Über schwierige Bibelstellen, Teil 3: Über Historizität, Genres und „wörtlich gemeint“

(Ich habe die geplante Reihenfolge ein bisschen umgestellt: Hier also jetzt erst mal zu den historischen Fragen.)

Eine wichtige Frage bei der Interpretation von Bibelstellen ist natürlich immer: Ist das überhaupt so passiert? Ist das historisch? Oder ist das nicht einfach falsch? Oder, von einem anderen Blickpunkt aus betrachtet, auch: Ist das wörtlich gemeint? Ist das nicht nur eine bildliche, mythische Geschichte anstatt ein historisches Faktum?

Na ja, erst einmal ist „wörtlich“ nicht automatisch dasselbe wie „historisch“ – Anweisungen in einem Brief können sehr wörtlich gemeint sein, beschreiben aber keine historischen Ereignisse, auch wenn sie wiederum aus konkreten historischen Situationen resultieren und die Briefe selber historisch sind –, aber, um zum eigentlich Punkt zu kommen: Ja, wie ich bereits gesagt habe, in der Bibel geht es grundsätzlich um einige reale, historische Ereignisse. Der grobe Handlungsverlauf ist ein historischer, und er sieht folgendermaßen aus: Schöpfung, Sündenfall, Erlösung. Gott erschafft die Welt und die Menschen (Genesis 1-2), die Menschen wenden sich von Gott ab und stürzen sich selbst ins Unglück (Genesis 3), Gott versucht, die Situation wieder geradezubiegen (Genesis 4 – Offenbarung 22). Der letzte Teil ist natürlich ein sehr langwieriges Unterfangen, und er beginnt damit, dass Gott sich aus allen Völkern ein Volk erwählt, die Israeliten, dieses Volk durch die Jahrhunderte hindurch führt und schützt und ihm immer wieder Propheten sendet. Das ist alles letztlich eine Vorbereitung für die direkteste Selbstoffenbarung Gottes in Jesus Christus: Dieser wird zu einem bestimmten Zeitpunkt in der Geschichte geboren, gekreuzigt und wieder auferweckt. Die von ihm auserwählten Apostel beginnen nun, das Evangelium, die Frohe Botschaft, allen Menschen, Juden wie Heiden, zu verkünden. Das alles müssen historische Fakten sein, oder das Christentum macht keinen Sinn.

Die Evangelien sind entweder historisch oder falsch. Sie sind keine Mythen, die irgendwelche zeitlosen Wahrheiten vermitteln. Ihr Genre ist übrigens das der antiken Biographie, in der von der Herkunft und Geburt, den wichtigen Taten, dem Tod und dem Nachleben berühmter Männer erzählt wird; ein Genre der Geschichtsschreibung. Dass die Evangelien Geschichtsschreibung zu sein beanspruchen, zeigt z. B. schon Lukas in seinem Vorwort: „Schon viele haben es unternommen, einen Bericht über all das abzufassen, was sich unter uns ereignet und erfüllt hat. Dabei hielten sie sich an die Überlieferung derer, die von Anfang an Augenzeugen und Diener des Wortes waren. Nun habe auch ich mich entschlossen, allem von Grund auf sorgfältig nachzugehen, um es für dich, hochverehrter Theophilus, der Reihe nach aufzuschreiben. So kannst du dich von der Zuverlässigkeit der Lehre überzeugen, in der du unterwiesen wurdest.“ (Lk 1,1-4) Auch die Fortsetzung des Lukasevangeliums – die Apostelgeschichte – ist Geschichtsschreibung. Natürlich gibt es auch im Neuen Testament einige Bücher, die  an sich keine Geschichtsschreibung sind – die vielen Briefe, und die Offenbarung des Johannes. Aber auch in ihnen geht es um Geschichtliches. „Was von Anfang an war, was wir gehört haben, was wir mit unseren Augen gesehen, was wir geschaut und was unsere Hände angefasst haben, das verkünden wir: das Wort des Lebens.“ (1 Johannes 1,1)

Wenn wir ins Alte Testament schauen, bietet sich ein ähnliches, aber manchmal schwieriger zu deutendes Bild. Hier haben wir auch Geschichtsschreibung, z. B. die Bücher der Makkabäer, die Bücher der Chronik, oder die Bücher der Könige. Außerdem gibt es Bücher, die ganz deutlich keine Geschichtsschreibung sind, aber trotzdem natürlich in der Geschichte Israels wurzeln – die Psalmen, das Buch der Sprichwörter, das Buch der Weisheit. Diese Bücher fasst man unter dem Begriff der „Weisheitsliteratur“ zusammen, sie stehen zwischen den Geschichtsbüchern und den Prophetenbüchern.

Die Propheten befinden sich von ihrer Geschichtlichkeit her so irgendwo zwischen Geschichts- und Weisheitsbüchern. Sie befassen sich einerseits sehr wohl mit historischen Ereignissen, und gelegentlich gibt es auch Passagen, in denen konkrete Ereignisse erzählt werden. (Hier zum Beispiel: „In der Zeit, als Ahas, der Sohn Jotams, des Sohnes Usijas, König von Juda war, zogen Rezin, der König von Aram, und Pekach, der Sohn Remaljas, der König von Israel, gegen Jerusalem in den Krieg; aber sie konnten die Stadt nicht einnehmen. Als man dem Haus David meldete: Aram hat sich mit Efraim verbündet!, da zitterte das Herz des Königs und das Herz seines Volkes, wie die Bäume des Waldes im Wind zittern. Der Herr aber sagte zu Jesaja: Geh zur Walkerfeldstraße hinaus, zusammen mit deinem Sohn Schear-Jaschub (Ein Rest kehrt um), an das Ende der Wasserleitung des oberen Teiches, um Ahas zu treffen. Sag zu ihm: Bewahre die Ruhe, fürchte dich nicht! Dein Herz soll nicht verzagen wegen dieser beiden Holzscheite, dieser rauchenden Stummel, wegen des glühenden Zorns Rezins von Aram und des Sohnes Remaljas.“ (Jesaja 7,1-4) Das ist übrigens das Kapitel, in dem dann an späterer Stelle eine der berühmtesten Prophezeiungen des AT steht: „Der Herr sprach noch einmal zu Ahas; er sagte: Erbitte dir vom Herrn, deinem Gott, ein Zeichen, sei es von unten, aus der Unterwelt, oder von oben, aus der Höhe. Ahas antwortete: Ich will um nichts bitten und den Herrn nicht auf die Probe stellen. Da sagte Jesaja: Hört her, ihr vom Haus David! Genügt es euch nicht, Menschen zu belästigen? Müßt ihr auch noch meinen Gott belästigen? Darum wird euch der Herr von sich aus ein Zeichen geben: Seht, die Jungfrau wird ein Kind empfangen, sie wird einen Sohn gebären und sie wird ihm den Namen Immanuel (Gott mit uns) geben.“ (Jesaja 7,10-14)) Aber die Prophetenbücher enthalten eben nicht nur Erzählungen von Vergangenem, sondern – wie Jesaja 7 gut zeigt – auch Prophezeiungen über die Zukunft, und speziell oft über den Messias. Diese Prophezeiungen sind auch nicht an allen Stellen leicht zu deuten. Wie „wörtlich“ oder „bildlich“ sie gemeint sind, na, das hängt wohl davon ab, was der Prophet im Einzelfall sagen wollte. Wenn er sagt „Aus dem Baumstumpf Isais wächst ein Reis hervor, ein junger Trieb aus seinen Wurzeln bringt Frucht“, dann kann man daraus logischerweise schließen, dass der Messias ein Nachfahre Isais (der der Vater Davids war) sein wird; dass hier nicht von Pflanzen die Rede ist, ist wohl einsichtig. Andere Prophezeiungen – „sie werden auf den blicken, den sie durchbohrt haben“ (Sacharja 12,10), „Sie verteilen unter sich meine Kleider und werfen das Los um mein Gewand“ (Psalm 22,19), etc. – haben sich letztlich als ziemlich wörtliche Vorausdeutungen erwiesen. Es gibt aber natürlich auch Beispiele schwieriger zu deutender Stellen als dieser hier. Propheten waren aber übrigens auch nicht ausschließlich – oder auch nur hauptsächlich – dafür zuständig, die Zukunft anzukündigen, sondern vor allem gaben sie Ermahnungen für die Gegenwart (bei denen natürlich ständig auch auf Vergangenheit und Zukunft des Volkes Israel verwiesen wurde). Auch die sind oft sehr bildlich und nicht immer leicht zu verstehen, aber das heißt auch wiederum nicht, dass man sie einfach mit dem Kommentar „nicht wörtlich“ beiseite schieben kann.

