Über schwierige Bibelstellen, Teil 10: Bestrafung für die Sünden der Eltern? Über die Erbsünde und Ähnliches

Alle Teile hier: https://nolitetimereweb.wordpress.com/reihe-ueber-schwierige-bibelstellen/

Ich erinnere mich, dass mich, als ich mich im Alter von zwölf Jahren erstmals ausführlicher mit den fünf Büchern Mose beschäftigt habe, Verse wie diese hier, die sich in ähnlichem Wortlaut an ein paar Stellen im AT finden, ziemlich entsetzt haben: „Denn ich, der Herr, dein Gott, bin ein eifersüchtiger Gott: Bei denen, die mir Feind sind, verfolge ich die Schuld der Väter an den Söhnen, an der dritten und vierten Generation; bei denen, die mich lieben und auf meine Gebote achten, erweise ich Tausenden meine Huld.“ (Exodus 20,5f.)

Und das taucht mitten in den zehn Geboten auf!!! (!!!!!!!!!!!!!)

Okay, beruhigen wir uns alle wieder. Ist die Bibel jetzt also für Sippenhaft?

Vielleicht hätte es mir weitergeholfen, wenn ich damals schon Ezechiel 18 gekannt hätte, ein Kapitel, über das ich erst einige Jahre später gestolpert bin. Ich zitiere es bewusst in seiner ganzen Länge:

 „Das Wort des Herrn erging an mich: Wie kommt ihr dazu, im Land Israel das Sprichwort zu gebrauchen: Die Väter essen saure Trauben und den Söhnen werden die Zähne stumpf? So wahr ich lebe – Spruch Gottes, des Herrn -, keiner von euch in Israel soll mehr dieses Sprichwort gebrauchen.

 Alle Menschenleben sind mein Eigentum, das Leben des Vaters ebenso wie das Leben des Sohnes, sie gehören mir. Nur wer sündigt, soll sterben.

 Ist jemand gerecht, so handelt er nach Recht und Gerechtigkeit. Er hält auf den Bergen keine Opfermahlzeiten ab. Er blickt nicht zu den Götzen des Hauses Israel auf. Er schändet nicht die Frau seines Nächsten. Einer Frau tritt er nicht nahe während ihrer Blutung. Er unterdrückt niemand. Er gibt dem Schuldner das Pfand zurück. Er begeht keinen Raub. Dem Hungrigen gibt er von seinem Brot und den Nackten bekleidet er. Er leiht nicht gegen Zins und treibt keinen Wucher. Er hält seine Hand vom Unrecht fern. Zwischen Streitenden fällt er ein gerechtes Urteil. Er lebt nach meinen Gesetzen, er achtet auf meine Rechtsvorschriften und befolgt sie treu. Er ist gerecht und deshalb wird er am Leben bleiben – Spruch Gottes, des Herrn.

 Angenommen aber, er zeugt einen Sohn, der gewalttätig wird, der Blut vergießt oder eine andere von diesen Sünden begeht, während er (der Vater), all das nicht getan hat, (einen Sohn,) der auf den Bergen Opfermahlzeiten abhält, der die Frau seines Nächsten schändet, der die Elenden und Armen unterdrückt, andere beraubt und dem Schuldner das Pfand nicht zurückgibt, der zu den Götzen aufblickt und Gräueltaten verübt, der gegen Zins leiht und Wucher treibt – soll der dann am Leben bleiben? Er soll nicht am Leben bleiben. Er hat alle diese Gräueltaten verübt, darum muss er sterben. Er ist selbst schuld an seinem Tod.

 Nun hat auch dieser Sohn wieder einen Sohn gezeugt und der Sohn sieht alle die Sünden, die sein Vater begeht. Er sieht sie, begeht sie aber nicht. Er hält auf den Bergen keine Opfermahlzeiten ab. Er blickt nicht zu den Götzen des Hauses Israel auf. Er schändet nicht die Frau seines Nächsten. Er unterdrückt niemand. Er fordert kein Pfand und begeht keinen Raub. Dem Hungrigen gibt er von seinem Brot und den Nackten bekleidet er. Er hält seine Hand vom Unrecht fern. Er nimmt keinen Zins und treibt keinen Wucher. Er befolgt meine Rechtsvorschriften und lebt nach meinen Gesetzen. Dieser Sohn wird nicht wegen der Schuld seines Vaters sterben; er wird bestimmt am Leben bleiben. Sein Vater aber musste wegen seiner Schuld sterben; denn er hat andere erpresst und beraubt und in seiner Familie getan, was nicht recht ist.

