Über schwierige Bibelstellen, Teil 7: Ein Beispiel – die rachsüchtigen und selbstgerechten Psalmen

Als erstes Beispiel zur Interpretation alttestamentlicher Stellen hier ein Gastbeitrag von C. S. Lewis*:

Die Psalmen

I.

Ein Merkmal der Psalmen, das mir beim Lesen besonders in die Augen springt, ist ihre Altertümlichkeit. Mir ist, als blickte ich hinab in einen tiefen Abgrund der Zeit, jedoch als schaute ich dabei durch ein Fernrohr, das die Gestalten, die dort in der Tiefe wohnen, meinem Auge nahe bringt. So nah herangeholt, sind sie mir geradezu schockierend fremd; unbeherrschte Kreaturen, die in Selbstmitleid schwelgen, schluchzen, fluchen, lautes Triumphgeschrei ausstoßen, mit ungeschlachten Waffen klirren oder zum ohrenbetäubenden Lärm fremdartiger Musikinstrumente tanzen. Doch Seite an Seite mit diesem Bild steht mir noch ein anderes vor Augen: Anglikanische Chöre, blendendweiße Chorhemden, frischgewaschene Knabengesichter, Kniekissen, eine Orgel, Gebetsbücher und vielleicht der Geruch von frischgemähtem Friedhofsgras, der mit dem Sonnenlicht durch eine offene Türe kommt. Manchmal verblasst der eine, dann wieder der andere Eindruck, doch keiner von beiden verschwindet wohl jemals ganz. Die Ironie erreicht ihren Höhepunkt, wenn einer der Chorknaben mit diesem von aller persönlichen Anteilnahme so wunderbar freien Sopran die Worte singt, mit denen einstige Krieger sich in rasende Wut gegen ihre Feinde hineinsteigerten; und singt das im Dienst des Gottes der Liebe und denkt dabei selber vielleicht weder an diesen Gott noch an einstige Kriege, sondern an Pfefferminzbonbons und Comics. Diese Ironie, diese doppelte oder dreifache Vision, gehört zum Lesevergnügen. Ich beginne zu ahnen, dass sie auch zum Gewinn gehört.

 In seinen meisten Äußerungen ist mir der Geist der Psalmen fremder als jener der ältesten griechischen Literatur. Doch das ist nicht eine Frage der Epoche. Unterschiede in der Geisteshaltung decken sich nicht immer mit zeitlichen Unterschieden. Den meisten von uns, vielleicht uns allen (außer wir wären entweder sehr ungebildet oder sehr heilig oder womöglich beides) ist die Kultur, die von den Griechen und Römern herkommt, vertrauter, geistesverwandter, als das, was wir vom alten Israel haben. Schon die Bezeichnungen und Begriffe, die wir in Wissenschaft, Philosophie, Kritik, Staatsführung, Grammatik gebrauchen, sind durchweg graeko-romanisch. Dieser Einfluss, und nicht der jüdische, hat uns im landläufigen Sinne „kultiviert“. Doch kein Christ kann die Bibel lesen, ohne zu entdecken, dass ihm diese alten, uns für gewöhnlich so fern stehenden Hebräer jederzeit auf eine Weise Brüder sein können, wie kein Grieche oder Römer es je gewesen ist. Welch eine langweilige, vage Sache scheint uns beispielsweise auf den ersten Blick das Buch der Sprüche: Bärtige Orientalen, die endlose Binsenwahrheiten von sich geben, als wollten sie Tausendundeine Nacht parodieren. Verglichen mit Plato oder Aristoteles – verglichen selbst mit Xenophon – ist das überhaupt kein Denken. Dann, plötzlich, wenn wir drauf und dran sind aufzugeben, fällt unser Blick auf die Worte: „Wenn deinen Feind hungert, so speise ihn mit Brot, und wenn ihn dürstet, so gib ihm Wasser zu trinken“ (Spr 25,21). Wir reiben uns die Augen. So etwas war damals schon sprichwörtlich! Sie kannten das schon so lange, bevor Christus kam! Es gibt nichts Entsprechendes im Griechentum und, wenn ich mich recht erinnere, auch nicht bei Konfuzius. Und solche Überraschungen können wir in den Psalmen oft erleben. Diese sonderbaren, fremden Gestalten können uns jeden beliebigen Augenblick beweisen, dass hinsichtlich der geistlichen Abstammung (im Unterschied zur kulturellen) letztlich sie unsere Ahnen sind und die Völker des Klassischen Altertums Fremde. Umgekehrt erleben wir beim Lesen der Klassiker manchmal die entgegengesetzte Überraschung. Diese geliebten, so gebildeten, toleranten, humanen und aufgeklärten Schriftsteller geben da und dort plötzlich zu erkennen, dass uns ein Abgrund von ihnen trennt. Daher das ständige verschmitzte Gekicher Platos über die Knabenliebe oder die elitäre Haltung, die Aristoteles’ Ethik fast lächerlich macht. Wir beginnen zu zweifeln, ob auch nur einer von ihnen (und wäre es selbst Vergil), wenn wir sie von den Toten zurückrufen könnten, nicht schon in der ersten Stunde des Gesprächs etwas von sich gäbe, was uns zutiefst befremden würde.

 Ich meine keineswegs, dass die Hebräer einfach „besser“ waren als die Griechen und die Römer. Im Gegenteil, wir finden in den Psalmen Äußerungen einer Grausamkeit, die rachedurstiger, und einer Selbstgerechtigkeit, die totaler ist als irgend etwas bei den Klassikern. Wenn wir diese Abschnitte übergehen und nur ein paar ausgesuchte Lieblingspsalmen lesen, verpassen wir das Entscheidende. Denn das Entscheidende ist genau dies: dass ausgerechnet diese fanatischen und mordlustigen Hebräer, und nicht die aufgeklärteren Völker, geistlich immer wieder – für kurze Augenblicke – ein christliches Niveau erreichen; nicht dass sie besser oder schlechter wären als die Heiden, sondern dass sie besser oder schlechter zugleich sind. Wir müssen wohl oder übel anerkennen, dass diese uns so fremden Dichter, zumindest in einer Hinsicht, unsere Vorfahren waren, und zwar die einzigen Vorfahren, die wir in der ganzen antiken Welt finden können. Sie haben etwas, was die Heiden nicht haben. Sie wissen etwas, das Sokrates nicht wusste. Dieses Etwas wächst offenbar durchaus nicht natürlicherweise aus dem hervor, was wir sonst von ihrem Charakter zu sehen bekommen. Es sieht aus wie etwas, das ihnen von außen geschenkt worden ist; tatsächlich wie das, wofür es sich ausgibt: eine Offenbarung. Ihre Behauptung, das „auserwählte Volk“ zu sein, hat Hand und Fuß.

