Die Entscheidung des Bundesverwaltungsgerichts aus Sicht eines Menschen mit Todeswunsch

Sie ist schlecht, schlecht, schlecht. Das denke ich.

Sehen Sie, ich bin depressiv, seit einiger Zeit. Man könnte außerdem sagen, ich leide an einer unheilbaren Krankheit – damit meine ich nicht meine Depression, sondern eine körperliche Krankheit, die die Depression mit bedingt hat. (Wenn es einem schlecht geht, ist man nie gut drauf.) Oh, ich meine keine tödliche Krankheit. Ich meine eine unheilbare – d. h. eine chronische, die ich bis zu meinem Lebensende, bis zu dem es statistisch gesehen durchaus noch 60 Jahre dauern könnte, nicht loswerden werde, jedenfalls nicht nach dem heutigen Stand der Medizin. Im Alltag sehr störend, aber sicher nicht tödlich.

Und, wie gesagt, ich bin depressiv. Zu meiner Depression gehört auch ein gewisser Todeswunsch. Ich habe keine Selbstmordpläne, sehen Sie, ich plane, mich nicht umzubringen – es besteht noch kein Grund, mich stationär behandeln zu lassen. (Ich habe mir übrigens inzwischen psychologische Hilfe gesucht, keine Angst.) Aber der Gedanke an den Tod hat für mich überhaupt nichts Beängstigendes an sich, im Gegenteil. Wenn ich einen Unfall haben und sofort sterben könnte – oh, das wäre schön. Na ja, es gibt da natürlich auch noch so Ängste, was das Jenseits angeht, die ich auch noch habe, aber sagen wir mal, wenn ich frisch von der Beichte einen Unfall haben könnte, das Fegefeuer dann nicht zu lang ausfiele, und so – oh, das wäre schön. Ich sehne mich nach Ruhe, ich sehne mich nach Schlaf, ich sehne mich nach Frieden und nach Sicherheit.

Klar, es gibt manche Dinge, die dann schade wären. Ich könnte manche Dinge nicht mehr vollenden, die ich angefangen habe – hatte ich schon mal erwähnt, dass ich Hobbyschriftstellerin bin und im Moment an einer Roman-Trilogie arbeite, die ich erst halb fertig habe, und die ich gerne irgendwann ganz fertig hätte und auch versuchsweise mal an einen Verlag schicken wollen würde? Es gibt noch andere Dinge. Und meine Familie wäre da natürlich. Das ist auch einer der wichtigsten Gründe, wieso ich mich nicht töten werde – ich will das meiner Familie nicht antun.

Aber wenn das Schreiben und diese Dinge nicht wären, wenn ich keine Familie hätte, und vor allem, wenn es nicht vor Gott falsch wäre (was es aber leider ist), ein tödliches Medikament zu nehmen – dann würde ich das gerne tun. Das wäre schön. Ich hoffe immer wieder, dass ich nicht mehr so arg lange leben muss. Ja, mit Anfang zwanzig. (Viel Glück dabei.)

Na ja, da ich so denke, könnte man nun ja meinen, ich würde die Entscheidung des Bundesverwaltungsgerichts pro Sterbehilfe begrüßen. Das tue ich nicht. Sehen Sie, ich habe meine fünf Sinne noch so weit zusammen, dass ich weiß, dass ich psychisch krank bin. Wenn ich noch kränker wäre, wäre das vielleicht nicht mehr der Fall, aber ich würde noch mehr leiden, und vielleicht nach Sterbehilfe verlangen. Und ich will nicht, dass man mir in einem solchen Fall eine Giftspritze verabreichen würde. Das heißt, ich will es in gewissem Sinne schon – ich fände es schön; ich finde den Gedanken sogar schrecklich, Leid ausgeliefert zu sein, dem andere Menschen nicht abhelfen werden, auch wenn ich sie darum verzweifelt bitten würde. Aber ich lehne es rational als falsch ab. Man müsste mir in so einem Fall auf andere Weise helfen. (Zum Beispiel damit, meine körperliche Krankheit ernst zu nehmen, wobei Ärzte nicht immer vorne mit dabei sind.)

Zuallererst liegt der Grund für meine Einstellung natürlich in meinem Glauben. Ich glaube, dass es einen Sinn haben muss, wieso Gott mir dieses Leben, das ich nicht wirklich mag, sondern eher ertrage, noch zumutet. Ich habe Angst vor meinem weiteren Leben, und ich mag es nicht besonders, aber ich sehe rein rational, dass es einen Sinn haben muss. Ich glaube, dass auch Leiden einen Sinn haben muss, dass Gott, der selber so gelitten hat, einen Sinn daraus entstehen lassen kann, auch wenn es schrecklich ist, und dass ich nicht das Recht habe, „Gott zu spielen“, und mich selbst zu schädigen oder zu töten. Dass ich mir auch selbst die Liebe schuldig bin, die ich allen Menschen schulde – liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Ich will außerdem nicht, dass geistig gesunde Menschen leidende Menschen töten oder ihnen zum Selbstmord verhelfen, um ihretwillen – ich will nicht, dass sie diese Schuld auf sich laden. Ich würde nicht wollen, dass jemand mir zum Sterben „verhilft“; er würde damit eine schwere Schuld auf sich laden, und das will ich nicht.

Dann ist da natürlich noch die theoretische Möglichkeit – an die ich zwar im Moment nicht wirklich glaube, aber sei’s drum – dass es im Lauf der Zeit wieder besser werden könnte. Dass man eine Medizin gegen meine Krankheit findet, dass meine Depression irgendwann weggeht (ja, Depressionen kann man behandeln). Jedenfalls bin ich durchaus ganz froh, dass ich von meinem Umfeld nicht einfach zu hören kriege „Dann kannst du dich ja umbringen“, sondern dass man mir hilft, mit meiner Krankheit umzugehen und meine Depression loszuwerden. Vielleicht werde ich irgendwann einmal auch wirklich froh sein, noch am Leben zu sein.

Dann sind da noch andere, mehr allgemeine Gründe. Was würde geschehen, wenn Sterbehilfe normal würde? Ganz einfach, das, was in den Niederlanden geschieht. Es würde erwartet werden, sie in Anspruch zu nehmen, vor allem von alten, dementen oder von behinderten Menschen, die bloß noch Kosten für das Gesundheitssystem verursachen. Sie denken, ich übertreibe? Dann überlegen Sie mal, wieso Rentner die Niederlande verlassen. Der Druck würde steigen. Man würde sich weniger darum kümmern, Behandlungsmethoden zu finden, ordentliche Mittel zur Schmerzbekämpfung und so weiter, man würde die Palliativmedizin zurückschrauben, die Suizidprävention natürlich erst recht.

Und Sterbehilfe würde auch für Menschen wie mich nach und nach normal werden. Ich bin „unheilbar krank“, ich leide (auch psychisch, was ebenso real ist wie physisch; und ja, es haben in anderen Ländern schon Menschen wegen psychischer Krankheiten Sterbehilfe erhalten). Wer kann sagen, dass mein Leiden nicht genug ist, um zu zählen? Überhaupt – wieso muss man leiden, um einen selbstbestimmten Tod sterben zu dürfen, wenn die Selbstbestimmung so wichtig ist – ja, angeblich sogar im Grundgesetz garantiert? (Nebenbei, diese Auslegung des Grundgesetzes ist aus meiner Sicht lachhaft. (Und ja, ich habe keine Ahnung von Jura.) Die dort garantierte Selbstbestimmung ist bekanntlich nicht absolut, und wenn sie es nicht ist, dann können Richter, solange das gesetzlich nicht geregelt ist, auch nicht einfach erklären, dass sie zwangsläufig das Recht auf Selbsttötung umfasst, vor allem nicht in dem Sinne, dass der Staat dabei behilflich sein muss. Glaubt irgendjemand ernsthaft, dass die Verfasser des Grundgesetzes auch nur daran gedacht hätten, dass Hilfe durch das Gesundheitssystem zum Selbstmord unter das Selbstbestimmungsrecht fallen könnte? A propos Verfassungsrecht: Wer hat diesen Richtern, anstelle z. B. des gewählten Parlaments, die Vollmacht gegeben, solche Entscheidungen zu treffen?) Wenn diese Selbstbestimmung so wichtig wäre – wie könnte man es dann noch rechtfertigen, Menschen, die sich ritzen, oder magersüchtige Mädchen, die sich halb zu Tode hungern, oder Menschen, die drohen, sich umzubringen, in eine Psychiatrie einweisen zu lassen? Eine solche Behandlung hilft und tut gut, ich weiß das von Bekannten, die selbst schon eine Zeitlang stationär behandelt wurden (ich selber musste noch nicht in die Psychiatrie, und mir persönlich wäre es auch lieber, das zu vermeiden, aber nicht, weil ich Vorurteile gegen ein „Irrenhaus“ habe, sondern weil ich lieber daheim bei meiner Familie sein will und aus anderen persönlichen Gründen; aber die Psychiatrie ist an sich etwas sehr Gutes, wo sich um einen gekümmert wird, und ich kann mir gut vorstellen, dass es für andere psychisch kranke Menschen sogar eine Erleichterung ist, wenn man ihnen vorschlägt, ob nicht ein stationärer Aufenthalt für einige Wochen ihnen vielleicht helfen würde). Aber wie könnte man es rechtfertigen, Menschen ins BKH einweisen zu lassen, wenn Selbstbestimmung alles ist? Die Antwort muss lauten, sie darf nicht alles sein.

