Über schwierige Bibelstellen, Teil 9: Gericht, Verdammnis, und: Was war so schlimm an „Götzendienst“?

[Dieser Teil wurde noch einmal überarbeitet; Kommentare können sich auf die ursprüngliche Fassung beziehen. Alle Teile hier.]

 

A) Die fraglichen Stellen

In der Bibel gibt es verschiedene Stellen, in denen göttliches Gericht angedroht oder durchgeführt wird. Die Geschichte von Sodom und Gomorrha wäre ein bekanntes Beispiel: „Der HERR sprach: Das Klagegeschrei über Sodom und Gomorra, ja, das ist angeschwollen und ihre Sünde, ja, die ist schwer. Ich will hinabsteigen und sehen, ob ihr verderbliches Tun wirklich dem Klagegeschrei entspricht, das zu mir gedrungen ist, oder nicht. Ich will es wissen. […] Als die Sonne über dem Land aufgegangen und Lot in Zoar angekommen war, ließ der HERR auf Sodom und Gomorra Schwefel und Feuer regnen, vom HERRN, vom Himmel herab. Er ließ ihre Städte einstürzen mitsamt ihrem ganzen Umkreis, auch alle Einwohner der Städte und alles, was auf den Feldern wuchs.“ (Genesis 18,20f.; 19,23-25)

Ein anderes Beispiel wären natürlich die im letzten Teil erwähnten ägyptischen Plagen; auch über Israels Nachbarvölker kommt später gelegentlich das göttliche Gericht oder es wird ihnen angedroht; und auch über Israel selber tatsächlich oft ebenso. „So spricht der HERR: Wegen der drei Verbrechen von Damaskus und wegen der vier nehme ich es nicht zurück: Weil sie Gilead mit eisernen Dreschschlitten zermalmten, darum schicke ich Feuer gegen Hasaëls Haus; es frisst Ben-Hadads Paläste.“ (Amos 1,3f.); „So spricht der HERR: Wegen der drei Verbrechen von Juda und wegen der vier nehme ich es nicht zurück: Weil sie die Weisung des HERRN missachteten und seine Gesetze nicht bewahrten, weil sie sich irreführen ließen von ihren Lügengöttern, denen schon ihre Väter gefolgt sind, darum schicke ich Feuer gegen Juda; es frisst Jerusalems Paläste.“ (Amos 2,4f.). (Man beachte die Parallelität der Stellen! Das auserwählte Volk wird hier jedenfalls nicht bevorzugt gegenüber den anderen Völkern behandelt.)

Ein klassisches Beispiel ist auch die Geschichte vom Goldenen Kalb. „Als das Volk sah, dass Mose noch immer nicht vom Berg herabkam, versammelte es sich um Aaron und sagte zu ihm: Komm, mach uns Götter, die vor uns herziehen. Denn dieser Mose, der Mann, der uns aus dem Land Ägypten heraufgeführt hat – wir wissen nicht, was mit ihm geschehen ist. Aaron antwortete: Nehmt euren Frauen, Söhnen und Töchtern die goldenen Ringe ab, die sie an den Ohren tragen, und bringt sie her! Da nahm das ganze Volk die goldenen Ohrringe ab und brachte sie zu Aaron. Er nahm sie aus ihrer Hand. Und er bearbeitete sie mit einem Werkzeug und machte daraus ein gegossenes Kalb. Da sagten sie: Das sind deine Götter, Israel, die dich aus dem Land Ägypten heraufgeführt haben. Als Aaron das sah, baute er vor ihm einen Altar und rief aus: Morgen ist ein Fest für den HERRN. Früh am Morgen standen sie auf, brachten Brandopfer dar und führten Tiere für das Heilsopfer herbei. Das Volk setzte sich zum Essen und Trinken und stand auf, um sich zu vergnügen. Da sprach der HERR zu Mose: Geh, steig hinunter, denn dein Volk, das du aus dem Land Ägypten heraufgeführt hast, läuft ins Verderben. Schnell sind sie von dem Weg abgewichen, den ich ihnen vorgeschrieben habe. Sie haben sich ein gegossenes Kalb gemacht, sich vor ihm niedergeworfen und ihm Opfer geschlachtet, wobei sie sagten: Das sind deine Götter, Israel, die dich aus dem Land Ägypten heraufgeführt haben. […] Mose kehrte zum HERRN zurück und sagte: Ach, dieses Volk hat eine große Sünde begangen. Götter aus Gold haben sie sich gemacht. Jetzt nimm ihre Sünde von ihnen! Wenn nicht, dann streich mich aus dem Buch, das du geschrieben hast. Der HERR antwortete Mose: Nur wer gegen mich gesündigt hat, den streiche ich aus meinem Buch. Aber jetzt geh, führe das Volk, wohin ich dir gesagt habe! Siehe, mein Engel wird vor dir hergehen. Am Tag meiner Heimsuchung werde ich ihre Sünde an ihnen heimsuchen. Der HERR schlug das Volk dafür, dass sie das Kalb gemacht hatten, das Aaron gemacht hatte.“ (Exodus 32,1-8.31-35)

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(James Tissot, The Golden Calf. Gemeinfrei.)

Das alles sind Beispiele von innerweltlichem Gericht – Tod, Krieg, Zerstörung, Seuchen werden gesandt als göttliche Strafen für irgendwelche Vergehen. Solche Stellen finden sich hauptsächlich im Alten Testament. Im Neuen dagegen finden sich zwar ebenso Stellen, in denen es um das Gericht geht, aber hier ist dann in aller Regel von einem Gericht nach dem Tod (bzw. der Wiederkunft Christi) die Rede:

  • Wer einem von diesen Kleinen, die an mich glauben, Ärgernis gibt, für den wäre es besser, wenn ihm ein Mühlstein um den Hals gehängt und er in der Tiefe des Meeres versenkt würde. Wehe der Welt wegen der Ärgernisse! Es muss zwar Ärgernisse geben; doch wehe dem Menschen, durch den das Ärgernis kommt! Wenn dir deine Hand oder dein Fuß Ärgernis gibt, dann hau sie ab und wirf sie weg! Es ist besser für dich, verstümmelt oder lahm in das Leben zu gelangen, als mit zwei Händen und zwei Füßen in das ewige Feuer geworfen zu werden. Und wenn dir dein Auge Ärgernis gibt, dann reiß es aus! Es ist besser für dich, einäugig in das Leben zu kommen, als mit zwei Augen in das Feuer der Hölle geworfen zu werden. Hütet euch davor, einen von diesen Kleinen zu verachten! Denn ich sage euch: Ihre Engel im Himmel sehen stets das Angesicht meines himmlischen Vaters.“ (Matthäus 18,6-10)
  • „Ihr Nattern, ihr Schlangenbrut! Wie wollt ihr dem Strafgericht der Hölle entrinnen?“ (Matthäus 23,33)
  • Wenn der Menschensohn in seiner Herrlichkeit kommt und alle Engel mit ihm, dann wird er sich auf den Thron seiner Herrlichkeit setzen. Und alle Völker werden vor ihm versammelt werden und er wird sie voneinander scheiden, wie der Hirt die Schafe von den Böcken scheidet.“ (Matthäus 25,31f.)
  • Wer ist denn der treue und kluge Knecht, den der Herr über sein Gesinde einsetzte, damit er ihnen zur rechten Zeit die Nahrung gebe? Selig der Knecht, den der Herr damit beschäftigt findet, wenn er kommt! Amen, ich sage euch: Er wird ihn über sein ganzes Vermögen einsetzen. Wenn aber der Knecht böse ist und in seinem Herzen sagt: Mein Herr verspätet sich! und anfängt, seine Mitknechte zu schlagen, und mit Zechern isst und trinkt, dann wird der Herr jenes Knechtes an einem Tag kommen, an dem er es nicht erwartet, und zu einer Stunde, die er nicht kennt; und der Herr wird ihn in Stücke hauen und ihm seinen Platz unter den Heuchlern zuweisen. Dort wird Heulen und Zähneknirschen sein.“ (Matthäus 24,45-51)
  • „Wenn der Herr des Hauses aufsteht und die Tür verschließt und ihr draußen steht, an die Tür klopft und ruft: Herr, mach uns auf!, dann wird er euch antworten: Ich weiß nicht, woher ihr seid. Dann werdet ihr anfangen zu sagen: Wir haben doch in deinem Beisein gegessen und getrunken und du hast auf unseren Straßen gelehrt. Er aber wird euch erwidern: Ich weiß nicht, woher ihr seid. Weg von mir, ihr habt alle Unrecht getan! Dort wird Heulen und Zähneknirschen sein, wenn ihr seht, dass Abraham, Isaak und Jakob und alle Propheten im Reich Gottes sind, ihr selbst aber ausgeschlossen seid.“ (Lukas 13,25-28)
  • „Weh dir, Chorazin! Weh dir, Betsaida! Denn wenn in Tyrus und Sidon die Machttaten geschehen wären, die bei euch geschehen sind – längst schon wären sie in Sack und Asche umgekehrt. Das sage ich euch: Tyrus und Sidon wird es am Tag des Gerichts erträglicher ergehen als euch. Und du, Kafarnaum, wirst du etwa bis zum Himmel erhoben werden? Bis zur Unterwelt wirst du hinabsteigen. Wenn in Sodom die Machttaten geschehen wären, die bei dir geschehen sind, dann stünde es noch heute. Das sage ich euch: Dem Gebiet von Sodom wird es am Tag des Gerichts erträglicher ergehen als dir.“ (Matthäus 11,21-24)