 Ihr aber fragt: Warum trägt der Sohn nicht mit an der Schuld seines Vaters? Weil der Sohn nach Recht und Gerechtigkeit gehandelt hat. Er hat auf alle meine Gesetze geachtet und sie befolgt. Er wird bestimmt am Leben bleiben. Nur wer sündigt, soll sterben. Ein Sohn soll nicht die Schuld seines Vaters tragen und ein Vater nicht die Schuld seines Sohnes. Die Gerechtigkeit kommt nur dem Gerechten zugute und die Schuld lastet nur auf dem Schuldigen.

 Wenn der Schuldige sich von allen Sünden, die er getan hat, abwendet, auf alle meine Gesetze achtet und nach Recht und Gerechtigkeit handelt, dann wird er bestimmt am Leben bleiben und nicht sterben. Keines der Vergehen, deren er sich schuldig gemacht hat, wird ihm angerechnet. Wegen seiner Gerechtigkeit wird er am Leben bleiben. Habe ich etwa Gefallen am Tod des Schuldigen – Spruch Gottes, des Herrn – und nicht vielmehr daran, dass er seine bösen Wege verlässt und so am Leben bleibt?

 Wenn jedoch ein Gerechter sein rechtschaffenes Leben aufgibt, wenn er Unrecht tut und all die Gräueltaten begeht, die auch der Böse verübt, sollte er dann etwa am Leben bleiben? Keine seiner gerechten Taten wird ihm angerechnet. Wegen seiner Treulosigkeit und wegen der Sünde, die er begangen hat, ihretwegen muss er sterben.

 Ihr aber sagt: Das Verhalten des Herrn ist nicht richtig. Hört doch, ihr vom Haus Israel: Mein Verhalten soll nicht richtig sein? Nein, euer Verhalten ist nicht richtig. Wenn der Gerechte sein rechtschaffenes Leben aufgibt und Unrecht tut, muss er dafür sterben. Wegen des Unrechts, das er getan hat, wird er sterben. Wenn sich der Schuldige von dem Unrecht abwendet, das er begangen hat, und nach Recht und Gerechtigkeit handelt, wird er sein Leben bewahren. Wenn er alle Vergehen, deren er sich schuldig gemacht hat, einsieht und umkehrt, wird er bestimmt am Leben bleiben. Er wird nicht sterben. Das Haus Israel aber sagt: Das Verhalten des Herrn ist nicht richtig. Mein Verhalten soll nicht richtig sein, ihr vom Haus Israel? Nein, euer Verhalten ist nicht richtig.

 Darum will ich euch richten, jeden nach seinem Verhalten, ihr vom Haus Israel – Spruch Gottes, des Herrn. Kehrt um, wendet euch ab von all euren Vergehen! Sie sollen für euch nicht länger der Anlass sein, in Sünde zu fallen. Werft alle Vergehen von euch, die ihr verübt habt! Schafft euch ein neues Herz und einen neuen Geist! Warum wollt ihr sterben, ihr vom Haus Israel? Ich habe doch kein Gefallen am Tod dessen, der sterben muss – Spruch Gottes, des Herrn. Kehrt um, damit ihr am Leben bleibt.“

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/9/9c/Tissot_Ezekiel.jpg

(James Tissot, Ezekiel, Wikimedia Commons)

