Über schwierige Bibelstellen, Teil 6: Das Fortschreiten der Offenbarung – Wie wir das Alte Testament lesen sollen

So, jetzt komme ich langsam zu einer der zentralen Fragen, wenn es um die schwierigen Bibelstellen geht, nämlich zur Frage nach dem Verständnis des Alten Testaments und seinem Verhältnis zum Neuen.

Ich glaube, das eigentliche Problem hier ist: Uns ist kaum jemals bewusst, wie nahe Gott uns heutzutage eigentlich ist.

Man stellt sich heutzutage gerne mal vor, dass damals, in biblischen Zeiten, Gott sich den Juden ganz offensichtlich zeigte – allerorten gab es Zeichen und Wunder, Propheten und Visionen, Straßen durchs Meer, vom Himmel fallendes Feuer oder auch Feuerzungen, Engel erschienen, himmlische Stimmen waren zu hören, Propheten wurden von einem feurigen Wagen und einem Wirbelsturm in den Himmel entrückt, Lahme gingen, Blinde sahen und Tote kehrten aus dem Grab zurück –, während heute dagegen nur noch ein paar tausende Jahre alte Berichte von alldem übrig seien, und wir daraus jetzt in diesem von Gott verlassenen Tal der Tränen irgendwie rekonstruieren müssten, was uns etwa die fünf Bücher Mose sagen sollen oder „was Jesus gewollt hätte“.

Und an diesem grundfalschen Bild ist allein die Ketzerei schuldig, deren 500. Geburtstag wir heuer beweinen müssen. Okay, vielleicht nicht ganz allein, aber jedenfalls zum allergrößten Teil.

Der Protestantismus geht davon aus, dass Jesus predigte, gekreuzigt wurde, auferstand und in den Himmel auffuhr, seine Apostel dann nach Pfingsten unter Befähigung des Heiligen Geistes eine ideale Urgemeinde aufbauten und die Bücher des Neuen Testaments verfassten, und dann – tja, dann müssen Jesus und der Heilige Geist die Menschheit irgendwie sich selbst überlassen haben. Nach und nach wurde diese ideale Welt der Urgemeinde unterwandert und zerstört durch die unbiblischen Hinzufügungen des beginnenden Katholizismus – Papsttum, Heiligenverehrung, „Werkgerechtigkeit“ und so weiter –, bis schließlich und endlich doch ein paar heldenhafte Erneuerer das Urchristentum wieder herstellten. Aber das war auch nur Menschenwerk; an sich gibt es keinen Grund, wieso das wahre Christentum nicht wieder verloren gehen sollte.

Der Katholizismus vertritt etwas vollkommen anderes. Wir glauben an einen Gott, der uns treu ist, der an seinem Bund mit uns festhält, gestern, heute und in Ewigkeit. Jason Stellman hat hier einen sehr guten Kommentar dazu: http://www.creedcodecult.com/protestantism-and-christianity/. Ich zitiere:

For us, magic is everywhere, and miracles happen all the time, especially on our altars. We live in a sacramental economy where spiritual blessings are communicated through physical things, where grace is not destroying nature but elevating it (kind of like how Christ’s divine nature did not destroy his human nature, but elevated it), where man is being divinized, and where the entire cosmos has been infused with a supernatural homesickness and longing to be liberated, along with the children of God, from its bondage to decay. We live in an age of eschatological overlap in which the Incarnation actually happened and the old world really is passing away. […] One of my former seminary profs has likened medieval Catholic Europe to the world of Harry Potter, suggesting that one of the triumphs of the Reformation was ridding the ecclesial landscape of all that blasted magical and supernatural hocus pocus. I think that is a very apt, and very sad, description of the Protestant view of the visible church and of the Christian life in general. […] In a word, it’s as if the genie is locked in the bottle, the wardrobe is bolted shut and can provide no otherworldly passage, and all those miraculous displays of divine power and love are safely quarantined to a time long past when God would indulge the superstitious desires of pre-Enlightenment peasants until the printing press would finally be invented.