Alles Worte Jesu. Das ist bekanntlich nicht die einzige Art von Worten, die sich in den Evangelien findet, es gibt dort natürlich auch das „wer einem von diesen Kleinen auch nur einen Becher frisches Wasser zu trinken gibt, weil es ein Jünger ist – Amen, ich sage euch: Er wird gewiss nicht um seinen Lohn kommen“ (Matthäus 10,42) oder das „Als er die vielen Menschen sah, hatte er Mitleid mit ihnen; denn sie waren müde und erschöpft wie Schafe, die keinen Hirten haben“ (Matthäus 9,36) oder das „Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen und den glimmenden Docht nicht auslöschen“ (Matthäus 12,20) oder das „Kommt alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid! Ich will euch erquicken. […] Denn mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht.“ (Matthäus 11,28.30) oder das  Fürchte dich nicht, du kleine Herde! Denn euer Vater hat beschlossen, euch das Reich zu geben“ (Lukas 12,32). Aber es gibt eben auch solche Gerichtsworte im Neuen Testament, und gar nicht wenige davon finden sich in den Evangelien.

(Weitere gibt es v. a. in der Offenbarung des Johannes; aber es gibt davon mehr in den Evangelien als z. B. in den Apostelbriefen – einer der Gründe, aus denen es so lächerlich ist, wenn manche Exegeten die Gerichtsstellen als nachträglich von irgendwelchen Kirchenvorstehern eingefügt erklären wollen. Die frühen Kirchenvorsteher äußerten sich weniger zu Heulen und Zähneknirschen als der Herr, nach meinem Eindruck.)

Es gibt übrigens auch noch eine vereinzelte Stelle von innerweltlichem Gericht im NT: Die Geschichte mit Hananias und Sapphira, einem christliches Ehepaar, das die Apostel anlügt und dann tot umfällt; s. Apostelgeschichte 5,1-11.

In den letzten Teilen bin ich immer wieder schon auf einige Punkte zum Thema „Gericht“ in der Bibel eingegangen (v. a. in Teil 7). Hier jetzt noch einmal alles systematisch.

 

B) Was „Gericht“ bedeuten kann: Man erntet, was man sät

„Gericht“ kann zunächst einmal einfach die natürlichen Folgen schlechten Handelns bedeuten. „Siehe, hiermit lege ich dir heute das Leben und das Glück, den Tod und das Unglück vor […] Den Himmel und die Erde rufe ich heute als Zeugen gegen euch an. Leben und Tod lege ich dir vor, Segen und Fluch. Wähle also das Leben, damit du lebst, du und deine Nachkommen. Liebe den HERRN, deinen Gott, hör auf seine Stimme und halte dich an ihm fest; denn er ist dein Leben.“ (Deuteronomium 30,15.19f.) Wer andern eine Grube gräbt, fällt selbst hinein (das Sprichwort hat seinen Ursprung in Sprichwörter 26,27); wer einmal lügt, dem glaubt man nicht; Hochmut kommt vor dem Fall (ebenfalls biblisch, Sprichwörter 16,18). Dieses Prinzip galt nicht nur in biblischen Zeiten. Wenn ein Staat Minderheiten ungerecht behandelt, kann irgendwann ein bewaffneter Konflikt herauskommen – wenn man eins seiner Kinder gegenüber den anderen zurücksetzt, ist es unwahrscheinlich, dass es sich um einen sorgen wird, wenn man alt und krank ist – wenn man seinen Freunden gegenüber unzuverlässig ist, werden sie einem auch nicht mehr helfen wollen; kurz: Böses Handeln, ob aus Gleichgültigkeit, Hass, Neid oder welchen Motiven auch immer, trägt oft seine eigene Strafe in sich. Und das betrifft nicht nur die Konsequenzen: Es macht auch selbst nicht glücklich. Jemand, der neidisch, geizig, ehrsüchtig oder hasserfüllt ist, ist nicht glücklich. Sünde ist oft wie eine Sucht, die immer mehr verlangt, einen immer mehr verzehrt, und einen dabei immer unglücklicher macht. Das liegt in der Natur der Sache.

Ein biblisches Beispiel, wo sich eine Untat von selbst rächt, wäre die Geschichte von Josephs Brüdern, die Joseph zuerst in eine Zisterne werfen und dann an Sklavenhändler verkaufen, und dem Vater, dessen Liebling er war, weismachen, er sei von einem wilden Tier getötet worden. Jahre später, in der Zeit einer Hungersnot, sind sie dann auf ihren kleinen Bruder angewiesen, der inzwischen Wesir in Ägypten geworden ist, wo sie Getreide für ihre Sippe kaufen wollen. Als der ägyptische Wesir, den sie nicht erkennen, sie mit Anschuldigungen und Drohungen („Spione seid ihr“, Genesis 42,9) empfängt, anstatt ihnen Getreide verkaufen zu wollen, erkennen sie das als Gottes gerechte Strafe für ihr Tun an, auch wenn ihnen die ganzen Zusammenhänge noch nicht klar sind. „Sie sagten zueinander: Ach ja, wir sind an unserem Bruder schuldig geworden. Wir haben zugesehen, wie er sich um sein Leben ängstigte. Als er uns um Erbarmen anflehte, haben wir nicht auf ihn gehört. Darum ist nun diese Angst über uns gekommen. Ruben entgegnete ihnen: Habe ich euch nicht gesagt: Versündigt euch nicht an dem Kind! Ihr aber habt nicht gehört. Seht, nun wird sein Blut von uns gefordert. Sie aber wussten nicht, dass Josef zuhörte, denn zwischen ihnen vermittelte ein Dolmetscher. Er wandte sich von ihnen ab und weinte.“ (Genesis 42,21-24) Na ja, Joseph zeigt sich dann ja doch noch versöhnlich, als er seine Brüder durch einen Trick auf die Probe gestellt hat und merkt, dass sein älterer Bruder Juda nun inzwischen versucht, den jüngsten (am Verkauf Josephs nicht beteiligten) Bruder Benjamin, der Josephs Platz als Lieblingssohn des Vaters eingenommen hat, zu schützen (anstatt ihn, wie den früheren Lieblingssohn des Vaters, seinem Schicksal zu überlassen). „Josef sagte zu seinen Brüdern: Ich bin Josef. Ist mein Vater noch am Leben? Seine Brüder waren nicht fähig, ihm zu antworten, weil sie fassungslos vor ihm standen. Josef sagte zu seinen Brüdern: Kommt doch näher zu mir her! Als sie näher herangetreten waren, sagte er: Ich bin Josef, euer Bruder, den ihr nach Ägypten verkauft habt. Jetzt aber schmerze es euch nicht und es brenne nicht in euren Augen, weil ihr mich hierher verkauft habt. Denn um Leben zu erhalten, hat mich Gott vor euch hergeschickt.“ (Genesis 45,3-5) Das alles geht doch noch gut aus, aber es ist durchaus ein Beispiel, wie sich böse Taten rächen können.

Ein anderes mögliches Beispiel aus späterer Zeit wäre: Das Königreich Israel schließt gegen den Willen Gottes ein Bündnis mit Ägypten, weil es sich davon Hilfe gegen Assur verspricht, und wird dann von Ägypten im Stich gelassen, was von vornherein vorauszusehen gewesen wäre. „Wehe den störrischen Söhnen – Spruch des HERRN – , die einen Plan ausführen, der nicht von mir ist, und ein Trankopfer ausgießen, aber ohne meinen Geist, um Sünde auf Sünde zu häufen! Die sich auf den Weg hinunter nach Ägypten machen – meinen Mund hatten sie nicht befragt – , um sich zu bergen im Schutz des Pharao und Zuflucht zu suchen im Schatten Ägyptens. Doch wird euch der Schutz des Pharao zur Schande und die Zuflucht im Schatten Ägyptens zur Schmach. Wenn auch seine Fürsten in Zoan waren und seine Boten Hanes erreichten, so wurde doch jeder zuschanden an dem Volk, das ihnen nicht nützt, das nicht zur Hilfe und nicht zum Nutzen dient, sondern nur zur Schande und gar zum Hohn.“ (Jesaja 30,1-5)

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(Gustave Doré, Joseph offenbart sich seinen Brüdern. Gemeinfrei.)

