Über schwierige Bibelstellen, Teil 5: Was in der Bibel steht – was die Bibel lehrt

Im letzten Teil bin ich schon ein wenig auf eine Tatsache eingegangen, die man beim Lesen der Bibel nie vergessen darf. Sie ist eigentlich ziemlich offensichtlich, aber manchmal kann man sie übersehen.

Regel Nummer 12 lautet: Es gibt einen Unterschied zwischen dem, was in der Bibel steht, und dem, was die Bibel lehrt. Nehmen wir mal ein ganz offensichtliches Beispiel. In Weisheit 2 steht folgendes: „Kurz und traurig ist unser Leben; für das Ende des Menschen gibt es keine Arznei und man kennt keinen, der aus der Welt des Todes befreit. Durch Zufall sind wir geworden und danach werden wir sein, als wären wir nie gewesen. Der Atem in unserer Nase ist Rauch und das Denken ist ein Funke, der vom Schlag des Herzens entfacht wird; verlöscht er, dann zerfällt der Leib zu Asche und der Geist verweht wie dünne Luft. Unser Name wird bald vergessen, niemand denkt mehr an unsere Taten. Unser Leben geht vorüber wie die Spur einer Wolke und löst sich auf wie ein Nebel, der von den Strahlen der Sonne verscheucht und von ihrer Wärme zu Boden gedrückt wird. Unsere Zeit geht vorüber wie ein Schatten, unser Ende wiederholt sich nicht; es ist versiegelt und keiner kommt zurück. Auf, lasst uns die Güter des Lebens genießen und die Schöpfung auskosten, wie es der Jugend zusteht. […]Lasst uns den Gerechten unterdrücken, der in Armut lebt, die Witwe nicht schonen und das graue Haar des betagten Greises nicht scheuen! Unsere Stärke soll bestimmen, was Gerechtigkeit ist; denn das Schwache erweist sich als unnütz.“ (Weisheit 2,1-6.10-11).

Das klingt jetzt nicht so christlich. Wenn man allerdings weiß, dass davor die Worte stehen: „Sie [die Frevler] tauschen ihre verkehrten Gedanken aus und sagen:“, dann wird es auf einmal verständlich.

Okay, das ist jetzt wirklich ein sehr offensichtliches Beispiel. Meistens muss man auf dieses Prinzip Acht geben bei Geschichten, die eben so erzählt werden, weil sie so geschehen sind, und in denen nicht alle Personen – auch nicht die „Guten“ – immer gut handeln. Ein Paradebeispiel ist König David, der eine verheiratete Frau schwängerte und dann den Tod ihres Mannes arrangierte (2 Samuel 11-12). Hier heißt es dann ausdrücklich Dem Herrn aber missfiel, was David getan hatte.“ (2 Samuel 11,27), und der Prophet Natan wird von Gott zu David geschickt und bringt den König tatsächlich dazu, seine Tat zu bereuen; da ist es also ganz klar, wie Gott die ganze Geschichte beurteilt.

 

File:Tissot Nathan Rebukes David.jpg

(James Tissot, Nathan rebukes David, Quelle: Wikimedia Commons)

 

An anderer Stelle aber ist mehr Freiraum zur Interpretation gelassen: War es z. B. in Ordnung, dass Mose den ägyptischen Aufseher tötete? (Exodus 2,11-14) War das ein Fall legitimer Nothilfe, oder war es moralisch zu verurteilender Totschlag oder sogar Mord? Die Stelle hier ist ein bisschen zu ungenau und knapp, um das abschließend beurteilen zu können, aber es hört sich nicht danach an, als ob der ägyptische Aufseher gerade dabei war, den Hebräer umzubringen; es heißt, dass er ihn schlug, Mose es sah, und, nachdem er sich umgesehen hatte, ob ihn auch niemand sehen könnte, den Aufseher erschlug. Kann man durchaus kritisch sehen. (Andererseits hat aber wahrscheinlich an dieser Stelle auch niemand viel Mitleid mit dem peitschenden Aufseher.)