 (Für uns ist Magie überall, und Wunder passieren die ganze Zeit, vor allem auf unseren Altären. Wir leben in einer sakramentalen Welt, wo geistiger Segen durch körperliche Dinge mitgeteilt wird, wo die Gnade die Natur nicht zerstört, sondern erhebt (ungefähr so, wie Christi göttliche Natur seine menschliche Natur nicht zerstörte, sondern erhob), wo der Mensch vergöttlicht wird, und wo dem ganze Kosmos ein übernatürliches Heimweh und ein Verlangen danach, zusammen mit den Kindern Gottes von seiner Gebundenheit durch den Verfall befreit zu werden, eingeflößt wurde. Wir leben in einem Zeitalter der eschatologischen Überlappung, in der die Fleischwerdung tatsächlich geschehen ist und die alte Welt wirklich vergeht. […] Einer meiner früheren Professoren im Seminar hat das mittelalterliche katholische Europa einmal mit der Welt von Harry Potter verglichen, und nahegelegt, dass es einer der Triumphe der Reformation gewesen sei, die kirchliche Landschaft von all dem verdammten magischen und übernatürlichen Hokuspokus zu reinigen. Ich denke, das ist eine sehr treffende, und sehr traurige, Beschreibung der protestantischen Sicht der sichtbaren Kirche und des christlichen Lebens im Allgemeinen. […] Mit einem Wort, es ist, wie wenn der Geist zurück in die Flasche gesperrt wird, der Wandschrank verriegelt wird und keinen Weg mehr in eine andere Welt bieten kann, und alle diese übernatürlichen Offenbarungen von göttlicher Kraft und Liebe sicher unter Quarantäne in eine längst vergangene Zeit verbannt werden, als Gott dem abergläubischen Verlangen von vor-aufklärerischen Bauern nachgab, bis endlich die Druckerpresse erfunden wurde.)

(Beim Lesen dieses Textes ist mir dieser Gedanke gekommen: Man könnte Atheisten von heute vielleicht mit den über das Land Narnia herrschenden Telmarern in „Prinz Kaspian von Narnia“ (Band 4 der „Chroniken von Narnia“) vergleichen, die auf einmal feststellen, dass es tatsächlich zu ihrer Zeit noch übrig gebliebene „Alt-Narnianen“ (sprechende Tiere, Zwerge, Zentauren usw.) gibt, die versteckt in den Wäldern leben, und Christen von heute oft genug mit diesen Alt-Narnianen, die sich selber uneins sind, was sie von den alten Erzählungen über Aslan und die Kinder aus einer anderen Welt (unserer Welt) halten sollen – schließlich ist das alles schon tausend Jahre her und niemand weiß nichts Genaues drüber -, bis die Kinder aus der anderen Welt und schließlich auch Aslan auf einmal wieder leibhaftig vor der Tür stehen, ins Geschehen eingreifen und ihnen zu Hilfe kommen.)

Wer hat Gott je gesehen? Na ja, ich habe ihn schon öfters gesehen, eigentlich jeden Sonntag seit ein paar Jahren, außer ich war mal krank, und ein großer Teil der Weltbevölkerung wohl auch, sicherlich die 1,2 Milliarden Katholiken, und dann noch einige aus dem Rest der Menschheit, die, auch wenn sie nicht katholisch sind, schon mal an einer katholischen Messe teilgenommen haben. Okay, nicht in seiner eigentlichen Gestalt, aber dennoch. Jesus Christus befindet sich im Moment in der Gestalt von einigen Brotstücken ein paar Straßen von mir entfernt in einer hässlichen Betonkirche aus den 60ern in einem freistehenden Tabernakel mit Marmorsockel. Und dann als nächstes zwei Kilometer weiter in einer schönen Barockkirche in einem mit Silber geschmückten Tabernakel, der in einen Hochaltar eingebaut ist. Und dann noch in sämtlichen anderen katholischen Kirchen auf dieser Welt – ach ja, und in den orthodoxen natürlich auch, die haben ja gültige Sakramente. Er befindet sich dort ebenso, wie er sich vor zweitausend Jahren in Jerusalem oder Nazareth befand. Wenn ich in einem Beichtstuhl knie und der Priester sagt „…so spreche ich dich los von deinen Sünden, im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, Amen“, dann vergibt Gott mir meine Sünden. Wir haben einen Stellvertreter Christi auf Erden, der in Rom lebt, und dem wir bei seiner Generalaudienz zujubeln oder den wir in seiner Amtsführung kritisieren können. In Lourdes geschehen Wunder, in Guadeloupe geschehen Wunder, in Fatima geschehen Wunder; die für Heiligsprechungen zuständige Behörde im Vatikan hat ständig Wunder zu überprüfen, um zu beurteilen, ob anhängige Selig- und Heiligsprechungsprozesse vorangehen können. Wir haben unverweste Leichname Heiliger, unerklärliche Bilder wie das Marienbild von Guadeloupe oder das Abbild auf dem Turiner Grabtuch, weinende Statuen, und Privatoffenbarungen; aber nicht nur das; alles in dieser Welt, nicht nur wundersame Ereignisse, auch jede Kleinigkeit in der Natur verweist auf ihren Schöpfer. Jörg Lauster hat seiner vor ein paar Jahren erschienen „Kulturgeschichte des Christentums“ (Untertitel) den Titel „Die Verzauberung der Welt“ gegeben. Diesen Ausdruck finde ich sehr passend. Wir Christen glauben an einen treuen Gott, der einen bleibenden Bund mit uns geschlossen hat; als mich im Alter von zwei Monaten der Herr Stadtpfarrer mit Wasser übergossen und dazu die Taufformel gesprochen hat, wurde ich hineingenommen in diesen Bund, eingegliedert in den mystischen Leib Christi. Gott wirkt greifbar unter uns, heutzutage ebenso wie zu anderen Zeiten.

(Das alles ist irgendwie schon, wenn man es sich so überlegt… na ja, mehr, als man irgendwie begreifen kann.)

Wieso erwähne ich das alles: Weil wir ein korrektes Verständnis der Heils- und Offenbarungsgeschichte brauchen, um die Bibel richtig beurteilen zu können. Wir befinden uns heute an einer recht fortgeschrittenen Stelle der kontinuierlich voranschreitenden Heilsgeschichte. Wir können heute sehr viel mehr über Gott wissen, als Abraham wusste. Dank der Klärungen einiger wichtiger Fragen auf den Konzilien der letzten zwei Jahrtausende können wir sogar ein besseres Verständnis von Gott haben als Petrus oder Paulus. (Nebenbei: Intellektuelles Wissen ist nicht dasselbe wie Heiligkeit.) Gott ist uns heute noch immer nahe, entgegen dem, was manche glauben.

Die Kehrseite dieser Aussage ist natürlich, dass Er den Juden im Alten Testament eben gerade nicht nicht automatisch näher war als später Papst Leo X. oder Erasmus von Rotterdam oder Papst Johannes Paul II. oder Kardinal Reinhard Marx oder Schwester Anna Theresa aus der Klosterschule der Franziskanerinnen. Die Welt des Alten Testaments war nicht verzauberter als die heutige; im Gegenteil, sie war zunächst einmal eher noch gottferner. Als Gott begann, sich Abraham zu offenbaren, da hatte sich die Welt schon lange von Ihm entfernt, und die Menschen verehrten verschiedene Gottheiten, von denen sie sich vorstellten, dass sie irgendwie mit ihren Städten verbunden wären, dass man sie besänftigen oder sich ihre Gunst verdienen müsse, dass sie miteinander konkurrierten und hauptsächlich mächtiger und langlebiger als Menschen seien, aber sonst nicht viel anders als sie.