 Wir können über diese Auserwählung freilich erstaunt sein. Wenn wir die Welt hätten sehen können, wie sie, sagen wir, im fünfzehnten Jahrhundert vor Christus war, und wenn wir hätten raten müssen, welchem von den damaligen Volksstämmen einst das Wissen von Gott und die Fortpflanzung jenes Blutes, das eines Tages einen Leib für die Menschwerdung Gottes hervorbringen sollte, anvertraut würde – ich glaube nicht, dass viele von uns richtig geraten hätten. (Ich denke, meine Auserwählten wären die Ägypter gewesen.)

 […]

 Unter diesem Gesichtspunkt gibt es als Einstieg keinen besseren Psalm als Nummer 109. Er endet mit einem Vers, den jeder Christ sofort für sich in Anspruch nehmen kann: „Denn er steht dem Armen zur Rechten, um ihn zu retten vor denen, die ihn verdammen.“ Das ist eine charakteristische Tonart in den Psalmen und eine der Seiten, um derentwillen wir sie lieben. Es ist ein Vorgeschmack auf die Grundstimmung im Magnificat. Sie findet kaum eine Parallele in der heidnischen Literatur (die griechischen Götter waren zwar tatkräftig dabei, Stolze niederzuwerfen, aber selten, Niedrige zu erhöhen). Sie wird sogar einen gutgesinnten modernen Ungläubigen ansprechen; vielleicht bezeichnet er es als Wunschdenken, aber er wird den Wunsch achten. Kurz, wenn wir nur den letzten Vers läsen, wären wir in vollem Einvernehmen mit dem Psalmisten. Im Augenblick aber, wo wir zurückblicken auf das, was diesem Vers vorausgeht, merken wir, dass uns Welten von ihm trennen, oder schlimmer noch, dass er uns widerwärtig nahe verwandt ist in dem, was auszumerzen die Hauptbeschäftigung unseres Lebens ist. Psalm 109 ist ein Hasslied, wie es hemmungsloser nie geschrieben wurde. Der Dichter legt ein detailliertes Programm gegen seinen Feind vor, von dem er hofft, dass Gott es ausführen wird. Der Feind soll vor „frevelhafte Richter“ gebracht werden. „Ein Ankläger“ soll ihm dauernd zur Rechten stehen, sei es ein böser Geist, sei es bloß ein menschlicher Ankläger – ein Spion, ein agent provocateur, ein Mitglied der Geheimpolizei (V. 6). Falls dem Feind noch etwas am Glauben liegt, soll ihn das, weit davon entfernt, seine Lage zu verbessern, nur noch schlechter machen: „Sogar sein Gebet soll ihm als Sünde gelten.“ (V. 7). Und nach seinem Tode – der bitte recht bald erfolgen möge – sollen seine Witwe und seine Kinder und Kindeskinder in niemals endendem Elend leben (V. 8-13). Was uns, mehr noch als der ungezähmte Rachedurst, das Blut in den Adern stocken lässt, ist das ruhige Gewissen des Schreibers. Er hat keine Bedenken, keine Skrupel oder Vorbehalte; keine Scham. Er lässt dem Hass freien Lauf, peitscht ihn auf, feuert ihn an – in einer Art unglaublicher Naivität. Er bringt diese Gefühle, so wie sie sind, Gott dar, keine Sekunde zweifelnd, dass sie Annahme finden werden; indem er von seinen Verwünschungen unvermittelt zu den Worten findet: „Du aber, Herr, mein Gott, tritt für mich ein um deines Namens willen! Weil deine Gnade köstlich ist, errette mich“ (V. 21).**

 Gewiss, dieser Mensch selber hat vor sehr langer Zeit gelebt. Das ihm widerfahrene Unrecht war vielleicht, menschlich gesprochen, unerträglich. Er war zweifellos ein heißblütiger Barbar und glich mehr einem Kind als einem Manne unserer Zeit. Und wenn wir auch glauben (und es sogar aus dem letzten Vers sehen können), dass seinem Geschlecht eine gewisse Erkenntnis des wahren Gottes zuteil geworden war, so hat er doch in der kalten Jahreszeit, im Vorfrühling der Offenbarung, gelebt, und diese ersten Lichtblicke der Erkenntnis waren wie Schneeglöckchen im Frost. Für ihn mag es daher eine Entschuldigung gegeben haben. Wir aber – was kann es uns nützen, solches Zeug zu lesen?

 Eines auf alle Fälle: Wir haben hier einen elementaren Ausdruck jener Gefühle, die von Unterdrückung und Ungerechtigkeit natürlicherweise hervorgerufen werden. Der Psalm ist ein Portrait, unter dem geschrieben stehen sollte: „Das machst du aus einem Menschen, wenn du ihn schlecht behandelst.“ Bei einem modernen Kind oder Primitiven könnten die Reaktionen genau dieselben sein. Bei einem heutigen westeuropäischen Erwachsenen – besonders, wenn er sich zum Christentum bekennt – wären sie gesitteter; als uneigennützige Gerechtigkeitsliebe getarnt, der es angeblich ums Allgemeinwohl geht. Doch hinter der Fassade und um so schlimmer in den Augen Gottes sind die Gefühle wohl immer noch da. (Ich denke hier an eine mir völlig unbekannte Frau, die mir, weil sie es „für ihre Pflicht“ hielt, wie sie sagte, einen Brief weitergab, in dem eine andere mir völlig Unbekannte mich ihr gegenüber angeschwärzt hatte.) In einem Fall nun, den wir im landläufigen Sinn als „Verführung“ bezeichnen (nämlich dem der sexuellen Verführung) fänden wir es ungeheuerlich, auf der Schuld des einen Beteiligten zu beharren, welcher der Versuchung erlegen ist, und über die des anderen, der ihn versucht hat, hinwegzugehen. Doch genau so ist jedes Unrecht und jede Unterdrückung eine Versuchung, eine Versuchung zum Hass, und ist in diesem Sinne eine Verführung. Mit jedem Unrecht, das wir einem Mitmenschen angetan haben, haben wir ihn in die Versuchung geführt, solch ein Mensch zu sein wie der, der Psalm 109 geschrieben hat. Wir haben vielleicht über unser Unrecht Buße getan; aber ob auch er über seinen Hass Buße getan hat, das wissen wir oft nicht. Wie steht unsere Rechnung heute, falls er es nicht getan hat?