Was mich angeht, ich liebe die Prophetenbücher übrigens, vor allem Jesaja, Hosea, Micha und Jeremia. Sie sind spannend und wunderbar zu lesen; ein bisschen verwirrend vielleicht am Anfang, wenn man noch nicht an ihren Stil gewöhnt ist, weil der Prophet ständig von Warnungen zu Verheißungen zu Gerichtsdrohungen zu historischen Rückblicken zu Verheißungen zu Gerichtsdrohungen zu Verheißungen übergeht. (Ein Beispiel gefällig? Aus dem ersten Kapitel bei Jesaja: „Wenn ihr auch noch so viel betet, ich höre es nicht. Eure Hände sind voller Blut. Wascht euch, reinigt euch! Lasst ab von eurem üblen Treiben! Hört auf, vor meinen Augen Böses zu tun! Lernt, Gutes zu tun! Sorgt für das Recht! Helft den Unterdrückten! Verschafft den Waisen Recht, tretet ein für die Witwen! Kommt her, wir wollen sehen, wer von uns Recht hat, spricht der Herr. Wären eure Sünden auch rot wie Scharlach, sie sollen weiß werden wie Schnee. Wären sie rot wie Purpur, sie sollen weiß werden wie Wolle. Wenn ihr bereit seid zu hören, sollt ihr den Ertrag des Landes genießen. Wenn ihr aber trotzig seid und euch weigert, werdet ihr vom Schwert gefressen. Ja, der Mund des Herrn hat gesprochen. Ach, sie ist zur Dirne geworden, die treue Stadt. Einst war dort das Recht in voller Geltung, die Gerechtigkeit war dort zu Hause, jetzt aber herrschen die Mörder. Dein Silber wurde zu Schlacke, dein Wein ist verwässert. Deine Fürsten sind Aufrührer und eine Bande von Dieben, alle lassen sich gerne bestechen und jagen Geschenken nach. Sie verschaffen den Waisen kein Recht, die Sache der Witwen gelangt nicht vor sie. Darum – Spruch Gottes, des Herrn der Heere, des Starken Israels: Weh meinen Gegnern, ich will Rache nehmen an ihnen, mich rächen an meinen Feinden. Ich will meine Hand gegen dich wenden, deine Schlacken will ich mit Lauge ausschmelzen, all dein Blei schmelze ich aus. Ich will dir wieder Richter geben wie am Anfang und Ratsherrn wie zu Beginn. Dann wird man dich die Burg der Gerechtigkeit nennen, die treue Stadt. Zion wird durch das Recht gerettet, wer dort umkehrt, durch die Gerechtigkeit.“ (Jesaja 1,15-27))

Jetzt noch zu den übrigen Büchern. Es gibt auch Bücher im AT, die für uns moderne Leser auf den ersten Blick den Eindruck einer historisch gemeinten Erzählung machen können, bei denen es aber gute Argumente gibt, sie für „bloße“ Beispielerzählungen zu halten: Gute Beispiele dafür sind Jona, Ijob und Judith. Wenn man wissen will, ob diese Bücher historisch sind, muss man sich ihre jeweiligen stilistischen Merkmale anschauen, und beginnt dabei am besten gleich am Anfang:

  • Jona beginnt mit: „Das Wort des Herrn erging an Jona, den Sohn Amittais: Mach dich auf den Weg und geh nach Ninive, in die große Stadt, und droh ihr (das Strafgericht) an! Denn die Kunde von ihrer Schlechtigkeit ist bis zu mir heraufgedrungen.“ (Jona 1,1-2)
  • Ijob beginnt mit: „Im Lande Uz lebte ein Mann mit Namen Ijob. Dieser Mann war untadelig und rechtschaffen; er fürchtete Gott und mied das Böse.“ (Ijob 1,1)

Zum Vergleich dazu: 1 Makkabäer zum Beispiel beginnt mit einem Rückblick auf Alexander den Großen und seine Feldzüge („Der Mazedonier Alexander, Sohn des Philippus, zog damals vom Land der Kittäer aus“, 1 Makkabäer 1,1) und geht dann über zum „Jahr 137 der griechischen Herrschaft“ und dem Beginn der Herrschaft des Antiochus Epiphanes (1 Makkabäer 1,10). Die typischen Abschnitte des 2. Buches der Könige beginnen ungefähr so: „Im dreiundzwanzigsten Jahr des Joasch, des Sohnes Ahasjas, des Königs von Juda, wurde Joahas, der Sohn Jehus, König von Israel. Er regierte siebzehn Jahre in Samaria“ (2 Könige 13,1). Die historischen Bücher enthalten Ahnenlisten („Einst lebte ein Mann aus Ramatajim, ein Zufiter vom Gebirge Efraim. Er hieß Elkana und war ein Sohn Jerohams, des Sohnes Elihus, des Sohnes Tohus, des Sohnes Zufs, ein Efraimiter“, 1 Samuel 1,1), Bezüge zu den Regierungszeiten von verschiedenen Herrschern (z. B. der Könige von Juda, Israel, Edom, Aram, oder auch der ägyptischen Pharaonen oder der assyrischen oder persischen Großkönige), Bezüge zu bestimmten, meistens inzwischen archäologisch identifizierten Orten, und Erzählungen von Kriegen, Aufständen, Hungersnöten, Deportationen, höfischen Intrigen, großen Wallfahrten, Bauprojekten, Königsernennungen und so weiter; und diese ganze Handlung wird in einen historischen Rahmen eingeordnet und man kann auf der Karte nachvollziehen, von wo aus wohin ein Feldzug geführt wurde oder eine Nomadengruppe zog.