 

C) Gericht wofür eigentlich?

Wenn man manchmal den Eindruck hat, dass der Gott der Bibel irgendwie brutal zu sein scheint, dann liegt das oft genug daran, dass man den Grund für die Gerichtsankündigungen nicht ganz kennt. Oft hilft es, sich anzusehen, wofür genau denn das Gericht so angekündigt wird. Ein paar Beispielstellen aus dem AT:

  • An der oben zitierten Stelle aus Amos 2 heißt es z. B. noch über Israel: „So spricht der HERR: Wegen der drei Verbrechen von Israel und wegen der vier nehme ich es nicht zurück: Weil sie den Unschuldigen für Geld verkaufen und den Armen wegen eines Paars Sandalen, weil sie den Kopf des Geringen in den Staub treten und das Recht der Schwachen beugen. Sohn und Vater gehen zum selben Mädchen, um meinen heiligen Namen zu entweihen. Sie strecken sich auf gepfändeten Kleidern aus neben jedem Altar, Wein von Bußgeldern trinken sie im Haus ihres Gottes.“ (Amos 2,6-8)
  • Wascht euch, reinigt euch! Schafft mir eure bösen Taten aus den Augen! Hört auf, Böses zu tun! Lernt, Gutes zu tun! Sucht das Recht! Schreitet ein gegen den Unterdrücker! Verschafft den Waisen Recht, streitet für die Witwen! (Jesaja 1,16f.)
  • „So spricht der HERR: Was fanden eure Väter Unrechtes an mir, dass sie sich von mir entfernten, nichtigen Göttern nachliefen und so selber zunichte wurden?“ (Jeremia 2,5)
  • Wehe denen, die das Böse gut und das Gute böse nennen, die die Finsternis zum Licht und das Licht zur Finsternis machen, die das Bittere süß und das Süße bitter machen. Wehe denen, die in ihren eigenen Augen weise sind und sich selbst für klug halten. Wehe denen, die Helden sind im Weintrinken und Kraftprotze im Mischen von Rauschtrank, die dem Schuldigen gegen Bestechung Recht zusprechen und Gerechten die Gerechtigkeit vorenthalten. Darum: Wie des Feuers Zunge Stoppeln frisst und wie Heu in der Flamme zusammensinkt, so wird ihre Wurzel wie Moder sein und ihre Blüte wie Staub auffliegen. Denn verworfen haben sie die Weisung des HERRN der Heerscharen und das Wort des Heiligen Israels verschmäht.“ (Jesaja 5,20-24)
  • Hört das Wort des HERRN, ihr Söhne Israels! Denn der HERR verklagt die Bewohner des Landes: Es gibt keine Treue und keine Liebe und keine Gotteserkenntnis im Land. Nein, Fluch, Lüge, Mord, Diebstahl und Ehebruch machen sich bereit, Bluttat reiht sich an Bluttat. […] Wein und Most rauben meinem Volk den Verstand: Es befragt sein Holz und sein Stock soll ihm Auskunft geben. Ja, der Geist der Unzucht führt es irre. Unzucht haben sie getrieben und ihren Gott verlassen. Sie feiern Schlachtopfer auf den Höhen der Berge, auf den Hügeln bringen sie Räucheropfer dar, unter Terebinthen, Storaxbäumen und Eichen – ihr Schatten ist ja so angenehm. Darum treiben eure Töchter Unzucht und eure Schwiegertöchter Ehebruch. Aber ich suche eure Töchter nicht dafür heim, dass sie Unzucht treiben, und nicht eure Schwiegertöchter dafür, dass sie die Ehe brechen; denn sie selbst [die Priester] gehen mit den Dirnen beiseite, mit den geweihten Frauen bringen sie Schlachtopfer dar. So stürzt das unwissende Volk ins Verderben.“ (Hosea 4,1f.11-14)
  • Jetzt gilt dieses Gebot für euch, ihr Priester: Wenn ihr nicht hört und nicht von Herzen darauf bedacht seid, meinen Namen in Ehren zu halten – spricht der HERR der Heerscharen – , dann schleudere ich meinen Fluch gegen euch und verfluche den Segen, der auf euch ruht; ja, ich habe ihn schon verflucht, weil ihr nicht von Herzen darauf bedacht seid. […] Ja, die Lippen des Priesters bewahren Erkenntnis und aus seinem Mund erwartet man Weisung; denn er ist der Bote des HERRN der Heerscharen. Ihr aber, ihr seid abgewichen vom Weg, ihr habt viele zu Fall gebracht durch eure Weisung; ihr habt den Bund Levis zunichte gemacht, spricht der HERR der Heerscharen. Darum mache ich euch verächtlich und erniedrige euch vor dem ganzen Volk, so wie ihr euch nicht an meine Wege haltet und auf die Person seht bei der Weisung. […] Treulos hat Juda gehandelt und Gräueltaten sind in Israel und in Jerusalem geschehen: Denn Juda hat das Heiligtum des HERRN, das er liebt, entweiht und die Tochter eines fremden Gottes zur Frau genommen. […] Außerdem tut ihr noch dies: Ihr bedeckt den Altar des HERRN mit Tränen, mit Weinen und Klagen, weil er sich eurem Opfer nicht mehr zuwendet und es nicht mehr gnädig annimmt aus eurer Hand. Und wenn ihr fragt: Warum?: Weil der HERR Zeuge war zwischen dir und der Frau deiner Jugend, an der du treulos handelst, obwohl sie deine Gefährtin ist, die Frau, mit der du einen Bund geschlossen hast. […] Wenn einer seine Frau aus Abneigung verstößt, spricht der HERR, Israels Gott, dann bedeckt er sein Gewand mit Gewalttat, spricht der HERR der Heerscharen. Bewahrt euch also euren verständigen Geist und handelt nicht treulos! Ihr ermüdet den HERRN mit euren Reden und ihr fragt: Wodurch ermüden wir ihn? Dadurch, dass ihr sagt: Jeder, der Böses tut, ist gut in den Augen des HERRN, an solchen Leuten hat er Gefallen. Oder: Wo ist denn Gott, der Gericht hält?“ (Maleachi 2,1f.7-9.11.13f.-16-17)

Und hier aus dem NT:

  • Ihr aber, ihr Reichen, weint nur und klagt über das Elend, das über euch kommen wird! Euer Reichtum verfault und eure Kleider sind von Motten zerfressen, euer Gold und Silber verrostet. Ihr Rost wird als Zeuge gegen euch auftreten und euer Fleisch fressen wie Feuer. Noch in den letzten Tagen habt ihr Schätze gesammelt. Siehe, der Lohn der Arbeiter, die eure Felder abgemäht haben, der Lohn, den ihr ihnen vorenthalten habt, schreit zum Himmel; die Klagerufe derer, die eure Ernte eingebracht haben, sind bis zu den Ohren des Herrn Zebaoth gedrungen. Ihr habt auf Erden geschwelgt und geprasst und noch am Schlachttag habt ihr eure Herzen gemästet. Verurteilt und umgebracht habt ihr den Gerechten, er aber leistete euch keinen Widerstand.“ (Jakobus 5,1-6)
  • Und da sie es nicht für wert erachteten, sich gemäß ihrer Erkenntnis an Gott zu halten, lieferte Gott sie einem haltlosen Denken aus, sodass sie tun, was sich nicht gehört: Sie sind voll Ungerechtigkeit, Schlechtigkeit, Habgier und Bosheit, voll Neid, Mord, Streit, List und Tücke, sie verleumden und treiben üble Nachrede, sie hassen Gott, sind überheblich, hochmütig und prahlerisch, erfinderisch im Bösen und ungehorsam gegen die Eltern, sie sind unverständig und haltlos, ohne Liebe und Erbarmen. Sie erkennen, dass Gottes Rechtsordnung bestimmt: Wer so handelt, verdient den Tod. Trotzdem tun sie es nicht nur selbst, sondern stimmen bereitwillig auch denen zu, die so handeln.“ (Römer 1,28-32)
  • „Aber die Feiglinge und Treulosen, die Befleckten, die Mörder und Unzüchtigen, die Zauberer, Götzendiener und alle Lügner – ihr Los wird der See von brennendem Schwefel sein. Dies ist der zweite Tod.“ (Offenbarung 21,8)
  • Hier noch die berühmteste Stelle, aus der Rede des Herrn vom Weltgericht in Matthäus 25: Dann wird er zu denen auf der Linken sagen: Geht weg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das für den Teufel und seine Engel bestimmt ist! Denn ich war hungrig und ihr habt mir nichts zu essen gegeben; ich war durstig und ihr habt mir nichts zu trinken gegeben; ich war fremd und ihr habt mich nicht aufgenommen; ich war nackt und ihr habt mir keine Kleidung gegeben; ich war krank und im Gefängnis und ihr habt mich nicht besucht. Dann werden auch sie antworten: Herr, wann haben wir dich hungrig oder durstig oder fremd oder nackt oder krank oder im Gefängnis gesehen und haben dir nicht geholfen? Darauf wird er ihnen antworten: Amen, ich sage euch: Was ihr für einen dieser Geringsten nicht getan habt, das habt ihr auch mir nicht getan. Und diese werden weggehen zur ewigen Strafe, die Gerechten aber zum ewigen Leben.“ (Matthäus 25,41-46)

Zusammenfassend: Am häufigsten verurteilt werden in der Bibel, v. a. bei den alttestamentlichen Propheten, Götzendienst, Rechtsbeugung und Unterdrückung der Armen (ggf. bei gleichzeitiger pharisäerhafter Erfüllung sämtlicher Opfervorschriften). Dann kommen solche Dinge wie Gewalttaten und Mord, Habgier, Hochmut, verschiedenes, was man unter dem Oberbegriff „Unzucht“ zusammenfassen könnte, Lügen und Betrug, Gleichgültigkeit gegenüber Gott und Verfälschung der göttlichen Botschaft (durch Priester und Propheten im Besonderen), ganz allgemein Gleichgültigkeit gegenüber dem Leid anderer (Matthäus 25!), und Ähnliches. Dann kommen noch an einzelnen Stellen solche Dinge wie Mischehen mit heidnischen Frauen, Ehescheidung, homosexuelle Handlungen, Inzest, und verschiedenes Andere.

Einige der „Verurteilungen“ oben findet der durchschnittliche postmoderne Deutsche wahrscheinlich auch noch irgendwie verständlich, ganz okay oder sogar sehr gut – die Tirade im Jakobusbrief gegen das Vorenthalten des gerechten Lohns vielleicht, oder Jesu „Was ihr für einen dieser Geringsten nicht getan habt, das habt ihr auch mir nicht getan“. Größere Schwierigkeiten hätte er dagegen wohl mit den gegen Götzendienst wetternden Propheten. Okay, die Israeliten hatten irgendwelche Bildnisse anderer Götter, Kälber und was sonst noch. Und weiter? Dieser Gott, der sie dafür bestraft, wirkt irgendwie recht kleinlich und eifersüchtig hier, oder nicht?

Aber eine solche Reaktion zeigt vor allem Unwissenheit in Bezug darauf, was das so für Götter waren und wie – und wieso – sie verehrt wurden. Wenn die Israeliten andere Götter verehrten, dann nicht deshalb, weil sie sich irgendwie davon überzeugt hätten, dass diese Götter existierten anstelle ihres früheren Gottes Jahwe oder zusätzlich zu diesem, und es als ihre religiöse Gewissenspflicht empfunden hätten, (auch) zu denen zu beten.

An diese Götter wandte man sich, weil man etwas von ihnen wollte. Sicher, man hatte mit Jahwe einen Bund geschlossen, aber irgendwie war das ja doch eine recht unsichere Sache; Mose war schon so lange auf dem Berg und man hörte nichts von ihm und man befand sich jetzt mitten in der Wüste; oder die politische Situation war unsicher und die Assyrer eroberten immer mehr Gebiete; und Jahwe antwortete nicht. Er hatte nicht einmal ein Götterbild, er war ein ferner, unbegreiflicher Gott, dem Israel egal zu sein schien und der sich nicht durch Opfer zu dem bewegen ließ, was man von ihm wollte, oder er schien vielleicht auch einfach zu schwach zu sein, um dem Volk zu helfen. Man wollte etwas Greifbares, etwas worauf man sich verlassen konnte – Götter, die für Wohlstand und Macht sorgten – oder manchmal auch einfach nur dafür, dass man nicht verhungerte und von den Feinden überrannt wurde. Und dafür nahm man zu manchen Zeiten auch verschiedene Dinge in Kauf.

„Die Versuchung bestand darin, in Schreckenszeiten – wenn zum Beispiel die Assyrer vorstießen – zu solchen grauenvollen Riten Zuflucht zu nehmen. Wir [die Engländer], die wir vor nicht allzu langer Zeit [im 2. Weltkrieg, das wurde 1958 geschrieben] täglich die Invasion eines Feindes erwartet haben, der ähnlich den Assyrern für systematische Grausamkeit bekannt und darin geschult war – wir wissen, wie ihnen zumute gewesen sein mag. Sie waren versucht – da der Herr taub schien –, jene grausigen Gottheiten anzugehen, die so viel mehr forderten und daher vielleicht auch mehr gewähren mochten. Betrachtete aber ein Jude solche Kulte zu glücklicherer Stunde oder ein besserer Jude sogar zu eben jener – dachte er an Tempelprostitution, Tempelsodomie und an die Kinder, die dem Moloch ins Feuer geworfen wurden –, so musste ihm sein eigenes ‚Gesetz’, wenn er sich ihm wieder zuwandte, in außergewöhnlichem Glanz erstrahlen.“*

Man sehe sich mal die Beschreibungen der verschiedenen Kulte anderer Götter an bei den Propheten an:  „Ja, die Söhne Judas taten, was böse ist in meinen Augen – Spruch des HERRN. Sie haben in dem Haus, über dem mein Name ausgerufen ist, ihre Scheusale aufgestellt, um es zu entweihen. Auch haben sie die Kulthöhen des Tofet im Tal Ben-Hinnom gebaut, um ihre Söhne und ihre Töchter im Feuer zu verbrennen, was ich nie befohlen habe und was mir niemals in den Sinn gekommen ist.“ (Jeremia 7,30f.) Noch häufiger als die Beschreibung von Menschenopfern ist die Beschreibung von Tempelprostitution; sie kam wahrscheinlich auch öfter vor als das Verbrennen von Babys, zu dem man offenbar auch damals nur Zuflucht nahm, wenn einem sonst nichts mehr einfiel und die Situation immer düsterer aussah. Für solche Stellen siehe z. B. oben in Hosea 4, oder auch in Ezechiel 16 – das ist mal wirklich ein Text, der nicht unbedingt für den Kindergottesdienst geeignet ist. Es ist kein Wunder, dass in der Bibel so oft das Bild des Ehebruchs für die Untreue gegenüber Jahwe verwendet wird; das bot sich nicht nur wegen der Natur des Gottesbundes an, sondern auch wegen der Art der anderen Kulte, zu denen die Leute abfielen. Dann kamen auch Wahrsagerei und Totenbeschwörung vor.

A tophet, or infant burial ground, at Carthage.

(„Tophet“, d. h. Opferstätte, in der phönizischen Stadt Karthago, wo bei Ausgrabungen zahlreiche Säuglings- und Tierskelette gefunden wurden; Quelle hier.)

Götzendienst im AT bedeutete Dienst an schrecklichen Göttern, und er bedeutete außerdem schon seiner Natur nach grundsätzlich ein Misstrauen gegenüber dem wahren Gott, Untreue ihm gegenüber, mit dem allein man einen Bund geschlossen hatte. Sicher, man verehrte ihn vielleicht auch noch nebenbei, aber man musste eben auch zu anderen Dingen greifen, wenn man für seine Sicherheit vorsorgen wollte, so genau musste man den Bund ja auch nicht nehmen.

Für uns heute ist das Niederfallen vor goldenen Kälbern und ritueller Geschlechtsverkehr unter heiligen Eichen und das Verbrennen von Babys auf Kulthöhen unverständlich, weil wir nicht an Moloch, Baal und Aschera glauben. Aber dieselbe Denkweise ist immer am Werk, wenn man irgendein Gebot Gottes bricht, weil man es nun mal für notwendig hält, um für sein Auskommen oder seine Sicherheit zu sorgen. Wenn man in einem Krieg – nehmen wir ruhig einen gerechten Krieg, sagen wir mal, England im Zweiten Weltkrieg gegen Nazideutschland, oder Ähnliches – Bomben oder Atombomben auf die Zivilbevölkerung wirft oder gefangene Feinde foltert oder tötet, um nicht von seinem grausamen Feind besiegt zu werden, dann dient man dem Moloch. Wenn man Waterboarding im Kampf gegen den Terror verwendet, dient man dem Moloch. Wenn man ein Kind abtreibt, weil man sich um seine Gesundheit, sein Leben, seine finanzielle oder soziale Zukunft (und das alles sind sehr unterschiedliche Dinge) sorgt, dient man dem Moloch. In Kolosser 3,5 nennt Paulus die Habsucht „Götzendienst“; und das ist sie auch. Wann immer man Böses tut, damit Gutes daraus entsteht, wann immer man den zwar-eigentlich-nicht-ganz-korrekten, aber dafür Erfolg versprechenden Weg nimmt, dient man dem Moloch.

