Dinge, die keine Sünden sind

Es ist keine Sünde, fett zu sein.

Es ist keine Sünde, Süßes zu essen.*

Es ist keine Sünde, Fleisch zu essen.*

Es ist keine Sünde, Zigaretten zu rauchen.*

Es ist keine Sünde, World of Warcraft zu spielen.*

Es ist keine Sünde, keinen Sport zu machen.

Es ist keine Sünde, hässlich zu sein.

Es ist keine Sünde, alt zu sein.

Es ist keine Sünde, krank zu sein.

Es ist keine Sünde, psychisch gestört zu sein.

Es ist keine Sünde, behindert zu sein.

Es ist keine Sünde, dumm zu sein.

Es ist keine Sünde, ungebildet zu sein.

Es ist keine Sünde, ein Spießer mit Bausparvertrag und Doppelhaushälfte zu sein.

Es ist keine Sünde, Hausfrau zu sein.

Es ist keine Sünde, mehr als zwei, drei Kinder zu haben. (Tatsächlich ist es sogar sehr vorbildlich. Wir zahlen mal eure Rente!)**

Es ist keine Sünde, Hartz-IV-Empfänger zu sein.

Es ist keine Sünde, ein niedriges Selbstbewusstsein zu haben.

Es ist keine Sünde, unbeliebt zu sein.

Es ist keine Sünde, ein Opfer zu sein.

 

Die Ansprüche der Welt sind dieser Tage hoch, und sie ist nicht immer barmherzig; nicht selten bestraft sie die, die ihnen nicht genügen, mit Acht und Bann.

Ich finde es bemerkenswert, dass die meisten derzeit beliebten Schimpfwörter – fett, dumm, hässlich, krank, gestört, behindert, Opfer – alle Dinge bezeichnen, die eigentlich keinen Anlass zu einer Beschimpfung bieten. Kein Mensch kann etwas dafür, dass er zur Fettleibigkeit neigt, oder dass er einen niedrigen IQ hat, oder dass er Pickel und abstehende Ohren hat, oder dass er eine Zwangsstörung oder das Downsyndrom hat; man kann Fetten, Dummen, Hässlichen, Gestörten und Behinderten kein moralisches Fehlverhalten vorwerfen. Schon gar nicht kann man es jemandem vorwerfen, ein Opfer geworden zu sein (wie denn auch?). In manchen Fällen erkennt die Welt das theoretisch zwar irgendwo noch mit Lippenbekenntnissen an, z. B. bei Behinderten (Downsyndrom-Kinder werden zwar, wenn man sie rechtzeitig entdeckt, in über 90% der Fälle noch rasch beseitigt, ehe sie geboren werden können, aber wenn sie doch mal das Licht der Welt erblicken sollten, wird den Kameraden im Kindergarten immerhin erklärt, dass man Behinderte nicht beleidigen solle, und keine Vorurteile und so), aber in anderen Fällen gibt es nicht einmal das.

Bei Dicken und Hässlichen zum Beispiel sieht es schon ganz anders aus. Ich bin durchaus froh, dass ich in dieser Hinsicht positive Gene mitbekommen habe. Wenn man dick ist, weiß man gleich, welchen Eindruck man schon auf den ersten Blick bei manchen entsprechend gesonnenen Fremden hinterlassen wird: faul, verfressen, undiszipliniert, asozial. Dass Dicksein nicht unbedingt von maßlosem Pommes- und Colakonsum verursacht wird, dass es Menschen gibt, die Pommes und Cola in Unmengen verzehren könnten, ohne ihre dürre Figur zu verlieren, während andere fett bleiben würden, auch wenn sie sich nur von Gemüsesuppe ernähren würden, dass es auch für dicke Menschen genau genommen keine moralische Verpflichtung gibt, so viel Sport zu machen und so lange extreme Diäten zu halten, bis sie auf Normalgewicht sind (falls das für sie überhaupt möglich sein sollte, was gerade bei kranken Menschen nicht immer der Fall ist) – das zählt alles nicht. Dick ist asozial und faul; wer dick ist, ist selber schuld und hat nicht den Respekt verdient, den man normalen Menschen entgegenbringen kann. Dasselbe gilt für Hässliche im Allgemeinen, besonders – aber eindeutig nicht nur! – für hässliche Frauen. Wenn sie sich nur gesund ernähren und sich eine andere Gesichtscreme kaufen würde, würden ihre Pickel schon verschwinden; wenn sie nur lernen würde, sich ordentlich zu schminken, sich ein paar neue Klamotten und ein Anti-Schuppen-Shampoo besorgen würde, würde sie schon besser aussehen; wenn sie sich nur etwas anstrengen und öfter mal zum Friseur gehen würde, würde sie das Gewicht, das sie in ihren Schwangerschaften gewonnen hat, schon noch verlieren und man würde ihre grauen Haare nicht mehr sehen – aber sie kümmert sich ja nicht darum, sie vernachlässigt sich selbst, also ist sie auch selber schuld, wenn man sie für das asoziale Wesen hält, das sie ist.