 Ich weiß keine Antwort auf diese Frage. Aber ich würde meinen, wir sollten uns lieber genau ansehen, was wir angerichtet haben; wie junge Hunde sollte man uns mit der Nase hineinstoßen. Ein Mann, auch wenn er darüber Buße getan hat, dass er einmal ein Mädchen verführt und es dann sitzengelassen und aus dem Blickfeld verloren hat, sollte seine Augen nicht einfach vor der rauen Wirklichkeit verschließen, in der sie heute vielleicht lebt. Genau darum sollten wir die Psalmen lesen, die den Unterdrücker verfluchen; sollten sie lesen mit Furcht. Wer weiß, ob nicht ähnliche Verwünschungen auch schon gegen uns ausgestoßen worden sind? Was für Gebete schwarze Menschen und rote und braune und gelbe gegen uns zu ihren Göttern oder manchmal zu Gott selbst emporgeschickt haben. Von der ganzen Erde „stinkt“ das Unrecht des Weißen Mannes zum Himmel; es stinkt nach Massakern, nach Vertragsbruch, Diebstahl, Menschenraub, Sklaverei, Deportation, Auspeitschungen, Lynchmord, Überfällen, Vergewaltigung, Raub, Beschimpfung, Hohn und widerlicher Heuchelei. Aber die Sache geht uns noch näher an. Diejenigen von uns, die wenig Macht haben, wenig Leute, die in ihrer Hand sind, können dankbar sein. Wie aber, wenn man Offizier ist (oder, vielleicht noch schlimmer, Unteroffizier)? Oberin in einem Krankenhaus? Regierungsbeamter? Gefängniswärter? Schulvorsteher? Gewerkschaftssekretär? Vorgesetzter irgendeiner Art? Kurz jemand, dem keiner „zurückgeben“ kann? Es ist, auch mit dem besten Willen, schwer genug, gerecht zu sein. Es ist schwer, unter dem Druck von Zeitnot, Unbehagen, schlechter Laune, Selbstzufriedenheit und Eitelkeit auch nur schon immer gerecht sein zu wollen. Macht verdirbt den Menschen; die „Amtsroutine“ schleicht sich ein. Wir sehen sie so deutlich bei unseren Vorgesetzten; ist es dann unwahrscheinlich, dass unsere Untergebenen sie bei uns sehen? Wie viele von denen, die über uns sind, haben nicht schon manchmal (vielleicht oft) unsere Vergebung nötig gehabt? Seien sie sicher, dass wir genauso die Vergebung derer nötig haben, die unter uns stehen.

 Sie wird uns aber nicht immer zuteil. Vielleicht sind unsere Untergebenen gar nicht gläubig. Vielleicht sind sie noch nicht weit genug gekommen auf dem Weg, dieses schwere Werk des Vergebens, das wir ihnen auferlegt haben, zu bewältigen. Vielleicht schwelt gegen uns, erfolglos bekämpft oder auch nicht, bitterer, chronischer Groll; der Geist von Psalm 109.

 Ich meine nicht, dass Gott auf Gebete, wie sie dieser Psalmist vorgebracht hat, hört und sie gutheißt. Sie sind böse. Er verurteilt sie. Alle Rachsucht ist Sünde. Wir können auch hoffen, dass das, was unsere Untergebenen uns nachtragen, in Wirklichkeit nicht halb so schlimm war, wie sie sich einbilden. Die Schroffheit war unbeabsichtigt; das anmaßende Benehmen bei Gericht hatte seinen Grund in Unwissenheit und dem unangenehmen Gefühl der eigenen Ohnmacht; die scheinbar ungerechte Verteilung der Arbeit war nicht wirklich ungerecht oder war es nicht absichtlich; die unerklärliche persönliche Abneigung gegen einen bestimmten Untergebenen, für ihn und einige seiner Kameraden so offensichtlich, ist etwas, dessen wir uns überhaupt nicht bewusst sind (sie erscheint in unserem bewussten Denken als „erziehen“ oder als die Notwendigkeit, „ein Exempel zu statuieren“). Wie dem auch sei, es ist sehr böse von ihnen, uns zu hassen. Ja, aber das Törichte ist, dass wir uns einbilden, Gott sähe ihre Bosheit losgelöst von unserer Bosheit, die den Anlass dazu gegeben hat. Sie sündigen durch ihren Hass, weil wir sie dazu versucht haben. Wir haben sie, in diesem Sinne, verführt, verdorben. Sie sind gleichsam die Mütter dieses Hasses; wir sind die Väter.

 Unter diesem Gesichtspunkt nun ist der Lobpreis der Maria erschreckend. […] Die Ähnlichkeit zwischen dem Lobgesang und der überlieferten hebräischen Dichtung der Psalmen beschränkt sich nicht auf literarische Eigentümlichkeiten. Natürlich gibt es einen Unterschied. Bei Maria finden sich keine Verwünschungen, kein Hass, keine Selbstgerechtigkeit. Statt dessen stellt sie einfach fest: Er hat die Hoffärtigen zerstreut, die Machthaber gestürzt, Reiche leer ausgehen lassen. Ich habe vorhin vom ironischen Kontrast zwischen dem wutentbrannten Psalmisten und dem Sopran des Chorknaben gesprochen. Diesen Kontrast finden wir hier auf einer höheren Ebene wieder. Einmal mehr haben wir die Sopranstimme, eine Mädchenstimme, und sie verkündet ohne Sünde, dass die sündigen Gebete ihrer Vorfahren nicht ganz unerhört bleiben; und tut das nicht etwa in wildem Triumph, sondern – wer könnte es überhören? – in ruhiger und furchtbarer Freude.***