(Und, na ja, wenn man ehrlich ist, ist es ja auch nicht so, dass Aberglaube, in seinen harmlosen Formen ebenso wie in seinen okkulten oder satanistischen Formen, heute überhaupt nicht mehr existieren würde.)

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(Babylonische Darstellung eines Kinderopfers, Quelle hier.)

Ich finde, dass G. K. Chesterton in „The everlasting man“ die Denkweise hinter der Verehrung solcher Götter oder Geister sehr gut erfasst hat.

„Der Aberglaube kehrt in jedem Zeitalter wieder, vor allem in rationalistischen. Ich erinnere mich, dass ich die religiöse Tradition gegen einen ganzen Tisch angesehener Agnostiker verteidigte; und noch vor dem Ende unserer Unterhaltung hatte jeder einzelne von ihnen aus seinen Taschen ein Amulett oder einen Talisman gezogen oder so etwas an seiner Uhrkette hergezeigt, von dem er zugab, dass er nie davon getrennt war. Ich war die einzige anwesende Person ohne einen Fetisch. Der Aberglaube kehrt in rationalistischen Zeitaltern wieder, weil er auf etwas beruht, das, wenn auch nicht identisch mit dem Rationalismus, nicht unverbunden mit dem Skeptizismus ist. Es ist jedenfalls sehr eng verbunden mit dem Agnostizismus. Es beruht auf etwas, das wirklich ein sehr menschliches und verständliches Gefühl ist, wie die lokalen Anrufungen des numen im volkstümlichen Heidentum. Aber es ist ein agnostisches Gefühl, denn es beruht auf zwei Empfindungen: erstens, dass wir die Gesetze des Universums nicht wirklich kennen; und zweitens, dass sie sehr verschieden von allem sein könnten, was wir Vernunft nennen. Solche Menschen erkennen die reale Wahrheit, dass enorme Dinge manchmal von winzigen Dingen abhängen. Und wenn ein Flüstern kommt, aus der Tradition oder von was nicht sonst, dass ein bestimmtes winziges Ding der Schlüssel ist, dann sagt ihnen etwas Tiefes und nicht völlig Unsinniges in der menschlichen Natur, dass das nicht unwahrscheinlich ist. Dieses Gefühl existiert in beiden Formen des Heidentums, die hier betrachtet werden. Aber wenn wir zu seiner zweiten Form kommen, finden wir es verändert und erfüllt mit einem anderen und schrecklicheren Geist.

[…] Ohne Zweifel ist der meiste volkstümliche Aberglaube so frivol wie alle volkstümliche Mythologie. Die Menschen glauben nicht als Dogma, dass Gott sie dafür mit einem Blitz erschlagen würde, dass sie unter einer Leiter hindurchgehen; öfter amüsieren sie sich mit der nicht sehr anstrengenden Übung, um sie herum zu gehen. Darin liegt nicht mehr als was ich schon umrissen habe; eine Art von leichtfertigem Agnostizismus über die Möglichkeiten einer so seltsamen Welt. Aber es gibt eine andere Art von Aberglauben, der definitiv nach Ergebnissen sucht; was man einen realistischen Aberglauben nennen könnte. Und damit wird die Frage, ob Geister tatsächlich antworten oder erscheinen, sehr viel ernster. […]

Am Anfang trieb eine Art Impuls, vielleicht eine Art verzweifelter Impuls, die Menschen zu den dunkleren Mächten, wenn sie mit praktischen Problemen zu tun hatten. Da war eine Art von geheimem und perversem Gefühl, dass die dunkleren Mächte die Dinge wirklich erledigen würden; dass sie keinen Nonsens an sich hatten. Und tatsächlich bringt es dieser beliebte Ausdruck genau auf den Punkt. Die Götter der reinen Mythologie hatten einiges an Nonsens an sich. Sie hatten eine große Menge von gutem Nonsens an sich; im fröhlichen und lächerlichen Sinn, in dem wir vom Nonsens des Jabberwockys oder des Landes, wo die Zwerge leben, reden. Aber der Mann, der einen Dämon konsultierte, fühlte, was viele Männer dabei gefühlt haben, einen Detektiv zu konsultieren, vor allem einen Privatdetektiv; dass es schmutzige Arbeit war, aber dass die Arbeit wirklich erledigt werden würde. Ein Mann ging nicht direkt in den Wald, um eine Nymphe zu treffen; eher ging er mit der Hoffnung, eine Nymphe zu treffen. Es war eher ein Abenteuer als eine Verabredung. Aber der Teufel hielt seine Verabredungen ein und hielt in einem Sinn sogar seine Versprechungen; auch wenn ein Mensch hinterher manchmal wünschte, wie Macbeth, dass er sie gebrochen hätte.

[…] Aber mit der Idee, die Dämonen zu beauftragen, die die Dinge erledigen, erscheint eine neue Idee, den Dämonen würdiger. Sie kann tatsächlich wahrhaft beschrieben werden als die Idee, der Dämonen würdig zu sein; sich ihrer peniblen und anspruchsvollen Gesellschaft angemessen zu zeigen. […] Früher oder später macht ein Mensch sich ganz bewusst daran, das Abscheulichste zu tun, das er sich ausdenken kann. Man fühlt, dass das Extrem des Bösen eine Art von Aufmerksamkeit oder Antwort der bösen Mächte unter der Oberfläche der Welt erzwingen wird. Das ist die Bedeutung des meisten Kannibalismus in der Welt. Denn der meiste Kannibalismus ist keine primitive oder sogar tierische Gewohnheit. […] Die Menschen tun es nicht, weil sie es nicht für schrecklich halten; sondern, im Gegenteil, weil sie es für schrecklich halten. […] Deshalb sieht man oft, dass primitive Rassen wie die australischen Eingeborenen keine Kannibalen sind; während viel kultiviertere und intelligentere Rassen, wie die Maoris von Neuseeland, es gelegentlich sind. […] Sie handeln wie ein dekadenter Pariser bei einer Schwarzen Messe. […]

Man nehme zum Beispiel die Azteken und Indianer der alten Reiche von Mexiko und Peru. Sie waren mindestens so kultiviert wie Ägypten oder China und nur weniger lebendig als die zentrale Zivilisation, die unsere eigene ist. […] Man kann in der Mythologie dieser amerikanischen Zivilisation auch dieses Element der Verkehrung oder der Gewalt gegen den Instinkt bemerken, von dem Dante schrieb; das sich überall rückwärts durch die unnatürliche Religion der Dämonen zieht. Es ist bemerkenswert nicht nur in der Ethik, sondern auch in der Ästhetik. Ein südamerikanischer Götze wurde so hässlich wie möglich gemacht, so wie ein griechisches Bild so schön wie möglich gemacht wurde. Sie suchten das Geheimnis der Macht, indem sie rückwärts gegen ihre eigene Natur und die Natur der Dinge arbeiteten.“**

Opferung zu Ehren des Huitzilopochtli, um 1570

(Aztekische Opferzeremonie zu Ehren des Gottes Huitzilopochtli. Gemeinfrei.)

In C. S. Lewis’ Chroniken von Narnia habe ich es einmal so ausgedrückt gefunden: Hexen sind sehr praktisch veranlagt.

Sicherlich, in der Geschichte um das Goldene Kalb etwa geht es nicht gleich um Kinderopfer. Aber es geht auch hier um eine greifbare Alternative zu Jahwe, die zu essen garantieren soll; ganz nach Brecht: Erst kommt das Fressen, dann die Moral. Rinder galten damals als Garant von Wohlstand; die Verehrung von Stiergöttern (die Rede vom „Kalb“ ist vielleicht eine Ironisierung dieser Götter durch den Autor der Bibelstelle) war daher durchaus verbreitet. Man wollte Sicherheit – denn „dieser Mose, der Mann, der uns aus dem Land Ägypten heraufgeführt hat – wir wissen nicht, was mit ihm geschehen ist“ (Exodus 32,1). Und deshalb wurde man Gott untrei. Hier geschieht ein Bundesbruch direkt nach dem Bundesschluss, nicht lange nachdem der Gott, mit dem man den Bund geschlossen hatte, das eigene Volk aus der Sklaverei heraus und durchs Rote Meer geführt, sich also sehr eindeutig als ein mächtiger, ihm wohlgesonnener Gott gezeigt hatte.

