Über schwierige Bibelstellen, Exkurs: Etwas Grundsätzliches über Gottes Gutheit

Bevor ich mit der Erklärung verschiedener Bibelstellen weitermache, sollte ich vielleicht noch ganz kurz auf einen Einwand eingehen, der nicht von atheistischer, sondern von calvinistischer Seite gemacht werden könnte, nämlich diesen: Ist es überhaupt nötig, Rechtfertigungen und Erklärungen für Gottes Handeln in der Bibel zu suchen? Wenn Gott etwas tut – zum Beispiel die Landnahme befiehlt –, sollte uns dann nicht einfach genügen, dass es ein Befehl Gottes ist, und folglich gut? Gott steht unsagbar hoch über uns Menschen; wenn uns etwas, das Gott tut, als schlecht erscheint, dann sind wir es, die irren, und nicht Gott. Wir haben einfach Gott zu gehorchen. Was maßen wir uns an, darüber zu urteilen, was Er tun darf und was nicht?

Ich möchte auf diesen möglichen Einwand mit einem schönen Zitat von C. S. Lewis antworten:

 

In jeder Betrachtung der Gutheit Gottes droht sogleich folgendes Dilemma: Wenn einerseits Gott weiser ist als wir, so muss sein Urteil über viele Dinge sich von dem unsern unterscheiden, nicht zuletzt das über Gut und Böse. Was uns gut erscheint, muss deshalb nicht auch in Seinen Augen gut sein, und was uns böse erscheint, nicht böse. – Anderseits, wenn Gottes Urteil über das Gute sich von dem unsern so sehr unterscheidet, dass unser „Schwarz“ für Ihn „Weiß“ sein kann, dann kann es auch keinen Sinn haben, dass wir Ihn gut nennen. Denn nachdem wir doch sagen, Seine Gutheit sei völlig anders als die unsere, hat der Satz „Gott ist gut“ tatsächlich keinen andern Sinn als „Gott ist – wir wissen nicht, was“. Und eine uns völlig unbekannte Eigenschaft Gottes kann uns nicht dazu bewegen, Ihn zu lieben oder Ihm zu gehorchen. Wenn Er nicht (in unserm Sinn) „gut“ ist, so werden wir, wenn überhaupt, nur aus Furcht gehorchen und würden gleichermaßen bereit sein, einem allmächtigen Widersacher zu gehorchen. Sobald die Konsequenz lautet, dass – da wir gänzlich verderbt sind [wie der Calvinismus lehrt, Anmerkung von mir] – unsere Vorstellung vom Guten einfach nichts wert ist – könnte es geschehen, dass sich das Christentum auf Grund der Lehre von der „totalen Verderbtheit“ in eine Art Teufelsanbetung verkehrt.

 Ein Ausweg aus diesem Dilemma zeigt sich, wenn wir bedenken, was im Bereich menschlicher Beziehungen geschieht, wenn ein Mensch von niederem moralischen Niveau in die Gesellschaft von Leuten kommt, die besser und weiser sind als er, und nun allmählich lernt, ihre Maßstäbe anzuerkennen – ein Vorgang, den ich zufällig ziemlich genau beschreiben kann, da er mir widerfahren ist. Als ich zur Universität kam, hatte ich fast keine moralischen Begriffe, so wenig wie ein junger Bursche nur haben konnte. Eine milde Abneigung gegen Grausamkeit und gegen Unanständigkeit in Geldsachen waren das Äußerste; über Keuschheit, Wahrhaftigkeit und Selbstverleugnung dachte ich wie ein Pavian über klassische Musik. Durch Gottes Barmherzigkeit geriet ich in eine Gruppe junger Männer (von denen übrigens, nebenbei gesagt, keiner Christ war), die mir durch Geist und Phantasie so verwandt waren, dass sofort eine nähere Beziehung entstand. Sie nun kannten das Sittengesetz und versuchten, es zu beobachten. So war ihr Urteil über Gut und Böse sehr verschieden von dem meinen.

 Was nun in solch einem Fall geschieht, ist nicht im geringsten so etwas wie eine Aufforderung, als „weiß“ anzusehen, was man bis dahin „schwarz“ genannt hatte. Die neuen moralischen Urteile dringen in die Seele niemals als bloße Umkehrungen früherer Urteile ein (obgleich sie diese tatsächlich umkehren), sondern „als Herren, die man offenbar erwartet hatte“. Du kannst gar nicht im Zweifel darüber sein, welches die Richtung deiner Wandlung ist: Die neuen Urteile sehen dem Guten eher ähnlich als die kleinen Fetzen des Guten, die du bereits hattest: dennoch stehen sie in gewissem Sinn untereinander in Zusammenhang. Aber das eigentliche Kriterium ist, dass die Anerkennung der neuen Maßstäbe begleitet ist von dem Gefühl der Scham und der Schuld: Man hat das Gefühl, in eine Gesellschaft hineingestolpert zu sein, in die man nicht passt.

 […] Die göttliche „Gutheit“ unterscheidet sich von der unseren, aber nicht völlig; es ist nicht ein Unterschied wie der von Weiß und Schwarz, sondern wie der zwischen einem vollkommenen Kreis und dem ersten Versuch eines Kindes, ein Rad zu zeichnen. Wenn aber das Kind zeichnen gelernt hat, wird es wissen, dass der Kreis, den es nun macht, eben das ist, was es von Anfang an zu machen versucht hat.

 Diese Lehre ist auch in der Heiligen Schrift enthalten. Christus ruft die Menschen zur Buße – ein sinnloser Ruf, wäre Gottes Maßstab ganz und gar verschieden von dem, den sie bereits kannten, von dem sie aber in ihrem Tun abgewichen waren. Er beruft sich auf unser tatsächliches sittliches Urteil: „Warum denn seht ihr nicht selbst, was Recht ist?“ (Luk. 12,57). Gott weist die Menschen im Alten Testament zurecht auf Grund ihrer eigenen Vorstellungen von Dankbarkeit, Treue und Gerechtigkeit; Er stellt Sich Selber sozusagen vor den Richterstuhl Seiner eigenen Geschöpfe: „Was für eine Ungerechtigkeit haben eure Väter an Mir gefunden, dass sie Mich verlassen haben?“ (Jer. 2,5).

 

(C. S. Lewis, Über den Schmerz, S. 35-37.)

 

Also ja, wir sollten ggf. einmal prüfen, ob unsere Urteile über Gut und Böse richtig sind (oder vielleicht durch in unserer jeweiligen Kultur verbreitete Fehlurteile verfälscht), aber nein, wir glauben nicht daran, dass das Gute einfach das ist, was Gott willkürlich befiehlt. Gott befiehlt, was gut ist, weil Er gut ist; und im Licht dieses Prinzips müssen wir die Bibel auslegen.

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