Erwähnen könnte man auch noch Deuteronomium 24,16, eine Stelle in der Tora, die den Israeliten befiehlt, ebenso zu handeln, wie Gott es in Ezechiel 18 beschreibt: „Väter sollen nicht für ihre Söhne und Söhne nicht für ihre Väter mit dem Tod bestraft werden. Jeder soll nur für sein eigenes Verbrechen mit dem Tod bestraft werden.“ Diese Stelle wird in 2 Könige 14,6 wieder aufgegriffen: „Die Söhne der Mörder aber verschonte er [König Amazja von Juda], wie der Herr es geboten hatte und wie es im Gesetzbuch des Mose niedergeschrieben ist: Die Väter sollen nicht für ihre Söhne und die Söhne nicht für ihre Väter mit dem Tod bestraft werden, sondern jeder soll nur für sein eigenes Verbrechen sterben.“

Was sollen also, im Licht solcher deutlicher Stellen, Stellen wie die oben zitierte aus Exodus bedeuten?

Und was soll überhaupt die ganze Lehre von der Erbsünde bedeuten? Denn diese Lehre sagt doch auch, dass wir alle für die Sünden unserer Vorfahren, der ersten Menschen, mit schwerer Arbeit, Schmerzen, dem Tod, Neigung zur Sünde und Gottesferne gestraft wurden – oder nicht?

Na ja, nicht ganz. Besser ausgedrückt sagt sie, dass die ersten Menschen uns diese Dinge eingebrockt haben; bestraft werden kann man nur für etwas, das man selber verbrochen hat (ich erinnere: Ezechiel 18), und keiner aus der heutigen Menschheit hat an der Ursünde mitwirken können. Aber ja, sie sagt, dass Adams und Evas (oder wie auch immer die ersten Menschen hießen) Abwendung von Gott auch Einfluss auf uns hatte.

Ich denke, man kann es mit einer Analogie erklären. Adam und Eva (auf die ich hier schon genauer eingegangen bin: https://nolitetimereweb.wordpress.com/2017/01/31/ueber-schwierige-bibelstellen-teil-4-schoepfung-urknall-evolution-suendenfall-usw-zur-bedeutung-von-genesis-1-11/ , https://nolitetimereweb.wordpress.com/2017/01/31/ueber-schwierige-bibelstellen-exkurs-zu-teil-4-was-sagt-der-katechismus-zu-suendenfall-und-erbsuende/) erhielten von Gott sog. „übernatürliche Gnadengaben“, d. h. sie waren Tod, Schmerzen und Vergänglichkeit nicht unterworfen, das Tun des Guten fiel ihnen leicht, und sie waren Gott sehr nahe. Dann entschieden sie sich jedoch, versucht durch den Teufel (einen abgefallenen Engel – Engel sind rein geistige Wesen, die von Gott vor der Erschaffung unserer materiellen Welt ins Dasein gerufen wurden, die ebenso wie Menschen einen freien Willen haben, und von denen die einen sich daher für Gott und das Gute entschieden, und die anderen gegen ihn), Gott zu misstrauen, sein zu wollen „wie Gott“, und gegen eins seiner Gebote zu handeln, die er ihnen alle um ihretwillen, nicht um seinetwillen, gegeben hatte. Damit verspielten sie ihre Gnadengaben und diese wurden somit auch nicht mehr an die nachfolgenden Generationen weitervererbt. „In dieser Sünde zog der Mensch sich selbst Gott vor und mißachtete damit Gott: er entschied sich für sich selbst gegen Gott, gegen die Erfordernisse seines eigenen Geschöpfseins und damit gegen sein eigenes Wohl. In einem Zustand der Heiligkeit erschaffen, war der Mensch dazu bestimmt, von Gott in der Herrlichkeit völlig ,,vergöttlicht“ zu werden. Vom Teufel versucht, wollte er ,,wie Gott sein“ [Vgl. Gen 3,5.], aber ,,ohne Gott und vor Gott und nicht Gott gemäß“ (Maximus der Bekenner, ambig.). Die Schrift zeigt die verhängnisvollen Folgen dieses ersten Ungehorsams. Adam und Eva verlieren sogleich die Gnade der ursprünglichen Heiligkeit [Vgl. Röm 3,23]. Sie fürchten sich vor Gott [Vgl. Gen 3,9-10], von dem sie sich das Zerrbild eines Gottes gemacht haben, der auf seine Vorrechte eifersüchtig bedacht ist [Vgl. Gen 3,5.].“ (Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 398-399)