 

https://i1.wp.com/schule.judentum.de/projekt/zwangsarbeitinaegypten.JPG

(Quelle: http://schule.judentum.de/projekt/zwangsarbeitinaegypten.JPG )

 

War es nach Ansicht des Autors von Genesis 34 in Ordnung, dass Jakobs Söhne alle Männer in einer Stadt massakrierten, weil der Sohn des Stadtfürsten ihre Schwester vergewaltigt und verschleppt hatte? Der abschließende Wortwechsel zwischen Jakob und seinen Söhnen macht das durchaus nicht ganz klar. „Jakob sagte darauf zu Simeon und Levi: Ihr stürzt mich ins Unglück. Ihr habt mich in Verruf gebracht bei den Bewohnern des Landes, den Kanaanitern und Perisitern. Meine Männer kann man an den Fingern abzählen. Jene werden sich gegen mich zusammentun und mich niedermachen. Dann ist es vorbei mit mir und meinem Haus. Die Söhne aber sagten: Durfte er unsere Schwester wie eine Dirne behandeln?“ Genesis 34,30-31)

Wer war hier im Recht? Dinas Brüder haben einerseits sie befreit und das an ihr begangene Verbrechen gestraft („Hamor und seinen Sohn Sichem machten sie mit dem Schwert nieder, holten Dina aus dem Hause Sichems und gingen davon.“, Genesis 34,26), andererseits haben sie dabei auch ziemlich viele Unschuldige mit umgebracht bzw. ihrerseits verschleppt („Dann machten sich die Söhne Jakobs über die Erschlagenen her und plünderten die Stadt, weil man ihre Schwester entehrt hatte. Ihre Schafe und Rinder, ihre Esel und was es sonst in der Stadt oder auf dem Feld gab, nahmen sie mit. Ihre ganze Habe, all ihre Kinder und Frauen führten sie fort und raubten alles, was sich in den Häusern fand.“, Genesis 34,27-29). Wie will die Bibel, dass wir das alles beurteilen? Ist die Aussage des Textes, dass, wie Jakob offensichtlich meint, die Familie lieber auf den Vorschlag Hamors, des Fürsten von Sichem, hätte eingehen sollen („Hamor redete mit ihnen und sagte: Mein Sohn Sichem hat zu eurer Tochter Zuneigung gefasst. Gebt sie ihm doch zur Frau!“, Genesis 34,8), um den Frieden zu wahren, oder ist die Aussage, dass man ein solches Unrecht nicht einfach durchgehen lassen kann, wie die Söhne Jakobs meinten, die auf Hamors Vorschlag scheinbar eingingen, aber verlangten, dass alle Männer der Stadt sich zuerst beschneiden lassen müssten, weil sie ihre Schwester nicht einem Unbeschnittenen geben könnten, und dann, als die Männer an Wundfieber litten, die Stadt überfielen, die Männer töteten, Frauen, Kinder und Vieh raubten, und ihre Schwester befreiten? Man kann wahrscheinlich sagen, dass die Sympathie mehr auf Seiten von Dinas Brüdern liegt, die am Ende (s. o.) auch das letzte Wort in der Erzählung behalten; dieser Schluss liegt auch angesichts eines Gebets in einem anderen Buch der Bibel nahe („Und Judit rief laut zum Herrn; sie sagt: Herr, du Gott meines Stammvaters Simeon! Du hast ihm das Schwert in die Hand gegeben zur Bestrafung der Fremden, die den Gürtel der Jungfrau lösten, um sie zu beflecken, die ihre Schenkel entblößten, um sie zu schänden, und ihren Schoß entweihten zu ihrer Schande. Du hattest nämlich geboten: Das darf nicht geschehen. Und dennoch taten sie es. Deswegen gabst du ihre Fürsten Mördern preis und tauchtest zur Vergeltung das Lager, das ihrer Arglist gedient hatte, in Blut; du erschlugst die Knechte samt ihren Herren, ja auch die Herren auf ihren Thronen. Du gabst ihre Frauen dem Raub und ihre Töchter der Gefangenschaft preis und ihren ganzen Besitz gabst du deinen geliebten Söhnen; denn sie glühten vor Eifer für dich, hatten Abscheu vor der Befleckung ihres Blutes und riefen zu dir um Hilfe. Gott, mein Gott, erhöre auch mich, die Witwe!“ (Judit 9,1-4)), aber auch damit sagt die Bibel noch nicht, dass die ganze Brutalität der Jakobssöhne hier gerechtfertigt und gut war. Erstens einmal ist auch das Gebet der Judit das Gebet eines Menschen, nicht eine Stimme vom Himmel, und Menschen, auch Menschen in der Bibel, können sich irren oder Dinge nur halb verstehen. Zweitens sagt auch dieses Gebet nicht zwangsläufig, dass alles, was die Jakobssöhne taten, recht war; es sagt eindeutig, dass ihre Absicht, ihr grundsätzliches Ziel – das an ihrer Schwester begangene Unrecht nicht einfach durchgehen zu lassen – recht war, und es sagt, dass Gott zugelassen hat, dass über die Verbrecher schließlich eine Art Strafgericht durch Dinas Brüder kam, unter dem auch ihre ganzen Untertanen und Familien litten, aber es sagt nicht, dass es nicht besser mit ein bisschen weniger Blutvergießen und Plünderung und so weiter abgelaufen wäre.

