„Es ist nicht sicher, dass ich ins Paradies eingehen werde.“

Papst Paul VI. soll heiliggesprochen werden – eine wunderbare Neuigkeit. (http://www.kath.net/news/58178) Seliggesprochen wurde er ja schon vor drei Jahren, und ehrlich gesagt gehört er seit kurzem zu meinen Lieblingsseligen.

Das ist vielleicht ein bisschen ungewöhnlich. Der selige Paul VI. (1963-1978) gilt allgemein als ein Papst, mit dem keiner so richtig viel anfangen kann, über den keiner so richtig viel weiß und für den sich keiner so richtig interessiert. Die Tradis tragen ihm die Liturgiereform nach, na, und der Rest der Welt natürlich Humanae Vitae, auch die Pillenenzyklika genannt. Paul VI. ist so der langweilige, durchschnittliche Papst, nach dem heiligen Johannes XXIII., dem gemütlichen volksnahen Papa buono, der die Fenster der Kirche aufreißen wollte, und vor dem im Ruf der Heiligkeit verstorbenen (von der schurkischen Kurie ermordeten!) 33-Tage-Papst Johannes Paul I. und dem beinahe drei Jahrzehnte lang regierenden hl. Johannes Paul II., dem charismatischen Reisepapst, dem Initiator der Weltjugendtage und Weltgebetstreffen, dem Papst, der zum Untergang des Kommunismus beitrug. Paul VI.: das ist der zurückhaltende Organisator und Diplomat, der einen großen Teil seines Lebens im vatikanischen Staatssekretariat gearbeitet und dann noch neun Jahre als Erzbischof von Mailand verbracht hatte, nach seiner Wahl dann das von seinem Vorgänger begonnene Konzil zum Abschluss brachte, und später dann in den Wirren der nachkonziliaren Krise manchmal eher ein Bild der Hilflosigkeit und Überforderung zu bieten schien.

Das erste Mal bin ich auf Paul VI. aufmerksam geworden, als ich vor ein paar Jahren Humanae Vitae gelesen habe; ich wollte mich damals genauer informieren, wieso die Kirche eigentlich das lehrt, was genau sie da so lehrt. Und ich fand die Enzyklika wirklich schön geschrieben und gut nachvollziehbar. Aber weiter habe ich mich dann nicht mehr mit ihrem Autor beschäftigt. Ein bisschen mehr über Paul VI. habe ich dann vor einiger Zeit in Kardinal Robert Sarahs Buch „Gott oder nichts“ erfahren, wo es in einem Kapitel auch um die Päpste der letzten Jahrzehnte geht und Kardinal Sarah mit großer Bewunderung von dem Papst spricht, der ihn kurz vor seinem Tod noch zum Bischof ernannt hat.

Ich habe letztens erwähnt, dass ich jetzt gerade eine Biographie über Johannes Paul II. lese – George Weigel, „Zeuge der Hoffnung“; noch einmal: sehr zu empfehlen –, und auch in dieser Biographie wird natürlich auch Paul VI. erwähnt – logisch, Kardinal Karol Wojtyla war ja auch beim Konzil dabei und wurde nur kurze Zeit nach dem Tod seines Vorvorgängers auf den Stuhl Petri gewählt. Weigel schreibt über Paul VI.:

 

Papst Paul VI. war ein sehr gläubiger Mann, von großem Mitgefühl und scharfer Intelligenz. Dennoch machten ihn einige seiner besten persönlichen Eigenschaften unfähig, einen festen Kurs für die Kirche nach dem Konzil festzulegen. Bereits 1964 war er Erzbischof Wojtyla, der ihn hochschätzte, wie ein „von der Liebe ermüdeter“ Mann vorgekommen. […]

 Giovanni Battista Montinis „unendliche Höflichkeit“ und magnetische Persönlichkeit zeigten sich leicht in vertrautem Zwiegespräch. Doch ihm fehlte eine bezwingende öffentliche Präsenz, und in größerem Rahmen und vor der Kamera wirkte er zurückhaltend, irgendwie verlegen und sogar zaghaft. Obwohl er sich gründlich mit dem modernen französischen Denken befasst hatte, schien das, was er dort fand, seine Neigung zu verstärken, unendlich über ein Problem nachzugrübeln. […] Dann verkrampfte er sich über einer Entscheidung und wollte, wie Kardinal König aus Wien bemerkte, aus allem das Beste machen.