Jedenfalls, wenn man auf die Tiraden der Propheten gegen die Verehrung anderer Götter nur mit einem achselzuckenden „Meine Güte, da braucht man sich so doch nicht aufregen“ reagiert, sollte man sich a) fragen, ob sein eigener moralischer Kompass evtl. ein bisschen aus dem Lot sein könnte, und b) zum Vergleich die Stellen lesen, an denen die Propheten gegen Rechtsbeugung und Ausbeutung der Armen, Fremden, Witwen und Waisen wettern, und seine eigene Reaktion beobachten. Und wenn man auf diese Stellen dann auch mit einem achselzuckenden „Meine Güte, da braucht man sich so doch nicht aufregen“ reagiert, dann sollte man feststellen, dass der eigene moralische Kompass wirklich völlig aus dem Lot ist.

Ich finde es auch ganz interessant, dass viele den ultimativen Beleg für die Unmenschlichkeit der Tora (oder auch der Scharia, im Übrigen) darin sehen, dass diese die Steinigung für Ehebrecher vorgesehen hat – nebenbei, für die Frau und den Mann. Sehen sie die darin für Mord vorgesehenen Strafen als ebenso unmenschlich? Ja, man kann beides als brutal sehen, aber wenn man das nur tut, weil man das Verbrechen nicht so schlimm findet, hat man etwas nicht verstanden. Ein großer Teil der modernen Welt hat meiner Meinung nach ein großes Verständnisproblem mit Johannes 8,1-11, der Geschichte mit Jesus und der Ehebrecherin und den Pharisäern und dem berühmten „Wer von euch ohne Sünde ist…“. Würden sie diese Geschichte noch ebenso mögen, wenn statt der Ehebrecherin jemand hergebracht worden wäre, der einen Raubüberfall oder einen Mord begangen hätte? Ich sag’ ja nur. Jesus sieht Ehebruch nicht als Lappalie, die man einfach übergehen kann; und gerade deshalb ist sein „Auch ich verurteile dich nicht. Geh und sündige von jetzt an nicht mehr!“ so revolutionär. Wenn man dagegen keine Sünde sieht, ist sie sehr leicht vergeben.

Empörung über das Böse ist etwas Gutes, sogar etwas Notwendiges. Wenn diese Empörung fehlt, dann werden die Opfer von denen, die Böses tun, oft völlig vergessen. Was wäre z. B. mit jemandem, der Kinder vergewaltigt oder umgebracht hat? Verdient der kein „Gericht“? Deshalb wird man bei der Bibellektüre ja auch feststellen, dass die Autoren der biblischen Texte sich oft weniger vor dem göttlichen Gericht ängstigen als vielmehr darüber jubilieren oder es herbeisehnen (am auffälligsten in den Psalmen). Sie befinden sich auf der Seite der Unterdrückten, die darauf hoffen, dass der gerechte Weltenrichter ihnen irgendwann doch Recht gegen ihre Unterdrücker verschaffen wird.

Alle Sünden (Mord ebenso wie Ehebruch) sind wirkliche Vergehen, bei denen Schaden angerichtet wird, Unrecht begangen wird, das nicht einfach unter den Tisch gekehrt werden kann; nicht nur irgendwelche Taten, die Gott willkürlich verboten hat. Irgendetwas ist da, das bezahlt werden muss.

– Und das hat letztlich übrigens Jesus Christus am Kreuz bezahlt, und Vergebung ist möglich für alle, die bereuen. -***

(Auf einige andere biblische Strafen durch Gott für irgendwelche seltsamen, für den Leser auf den ersten Blick nicht ganz verständlichen Vergehen werde ich noch in eigenen Beiträgen eingehen; Götzendienst etc. hier nur mal als ein Beispiel.)

 

D) Worin bestehen die biblischen Strafen, und sind sie ungerecht?

Hier muss man erst einmal deutlich zwischen einem Gericht nach dem Tod und innerweltlichem Gericht unterscheiden. Ersteres ist tatsächlich nicht allzu schwer zu erklären. Die Hölle ist einfach nur – s. Punkt B – das natürliche Resultat des Sich-von-Gott-Abwendens, und gleichzeitig das, was schwere Vergehen gerechterweise verdienen würden (s. Punkt C). Der Himmel besteht darin, Gott zu schauen; und die Hölle besteht darin, von ihm getrennt zu sein. Wenn man sich der Liebe verweigert, weigert man sich selbst, in den Himmel einzutreten. Menschen haben einen freien Willen bekommen, und wenn sich mit diesem freien Willen z. B. dafür entscheidet, sich selbst über alles andere zu stellen und das nicht bereut und sich nicht ändert, wird man in der Einsamkeit und Ruhelosigkeit des Zustands landen, den wir als die Hölle bezeichnen. (Wer immer noch Probleme mit dieser Vorstellung hat, dem empfehle ich zur weiteren Lektüre z. B. C. S. Lewis’ Buch „Über den Schmerz“ oder, deutlich kürzer, diese Katechese der Karl-Leisner-Jugend: „Erlösung – oder: Ist Hitler im Himmel?“ Dieser Beitrag wird hier schon wieder übermäßig lang.)

Aber, wie gesagt, gerade im Alten Testament geht es oft um ein diesseitiges Gericht – wie die ägyptischen Plagen. Hier kann man den Grund an sich schon mal ganz gut nachvollziehen: Israel wird von den Ägyptern in Sklaverei gehalten, und sie lassen sie nicht ziehen. Sklaverei ist schlecht, ich denke, da sind wir uns alle einig; es wird wohl niemand ernsthaft den Pharao hier für den Guten halten wollen.

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/c/cf/Tissot_Pharaoh_and_His_Dead_Son.jpg

(James Tissot, Pharao and his dead son. Gemeinfrei.)

Aber das Problem, das man dennoch mit solchen Geschichten haben kann, liegt darin: Die Plagen treffen nicht nur den Pharao, auch nicht nur alle Ägypter, die helfen, die Israeliten zu unterdrücken oder davon profitierten, sondern alle Ägypter überhaupt – auch die Kinder. Man denke gerade an die letzte Plage: den Tod der Erstgeborenen. Diese Plage ist möglicherweise wörtlich zu verstehen, und möglicherweise als poetische Beschreibung einer Seuche, die nur die Ägypter traf und nicht die Hebräer; z. B. wird in 2 Samuel 24 eine Seuche auch mit einem Engel beschrieben, der durch Israel geht und die Pest bringt; und ebenfalls im Buch Exodus, als Mose nach der Erscheinung am brennenden Dornbusch auf Gottes Befehl nach Ägypten zurückkehrt, findet sich der seltsame Satz: „Unterwegs am Rastplatz trat der HERR dem Mose entgegen und wollte ihn töten.“ (Exodus 4,24) Das klingt schon ein wenig komisch – erst schickt Gott Mose auf eine Reise, und dann tritt er ihm in den Weg, um ihn umzubringen? Es handelt sich bei dieser Stelle vermutlich um die Beschreibung einer schweren Krankheit – wie im letzten Teil erklärt, die Bibel beschreibt häufig alles, was das Schicksal so mit sich bringt, als Gottes Willen, auch wenn es nur unter Gottes „zulassenden“, nicht unter seinen direkt „verursachenden“, Willen fällt (Regel Numero 14 sollte beim Thema Gericht auch immer in Erinnerung behalten werden), da klargemacht werden soll, dass nichts gegen Gottes Willen geschehen kann. Auch bei der Geschichte mit Hananias und Sapphira in der Apostelgeschichte kann man übrigens annehmen, dass die beiden z. B. einfach einen Herzinfarkt oder Schlaganfall erlitten haben, als Petrus sie mit ihrer Lüge konfrontierte, wenn man möchte. Aber diese Frage spielt eigentlich keine so große Rolle. Egal, wie wörtlich oder im übertragenen Sinne man die zehnte Plage versteht, egal ob ein Todesengel durch die Straßen ging oder eine Seuche in Ägypten wütete, jedenfalls litten unter diesem von Gott zugelassenen Gericht auch Unschuldige.

Manche werden es vielleicht interessant finden, dass es auch in biblischen Zeiten schon die Ansicht gab: „Fern sei es von dir, so etwas zu tun: den Gerechten zusammen mit dem Frevler töten. Dann ginge es ja dem Gerechten wie dem Frevler. Das sei fern von dir. Sollte der Richter der ganzen Erde nicht Recht üben?“ (Genesis 18,25) Das sagt Abraham zu Gott, der ihm erschienen ist und ihm im Lauf ihres Gesprächs anvertraut hat, dass er über die Städte Sodom und Gomorrha wegen derer zum Himmel schreiender Verbrechen Gericht halten will. „Vielleicht gibt es fünfzig Gerechte in der Stadt: Willst du auch sie wegraffen und nicht doch dem Ort vergeben wegen der fünfzig Gerechten in ihrer Mitte?“, sagt Abraham (Genesis 18,24). Und Gott geht darauf ein – „Da sprach der HERR: Wenn ich in Sodom fünfzig Gerechte in der Stadt finde, werde ich ihretwegen dem ganzen Ort vergeben.“ (Genesis 18,26) Nach und nach handelt Abraham Gott auf zehn „Gerechte“ herunter, um deretwillen Er Sodom zu verschonen bereit wäre. Allerdings sind die einzigen Gerechten, die sich dann in Sodom finden, Abrahams Neffe Lot mit Frau und Töchtern. Diese vier werden dann aus der Stadt gerettet (Gott ist gerecht gegenüber den Unschuldigen, auch wenn sie nur so wenige sind), und sie wird zerstört. (Selbst diese „Gerechten“ sind übrigens interessanterweise keineswegs völlig gerecht: in Bezug auf Lot, siehe Genesis 19,8, in Bezug auf Lots Frau, Genesis 19,26, und in Bezug auf die Töchter, Genesis 19,31-36.)

Aber hier bleibt noch immer die Schwierigkeit: Auch wenn Lots Familie gerettet wurde, in Sodom wird es, wie in jeder größeren Gemeinschaft, zumindest eine gewisse Anzahl an Säuglingen und Kleinkindern gegeben haben, die definitiv auch unschuldig gewesen sein müssen, und die nicht gerettet wurden. In Bezug auf diese spezielle Geschichte könnte man nun vielleicht noch fragen, ob sie überhaupt völlig wörtlich-historisch gemeint ist, aber das löst das Problem in Bezug auf andere Gerichtstaten, wie die ägyptischen Plagen, nicht.

Ich denke, die Antwort, die es löst, ist relativ einfach und wird vielleicht manchen zu simpel vorkommen:

Regel Nummer 15: Es macht keinen Sinn, Gott dafür zu beschuldigen, dass er einem Menschen das Leben nimmt.

„Ich denke, dass das die häufigste Beweisführung ist hinter der Behauptung, dass Gottes Tötungen in der Bibel beweisen würden, dass er böse ist:

  1. Wenn eine Person wie du oder ich plötzlich Allmacht erhielte und jedes Lebewesen auf der Erde ertränkte oder alle Erstgeborenen in einer großen Stadt tötete, würde man uns für Monster halten.
  2. Gott ist eine Person mit denselben moralischen Pflichten wie Leute wie wir.
  3. Gott hat unschuldige Männer, Frauen und Kinder getötet.
  4. Daher ist Gott ein Monster.

[…] Das Argument funktioniert noch immer nicht, weil die zweite Prämisse falsch ist – Gott ist nicht einfach ein Mensch mit Superkräften, der sich zu verhalten hat wie alle anderen Menschen auch. Selbst unter Menschen gibt es Fälle, in denen eine Person mit der Befugnis dazu etwas tun darf, was jemand unter seiner Autorität nicht tun dürfte. Zum Beispiel dürfen Polizisten die Geschwindigkeitsbegrenzung missachten, um einen Verdächtigen zu fassen, oder ein Schulleiter darf den Unterricht an einem Tag ausfallen lassen, während ein Schüler das nicht darf.

Das Töten unschuldiger Menschen mag falsch für andere Menschen sein, aber es ist nicht falsch für Gott, weil Gott die schlussendliche Autorität über menschliches Leben besitzt. Tatsächlich klagen wir Leute, die in unethischer Weise menschliches Leben erschaffen oder zerstören, oft an, ‚Gott zu spielen’. Wir erkennen, dass sie nicht die Vollmacht besitzen, in derselben Weise gegenüber menschlichem Leben zu handeln wie Gott. Aber sicherlich hat Gott die Vollmacht, ‚sich selbst zu spielen’! […]

Gottes Macht ist nicht willkürlich, sondern ist identisch zu seiner Gutheit und seinem Willen (KKK**** 271). Er verdient unsere Anbetung, weil er die vollkommene und höchste Gewalt über unser Leben hat und nicht fähig ist, seine Allmacht für Böses zu benutzen. Tatsächlich ist ein Grund, zu glauben, dass Gott Autorität über unser Leben hat, dass er uns unser Leben zuallererst gegeben hat. […]

Wenn ein größerer Unterschied zwischen dem Geber und dem Empfänger eines Geschenks in Bezug auf Reife oder Autorität besteht, besitzt der Geber generell ein größeres Recht, das Geschenk zurückzuholen.

Wenn zum Beispiel eine Mutter ihrem dreijährigen Sohn ein Geschenk gibt, dann hat sie immer noch jedes Recht, es wieder zurückzunehmen. Sie tut das vielleicht, weil das Kind das Geschenk falsch gebraucht, oder weil es nicht gut für andere um das Kind herum ist, oder weil die Mutter etwas Besseres hat, das sie dem Kind geben will. Das Kind wird vielleicht nicht immer verstehen, was seine Mutter getan hat, und es wird vielleicht sogar denken, dass sie ungerecht ist, aber das liegt daran, dass ihm das Wissen und die Reife fehlen, ihre Handlungen zu verstehen. […]

Um eine vorige Analogie weiterzuführen, wenn ein Vater seinem Sohn ein Geschenk gibt, bedeutet die Tatsache, dass der Vater das Geschenk wieder wegnehmen darf, nicht, dass der ältere Bruder des Jungen das Recht hat, dasselbe zu tun. Vielleicht könnte der Bruder das Geschenk in seltenen Fällen wegnehmen, so, wenn sein jüngerer Bruder im Begriff ist, sich damit zu verletzen, aber der Bruder hätte nicht die selbe Autorität zum ‚Geschenk-Wegnehmen’ wie sein Vater.

In ähnlicher Weise können Menschen unter bestimmten Umständen in rechtmäßiger Weise anderen Menschen das Leben nehmen – zum Beispiel in einem gerechten Krieg, oder im Fall der Selbstverteidigung – aber nur Gott hat das Recht, unser Leben zu beenden, wenn er es für richtig hält.“*****

Wichtig: Das Argument ist hier nicht so sehr „beschwer dich nicht, dein Leben gehört Gott, er darf damit tun, was er will“, sondern eher „Gott, dem dein Leben gehört, wird dir dieses irdische Leben nur nehmen, wenn er einen guten Grund dafür hat, denn er will dir und allen anderen Menschen Gutes“.

Leid ist weder ausschließlich, noch für alle, die davon betroffen sind, Gericht, sondern hat auch andere Bedeutungen und Zwecke. Gott ließ z. B. auch zu, dass durch die Sünden eines größeren Teils des deutschen Volkes letztlich eine Art „Gericht“ über das ganze deutsche Volk in Gestalt sämtlicher Folgen des Zweiten Weltkriegs (Bomben, Besatzung, etc.) kam. Auch unschuldige Kinder verloren damals vielleicht ihren Vater im Krieg, starben in den Bombennächten oder litten in der Kriegs- und Nachkriegszeit unter Hunger und Kälte. Für diese Kinder war dieses Leid kein Gericht, denn Gott ließ es für sie aus anderen Gründen zu als vielleicht für einen überzeugten Nazi. Aber Gott ließ es zu, weil es irgendeinen Zweck hatte, auch für die davon betroffenen Unschuldigen, und man kann es insgesamt als eine Art von „Gericht“ bezeichnen, weil es das Resultat von Sünden war. Ebenso waren auch die ägyptischen Plagen nicht im strengen Sinne für alle Ägypter „Gericht“, aber in einem anderen Sinne eben schon.

Wir erinnern uns: Hier geht es nur um innerweltliches Leid. Innerweltliches Leid kann manchmal eine Strafe sein, und oft ist es das auch nicht (ich habe hier schon erwähnt, wie im Lauf der Offenbarungsgeschichte die Erkenntnis kam, dass Leid nicht zwangsläufig eine Strafe sein muss), und es ist oft ungerecht verteilt, aber all das wird am Ende keine Rolle mehr spielen. Wieso sollten wir den ägyptischen Erstgeborenen nicht einmal im Himmel begegnen? Wer sagt denn, dass sie nicht seit ihrem Tod in unendlichem Glück leben?