 Hier bin ich versucht, für einen Moment abzuschweifen auf eine Spekulation, die uns in einer Hinsicht vielleicht etwas beruhigt, während sie uns in einer anderen erschreckt. Die Christen sind sich leider nicht darüber einig, auf welche Weise die Mutter Gottes verehrt werden sollte, doch es gibt eine Wahrheit, an der wohl niemand zweifeln kann. Wenn wir an die Jungfrauengeburt glauben und wenn wir an die menschliche Natur unseres Herrn glauben (denn es ist ketzerisch, sich ihn als einen Menschen vorzustellen, in dessen Körper statt einer menschlichen Seele die zweite Person der Dreieinigkeit wohnte), dann müssen wir für diese Menschennatur auch an eine menschliche Vererbung glauben. Für diese gibt es nur eine Quelle (wiewohl in dieser Quelle das ganze wahre Israel vertreten ist). Wenn in Jesus ein eiserner Zug ist – dürfen wir nicht, ohne unehrerbietig zu sein, mutmaßen, woher er stammt? Sagten wohl die Nachbarn in seiner Kindheit von ihm: „Er ist ganz der Sohn seiner Mutter?“ Das könnte die Härte mancher Dinge, die er zu oder von seiner Mutter gesagt hat, in ein neues und weniger schmerzliches Licht rücken. Wir dürfen annehmen, dass sie das sehr gut verstand.****

 Ich habe dies einen Exkurs genannt, doch ich bin nicht sicher, dass es einer ist. Zweierlei leitet von den Psalmen hinüber zu uns. Das eine ist der Lobpreis der Maria, das andere sind die wiederholten Zitate, die unser Herr gebrauchte, wenn auch – das stimmt – nicht solche wie Psalm 109. Wir können ein Buch, von dem sein Denken so durchdrungen war, nicht aus unserem Denken verbannen. Die Kirche selbst ist ihm nachgefolgt und hat auch unser Denken durch dieses Buch geprägt.

 Mit einem Wort, die Psalmisten und wir gehören beide zur Kirche. Als einzelne mögen sie – gleich wie wir – manchmal sehr schlechte Glieder dieser Kirche sein; Unkraut – aber Unkraut, das auszureißen wir nicht befugt sind. Sie – wie wir – mögen oft nicht wissen (wenn auch vielleicht anders als wir) wes Geistes Kinder sie sind. Aber die Zugehörigkeit zur Kirche können weder wir ihnen noch sie uns absprechen.

 Ich meine keineswegs (obwohl Sie, wenn Sie sich umsehen, sicher einen Kritiker finden werden, der sagt, ich meine es), dass wir ihre Grausamkeit in irgendeiner Weise gutheißen sollen. Aber wir können lernen, das Gute zu sehen, das sich in diese Grausamkeit mischt. Durch all ihre Exzesse hindurch zieht sich ein leidenschaftliches Sehnen nach Gerechtigkeit. Man ist zuerst versucht zu sagen, dass dieses Sehnen, da sie ja zu den Unterdrückten gehören, kein besonderes Verdienst ist; dass auch die schlechtesten Menschen noch aufbegehren und nach Fairness schreien, wenn ihnen unfaires Spiel geboten wird. Doch leider ist das nicht wahr. Vielmehr ist der Geist, der nach Gerechtigkeit schreit, vielleicht gerade jetzt am Aussterben.

 Dazu ein alarmierendes Beispiel: Ich hatte einen Schüler, der bestimmt Sozialist, wahrscheinlich sogar Marxist war. Für ihn war das „Kollektiv“, der Staat, alles, der einzelne nichts; Freiheit ein bourgeoiser Wahn. Er schloss dann sein Studium ab und wurde Lehrer. Ein paar Jahre später besucht er mich, als er in Oxford vorbeikam. Er sagte, er hätte den Sozialismus aufgegeben. Er war restlos enttäuscht vom totalitären Staat. Die Einmischungen des Erziehungsministeriums in die Angelegenheiten von Schule und Lehrerschaft waren, das hatte er erlebt, arrogant, inkompetent und unausstehlich; die reinste Tyrannei. Ich konnte ihn gut verstehen, und das Gespräch nahm vergnügt seinen Lauf. Dann, plötzlich, rückte er mit dem wahren Grund seines Kommens heraus: Er hatte es „so gründlich satt“, dass er den Lehrerberuf aufgeben wollte; und – könnte ich wohl – läge es wohl in meiner Macht – würde ich wohl ein paar Drähte ziehen, um ihm einen Posten zu verschaffen – im Erziehungsministerium?

 So ist der moderne Mensch. Er kann hassen, aber er dürstet nicht, wie die Psalmisten, nach Gerechtigkeit. Wenn er findet, dass er unterdrückt wird, fragt er sofort: „Wie kann ich mich auf die Seite der Unterdrücker schlagen?“ Er hat nichts gegen eine Welt, die in Tyrannen und Opfer gespalten ist; es kommt nur darauf an, zu welcher von diesen beiden Gruppen man selber gehört. (Die Moral der Geschichte bleibt dieselbe, ob Sie seine Ansichten über das Erziehungsministerium teilen oder nicht.)

 So mischt sich also in den Hass der Psalmisten ein Funke, der angefacht, nicht ausgetreten werden sollte. Diesen Funken hat Gott gesehen und angefacht, bis er im Lobpreis der Maria hell brannte. Der Schrei nach dem „Gericht“ musste erhört werden. Doch die alte jüdische Vorstellung vom „Gericht“ wird ein Essay für sich nötig machen.

 

II.

Das Jüngste Gericht ist uns Christen ein sehr vertrauter und sehr schrecklicher Gedanke. „In Zeiten der Drangsal, in Zeiten des Wohlergehens, in der Stunde des Todes und am Tage des Gerichts rette uns, Herr, unser Gott.“ Wenn es eine Vorstellung gibt, die durch kein Bitten und Flehen aus der Lehre unseres Herrn weggebetet werden kann, dann ist es die von der großen Scheidung: Schafe und Böcke, der breite und der schmale Weg, das Unkraut und der Weizen, die Worfschaufel, die klugen und die törichten Jungfrauen, die guten und die schlechten Fische, die verschlossene Türe bei der Hochzeit, wo manche drinnen, andere draußen in der Finsternis sind. Wir können zu hoffen wagen – manche wagen es zu hoffen –, dass das nicht die ganze Geschichte ist, dass, wie Juliana von Norwich gesagt hat, „es allen wohlergehen und mit allen Dingen zum Besten stehen wird“. Doch aus den Worten unseres Herrn selbst müssen wir diese Hoffnung nicht nehmen wollen. Von Paulus bekommen wir Andeutungen; von Jesus keine Spur. Es sind seine eigenen Worte, die das Bild vom Jüngsten Gericht ins Christentum gebracht haben.