Die Bibel erzählt Geschichten, die eben passiert sind; nicht immer kann man dabei glasklar die Guten und die Bösen unterscheiden. Es ist nicht die Absicht der Bibel in diesen Geschichten, glasklar zu zeigen, wie man als guter, gottesfürchtiger Mensch handelt, sondern zu beschreiben, wie die Geschichte des Volkes Israel abgelaufen ist.

[Bei alldem ist es übrigens allgemein jedoch wichtig, sich mit Urteilen über bestimmte Figuren aus diesen Geschichten erst einmal zurückzuhalten. Wie hätten Dinas Brüder am besten handeln sollen, als Sichem sie vergewaltigt hatte, in seiner Stadt gefangen hielt und nun unbedingt zu seiner Frau haben wollte? Man kann sicher sagen, dass sie Unrecht taten, als sie am Ende ihrerseits die Frauen und Kinder der Stadt als Sklaven verschleppten, aber wie die ganze Geschichte ganz ohne Gewalt hätte ablaufen sollen… nicht so einfach irgendwie, wenn man sich überlegt, wie die ganze Situation in der damaligen Zeit aussah. Sie konnten nicht einfach die Polizei zu rufen. Und bevor man darüber urteilt, was Simeon und Levi taten, sollte man sich vielleicht auch noch in Erinnerung rufen, dass heutzutage zum Beispiel in Saudi-Arabien, wenn eine Frau vergewaltigt wird, sie mit einer Anklage, Verurteilung und Strafe wegen Unzucht zu rechnen hat, nicht ihr Vergewaltiger. Da waren Simeon und Levi vor bald viertausend Jahren schon weiter.]

 Man muss nicht alles gut finden, was die Patriarchen oder die Propheten oder die Könige der Bibel taten. Im Buch Genesis allein haben wir Männer, die sich einen Dreck um ihre Frauen oder Töchter scheren und sie sogar der Vergewaltigung preisgeben würden (Lot in Genesis 19, Abraham in Genesis 20, etc.), haben wir Polygamie, eine Art von „Leihmutterschaft“ (s. die Geschichte mit Hagar, Saras ägyptischer Sklavin, in Genesis 16), Konflikte zwischen den verschiedenen Frauen / Konkubinen eines Mannes (z. B. zwischen Lea und Rahel in Genesis 29-30), Betrügereien zwischen Brüdern (Jakob und Esau, Genesis 25,27-34 u. Genesis 27), Brüder, die ihren angeberischen Bruder, der immer der Liebling des Vaters gewesen ist, zuerst umbringen wollen und dann als Sklaven verkaufen (Genesis 37), und so weiter und so fort.

Man muss auch nicht alles gut finden, was Jakob tat, und alles schlecht finden, was Esau tat, nur weil Jakob von Gott als Stammvater des auserwählten Volkes erwählt wurde und Esau nicht. Erwählung hat nicht automatisch etwas mit moralischer Überlegenheit zu tun – ach ja, und übrigens versöhnte sich Jakob in Genesis 33 wieder mit seinem Bruder. Man kann auch am Aufbau der biblischen Geschichten erkennen, dass Jakobs Betrügereien vielleicht nicht unbedingt glorifiziert werden sollen: Jakob wird zum betrogenen Betrüger, als zuerst sein Onkel Laban ihm statt der geliebten Rahel erst einmal die ältere Tochter Lea zur Frau gibt, und dann später, als seine Söhne ihm weismachen, sein Lieblingssohn Joseph sei von einem wilden Tier getötet worden.

