Über schwierige Bibelstellen, Teil 6: Das Fortschreiten der Offenbarung – Wie wir das Alte Testament lesen sollen

In diesem Artikel komme ich zu einer der zentralen Fragen, wenn es um die schwierigen Bibelstellen geht, nämlich zur Frage nach dem Verständnis des Alten Testaments und seinem Verhältnis zum Neuen.

Ein Problem dabei ist: Oft ist einem kaum bewusst, wie nahe Gott uns heutzutage eigentlich ist, und wie viel wir von Ihm wissen können.

Man stellt sich gerne mal vor, dass, während damals, in biblischen Zeiten, Gott sich den Juden ganz offensichtlich zeigte – allerorten gab es Zeichen und Wunder, Propheten und Visionen, Straßen durchs Meer, vom Himmel fallendes Feuer oder auch Feuerzungen, Engel erschienen, himmlische Stimmen waren zu hören, Propheten wurden von einem feurigen Wagen und einem Wirbelsturm in den Himmel entrückt, Lahme gingen, Blinde sahen und Tote kehrten aus dem Grab zurück –, heute nur noch ein paar tausende Jahre alte Berichte von alldem übrig seien, und wir daraus jetzt in diesem von Gott verlassenen Tal der Tränen irgendwie rekonstruieren müssten, was uns etwa die fünf Bücher Mose sagen sollen oder „was Jesus gewollt hätte“.

An diesem falschen Bild ist natürlich vor allem die Ketzerei schuldig, deren 500. Geburtstag wir vor nicht allzu langer Zeit beweinen mussten. Gut, vielleicht nicht ganz allein, aber zum größten Teil.

Natürlich zeigte sich Gott damals offensichtlich; natürlich war er damals den Menschen nahe; aber Er ist es immer noch. Der Protestantismus geht davon aus, dass Jesus predigte, gekreuzigt wurde, auferstand und in den Himmel auffuhr, seine Apostel dann nach Pfingsten unter Befähigung des Heiligen Geistes eine ideale Urgemeinde aufbauten und die Bücher des Neuen Testaments verfassten, und dann – tja, dann müssen Jesus und der Heilige Geist die Menschheit irgendwie sich selbst überlassen haben. Nach und nach wurde diese ideale Welt der Urgemeinde unterwandert und zerstört durch die unbiblischen Hinzufügungen des beginnenden Katholizismus – Papsttum, Heiligenverehrung, „Werkgerechtigkeit“ und so weiter –, bis schließlich und endlich doch ein paar heldenhafte Erneuerer das Urchristentum wieder herstellten. Aber das war auch nur Menschenwerk; an sich gibt es keinen Grund, wieso das wahre Christentum nicht wieder verloren gehen sollte.

Der Katholizismus vertritt etwas ganz anderes. Wir glauben an einen Gott, der uns treu ist, der an seinem Bund mit uns festhält, gestern, heute und in Ewigkeit. Jason Stellman hat hier einen sehr guten Kommentar dazu (Übersetzung von mir):

„Für uns ist Magie überall, und Wunder passieren die ganze Zeit, vor allem auf unseren Altären. Wir leben in einer sakramentalen Welt, wo geistiger Segen durch körperliche Dinge mitgeteilt wird, wo die Gnade die Natur nicht zerstört, sondern erhebt (ungefähr so, wie Christi göttliche Natur seine menschliche Natur nicht zerstörte, sondern erhob), wo der Mensch vergöttlicht wird, und wo dem ganze Kosmos ein übernatürliches Heimweh und ein Verlangen danach, zusammen mit den Kindern Gottes von seiner Gebundenheit durch den Verfall befreit zu werden, eingeflößt wurde. Wir leben in einem Zeitalter der eschatologischen Überlappung, in der die Fleischwerdung tatsächlich geschehen ist und die alte Welt wirklich vergeht. […] Einer meiner früheren Professoren im [protestantischen] Seminar hat das mittelalterliche katholische Europa einmal mit der Welt von Harry Potter verglichen, und nahegelegt, dass es einer der Triumphe der Reformation gewesen sei, die kirchliche Landschaft von all dem verdammten magischen und übernatürlichen Hokuspokus zu reinigen. Ich denke, das ist eine sehr treffende, und sehr traurige, Beschreibung der protestantischen Sicht der sichtbaren Kirche und des christlichen Lebens im Allgemeinen. […] Mit einem Wort, es ist, wie wenn der Geist zurück in die Flasche gesperrt wird, der Wandschrank verriegelt wird und keinen Weg mehr in eine andere Welt bieten kann, und alle diese übernatürlichen Offenbarungen von göttlicher Kraft und Liebe sicher unter Quarantäne in eine längst vergangene Zeit verbannt werden, als Gott dem abergläubischen Verlangen von vor-aufklärerischen Bauern nachgab, bis endlich die Druckerpresse erfunden wurde.“

Wer hat Gott je gesehen? Na ja, ich habe ihn schon öfters gesehen, eigentlich jeden Sonntag seit ein paar Jahren, außer wenn ich krank war, und ein großer Teil der Weltbevölkerung wohl auch, sicherlich die 1,2 Milliarden Katholiken, und dann noch einige aus dem Rest der Menschheit, die, auch wenn sie nicht katholisch sind, schon mal an einer katholischen Messe teilgenommen haben. Nicht in seiner eigentlichen Gestalt, aber dennoch. Jesus Christus befindet sich im Moment in der Gestalt von einigen Brotstücken ein paar Straßen von mir entfernt in einer hässlichen Betonkirche aus den 60ern in einem freistehenden Tabernakel mit Marmorsockel. Und dann als nächstes zwei Kilometer weiter in einer schönen Barockkirche in einem mit Silber geschmückten Tabernakel, der in einen Hochaltar eingebaut ist. Er befindet sich dort ebenso, wie er sich vor zweitausend Jahren in Jerusalem oder Nazareth befand. Wenn ich in einem Beichtstuhl knie und der Priester sagt „…so spreche ich dich los von deinen Sünden, im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, Amen“, dann vergibt Gott mir meine Sünden.

Wir haben einen Stellvertreter Christi auf Erden, der in Rom lebt, und dem wir bei seiner Generalaudienz zujubeln oder den wir in seiner Amtsführung kritisieren können. In Lourdes geschehen Wunder, in Guadeloupe geschehen Wunder, in Fatima geschehen Wunder; die für Heiligsprechungen zuständige Behörde im Vatikan hat ständig Wunder zu überprüfen, um zu beurteilen, ob anhängige Selig- und Heiligsprechungsprozesse vorangehen können. Wir haben unverweste Leichname Heiliger, unerklärliche Bilder wie das Marienbild von Guadeloupe oder das Abbild auf dem Turiner Grabtuch, weinende Statuen, und Privatoffenbarungen; aber nicht nur das; alles in dieser Welt, nicht nur wundersame Ereignisse, auch jede Kleinigkeit in der Natur verweist auf ihren Schöpfer.

Wir glauben an einen treuen Gott, der einen bleibenden Bund mit uns geschlossen hat; als mich im Alter von zwei Monaten der Herr Stadtpfarrer mit Wasser übergossen und dazu die Taufformel gesprochen hat, wurde ich hineingenommen in diesen Bund, eingegliedert in den mystischen Leib Christi. Gott wirkt greifbar unter uns, heutzutage ebenso wie zu anderen Zeiten.

(Das alles ist schon, wenn man es sich so überlegt, mehr, als man irgendwie begreifen kann.)

Wieso erwähne ich das alles: Weil wir ein korrektes Verständnis der Heils- und Offenbarungsgeschichte brauchen. Wir befinden uns heute an einer recht fortgeschrittenen Stelle der kontinuierlich voranschreitenden Heilsgeschichte. Wir können heute mehr über Gott wissen, als die Israeliten zur Zeit des Exodus wussten. Dank der Klärungen einiger wichtiger Fragen auf den Konzilien der letzten zwei Jahrtausende können wir sogar ein besseres Wissen über Gott haben als die ersten Christen, die von den Aposteln unterrichtet worden waren. Und Gott ist uns heute noch immer nahe, entgegen dem, was manche glauben.