Wenn man damit die spärlichen Informationen in Jona und Ijob vergleicht: „Jona, der Sohn Amittais“; das ist so, als würde man eine Figur namens „Hans Meier“ einführen, ohne zu erklären, wo und wann dieser „Hans Meier, der das und das tat“ lebte. Das ist etwas ganz anderes als ein „Hans Meier, geboren 1967 in München (Sohn des Papierfabrikanten Helmut Meier, der Jahre zuvor als Vertriebener aus Schlesien gekommen war), der in den Jahren nach 2010 das und das tat“. „In Amerika lebte ein Mann namens John“ – ungefähr so genau ist die Angabe im Buch Ijob. Das ist ein erstes Anzeichen dafür, dass dem Autor dieses Buches die historische Einordnung seiner Figur wohl nicht so wichtig war, und dass es somit auch gut möglich ist, dass es sich um gar keine historische Figur handelt; es kommt auf die Botschaft der Geschichte an, nicht darauf, ob sie genau so zu irgendeinem Zeitpunkt passiert ist.

Aber das ist nicht das einzige Kriterium: Nehmen wir jetzt das Buch Judith. Hier könnte man als moderner Leser auf den ersten Blick denken, na also, hier wird die Handlung ja wohl genau in die Regierungszeiten bedeutender Herrscher eingeordnet, also wird das wohl ein historisches Buch sein. Bloß, dass es das nicht ist.

Ich möchte hier Joe Heschmeyer zitieren (http://shamelesspopery.com/is-the-book-of-judith-historically-accurate/; Übersetzung von mir; er argumentiert hier übrigens gegen Protestanten, die das Buch Judith nicht als Teil der Bibel anerkennen, nicht gegen Atheisten):

„Das Buch Judith beginnt so: ‚Es war im zwölften Jahr des Nebukadnezzar, der in der großen Stadt Ninive als König der Assyrer regierte. Zur gleichen Zeit regierte damals in Ekbatana Arphaxad als König der Meder.’ Warte mal, sagen die modernen Protestanten. Nebukadnezzar, König der Assyrer? Der Kerl war König der Babylonier.

Worauf der Autor von Judith sagen würde: ‚Offensichtlich.’ Ich meine, es ist eine Sache, wenn ein moderner Protestant denkt, dass ein gewöhnlicher Leser sich nicht erinnert, ob Nebukadnezzar König der Assyrer oder der Babylonier war, aber glaubt er ernsthaft, dass eine vorchristliche Leserschaft aus Diaspora-Juden diesen Fehler nicht bemerken würde… und zwar sofort? Die Babylonische und die Assyrische Gefangenschaft gehörten zu den wichtigsten und traumatischsten Ereignissen in der jüdischen Geschichte, und ein großer Teil des Alten Testaments, das sie studierten, behandelt diese zwei Ereignisse… als eigenständige Ereignisse. Im Wesentlichen eroberten die Assyrer das Nordreich Israel und die Babylonier eroberten das Südreich Juda. Von diesen beiden Eroberungen haben wir die ‚verlorenen Stämme Israels’, die Zerstörung des Ersten Tempels, und, ach ja, die Entstehung der Diasporagemeinden, die diese Texte als Heilige Schriften annahmen. Diese Ereignisse hatten einen massiven Einfluss.

Man musste nicht gebildet sein, um den Unterschied zwischen den Assyrern und den Babyloniern zu kennen, aber wahrscheinlich waren die Leser von Judith das auch. Halten es diese ‚Skeptiker’ tatsächlich für plausibel, dass weder der Autor, noch die Schreiber, noch die Leser auch nur die grundlegenden Fakten ihrer eigenen Geschichte kannten? Das ist das biblische Äquivalent zu dem berühmten Satz aus dem Film ‚War es vorbei, als die Deutschen Pearl Harbor bombardiert haben?’. Oder, um vielleicht die zwei traumatischsten Ereignisse im modernen Judentum zu nehmen, es wäre, wie wenn eine moderne jüdische Quelle begänne ‚Als in Moskau Hitler das Oberhaupt der Sowjetunion war…’, und niemand bemerkt es.

Glaubt irgendjemand, dass die Diasporajuden (oder irgendjemand) so dumm waren? Dass sie nicht nur ihre eigenen Heiligen Schriften nicht kannten, sondern nicht einmal ihre eigene Geschichte? Sicher, ein paar Leute würden es vielleicht übersehen, wie die Leute, die auf den alten ‚Wie viele Tiere hat Moses auf seine Arche mitgenommen?’-Trick hereinfallen. Aber wie gesagt, das war nicht nur die Heilige Schrift, es war Geschichte. Jüdische Geschichte war wie Moses und George Washington in einem, die Quelle ihrer nationalen, ethnischen und religiösen Identität. Man könnte genauso gut glauben, dass der Autor von Offenbarung 11,8 wirklich glaubte, dass Jesus in Sodom, Ägypten gekreuzigt wurde. [Offb 11,8 lautet: „Diese Stadt heißt, geistlich verstanden: Sodom und Ägypten; dort wurde auch ihr Herr gekreuzigt.“]

Also was ist hier los? Oder eine bessere Frage ist vielleicht: ‚Wieso würde eine jüdische Leserschaft, die schon ab dem ersten Vers des Buches wüsste, dass das keine traditionelle Geschichtsschreibung war, es als Heilige Schrift anerkennen?’ Na ja, ich denke, dass das, was hier vor sich geht, dasselbe ist, das im Buch der Offenbarung passiert: es gibt einen epischen historischen Kampf, der in einer Mischung aus historischer und metaphorischer Sprache dargelegt wird. Gliedern wir den ersten Vers auf, um einen Sinn dafür zu bekommen:

 ‚Es war im zwölften Jahr des Nebukadnezzar, der in der großen Stadt Ninive als König der Assyrer regierte. Zur gleichen Zeit regierte damals in Ekbatana Arphaxad als König der Meder.’

Also, die Akteure auf der Bühne sind: Nebukadnezzar, das Assyrische Reich (und speziell Ninive), und Arphaxad, der über die ‚Meder in Ekbatana’ herrschte. Es gibt weder zur Zeit des Babylonischen noch des Assyrischen Reiches einen medischen Herrscher namens Arphaxad, aber Arphaxad kommt tatsächlich anderswo in der Bibel vor. Er ist einer der Söhne von Noahs Sohn Sem, und die jüdische Tradition assoziierte die verschiedenen Völker des Mittleren Ostens mit jedem der Söhne und Enkel Noahs. Der jüdische Historiker Flavius Josephus aus dem ersten Jahrhundert hatte das hier in seinem ersten Buch über die Jüdischen Altertümer zu sagen:

Sem, der dritte Sohn Noahs, hatte fünf Söhne, die das Land bewohnten, das am Euphrat begann und zum Indischen Ozean reichte. Denn Elam hinterließ nach ihm die Elamiter, die Vorfahren der Perser. Assur lebte in der Stadt Ninive; und nannte seine Untertanen Assyerer, die zur am meisten vom Glück begünstigten Nation wurden, jenseits anderer. Von Arphaxad kommt der Name der Arphaxaditer, die nun Chaldäer genannt werden. (Buch 1, Kapitel 6).