 

File:Tissot Joseph Converses With Judah, His Brother.jpg

(James Tissot, Joseph converses with Judah, his brother, Quelle: Wikimedia Commons)

 

Das Prinzip, dass nicht alles, was in der Bibel steht, auch von der Bibel als vorbildlich dargestellt wird, hilft einem bei der Interpretation vieler Stellen weiter. Beim Buch der Richter zum Beispiel. Dieses Buch stellt immer wieder Tiefpunkte in Israels Verhältnis mit Gott dar; nicht ohne Grund lautet sein allerletzter Vers: „In jenen Tagen gab es noch keinen König in Israel; jeder tat, was ihm gefiel.“ (Richter 21,25) In Israel herrscht Anarchie, Vermischung mit dem Heidentum, und sogar die Richter selbst – die großen Rettergestalten, die gegen die Feinde Israels kämpfen – sind oft keine untadelhaften Helden: Simson etwa, der es nicht so wirklich mit der Tugend der Keuschheit hat, und dann ja auch von seiner Geliebten an die Philister verraten wird, oder auch Jiftach der Gileaditer: „Jiftach legte dem Herrn ein Gelübde ab und sagte: Wenn du die Ammoniter wirklich in meine Gewalt gibst und wenn ich wohlbehalten von den Ammonitern zurückkehre, dann soll, was immer mir (als Erstes) aus der Tür meines Hauses entgegenkommt, dem Herrn gehören und ich will es ihm als Brandopfer darbringen. Darauf zog Jiftach gegen die Ammoniter in den Kampf und der Herr gab sie in seine Gewalt. Er schlug sie im ganzen Gebiet zwischen Aroër und Minnit bis hin nach Abel-Keramim vernichtend (und nahm) zwanzig Städte (ein). So wurden die Ammoniter vor den Augen der Israeliten gedemütigt. Als Jiftach nun nach Mizpa zu seinem Haus zurückkehrte, da kam ihm seine Tochter entgegen; sie tanzte zur Pauke. Sie war sein einziges Kind; er hatte weder einen Sohn noch eine andere Tochter. Als er sie sah, zerriss er seine Kleider und sagte: Weh, meine Tochter! Du machst mich niedergeschlagen und stürzt mich ins Unglück. Ich habe dem Herrn mit eigenem Mund etwas versprochen und kann nun nicht mehr zurück.“ (Richter 11,30-35) Jiftach macht zuerst ein blödsinniges Gelübde, und bringt dann entsprechend diesem Gelübde seine eigene Tochter als Menschenopfer dar, was durch das Gesetz des Mose ausdrücklich verboten ist. Man könnte fragen, was er sich dabei gedacht hat, als er sein Gelübde abgelegt hat. Hat er erwartet, dass ihm als erstes sein Hofhund entgegenläuft? Oder dass ein Sklave zu seiner Begrüßung herauskommen wird? Es klingt jedenfalls durchaus so, als hätte er die Möglichkeit, irgendeinen menschlichen Angehörigen seines Hauses als das versprochene Brandopfer darzubringen, bei der Ablegung dieses Eides in Kauf genommen, auch wenn er nicht speziell mit seiner Tochter gerechnet hat. So verdorben war Israel schon durch die kanaanäischen Sitten, dass sie sogar meinten, auch ihrem Gott müsse man Menschenopfer darbringen, „was ich nie befohlen habe und was mir niemals in den Sinn gekommen ist“ (Jeremia 7,31).

 

File:Jephthah’s Daughter by James Tissot.jpg

(James Tissot, Jephthah’s daughter, Quelle: Wikimedia Commons)

 

Den Tiefpunkt im Buch der Richter zeigt wohl das 19. Kapitel. Wer will, lese die ganze grässliche Geschichte hier nach (https://www.bibleserver.com/text/EU/Richter19); hier genügt es mir, zu sagen, dass nächtliche Gruppenvergewaltigungen auf offener Straße offensichtlich nicht nur in Sodom (Genesis 19) geschahen, sondern auch in Gibea in der Richterzeit. (Wobei der eigentliche Böse der Geschichte, bei dessen Verhalten einem wirklich speiübel werden kann, ja der Levit ist.) Das Buch der Richter endet dann mit Krieg innerhalb Israels, ach ja, und dann noch Frauenraub. „In jenen Tagen gab es noch keinen König in Israel; jeder tat, was ihm gefiel.“