Es spricht nichts dagegen, wenn man sich selbst dafür entscheiden will, Gewicht zu verlieren oder mehr auf sein Aussehen zu achten. Aber es ist keine moralische Pflicht.

Leider ist es eben so: Die Welt legt großen Wert darauf, gegenüber wirklichen Sünden ihre Nachsicht und Toleranz zu erklären, aber sie kommt ohne Sünden nicht aus, also muss sie irgendeinen Ersatz finden, den sie rigoros verurteilen kann; und den findet sie manchmal leider an den scheußlichsten Stellen. Irgendetwas muss sie verurteilen; und wenn sie Ehebruch und Lügen und das Töten störender Menschen nicht mehr verurteilen will, verurteilt sie eben Fettsein, Dummheit und Krankheit, oder irgendwelche Nachlässigkeiten wie das Zigarettenrauchen oder vergessenes Beinerasieren. (Anmerkung: Ich persönlich kann den Gestank von Zigaretten übrigens nicht ausstehen; aber ich kann das Rauchen nicht zur Sünde erklären, solange die Kirche das nicht tut, und das tut sie nicht, solange es nicht maßlos wird. Mein persönlicher Geschmack ist nicht aussschlaggebend dafür, was Sünde ist und was nicht.)

So gesehen bin ich wirklich froh, katholisch zu sein. Die katholische Kirche hält bloß solche Dinge wie Habgier, Arroganz, Lieblosigkeit, Heuchelei, Selbstsucht, Neid, Mord, Unzucht, Stehlen und Lügen für Sünden. Sie ist milde und nachsichtig gegenüber allen Unvollkommenheiten und schiebt einem nicht die Verantwortung für Schicksalsschläge zu, und sie verlangt auch nicht, auf gewöhnliche Vergnügungen und Zerstreuungen zu verzichten. Was sie verlangt? Nicht Perfektion, sondern Liebe. Sie verlangt nicht, die Welt zu retten, indem man sich einer rigorosen Mangelernährung unterwirft, und sie stellt auch nicht das unmenschliche Gebot auf, nie zum Opfer von Genen und Krankheiten und Unfällen und mangelnden Chancen und anderen Menschen zu werden.

„Dieses Gebot, auf das ich dich heute verpflichte, geht nicht über deine Kraft und ist nicht fern von dir. Es ist nicht im Himmel, sodass du sagen müsstest: Wer steigt für uns in den Himmel hinauf, holt es herunter und verkündet es uns, damit wir es halten können? Es ist auch nicht jenseits des Meeres, sodass du sagen müsstest: Wer fährt für uns über das Meer, holt es herüber und verkündet es uns, damit wir es halten können? Nein, das Wort ist ganz nah bei dir, es ist in deinem Mund und in deinem Herzen, du kannst es halten.“ (Deuteronomium 30,11-14)

Ach ja, es ist übrigens auch keine Sünde, Katholik zu sein, auch wenn uns die Welt das ebenfalls gerne mal einreden möchte. Nicht mal dann, wenn man zu diesen dogmatischen, mittelalterlichen Katholiken gehört, die tatsächlich jeden Sonntag – oder Gott bewahre, noch öfter – in die Kirche rennen (wie pharisäerhaft!) und auch noch jeden Tag beten (haben die eigentlich nichts Besseres zu tun?).

Kurz gesagt: Wie wäre es, wenn wir alle einfach mal etwas freundlicher und respektvoller einander gegenüber wären?

 

* In Maßen, versteht sich. Maßlosigkeit in allen Dingen wird irgendwann zur Sünde, egal, ob es sich um den Verzehr von Schokolade, Aktivität auf Facebook oder das ehrgeizige Training für den nächsten Marathon (bei Maßlosigkeit in diesem Fall schadet man sich selbst) handelt. Selbst das Lesen der Werke des heiligen Thomas könnte irgendwann maßlos werden, wenn man darüber Dinge wie Essen, Schlafen und das Helfen beim Abwasch vergäße.

** Hierzu vielleicht noch eine interessante Anekdote: Als meine Mutter gerade mit ihrem vierten (und letzten) