Über schwierige Bibelstellen, Teil 9: Gericht, Verdammnis, und: Was war so schlimm an „Götzendienst“?

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A) Die fraglichen Stellen

In der Bibel gibt es verschiedene Stellen, in denen göttliches Gericht angedroht oder durchgeführt wird. Die Geschichte von Sodom und Gomorrha wäre ein bekanntes Beispiel: „Der Herr sprach also: Das Klagegeschrei über Sodom und Gomorra, ja, das ist laut geworden, und ihre Sünde, ja, die ist schwer. Ich will hinabgehen und sehen, ob ihr Tun wirklich dem Klagegeschrei entspricht, das zu mir gedrungen ist. Ich will es wissen. […] Als die Sonne über dem Land aufgegangen und Lot in Zoar angekommen war, ließ der Herr auf Sodom und Gomorra Schwefel und Feuer regnen, vom Herrn, vom Himmel herab. Er vernichtete von Grund auf jene Städte und die ganze Gegend, auch alle Einwohner der Städte und alles, was auf den Feldern wuchs.“ (Genesis 18,20f.; 19,23-25)

Ein anderes Beispiel wären natürlich die im letzten Teil erwähnten ägyptischen Plagen; auch über Israels Nachbarvölker kommt später gelegentlich das göttliche Gericht oder es wird ihnen angedroht; und auch über Israel selber tatsächlich oft ebenso. „So spricht der Herr: Wegen der drei Verbrechen, die Damaskus beging, wegen der vier nehme ich es nicht zurück: Weil sie Gilead mit eisernen Dreschschlitten zermalmten, darum schicke ich Feuer gegen Hasaëls Haus; es frisst Ben-Hadads Paläste. Ich zerbreche die Riegel von Damaskus, ich vernichte den Herrscher von Bikat-Awen und den Zepterträger von Bet-Eden; das Volk von Aram muss in die Verbannung nach Kir, spricht der Herr.“ (Amos 1,3.5); „So spricht der Herr: Wegen der drei Verbrechen, die Juda beging, wegen der vier nehme ich es nicht zurück: Weil sie die Weisung des Herrn missachteten und seine Gesetze nicht befolgten, weil sie sich irreführen ließen von ihren Lügengöttern, denen schon ihre Väter gefolgt sind, darum schicke ich Feuer gegen Juda; es frisst Jerusalems Paläste“ (Amos 2,4f.). (Man beachte die Parallelität der Stellen! Das auserwählte Volk wird hier jedenfalls nicht bevorzugt gegenüber den anderen Völkern behandelt.)

Ein klassisches Beispiel ist auch die Geschichte vom Goldenen Kalb. „Als das Volk sah, dass Mose noch immer nicht vom Berg herabkam, versammelte es sich um Aaron und sagte zu ihm: Komm, mach uns Götter, die vor uns herziehen. Denn dieser Mose, der Mann, der uns aus Ägypten heraufgebracht hat – wir wissen nicht, was mit ihm geschehen ist. Aaron antwortete: Nehmt euren Frauen, Söhnen und Töchtern die goldenen Ringe ab, die sie an den Ohren tragen, und bringt sie her! Da nahm das ganze Volk die goldenen Ohrringe ab und brachte sie zu Aaron. Er nahm sie von ihnen entgegen, zeichnete mit einem Griffel eine Skizze und goss danach ein Kalb. Da sagten sie: Das sind deine Götter, Israel, die dich aus Ägypten heraufgeführt haben. Als Aaron das sah, baute er vor dem Kalb einen Altar und rief aus: Morgen ist ein Fest zur Ehre des Herrn. Am folgenden Morgen standen sie zeitig auf, brachten Brandopfer dar und führten Tiere für das Heilsopfer herbei. Das Volk setzte sich zum Essen und Trinken und stand auf, um sich zu vergnügen. Da sprach der Herr zu Mose: Geh, steig hinunter, denn dein Volk, das du aus Ägypten heraufgeführt hast, läuft ins Verderben. Schnell sind sie von dem Weg abgewichen, den ich ihnen vorgeschrieben habe. Sie haben sich ein Kalb aus Metall gegossen und werfen sich vor ihm zu Boden. Sie bringen ihm Schlachtopfer dar und sagen: Das sind deine Götter, Israel, die dich aus Ägypten heraufgeführt haben. […] Mose kehrte zum Herrn zurück und sagte: Ach, dieses Volk hat eine große Sünde begangen. Götter aus Gold haben sie sich gemacht. Doch jetzt nimm ihre Sünde von ihnen! Wenn nicht, dann streich mich aus dem Buch, das du angelegt hast. Der Herr antwortete Mose: Nur den, der gegen mich gesündigt hat, streiche ich aus meinem Buch. Aber jetzt geh, führe das Volk, wohin ich dir gesagt habe. Mein Engel wird vor dir hergehen. Am Tag aber, an dem ich Rechenschaft verlange, werde ich über ihre Sünde mit ihnen abrechnen. Der Herr schlug das Volk mit Unheil, weil sie das Kalb gemacht hatten, das Aaron anfertigen ließ.“ (Exodus 32,1-8.31-35)

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(James Tissot, The Golden Calf, Wikimedia Commons)

Das alles sind Beispiele von innerweltlichem Gericht – Tod, Krieg, Zerstörung, Seuchen werden gesandt als göttliche Strafen für irgendwelche Vergehen. Solche Stellen finden sich hauptsächlich im Alten Testament. Im Neuen dagegen finden sich zwar ebenso Stellen, in denen es um das Gericht geht, aber hier ist dann in aller Regel von einem Gericht nach dem Tod (bzw. der Wiederkunft Christi) die Rede: „Denn wer sein Leben retten will, wird es verlieren; wer aber sein Leben um meinetwillen verliert, wird es gewinnen. Was nützt es einem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, dabei aber sein Leben einbüßt? Um welchen Preis kann ein Mensch sein Leben zurückkaufen? Der Menschensohn wird mit seinen Engeln in der Hoheit seines Vaters kommen und jedem Menschen vergelten, wie es seine Taten verdienen.“ (Matthäus 16,25-27) „Wer einen von diesen Kleinen, die an mich glauben, zum Bösen verführt, für den wäre es besser, wenn er mit einem Mühlstein um den Hals im tiefen Meer versenkt würde. Wehe der Welt mit ihrer Verführung! Es muss zwar Verführung geben; doch wehe dem Menschen, der sie verschuldet. Wenn dich deine Hand oder dein Fuß zum Bösen verführt, dann hau sie ab und wirf sie weg! Es ist besser für dich, verstümmelt oder lahm in das Leben zu gelangen, als mit zwei Händen und zwei Füßen in das ewige Feuer geworfen zu werden. Und wenn dich dein Auge zum Bösen verführt, dann reiß es aus und wirf es weg! Es ist besser für dich, einäugig in das Leben zu gelangen, als mit zwei Augen in das Feuer der Hölle geworfen zu werden. Hütet euch davor, einen von diesen Kleinen zu verachten! Denn ich sage euch: Ihre Engel im Himmel sehen stets das Angesicht meines himmlischen Vaters.“ (Matthäus 18,6-10) „Ihr Nattern, ihr Schlangenbrut! Wie wollt ihr dem Strafgericht der Hölle entrinnen?“ (Matthäus 23,33) „Wenn der Menschensohn in seiner Herrlichkeit kommt und alle Engel mit ihm, dann wird er sich auf den Thron seiner Herrlichkeit setzen. Und alle Völker werden vor ihm zusammengerufen werden und er wird sie voneinander scheiden, wie der Hirt die Schafe von den Böcken scheidet.“ (Matthäus 25,31f.) „Wer ist nun der treue und kluge Knecht, den der Herr eingesetzt hat, damit er dem Gesinde zur rechten Zeit gibt, was sie zu essen brauchen? Selig der Knecht, den der Herr damit beschäftigt findet, wenn er kommt! Amen, das sage ich euch: Er wird ihn zum Verwalter seines ganzen Vermögens machen. Wenn aber der Knecht schlecht ist und denkt: Mein Herr kommt noch lange nicht!, und anfängt, seine Mitknechte zu schlagen, wenn er mit Trinkern Gelage feiert, dann wird der Herr an einem Tag kommen, an dem der Knecht es nicht erwartet, und zu einer Stunde, die er nicht kennt; und der Herr wird ihn in Stücke hauen und ihm seinen Platz unter den Heuchlern zuweisen. Dort wird er heulen und mit den Zähnen knirschen.“ (Matthäus 24,45-51)

Alles Worte Jesu. Das ist bekanntlich nicht die einzige Art von Worten, die sich in den Evangelien findet, es gibt dort natürlich auch das „wer einem von diesen Kleinen auch nur einen Becher frisches Wasser zu trinken gibt, weil es ein Jünger ist – amen, ich sage euch: Er wird gewiss nicht um seinen Lohn kommen“ (Matthäus 10,42) oder das „Als er die vielen Menschen sah, hatte er Mitleid mit ihnen; denn sie waren müde und erschöpft wie Schafe, die keinen Hirten haben“ (Matthäus 9,36) oder das „Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen und den glimmenden Docht nicht auslöschen“ (Matthäus 12,20) oder das „Kommt alle zu mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt. Ich werde euch Ruhe verschaffen. […] Denn mein Joch drückt nicht und meine Last ist leicht.“ (Matthäus 11,28.30) oder das „Fürchte dich nicht, du kleine Herde! Denn euer Vater hat beschlossen, euch das Reich zu geben“ (Lukas 12,32). Aber es gibt eben auch solche Gerichtsworte im Neuen Testament, und gar nicht wenige davon finden sich in den Evangelien. (Weitere gibt es v. a. in der Offenbarung des Johannes; aber es gibt davon mehr in den Evangelien als z. B. in den Apostelbriefen – einer der Gründe, wieso ich es so lächerlich finde, wenn manche Exegeten die Gerichtsstellen als nachträglich von irgendwelchen Kirchenvorstehern eingefügt erklären wollen. Die frühen Kirchenvorsteher äußerten sich weniger zu Heulen und Zähneknirschen als der Herr, nach meinem Eindruck von der Bibel.)

Es gibt übrigens auch noch eine vereinzelte Stelle von innerweltlichem Gericht im NT: Die Geschichte mit Hananias und Sapphira, einem christliches Ehepaar, das die Apostel anlügt und dann tot umfällt; s. Apostelgeschichte 5,1-11.

In den letzten Teilen bin ich immer wieder schon auf einige Punkte zum Thema „Gericht“ in der Bibel eingegangen (v. a. im zweiten Teil von Teil 7: https://nolitetimereweb.wordpress.com/2017/02/13/ueber-schwierige-bibelstellen-teil-7-ein-beispiel-die-rachsuechtigen-und-selbstgerechten-psalmen/). Hier jetzt noch einmal alles systematisch.

 

B) Was „Gericht“ bedeuten kann: Man erntet, was man sät

„Gericht“ kann zunächst einmal einfach die natürlichen Folgen schlechten Handelns bedeuten. „Hiermit lege ich dir heute das Leben und das Glück, den Tod und das Unglück vor. […] Den Himmel und die Erde rufe ich heute als Zeugen gegen euch an. Leben und Tod lege ich dir vor, Segen und Fluch. Wähle also das Leben, damit du lebst, du und deine Nachkommen. Liebe den Herrn, deinen Gott, hör auf seine Stimme und halte dich an ihm fest; denn er ist dein Leben.“ (Deuteronomium 30,15.19f.) Wer andern eine Grube gräbt, fällt selbst hinein (das Sprichwort hat seinen Ursprung übrigens in Sprichwörter 26,27); wer einmal lügt, dem glaubt man nicht; Hochmut kommt vor dem Fall (ebenfalls biblisch, Sprichwörter 16,18). Dieses Prinzip galt nicht nur in biblischen Zeiten. Wenn man die Umwelt durch Schadstoffe wie Kohlenmonoxid schädigt, entstehen damit auch gesundheitliche Probleme für den Menschen – wenn ein Staat Minderheiten ungerecht behandelt, kann irgendwann ein bewaffneter Konflikt herauskommen – wenn man eins seiner Kinder gegenüber den anderen zurücksetzt, ist es unwahrscheinlich, dass es sich um einen sorgen wird, wenn man alt und krank ist; kurz: Böses Handeln, ob aus Gleichgültigkeit, Hass, Neid oder welchen Motiven auch immer, trägt seine eigene Strafe in sich. Das liegt in der Natur der Sache.

Ein biblisches Beispiel, wo sich eine Untat von selbst rächt, wäre die Geschichte von Josephs Brüdern, die Joseph zuerst in eine Zisterne werfen und dann an Sklavenhändler verkaufen, und dem Vater, dessen Liebling er war, weismachen, er sei von einem wilden Tier getötet worden. Jahre später, in der Zeit einer Hungersnot, sind sie dann auf ihren kleinen Bruder angewiesen, der inzwischen Wesir in Ägypten geworden ist, wo sie Getreide für ihre Sippe kaufen wollen. Als der ägyptische Wesir, den sie nicht erkennen, sie mit Anschuldigungen und Drohungen („Spione seid ihr!“, Genesis 42,9) empfängt, anstatt ihnen Getreide verkaufen zu wollen, erkennen sie das als Gottes gerechte Strafe für ihr Tun an, auch wenn ihnen die ganzen Zusammenhänge noch nicht klar sind. „Sie sagten zueinander: Ach ja, wir sind an unserem Bruder schuldig geworden. Wir haben zugesehen, wie er sich um sein Leben ängstigte. Als er uns um Erbarmen anflehte, haben wir nicht auf ihn gehört. Darum ist nun diese Bedrängnis über uns gekommen. Ruben entgegnete ihnen: Habe ich euch nicht gesagt: Versündigt euch nicht an dem Kind! Ihr aber habt nicht gehört. Nun wird für sein Blut von uns Rechenschaft gefordert. Sie aber ahnten nicht, dass Josef zuhörte, denn er bediente sich im Gespräch mit ihnen eines Dolmetschers. Er wandte sich von ihnen ab und weinte.“ (Genesis 42,21-24) Na ja, Joseph zeigt sich dann ja doch noch versöhnlich, als er seine Brüder durch einen Trick auf die Probe gestellt hat und merkt, dass sein älterer Bruder Juda nun inzwischen versucht, den jüngsten (am Verkauf Josephs nicht beteiligten) Bruder Benjamin, der Josephs Platz als Lieblingssohn des Vaters eingenommen hat, zu schützen (anstatt ihn, wie den früheren Lieblingssohn des Vaters, seinem Schicksal zu überlassen). „Josef vermochte sich vor all den Leuten, die um ihn standen, nicht mehr zu halten und rief: Schafft mir alle Leute hinaus! So stand niemand bei Josef, als er sich seinen Brüdern zu erkennen gab. Er begann so laut zu weinen, dass es die Ägypter hörten; auch am Hof des Pharao hörte man davon. Josef sagte zu seinen Brüdern: Ich bin Josef. Ist mein Vater noch am Leben? Seine Brüder waren zu keiner Antwort fähig, weil sie fassungslos vor ihm standen. Josef sagte zu seinen Brüdern: Kommt doch näher zu mir her! Als sie näher herangetreten waren, sagte er: Ich bin Josef, euer Bruder, den ihr nach Ägypten verkauft habt. Jetzt aber lasst es euch nicht mehr leid sein und grämt euch nicht, weil ihr mich hierher verkauft habt. Denn um Leben zu erhalten, hat mich Gott vor euch hergeschickt.“ (Genesis 45,1-5) Das alles geht doch noch gut aus, aber es ist durchaus ein Beispiel, wie sich böse Taten rächen können. Ein anderes mögliches Beispiel aus späterer Zeit wäre: Das Königreich Israel schließt gegen den Willen Gottes ein Bündnis mit Ägypten, weil es sich davon Hilfe gegen Assur verspricht, und wird dann von Ägypten im Stich gelassen, was von vornherein vorauszusehen gewesen wäre. „Weh den trotzigen Söhnen – Spruch des Herrn -, die einen Plan ausführen, der nicht von mir ist, und ein Bündnis schließen, das nicht nach meinem Sinn ist; sie häufen Sünde auf Sünde. Sie machen sich auf den Weg nach Ägypten, ohne meinen Mund zu befragen. Sie suchen beim Pharao Zuflucht und Schutz und flüchten in den Schatten Ägyptens. Doch der Schutz des Pharao bringt euch nur Schande, die Flucht in den Schatten Ägyptens bringt euch nur Schmach. Wenn auch Israels Fürsten nach Zoan gingen und seine Boten nach Hanes: Sie werden doch alle enttäuscht von dem Volk, das nichts nützt, das niemand Nutzen und Hilfe verschafft, sondern nur Schande und Schmach bringt.“ (Jesaja 30,1-5)

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(James Tissot, Joseph sold into Egypt, Wikimedia Commons)

 

C) Gericht wofür überhaupt?

Wenn man manchmal den Eindruck hat, dass der Gott der Bibel irgendwie brutal zu sein scheint, dann liegt das oft genug daran, dass man den Grund für die Gerichtsankündigungen nicht ganz kennt. Oft hilft es, sich anzusehen, wofür genau denn das Gericht so angekündigt wird. Ein paar Beispielstellen aus dem AT:

  • Um das obige Zitat aus Amos 2 vollständig zu haben: „Weil sie den Unschuldigen für Geld verkaufen und den Armen für ein Paar Sandalen, weil sie die Kleinen in den Staub treten und das Recht der Schwachen beugen. Sohn und Vater gehen zum selben Mädchen, um meinen heiligen Namen zu entweihen. Sie strecken sich auf gepfändeten Kleidern aus neben jedem Altar, von Bußgeldern kaufen sie Wein und trinken ihn im Haus ihres Gottes.“ (Amos 2,6-8)
  • „Wascht euch, reinigt euch! Lasst ab von eurem üblen Treiben! Hört auf, vor meinen Augen Böses zu tun! Lernt, Gutes zu tun! Sorgt für das Recht! Helft den Unterdrückten! Verschafft den Waisen Recht, tretet ein für die Witwen!“ (Jesaja 1,16-17)
  • „So spricht der Herr: Was fanden eure Väter Unrechtes an mir, dass sie sich von mir entfernten, nichtigen Göttern nachliefen und so selber zunichte wurden?“ (Jeremia 2,5)
  • „Weh denen, die das Böse gut und das Gute böse nennen, die die Finsternis zum Licht und das Licht zur Finsternis machen, die das Bittere süß und das Süße bitter machen. Weh denen, die in ihren eigenen Augen weise sind und sich selbst für klug halten. Weh denen, die Helden sind, wenn es gilt, Wein zu trinken, und tapfer, wenn es gilt, starke Getränke zu brauen, die den Schuldigen für Bestechungsgeld freisprechen und dem Gerechten sein Recht vorenthalten. Darum: Wie des Feuers Zunge die Stoppeln frisst und wie das Heu in der Flamme zusammensinkt, so soll ihre Wurzel verfaulen und ihre Blüte wie Staub aufgewirbelt werden. Denn sie haben die Weisung des Herrn der Heere von sich gewiesen und über das Wort des Heiligen Israels gelästert.“ (Jesaja 5,20-24)
  • „Hört das Wort des Herrn, ihr Söhne Israels! Denn der Herr erhebt Klage gegen die Bewohner des Landes: Es gibt keine Treue und keine Liebe und keine Gotteserkenntnis im Land. Nein, Fluch und Betrug, Mord, Diebstahl und Ehebruch machen sich breit, Bluttat reiht sich an Bluttat. […] Doch nicht irgendeiner wird verklagt, nicht irgendwer wird gerügt, sondern dich, Priester, klage ich an. Am helllichten Tag kommst du zu Fall und ebenso wie du stürzt in der Nacht der Prophet. […] Mein Volk kommt um, weil ihm die Erkenntnis fehlt. Weil du die Erkenntnis verworfen hast, darum verwerfe auch ich dich als meinen Priester. […] Der Opferwein raubt meinem Volk den Verstand: Es befragt sein Götzenbild aus Holz, von seinem Stock erwartet es Auskunft. Ja, der Geist der Unzucht führt es irre. Es hat seinen Gott verlassen und ist zur Dirne geworden. Sie feiern Schlachtopfer auf den Höhen der Berge, auf den Hügeln bringen sie Rauchopfer dar, unter Eichen, Storaxbäumen und Terebinthen, deren Schatten so angenehm ist. So werden eure Töchter zu Dirnen und eure Schwiegertöchter brechen die Ehe. Aber ich strafe nicht eure Töchter dafür, dass sie zu Dirnen werden, und nicht eure Schwiegertöchter dafür, dass sie die Ehe brechen; denn sie (die Priester) selbst gehen mit den Dirnen beiseite, mit den Weihedirnen feiern sie Schlachtopfer. So kommt das unwissende Volk zu Fall.“ (Hosea 4,1f.4-6.11-14)
  • „Jetzt ergeht über euch dieser Beschluss, ihr Priester: Wenn ihr nicht hört und nicht von Herzen darauf bedacht seid, meinen Namen in Ehren zu halten – spricht der Herr der Heere -, dann schleudere ich meinen Fluch gegen euch und verfluche den Segen, der auf euch ruht, ja, ich verfluche ihn, weil ihr nicht von Herzen darauf bedacht seid. […] Denn die Lippen des Priesters bewahren die Erkenntnis und aus seinem Mund erwartet man Belehrung; denn er ist der Bote des Herrn der Heere. Ihr aber, ihr seid abgewichen vom Weg und habt viele zu Fall gebracht durch eure Belehrung; ihr habt den Bund Levis zunichte gemacht, spricht der Herr der Heere. Darum mache ich euch verächtlich und erniedrige euch vor dem ganzen Volk, weil ihr euch nicht an meine Wege haltet und auf die Person seht bei der Belehrung. […] Treulos hat Juda gehandelt und Gräueltaten sind [in Israel und] in Jerusalem geschehen: Juda hat das Heiligtum des Herrn [das er liebt] entweiht und die Tochter eines fremden Gottes zur Frau genommen. […] Außerdem bedeckt ihr den Altar des Herrn mit Tränen, ihr weint und klagt, weil er sich eurem Opfer nicht mehr zuwendet und es nicht mehr gnädig annimmt aus eurer Hand. Und wenn ihr fragt: Warum?: Weil der Herr Zeuge war zwischen dir und der Frau deiner Jugend, an der du treulos handelst, obwohl sie deine Gefährtin ist, die Frau, mit der du einen Bund geschlossen hast. […] Handle nicht treulos an der Frau deiner Jugend! Wenn einer seine Frau aus Abneigung verstößt, [spricht der Herr, Israels Gott,] dann befleckt er sich mit einer Gewalttat, spricht der Herr der Heere. Nehmt euch also um eures Lebens willen in Acht und handelt nicht treulos! Ihr ermüdet den Herrn mit euren Reden und ihr fragt: Wodurch ermüden wir ihn? Dadurch, dass ihr sagt: Jeder, der Böses tut, ist gut in den Augen des Herrn, an solchen Leuten hat er Gefallen. Oder auch: Wo ist denn Gott, der Gericht hält?“ (Maleachi 2,1f.7-9.11.13f.-16-17)

Und hier aus dem NT:

  • „Ihr aber, ihr Reichen, weint nur und klagt über das Elend, das euch treffen wird. Euer Reichtum verfault und eure Kleider werden von Motten zerfressen. Euer Gold und Silber verrostet; ihr Rost wird als Zeuge gegen euch auftreten und euer Fleisch verzehren wie Feuer. Noch in den letzten Tagen sammelt ihr Schätze. Aber der Lohn der Arbeiter, die eure Felder abgemäht haben, der Lohn, den ihr ihnen vorenthalten habt, schreit zum Himmel; die Klagerufe derer, die eure Ernte eingebracht haben, dringen zu den Ohren des Herrn der himmlischen Heere. Ihr habt auf Erden ein üppiges und ausschweifendes Leben geführt und noch am Schlachttag habt ihr euer Herz gemästet. Ihr habt den Gerechten verurteilt und umgebracht, er aber leistete euch keinen Widerstand.“ (Jakobus 5,1-6)
  • „Sie sind voll Ungerechtigkeit, Schlechtigkeit, Habgier und Bosheit, voll Neid, Mord, Streit, List und Tücke, sie verleumden und treiben üble Nachrede, sie hassen Gott, sind überheblich, hochmütig und prahlerisch, erfinderisch im Bösen und ungehorsam gegen die Eltern, sie sind unverständig und haltlos, ohne Liebe und Erbarmen. Sie erkennen, dass Gottes Rechtsordnung bestimmt: Wer so handelt, verdient den Tod. Trotzdem tun sie es nicht nur selber, sondern stimmen bereitwillig auch denen zu, die so handeln.“ (Römer 1,29f.)
  • „Aber die Feiglinge und Treulosen, die Befleckten, die Mörder und Unzüchtigen, die Zauberer, Götzendiener und alle Lügner – ihr Los wird der See von brennendem Schwefel sein.“ (Offenbarung 21,8)
  • Hier noch die berühmteste Stelle, aus der Rede des Herrn vom Weltgericht in Matthäus 25: „Dann wird der König denen auf der rechten Seite sagen: Kommt her, die ihr von meinem Vater gesegnet seid, nehmt das Reich in Besitz, das seit der Erschaffung der Welt für euch bestimmt ist. Denn ich war hungrig und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig und ihr habt mir zu trinken gegeben; ich war fremd und obdachlos und ihr habt mich aufgenommen; ich war nackt und ihr habt mir Kleidung gegeben; ich war krank und ihr habt mich besucht; ich war im Gefängnis und ihr seid zu mir gekommen. Dann werden ihm die Gerechten antworten: Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen und dir zu essen gegeben, oder durstig und dir zu trinken gegeben? Und wann haben wir dich fremd und obdachlos gesehen und aufgenommen, oder nackt und dir Kleidung gegeben? Und wann haben wir dich krank oder im Gefängnis gesehen und sind zu dir gekommen? Darauf wird der König ihnen antworten: Amen, ich sage euch: Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan. Dann wird er sich auch an die auf der linken Seite wenden und zu ihnen sagen: Weg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das für den Teufel und seine Engel bestimmt ist! Denn ich war hungrig und ihr habt mir nichts zu essen gegeben; ich war durstig und ihr habt mir nichts zu trinken gegeben; ich war fremd und obdachlos und ihr habt mich nicht aufgenommen; ich war nackt und ihr habt mir keine Kleidung gegeben; ich war krank und im Gefängnis und ihr habt mich nicht besucht. Dann werden auch sie antworten: Herr, wann haben wir dich hungrig oder durstig oder obdachlos oder nackt oder krank oder im Gefängnis gesehen und haben dir nicht geholfen? Darauf wird er ihnen antworten: Amen, ich sage euch: Was ihr für einen dieser Geringsten nicht getan habt, das habt ihr auch mir nicht getan. Und sie werden weggehen und die ewige Strafe erhalten, die Gerechten aber das ewige Leben.“ (Matthäus 25,34-46)

Zusammenfassend: Am häufigsten verurteilt werden in der Bibel, v. a. bei den alttestamentlichen Propheten, Götzendienst, Rechtsbeugung und Unterdrückung der Armen (ggf. bei gleichzeitiger pharisäerhafter Erfüllung sämtlicher Opfervorschriften). Dann kommen solche Dinge wie Gewalttaten und Mord, Habgier, Hochmut, verschiedenes, was man unter dem Oberbegriff „Unzucht“ zusammenfassen könnte, Lügen und Betrug, Gleichgültigkeit gegenüber Gott und Verfälschung der göttlichen Botschaft (durch Priester und Propheten im Besonderen), ganz allgemein Gleichgültigkeit gegenüber dem Leid anderer (Matthäus 25!), und Ähnliches. Dann kommen noch an einzelnen Stellen solche Dinge wie Mischehen mit heidnischen Frauen, Ehescheidung, homosexuelle Handlungen, Inzest, und verschiedenes Andere.

Einige der „Verurteilungen“ oben findet der durchschnittliche postmoderne Deutsche wahrscheinlich auch noch irgendwie verständlich, ganz okay oder sogar richtig gut – die Tirade im Jakobusbrief gegen das Vorenthalten des gerechten Lohns vielleicht, oder Jesu „Was ihr für einen dieser Geringsten nicht getan habt, das habt ihr mir nicht getan“. Größere Schwierigkeiten hätte er dagegen wohl mit den gegen Götzendienst wetternden Propheten. Okay, die Israeliten hatten irgendwelche Bildnisse anderer Götter, Kälber und was sonst noch. Und weiter? Dieser Gott, der sie dafür bestraft, wirkt irgendwie recht kleinlich und eifersüchtig hier, oder nicht?

Aber eine solche Reaktion zeigt vor allem Unwissenheit in Bezug darauf, was das so für Götter waren und wie – und wieso – sie verehrt wurden. Wenn die Israeliten andere Götter verehrten, dann nicht deshalb, weil sie sich irgendwie davon überzeugt hätten, dass diese Götter existierten anstelle ihres früheren Gottes Jahwe oder zusätzlich zu diesem, und es als ihre religiöse Gewissenspflicht empfunden hätten, (auch) zu denen zu beten.

An diese Götter wandte man sich, weil man etwas von ihnen wollte. Sicher, man hatte mit Jahwe einen Bund geschlossen, aber irgendwie war das ja doch eine recht unsichere Sache; Mose war schon so lange auf dem Berg und man hörte nichts von ihm und man befand sich jetzt mitten in der Wüste; oder die politische Situation war unsicher und die Assyrer eroberten immer mehr Gebiete; und Jahwe antwortete nicht. Er hatte nicht einmal ein Götterbild, er war ein ferner, unbegreiflicher Gott, dem Israel egal zu sein schien und der sich nicht durch Opfer zu dem bewegen ließ, was man von ihm wollte, oder er schien vielleicht auch einfach zu schwach zu sein, um dem Volk zu helfen. Man wollte etwas Greifbares, etwas worauf man sich verlassen konnte – Götter, die für Wohlstand und Macht sorgten – oder manchmal auch einfach nur dafür, dass man nicht verhungerte und von den Feinden überrannt wurde. Und dafür nahm man zu manchen Zeiten auch verschiedene Dinge in Kauf.

„Die Versuchung bestand darin, in Schreckenszeiten – wenn zum Beispiel die Assyrer vorstießen – zu solchen grauenvollen Riten Zuflucht zu nehmen. Wir [die Engländer], die wir vor nicht allzu langer Zeit [im 2. Weltkrieg, das wurde 1958 geschrieben] täglich die Invasion eines Feindes erwartet haben, der ähnlich den Assyrern für systematische Grausamkeit bekannt und darin geschult war – wir wissen, wie ihnen zumute gewesen sein mag. Sie waren versucht – da der Herr taub schien –, jene grausigen Gottheiten anzugehen, die so viel mehr forderten und daher vielleicht auch mehr gewähren mochten. Betrachtete aber ein Jude solche Kulte zu glücklicherer Stunde oder ein besserer Jude sogar zu eben jener – dachte er an Tempelprostitution, Tempelsodomie und an die Kinder, die dem Moloch ins Feuer geworfen wurden –, so musste ihm sein eigenes ‚Gesetz’, wenn er sich ihm wieder zuwandte, in außergewöhnlichem Glanz erstrahlen.“*

Man sehe sich mal die Beschreibungen der verschiedenen Kulte anderer Götter an bei den Propheten an:  Ja, die Söhne Judas taten, was mir missfällt – Spruch des Herrn. Sie haben in dem Haus, über dem mein Name ausgerufen ist, ihre Scheusale aufgestellt, um es zu entweihen. Auch haben sie die Kulthöhe des Tofet im Tal Ben-Hinnom gebaut, um ihre Söhne und Töchter im Feuer zu verbrennen, was ich nie befohlen habe und was mir niemals in den Sinn gekommen ist.“ (Jeremia 7,30f.) Noch häufiger als die Beschreibung von Menschenopfern ist die Beschreibung von Tempelprostitution; sie kam wahrscheinlich auch öfter vor als das Verbrennen von Babys, zu dem man offenbar auch damals nur Zuflucht nahm, wenn einem sonst nichts mehr einfiel und die Situation immer düsterer aussah. Für solche Stellen siehe z. B. oben in Hosea 4, oder auch in Ezechiel 16 – das ist mal wirklich ein Text, der nicht unbedingt für den Kindergottesdienst geeignet ist. Es ist kein Wunder, dass in der Bibel so oft das Bild des Ehebruchs für die Untreue gegenüber Jahwe verwendet wird; das bot sich nicht nur wegen der Natur des Gottesbundes an, sondern auch wegen der Art der anderen Kulte, zu denen die Leute abfielen.

A tophet, or infant burial ground, at Carthage.

(„Tophet“, d. h. Opferstätte, in der phönizischen Stadt Karthago, wo bei Ausgrabungen zahlreiche Säuglings- und Tierskelette gefunden wurden; Quelle: http://www.ox.ac.uk/news/2014-01-23-ancient-carthaginians-really-did-sacrifice-their-children)

Götzendienst im AT bedeutete Dienst an schrecklichen Göttern, und er bedeutete außerdem schon seiner Natur nach grundsätzlich ein Misstrauen gegenüber dem wahren Gott, Untreue ihm gegenüber, mit dem allein man einen Bund geschlossen hatte. Sicher, man verehrte ihn vielleicht auch noch nebenbei, aber man musste eben auch zu anderen Dingen greifen, wenn man für seine Sicherheit vorsorgen wollte, so genau musste man den Bund ja auch nicht nehmen.

Für uns heute ist das Niederfallen vor goldenen Kälbern und ritueller Geschlechtsverkehr unter heiligen Eichen und das Verbrennen von Babys auf Kulthöhen unverständlich, weil wir nicht an Moloch, Baal und Aschera glauben. Aber dieselbe Denkweise ist immer am Werk, wenn man irgendein Gebot Gottes bricht, weil man es nun mal für notwendig hält, um für sein Auskommen oder seine Sicherheit zu sorgen. Wenn man in einem Krieg – nehmen wir ruhig einen gerechten Krieg, sagen wir mal, England im Zweiten Weltkrieg gegen Nazideutschland, oder Ähnliches – Bomben oder Atombomben auf die Zivilbevölkerung wirft oder gefangene Feinde foltert oder tötet, um nicht von seinem grausamen Feind besiegt zu werden, dann dient man dem Moloch. Wenn man Waterboarding im Kampf gegen den Terror verwendet, dient man dem Moloch. Wenn man ein Kind abtreibt, weil man sich um seine Gesundheit, sein Leben, seine finanzielle oder soziale Zukunft (und das alles sind sehr unterschiedliche Dinge) sorgt, dient man dem Moloch. In Kolosser 3,5 nennt Paulus die Habsucht „Götzendienst“; und das ist sie auch. Wann immer man Böses tut, damit Gutes daraus entsteht, wann immer man den zwar-eigentlich-nicht-ganz-korrekten, aber dafür Erfolg versprechenden Weg nimmt, dient man dem Moloch.

(Und, na ja, wenn man ehrlich ist, ist es ja auch nicht so, dass Aberglaube, in seinen harmlosen Formen ebenso wie in seinen okkulten oder satanistischen Formen, heute überhaupt nicht mehr existieren würde.)

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(Babylonische Darstellung eines Kinderopfers, Quelle: https://en.wikipedia.org/wiki/Moloch)

Ich finde, dass G. K. Chesterton in „The everlasting man“ die Denkweise hinter der Verehrung solcher Götter oder Geister sehr gut erfasst hat.

„Der Aberglaube kehrt in jedem Zeitalter wieder, vor allem in rationalistischen. Ich erinnere mich, dass ich die religiöse Tradition gegen einen ganzen Tisch angesehener Agnostiker verteidigte; und noch vor dem Ende unserer Unterhaltung hatte jeder einzelne von ihnen aus seinen Taschen ein Amulett oder einen Talisman gezogen oder so etwas an seiner Uhrkette hergezeigt, von dem er zugab, dass er nie davon getrennt war. Ich war die einzige anwesende Person ohne einen Fetisch. Der Aberglaube kehrt in rationalistischen Zeitaltern wieder, weil er auf etwas beruht, das, wenn auch nicht identisch mit dem Rationalismus, nicht unverbunden mit dem Skeptizismus ist. Es ist jedenfalls sehr eng verbunden mit dem Agnostizismus. Es beruht auf etwas, das wirklich ein sehr menschliches und verständliches Gefühl ist, wie die lokalen Anrufungen des numen im volkstümlichen Heidentum. Aber es ist ein agnostisches Gefühl, denn es beruht auf zwei Empfindungen: erstens, dass wir die Gesetze des Universums nicht wirklich kennen; und zweitens, dass sie sehr verschieden von allem sein könnten, was wir Vernunft nennen. Solche Menschen erkennen die reale Wahrheit, dass enorme Dinge manchmal von winzigen Dingen abhängen. Und wenn ein Flüstern kommt, aus der Tradition oder von was nicht sonst, dass ein bestimmtes winziges Ding der Schlüssel ist, dann sagt ihnen etwas Tiefes und nicht völlig Unsinniges in der menschlichen Natur, dass das nicht unwahrscheinlich ist. Dieses Gefühl existiert in beiden Formen des Heidentums, die hier betrachtet werden. Aber wenn wir zu seiner zweiten Form kommen, finden wir es verändert und erfüllt mit einem anderen und schrecklicheren Geist.

[…] Ohne Zweifel ist der meiste volkstümliche Aberglaube so frivol wie alle volkstümliche Mythologie. Die Menschen glauben nicht als Dogma, dass Gott sie dafür mit einem Blitz erschlagen würde, dass sie unter einer Leiter hindurchgehen; öfter amüsieren sie sich mit der nicht sehr anstrengenden Übung, um sie herum zu gehen. Darin liegt nicht mehr als was ich schon umrissen habe; eine Art von leichtfertigem Agnostizismus über die Möglichkeiten einer so seltsamen Welt. Aber es gibt eine andere Art von Aberglauben, der definitiv nach Ergebnissen sucht; was man einen realistischen Aberglauben nennen könnte. Und damit wird die Frage, ob Geister tatsächlich antworten oder erscheinen, sehr viel ernster. […]

Am Anfang trieb eine Art Impuls, vielleicht eine Art verzweifelter Impuls, die Menschen zu den dunkleren Mächten, wenn sie mit praktischen Problemen zu tun hatten. Da war eine Art von geheimem und perversem Gefühl, dass die dunkleren Mächte die Dinge wirklich erledigen würden; dass sie keinen Nonsens an sich hatten. Und tatsächlich bringt es dieser beliebte Ausdruck genau auf den Punkt. Die Götter der reinen Mythologie hatten einiges an Nonsens an sich. Sie hatten eine große Menge von gutem Nonsens an sich; im fröhlichen und lächerlichen Sinn, in dem wir vom Nonsens des Jabberwockys oder des Landes, wo die Zwerge leben, reden. Aber der Mann, der einen Dämon konsultierte, fühlte, was viele Männer dabei gefühlt haben, einen Detektiv zu konsultieren, vor allem einen Privatdetektiv; dass es schmutzige Arbeit war, aber dass die Arbeit wirklich erledigt werden würde. Ein Mann ging nicht direkt in den Wald, um eine Nymphe zu treffen; eher ging er mit der Hoffnung, eine Nymphe zu treffen. Es war eher ein Abenteuer als eine Verabredung. Aber der Teufel hielt seine Verabredungen ein und hielt in einem Sinn sogar seine Versprechungen; auch wenn ein Mensch hinterher manchmal wünschte, wie Macbeth, dass er sie gebrochen hätte.

[…] Aber mit der Idee, die Dämonen zu beauftragen, die die Dinge erledigen, erscheint eine neue Idee, den Dämonen würdiger. Sie kann tatsächlich wahrhaft beschrieben werden als die Idee, der Dämonen würdig zu sein; sich ihrer peniblen und anspruchsvollen Gesellschaft angemessen zu zeigen. […] Früher oder später macht ein Mensch sich ganz bewusst daran, das Abscheulichste zu tun, das er sich ausdenken kann. Man fühlt, dass das Extrem des Bösen eine Art von Aufmerksamkeit oder Antwort der bösen Mächte unter der Oberfläche der Welt erzwingen wird. Das ist die Bedeutung des meisten Kannibalismus in der Welt. Denn der meiste Kannibalismus ist keine primitive oder sogar tierische Gewohnheit. […] Die Menschen tun es nicht, weil sie es nicht für schrecklich halten; sondern, im Gegenteil, weil sie es für schrecklich halten. […] Deshalb sieht man oft, dass primitive Rassen wie die australischen Eingeborenen keine Kannibalen sind; während viel kultiviertere und intelligentere Rassen, wie die Maoris von Neuseeland, es gelegentlich sind. […] Sie handeln wie ein dekadenter Pariser bei einer Schwarzen Messe. […]

Man nehme zum Beispiel die Azteken und Indianer der alten Reiche von Mexiko und Peru. Sie waren mindestens so kultiviert wie Ägypten oder China und nur weniger lebendig als die zentrale Zivilisation, die unsere eigene ist. […] Man kann in der Mythologie dieser amerikanischen Zivilisation auch dieses Element der Verkehrung oder der Gewalt gegen den Instinkt bemerken, von dem Dante schrieb; das sich überall rückwärts durch die unnatürliche Religion der Dämonen zieht. Es ist bemerkenswert nicht nur in der Ethik, sondern auch in der Ästhetik. Ein südamerikanischer Götze wurde so hässlich wie möglich gemacht, so wie ein griechisches Bild so schön wie möglich gemacht wurde. Sie suchten das Geheimnis der Macht, indem sie rückwärts gegen ihre eigene Natur und die Natur der Dinge arbeiteten.“**

Opferung zu Ehren des Huitzilopochtli, um 1570

(Aztekische Opferzeremonie zu Ehren des Gottes Huitzilopochtli, Wikimedia Commons)

In C. S. Lewis’ Chroniken von Narnia habe ich es einmal so ausgedrückt gefunden: Hexen sind sehr praktisch veranlagt.

Sicherlich, in der Geschichte um das Goldene Kalb etwa geht es nicht gleich um Kinderopfer. Aber es geht auch hier um eine greifbare Alternative zu Jahwe, die zu essen garantieren soll; ganz nach Brecht: Erst kommt das Fressen, dann die Moral. Rinder galten damals als Garant von Wohlstand; die Verehrung von Stiergöttern (die Rede vom „Kalb“ ist vielleicht eine Ironisierung dieser Götter durch den Autor der Bibelstelle) war daher durchaus verbreitet. Man wollte Sicherheit – denn „dieser Mose, der Mann, der uns aus Ägypten heraufgebracht hat – wir wissen nicht, was mit ihm geschehen ist“ (Exodus 32,1). Und man bedenke dabei: Hier geschieht ein Bundesbruch direkt nach dem Bundesschluss, und nicht lange nachdem der Gott, mit dem man den Bund geschlossen hatte, das eigene Volk aus der Sklaverei heraus und durchs Rote Meer geführt, sich also sehr eindeutig als ein mächtiger, ihm wohlgesonnener Gott gezeigt hatte.

Jedenfalls, wenn man auf die Tiraden der Propheten gegen die Verehrung anderer Götter nur mit einem achselzuckenden „Meine Güte, da braucht man sich so doch nicht aufregen“ reagiert, sollte man sich a) fragen, ob sein eigener moralischer Kompass evtl. ein bisschen aus dem Lot sein könnte, und b) zum Vergleich die Stellen lesen, an denen die Propheten gegen Rechtsbeugung und Ausbeutung der Armen, Fremden, Witwen und Waisen wettern, und seine eigene Reaktion beobachten. Und wenn man auf diese Stellen dann auch mit einem achselzuckenden „Meine Güte, da braucht man sich so doch nicht aufregen“ reagiert, dann sollte man feststellen, dass der eigene moralische Kompass wirklich ernsthaft aus dem Lot ist.

Ich finde es auch ganz interessant, dass viele den ultimativen Beleg für die Unmenschlichkeit der Tora (oder auch der Scharia, im Übrigen) darin sehen, dass diese die Steinigung für Ehebrecher vorgesehen hat – nebenbei, für die Frau und den Mann. Sehen sie die darin für Mord vorgesehenen Strafen als ebenso unmenschlich? Ja, man kann beides als brutal sehen (was ich tue), aber wenn man das nur tut, weil man das Verbrechen nicht so schlimm findet, hat man etwas nicht verstanden. Ein großer Teil der modernen Welt hat meiner Meinung nach ein großes Verständnisproblem mit Johannes 8,1-11, der Geschichte mit Jesus und der Ehebrecherin und den Pharisäern und dem berühmten „Wer von euch ohne Sünde ist…“. Würden sie diese Geschichte noch ebenso mögen, wenn statt der Ehebrecherin jemand hergebracht worden wäre, der einen Raubüberfall oder einen Mord begangen hätte? Ich sag’ ja nur. Jesus sieht Ehebruch nicht als Lappalie, die man einfach übergehen kann; und gerade deshalb ist sein „Auch ich verurteile dich nicht. Geh und sündige von jetzt an nicht mehr!“ so revolutionär. Wenn man dagegen keine Sünde sieht, ist sie sehr leicht vergeben.

Empörung über das Böse ist etwas Gutes, sogar etwas Notwendiges. Wenn diese Empörung fehlt, kommt dabei so etwas heraus wie das deutsche Justizsystem, wo man für praktisch alles und jedes als Ersttäter mit guter Prognose mit Bewährung – also im Klartext ohne Strafe – davonkommt. Wer hat sich bitteschön nicht darüber aufgeregt, als vor nicht allzu langer Zeit ein Asylbewerber, der in einer Unterkunft ein sechsjähriges irakisches Mädchen sexuell missbraucht hatte, vor Gericht Bewährung bekam (während der Vater des Mädchens einige Monate zuvor von der Polizei erschossen worden war, als er den Täter hatte angreifen wollen)? Und wer hat sich bitteschön nicht gefreut, als etwas später die beiden Täter, die bei einem Autorennen in Berlin auf dem Ku’Damm mit 170 km/h ein Dutzend rote Ampeln überfahren und dabei einen unbeteiligten Autofahrer getötet hatten, wegen Mordes zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt wurden? Deshalb wird man bei der Bibellektüre ja auch feststellen, dass die Autoren der biblischen Texte sich oft weniger vor dem göttlichen Gericht ängstigen und vielmehr darüber jubilieren oder es herbeisehnen (am auffälligsten in den Psalmen). Sie befinden sich auf der Seite der Unterdrückten, die darauf hoffen, dass der gerechte Weltenrichter ihnen irgendwann am Ende doch Recht gegen ihre Unterdrücker verschaffen wird.

