Die Augen unserer lieben Frau

Ich liebe Disneys Musical-Zeichentrickfilme. In letzter Zeit habe ich immer wieder einige davon (auch solche, die ich als Kind nicht gesehen habe) im englischen Original auf Youtube angeschaut; und das lohnt sich oft allein schon, um die Musik zu genießen. „The Lion King“, „The Lion King 2“, „Anastasia“, „The Rescuers“, „101 Dalmatians“, „Beauty and the Beast“, „Prince of Egypt“, „Tangled“, „Frozen“ – die enthalten alle sehr schöne Lieder; und zudem ist es auch ganz interessant, zu beobachten, welche Assoziationen und Anspielungen, mit denen in diesen Filmen gearbeitet wird, einem auffallen, wenn man sie als Erwachsene (na ja, so-mehr-oder-weniger-Erwachsene) sieht. Man vergleiche zum Beispiel mal hier die vor dem mordlustigen bösen Löwen Scar aufmarschierenden Hyänen an einer Stelle dieses Liedes aus „Der König der Löwen“ (etwa ab 1:40)

mit, sagen wir mal, Fotos oder Videos vom Nürnberger Reichsparteitag o. Ä. Hier zum Beispiel… sogar das großflächige Karomuster auf dem Boden, das im Film durch Lichtstrahlen und Schatten erzeugt wird, ist da:

(Quelle: https://museen.nuernberg.de/fembohaus/kalender-details/vor-80-jahren-die-entmachtung-der-sa-570/)

Davon abgesehen sind es meistens natürlich einfach schöne Geschichten, und sie sind auch deshalb gut, habe ich festgestellt, weil Disneys Darstellung des Bösen und des Guten zwar oft etwas klischeehaft und gelegentlich auch etwas einseitig, aber eigentlich meistens sehr treffend (und in einzelnen Fällen sogar überraschend treffend) ist.

Als ich zum Beispiel einen anderen Disneyfilm, „Der Glöckner von Notre Dame“, den ich mich erinnerte, als Kind sehr gemocht zu haben, letztens wieder angeschaut habe (diesmal als „The hunchback of Notre Dame“), ist mir erst aufgefallen, wie katholisch korrekt dieser Film sogar eigentlich ist, theologisch wie musikalisch. (Vollständig findet er sich übrigens hier: https://www.youtube.com/playlist?list=PLVLwLXWb_ZpNXsd279Gc1_zcIa-REwCP4 ; ein Kanal, auf dem sich zahlreiche dieser Filme finden, ist hier: https://www.youtube.com/channel/UCdFiEwNLNTLmizvmisBJrHA/playlists)

Man siehe sich allein den Anfang an: In den ersten paar Minuten schon kommen an mehreren Stellen deutlich verständliche Schnipsel des Dies irae und des Kyrie Eleison vor (auch an späteren Stellen des Films tauchen vor allem diese beiden liturgischen Gesänge immer wieder auf); und dann noch der weitere Liedtext; zum Beispiel hier bei ca. 3:04:

 

 

Archdeacon:

See there the innocent blood you have spilt

On the steps of Notre Dame!

 

Judge Claude Frollo:

– I am guiltless – she ran, I pursued. –

 

Archdeacon:

Now you would add this child’s blood to your guilt

On the steps of Notre Dame.

 

Frollo:

– My conscience is clear! –

 

Archdeacon:

You can lie to yourself and your minions,

You can claim that you haven’t a qualm.

But you never can run from

Nor hide what you’ve done from

The eyes –

The very eyes of Notre Dame!

 

Vom Erzdiakon, der mit der Leiche von Quasimodos Mutter im Schoß mit ausgestrecktem Arm hoch zur Kathedrale weist, wird übergeblendet auf die Reihen von Heiligenstatuen an deren Fassade, alle mit gruseligen, weißen, richtenden, wissenden, weit aufgerissenen Augen, die auf Frollo hinunterschauen. Bärtige, strenge Apostel, Bischöfe und Könige, dann ein in weißes Mondlicht getauchter, sehr ernst dreinblickender hellgrauer kleiner Engel mit gesenktem Schwert in der Hand und geschlossenen Augen, daneben ein grinsender, im Schatten liegender dunkelgrauer Dämon, der eine Waage hält; und zuletzt die Gottesmutter, in wallendem Gewand, mit einer Krone auf dem Kopf, einem Zepter im einen Arm und dem Jesuskind auf dem anderen, flankiert von zwei Engeln – und man würde es nicht glauben, wie gruselig man eine Madonnenstatue aussehen lassen kann, wenn ein Mörder in einem Disneyfilm zu ihr hinaufstarrt. Ja, vor den Augen unserer lieben Frau („Notre Dame“) kann er sich nicht verstecken.

Und dann geht es in einem der nächsten Lieder noch ganz wunderbar weiter, wenn auch diesmal auf andere Art:

 

 

Hier singt Esmeralda, als sie Kirchenasyl in Notre Dame gesucht hat; und auch sie wendet sich an die heilige Jungfrau mit ihrem Kind. Sie beginnt ihr Lied vor einer anderen Statue im Inneren der Kathedrale, einer nicht so gruseligen, aber immer noch königlichen, erhabenen, weihrauchumhüllten:

 

I don’t know if you can hear me, or if you’re even there.

I don’t know if you would listen to a gypsy’s prayer.

Yes, I know I’m just an outcast, I shouldn’t speak to you;

Still I see your face and wonder –were you once an outcast, too?

 

God help the outcasts, hungry from birth.

Show them the mercy they don’t find on earth.

God help my people, we look to you still.

God help the outcasts, or nobody will.

 

[…]

 

Sehr schönes Lied.

Auch die Darstellung des Bösen an späterer Stelle des Films ist völlig theologisch korrekt. Hier singt wiederum Richter Frollo, auch er im Gebet zu unserer lieben Frau:

 

 

Beata Maria, you know I am a righteous man,

Of my virtue I am justly proud.

Beata Maria, you know I’m so much purer

Than the common vulgar, wicked, licentious crowd.

 

Then tell me, Maria – why I see her dancing there,

Why her smoldering eyes still scourge my soul?

I fear her, I see her, the sulfur in her raven hair

Is blazing in me out of all control.

 

Like fire, hellfire, this fire in my skin,

This burning desire is turning me to sin.

It’s not my fault – I’m not to blame!

It is the gypsy girl, the witch, who set this flame!

 

It’s not my fault, if in God’s plan

He made the devil so much stronger than a man…

Protect me, Maria! Don’t let the siren cast her spell,

Don’t let her fire sear my flesh and burn!

 

Destroy Esmeralda – and let her taste the fires of hell! –

Or else let her be mine, and mine alone…

Hellfire – dark fire – now, gypsy, it’s your turn!

Choose me or your pire, be mine or you will burn!

 

[…]

 

Das Lied beginnt damit, dass Richter Frollo sich in seinem Gebet zur seligen Jungfrau („beata Maria“ heißt einfach „selige Maria“) ganz ruhig selbst zu seiner Tugend gratuliert, geht damit weiter, dass er seine (empfundene) Schuld auf andere schiebt (die Frau, der Teufel und deren Schöpfer selbst bieten sich dazu immer an – wir erinnern uns, Die Frau, die du mir beigesellt hast, sie hat mir von dem Baum gegeben und so habe ich gegessen; Die Schlange hat mich verführt und so habe ich gegessen), und endet damit, dass er in rasender Wut Mordpläne schmiedet.

Die Quelle alles Bösen ist eben immer noch der Hochmut. Frollo kommt nicht mit den ganz normalen Versuchungen der ganz normalen Leute klar, weil er entschlossen ist, über diesen ganz normalen Leuten zu stehen; er kann seine Gedanken an ein tanzendes Zigeunermädchen, das er zufällig beim Karneval, den er schon nicht ausstehen kann (das übrigens schon ein sehr schlechtes Zeichen für einen Katholiken), gesehen hat, nicht einfach ruhig beiseitelassen und sich mit etwas Sinnvollem beschäftigen – sagen wir mal, Augustinus‘ „De trinitate“ zu lesen, Salbei in seinem Garten zu pflanzen, mit dem Kommandanten seiner Soldaten Schach zu spielen, oder auch wirkliche Verbrecher in Paris zu verfolgen -, weil er beschlossen hat, dass sie zwangsläufig nur auf teuflischer Hexerei dieses Zigeunermädchens beruhen können; etwas anderes kann nicht sein, denn dann wäre er ja ein normaler Mensch. (Nebenbei sollte ihm vielleicht einmal jemand den sehr großen Unterschied zwischen Versuchung und Sünde erläutern. Im mittelalterlichen Paris müsste es dafür ja eigentlich genug gute Theologen gegeben haben. Die hatten schließlich eine weithin berühmte Universität, an der sogar Thomas von Aquin gelehrt hatte, wenn ich mich recht entsinne.)

 

Drei Lieder an Maria; an Notre Dame, Unsere Liebe Frau, der die im Mittelpunkt der Handlung stehende Kathedrale geweiht ist. Drei Lieder, drei Menschen, drei unterschiedliche Gebete; um Gerechtigkeit, um Barmherzigkeit, und um Sünde geht es hier. Die Augen unserer lieben Frau sehen Verbrechen, sehen das Blut Unschuldiger zum Himmel empor schreien; und sie sehen das Leid der Ausgestoßenen, von denen sie selbst eine war – erst unehelich schwanger, dann auf der Flucht, um ihren neugeborenen Sohn vor einem mörderischen Tyrannen zu retten, dreißig Jahre später dann auf der Hinrichtungsstätte bei ihrem Sohn – ; und sie sehen auch die Gebete von Menschen in Versuchungen, Ängsten und Zweifeln, sehen gequälte, verzerrte, in sich gekrümmte, sich selbst belügende Gewissen wie Richter Claude Frollos, und haben auch Mitleid mit ihnen; auch dann, wenn solche Menschen von Anfang an nicht wirklich ernsthaft beten, sondern sich mehr selbst gratulieren, und am Ende nur noch ihr Verlangen nach Rache und ihren Hass hinausschreien.

