nicht anders. Man muss sich als Leser der Übersetzungen nur dieser Vorannahmen bewusst sein.

Ich verwende für die Zitate hier übrigens in der Regel trotzdem die Einheitsübersetzung, auch wenn ich weiß, dass sie eigentlich nicht so gut ist. Ich bin sie nun mal gewöhnt, sie ist im Moment die Standardübersetzung für deutschsprachige Katholiken, und, na ja, Übersetzungsprobleme muss man eben dann ansprechen. Ach ja, ich beherrsche Altgriechisch übrigens so einigermaßen und besitze ein Griechisches Neues Testament, aber bei Hebräisch kenne ich bis jetzt gerade mal die Buchstaben, kann also selber leider nichts im Originaltext nachschauen. Ich werde darauf schauen, hier für meine Reihe Kommentare zum Wortlaut der Bibel und zur genauen damaligen Bedeutung von Wörtern heranzuziehen, wenn möglich und nötig.

c) Die Beweislast liegt hier bei dem Bibelkritker. Wenn wir jemandem beweisen wollen, dass die Bibel überhaupt erst göttlich inspiriert ist, dann liegt die Beweislast bei uns. Aber wenn ein Gegner des Christentums uns beweisen will, dass es in sich widersprüchlich sei, an die Inspiration der Bibel zu glauben (weil Gott sich in der Bibel mal so zeige und mal so, zum Beispiel), dann liegt die Beweislast bei ihm. Wir müssen dann im Grunde höchstens eine Möglichkeit zeigen, wie sich die verschiedenen Bibelstellen versöhnen lassen könnten, während der Kritiker zeigen muss, dass es überhaupt keine solche Möglichkeit gibt.

Ach ja: Hier (falls man die Seite noch nicht kennt) übrigens noch ein Link zum leichteren Nachsehen der Bibelstellen: https://www.bibleserver.com/ Das ist eine protestantische Seite, deren Standardeinstellung leider die Lutherbibel 2017 ist, aber sie hat auch die Einheitsübersetzung und andere, hauptsächlich protestantische, Übersetzungen, und auch das Hebräische Alte Testament, die Septuaginta (die griechische Version des AT) und die Vulgata (die seit der Spätantike standardmäßig verwendete lateinische Übersetzung), wenn auch leider keine griechische Version des NT.

So… ich denke, damit habe ich jetzt hoffentlich alles zu Teil 2 nachgeholt. Mit dem nächsten Teil wird es dann wohl nach Weihnachten weitergehen.

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Ein Gedanke zu “Über schwierige Bibelstellen, Nachträge zu Teil 2

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