 

File:The Levite's Wife Dies at the Door by J.Tissot.jpeg

(James Tissot, The Levite’s wife dies at the door, Quelle: Wikimedia Commons)

 

Es gibt auch noch andere Bibelstellen, die man in diese Kategorie einordnen könnte, bei denen es aber schon wesentlich mehrdeutiger wird. Nehmen wir die Geschichte von Elija und den Baalspropheten in 1 Könige 18 (https://www.bibleserver.com/text/EU/1.K%C3%B6nige18). Nach dem Gottesurteil auf dem Berg Karmel geht die Geschichte so aus: „Das ganze Volk sah es, warf sich auf das Angesicht nieder und rief: Jahwe ist Gott, Jahwe ist Gott! Elija aber befahl ihnen: Ergreift die Propheten des Baal! Keiner von ihnen soll entkommen. Man ergriff sie und Elija ließ sie zum Bach Kischon hinabführen und dort töten.“ (1 Könige 18,39-40)

Elija hier ist definitiv Gottes Prophet, und man muss auch sagen, dass sein Handeln nicht ganz grundlos war. Am Anfang des Kapitels, als er sich aufmacht, um sich dem von Gott abtrünnigen König Ahab zu stellen, vor dem er bisher auf der Flucht war, und ihm ein Gottesurteil zur Entscheidung zwischen dem Gott Jahwe und dem Gott Baal vorzuschlagen, begegnet er zuerst Obadja, einem Diener des Königs: „Als nun Obadja unterwegs war, kam ihm Elija entgegen. Obadja erkannte ihn, warf sich vor ihm nieder und rief: Bist du es, mein Herr Elija? Dieser antwortete: Ich bin es. Geh und melde deinem Herrn: Elija ist da. Obadja entgegnete: Was habe ich mir zu Schulden kommen lassen, dass du deinen Knecht an Ahab ausliefern und dem Tod preisgeben willst? So wahr der Herr, dein Gott, lebt: Es gibt kein Volk und kein Reich, wo mein Herr dich nicht hätte suchen lassen. Und wenn man sagte: Er ist nicht hier, dann ließ er dieses Reich oder Volk schwören, dass man dich nicht gefunden habe. Und jetzt befiehlst du: Geh und melde deinem Herrn: Elija ist da. Wenn ich nun von dir weggehe, könnte ja der Geist des Herrn dich an einen Ort tragen, den ich nicht kenne. Käme ich dann zu Ahab, um dich zu melden, und könnte er dich nicht finden, so würde er mich töten. Dabei hat dein Knecht doch von Jugend auf den Herrn gefürchtet. Hat man dir denn nicht berichtet, was ich getan habe, als Isebel [Ahabs Frau, die Königin] die Propheten des Herrn umbrachte? Ich habe doch hundert von ihnen, je fünfzig in einer Höhle, verborgen und mit Brot und Wasser versorgt. Und nun befiehlst du: Geh und melde deinem Herrn: Elija ist da. Ahab würde mich töten. Doch Elija antwortete: So wahr der Herr der Heere lebt, in dessen Dienst ich stehe: Heute noch werde ich ihm vor die Augen treten. Obadja kam zu Ahab und brachte ihm die Nachricht. Ahab ging Elija entgegen. Sobald er ihn sah, rief er aus: Bist du es, Verderber Israels? Elija entgegnete: Nicht ich habe Israel ins Verderben gestürzt, sondern du und das Haus deines Vaters, weil ihr die Gebote des Herrn übertreten habt und den Baalen nachgelaufen seid. Doch schick jetzt Boten aus und versammle mir ganz Israel auf dem Karmel, auch die vierhundertfünfzig Propheten des Baal und die vierhundert Propheten der Aschera, die vom Tisch Isebels essen. Ahab schickte in ganz Israel umher und ließ die Propheten auf dem Karmel zusammenkommen. Und Elija trat vor das ganze Volk und rief: Wie lange noch schwankt ihr nach zwei Seiten? Wenn Jahwe der wahre Gott ist, dann folgt ihm! Wenn aber Baal es ist, dann folgt diesem! Doch das Volk gab ihm keine Antwort. Da sagte Elija zum Volk: Ich allein bin als Prophet des Herrn übrig geblieben; die Propheten des Baal aber sind vierhundertfünfzig.“ (1 Könige 18,7-22) Elija wurde von Ahab und Isebel verfolgt und wäre ohne Gottes Hilfe wohl schon längst tot gewesen, wie viele andere Propheten Jahwes, und daran waren die Propheten des Baal wahrscheinlich auch nicht ganz unschuldig. Das Gottesurteil ist für ihn also wohl tatsächlich eine Frage von Leben und Tod. Er nutzt die Gunst der Stunde, um seine Gegner, die ihm nach dem Leben trachten, ein für alle Mal unschädlich zu machen. Aber das ist noch nicht der eigentliche Grund für sein Handeln: Vor allem geht es ihm darum, Israel wieder zu Gott zu führen, die unschädlich zu machen, die Israel zum Götzendienst verführen, es geht ihm um die Seele seines Volkes. Handelte er damit richtig? Na ja, er handelte nicht so wie christliche Märtyrer späterer Jahrhunderte, und man kann sich durchaus die Frage stellen, ob ein allgemein gewaltfreieres Herangehen an die Sache besser gewesen wäre – aber andererseits war die Situation damals eben durchaus nicht so einfach. Da kann man sich durchaus fragen: Wie hätte ich an seiner Stelle gehandelt? Gute Frage.