 Eine Folge davon ist, dass wir beim Wort „Gericht“ im Zusammenhang mit dem Glauben immer gleich an ein Strafgericht denken: den Richter auf dem  Richterstuhl, der Angeklagte auf der Anklagebank, Hoffnung auf Freispruch und Angst vor dem Schuldurteil. Doch die alten Hebräer verbanden mit dem Wort „Gericht“ für gewöhnlich ganz andere Vorstellungen.

 In den Psalmen ist das Gericht nicht etwas, wovor der von Gewissensbissen verfolgte Gläubige Angst hat, sondern etwas, worauf der in den Staub getretene Gläubige hofft. Gott „wird den Erdkreis richten mit Gerechtigkeit“ und ist „eine Burg den Bedrückten“ (9,9.10). „Schaffe mir Recht nach deiner Gerechtigkeit, Herr“, ruft der Dichter (35,24). Noch mehr überrascht uns Psalm 67, wo selbst „die Nationen“, die Heiden, „sich freuen“ und „jubeln“ sollen, weil Gott „die Völker gerecht richtet“ (V. 5). (Genau das ist doch unsere Angst, dass das Gericht vielleicht sehr viel gerechter sein wird, als wir es ertragen können.) Im Freudenpsalm 96 sollen sich sogar Himmel und Erde „freuen“, die Flur soll „jauchzen“ und alle Bäume des Waldes „frohlocken vor dem Herrn“, denn „er kommt, die Erde zu richten“. Die Aussicht auf dieses von uns so gefürchtete Gericht löst einen Jubel aus, wie ein heidnischer Dichter ihn allenfalls gebraucht hätte, um das Kommen des Dionysos anzukündigen.

 So sehr unser Herr selbst uns, wie gesagt, die heutige christliche Vorstellung vom Jüngsten Tag eingeprägt hat, so illustrieren seine Worte doch an anderen Stellen die alte hebräische Vorstellung. Ich denke an den ungerechten Richter im Gleichnis. In den meisten von uns – es sei denn wir hätten dies Gleichnis direkt vor Augen – weckt die Erwähnung eines bösen Richters auf der Stelle das Bild eines Menschen wie Richter Jeffreys: eines brüllenden, ständig unterbrechenden, blutrünstigen Rohlings, der Geschworene und Zeugen einschüchtert, fest entschlossen, den Gefangenen hängen zu sehen. Wir können nur hoffen, nicht von ihm gerichtet zu werden. Die Rolle des „ungerechten Richters“ bei Jesus ist eine ganz andere. Man will von ihm gerichtet werden, man liegt ihm in den Ohren, dass er einen richte. Die einzige Schwierigkeit ist, sich bei ihm Gehör zu verschaffen. Was unser Herr im Auge hat, ist offensichtlich gar kein Strafgericht, sondern ein Schlichtungsgericht. Nicht aus dem Blickwinkel eines Gefangenen sehen wir die Gerechtigkeit, sondern aus dem eines Antragstellers; eines Antragstellers, der eindeutig im Recht ist – wenn es ihm nur gelänge, den Angeklagten vor den Richterstuhl zu bringen.

 Dieses Bild ist uns nur darum fremd, weil wir uns in unserem Land einer ungewöhnlich guten Rechtspflege erfreuen. Wir betrachten es als selbstverständlich, dass man Richter nicht bestechen muss und nicht bestechen kann. Das ist jedoch kein Naturrecht, sondern eine hohe Errungenschaft; auch wir könnten sie einmal verlieren (und werden sie sicher verlieren, wenn wir uns nicht um ihre Erhaltung bemühen); sie geht nicht automatisch mit dem Gebrauch der englischen Sprache einher. In vielen Teilen der Welt und zu vielen Zeiten bestand die Schwierigkeit für arme und unbedeutende Leute nicht nur darin, zu erreichen, dass man ihr Anliegen unvoreingenommen anhörte, sondern darin, dass man sie überhaupt anhörte. Ihre Stimmen sind es, die aus der unentwegten Hoffnung der Hebräer auf das Gericht sprechen, dieser Hoffnung, dass irgendwann, irgendwie einmal, das Recht wiederhergestellt sein wird.

 Doch die Vorstellung kommt nicht nur aus dem Gerichtswesen. Die „Richter“, nach denen ein höchst interessantes Geschichtsbuch im Alten Testament genannt ist, hießen nämlich nicht nur deshalb so, weil sie manchmal etwas taten, was wir als Ausübung richterlicher Funktionen betrachten würden. Das Buch hat tatsächlich über das „Richten“ in diesem Sinne sehr wenig zu sagen. Seine „Richter“ sind in erster Linie Helden, Kämpfer, die Israel von fremden Tyrannen befreien: Riesentöter. Das Substantiv, das wir als „Richter“ übersetzen, ist offensichtlich mit einem Verb verwandt, das heißt: verteidigen, rächen, das Recht wiederherstellen. Man könnte sie genausogut Vorkämpfer, Rächer nennen. Der fahrende Ritter im mittelalterlichen Roman, der seine Tage damit zubrachte, bedrängte Edelfräulein zu retten und ihnen zu ihrem Recht zu verhelfen, wäre bei den Hebräern so etwas wie ein „Richter“ gewesen.

 Ein solcher Richter – Er, der uns endlich Gerechtigkeit widerfahren lässt, der Retter, der Beschützer, der Tyrannenbezwinger – ist es, dessen Bild in den Psalmen dominiert. Es gibt tatsächlich ein paar wenige Stellen, wo der Psalmist mit Zittern ans Gericht denkt: „Geh nicht ins Gericht mit deinem Knecht! Denn vor dir ist kein Lebender gerecht“ (143,2); oder: „Wenn du, Herr, Sünden anrechnen willst, o Herr, wer kann bestehen?“ (130,3). Doch die gegenteilige Haltung ist sehr viel geläufiger: „Höre, o Herr, die gerechte Sache“ (17,1); „Schaffe mir Recht, o Herr“ (26,1); „Streite, Herr, mit denen, die mich bestreiten“ (35,1); „Führe meinen Rechtsstreit“ (43,1); „Erhebe dich, Richter der Erde“ (94,2). Gerechtigkeit ist es, Gehör vor dem Richter, worum die Psalmisten ungleich häufiger beten als um Vergebung.