Okay, jetzt zur Analogie: Nehmen wir mal an, ein junges Ehepaar erhält zur Hochzeit von einem reichen Onkel ein wunderschönes großes Haus geschenkt. Dann jedoch betrügen sie in ihren Geschäften und müssen hohe Geldstrafen zahlen; oder aber sie machen enorme Spielschulden; oder sie verspekulieren sich an der Börse; wie auch immer, jedenfalls müssen sie auf Grund eigener Schuld das Haus verkaufen. So können auch die Kinder, die sie später noch bekommen, nicht mehr dort aufwachsen. Hier würde man aber nun kaum dem Onkel (zu dem die Eltern im Lauf der ganzen Geschichte den Kontakt abgebrochen haben) einen Vorwurf machen, seine Großneffen und -nichten für die Verbrechen ihrer Eltern bestraft zu haben. (Und, liebender Großonkel, der er ist, ist es ihm dennoch übrigens auch weiterhin nicht egal, was aus der ganzen Familie wird.)

Adam und Eva erhielten die Gaben, die sie erhielten, nicht nur für sich selbst, sondern für sich und alle ihre Nachkommen als Erbe. Das haben sie verspielt. Wir werden nicht dafür bestraft, was Adam und Eva getan haben; aber sie wären dafür verantwortlich gewesen, uns etwas zu bewahren, das sie nicht bewahrt haben. So, denke ich, kann man die Erbsünde am besten erklären; aber es bleibt wohl immer noch dabei, dass sie, wie der Katechismus sagt, ein „Geheimnis“ ist, „das wir nicht völlig verstehen können“ (Nr. 404).

Aber dennoch, könnte man fragen – ist Gott nicht ungerecht, dass er ein solches System eingerichtet hat, in dem es möglich ist, dass die Schuld des einen Menschen auch den anderen oder sogar sehr viele andere trifft?

Nein.

Gott hat eine Welt eingerichtet, in der Menschen Einfluss auf das Leben anderer Menschen haben; im Guten wie im Bösen. In dieser Welt sind alle Menschen aufeinander angewiesen, niemand ist autark, und sehr vieles ist geschenkt und mitgegeben anstatt selbstgemacht. Ich weiß nicht, ob er diese Welt auch hätte anders machen können (oder ob er vielleicht sogar andere Welten gemacht hat, die tatsächlich anders sind); aber jedenfalls entschied er sich, diese Welt hier so zu machen und nicht anders; und ich denke, man kann sehen, dass es gute Gründe dafür gab. Wenn ein Geschöpf keinen Einfluss – überhaupt keinen Einfluss – auf andere Geschöpfe hätte – wo bliebe dann die Möglichkeit, sie lieben zu können? Das ist leider das Tragische am freien Willen, den Gott den Menschen gegeben hat: sie können selber entscheiden, zu lieben oder nicht zu lieben, und manchmal sind sie einfach so blöd, dass sie sich entscheiden, nicht zu lieben. Die Freiheit, jemandem eine Freude machen zu können, lässt auch die Freiheit, es zu lassen oder ihm stattdessen Schaden zuzufügen. Leider. Sicherlich könnte Gott jedes Mal ein Wunder geschehen lassen, wenn jemand jemand anderem schaden will, und ihn stattdessen dazu bringen, diesem etwas Gutes zu tun; aber das wäre dann keine Freiheit mehr. Wir wären Marionetten anstatt Menschen. Gott will, dass wir lieben; und lieben kann man nur in Freiheit.

