Die Wahrheit wird euch frei machen

Ich habe schon einmal erwähnt, dass ich die Ehrlichkeit für eine der wichtigsten Tugenden halte, die es gibt, und das möchte ich noch mal wiederholen. Treue zur Wahrheit, und zwar zur ganzen Wahrheit und zu nichts als der Wahrheit, ist etwas, ohne das man eigentlich nicht leben kann.

Angelogen zu werden kann für den, der belogen wird, tatsächlich eine Art von Gefängnis bedeuten, eine Unfreiheit; es schließt ihn von der Welt ab, wie sie wirklich ist. Man ist nicht mehr in der Lage, die Realität zu sehen, wie sie da draußen eigentlich besteht, und sich dann zu entscheiden, wie man angemessen auf sie reagieren will. Stattdessen ist man demjenigen ausgeliefert, der einen getäuscht hat. Es macht einen hilflos; vielleicht reagieren die Leute deshalb oft so wütend, wenn sie herausfinden, dass sie angelogen worden sind. Man muss sich im Alltag die ganze Zeit über auf Informationen verlassen, die man nur aus zweiter Hand bekommen und nicht selber durch eigene Beobachtungen in jedem Detail verifizieren kann. (Schon mal versucht, die Existenz von Ulaanbaatar nachzuweisen, ohne selber in die Mongolei zu fliegen, oder die Beschaffenheit von Chlorophyll oder Kohlenmonoxid, ohne sich ein eigenes Labor zuzulegen?) Und wenn die nicht stimmen, wird es natürlich schwierig. Lügen und Halbwahrheiten und Täuschungen verdrehen die Welt; sie erschaffen etwas, das nicht da ist – nicht in dem guten Sinne, wie Märchen, Romane oder Filme etwas erschaffen, das nicht da ist und von dem man weiß, das es nicht da ist, oder in dem Sinne, wie Gott die Welt erschaffen hat, die vorher nicht da war; sie erschaffen eine Illusion von etwas, das schon auf andere Weise da ist, als sie es vorspiegeln, eine Illusion, auf die sich Leute verlassen, und von der sie dann verraten werden.

Wenn man Menschen anlügt, degradiert man sie; man traut ihnen entweder nicht zu, mit einer Situation, wie sie in Wirklichkeit ist, fertigwerden und eigene sinnvolle Entscheidungen treffen zu können, oder man benutzt sie einfach, weil es gerade bequem ist. Wenn man jemanden anlügt, weil man meint, er würde sich nur unnötig über etwas aufregen, oder wütend auf einen werden, weil man irgendetwas Falsches getan hat, dann heißt das, man geht von vornherein davon aus, dass er falsch reagieren wird, und nimmt ihm damit die Möglichkeit, vielleicht doch besonnen oder verständnisvoll reagieren zu können – na ja, oder man will einfach mit seinem eigenen falschen Handeln davonkommen. Entweder man misstraut ihm, oder man verachtet ihn. Und wenn er merkt oder ahnt, dass er angelogen wird, wird er auch anfangen, zu misstrauen. Lügen in wichtigen Dingen zerstören Beziehungen wie wenig anderes. Gerade wenn man mehrmals feststellen muss, dass auf die Worte und Versprechungen des anderen kein Verlass ist, ist die ganze Basis weg. Denn woher weiß man dann, dass es in Zukunft tatsächlich anders werden wird, wie der andere es schon wieder beteuert?