 Verallgemeinernd kommen wir damit zu einer sehr paradoxen Überlegung. Für gewöhnlich, und selbstverständlich zu Recht, werden Judentum und Christentum, die Herrschaft Moses und die Herrschaft Jesu, einander gegenübergestellt als Gesetz gegen Gnade, Gerechtigkeit gegen Barmherzigkeit, Härte gegen Milde. Aber offenbar hoffen die, welche unter der unerbittlicheren Verkündigung stehen, auf Gottes Gericht, während die, welche unter der milderen Botschaft leben, Angst davor haben. Woher kommt das? Die Antwort wird jedem in etwa klar sein, der die Psalmen aufmerksam gelesen hat. Die Psalmisten, mit wenigen Ausnahmen, blicken dem Gericht sehnsüchtig entgegen, weil sie glauben, dass sie völlig im Recht sind. Andere haben gegen sie gesündigt; ihr eigenes Verhalten war (wie sie uns oft genug beteuern) untadelig. Sie flehen die göttliche Untersuchung inständig herbei, gewiss, dass sie siegreich daraus hervorgehen werden. Der Gegner mag alles mögliche zu verbergen haben, aber sie nicht. Je mehr Gott ihre Sache untersucht, um so mehr wird sie sich als einwandfrei erweisen. Der Christ andererseits zittert, weil er weiß, dass er ein Sünder ist.

 Man könnte also in gewissem Sinne sagen, dass die jüdische Zuversicht im Hinblick auf das Gericht eine Begleiterscheinung der jüdischen Selbstgerechtigkeit sei. Aber das ist viel zu verallgemeinernd. Wir müssen die ganze Erfahrung mit in Betracht ziehen, aus der diese selbstgerechten Äußerungen herauswachsen; und zweitens, was diese Äußerungen, auf einer tieferen Stufe, wirklich bedeuten.

 Diese Erfahrung ist dunkel und schrecklich. Wir dürfen sie nicht „die Große Trübsal der Seele“ nennen, denn diese Bezeichnung wird schon für eine andere Trübsal und für einen anderen Schrecken gebraucht, denen wir auf einer ungleich höheren Ebene begegnen, als sie irgendeiner der Psalmisten (vermute ich) je erreicht hat. Aber wir können sie „die Große Trübsal des Fleisches“ nennen, wobei wir unter „Fleisch“ den natürlichen Menschen verstehen. […]

 Zugegeben, wir können, wenn wir wollen, all die Stellen, welche diese Trübsal schildern, als Anzeichen einer Neurose betrachten. Wenn wir unbedingt behaupten wollen, dass einige Psalmisten in einer Nervenkrise oder am Rande eines Nervenzusammenbruchs geschrieben haben, dann werden wir für unsere Theorie genug Bestätigung finden. Das heißt, die Psalmisten versuchen in genau den Dingen auf ihrem Recht zu beharren, von denen auch ein Patient in einem bestimmten neurotischen Zustand zu Unrecht meint, dass sie auf seine Situation zuträfen. Für unser Anliegen ist das im Moment jedoch nicht wichtig. Neurosen kommen vor; vielleicht sind wir selber schon durch dieses Tal hindurchgegangen oder müssen einmal hindurchgehen. Es kann uns nicht gleichgültig sein, wie gewisse an Gott gläubige Menschen vor uns sich darin verhalten haben. Und letzten Endes ist „Neurose“ ein relativer Begriff. Wer kann sagen, dass er ihr nie nahegekommen ist? Selbst wenn die Psalmen von Neurotikern geschrieben worden wären, so würden sie uns noch etwas angehen.

 Doch natürlich können wir keineswegs sicher sein, dass sie das sind. Der Neurotiker glaubt fälschlicherweise, dass er von gewissen Übeln bedroht werde. Ein anderer Mensch (oder der Neurotiker selbst zu einem anderen Zeitpunkt) kann jedoch tatsächlich von genau diesen Übeln bedroht sein. Es sind vielleicht nur die Nerven des Patienten, die ihm so überzeugend einreden, dass er Krebs hat oder finanziell ruiniert ist oder in die Hölle kommt; doch das beweist nicht, dass es so etwas wie Krebs oder Bankrott oder Verdammnis nicht gibt. Die Vermutung, dass die in gewissen Psalmen geschilderten Zustände Einbildung sein müssen, scheint mir auf reinem Wunschdenken zu beruhen. Es gibt diese Zustände im wirklichen Leben. Falls jemand das bezweifelt, möge er sich, während ich versuche diese Trübsal des Fleisches darzustellen, überlegen, wie leicht sie für irgendeine der folgenden Personen nicht subjektives Empfinden, sondern konkrete Wirklichkeit sein dürfte.

1. Für einen kleinen, hässlichen, unsportlichen, unbeliebten Jungen in der zweiten Klasse einer hundsmiserablen englischen Volksschule. 2. Für einen unbeliebten Rekruten in einer Militärbaracke. 3. Für einen Juden in Hitlerdeutschland. 4. Für einen Mann in einer schlechten Firma oder Staatsstelle, den eine Gruppe von Rivalen hinauszuekeln versucht. 5. Für einen Papstanhänger im England des sechzehnten Jahrhunderts. 6. Für einen Protestanten im Spanien des sechzehnten Jahrhunderts. 7. Für einen Afrikaner unter Malan. 8. Für einen amerikanischen Sozialisten in der Hand von Senator McCarthy oder einen Zulu während einer der alten, wilden Hexenverfolgungen.

 Die Finsternis des Fleisches kann objektive Tatsache sein; sie ist nicht einmal besonders selten.

 Man ist allein. Der Mit-Rekrut, der  einem am ersten Tag ein Freund zu sein schien, die Jungen, die einem in der letzten Klasse Freunde waren, die Nachbarn, mit denen man befreundet war, bevor die Judenhetze losging (oder bevor man Senator McCarthys Aufmerksamkeit auf sich zog) und sogar die eigenen Bekannten und Verwandten haben angefangen, einem aus dem Wege zu gehen. Niemand will gerne mit einem gesehen werden. Wenn man auf der Straße Bekannten begegnet, blicken sie zufällig immer auf die andere Seite. „Von meinen Nachbarn bin ich gemieden und ein Schrecken für meine Bekannten: Wer mich sieht auf der Straße, flieht scheu vor mir“ (31,12). „Meine Freunde und Genossen, … meine nächsten Verwandten halten sich fern“ (38,11). „Ein Fremdling bin ich meinen Brüdern geworden“ (69,9). „Meine Bekannten hast du mir entfremdet, hast mich ihnen zum Abscheu gemacht“ (88,9). „Blick ich nach rechts und halte Umschau: ach, da ist keiner, der mich versteht. Verschlossen ist mir jede Zuflucht“ (142,5).