Also haben wir nun Judith, deren Name einfach nur ‚Jüdin’“ bedeutet, die gegen die vereinten Gewalten der Babylonier, Assyrer, Meder und Chaldäer anzukämpfen hat. Die Geschichte geht in einem ähnlichen Stil weiter. Wenn man genau hinschaut, sieht man die Taten verschiedener realer jüdischer Frauen zusammengezogen in etwas, das anscheinend eine umfassende Erzählung über die Art und Weise ist, wie gläubige Jüdinnen gewaltige Hindernisse in einer korrupten Welt der Männer überwunden haben. In anderen Worten, dies ist Genesis 3,15, umgesetzt im Lauf der ganzen Geschichte, und in diesem Buch auf besonders schöne Weise zusammengebracht. [Genesis 3,15 ist eine Prophezeiung, die Gott nach dem Sündenfall zur Schlange spricht: „Feindschaft setze ich zwischen dich und die Frau, zwischen deinen Nachwuchs und ihren Nachwuchs. Er trifft dich am Kopf und du triffst ihn an der Ferse.“ (Das Pronomen im zweiten Satz kann übrigens sowohl mit „er“ als auch mit „sie“ übersetzt werden.) Man bezeichnet diesen Vers auch als „Protoevangelium“, da er im Besonderen auf Maria und ihren Sohn Jesus Christus hindeutet: Satan trifft sozusagen Gottes Achillesferse mit der Kreuzigung, aber es ist Satans Kopf, der durch den Sohn der Frau zermalmt wird. Daher wird die Gottesmutter mit ihrem Sohn im Arm auch gerne mit einer Schlange unter ihrem Fuß dargestellt.] […]

Auch wenn wir Elemente früherer Frauen des Alten Testaments, wie Esther, Deborah und insbesondere Jael (aus Richter 4-5) in diesen Stellen sehen, sind sie über gläubige Frauen im Allgemeinen. Deshalb sagt Judith 15,12-13, dass, nachdem sie den bösen Befehlshaber Holofernes tötete, ‚[a]lle Frauen in Israel herbei [eilten], um Judit zu sehen, und ihr Lob [sangen]. Als sie sich ihr zu Ehren zu einem Festreigen aufstellten, nahm Judit belaubte Zweige in die Hand und gab auch den umstehenden Frauen davon. Sie und ihre Begleiterinnen setzten sich Kränze von Ölzweigen auf, und so ging sie vor dem ganzen Volk her und führte den Festreigen der Frauen an. Ihr folgten alle Männer von Israel in Waffen und mit Kränzen geschmückt. Von allen Lippen ertönten Loblieder.’

Mit anderen Worten, das ist ein Triumph aller gläubigen Frauen in Israel, und, wie an ihren ritterlichen Gefolgsmännern gesehen werden kann, auch aller gläubigen Männer.“

Man könnte das Buch Judith – und andere Bücher, die historisch auf den ersten Blick unsinnige Angaben enthalten, wie z. B. Tobit („Vor seinem Tod hörte er [Tobias] noch vom Untergang Ninives, das von Nebukadnezzar und Xerxes erobert wurde“, Tobit 14,15) – also z. B. mit einer Karikatur über den deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt vergleichen, in der Hitler und Stalin gemeinsam am Kaffeetisch sitzen und sich einen Kuchen mit der Aufschrift „Polen“ teilen, während der britische Premier Chamberlain als Butler daneben steht, oder mit einer Karikatur über Christenverfolgung im Lauf der Geschichte, in der Nero, Robespierre und Kim Jong Un zusammen ein Kreuz aufrichten. Natürlich saßen Hitler und Stalin nie gemeinsam am Kaffeetisch, ebenso wenig wie Nero und Robespierre einander je getroffen haben, aber das ist eben auch gar nicht gemeint, sondern es geht um größere Zusammenhänge – im Fall von Tobit etwa geht es eben um die Ablösung des Assyrischen Großreichs durch die Reiche der Babylonier und dann der Perser, also darum, dass auch die Reiche der Feinde des jüdischen Volkes vergänglich sind; auch wenn die Stadt Ninive schon lange vor König Xerxes zerstört wurde.

Elemente scheinbar geschichtlicher Bücher, die vielleicht doch nicht so geschichtlich sind, sind also z. B. sehr vage oder gar keine historischen und geographischen Angaben (Jona, Ijob), oder eben historisch nachweislich unsinnige Angaben, die auch der damaligen Leserschaft sofort als unsinnig ins Auge gefallen wären (Judith, Tobit). Das ist natürlich noch kein letztgültiger Beweis, dass an ihnen nichts Historisches ist. Sie könnten trotzdem auf tatsächlichen Personen und Begebenheiten beruhen. Wir wissen es nicht.

Okay, jetzt endlich genauer zur Frage nach der Historizität von Büchern wie den fünf Büchern Mose, Josua, Richter, den Samuelbüchern, den Büchern der Könige, den Büchern der Chronik, Esra oder Nehemia. Sind die Erzählungen darin historisch? Sind sie in allen Einzelheiten historisch? Sind sie es ihrer Absicht nach? Berichten sie nachgewiesenermaßen Wahres?

In vielen Fällen lautet die Antwort aus Sicht der Forschung leider einfach: Können wir nicht sagen.

In der Alten Geschichte, also z. B. der griechischen oder römischen, finde ich es immer wieder erstaunlich, wie wenig Quellen wir eigentlich haben; da kann eine neu entdeckte Inschrift oder ein Papyrus schon mal interessante neue Blickwinkel auf eine spezielle Frage eröffnen. Man kann die Quellen, die wir zu Cäsar oder Sokrates haben, einfach nicht mit den Quellen vergleichen, die wir über, sagen wir mal, Napoleon oder Hitler haben. Kein Historiker bricht in Begeisterungsstürme aus, wenn ein neues Tagebuch eines Weltkriegssoldaten entdeckt wird. Er kann sich vor für seine Doktorarbeit auszuwertenden Quellen zu diesem Krieg sowieso kaum retten. Ein Althistoriker dagegen, der eine Schrift eines Teilnehmers an irgendeinem griechischen Feldzug gegen die Perser entdeckte, könnte sein Glück vermutlich kaum fassen. Natürlich wissen wir trotzdem einiges über die antike Geschichte, die Quellen, die wir haben, geben schon etwas her, aber sehr vieles bleibt auch im Dunkeln, und viele Angaben in den Quellen können nicht überprüft werden, weil wir nur ein oder zwei Quellen zu genau dieser speziellen Frage haben.

In der altorientalischen Geschichte ist es noch einmal anders. Da kann eine neu entdeckte Inschrift schon mal ganze Theorien über die Geschichte eines Volkes umstürzen. Da haben wir manchmal so wenig Quellen, dass man nicht nur nicht so genau weiß, wie das Frauenbild der Israeliten zur Zeit des Königs David war oder wie die Kriege zwischen Israel und den Philistern abliefen, sondern dass es schon eine Sensation ist, wenn man eine Inschrift aus dem 9. Jahrhundert v. Chr. entdeckt, in der die Worte „Haus Davids“ vorkommen, anhand derer man belegen kann, dass König David überhaupt eine historische Person war.

Verantwortlich für diese extrem schlechte Quellenlage (die vielleicht sogar noch schlechter ist als die zur Zeit der Völkerwanderung) ist, abgesehen von den zusätzlichen Jahrhunderten, die seither vergangen sind, ein Ereignis, das leider ausgerechnet in die Anfänge der jüdischen Geschichte fällt, und das der Archäologe Eric H. Cline ganz passend als den „erste[n] Untergang der Zivilisation“ bezeichnet hat.

In der Spätbronzezeit gab es im östlichen Mittelmeerraum einige große, wohlhabende, gut miteinander vernetzte Zivilisationen – Ägypten, die Hethiter in Kleinasien, die Stadtstaaten in Kanaan, die entweder den Ägyptern oder den Hethitern hörig waren, die minoische Kultur auf Kreta, die mykenische auf dem griechischen Festland, usw. Aber eben grob in dem Zeitraum um 1200 v. Chr. (Ende der Bronze- und Anfang der Eisenzeit) brachen diese Zivilisationen teilweise völlig zusammen. Etliche Städte wurden in dieser Zeit zerstört und nicht mehr aufgebaut, die Überlebenden ließen sich vielerorts in kleinen Sippen auf dem Land nieder, der Handel brach zusammen, und in den folgenden Jahrhunderten – den „Dunklen Jahrhunderten“, wie man sie nennt – sah es mit Palästen, Kunstwerken oder auch bloß schriftlichen Aufzeichnungen relativ schlecht aus. (Und daher haben wir eben so wenige Quellen.) Es war wirklich ein Zusammenbruch der Zivilisation, wie er höchstens noch mit dem durch die Völkerwanderung verursachten in Spätantike/Frühmittelalter in Westeuropa verglichen werden kann. Dieser Zusammenbruch hatte wahrscheinlich mehrere Ursachen – es ist belegt, dass sich das Klima veränderte und es Dürreperioden und damit Hungersnöte gab, und außerdem auch eine lange Reihe von Erdbeben. Ein nicht zu unterschätzender Faktor müssen außerdem die „Seevölker“ gewesen sein. Diese Seevölker, zu denen auch die Philister zählen, waren Völker, die (vielleicht wegen Hungersöten) irgendwo aus dem westlichen Mittelmeerraum auswanderten (evtl. aus Sardinien, Sizilien, o. Ä., oder vielleicht auch aus dem ägäischen Raum?), und in den östlichen Mittelmeerraum zogen und dabei offensichtlich auch nicht immer friedlich blieben. Allen, die sich mehr dafür interessieren, würde ich Clines Buch „1177 v. Chr. – Der erste Untergang der Zivilisation“ empfehlen. (1177 ist das Jahr einer Schlacht zwischen Pharao Ramses III. und den Seevölkern, die Cline als Markierungspunkt für diese Epochenwende nimmt. Die ägyptische Kultur überlebte übrigens, im Gegensatz etwa zur minoischen oder hethitischen, aber Ägypten wurde sehr geschwächt und konnte z. B. keine Kontrolle mehr über Kanaan ausüben wie bisher.) Der Exodus der Israeliten müsste (das ist die logischste Chronologie) etwa 1250 v. Chr. stattgefunden haben, und damit fallen die ersten Phasen der Geschichte des jüdischen Volkes eben in genau diese dunklen Jahrhunderte. Das hatte für Israel damals auch gewisse Vorteile – wie gesagt, die Großmächte verloren ihre Macht und damit konnten sich die kleineren Völker wie eben Israeliten, Philister oder Aramäer ihre eigenen Staaten aufbauen. Aber für die Quellenlage ist es eben schade.

Das eigentliche Problem beim AT ist, dass wir in vielen Fällen nicht wissen, wann die alttestamentlichen Bücher selbst geschrieben wurden: noch relativ nahe an den Ereignissen oder erst Jahrhunderte später? Wurden ältere Texte zu einem Text zusammengefügt? Wurden diese Texte dabei verändert? Usw. Diese Fragen versuchen hauptsächlich Exegeten zu beantworten, indem sie den Stil der Texte studieren; aber ich habe das starke Gefühl, solange wir keine Originaltexte aus dem Jahr 500 oder 700 oder 1000 v. Chr. finden, bleiben alle Theorien von Exegeten – und z. B. zur Entstehung der fünf Bücher Mose gibt es wahrscheinlich so viele Theorien wie Exegeten – reine Spekulation ohne viele Grundlagen. Interessante Spekulation, absolut; aber Spekulation.

Beim NT ist das alles nicht so schwer. Wir haben sehr viele antike Manuskripte, und selbst die Spätdatierer unter den Exegeten datieren heutzutage kein einziges unter den neutestamentlichen Büchern später als 120 n. Chr., und erkennen auch an, dass einige der Paulusbriefe auch schon von ungefähr 50 n. Chr. sind. (Früher gab es wildere Spekulationen. Aber z. B. die Idee, das Johannesevangelium stamme aus dem Ende des 2. Jahrhunderts, hatte sich spätestens dann erledigt, als man in Ägypten einen Schnipsel eines Manuskripts des Johannesevangeliums fand, der sich auf 100-125 n. Chr. datieren ließ.) Wir wissen auch aus anderen Quellen, von wann bis wann Pontius Pilatus Statthalter in Judäa war, haben einige Informationen über Herodes den Großen (den mit dem Kindermord in Bethlehem) und seinen Sohn Herodes Antipas (den, der Johannes den Täufer köpfen ließ), wissen, wie und bei welchen Verbrechen die Römer Kreuzigungen durchzuführen pflegten, und so weiter und so fort. Das ist alles nicht so schwer.

Hier nun im Vergleich dazu die wichtigsten frühen außerbiblischen Schriftquellen zu im AT erwähnten Personen und Ereignissen:

  • Es gibt eine Inschrift von Pharao Merenptah aus dem Jahr 1207 v. Chr., die als „Israelstele“ bekannt ist, weil sich dort die erste bisher bekannte Erwähnung eines Volkes namens Israel findet, das unter anderen im Gebiet von Kanaan lebenden Völkern genannt wird. (Merenptah prahlte mit einem Sieg über diese Völker.)
  • Eine ins 9. Jahrhundert datierte Stele aus Nordisrael enthält, wie erwähnt, die Worte „Haus Davids“.
  • Eine Inschrift von Pharao Scheschonk von 925 v. Chr. passt mit einem Bericht in 1 Könige 14,25 über einen Angriff von Pharao „Schischak“ zusammen.
  • Eine Inschrift des assyrischen Königs Salmanassar III. aus dem Jahr 853 v. Chr. bestätigt die Existenz des israelischen Königs Ahab. Von Salmanassar gibt es auch eine Inschrift von 841 v. Chr., in der König Jehu erwähnt wird.
  • Eine andere Inschrift aus dem 9. Jahrhundert (die Mescha-Stele) erwähnt König Omri.
  • Aus dem 6. oder vielleicht 7. Jahrhundert wurden silberne Amulette mit Segenssprüchen gefunden, die große Ähnlichkeit mit dem Priestersegen in Numeri 6,24-26 haben.