Nun ist intellektuelles Wissen nicht dasselbe wie Heiligkeit und Gottesnähe; und es stimmt, dass Gott den Leuten zu biblischen Zeiten in einiger Hinsicht näher war als heute. Direkt von ihm inspirierte Propheten gibt es heute keine mehr, und unsere Situation ist natürlich erst recht (trotz jeder eucharistischer Anbetung) eine völlig andere als die der Leute, die in Jerusalem und Nazareth zu Jesus hingehen und mit ihm reden konnten.

Es gilt für uns: Die Offenbarung ist vorerst mehr oder weniger abgeschlossen (bis zur Wiederkehr des Herrn am Ende der Zeiten). Aber dass sie abgeschlossen ist, bedeutet auch, dass sie fertig, vollendet, nicht nur beendet ist. Der Lehrer ist kurz aus dem Klassenzimmer herausgegangen, und jetzt haben wir alles Wissen, das Er uns vorerst geben wollte.

Als die alttestamentliche Offenbarung begann, war die Welt zunächst einmal noch gottferner als heute. Als Gott begann, sich Abraham zu offenbaren, da hatte sich die Welt schon lange von Ihm entfernt, und die Menschen verehrten verschiedene Gottheiten, von denen sie sich vorstellten, dass sie irgendwie mit ihren Städten verbunden wären, dass man sie besänftigen oder sich ihre Gunst verdienen müsse, dass sie miteinander konkurrierten und hauptsächlich mächtiger und langlebiger als Menschen seien, aber sonst nicht viel anders als sie.

Gott begann also, sich den Menschen zu offenbaren; Er begann im Kleinen, und tat es nur nach und nach. Es bedurfte einer langen Vorbereitungszeit, bis es schließlich zum Höhepunkt der Offenbarung kam: Der Menschwerdung Gottes und Seiner Erlösungstat am Kreuz. Die eigentliche Offenbarung war nicht lange nach dieser Tat hauptsächlich abgeschlossen, mit dem Tod des letzten Apostels. Aber die Kirche, die Jesus Christus als Gottesvolk des Neuen Bundes aus Juden und Heiden begründet hatte, bestand weiter und bewahrt diese Offenbarung und gliedert neue Menschen in diesen Bund ein. Genuin neue Erkenntnisse kamen nicht mehr hinzu; das geschah nur bis etwa 100 n. Chr. Aber weiter entwickelt hat sich manches noch – man könnte sagen, die Pflanze war endlich gepflanzt, nachdem der Boden bereitet worden war, musste aber noch weiterhin wachsen, so dass einige Dinge (Dreifaltigkeit, Transsubstantiation, Anzahl der Sakramente, etc.) erst nach und nach genau definiert wurden.

Während das Alte Testament geschrieben wurde, und vom Alten zum Neuen Testament, kamen wirkliche neue Offenbarungen hinzu, und das konnte auch ein bisschen dauern. Das heißt nicht, dass die vorigen Offenbarungen falsch waren – aber sie waren oft noch unvollständig.

Gott hat sich den Menschen nach und nach offenbart. Das offensichtlichste Beispiel sind Monotheismus und Dreifaltigkeitslehre. Zu den ersten Dingen, die den Patriarchen und dem Volk Israel unter Mose und dann den Propheten immer wieder eingehämmert wurden, gehörte: Gott ist einer. (Unter heutigen Theologen findet sich sehr oft die Meinung, dass den Israeliten zuerst die Monolatrie offenbart wurde, d. h. dass sie nur einen Gott, den, der mit ihnen einen Bund geschlossen hatte, verehren sollten, während sie weiterhin glaubten, dass die Götter der anderen Völker an sich existierten; und dann erst der Monotheismus. Allerdings ist diese Meinung letztlich nicht überzeugend. Alle Texte im AT, die ausführlicher von ihnen reden, behandeln die anderen Götter als Pseudogötter, als Nichtse, als Götter, die nur in der Fantasie ihrer Verehrer bestehen (oder bestenfalls Dämonen sind, die sich den Menschen gegenüber als Götter ausgegeben haben – so jedenfalls wurde der Psalmvers „Alle Götter der Heiden sind Dämonen“ von den Kirchenvätern gedeutet).) Und auch solche kurzen Verse wie „Denn ein großer Gott ist der HERR, ein großer König über allen Göttern“ (Ps 95,3) lassen nicht auf Monolatrie statt Monotheismus schließen. Natürlich ist Gott über allen Göttern; die sind ja nur leblose Götzenbilder, hinter denen kein richtiger Gott steht, oder bestenfalls „vergöttlichte“ menschliche Könige, oder böse Dämonen ohne viel Macht.)

Wie auch immer: Im AT wurde der Monotheismus immer wieder betont: Es gibt nur einen einzigen allmächtigen guten Gott, der die Welt aus dem Nichts erschaffen hat, keine Vielzahl von mehr oder weniger mächtigen, mehr oder weniger guten Göttern, die sich in der Welt herumtreiben und sich gegenseitig Konkurrenz machen. Davon, dass Gott in einem drei ist, dass Er in Seinem einen Wesen eine Gemeinschaft von drei Personen vereint, gibt es nur ein paar dunkle Andeutungen. Im AT wird nirgends gesagt, Gott sei nicht dreifaltig; aber die Dreifaltigkeit wird auch nicht gelehrt, und wenn man die Israeliten damals gefragt hätte, hätten sie aller Wahrscheinlichkeit nach damit nichts anfangen können.

Als Jesus dann auf die Erde kam, fiel Er auch nicht gleich mit der Tür ins Haus, sondern ließ Seine Jünger langsam erkennen, was Er war; dass Er nicht nur ein Mensch war. Es muss wirklich verwirrend gewesen sein, mit jemandem umherzuziehen, der so vollkommen gut, weise und anders war als alle Menschen; der unbeschränkte Macht über Krankheiten, Dämonen, Tod und Naturgewalten zeigte; der Vollmachten wie die des Sündenvergebens für sich in Anspruch nahm. Die Botschaft, dass Er eins mit dem Vater ist, konnte er den Jüngern erst langsam vermitteln; und der erste, der Ihn wirklich „Mein Herr und mein Gott!“ nannte, war nicht Er selbst, sondern der Apostel Thomas nach Seiner Auferstehung.

Außerdem hatte Jesus quasi nebenbei geschickt noch den Heiligen Geist in Seiner Lehre eingeführt, und die ersten Christen beteten dann Gottvater, Jesus und den Heiligen Geist weiterhin an und behielten gleichzeitig den Monotheismus bei und begannen nach und nach zu definieren, wie die drei sich zueinander verhielten, und was es bedeutete, dass Gott vollkommen einer war und doch einen Sohn hatte. Das funktionierte aus einem Grund: Weil das auserwählte Volk über tausend Jahre lang auf Monotheismus gedrillt worden war. Wenn Gott, sagen wir, 1500 v. Chr. gleich mit der Tür ins Haus gefallen wäre und sich als dreifaltig offenbart hätte, wären die Israeliten wahrscheinlich zu Tritheisten geworden und hätten eine kleine Götterfamilie aus Vater, Sohn und Heiligem Geist angebetet statt den einen, dreifaltigen Gott.

Sicher hätten die Autoren des AT, wenn man sie gefragt hätte, verneint, dass Gott aus drei Personen bestehe; aber das hat man sie nicht gefragt und das haben sie nicht in ihre Texte geschrieben.

Es gibt in der Bibel auch andere Erkenntnisse, die erst nach und nach kamen. Zum Beispiel:

  • Dass man die Liebe, die man zu anderen Menschen haben soll, speziell auch den Feinden schuldet.
  • Dass Leid nicht notwendigerweise immer eine Strafe Gottes ist, sondern dass auch Unschuldige leiden können.
  • Dass es eine Auferstehung der Toten geben wird, dass sie nicht für ewig in einer dunklen Unterwelt sein werden. (Gerade in frühen AT-Texten ist oft vom „Scheol“, der Unterwelt, dem Ort, an dem die Väter sind, die Rede. Das ist keine falsche Idee, die aufgegeben werden musste; in der Bibel steht nichts Falsches, und die Christen, die das heutzutage behaupten, haben leider nur keine Ahnung von der katholischen Lehre vom limbus patrum: Alle Toten, auch die Gerechten, konnten vor dem Tod Christi am Kreuz nicht zu Gott gelangen und mussten in einem Zustand zwar ohne Leiden und möglicherweise mit natürlicher Glückseligkeit, aber ohne die übernatürliche Glückseligkeit, die die Anschauung Gottes gewährt, ausharren, bis Christus, „hinabgestiegen in das Reich des Todes“, sie befreite und in den Himmel (Anschauung Gottes) führte. In späteren Texten des AT (z. B. den Makkabäerbüchern) erscheint die Hoffnung auf eine zukünftige Auferstehung der Toten (auch auf die leibliche Auferstehung, die noch immer aussteht; am Ende der Zeiten wird Gott auch die Körper wieder auferwecken und mit den Seelen vereinen, damit alle wieder als ganze Menschen aus Körper und Seele in der neuen Welt, die Er schaffen wird, leben können). Aber ganz deutlich wird diese Hoffnung erst im NT. Noch zur Zeit Jesu glaubten die Sadduzäer nicht an eine zukünftigeAuferstehung der Toten: „Am selben Tag kamen zu Jesus einige von den Sadduzäern, die behaupten, es gebe keine Auferstehung. Sie fragten ihn: Meister, Mose hat gesagt: Wenn ein Mann stirbt, ohne Kinder zu haben, dann soll sein Bruder dessen Frau heiraten und seinem Bruder Nachkommen verschaffen. Bei uns lebten einmal sieben Brüder. Der erste heiratete und starb, und weil er keine Nachkommen hatte, hinterließ er seine Frau seinem Bruder, ebenso der zweite und der dritte und so weiter bis zum siebten. Als letzte von allen starb die Frau. Wessen Frau wird sie nun bei der Auferstehung sein? Alle sieben haben sie doch zur Frau gehabt. Jesus antwortete und sprach zu ihnen: Ihr irrt euch; ihr kennt weder die Schrift noch die Macht Gottes. Denn nach der Auferstehung heiratet man nicht, noch wird man geheiratet, sondern die Menschen sind wie Engel im Himmel. Habt ihr im Übrigen nicht gelesen, was Gott euch über die Auferstehung der Toten mit den Worten gesagt hat: Ich bin der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs? Er ist nicht der Gott von Toten, sondern von Lebenden. Als das Volk das hörte, geriet es außer sich vor Staunen über seine Lehre.“ (Matthäus 22,23-33))

Auch bei den anderen beiden Beispielen handelt es sich um Erkenntnisse, die nicht erst im NT als etwas völlig Neues auftauchen. Im Buch der Sprichwörter heißt es „Hat dein Feind Hunger, gib ihm zu essen, hat er Durst, gib ihm zu trinken“ (Sprichwörter 25,21), und das ganze Buch Ijob handelt von einem „leidenden Gerechten“. Dennoch waren diese Themen zur Zeit Jesu noch irgendwie umstritten. Jesus sagt jetzt zum Thema Feindesliebe: „ Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen. Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen, damit ihr Kinder eures Vaters im Himmel werdet; denn er lässt seine Sonne aufgehen über Bösen und Guten und er lässt regnen über Gerechte und Ungerechte. Wenn ihr nämlich nur die liebt, die euch lieben, welchen Lohn könnt ihr dafür erwarten? Tun das nicht auch die Zöllner? Und wenn ihr nur eure Brüder grüßt, was tut ihr damit Besonderes? Tun das nicht auch die Heiden?“ (Matthäus 5,43-47)* Und zum Thema Leid heißt es im Johannesevangelium: „Unterwegs sah Jesus einen Mann, der seit seiner Geburt blind war. Da fragten ihn seine Jünger: Rabbi, wer hat gesündigt? Er selbst oder seine Eltern, sodass er blind geboren wurde? Jesus antwortete: Weder er noch seine Eltern haben gesündigt, sondern die Werke Gottes sollen an ihm offenbar werden.“ (Johannes 9,1-3; Jesus heilt dann den Blinden)