 Manchmal macht nicht ein einzelner diese Erfahrung, sondern eine Gruppe (ein religiöser Orden oder sogar ein ganzes Volk). Mitglieder fallen ab; Verbündete fliehen; der gewaltige Zusammenschluss gegen uns wächst und festigt sich von Tag zu Tag. Schwerer noch als unsere schwindenden Zahlen und die zunehmende Isolation sind die wachsenden Anzeichen dafür zu ertragen, dass „unsere Seite“ nichts ausrichtet. Die Welt wird von schlechten Menschen auf den Kopf gestellt, und „was kann da der Gerechte noch leisten?“ (11,3), wo bleiben unsere Gegenmaßnahmen? „Wir sind ein Spott und Hohn“ geworden (79,4). Einst sprach so vieles zu unseren Gunsten, und große Führer waren auf unserer Seite. Doch diese Zeiten sind vorbei: „Unsere Zeichen sehen wir nicht mehr, kein Prophet ist mehr da“ (74,9). So fühlen wir Christen uns oft im heutigen Europa.

 Und rings um den vereinsamten Menschen sind tagaus, tagein die Ungläubigen. Sie wissen sehr wohl, was wir glauben oder zu glauben versuchen („hilf meinem Unglauben!“), und achten das für eine totale Illusion. „Gar viele sagen von mir: ‚Es gibt keine Rettung für ihn bei Gott’!“ (3,2). Als hätte Gott, falls es ihn gibt, nichts weiter zu tun, als sich um uns zu kümmern! (10,13); aber überhaupt: „Es gibt keinen Gott“ (14,1). Wenn es den Gott des Leidenden wirklich gibt, dann „möge er ihn retten“ (22,9), und zwar jetzt! „Wo ist nun dein Gott?“ (42,4)

 Der Mensch in der Trübsal des Fleisches ist in den Augen aller anderen äußerst komisch; die Witzfigur einer ganzen Schule oder Militärbaracke oder Arbeitsstelle. Sie können ihn nicht ansehen, ohne zu lachen; sie schneiden ihm Grimassen (22,8). Zechbrüder verulken ihn in ihren Liedern (69,13). Er wird „sprichwörtlich“ (44,15). Zu allem Unglück ist dieses ganze Gelächter keineswegs ein ehrliches, spontanes Gelächter, keines, das ein Mensch mit einer irgendwie komischen Stimme oder einem kauzigen Aussehen lernen könnte zu ertragen und in das er schließlich sogar miteinstimmen könnte. Diese Spötter lachen nicht, obwohl es ihn verletzt, und nicht einmal, ohne zu fragen, ob es ihn vielleicht verletzt; sie lachen, weil es ihn verletzt. Jede Demütigung und jedes Missgeschick, die er erleidet, ist ihnen wie Honig; sie zeigen ihm ihre Überlegenheit, wenn er am Boden liegt. „Ich spreche: Dass sie sich nur nicht freuen über mich, die wider mich grosstun, wenn mein Fuß wankt“ (38,17).

 Wenn man eine gewisse Art von aristokratischem oder stoischem Stolz hätte, so könnte man vielleicht Spott mit Spott vergelten oder sogar frohlocken, wie Coventry Patmore darüber frohlockte, dass er „in der Hochgebirgsluft öffentlichen Verrufs“ lebte. Wenn man das könnte, so wäre man der Trübsal nicht ganz preisgegeben. Aber was auch geschehe, so ist der Leidende nicht – oder nicht mehr, falls er es früher einmal war. Er ist den unaufhörlichen Neckereien, Verächtlichkeiten und Demütigungen (durch die Blume oder grausam verhohlen, je nach Milieu) wehrlos ausgeliefert, sie gehen ihm unter die Haut. Auch in seinen eigenen Augen ist er das, wozu sie ihn gemacht haben. Er kann nicht noch einmal von vorne anfangen. „Beschämung bedeckt sein Antlitz“ (69,8). Er könnte genauso gut stumm sein; in seinem Mund ist keine Widerrede (38,15). Er ist „ein Wurm und kein Mensch“ (22,7).

 

* Dieser Essay findet sich in: C. S. Lewis, „Gedankengänge. Essays zu Christentum, Kunst und Kultur“, Brunnen-Verlag, Basel 1986, S. 151-168. Lewis hat auch ein kleines Buch über die Psalmen geschrieben (Titel der dt. Übersetzung: „Gespräch mit Gott. Gedanken zu den Psalmen“) – ebenfalls sehr empfehlenswert.

** Der vollständige Text von Psalm 109 lautet nach der Einheitsübersetzung: „[Für den Chormeister. Ein Psalm Davids.] Gott, den ich lobe, schweig doch nicht! Denn ein Mund voll Frevel, ein Lügenmaul hat sich gegen mich aufgetan. Sie reden zu mir mit falscher Zunge, umgeben mich mit Worten voll Hass und bekämpfen mich ohne Grund. Sie befeinden mich, während ich für sie bete, sie vergelten mir Gutes mit Bösem, mit Hass meine Liebe. Sein Frevel stehe gegen ihn auf als Zeuge, ein Ankläger trete an seine Seite. Aus dem Gericht gehe er verurteilt hervor, selbst sein Gebet werde zur Sünde. Nur gering sei die Zahl seiner Tage, sein Amt soll ein andrer erhalten. Seine Kinder sollen zu Waisen werden und seine Frau zur Witwe. Unstet sollen seine Kinder umherziehen und betteln, aus den Trümmern ihres Hauses vertrieben. Sein Gläubiger reiße all seinen Besitz an sich, Fremde sollen plündern, was er erworben hat. Niemand sei da, der ihm die Gunst bewahrt, keiner, der sich der Waisen erbarmt. Seine Nachkommen soll man vernichten, im nächsten Geschlecht schon erlösche sein Name. Der Herr denke an die Schuld seiner Väter, ungetilgt bleibe die Sünde seiner Mutter. Ihre Schuld stehe dem Herrn allzeit vor Augen, ihr Andenken lösche er aus auf Erden. Denn dieser Mensch dachte nie daran, Gnade zu üben; er verfolgte den Gebeugten und Armen und wollte den Verzagten töten. Er liebte den Fluch – der komme über ihn; er verschmähte den Segen der bleibe ihm fern. Er zog den Fluch an wie ein Gewand; der dringe wie Wasser in seinen Leib, wie Öl in seine Glieder. Er werde für ihn wie das Kleid, in das er sich hüllt, wie der Gürtel, der ihn allzeit umschließt. So lohne der Herr es denen, die mich verklagen, und denen, die Böses gegen mich reden. Du aber, Herr und Gebieter, handle an mir, wie es deinem Namen entspricht, reiß mich heraus in deiner gütigen Huld! Denn ich bin arm und gebeugt, mir bebt das Herz in der Brust. Wie ein flüchtiger Schatten schwinde ich dahin; sie schütteln mich wie eine Heuschrecke ab. Mir wanken die Knie vom Fasten, mein Leib nimmt ab und wird mager. Ich wurde für sie zum Spott und zum Hohn, sie schütteln den Kopf, wenn sie mich sehen. Hilf mir, Herr, mein Gott, in deiner Huld errette mich! Sie sollen erkennen, dass deine Hand dies vollbracht hat, dass du, o Herr, es getan hast. Mögen sie fluchen – du wirst segnen. Meine Gegner sollen scheitern, dein Knecht aber darf sich freuen. Meine Ankläger sollen sich bedecken mit Schmach, wie in einen Mantel sich in Schande hüllen. Ich will den Herrn preisen mit lauter Stimme, in der Menge ihn loben. Denn er steht dem Armen zur Seite, um ihn vor falschen Richtern zu retten.“

