Wieso ich den „Weckruf“ zur Solidarität mit dem Papst bei The Cathwalk nicht unterzeichnet habe

(Hier der Text des Weckrufs: https://thecathwalk.net/2017/02/18/sinedubia-wir-gehen-mit-papst-franziskus/ )

  • Weil er legitime und illegitime Papstkritik nicht auseinanderhält.
  • Weil er die Debatte in unnötig polemischer Weise anheizt.
  • Weil er mir zu sehr in Richtung „Ich danke dir, Herr, dass ich nicht bin wie dieser Pharisäer dort“ tendiert.

Ich bin kein riesiger Fan von Papst Franziskus. Das muss ich auch nicht sein. Ich bin auch kein riesiger Fan vom sel. Pius IX. (jawohl, ich habe Pius IX. gesagt) oder manchen anderen Päpsten. Muss man als Katholik jetzt auch alles gut finden, was Julius II. oder Alexander VI. getan haben? Ich finde nicht einmal alles gut, was die Päpste getan oder gesagt haben, die zu meinen Lieblingspäpsten gehören. Paul VI., der für die meisten Leute so uninteressante und bei den Tradis eher unbeliebte Nachkonzilspapst, gehört zu ihnen (https://nolitetimereweb.wordpress.com/2017/01/17/es-ist-nicht-sicher-dass-ich-ins-paradies-eingehen-werde/ ), und seine Ostpolitik zum Beispiel finde ich falsch. Benedikt XVI., dieser so gütige, demütige, und einfach nur brillante Mann, der für meine Hinwendung zum Glauben eine entscheidende Rolle gespielt hat, soll sich einmal in negativer Weise über die Harry-Potter-Bücher geäußert haben, die ich absolut liebe. Vielleicht werde ich sogar beim hl. Johannes Paul II. irgendwann einmal etwas entdecken, das ich nicht uneingeschränkt toll finden kann.

Zu Amoris Laetitia und seiner Interpretation habe ich mich hier (https://nolitetimereweb.wordpress.com/2017/01/21/ein-paar-gedanken-ueber-die-liberale-auslegung-von-amoris-laetitia/ ) und hier (https://nolitetimereweb.wordpress.com/2017/01/23/ein-kurzer-nachtrag-zu-der-sache-mit-amoris-laetitia-ueber-unbarmherzigkeit/ ) schon geäußert.

Ich achte Papst Franziskus. Ich finde manche Dinge gut, die er macht. An erster Stelle das Jahr der Barmherzigkeit, dann z. B. auch den Versuch des Zugehens auf die FSSPX (an sich mag ich die FSSPX nicht besonders, aber es ist selbstverständlich gut, wenn man sie wieder mit der Kirche zu versöhnen versucht). Ich finde manche Dinge nicht gut, die er macht. Er soll einen relativ autokratischen Führungsstil haben, sein Predigtstil ist manchmal ein bisschen verworren (nein, hier geht es mir jetzt gar nicht um Inhalte, sondern nur um Satzstrukturen – manchmal weiß ich einfach nicht ganz, was genau er überhaupt sagen will, wenn ich mir im Internet Predigten von ihm durchlese; deshalb habe ich das auch aufgegeben und lese stattdessen lieber was anderes), und oft äußert er sich in unklarer Weise. Ich habe das Gefühl, der Papst will manchmal eher Debatten anregen, als sich klar zu positionieren – vielleicht hat er deshalb auch nicht auf die Dubia geantwortet. Und hier, finde ich, erfüllt er die Aufgabe nicht, zu der er berufen wurde. Ein Papst ist der oberste Hirte der Kirche; seine Aufgabe ist es, Orientierung und Klarheit zu bieten. Er ist kein Theologe, der in einem Seminar mit interessierten Studenten, die sich in der Materie auskennen, alle möglichen Thesen in den  Raum stellen und diskutieren sollte. Er sollte den Durchschnittskatholiken, die sich eben nicht so genau damit auskennen, was die sakramentale Ehe (oder auch anderes) bedeutet und auch nicht so genau wissen, ob die Kirche  nicht ihre Lehre von der Unauflöslichkeit der Ehe (oder auch anderem) irgendwann einmal einfach ändern könnte, klare Orientierung geben.