 Er war ein Mann großer Frömmigkeit, doch schien ihm der Trost, der ihm aus seinen Gebeten zuteil wurde, keine Sicherheit bei der Führung seines Amtes zu bieten. Sein enger Mitarbeiter Agostino Casaroli erinnert sich an ihn als von manchen Situationen und Entscheidungen „gequält“. Er schalt Gott öffentlich dafür, sein Gebet nicht erhört zu haben, dass sein Freund Aldo Moro, der Führer der italienischen Christdemokraten, 1978 von den Roten Brigaden verschont würde. Gegen Ende seines Lebens beunruhigte er sich darüber, dass er in einigen seiner Urteile als Papst nicht klug gewesen sei. Das war eine „Agonie für ihn“, erinnert sich Kardinal William Baum, denn er liebte die Kirche mit leidenschaftlicher Hingabe, und es war ihm schmerzlich bewusst, dass er einmal über seine Verwaltung Rechenschaft ablegen müsse. Diese Agonie schloss auch die Sorge ein, er sei in seiner Ostpolitik bei der Verteidigung der Verfolgten nicht energisch genug gewesen. Auf jeden Fall war die Strategie des salvare il salvabile [retten, was zu retten ist] per definitionem ein Versuch, das Beste aus einer schrecklichen Situation zu machen, in der er keine guten Alternativen sehen konnte.

 Manchmal wurde gesagt, Paul VI. sei ein historisch falsch platzierter Papst gewesen – dass er als viel erfolgreicher wahrgenommen worden wäre und persönlich weit weniger gelitten hätte, wäre er auf Pius XII. gefolgt statt auf Johannes XXIII. Seine ungetrübte persönliche Anständigkeit, verbunden mit einer gewissen Gebrechlichkeit, die ihn sein ganzes Leben verfolgt hatte, machte ihn besonders verwundbar durch die Streitlust der Zeit nach dem II. Vatikanischen Konzil, die manchmal zu Verbitterung wurde. Als Mann, der sich dem Konzil geweiht hatte, nahm er die erbitterte Schärfe, die darauf folgte, persönlich. […] Vom ersten Tag seines Pontifikats an war das päpstliche Amt für ihn ein Kalvarienberg.

 […] Vom italienischen Gesichtspunkt und speziell dem der Kurie aus war Montini der perfekt vorbereitete Papst. Er war der Sohn einer gutkatholischen Rechtsanwaltsfamilie, die nach der Einigung Italiens dem Heiligen Stuhl gegenüber loyal geblieben war. Er war im diplomatischen Dienst des Vatikans ausgebildet worden, war mit der Arbeitsweise der Kurie vertraut und besaß ernsthafte intellektuelle und künstlerische Interessen. Er war der erfolgreiche Erzbischof eines bedeutenden italienischen Erzbistums gewesen. Das war, wie Kardinal König es Jahre später ausdrückte, der „mehr oder weniger normale Weg“, wie man Papst wurde. Das problematische Pontifikat Pauls VI. warf die Frage auf, ob der „normale“ Weg noch funktionierte. (S. 251f.)

 

In einer der Fußnoten zu diesem Absatz erwähnt Weigel dann noch folgende Begebenheit:

 

Als einer seiner Sekretäre, Pater John Magee, zum alternden Papst, der sich über die Einsamkeit beklagte, weil praktisch all seine Freunde vor ihm gestorben seien, sagte, er könne sich auf eine Vereinigung mit ihnen im Himmel freuen, wurde Paul VI. plötzlich ernst und sagte: „Caro, wir dürfen nie das Erbarmen Gottes ausnutzen, wir müssen dafür beten. Es ist nicht sicher, dass ich ins Paradies eingehen werde. Ich muss Gott um Vergebung und Erbarmen bitten. Herr, gedenke meiner, wenn du in dein Reich kommst.“ [Hebblethwaite, in Paul VI, 695; der Vorfall ist einem Bericht Magees entnommen.]

 