Das muss nicht einmal nur für die völlig Unschuldigen gelten. Auch die Schuldigen aus Sodom, oder die Schuldigen unter den bei der Sintflut Getöteten müssen jetzt nicht in der Hölle sein. Dafür haben wir auch einige biblische Hinweise:

  • In Ezechiel 16 spricht Gott an Jerusalem gerichtet: „So wahr ich lebe – Spruch GOTTES des Herrn: Deine Schwester Sodom, sie und ihre Töchter haben es nicht so getrieben, wie du und deine Töchter es trieben. Siehe, dies war die Schuld deiner Schwester Sodom: In Hochmut, Überfluss an Brot und in sorgloser Ruhe lebte sie mit ihren Töchtern, ohne die Hand des Elenden und Armen zu stärken. Sie wurden hochmütig und begingen Gräuel vor meinen Augen. So habe ich sie verstoßen, als ich sie sah. Samaria hat nicht die Hälfte deiner Sünden begangen. Du hast mehr Gräueltaten verübt als sie und du lässt deine Schwestern gerecht erscheinen durch all deine Gräueltaten, die du begangen hast. […] Aber ich werde ihr Schicksal wenden, das Schicksal Sodoms und ihrer Töchter, das Schicksal Samarias und ihrer Töchter und das Schicksal deiner Gefangenen in ihrer Mitte, damit du deine Schande tragen kannst und dich schämen musst über all das, was du getan und wodurch du sie getröstet hast. Deine Schwester Sodom und ihre Töchter werden in ihren früheren Zustand zurückkehren, Samaria und ihre Töchter werden in ihren früheren Zustand zurückkehren. Du aber und deine Töchter, auch ihr werdet in euren früheren Zustand zurückkehren. […] Ich aber, ich werde meines Bundes mit dir aus den Tagen deiner Jugend gedenken, und ich werde einen ewigen Bund für dich aufrichten. Du wirst deiner Wege gedenken und dich schämen, wenn du deine Schwestern aufnimmst, deine älteren mitsamt deinen jüngeren. Und ich gebe sie dir zu Töchtern, aber nicht deines Bundes wegen. Ich selbst richte meinen Bund mit dir auf, damit du erkennst, dass ich der HERR bin. So sollst du gedenken, sollst dich schämen und wirst vor Scham den Mund nicht mehr öffnen können, weil ich dir Versöhnung gewähre für alles, was du getan hast – Spruch GOTTES, des Herrn.“ (Ezechiel 16,48-51.53-55.60-63)
  • Jesus selbst sagt: „Und du, Kafarnaum, wirst du etwa bis zum Himmel erhoben werden? Bis zur Unterwelt wirst du hinabsteigen. Wenn in Sodom die Machttaten geschehen wären, die bei dir geschehen sind, dann stünde es noch heute. Das sage ich euch: Dem Gebiet von Sodom wird es am Tag des Gerichts erträglicher ergehen als dir. (Matthäus 11,23f.) Das kann man jetzt so interpretieren, dass die Sodomiter in weniger tiefe Höllenkreise kommen als die hier gemeinten Leute aus Kafarnaum; aber auch so, dass mehr von den Sodomitern es noch ins Fegefeuer und schließlich den Himmel schaffen.
  • Petrus schreibt über die bei der Sintflut Getöteten: „Denn auch Christus ist der Sünden wegen ein einziges Mal gestorben, ein Gerechter für Ungerechte, damit er euch zu Gott hinführe, nachdem er dem Fleisch nach zwar getötet, aber dem Geist nach lebendig gemacht wurde. In ihm ist er auch zu den Geistern gegangen, die im Gefängnis waren, und hat ihnen gepredigt. Diese waren einst ungehorsam, als Gott in den Tagen Noachs geduldig wartete, während die Arche gebaut wurde (1 Petrus 3,18-20) Mit den „Geistern, die im Gefängnis waren“ sind wohl die Seelen im limbus patrum (nicht der „richtigen“ Hölle, denn dahin ging Christus nicht) gemeint, die jetzt im Himmel sind.

Der Kirchenvater Origenes schreibt über solche und weitere Stellen (an die gnostischen Sekten gerichtet, die meinten, dass der Gott des Alten Testaments, der Schöpfer der Welt, ein anderer, schlechterer Gott wäre als der Gott des Neuen Testaments):

„Auch lesen sie nicht, was von den Aussichten derer geschrieben steht, die in der Fluth umkamen, wovon Petrus in seinem ersten Brief spricht (3, 18. 19. 20. 21.) Wegen Sodom und Gomorrha aber sollen sie uns sagen, ob sie glauben, daß die Weissagungen vom Weltschöpfer kamen, von dem also, der Schwefel auf jene Städte regnen ließ. Wie spricht von diesen nun Ezechiel? Sodom, sagt er, soll wiederhergestellt werden, wie es war. Hat sie nun der, der sie zerstörte, nicht um des Guten willen zerstört? Ferner spricht er zu Chaldäa: Du hast Feuerkohlen, setze dich darauf; sie werden deine Hülfe seyn (Jes. 46, 14.). Auch über die in der Wüste Gefallenen mögen sie den 78. Psalm, mit der Ueberschrift Assaph, vernehmen: Wenn er sie erwürgete, suchten sie ihn. Nicht sagt er, wenn Einige erwürgt würden, suchten andere ihn: sondern der Untergang der Erwürgten selbst war von der Art, daß sie noch im Tode Gott suchten.“ (Über die Grundlehren der Glaubenswissenschaft II,5,3)

Gott straft, um die Bestraften zur Einsicht zu bringen, ihnen klarzumachen, was sie Böses tun, und sie so zu sich zurückzuführen, wenn es möglich ist.

Soviel allgemein hierzu. Ausführlicher als hier will ich zu einem Aspekt dieses Themas dann im folgenden Beitrag kommen, nämlich zur Frage, was die Bibel zu Bestrafung für die Sünden der Eltern sagt (speziell zur Erbsünde als Strafe für Adams und Evas Sünde), und in diesem Beitrag will ich dann auch ein wenig auf die allgemeine Frage, wieso Gott überhaupt menschliches Leid im Allgemeinen und den Tod im Speziellen zulässt, eingehen.

 

* C. S. Lewis, Gespräch mit Gott. Gedanken zu den Psalmen, Zürich und Düsseldorf 1999, S. 87.

** G. K. Chesterton, The everlasting man, London 1963, S. 134-139, Übersetzung von mir.

*** Auch wenn weltliche Strafen für Dinge wie Mord dadurch für eine Gesellschaft selbstverständlich nicht obsolet geworden sind, ebenso wenig wie andere Arten von Wiedergutmachung im menschlichen Bereich. Auch im Jenseits wird es übrigens noch eine gewisse Reinigung von schon bereuter und vergebener Schuld geben müssen, die wir als „Purgatorium“ oder „Fegefeuer“ bezeichnen.

**** „Katechismus der Katholischen Kirche.“ Nicht: „Ku Klux Klan.“ Nur damit das klar ist.

***** Trent Horn, Hard Sayings. A Catholic Approach to Answering Bible Difficulties, El Cajon, California, 2016, S. 291-296, Übersetzung von mir.

 

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6 Gedanken zu “Über schwierige Bibelstellen, Teil 9: Gericht, Verdammnis, und: Was war so schlimm an „Götzendienst“?

  1. >> wer hat sich bitteschön nicht gefreut, als etwas später die beiden Täter, die bei einem Autorennen in Berlin auf dem Ku’Damm mit 170 km/h ein Dutzend rote Ampeln überfahren und dabei einen unbeteiligten Autofahrer getötet hatten, wegen Mordes zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt wurden?

    Ich.

    Das war nämlich genau so ein Fall, wo man sich denkt: Die Täter haben eine kräftige Strafe verdient (sagen wir zwölf Jahre Gefängnis, raus in acht), aber daß sie auf Grund von formalen Erwägungen und der Fixstrafe lebenslänglich bei Mord (über die ich *sonst* recht dankbar bin, weil sie die Richter daran hindert, sich im Strafmaß zu unterbieten) dann mit lebenslänglich als Mörder rausgehen, damit sind dann sogar sie noch etwas überbestraft.

    Sie hatten keine Tötungsabsicht – auch das Gericht hat keine angenommen; nur „Eventualvorsatz“, d. h. billigende Inkaufnahme, was per Gesetz wie richtiger Vorsatz zu behandeln ist – in der stillschweigenden Annahme, daß der dadurch recht krasse Unterschied zur Fahrlässigkeit, die *nicht* als Vorsatz zu behandeln ist, normalerweise im Strafmaß ausgeglichen wird. Da ist bei Mord aber nur lebenslänglich möglich – aber ist ein eventualvorsätzlicher Mord das, was wir uns unter einem Mord vorstellen?

    Mordmerkmale waren auch nicht vorhanden, außer, pro forma, „gemeingefährlich“, weil sie mit einem Auto gerast sind und das dann wohl als „gemeingefährlich“ zählt, auch wenn der eigentliche Sinn des Mordmerkmals „gemeingefährlich“ ist, daß man den einen umbringen will und dabei andere gefährdet.

    Wenn ich einen nicht mag, weil wir uns gegenseitig öfters blöd kommen, und mir eine Pistole nehme und ihn auf der Straße bei Tag von vorn erschieße, ist das (normalerweise) Totschlag, und ich bekomme etwas zwischen fünf und fünfzehn Jahre (raus in dreieinhalb bis zehn). War das, was die beiden taten, schlimm wie es war, wirklich so viel *schlimmer* als einfach jemanden zu erschießen?

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