Alle Sünden (Mord ebenso wie Ehebruch) sind wirkliche Vergehen, bei denen Schaden angerichtet wird, der nicht einfach unter den Tisch gekehrt werden kann; nicht nur irgendwelche Taten, die Gott willkürlich verboten hat. Irgendetwas ist da, das bezahlt werden muss.

– Und das hat letztlich übrigens Jesus Christus am Kreuz bezahlt. -***

(Auf einige andere biblische Strafen durch Gott für irgendwelche seltsamen, für den Leser auf den ersten Blick nicht ganz verständlichen Vergehen werde ich noch in eigenen Beiträgen eingehen; Götzendienst etc. hier nur mal als ein Beispiel.)

 

D) Worin bestehen die biblischen Strafen, und sind sie ungerecht?

Hier muss man erst einmal deutlich zwischen einem Gericht nach dem Tod und innerweltlichem Gericht unterscheiden. Ersteres ist tatsächlich nicht allzu schwer zu erklären. Die Hölle ist einfach nur – s. Punkt B – das natürliche Resultat des Sich-von-Gott-Abwendens, und gleichzeitig das, was schwere Vergehen gerechterweise verdienen würden (s. Punkt C). Der Himmel besteht darin, Gott zu schauen; und die Hölle besteht darin, von ihm getrennt zu sein. Wenn man sich der Liebe verweigert, weigert man sich selbst, in den Himmel einzutreten. Menschen haben einen freien Willen bekommen, und wenn sich mit diesem freien Willen z. B. dafür entscheidet, sich selbst über alles andere zu stellen und das nicht bereut und sich nicht ändert, wird man in der Einsamkeit und Ruhelosigkeit des Zustands landen, den wir als die Hölle bezeichnen. (Wer immer noch Probleme mit dieser Vorstellung hat, dem empfehle ich zur weiteren Lektüre z. B. C. S. Lewis’ Buch „Über den Schmerz“ oder, deutlich kürzer, diese Katechese der Karl-Leisner-Jugend: „Erlösung – oder: Ist Hitler im Himmel?“ http://www.k-l-j.de/035_erloesung.htm Dieser Beitrag wird hier schon wieder übermäßig lang.)

Aber, wie gesagt, gerade im Alten Testament geht es oft um ein diesseitiges Gericht – wie die ägyptischen Plagen. Hier kann man den Grund an sich schon mal ganz gut nachvollziehen: Israel wird von den Ägyptern in Sklaverei gehalten, und sie lassen sie nicht ziehen. Sklaverei ist schlecht, ich denke, da sind wir uns alle einig; es wird wohl niemand ernsthaft den Pharao hier für den Guten halten wollen.

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/c/cf/Tissot_Pharaoh_and_His_Dead_Son.jpg

(James Tissot, Pharao and his dead son, Wikimedia Commons)

Aber das Problem, das man dennoch mit solchen Geschichten haben kann, liegt darin: Die Plagen treffen nicht nur den Pharao, auch nicht nur alle Ägypter, die helfen, die Israeliten zu unterdrücken oder davon profitierten, sondern alle Ägypter überhaupt – auch die Kinder. Man denke gerade an die letzte Plage: den Tod der Erstgeborenen. Diese Plage ist möglicherweise wörtlich zu verstehen, und möglicherweise als poetische Beschreibung einer Seuche, die nur die Ägypter traf und nicht die Hebräer; z. B. wird in 2 Samuel 24 eine Seuche auch mit einem Engel beschrieben, der durch Israel geht und die Pest bringt; und ebenfalls im Buch Exodus, als Mose nach der Erscheinung am brennenden Dornbusch auf Gottes Befehl nach Ägypten zurückkehrt, findet sich der seltsame Satz: „Unterwegs am Rastplatz trat der Herr dem Mose entgegen und wollte ihn töten.“ (Exodus 4,24) Das klingt schon ein wenig komisch – erst schickt Gott Mose auf eine Reise, und dann tritt er ihm in den Weg, um ihn umzubringen? Es handelt sich bei dieser Stelle um die Beschreibung einer schweren Krankheit – wie im letzten Teil erklärt, die Bibel beschreibt häufig alles, was das Schicksal so mit sich bringt, als Gottes Willen, auch wenn es nur unter Gottes „zulassenden“, nicht unter seinen direkt „verursachenden“, Willen fällt (Regel Numero 14 sollte beim Thema Gericht auch immer in Erinnerung behalten werden), da klargemacht werden soll, dass nichts gegen Gottes Willen geschehen kann. Auch bei der Geschichte mit Hananias und Sapphira in der Apostelgeschichte kann man übrigens annehmen, dass die beiden z. B. einfach einen Herzinfarkt oder Schlaganfall erlitten haben, als Petrus sie mit ihrer Lüge konfrontierte. Aber diese Frage spielt eigentlich keine so große Rolle. Egal, wie wörtlich oder im übertragenen Sinne man die zehnte Plage versteht, egal ob ein Todesengel durch die Straßen ging oder eine Seuche in Ägypten wütete, jedenfalls litten unter diesem von Gott zugelassenen Gericht auch Unschuldige.

Manche werden es vielleicht interessant finden, dass es auch in biblischen Zeiten schon die Ansicht gab: „Das kannst du doch nicht tun, die Gerechten zusammen mit den Ruchlosen umbringen. Dann ginge es ja dem Gerechten genauso wie dem Ruchlosen. Das kannst du doch nicht tun. Sollte sich der Richter über die ganze Erde nicht an das Recht halten?“ (Genesis 18,25) Das sagt Abraham zu Gott, der ihm erschienen ist und ihm im Lauf ihres Gesprächs anvertraut hat, dass er über die Städte Sodom und Gomorrha wegen derer zum Himmel schreiender Verbrechen Gericht halten will. „Vielleicht gibt es fünfzig Gerechte in der Stadt: Willst du auch sie wegraffen und nicht doch dem Ort vergeben wegen der fünfzig Gerechten dort?“, sagt Abraham (Genesis 18,24). Und Gott geht darauf ein – „Wenn ich in Sodom, in der Stadt, fünfzig Gerechte finde, werde ich ihretwegen dem ganzen Ort vergeben.“ (Genesis 18,26) Nach und nach handelt Abraham Gott auf zehn „Gerechte“ herunter, um deretwillen Er Sodom zu verschonen bereit wäre. Allerdings sind die einzigen Gerechten, die sich dann in Sodom finden, Lot mit Frau und Töchtern. Diese vier werden also aus der Stadt gerettet (Gott ist gerecht gegenüber den Unschuldigen, auch wenn sie nur so wenige sind), und sie wird zerstört. (Selbst diese „Gerechten“ sind übrigens interessanter keineswegs völlig gerecht: in Bezug auf Lot, siehe Genesis 19,8, in Bezug auf Lots Frau, Genesis 19,26, und in Bezug auf die Töchter, Genesis 19,31-36.)

Aber hier bleibt noch immer die Schwierigkeit: Auch wenn Lots Familie gerettet wurde, in Sodom wird es, wie in jeder größeren Gemeinschaft, zumindest eine gewisse Anzahl an Säuglingen und Kleinkindern gegeben haben, die definitiv auch unschuldig gewesen sein müssen, und die nicht gerettet wurden. In Bezug auf diese spezielle Geschichte könnte man nun vielleicht noch fragen, ob sie überhaupt völlig wörtlich-historisch gemeint ist, aber das löst das Problem in Bezug auf andere Gerichtstaten, wie die ägyptischen Plagen, nicht.

Ich denke, die Antwort, die es löst, ist relativ einfach und wird vielleicht manchen zu simpel vorkommen:

Regel Nummer 15: Es macht keinen Sinn, Gott dafür zu beschuldigen, dass er einem Menschen das Leben nimmt.

„Ich denke, dass das die häufigste Beweisführung ist hinter der Behauptung, dass Gottes Tötungen in der Bibel beweisen würden, dass er böse ist:

  1. Wenn eine Person wie du oder ich plötzlich Allmacht erhielte und jedes Lebewesen auf der Erde ertränkte oder alle Erstgeborenen in einer großen Stadt tötete, würde man uns für Monster halten.
  2. Gott ist eine Person mit denselben moralischen Pflichten wie Leute wie wir.
  3. Gott hat unschuldige Männer, Frauen und Kinder getötet.
  4. Daher ist Gott ein Monster.

[…] Das Argument funktioniert noch immer nicht, weil die zweite Prämisse falsch ist – Gott ist nicht einfach ein Mensch mit Superkräften, der sich zu verhalten hat wie alle anderen Menschen auch. Selbst unter Menschen gibt es Fälle, in denen eine Person mit der Befugnis dazu etwas tun darf, was jemand unter seiner Autorität nicht tun dürfte. Zum Beispiel dürfen Polizisten die Geschwindigkeitsbegrenzung missachten, um einen Verdächtigen zu fassen, oder ein Schulleiter darf den Unterricht an einem Tag ausfallen lassen, während ein Schüler das nicht darf.

Das Töten unschuldiger Menschen mag falsch für andere Menschen sein, aber es ist nicht falsch für Gott, weil Gott die schlussendliche Autorität über menschliches Leben besitzt. Tatsächlich klagen wir Leute, die in unethischer Weise menschliches Leben erschaffen oder zerstören, oft an, ‚Gott zu spielen’. Wir erkennen, dass sie nicht die Vollmacht besitzen, in derselben Weise gegenüber menschlichem Leben zu handeln wie Gott. Aber sicherlich hat Gott die Vollmacht, ‚sich selbst zu spielen’! […]

Gottes Macht ist nicht willkürlich, sondern ist identisch zu seiner Gutheit und seinem Willen (KKK**** 271). Er verdient unsere Anbetung, weil er die vollkommene und höchste Gewalt über unser Leben hat und nicht fähig ist, seine Allmacht für Böses zu benutzen. Tatsächlich ist ein Grund, zu glauben, dass Gott Autorität über unser Leben hat, dass er uns unser Leben zuallererst gegeben hat. […]

Wenn ein größerer Unterschied zwischen dem Geber und dem Empfänger eines Geschenks in Bezug auf Reife oder Autorität besteht, besitzt der Geber generell ein größeres Recht, das Geschenk zurückzuholen.

Wenn zum Beispiel eine Mutter ihrem dreijährigen Sohn ein Geschenk gibt, dann hat sie immer noch jedes Recht, es wieder zurückzunehmen. Sie tut das vielleicht, weil das Kind das Geschenk falsch gebraucht, oder weil es nicht gut für andere um das Kind herum ist, oder weil die Mutter etwas Besseres hat, das sie dem Kind geben will. Das Kind wird vielleicht nicht immer verstehen, was seine Mutter getan hat, und es wird vielleicht sogar denken, dass sie ungerecht ist, aber das liegt daran, dass ihm das Wissen und die Reife fehlen, ihre Handlungen zu verstehen. […]

Um eine vorige Analogie weiterzuführen, wenn ein Vater seinem Sohn ein Geschenk gibt, bedeutet die Tatsache, dass der Vater das Geschenk wieder wegnehmen darf, nicht, dass der ältere Bruder des Jungen das Recht hat, dasselbe zu tun. Vielleicht könnte der Bruder das Geschenk in seltenen Fällen wegnehmen, so, wenn sein jüngerer Bruder im Begriff ist, sich damit zu verletzen, aber der Bruder hätte nicht die selbe Autorität zum ‚Geschenk-Wegnehmen’ wie sein Vater.

In ähnlicher Weise können Menschen unter bestimmten Umständen in rechtmäßiger Weise anderen Menschen das Leben nehmen – zum Beispiel in einem gerechten Krieg, oder im Fall der Selbstverteidigung – aber nur Gott hat das Recht, unser Leben zu beenden, wenn er es für richtig hält.“*****

Leid ist weder ausschließlich, noch für alle, die davon betroffen sind, Gericht, sondern hat auch andere Bedeutungen und Zwecke. Gott ließ z. B. auch zu, dass durch die Sünden eines größeren Teils des deutschen Volkes letztlich eine Art „Gericht“ über das ganze deutsche Volk in Gestalt sämtlicher Folgen des Zweiten Weltkriegs (Bomben, Besatzung, etc.) kam. Auch unschuldige Kinder verloren damals vielleicht ihren Vater im Krieg, starben in den Bombennächten oder litten in der Kriegs- und Nachkriegszeit unter Hunger und Kälte. Für diese Kinder war dieses Leid kein Gericht, denn Gott ließ es für sie aus anderen Gründen zu als vielleicht für einen überzeugten Nazi. Aber Gott ließ es zu, weil es irgendeinen Zweck hatte, auch für die davon betroffenen Unschuldigen, und man kann es insgesamt als eine Art von „Gericht“ bezeichnen, weil es das Resultat von Sünden war. Ebenso waren auch die ägyptischen Plagen nicht im strengen Sinne für alle Ägypter „Gericht“, aber in einem anderen Sinne eben schon.

Wir erinnern uns: Hier geht es nur um innerweltliches Leid. Innerweltliches Leid kann manchmal eine Strafe sein, und oft ist es das auch nicht (ich habe hier https://nolitetimereweb.wordpress.com/2017/02/08/ueber-schwierige-bibelstellen-teil-6-das-fortschreiten-der-offenbarung-wie-wir-das-alte-testament-lesen-sollen/ schon erwähnt, wie im Lauf der Offenbarungsgeschichte die Erkenntnis kam, dass Leid nicht zwangsläufig eine Strafe sein muss), und es ist oft ungerecht verteilt, aber all das wird am Ende keine Rolle mehr spielen. Wieso sollten wir den ägyptischen Erstgeborenen nicht einmal im Himmel begegnen? Wer sagt denn, dass sie nicht seit ihrem Tod in unendlichem Glück leben?

Soviel allgemein hierzu. Ausführlicher als hier will ich zu einem Aspekt dieses Themas dann im folgenden Beitrag kommen, nämlich zur Frage, was die Bibel zu Bestrafung für die Sünden der Eltern sagt (speziell zur Erbsünde als Strafe für Adams und Evas Sünde), und in diesem Beitrag will ich dann auch ein wenig auf die allgemeine Frage, wieso Gott überhaupt menschliches Leid im Allgemeinen und den Tod im Speziellen zulässt, eingehen.

 

* C. S. Lewis, Gespräch mit Gott. Gedanken zu den Psalmen, Zürich und Düsseldorf 1999, S. 87.

** G. K. Chesterton, The everlasting man, London 1963, S. 134-139, Übersetzung von mir.

*** Auch wenn weltliche Strafen für Dinge wie Mord dadurch für eine Gesellschaft selbstverständlich nicht ganz obsolet geworden sind, ebenso wenig wie andere Arten von Wiedergutmachung im menschlichen Bereich.

**** „Katechismus der Katholischen Kirche.“ Nicht: „Ku Klux Klan.“ Nur damit das klar ist.

***** Trent Horn, Hard Sayings. A Catholic Approach to Answering Bible Difficulties, El Cajon, California, 2016, S. 291-296, Übersetzung von mir.

 

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3 Gedanken zu “Über schwierige Bibelstellen, Teil 9: Gericht, Verdammnis, und: Was war so schlimm an „Götzendienst“?

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