Handelte Elija richtig damit, dass er die vierhundertfünfzig Baalspropheten töten ließ? Kann man so oder so sehen. Man muss es nicht so sehen, dass Elija vollkommen richtig handelte. Er handelte aus den richtigen Motiven. Ansonsten ist da aber durchaus Interpretationsspielraum frei. Elija, der die Tötung der Baalspropheten befahl, war ein fehlbarer Mensch.

 

File:Tissot Baalites.jpg

(James Tissot, Baalites, Quelle: Wikimedia Commons; nebenbei, dieses Bild hier zeigt noch nicht die Tötung der Baalspropheten, sondern wie sie sich selbst wundritzen, während sie vergeblich zu ihrem Gott rufen)

 

Das Gleiche gilt z. B. für eine Stelle, aus der ich im Lauf dieser Reihe auch schon einen Ausschnitt zitiert habe: „Da kamen die Beamten, die vom König den Auftrag hatten, die Einwohner zum Abfall von Gott zu zwingen, in die Stadt Modeïn, um die Opfer durchzuführen. Viele Männer aus Israel kamen zu ihnen; auch Mattatias und seine Söhne mussten erscheinen. Da wandten sich die Leute des Königs an Mattatias und sagten: Du besitzt in dieser Stadt Macht, Ansehen und Einfluss und hast die Unterstützung deiner Söhne und Verwandten. Tritt also als erster vor und tu, was der König angeordnet hat. So haben es alle Völker getan, auch die Männer in Judäa und alle, die in Jerusalem geblieben sind. Dann wirst du mit deinen Söhnen zu den Freunden des Königs gehören; auch wird man dich und deine Söhne mit Silber, Gold und vielen Geschenken überhäufen. Mattatias aber antwortete mit lauter Stimme: Auch wenn alle Völker im Reich des Königs ihm gehorchen und jedes von der Religion seiner Väter abfällt und sich für seine Anordnungen entscheidet – ich, meine Söhne und meine Verwandten bleiben beim Bund unserer Väter. Der Himmel bewahre uns davor, das Gesetz und seine Vorschriften zu verlassen. Wir gehorchen den Befehlen des Königs nicht und wir weichen weder nach rechts noch nach links von unserer Religion ab. Kaum hatte er das gesagt, da trat vor aller Augen ein Jude vor und wollte auf dem Altar von Modeïn opfern, wie es der König angeordnet hatte. Als Mattatias das sah, packte ihn leidenschaftlicher Eifer; er bebte vor Erregung und ließ seinem gerechten Zorn freien Lauf: Er sprang vor und erstach den Abtrünnigen über dem Altar. Zusammen mit ihm erschlug er auch den königlichen Beamten, der sie zum Opfer zwingen wollte, und riss den Altar nieder; der leidenschaftliche Eifer für das Gesetz hatte ihn gepackt und er tat, was einst Pinhas mit Simri, dem Sohn des Salu, gemacht hatte. Dann ging Mattatias durch die Stadt und rief laut: Wer sich für das Gesetz ereifert und zum Bund steht, der soll mir folgen. Und er floh mit seinen Söhnen in die Berge; ihren ganzen Besitz ließen sie in der Stadt zurück.“ (1 Makkabäer 2,15-28) Die Situation war die folgende: Die Griechen hatten das Land erobert, Jerusalem verwüstet und den Tempel entweiht und verfolgten jetzt die jüdische Religion; alle Juden hatten den griechischen Göttern zu opfern. Mattatias weigerte sich: Wir gehorchen den Befehlen des Königs nicht und wir weichen weder nach links noch nach rechts von unserer Religion ab. (Für mich gehören seine Worte hier übrigens zu den beeindruckendsten Reden in der Bibel.) Aber kaum war er mit dieser mutigen Rede fertig, trat schnell ein anderer Mann aus Modein vor, der klarstellen wollte, dass er ein braver Bürger war, der sehr wohl dem König gehorchen und opfern würde und absolut nichts mit solchen religiösen Fanatikern zu tun hatte. Oh ja, Mattatias’ Zorn darüber war ein gerechter Zorn.