(Merenptah-Stele, Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Merenptah-Stele)

Hier erkennt man vielleicht schon ein Muster: Spätere Ereignisse sind wesentlich besser belegt als frühere. Die Belagerung Jerusalems durch Sanherib im Jahr 701 v. Chr. ist durch biblische und durch assyrische Quellen gut belegt und der assyrische Feldzug wurde auch durch Ausgrabungen in Lachisch bestätigt, und z. B. für das Babylonische Exil (586-538) ist die Quellenlage auch ganz gut („gut“ für Ereignisse der altorientalischen Geschichte). An dieser Stelle möchte ich noch eine gute, kurze und allgemeinverständliche Überblicksdarstellung über Biblische Archäologie empfehlen, mit dem passenden Titel „Biblische Archäologie“, und ebenfalls von Eric H. Cline. (Cline ist offensichtlich kein Christ und zeigt sich an einigen Stellen des Buches ziemlich genervt von Hobbyarchäologen, die ausziehen, um das Wrack der Arche Noah zu finden, grenzt sich aber andererseits auch von den „Minimalisten“ der Kopenhagener Schule der 90er Jahre ab, die davon ausgingen, dass „in der Bibel nur eine minimale Menge tatsächlicher historischer Fakten zu finden“ sei; z. B. sei „nicht einer von ihnen praktizierender Feldarchäologe und manchmal schlagen ihre Bemühungen völlig fehl“*. Cline ist, kurz gesagt, deshalb meiner Meinung nach empfehlenswert, weil er relativ neutral schreibt, nichts gegen christliche Forscher hat, solange sie nur ordentlich forschen, und es einfach nicht für sein Ziel hält, die Bibel „zu beweisen oder zu widerlegen“**.) „In keinem Fall“, schreibt Cline, „ist die biblische Darstellung eines Ereignisses aus dem frühen 1. Jahrtausend v. Chr. bisher von einer außerbiblischen Inschrift komplett widerlegt worden.“*** Man könne auch vermuten, dass die Beschreibungen des Alltagslebens im frühen 1. Jahrtausend, d. h. der Königszeit, „durchaus zutreffen könnten.“

Bei früheren Ereignissen sieht es allerdings wieder schwieriger aus. Wie gesagt: Es ist klar erwiesen, dass im Jahr 1207 v. Chr. bereits ein Volk namens „Israel“ im Gebiet von Kanaan lebte. Aber ansonsten ist vieles über den Exodus, die Wüstenwanderung der Israeliten, die Landnahme und die Richterzeit einfach nicht zu belegen, und über die Patriarchenzeit erst recht nicht. Die Hauptschwierigkeit besteht eben darin, dass man nicht weiß, wann die biblischen Texte über diese Ereignisse geschrieben wurden. Erhielt der Pentateuch seine Endfassung erst in der Perserzeit oder wurde er zum Großteil schon von Moses selbst verfasst? (Um mal die beiden Extrempositionen darzustellen.) Die meisten Exegeten und Archäologen sind sich einig, dass die Erzählungen über Abraham, Moses, Josua usw. erst mündlich überliefert und dann nach und nach aufgeschrieben und zusammengefügt wurden. Der Rest ist, wie gesagt, meiner Meinung nach nichts als Spekulation. Viele Fragen bleiben offen: Wie genau war eine mündliche Überlieferung? Wurde sie immer weitergesponnen oder wortwörtlich tradiert? Letzteres wäre theoretisch durchaus möglich; in der islamischen Welt gibt es Menschen, die den ganzen Koran auswendig können, und auch zur Zeit Jesu lernten jüdische Jungen in der Synagoge das ganze AT auswendig – aber ist so etwas wahrscheinlich, solange der Text noch nicht schriftlich fixiert ist? Und die wichtigste Frage ist natürlich: Wann wurde der Text dann aufgeschrieben und wurde er danach noch verändert?

Einen Grund für die Annahme, dass die frühen historischen Bücher (Pentateuch, Josua, Richter) noch nicht so früh aufgeschrieben wurden, bieten – neben den für viele wichtigeren exegetischen Argumenten – z. B. die Ausgrabungen in Jericho: Die Stadt, die laut Bibel von Josua erobert wurde, war zu seiner Zeit entweder gar nicht oder nur von sehr wenigen Menschen bewohnt. (Das lässt natürlich immer noch die Möglichkeit offen, dass es von wenigen Menschen bewohnt war und die Eroberung dieses kleinen Grenzortes von hauptsächlich symbolischem Wert für die Israeliten war.) Andere archäologische Funde, z. B. in Hazor, das im 13. Jahrhundert v. Chr. nachweislich niedergebrannt wurde, passen ins Bild, das die Bibel bietet, aber hier ist natürlich auch nicht erwiesen, dass die Israeliten es waren, die die Stadt niederbrannten.

Beim Exodus und allem, was davor geschah, ist wahrscheinlich außerdem das Problem, dass es schwer belegt – oder auch widerlegt – werden kann. „Andererseits: Welche Artefakte soll man schon noch finden können, von einem Volk, das 40 Jahre lang in der Wüste campierte, und das vor mehr als 3000 Jahren? Falls sie tatsächlich umherzogen und keine festen Gebäude besaßen, benutzten sie sicherlich Zelte mit Pfosten, für die sie Löcher gruben, genau wie die heutigen Beduinen. Folglich werden Archäologen, die nach sichtbaren Belegen für den Exodus suchen, wahrscheinlich keine Überreste dauerhafter Strukturen finden, und die Löcher für Zeltpfosten sind natürlich längst verschwunden.“***** Man muss auch nicht erwarten, ägyptische Quellen über den Exodus zu finden; erstens ist die Quellensituation zu allen Ereignissen von vor 3200 Jahren eh eher suboptimal, wie schon gesagt, und zweitens war Geschichtsschreibung damals weder in Ägypten noch sonst wo etwas Objektives, Neutrales, das vollkommen unpolitische, unabhängige Gelehrte erledigt hätten – nicht, dass sie das heute wäre, aber damals wohl noch weniger. Man braucht nicht unbedingt zu erwarten, dass ägyptische Chroniken die Flucht von einer Menge von Sklaven aufgezeichnet hätten. Bei den Patriarchen macht es noch weniger Sinn, zu erwarten, archäologische Beweise für ihr Leben zu finden. Abraham war das Oberhaupt einer kleinen nomadischen Sippe, die mit ihren Zelten und Viehherden im Alten Orient umherzog, und zwar vor etwa 3700 oder 3800 Jahren. Welche Spuren sollte man davon jetzt noch finden können?