Natürlich ist hier eins noch wichtig: Die Ursünde* hat der Menschheit im Ganzen zwar sehr, sehr geschadet, aber sie hat ihren Kontakt zu Gott nicht vollkommen zerstört – vor allem deshalb, weil Gott das nicht zugelassen hat. Er ist seinen Kindern, die den Kontakt abgebrochen haben, trotzdem noch nachgegangen, und zwar so lange, bis sie ihn ans Kreuz genagelt haben. Aber das war kein unvorhergesehener Unfall, es war sozusagen einkalkuliert: Denn es war der Preis, der gezahlt werden musste, um Adams Sünde und auch die Sünden aller seiner Nachkommen (die trotz aller ihrer Neigung zur Sünde noch immer deren freie Entscheidungen waren) wieder gut zu machen, zu sühnen. Nicht nur, was die Folgen der Schuld, sondern auch, was das Heil angeht, gilt im Christentum das Prinzip der Solidarität und der Stellvertretung: „Durch einen einzigen Menschen kam die Sünde in die Welt und durch die Sünde der Tod und auf diese Weise gelangte der Tod zu allen Menschen, weil alle sündigten. […] Doch anders als mit der Übertretung verhält es sich mit der Gnade; sind durch die Übertretung des einen die vielen dem Tod anheim gefallen, so ist erst recht die Gnade Gottes und die Gabe, die durch die Gnadentat des einen Menschen Jesus Christus bewirkt worden ist, den vielen reichlich zuteil geworden. Anders als mit dem, was durch den einen Sünder verursacht wurde, verhält es sich mit dieser Gabe: Das Gericht führt wegen der Übertretung des einen zur Verurteilung, die Gnade führt aus vielen Übertretungen zur Gerechtsprechung. Ist durch die Übertretung des einen der Tod zur Herrschaft gekommen, durch diesen einen, so werden erst recht alle, denen die Gnade und die Gabe der Gerechtigkeit reichlich zuteil wurde, leben und herrschen durch den einen, Jesus Christus. Wie es also durch die Übertretung eines einzigen für alle Menschen zur Verurteilung kam, so wird es auch durch die gerechte Tat eines einzigen für alle Menschen zur Gerechtsprechung kommen, die Leben gibt. Wie durch den Ungehorsam des einen Menschen die vielen zu Sündern wurden, so werden auch durch den Gehorsam des einen die vielen zu Gerechten gemacht werden. Das Gesetz aber ist hinzugekommen, damit die Übertretung mächtiger werde; wo jedoch die Sünde mächtig wurde, da ist die Gnade übergroß geworden. Denn wie die Sünde herrschte und zum Tod führte, so soll auch die Gnade herrschen und durch Gerechtigkeit zu ewigem Leben führen, durch Jesus Christus, unseren Herrn.“ (Römer 5,12.15-21) Niemand ist nur für sich selbst verantwortlich; und niemand hat, was er hat, aus sich selbst. Das Menschengeschlecht ist eine große Familie – und das meine ich nicht im Friede-Freude-Eierkuchen-Sinn, denn in einer Familie ist für gewöhnlich nicht Friede-Freude-Eierkuchen; sondern ich meine es eher im Sinne von: „wir gehören nun mal alle zusammen, ob uns das jetzt recht ist oder nicht“.

Zu bedenken sind noch zwei Dinge: Erstens, in Bezug auf die Neigung zur Sünde, die durch die Ursünde in die Welt kam: Sie ist keine „absolute Verderbtheit“, wie die Reformatoren (insbesondere Calvin, aber durchaus Luther auch) meinten; der Mensch besitzt immer noch einen freien Willen. Und Gott lässt nicht zu, dass jemand ohne wirkliche eigene, frei gewählte Schuld verloren geht; und auch nicht, dass jemand, der seine eigene, frei gewählte Schuld bereut, verloren geht. Wie gesagt – Ezechiel 18. Am Ende wird Gott alles zurechtrücken; und dann gilt auch: „Nur wer sündigt, soll sterben“ – „Die Schuld lastet nur auf dem Schuldigen“.

Zweitens, auch wenn Gott zulässt, dass Leid durch Menschen über andere Menschen kommt – z. B., dass Kinder drogenabhängiger Schwangerer auch drogenabhängig geboren werden, oder dass Kinder von Fanatikern auch in den Fanatismus getrieben werden (solche schicksalhaften Mechanismen beschreiben Stellen wie Exodus 20,5f.), oder dass alle Nachkommen von Adam und Eva mit der Erbsünde belastet sind –, kann aus diesem Leid noch Gutes werden, und es wird nur zugelassen, weil es irgendeinen Sinn in Gottes Schicksalsplan hat. Gott sorgt für unser ganzes Leben. „Bei euch aber sind sogar die Haare auf dem Kopf alle gezählt.“ (Matthäus 10,30) So ist es; wir haben keine unbegrenzte Macht, Gott hält alles in der Hand, aber trotzdem haben wir Macht über andere – wirkliche Macht, ihr Leben besser oder schlechter zu machen.