Aber selbst gerechtem Zorn die Zügel schießen zu lassen, ist nicht immer gut. Mattatias’ Aufstand gegen die Griechen, den er dann anzettelte, war gerechtfertigt (jedenfalls würde ich das nach dem, was ich so über die katholischen Theorien über gerechten Krieg und gerechtfertigten Widerstand weiß, einfach mal behaupten; aber das ist meine persönliche Einschätzung), aber nein, er hätte den opfernden Juden nicht erstechen müssen, auch wenn er aus „gerechtem Zorn“ handelte. Das war nicht notwendig, das nützte nichts, und es ist falsch, zu töten, wenn es nicht gerade um so eine Situation wie Notwehr geht. Vielleicht hätte er versuchen können, den Abtrünnigen auf andere Weise von seinem Opfer abzuhalten, ihm ins Gewissen zu reden, was weiß ich.

 

File:141.Mattathias and the Apostate.jpg

(Gustave Doré, Mattatias und der Frevler, Quelle: Wikimedia Commons)

 

Jedenfalls, um diesen Teil langsam zum Abschluss zu bringen, noch einmal das Fazit: Nicht alles, was die Personen in der Bibel tun, auch nicht alles, was die „guten“ Personen in der Bibel tun, nicht einmal alles, was die guten Personen in der Bibel aus guten Motiven tun, ist von Gott als Vorbild für uns gedacht. Hier werden auch einfach Geschichten erzählt, wie sie eben passiert sind, und Geschichten können ebenso gut negative wie positive Beispiele enthalten. Ebenso ist es ja auch, sagen wir mal, in den Harry-Potter-Büchern: Nicht alles, was Harry tut, oder was andere im Großen und Ganzen gute Figuren tun, ist automatisch toll und vorbildlich, und es bleiben durchaus auch gewisse Zweideutigkeiten. Wie soll man zum Beispiel Hermines einsamen Feldzug für Hauselfenrechte bewerten? Als übertrieben und irgendwie g’spinnert, wie Harry und Ron das tun, oder doch als gut und gerechtfertigt? Im siebten Band scheint sie schließlich irgendwo Recht behalten zu haben: „Sirius war schrecklich zu Kreacher, Harry, und da brauchst du gar nicht so zu schauen, du weißt, dass es stimmt. […] Ich habe schon immer gesagt, dass die Zauberer eines Tages dafür bezahlen müssen, wie sie die Hauselfen behandeln. Nun, Voldemort hat bezahlt… und Sirius auch.“ Harry konnte ihr nichts entgegensetzen. (Harry Potter und die Heiligtümer des Todes, Hamburg 2007, S. 206) Aber so ganz eindeutig ist das alles immer noch nicht. Und so ist es eben auch bei der Bibel. Es ist nicht immer einfach, herauszukriegen, was Gott uns mit dieser oder jener Stelle sagen will. Man muss u. a. darauf schauen, was der menschliche Autor „hat ausdrücken wollen und wirklich zum Ausdruck gebracht hat“ (Dei Verbum 12; d. h. auf seine Aussageabsicht, aber nicht nur auf seine Absicht, sondern auch auf das, was wirklich am Ende da steht), und er hat nicht immer eindeutig zum Ausdruck gebracht, wessen Handeln nun gut oder nachahmenswert ist.