Ich finde, dass einer der grässlichsten häufig vorkommenden Sätze in typischen amerikanischen Filmen dieser ist: „Wir/ich wollte(n) dich nicht beunruhigen.“ [Na ja, vielleicht abgesehen von dem hochmütigen „Ich will kein Mitleid / keine Almosen.“] Dieser scheußliche Satz, mit dem die Figuren ihre eigene Unfähigkeit, mit der Wahrheit offen umzugehen, kaschieren wollen, kommt immer dann, wenn Eltern ihrem krebskranken Kind verheimlicht haben, dass es wahrscheinlich bald sterben wird, oder ein Ehemann seiner Frau, dass er seinen Job verloren hat, oder etwas in der Art. Man will den anderen (angeblich) vor der bösen Realität schützen, und nimmt ihm dadurch jede Möglichkeit, sich selbst dieser Realität anzupassen, selbst zu entscheiden, wie er mit ihr am besten umgehen sollte – also, sich zum Beispiel auf seinen Tod vorzubereiten, indem er Dinge in Ordnung bringt, die er verbockt hat, oder Dinge fertigstellt, die er noch fertig haben will. Man entscheidet stattdessen an seiner Stelle, was besser für ihn ist; man betrügt ihn, und tut auch noch so, als täte man ihm damit irgendeine Art von Gefallen, auch wenn die Wahrheit, die er irgendwann herausfinden muss, am Ende dann noch schlimmer für ihn sein wird (z. B. weil er dann nur noch sehr wenig Zeit bis zu seinem Tod haben wird). Das ist ebenso bescheuert wie – oder fast noch bescheuerter als – die amerikanische Lüge von wegen „live your dream“ (also nicht: „lebe in der Realität und mach was aus den Möglichkeiten, die du hast“, sondern „tu einfach mal so, als ob dein Traum, was für einer das auch immer sei, Realität ist, dann wird er das schon werden“; jedenfalls erlangt der Satz diese Bedeutung in der Praxis).

Das Verschweigen der Wahrheit, wenn jemand ein Recht darauf hat, sie zu erfahren, ist eine Sünde. Manchmal haben Menschen kein Recht darauf, aber manchmal haben sie es. Und das taktische Verschweigen der Wahrheit kann manchmal ziemlich nach hinten losgehen.

Anbei: Ich finde Halbwahrheiten und Verdrehungen übrigens oft noch schlimmer als Lügen; ihnen ist schwieriger beizukommen. Da muss man erst einmal ganz genau schauen, wie eine Statistik zustande kam; wie diese Fakten sich ins größere Bild einordnen; wie ein Zitat im Kontext lautete; wie relevant oder wie gesichert eine Behauptung überhaupt ist – kurz, es macht einen im Allgemeinen hilfloser als gegenüber ganz einfach demonstrierbar falschen Behauptungen.

Vielleicht noch kurz allgemein zur moraltheologischen (und „kasuistischen“, wenn man so will) Seite der Sache: Die grundsätzliche Begründung der katholischen Moraltheologie, wieso Lügen schlecht ist, ist ja ganz einfach: Die Sprache ist dazu da, Wahres über die Wirklichkeit mitzuteilen, und wenn man sie verwendet, um die Wirklichkeit zu verdrehen, pervertiert man sie. Es ist nicht grundsätzlich eine Sünde, einer eindeutigen Antwort auszuweichen, und erst recht nicht grundsätzlich eine Sünde, zu schweigen; nur eben dann, wenn jemand anderer bzw. die Öffentlichkeit ein Recht hat, etwas zu erfahren. Es ist in anderen Fällen sogar gut und notwendig, Geheimnisse zu wahren oder Negatives, das man über andere weiß, nicht öffentlich auszubreiten. (Ich rede jetzt nicht von Verbrechen.) Das Beichtgeheimnis gilt sogar völlig absolut, ohne Ausnahmen (ja, auch bei Verbrechen; wobei ein Beichtvater, dem ein Verbrechen gebeichtet wird, natürlich schauen wird, dass der Pönitent klar den Willen zeigt, keine weiteren Verbrechen zu begehen, und ihn vielleicht auch dazu bringen kann, sich der Polizei zu stellen; aber auch in solchen Fällen ist das Beichtgeheimnis absolut heilig). Es kann Fälle geben, in denen man ein Geheimnis bewahren muss.

PS: Die Überschrift ist ein Zitat von unserem Herrn (Johannes 8,32).

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