Zuletzt noch ein kurzer Exkurs zur Bedeutung des Todes. Die bereits erwähnten Folgen der Erbsünde sind ja verschiedenartig:

  • Verlust der Nähe zu Gott; auch Verlust dieser Nähe im Jenseits („Himmel“ ist in der katholischen Theologie definiert als „Gott schauen“, als die visio beatifica)
  • Irdische Leiden und Schmerzen – schwere Arbeit, Schwierigkeiten in der Schwangerschaft, etc.
  • Irdischer Tod, d. h. Trennung von Leib und Seele
  • Neigung zur Sünde

Im vorigen Artikel habe ich gesagt, dass das Leben ein Geschenk Gottes ist, dass nur er Autorität darüber hat, und dass er es einem Menschen auch wieder nehmen kann, wenn er dies als das Beste erachtet, was nicht unbedingt eine Strafe für diesen Menschen sein muss. Aber diese Aussage muss noch besser ausdifferenziert werden.

In der Bibel** heißt es: „Denn Gott hat den Tod nicht gemacht und hat keine Freude am Untergang der Lebenden. Zum Dasein hat er alles geschaffen und heilbringend sind die Geschöpfe der Welt. Kein Gift des Verderbens ist in ihnen, das Reich des Todes hat keine Macht auf der Erde; denn die Gerechtigkeit ist unsterblich. […] Gott hat den Menschen zur Unvergänglichkeit erschaffen und ihn zum Bild seines eigenen Wesens gemacht. Doch durch den Neid des Teufels kam der Tod in die Welt und ihn erfahren alle, die ihm angehören.“ (Weisheit 1,13-15; 2,23f.)

Also: Der Tod, d. h. die Trennung von Leib und Seele, ist ein unnatürliches Auseinanderreißen von etwas, das zusammengehört; der Verfall des Leibes (Altern, Krankwerden, nach dem Tod dann der vollständige Zerfall zu Knochen und Staub) ist schlecht; er ist nichts, was eben so sein soll. Er ist eine Frucht der Sünde. Daher glauben wir auch daran, dass nicht nur die Seelen bei Gott weiterleben, sondern dass er am Ende der Zeiten auch die toten Körper wiedererwecken wird – auf welche Weise das geschehen wird, wissen wir nicht – und dass sie sich wieder mit den Seelen vereinen werden. An zwei Menschen ist das schon geschehen: An Jesus, dem Gottmenschen, der leiblich aus dem Grab auferstanden ist (wie wir in den Evangelien lesen können – hey, er hat Fisch gegessen und Thomas seine Wunden berühren lassen; wenn das keine leibliche Auferstehung ist, weiß ich auch nicht mehr), und an seiner Mutter, die durch Gottes Gnade ebenfalls mit Leib und Seele in den Himmel aufgenommen wurde.

Gott lässt den Tod, wie alles Schlechte, nur zu, hat ihn aber nicht direkt gewollt. „Der Herr hat gegeben, der Herr hat genommen; gelobt sei der Name des Herrn“ (Ijob 1,21) bedeutet ganz streng theologisch genommen eigentlich „Der Herr hat gegeben, der Herr hat zugelassen, dass genommen wurde, gelobt sei der Name des Herrn“.

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/7/75/Tissot_God%27s_Curse.jpg

(James Tissot, God’s Curse, Wikimedia Commons)

 

* Zur Begriffserklärung: „Ursünde“ ist das, was Adam und Eva getan haben; „Erbsünde“ ist das, was wir geerbt haben, der Zustand, in dem wir uns jetzt befinden.

** Der katholischen Bibel zumindest. Luther hat dieses Buch aus der Bibel entfernt, zusammen mit sechs anderen.

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