Frollo ist irgendwie ein trauriger Bösewicht… kein 100-prozentiger Schurke, der „absolut böse“ ist (um einmal Herrn Höcke zu zitieren), sondern ein typischer Fanatiker, der sich in seinem Hass und auch seiner Angst verrannt hat und nicht mehr daraus hinaus kann, einerseits eine Art von Konsequentialist, dem in seiner Jagd auf die Zigeuner im Allgemeinen und Esmeralda im Besonderen schließlich alle Mittel recht sind, aber gleichzeitig auch inkonsequent und innerlich zerrissen (noch als er Esmeralda später auf dem Scheiterhaufen hat (ja, sie wird dann natürlich gerettet, keine Angst), bietet er ihr grinsend an, sie zu verschonen: „Choose me – or the fire.“). Frollo ist ein einsamer, trauriger, gehetzter Bösewicht; jemand, dem man wünschen würde, dass er am Ende Frieden finden würde.

Er ist nicht ausschließlich durch Hass und Stolz getrieben, glaube ich, sondern tatsächlich auch durch, ganz platt gesagt, eine tiefe Angst vor der Hölle, und vielleicht auch durch einen, wenn auch ziemlich pervertiertem, Wunsch, gut zu sein. Vielleicht hat es bei ihm damit angefangen… und dann wurde aus dem ursprünglich ehrlichen Wunsch, gut zu sein, der Wunsch, besser zu sein als andere, und er vernachlässigte einige Seiten des Guten und verzerrte andere, und so wurde er zu dem Menschen, als der er im Film auftaucht. Und als er sich dann eben erst einmal in seiner Härte und seinem Hass verrannt hatte, wurde es für ihn (wegen seiner tiefsitzenden Furcht vor den Konsequenzen der Sünde) immer schwieriger, die unterdrückte Stimme seines wahren Gewissens noch an sich heran zu lassen, sprich, zuzugeben, dass er sich ganz und gar auf dem falschen Weg befand, dass er viele Sünden begangen hatte durch seine Brutalität; diese Vorstellung war schrecklich für ihn. Ich spekuliere hier natürlich nur über sein Seelenleben… aber ich kann mir das gut vorstellen. Claude Frollo verkörpert vielleicht eine Art von mir seelenverwandtem Bösen. Es gibt ja verschiedene Arten des Bösen, und der eine kann die eine besser nachvollziehen, der andere eine andere.

Ich merke gerade, dass ich viel über den Bösewicht der Geschichte geschrieben habe und nahezu nichts über die eigentliche Hauptfigur, Quasimodo – der übrigens im zweiten der drei Lieder, die ich hier ausgesucht habe, lauscht, wie Esmeralda, die ihm zuvor geholfen hat, singt; und der ja selbst zu den Ausgestoßenen gehört, die von der Welt mit Gleichgültigkeit, Verachtung, Spott oder Furcht betrachtet werden. Hm, zu ihm vielleicht ein andermal mehr…

Ich glaube jedenfalls, ich habe alles in allem wirklich noch nie einen so katholisch korrekten Disney-Film gesehen. (Wobei „Frozen“ schon auch genial ist.)

 

[Anbei: Es ist auch ganz nett, dass die Filmindustrie hier ihren nicht allzu seltenen Antiklerikalismus vergessen hat; der Erzdiakon, auch wenn er keine allzu große Rolle spielt, gehört zu den Guten, und der Böse, der stolze brutale Fanatiker, ist ein Laie.]

 

PS: Wenn sich jemand fragt, was nun die eigentliche Aussage dieses Beitrags ist:

A) Disneyfilme sind gut, insbesondere „Der Glöckner von Notre Dame“.

B) Unsere liebe Frau ist uns eine Mutter und Königin, die uns helfen will, besonders, wenn wir uns hilflos fühlen, weil wir einsam sind, von anderen verachtet werden, uns verrannt haben, oder Schuld auf uns geladen haben. Sie will uns, ganz egal ob wir selber an unserem Unglück schuld sind oder nicht oder nur zum Teil, in unserem Unglück helfen und uns zu ihrem göttlichen Sohn führen, der uns aufrichten und trösten wird.

C) Ich spekuliere gerne über die Psyche von Figuren in Disneyfilmen.

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