Die Rede von der Selbstbestimmung ist ein Mythos, sehen Sie. Die allermeisten Selbstmörder sind depressiv. Sie sind nicht selbstbestimmt. Ein Verwandter von mir ist vor ein paar Jahren durch Selbstmord ums Leben gekommen. Ich weiß noch, dass auf seiner Beerdigung (der aus Indien stammende Dorfpfarrer sagte in der Messe kein Wort über seine Todesursache, und auch niemand von der Verwandtschaft erwähnte etwas davon) seine Chefin am Grab, als alle noch anstanden, um Weihwasser aus dem kleinen danebenstehenden Becken auf den Sarg zu spritzen und sich dabei zu bekreuzigen, wenn sie an der Reihe waren, wie man das eben bei Beerdigungen so macht, als sie an der Reihe war, kurz so etwas sagte, wie, dass er bis zuletzt selbstbestimmt gewesen sei. Sie hielt das wohl für irgendwie tröstlich oder so. Wie bitte?, dachte ich mir schon damals. Mein Verwandter war nicht selbstbestimmt gewesen, er war nicht selbstbestimmt gestorben. Er hatte offensichtlich an einer schweren Depression gelitten, die er vor der Welt verborgen hatte, er hatte es nicht mehr geschafft, sein Haus auch nur ein bisschen in Ordnung zu halten, und schließlich hatte er sich erhängt, weil er seinen psychischen Schmerz nicht mehr ausgehalten haben muss. Das hat nichts mit Selbstbestimmung zu tun, gar nichts.

Kann ich meine Leser an dieser Stelle bitten, ein kurzes Gebet für meinen Verwandten zu sprechen? Ich bete auch immer wieder für ihn, und ich hoffe, dass er jetzt dort ist, wo alle Schmerzen und alle Leiden ein Ende haben, wo alle Tränen abgewischt werden, wo der Tod nicht mehr sein wird, keine Trauer, keine Klage, keine Mühsal.

Ich hoffe, dass ich auch irgendwann dort sein werde, aber jetzt ist meine Zeit wohl noch nicht gekommen, und es ist nicht an mir, zu entscheiden, wann sie gekommen ist. Ich will irgendwann bei Jesus sein, aber dann, wenn Er es für richtig hält, nicht dann, wenn ich es für richtig halte.

 

Falls das hier jemand liest, der selber Selbstmordgedanken hat: Hier ist die Telefonnummer der Telefonseelsorge (http://www.telefonseelsorge.de/); dort muss 24 Stunden am Tag jemand zu erreichen sein, selbstverständlich anonym, und selbstverständlich auch für Leute ohne jede Kirchenzugehörigkeit: 0800 111 0 111 Es gibt auf deren Internetseite auch Mailberatung und Chatberatung. Und hier ist eine Seite, die bei der Suche nach einem Psychotherapieplatz hilft, und einige Informationen zur Psychotherapie bietet: http://www.psychotherapiesuche.de/ Nicht die Hoffnung verlieren! Man kann was machen, und schon Reden hilft oft, wirklich; und Psychotherapie ist übrigens auch nicht zwangsläufig nur Psychoanalyse („Hat es vielleicht ein Kindheitstrauma ausgelöst, dass Sie als Baby einmal nicht ordentlich gewickelt wurden?“ Sorry, ich habe gewisse Vorurteile gegen Psychoanalyse; ich weiß, dass sie nicht zwangsläufig so ist. Aber jedenfalls, es gibt auch Psychotherapieformen, die meiner persönlichen Ansicht nach wesentlich besser helfen als Psychoanalyse. Verhaltenstherapie zum Beispiel.) Mich darf man übrigens auch gerne über die „Contact“-Seite kontaktieren, auch wenn ich als Laiin wohl nicht wirklich helfen kann. Normalerweise schaffe ich es, wenigstens regelmäßig daran zu denken, meine E-Mails nachzuschauen…

 

PS: Es wäre nett, wenn ihr diesen Beitrag teilen könntet.

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