Das ist also meine Meinung zu Papst Franziskus; und diese meine Meinung berührt in keiner Weise meine Achtung vor ihm als dem Stellvertreter Christi auf Erden, die ich ihm als Katholikin schulde.

Solidarität mit dem Papst gegen ultratraditionalistische und fast schon zum Sedisvakantismus tendierende Kritiker, denen er nie etwas recht machen kann? Gerne. Aber bitte keine blinde Gefolgschaft, die Jubel über jeden Nebensatz fordert, der aus seinem Mund kommt.

Das Problem bei diesem „Weckruf“ ist, dass er die vier Kardinäle, die mit ihren Dubia einfach um etwas Klarheit gebeten haben, mit seinem #sinedubia (was grammatikalisch übrigens falsch ist – es hieße „sine dubiis“) in die Ecke solcher böswilliger, pharisäischer, grundsätzlich unzufriedener Papstkritiker rückt, die alles besser zu wissen meinen als die ihrer Ansicht nach von Satan persönlich unterwanderte Kirchenhierarchie. Ich wage zu behaupten, dass die Herren Meisner, Burke, Brandmüller und Caffara nicht so denken. (Der Chefredakteuer von The Cathwalk hat inzwischen übrigens auf Facebook geschrieben, schuld seien nicht die Dubia-Kardinäle selbst – was aber irgendwie seltsam klingt angesichts der ausdrücklichen Distanzierung von den Dubia im Text des Weckrufs.) Die Verfasser des Weckrufs setzen außerdem Papst Franziskus einfach mit Jesus gleich, der ja auch auf die Fragen der Pharisäer manchmal demonstrativ geschwiegen habe. Sorry, aber: Papst Franziskus ist der Stellvertreter Christi, nicht Christus selbst. Er ist immer noch ein fehlbarer Mensch, und er kann keinem seiner Kritiker ins Herz schauen, wie es Jesus konnte. Und in verworrenen Situation auf Fragen klare Antworten zu geben – das ist sein Job.

„Wir erinnern die genannten populistischen Einheizer im Hintergrund daran, dass sie sich für ihren geschürten Argwohn eines Tages verantworten werden müssen“, schreiben die Autoren des Weckrufs. Nun, ich würde mich nicht zu populistischen Einheizern zählen, die grundsätzlichen Argwohn gegen den Heiligen Vater schüren, aber ja, mir ist bewusst, dass ich mich für alles, was ich im Leben so tue, irgendwann einmal werde verantworten müssen. Vielleicht könnten wir alle mal runterkommen und das Ganze etwas weniger emotional diskutieren. Ich stimme den Verfassern und Unterzeichnern dieses Weckrufs zu, dass es eine gewisse Solidarität mit dem Papst braucht. Aber vielleicht können sie mir auch zustimmen, dass diese Solidarität nicht völlig kritiklos sein muss.

Vergessen wir nicht: „Als Kephas [aramäisch für Petrus] aber nach Antiochia gekommen war, bin ich ihm offen entgegengetreten, weil er sich ins Unrecht gesetzt hatte.“ (Galater 2,11) Was bringt es denn, wenn jetzt schon wieder gesagt wird „ich halte zu Paulus – ich zu Apollos – ich zu Kephas – ich zu Christus“ (1 Korinther 1,12)?

Wir sind doch eigentlich gar nicht so weit auseinander, vermute ich jetzt einfach mal. Wir sind uns wohl einig, dass die Ehe unauflöslich ist; dass Wiederheirat objektiv nicht richtig ist; dass man Menschen, die sich in einer solchen Situation befinden, trotzdem nicht wie Aussätzige behandeln sollte und dass die Kirche ihnen helfen sollte; dass der Papst kein Häretiker ist; dass es zur traditionellen Sakramentenpastoral gehört, nur dann die Kommunion zu reichen, wenn jemand sich in einem zumindest einigermaßen objektiv richtigen Verhältnis mit Gott befindet. Über alles weitere kann man dann ruhig diskutieren. Aber bitte ohne unsinnige Vorwürfe und Generalisierungen. Ich fürchte, dass der Weckruf eher dafür sorgen könnte, die Fronten in einer sowieso schon hitzigen Debatte weiter zu verhärten – aber wenn ich mich irren sollte, wäre es ja gut.

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