*** Das Magnificat lautet in der Einheitsübersetzung: „Meine Seele preist die Größe des Herrn, und mein Geist jubelt über Gott, meinen Retter. Denn auf die Niedrigkeit seiner Magd hat er geschaut. Siehe, von nun an preisen mich selig alle Geschlechter. Denn der Mächtige hat Großes an mir getan und sein Name ist heilig. Er erbarmt sich von Geschlecht zu Geschlecht über alle, die ihn fürchten. Er vollbringt mit seinem Arm machtvolle Taten: Er zerstreut, die im Herzen voll Hochmut sind; er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen. Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben und lässt die Reichen leer ausgehen. Er nimmt sich seines Knechtes Israel an und denkt an sein Erbarmen, das er unsern Vätern verheißen hat, Abraham und seinen Nachkommen auf ewig.“ (Lukas 1,46-55)

**** Lewis meint hier wohl diese Stellen: „Die Eltern Jesu gingen jedes Jahr zum Paschafest nach Jerusalem. Als er zwölf Jahre alt geworden war, zogen sie wieder hinauf, wie es dem Festbrauch entsprach. Nachdem die Festtage zu Ende waren, machten sie sich auf den Heimweg. Der junge Jesus aber blieb in Jerusalem, ohne dass seine Eltern es merkten. Sie meinten, er sei irgendwo in der Pilgergruppe, und reisten eine Tagesstrecke weit; dann suchten sie ihn bei den Verwandten und Bekannten. Als sie ihn nicht fanden, kehrten sie nach Jerusalem zurück und suchten ihn dort. Nach drei Tagen fanden sie ihn im Tempel; er saß mitten unter den Lehrern, hörte ihnen zu und stellte Fragen. Alle, die ihn hörten, waren erstaunt über sein Verständnis und über seine Antworten. Als seine Eltern ihn sahen, waren sie sehr betroffen und seine Mutter sagte zu ihm: Kind, wie konntest du uns das antun? Dein Vater und ich haben dich voll Angst gesucht. Da sagte er zu ihnen: Warum habt ihr mich gesucht? Wusstet ihr nicht, dass ich in dem sein muss, was meinem Vater gehört? Doch sie verstanden nicht, was er damit sagen wollte. Dann kehrte er mit ihnen nach Nazaret zurück und war ihnen gehorsam. Seine Mutter bewahrte alles, was geschehen war, in ihrem Herzen.“ (Lukas 2,41-51) „Als Jesus noch mit den Leuten redete, standen seine Mutter und seine Brüder vor dem Haus und wollten mit ihm sprechen. Da sagte jemand zu ihm: Deine Mutter und deine Brüder stehen draußen und wollen mit dir sprechen. Dem, der ihm das gesagt hatte, erwiderte er: Wer ist meine Mutter, und wer sind meine Brüder? Und er streckte die Hand über seine Jünger aus und sagte: Das hier sind meine Mutter und meine Brüder. Denn wer den Willen meines himmlischen Vaters erfüllt, der ist für mich Bruder und Schwester und Mutter.“ (Matthäus 12,46-50) „Am dritten Tag fand in Kana in Galiläa eine Hochzeit statt und die Mutter Jesu war dabei. Auch Jesus und seine Jünger waren zur Hochzeit eingeladen. Als der Wein ausging, sagte die Mutter Jesu zu ihm: Sie haben keinen Wein mehr. Jesus erwiderte ihr: Was willst du von mir, Frau? Meine Stunde ist noch nicht gekommen. Seine Mutter sagte zu den Dienern: Was er euch sagt, das tut! Es standen dort sechs steinerne Wasserkrüge, wie es der Reinigungsvorschrift der Juden entsprach; jeder fasste ungefähr hundert Liter. Jesus sagte zu den Dienern: Füllt die Krüge mit Wasser! Und sie füllten sie bis zum Rand. Er sagte zu ihnen: Schöpft jetzt und bringt es dem, der für das Festmahl verantwortlich ist. Sie brachten es ihm. Er kostete das Wasser, das zu Wein geworden war. Er wusste nicht, woher der Wein kam; die Diener aber, die das Wasser geschöpft hatten, wussten es. Da ließ er den Bräutigam rufen und sagte zu ihm: Jeder setzt zuerst den guten Wein vor und erst, wenn die Gäste zu viel getrunken haben, den weniger guten. Du jedoch hast den guten Wein bis jetzt zurückgehalten. So tat Jesus sein erstes Zeichen, in Kana in Galiläa, und offenbarte seine Herrlichkeit und seine Jünger glaubten an ihn. Danach zog er mit seiner Mutter, seinen Brüdern und seinen Jüngern nach Kafarnaum hinab. Dort blieben sie einige Zeit.“ (Johannes 2,1-12)

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/c/c4/Tissot_The_Songs_of_Joy.jpg

(James Tissot, The Songs of Joy, Wikimedia Commons)

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Ein Gedanke zu “Über schwierige Bibelstellen, Teil 7: Ein Beispiel – die rachsüchtigen und selbstgerechten Psalmen

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