Die einzigen Ausnahmen von dieser Regel sind natürlich Jesus und Maria. Maria wurde durch Gottes Gnade vom ersten Augenblick ihres Lebens an vor der Erbsünde bewahrt (das verstehen Katholiken unter dem Begriff „unbefleckte Empfängnis Mariens“ – die jungfräuliche Empfängnis Jesu ist etwas ganz anderes), und Jesus ist Gott, also haben beide nicht gesündigt; wenn man also an irgendeiner Stelle der Evangelien Jesu Handeln unverständlich findet, muss man dafür andere Gründe suchen als „der konnte ja vielleicht auch mal was falsch machen“. (Ein Unterschied noch zwischen Jesus und Maria ist natürlich, dass Maria zwar ohne Sünde war, aber deshalb nicht vor schuldlosen Irrtümern oder Fehlern bewahrt sein musste.)

Zum Abschluss noch ein sehr treffendes Zitat von Joseph Ratzinger zu diesem Thema:

 

„Wenn man die Träger des Bundesgeschehens in Israel den religiösen Persönlichkeiten Asiens gegenüberstellt, kann einen zunächst ein eigentümliches Unbehagen überkommen. Abraham, Isaak, Jakob, Mose erscheinen mit all ihren Schlichen und ihrer Schläue, mit ihrem Temperament und ihrer Neigung zur Gewaltsamkeit zumindest recht mittelmäßig und armselig neben einem Buddha, Konfuzius oder Laotse, aber selbst so große prophetische Gestalten wie Hosea, Jeremia, Ezechiel machen bei einem solchen Vergleich keine ganz überzeugende Figur. Das ist eine Empfindung, die schon die Kirchenväter beim Aufeinandertreffen von Bibel und Hellenismus bewegte. […] Den ‚Skandal‘ zu bestreiten hat hier keinen Sinn, er öffnet vielmehr erst den Zugang zum Eigentlichen. Religionsgeschichtlich gesehen, sind Abraham, Isaak und Jakob wirklich keine ‚großen religiösen Persönlichkeiten‘. Das wegzudeuten hieße genau den Anstoß wegzudeuten, der auf das Besondere und Einzigartige der biblischen Offenbarung hinführt. Dieses Besondere und Ganz-Andere liegt darin, daß Gott in der Bibel nicht wie bei den großen Mystikern geschaut, sondern als der Handelnde erfahren wird, der dabei (für das äußere und innere Auge) im Dunkeln bleibt. Und dies wiederum liegt daran, daß hier nicht der Mensch in eigener Aufstiegsbemühung durch die verschiedenen Schichten des Seins durchstößt auf die innerste und geistigste und so das göttliche an seinem eigenen Orte auffindet, sondern es gilt das Umgekehrte: daß Gott den Menschen mitten in den weltlichen und irdischen Zusammenhängen sucht, daß Gott, den von sich aus niemand entdecken kann, auch der Reinste nicht, seinerseits dem Menschen nachgeht und in Beziehung zu ihm tritt.“ (Joseph Kardinal Ratzinger, Glaube – Wahrheit – Toleranz. Das Christentum und die Weltreligionen, Freiburg im Breisgau 2003, S. 34-35.)

 

Das ist gerade der Punkt an der Bibel. Gott tritt von sich aus mit den Menschen in Kontakt, und diese Menschen sind und bleiben Sünder. „Nicht die Gesunden brauchen den Arzt, sondern die Kranken.“ (Matthäus 9,12). Ich habe einmal den Satz gelesen, die Geschichte der katholischen Kirche erinnere an das Alte Testament – das fand ich sehr treffend. Auch in der Geschichte der Kirche haben wir ja unsere, sagen wir mal, nicht ausschließlich ganz und gar vorbildhaften Geschehnisse; aber Gott bleibt uns trotzdem treu. Wir sind weiterhin Gottes Volk (das jetzt, im Neuen Bund, erweitert wurde auf Juden und Heiden), egal, was wir alles anstellen.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s