Es ist nicht so, dass Paul VI. in seinem Pontifikat nichts geleistet hätte. Die Arbeit des Konzils, das er ab 1963 weiterführte, war eigentlich etwas Großartiges; die Rezeption und das allgemeine Klima der 60er waren das Problem, das zur nachkonziliaren Krise führte. Nach dem Konzil bemühte sich der Papst auch um eine richtige Rezeption desselben, wenn auch offenbar ohne eine passende Strategie und ohne großen Erfolg. Ich habe schon Humanae Vitae erwähnt, und der Papst machte auch deutlich, dass z. B. über den Zölibat nicht zu diskutieren war. (Auch wenn kein Mensch auf ihn hörte.) Seine Kurienreform (Schaffung neuer Zuständigkeiten, stärkere Internationalisierung, usw.) wäre noch zu erwähnen. Außerdem bemühte er sich noch mehr als seine Vorgänger, in den (ehemaligen) Missionsländern für eine einheimische Hierarchie zu sorgen und neue Bistümer zu schaffen (diese Bemühungen hatten vor allem unter Pius XII. an Fahrt aufgenommen, soweit ich weiß). Als erster Papst seit ewigen Zeiten verließ Paul VI. Italien und reiste in verschiedene Länder der Welt, als erstes ins Heilige Land, später u. a. zu den Vereinten Nationen nach New York, nach Australien, Portugal und Uganda. Seine Sozialenzyklika Populorum progressio könnte man noch erwähnen, unter seinem Pontifikat gab es gute Beziehungen zu den Juden und ökumenische Bemühungen. Vor allem das Verhältnis zu den Orthodoxen änderte sich grundlegend; das Treffen mit Patriarch Athenagoras von Konstantinopel und die Aufhebung der gegenseitigen Exkommunikationen von 1054 waren wirklich historische Leistungen.

Was seine, sagen wir mal, „umstrittenen“ Leistungen angeht: Ich persönlich kenne ja nur den novus ordo und kann daher nicht wirklich beurteilen, was ich bei der alten Messe – okay, der Außerordentlichen Form des Römischen Ritus – verpasse, habe aber schon öfters die Beurteilung gelesen, die Liturgiereform sei damals eine sehr abrupte, übereilte Angelegenheit gewesen, in der vieles (z. B. der Festkalender) ohne rechten Grund zu drastisch geändert wurde. Natürlich war nicht nur die Reform an sich, sondern wiederum auch deren Umsetzung das Problem, die durchaus noch mal drastischer ausfallen konnte als das, was in den Büchern stand. Die Ostpolitik, die Johannes XXIII. begann und Paul VI. fortführte, kann man getrost als naiv und unklug beurteilen; nicht ohne Grund waren die Bischöfe des Ostblocks, die den Kommunismus aus eigenem Erleben kannten, hier nicht einer Meinung mit Rom. Die beiden Päpste dachten, dass der Kommunismus auf absehbare Zeit unbesiegbar sei und man irgendwie versuchen müsse, sich mit ihm zu arrangieren, um das Überleben der Kirche in den Ostblockländern solange zu sichern. „Die Umsetzung dieser Strategie erforderte von der katholischen Kirche taktische Zugeständnisse wie die Milderung der antikommunistischen Rhetorik, die Loslösung des Heiligen Stuhls in der internationalen Politik vom Westen und, was vielleicht am umstrittensten war, eine Zügelung der Untergrundkirche, die in den ersten zwei Jahrzehnten des kalten Krieges in Ostmitteleuropa geschaffen worden war. Insbesondere bedeutete dies, die heimliche Priesterweihe durch Untergrundbischöfe zu beenden, die den kommunistischen Regierungen, vor allem in der Tschechoslowakei, ein Dorn im Auge war. Der Untergrundklerus in der Tschechoslowakei protestierte, manchmal heftig. Er war davon überzeugt, dass die Diplomaten des Vatikans, die keine direkten Erfahrungen mit dem Kommunismus hatten, für kommunistische Manipulationen anfällig waren, und die Geistlichen glaubten, der Versuch, durch Verhandlungen mit dem kommunistischen Regime in Prag Bischöfe zu erhalten, würde damit enden, dass man Marionetten als Bischöfe bekäme.“ (Weigel, S. 240.) Die Situation lässt sich, kurz gesagt, mit der jetzigen in China vergleichen. Hier hätte Paul VI. im Nachhinein gesehen tatsächlich anders handeln können.

Aber ich mag und bewundere ihn trotzdem sehr. Ich mag den seligen Papst Paul VI., weil er ein treuer Christ war, ein sich seiner Verantwortung zutiefst bewusster, liebender Hirte und Vater der Kirche, der versuchte, sie in einer Zeit der Krise zu lenken, und weil er ein Mensch war, dem das Scheitern guter Absichten, Überforderung, Ratlosigkeit und das Gefühl, seiner Verantwortung nicht gerecht geworden zu sein, nicht fremd waren. Ich freue mich sehr über seine bevorstehende Heiligsprechung.

Auf meine Leseliste: Jörg Ernesti, „Paul VI.“

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2 Gedanken zu “„Es ist nicht sicher, dass ich ins Paradies eingehen werde.“

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