Ein paar verwertbare Anhaltspunkte gibt es allerdings auch für diese Zeit. Es gibt mehrere Städte im Zweistromland, die den Namen „Ur“ tragen und damit evtl. das „Ur in Chaldäa“ sein könnten, aus dem Abraham ausgewandert sein soll. Aus dem 14. Jahrhundert v. Chr. ist in Ägypten das Grab eines Mannes mit dem semitischen Namen Aper-El entdeckt worden, der unter zwei Pharaonen Wesir war; wir wissen also, dass es, wie es von Joseph berichtet wird, zumindest möglich war, dass Ausländer einen hohen Rang am Hof der Pharaonen einnehmen konnten. „Mose“ ist ein ägyptischer Name (vgl. z. B. „Thutmose“), und es gibt aus dem 2. Jahrtausend v. Chr. ägyptische Darstellungen von semitischen und nubischen Zwangsarbeitern, die unter Aufsicht Bau- oder Feldarbeiten verrichten, und es sind auch Fälle belegt, in denen solche Arbeiter ein bestimmtes Soll an Ziegeln zu liefern hatten, wie in Exodus 5 beschrieben. „Während einige Archäologen meinen, dass die Einzelheiten der Patriarchengeschichten mit ihren Wanderungen gut in die Lebensbedingungen, Sitten und Gebräuche des frühen 2. Jahrtausends v. Chr. passen, argumentieren andere, dass die Geschichten und ihre Hauptpersonen ebensogut erst Jahrhunderte später, im 1. Jahrtausend v. Chr., erfunden worden sein könnten.“****** Wie gesagt: Vieles wissen wir nicht.

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/9/93/Tissot_The_Exodus.jpg

(James Tissot, The Exodus, Wikimedia Commons)

Ein damit verbundenes Problem ist natürlich, dass wir nicht genau wissen, wie historisch manche Geschichten überhaupt gemeint waren: Eben Jericho zum Beispiel. Oder, um ein Beispiel aus einer anderen Kultur zu nehmen: Romulus und Remus. Erzählten die antiken Menschen diese Geschichten wie Geschichten, von denen man weiß bzw. annimmt, dass sie wahr sind, z. B. wie die Geschichte von Hitlers Angriff auf Polen oder der Entdeckung Amerikas durch Kolumbus? Oder wie Anekdoten, von denen man weiß, dass sie gut in die historischen Ereignisse passen, aber vielleicht nicht so ganz in ihren Einzelheiten stimmen, wie die von dem Apfel, der Newton auf den Kopf fiel, oder von Luthers Thesenanschlag? Oder wie Gründungsmythen, von denen man weiß, dass sie nur Mythen und nichts als Mythen sind, wenn auch schöne Mythen, die man bewusst weitergibt, wie die von Kaiser Friedrich, der im Kyffhäuser schlafen soll?

Ich denke, es ist relativ offensichtlich, dass die Israeliten diese Erzählungen nicht als bloße Mythen sahen. Der Exodus war eine unglaublich prägende geschichtliche Tatsache für die Geschichte ihres Volkes; er begründete ihre ganze Identität als Jahwes auserwähltes Volk, von ihm in das Gelobte Land geführt, wo sie eigentlich Fremdlinge waren, ihr Bewusstsein, „aus dem Sklavenhaus“ befreit worden zu sein, sich von den anderen Völkern im Land zu unterscheiden usw. Auch die Patriarchen wurden nicht als mythische Figuren betrachtet – auch von Jesus übrigens nicht. Zu den Sadduzäern, die nicht an die Auferstehung der Toten glaubten, hat Er nämlich gesagt: „Habt ihr im übrigen nicht gelesen, was Gott euch über die Auferstehung der Toten mit den Worten gesagt hat: Ich bin der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs? Er ist doch nicht der Gott der Toten, sondern der Gott der Lebenden.“ (Mt 22,31f.) D. h., Er geht ganz selbstverständlich davon aus, dass Abraham, Isaak und Jakob konkrete Personen sind, die leben. Aber man könnte durchaus argumentieren, dass einige Erzählungen im Lauf der Zeit ausgeschmückt und ausgedeutet wurden, z. B. eben die Landnahmeerzählungen in Bezug auf Jericho. Das stellt nicht gleich den Charakter dieser Bücher als Geschichtsschreibung in Frage. Die Aussageabsicht der Autoren – s. Teil 2 – muss nicht zwangsläufig gewesen sein „Jede der handelnden Personen hat genau diese Worte gesprochen und ganz genau in allen Einzelheiten das getan, was hier aufgeschrieben ist, dessen bin ich mir vollkommen sicher“. Die Geschichtsschreiber können durchaus anekdotenhafte Erzählungen weitergegeben haben, wie wir das auch noch tun. Vielleicht mal als interessanten Einblick in die Maßstäbe vormoderner Geschichtsschreibung ein Ausschnitt aus Jane Austens Roman „Northanger Abbey“, aus einer Unterhaltung zwischen der Hauptfigur Catherine Morland und ihrer Bekannten Miss Tilney, die eben erzählt hat, dass sie Geschichtsbücher sehr mag:

„Ich wollte, ich tät es auch. Ich hab ein bisschen gelesen, weil ich musste, aber es sagt mir nichts, was mich nicht entweder ärgert oder langweilt. Die Streitigkeiten von Päpsten und Königen, und auf jeder Seite Krieg oder Pest; die Männer taugen alle nichts, und Frauen kommen fast überhaupt nicht vor – das ist sehr ermüdend, und ich denke oft, es ist sonderbar, dass das alles tatsächlich so öde ist, denn ein großer Teil davon muss doch erdichtet sein. All die Reden, die den Helden in den Mund gelegt werden, ihre Gedanken und Pläne: das meiste davon muss doch erdichtet sein, und das Erdichtete ist’s, was mich an andern Büchern entzückt.“

 „Sie meinen“, sagte Miss Tilney, „dass die Historiker bei ihren Phantasieflügen nicht glücklich sind. Sie entfalten Einbildungskraft, ohne Teilnahme zu erregen. Ich liebe die Geschichtsschreibung und lasse mir ganz zufrieden Erfundenes und Wahres zusammen auftischen. Für die Haupttatsachen hat sie ihre Quellen in älteren Geschichtswerken und Berichten, auf die man sich vermutlich genauso weit verlassen kann wie auf alles, das man nicht wirklich mit eigenen Augen sieht. Und was die kleinen Verzierungen betrifft, von denen Sie sprechen, das sind eben Verzierungen, und als solche mag ich sie. Wenn eine Rede gut ist, dann lese ich sie mit Vergnügen, ganz gleich, wer sie verfasst hat, und wahrscheinlich bietet sie mir mehr, wenn sie das Werk von Mr. Hume oder Mr. Robertson ist, als wenn sich’s um echte Worte von Caractacus, Agricola oder Alfred dem Großen handelte.“