Gott begann also damals, sich den Menschen zu offenbaren. Das begann im Kleinen, und geschah nur nach und nach. Es bedurfte einer langen Vorbereitungszeit, bis es schließlich zum Höhepunkt der Offenbarung kam: Der Menschwerdung Gottes und Seiner Erlösungstat am Kreuz. Die eigentliche Offenbarung war nicht lange nach dieser Tat hauptsächlich abgeschlossen, mit dem Tod des letzten Apostels. Aber die Kirche, die Jesus Christus als Gottesvolk des Neuen Bundes aus Juden und Heiden begründet hatte, bestand weiter und bewahrt diese Offenbarung und gliedert neue Menschen in diesen Bund ein. Genuin neue Erkenntnisse kamen nicht mehr hinzu; das geschah nur bis etwa 100 n. Chr. Aber weiter entwickelt hat sich manches noch – man könnte sagen, die Pflanze war endlich gepflanzt, nachdem der Boden bereitet worden war, musste aber noch weiterhin wachsen, so dass einige Dinge (Dreifaltigkeit, Transsubstantiation, Anzahl der Sakramente, etc.) erst nach und nach genau definiert wurden.

Okay. Das heißt also, im Lauf des AT und vom AT zum NT kamen wirkliche neue Erkenntnisse hinzu, und das konnte auch ein bisschen dauern. Das heißt nicht, dass die vorigen Erkenntnisse falsch waren – aber sie waren oft noch unvollständig.

Ein einfaches Beispiel:

  • Im Alten Testament wurde den Israeliten zuerst das Gebot offenbart, nur den einen Gott, Jahwe, zu verehren. Man spricht hier von Monolatrie (altgriechisch „latreia“ = Anbetung, Gottesdienst). Einzelnen Bibelstellen kann man entnehmen, dass die Israeliten wohl in den frühen Stadien ihrer Geschichte implizit noch annahmen, dass es neben diesem einen Gott, den sie verehrten, noch andere Götter geben mochte – Götter anderer Völker, die man als Jude nicht verehren darf.
  • Schließlich kam dann aber die ausdrückliche Erkenntnis, dass tatsächlich nur dieser eine Gott existiert (Monotheismus); dass andere Götter nicht nur verboten, sondern nicht-existent sind. Das sieht man vor allem bei den Propheten: „Wer misst das Meer mit der hohlen Hand? Wer kann mit der ausgespannten Hand den Himmel vermessen? Wer misst den Staub der Erde mit einem Scheffel? Wer wiegt die Berge mit einer Waage und mit Gewichten die Hügel? Wer bestimmt den Geist des Herrn? Wer kann sein Berater sein und ihn unterrichten? Wen fragt er um Rat und wer vermittelt ihm Einsicht? Wer kann ihn über die Pfade des Rechts belehren? Wer lehrt ihn das Wissen und zeigt ihm den Weg der Erkenntnis? Seht, die Völker sind wie ein Tropfen am Eimer, sie gelten so viel wie ein Stäubchen auf der Waage. Ganze Inseln wiegen nicht mehr als ein Sandkorn. Der Libanon reicht nicht aus für das Brennholz, sein Wild genügt nicht für die Opfer. Alle Völker sind vor Gott wie ein Nichts, für ihn sind sie wertlos und nichtig. Mit wem wollt ihr Gott vergleichen und welches Bild an seine Stelle setzen? Der Handwerker gießt ein Götterbild, der Goldschmied überzieht es mit Gold und fertigt silberne Ketten dazu. Wer arm ist, wählt für ein Weihegeschenk ein Holz, das nicht fault; er sucht einen fähigen Meister, der ihm das Götterbild aufstellt, sodass es nicht wackelt. Wisst ihr es nicht, hört ihr es nicht, war es euch nicht von Anfang an bekannt? Habt ihr es nicht immer wieder erfahren seit der Grundlegung der Erde? Er ist es, der über dem Erdenrund thront; wie Heuschrecken sind ihre Bewohner.“ (Jesaja 40,12-22) „Hört das Wort, das der Herr zu euch spricht, ihr vom Haus Israel. So spricht der Herr: Gewöhnt euch nicht an den Weg der Völker, erschreckt nicht vor den Zeichen des Himmels, wenn auch die Völker vor ihnen erschrecken. Denn die Gebräuche der Völker sind leerer Wahn. Ihre Götzen sind nur Holz, das man im Wald schlägt, ein Werk aus der Hand des Schnitzers, mit dem Messer verfertigt. Er verziert es mit Silber und Gold, mit Nagel und Hammer macht er es fest, sodass es nicht wackelt. Sie sind wie Vogelscheuchen im Gurkenfeld. Sie können nicht reden; man muss sie tragen, weil sie nicht gehen können. Fürchtet euch nicht vor ihnen; denn sie können weder Schaden zufügen noch Gutes bewirken. Niemand, Herr, ist wie du: Groß bist du und groß an Kraft ist dein Name. Wer sollte dich nicht fürchten, du König der Völker? Ja, das steht dir zu. Denn unter allen Weisen der Völker und in jedem ihrer Reiche ist keiner wie du. Sie alle sind töricht und dumm. Was die nichtigen Götzen zu bieten haben – Holz ist es. Sie sind gehämmertes Silber aus Tarschisch und Gold aus Ofir, Arbeit des Schnitzers und Goldschmieds; violetter und roter Purpur ist ihr Gewand; sie alle sind nur das Werk kunstfertiger Männer. Der Herr aber ist in Wahrheit Gott, lebendiger Gott und ewiger König. Vor seinem Zorn erbebt die Erde, die Völker halten seinen Groll nicht aus. Von jenen dagegen sollt ihr sagen: Die Götter, die weder Himmel noch Erde erschufen, sie sollen verschwinden von der Erde und unter dem Himmel.“ (Jeremia 10,1-11)
  • Im NT dann kam die Erkenntnis, dass dieser eine Gott dreifaltig ist, sprich, es wird zwischen Vater, Sohn und Heiligem Geist differenziert (auch wenn in der Bibel noch nicht ganz genau definiert ist, in welchem Verhältnis genau die drei göttlichen Personen zueinander stehen).