Brooklyn Museum - Jesus Teaches in the Synagogues (Jésus enseigne dans les synagogues) - James Tissot.jpg

(James Tissot, Jesus lehrt in der Synagoge. Gemeinfrei.)

In der früheren Version dieses Artikels habe ich diese Katechese von Peter van Briel von der Karl-Leisner-Jugend verlinkt, der ich aber inzwischen nicht mehr ganz zustimmen kann. Peter van Briel schreibt:

Und in diesem Gedankengang (Früher war Gott präsenter – Früher müsste also alles besser gewesen sein – Das war es aber nicht, im Gegenteil! – Also ist Gott kein guter Gott – Gottseidank hält er sich heutzutage zurück!) liegt ein Fehler – bereits im ersten Satz. In den biblischen Zeiten war Gott keineswegs aktiver im Weltgeschehen und Seine Rede eben nicht klarer zu vernehmen. Im Gegenteil.

 Sorry. Tatsächlich dürfte die umgekehrte Aussage zutreffender sein: Bei den geschichtlichen Ereignissen im Alten Testament handelt es sich um die ersten Versuche, sich auf Gott einzulassen.

 „The First Contact“ mit Gott ist wie der erste Funkkontakt in den Anfängen der Radiozeit: Auch wenn Gott damals wie heute seine Sendungen in bester Qualität ausstrahlt – sogar in Stereo, Dolby und 3D – nutzt das alles nichts, wenn die Empfänger zunächst nur der einfachsten Technik, mit instabiler Frequenz und wackeliger Stromversorgung entsprachen. Mittlerweile verfügt das Volk Gottes über modernste Technik (allesamt von Gott geschenkt) – im Lehramt der Kirche, einem ganzen Volk von Propheten und Heiligen, in jedem Getauften und Gefirmten, dem allgemeinen Priestertum.

 Aber abgesehen vom heute besseren Empfang unterscheidet sich die Zeit im Alten Bunde nicht sonderlich von unserer Gegenwart. Immerhin bezeichnet sich die katholische Kirche gelegentlich als „Volk Gottes“ – als Fortsetzung des erwählten Volkes Israel, als „neues Israel“. […]

 Haben wir nun aus der Bibel ein Märchen- oder Bilderbuch gemacht?

 Nein. Denn wer einmal die richtige Frequenz gefunden hat, erkennt, dass Gott schon von Anfang an Richtiges gesendet hat, der Mensch aber damals nur unscharf verstanden hat. Was in der Bibel steht, sind aber ausschließlich die Funksprüche, denen tatsächlich und sicher das Wort Gottes zugrunde liegt, wenn auch mit Rauschen überlagert. […]

 Es gibt einen Unterschied zwischen „schlechtem Empfang“ und rosa Rauschen. Die Bibel ist verrauscht – okay. Aber der göttliche Sinn ist erkennbar – für den, der nicht (so wie z.B. Dawkins) lieber Störsingnale katalogisiert, anstatt den Sinn zu suchen.

Das trifft den Sachverhalt doch nicht ganz und ist außerdem unnötig verkompliziert, denn: Die Bibel ist mit allen ihren Teilen Gottes Wort. Das ist Lehre der Kirche. Man kann nicht sinnvollerweise entscheiden, dass von Passage X Satz 1 und 3 so gemeint, aber Satz 2 ein Störsignal ist. Statt zu proklamieren, dass die ersten AT-Autoren Gott irgendwie nicht ganz teilweise missverstanden hätten, macht es mehr Sinn, ganz einfach zu sagen:

Gott hat sich ihnen so gezeigt, wie sie Ihn fassen konnten, hat ihnen zuerst mal das von sich gezeigt, was sie fassen konnten, und mit anderen Offenbarungen noch gewartet. Jede Aussage der Bibel muss angenommen werden; auch wenn sie manchmal noch Ergänzung braucht.

Oft wird, wenn man schwierige Stellen mit anderen Stellen im AT oder im NT vergleicht, klar, wie man sie verstehen soll und wie nicht. Weitere Beispiele und verschiedene Möglichkeiten zu ihrer Auslegung in den folgenden Teilen.

Regel Nummer 13: In frühen Stadien der Offenbarung sind Gottes Botschaften manchmal noch unvollständig.

 

* In der Bibel steht nicht, man „soll seinen Feind hassen“. Es wurde nur von den Schriftgelehrten zur Zeit Jesu so interpretiert: Das Gebot der Nächstenliebe ist verpflichtend, aber die Feindesliebe dann höchstens ein freiwilliges Werk der Übergebühr; seinen Feind darf man auch hassen.

5 Gedanken zu “Über schwierige Bibelstellen, Teil 6: Das Fortschreiten der Offenbarung – Wie wir das Alte Testament lesen sollen

  1. Schöner Text, aber eine Frage zu einem der Vorkommnisse, welche für Sie „irgendwie nicht zu begreifen“ sind:
    Glauben Sie an einen übernatürlichen Ursprung der Tränen der weinenden Statuen? Ich persönlich muss sagen, dass es mir schwer fällt. Könnten doch Schwindler oder einfach natürliche Umstände die Ursache sein.
    Hier mal ein Link zu einem Artikel, der sich damit beschäftigt:
    https://web.de/magazine/wissen/mystery/mystery-weinende-ikonen-marienstatuen-blut-traenen-absondern-31883560
    Mir ist bewusst, dass web.de nicht DAS Portal zu Glaubensfragen ist und Quellen hier zweifelhaft sind, allerdings hat mich dieser Artikel zweifeln lassen.

    Mich würde interessieren, was Sie zu den Vorwürfen sagen und warum Sie (so scheint es) an einen übernatürlichen Ursprung der weinenden Statuen glauben.

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    1. Ich habe keine besondere Meinung zu diesen Tränen. Präziser: Man müsste in jedem Einzelfall prüfen, was daran ist.

      Sicher kann Gott Wunder wirken; aber man muss es hier so halten, wie es der Vatikan bei angeblichen Heilungswundern, weinenden Statuen, Erscheinungen usw. usf. hält: Erst einmal nachprüfen, ob es nicht natürliche Erklärungen gibt. Betrüger oder Verrückte können auch Wunder vortäuschen. Das ist so, wie bei anderen Dingen auch: Wenn jemand Ihnen eine unwahrscheinliche, aber mögliche Geschichte erzählt, kommt es auf den einzelnen Fall an, ob Sie es glauben. Ist derjenige glaubwürdig? Bestätigen es auch andere? Wie sehen die Umstände aus? Welche Erklärungen gäbe es sonst noch?

      Ich habe mich in meinem Text nur auf Wunder bezogen, die die Kirche bereits hat prüfen lassen; z. B. gibt es in Lourdes eine Ärztekommission (wo auch nichtgläubige Ärzte dabei sind), und erst, wenn diese Kommission natürliche Erklärungen für Heilungen absolut ausgeschlossen hat, können dort geschehene Heilungen als Wunder anerkannt werden.

      Natürlich soll man nicht jede solche Behauptung einfach so glauben! 🙂

      – Crescentia.

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    2. PS: In dem von Ihnen verlinkten Text wird Heroldsbach erwähnt, wo die Tränen nicht echt gewesen seien; von den ganzen Vorkommnissen in diesem Ort (auch den angeblichen Erscheinungen in den 50ern) weiß ich zufällig, dass die Kirche sie ausdrücklich als unglaubwürdig bewertet hat. Damals in den 50ern wurden Wallfahrten dorthin sogar ausdrücklich verboten.

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