Mancherorts wird man den Autoren der Bibel vielleicht größere Genauigkeit unterstellen wollen – z. B. bei der Widergabe der Worte Jesu. (Vor allem, wenn man von der Zwei-Quellen-Theorie ausgeht. Matthäus und Lukas enthalten etliche Abschnitte aus dem Markusevangelium fast wortgleich, höchstens ein bisschen sprachlich geglättet (Markus ist also Quelle Nummer 1), und außerdem gibt es noch Abschnitte, die in Markus fehlen, in Matthäus und Lukas aber ebenfalls fast wortgleich enthalten sind. Dabei handelt es sich hauptsächlich um Aussprüche Jesu, und die Zwei-Quellen-Theorie geht nun davon aus, dass sie von den beiden Evangelisten aus einer heute verlorenen zweiten Quelle, die einfach mal Q getauft wird, übernommen wurden, und die vielleicht eine Spruchsammlung war. In einer Spruchsammlung würde man natürlich noch mehr auf genaue Widergabe der Worte einer bestimmten Person achten als bei einer Biographie. Nehme ich mal einfach an.) Aber jedenfalls, es ist durchaus möglich, davon auszugehen, dass manche Geschichten in der Bibel eher ausgeschmückte Anekdoten sind. Man muss aber auch nicht davon ausgehen. Solange man nicht nachweisen kann, wie genau die Geschichte mit Jakob und seinem Bruder Esau abgelaufen ist, kann man sie auch einfach mal so stehen lassen, wie sie dasteht. Meiner Meinung nach ist es übrigens auch ganz interessant, dass einige Dinge, die man vor hundert oder hundertfünfzig Jahren noch im Reich der Legenden verortet hätte, inzwischen wieder als zumindest in ihrem Kern historisch gelten – der Trojanische Krieg, die Existenz Homers, manche Erzählungen über die römische Königszeit, v. a. über die letzten drei Könige (die Etruskerkönige).

Bei der Frage „Ist das historisch?“ muss man im Allgemeinen auf mehrere Dinge aufpassen:

  • Es ist Unsinn, biblische Erzählungen nur dann als historisch anzunehmen, wenn sie auch von anderen Quellen bestätigt werden. Es gibt viele Ereignisse in der Antike, über die wir nur eine Quelle haben. Würden wir Cäsars „Gallischen Krieg“ als Quelle ablehnen, weil es keine gallischen Quellen zum selben Krieg gibt, die die andere Seite zu Wort kommen lassen? Also: Regel Nummer 7: Es macht nichts, wenn die Bibel die einzige Quelle zu einem Ereignis ist.
  • Es ist ebenfalls Unsinn, außerbiblische Quellen grundsätzlich als höherwertig zu bewerten – als ob es darunter keine Propaganda oder Fehlinformationen gäbe.
  • Es gibt auch noch andere blödsinnige Argumente gegen die Historizität bestimmter Bibelstellen; zum Beispiel die Behauptung, die Geschichte von der Aussetzung Moses’ am Nil und seiner Auffindung durch die Tochter des Pharao sei nur von der ähnlichen Geschichte über den akkadischen Sagenheld Sargon abgekupfert worden. Das ist Blödsinn aus zwei Gründen: Erstens einmal gibt es aus früheren Zeiten vielleicht einfach deshalb mehrere Geschichten über ausgesetzte Kinder, weil es damals öfter einmal vorkam, dass Kinder ausgesetzt wurden. Diese Behauptung liest sich beinahe so, als wollte man allen modernen Romanen über Menschen, die an Krebs erkranken, unterstellen, von einem ursprünglichen Roman abgeschrieben worden zu sein. Zweitens haben die Geschichten nicht einmal besonders große Ähnlichkeit. Moses wurde am Flussufer ausgesetzt, damit er nicht von den Soldaten des Pharao getötet wurde, und seine Schwester blieb in der Nähe stehen, um zu sehen, ob ihn jemand fände. Sargon dagegen wurde von seiner Mutter, die eine Priesterin war, die eigentlich jungfräulich bleiben sollte (wie die römischen Vestalinnen) und ihr Kind offensichtlich loswerden wollte, damit nicht bekannt wurde, dass sie wohl keine Jungfrau mehr war, in einem Körbchen in den Fluss gesetzt, wo er vermutlich ertrunken wäre, wenn ihn nicht ein Wasserträger namens Akki herausgezogen hätte. Aber selbst wenn es größere Ähnlichkeiten gäbe: Von Ähnlichkeiten zwischen zwei Geschichten auf gegenseitige Abhängigkeit zu schließen, ist einfach ein logischer Fehlschluss. Regel Nummer 8: Argumente gegen die Historizität bestimmter Stellen erst einmal genau prüfen.
  • Regel Nummer 9: Unterschiedliche Beschreibungen eines historischen Ereignisses sind nicht dasselbe wie widersprüchliche Beschreibungen. Ein einfaches Beispiel: Lukas erwähnt in seiner Weihnachtsgeschichte die Hirten, die Weisen aus dem Morgenland dagegen nicht, Matthäus erwähnt die Weisen aus dem Morgenland, aber nicht die Hirten. Lukas schreibt mehr aus Marias Perspektive, Matthäus aus Josefs. Ein unterschiedlicher Fokus; kein Widerspruch. Das hat man auch, wenn man zwei verschiedene Personen fragt, wie das Festival am Wochenende war, das sie gemeinsam besucht haben.
  • Für die moralische oder philosophische Interpretation einer Geschichte ist es übrigens nicht immer wichtig, zu wissen, ob es sich um einen historischen Text oder eine Beispielerzählung handelt. Das Buch Jona übermittelt dieselbe Botschaft, egal, wie man es in dieser Hinsicht deutet. In manchen Fällen ist die Sache vielleicht ein bisschen komplizierter – ich werde noch darauf zurückkommen –, aber meistens brauchen wir für den Hausgebrauch der biblischen Lehren nicht so genau zu wissen, ob Abraham das und das genau so gesagt hat oder ob die dynastischen Angaben im Buch Judith stimmen.
  • Damit bin ich auch schon beim nächsten Punkt. Regel Nummer 10: „Bildlich“ und „historisch“ schließen einander auch nicht aus. Auch geschichtliche Ereignisse können eine tiefere Bedeutung haben – wir kennen nicht ohne Grund den Begriff „Heilsgeschichte“. Was Gott in der Geschichte wirkt, hat immer eine tiefere Bedeutung, als man auf den ersten Blick sehen kann. Die Kirchenväter haben sehr viele Geschichten im AT als Vorausdeutungen auf Christus gesehen.

So, das war jetzt mal das Wichtigste zur Historizität der Bibel; ich hoffe, ich habe nichts vergessen. Im nächsten Beitrag werde ich auf einen Sonderfall dazu, nämlich die ersten elf Kapitel des Buches Genesis, eingehen.

 

* Eric H. Cline, Biblische Archäologie, S. 74.

** Ebd., S. 9.

*** Ebd., S. 107.

**** Ebd., S. 99.

***** Eric H. Cline, 1177 v. Chr. – Der erste Untergang der Zivilisation, S. 140f.

****** Eric H. Cline, Biblische Archäologie, S. 91f.

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2 Gedanken zu “Über schwierige Bibelstellen, Teil 3: Über Historizität, Genres und „wörtlich gemeint“

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