Eins ist hier wichtig: Ein Zuwachs an Wissen bedeutet nicht, dass das frühere Wissen falsch wird. Nirgendwo in den älteren Texten heißt es ausdrücklich „Es gibt noch andere Götter, aber die dürfen wir nicht verehren“, sondern es heißt „Wir dürfen keine anderen Götter verehren“. Bald kommt dann die zusätzliche Erkenntnis hinzu „…und zwar weil es die gar nicht gibt“. Nirgendwo heißt es im AT: „Gott ist nicht drei in einem.“ Es heißt im AT: „Gott ist einer“ – und im NT kommt dann die zusätzliche Erkenntnis hinzu „…aber gleichzeitig auch noch drei“. Sicher hätten die Autoren des AT, wenn man sie gefragt hätte, verneint, dass Gott aus drei Personen bestehe; aber das hat man sie nicht gefragt und das haben sie nicht in ihre Texte geschrieben.

Es gibt ziemlich viele solcher zusätzlichen Erkenntnisse. Zum Beispiel:

  • Die Feindesliebe
  • Die Erkenntnis, dass Leid nicht notwendigerweise eine Strafe Gottes ist, sondern dass auch Unschuldige leiden können
  • Die Erkenntnis, dass es ein Leben nach dem Tod bei Gott gibt, nicht nur eine dunkle Unterwelt

Das alles sind übrigens Erkenntnisse, die nicht erst im NT als etwas völlig Neues auftauchen. Im Buch der Sprichwörter heißt es „Hat dein Feind Hunger, gib ihm zu essen, hat er Durst, gib ihm zu trinken“ (Sprichwörter 25,21), das ganze Buch Ijob handelt von einem „leidenden Gerechten“, und im Buch der Makkabäer sagt einer der sieben Brüder, die gemeinsam das Martyrium erleiden: „Du Unmensch! Du nimmst uns dieses Leben; aber der König der Welt wird uns zu einem neuen, ewigen Leben auferwecken, weil wir für seine Gesetze gestorben sind“ (2 Makkabäer 7,9). Dennoch waren diese Themen zur Zeit Jesu noch irgendwie umstritten. Jesus sagt jetzt zum Thema Feindesliebe: „Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen. Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen, damit ihr Söhne eures Vaters im Himmel werdet; denn er lässt seine Sonne aufgehen über Bösen und Guten, und er lässt regnen über Gerechte und Ungerechte. Wenn ihr nämlich nur die liebt, die euch lieben, welchen Lohn könnt ihr dafür erwarten? Tun das nicht auch die Zöllner? Und wenn ihr nur eure Brüder grüßt, was tut ihr damit Besonderes? Tun das nicht auch die Heiden?“ (Matthäus 5,43-47)* Und zum Thema Leid heißt es im Johannesevangelium: „Unterwegs sah Jesus einen Mann, der seit seiner Geburt blind war. Da fragten ihn seine Jünger: Rabbi, wer hat gesündigt? Er selbst? Ober haben seine Eltern gesündigt, sodass er blind geboren wurde? Jesus antwortete: Weder er noch seine Eltern haben gesündigt, sondern das Wirken Gottes soll an ihm offenbar werden.“ (Johannes 9,1-3; Jesus heilt dann den Blinden) Und zum Thema Leben nach dem Tod steht bei Matthäus: „Am selben Tag kamen zu Jesus einige von den Sadduzäern, die behaupten, es gebe keine Auferstehung. Sie fragten ihn: Meister, Mose hat gesagt: Wenn ein Mann stirbt, ohne Kinder zu haben, dann soll sein Bruder dessen Frau heiraten und seinem Bruder Nachkommen verschaffen. Bei uns lebten einmal sieben Brüder. Der erste heiratete und starb, und weil er keine Nachkommen hatte, hinterließ er seine Frau seinem Bruder, ebenso der zweite und der dritte und so weiter bis zum siebten. Als letzte von allen starb die Frau. Wessen Frau wird sie nun bei der Auferstehung sein? Alle sieben haben sie doch zur Frau gehabt. Jesus antwortete ihnen: Ihr irrt euch; ihr kennt weder die Schrift noch die Macht Gottes. Denn nach der Auferstehung werden die Menschen nicht mehr heiraten, sondern sein wie die Engel im Himmel. Habt ihr im übrigen nicht gelesen, was Gott euch über die Auferstehung der Toten mit den Worten gesagt hat: Ich bin der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs ? Er ist doch nicht der Gott der Toten, sondern der Gott der Lebenden. Als das Volk das hörte, war es über seine Lehre bestürzt.“ (Matthäus 22,23-33)

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/b/ba/Brooklyn_Museum_-_Jesus_Teaches_in_the_Synagogues_%28J%C3%A9sus_enseigne_dans_les_synagogues%29_-_James_Tissot.jpg

(James Tissot, Jesus teaches in the Synagogue, Wikimedia Commons)

Manche Erkenntnisse kommen erst nach und nach; an manchen Stellen des AT stehen im Hintergrund noch kulturell bedingte Annahmen der Autoren – wie auch in der Schöpfungsgeschichte noch das Bild eines Himmels„gewölbes“ im Hintergrund steht (s. Teil 4: https://nolitetimereweb.wordpress.com/2017/01/31/ueber-schwierige-bibelstellen-teil-4-schoepfung-urknall-evolution-suendenfall-usw-zur-bedeutung-von-genesis-1-11/) -, die an späterer Stelle der Offenbarungsgeschichte dann aufgegeben werden. Peter van Briel von der Karl-Leisner-Jugend beschreibt das in dieser empfehlenswerten Katechese (http://www.k-l-j.de/055_altes_testament_gottesbild.htm), die ich am Anfang dieser Reihe schon einmal verlinkt habe (sie ist wirklich empfehlenswert, aber in einigen Dingen meiner Meinung nach auch etwas zu ungenau, daher schreibe ich noch meine ausführliche Reihe hier und begnüge mich nicht einfach damit, dorthin weiterzuverweisen), folgendermaßen:

 

Und in diesem Gedankengang (Früher war Gott präsenter – Früher müsste also alles besser gewesen sein – Das war es aber nicht, im Gegenteil! – Also ist Gott kein guter Gott – Gottseidank hält er sich heutzutage zurück!) liegt ein Fehler – bereits im ersten Satz. In den biblischen Zeiten war Gott keineswegs aktiver im Weltgeschehen und Seine Rede eben nicht klarer zu vernehmen. Im Gegenteil.

 Sorry. Tatsächlich dürfte die umgekehrte Aussage zutreffender sein: Bei den geschichtlichen Ereignissen im Alten Testament handelt es sich um die ersten Versuche, sich auf Gott einzulassen.

 „The First Contact“ mit Gott ist wie der erste Funkkontakt in den Anfängen der Radiozeit: Auch wenn Gott damals wie heute seine Sendungen in bester Qualität ausstrahlt – sogar in Stereo, Dolby und 3D – nutzt das alles nichts, wenn die Empfänger zunächst nur der einfachsten Technik, mit instabiler Frequenz und wackeliger Stromversorgung entsprachen. Mittlerweile verfügt das Volk Gottes über modernste Technik (allesamt von Gott geschenkt) – im Lehramt der Kirche, einem ganzen Volk von Propheten und Heiligen, in jedem Getauften und Gefirmten, dem allgemeinen Priestertum.

 Aber abgesehen vom heute besseren Empfang unterscheidet sich die Zeit im Alten Bunde nicht sonderlich von unserer Gegenwart. Immerhin bezeichnet sich die katholische Kirche gelegentlich als „Volk Gottes“ – als Fortsetzung des erwählten Volkes Israel, als „neues Israel“. […]

 Haben wir nun aus der Bibel ein Märchen- oder Bilderbuch gemacht?

 Nein. Denn wer einmal die richtige Frequenz gefunden hat, erkennt, dass Gott schon von Anfang an Richtiges gesendet hat, der Mensch aber damals nur unscharf verstanden hat. Was in der Bibel steht, sind aber ausschließlich die Funksprüche, denen tatsächlich und sicher das Wort Gottes zugrunde liegt, wenn auch mit Rauschen überlagert. […]

 Es gibt einen Unterschied zwischen „schlechtem Empfang“ und rosa Rauschen. Die Bibel ist verrauscht – okay. Aber der göttliche Sinn ist erkennbar – für den, der nicht (so wie z.B. Dawkins) lieber Störsingnale katalogisiert, anstatt den Sinn zu suchen.

 

Oft wird dann, wenn man diese Stellen mit anderen Stellen im AT oder im NT vergleicht, klar, wie man sie verstehen soll und wie nicht. Weitere Beispiele und verschiedene Möglichkeiten zu ihrer Auslegung in den folgenden Teilen.

Regel Nummer 13: In frühen Stadien der Offenbarung sind Gottes Botschaften manchmal noch mit Rauschen überlagert.

 

* In der Bibel steht nicht in diesem Wortlaut, man „soll seinen Feind hassen“. Es wurde nur (wenn ich mich recht erinnere) von den Schriftgelehrten zur Zeit Jesu eher so dargestellt: Das Gebot der Nächstenliebe ist verpflichtend, die Feindesliebe höchstens ein freiwilliges Werk der Übergebühr; seinen Feind darf man auch hassen.

Advertisements

Ein Gedanke zu “Über schwierige Bibelstellen, Teil 6: Das Fortschreiten der Offenbarung – Wie wir das Alte Testament lesen sollen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s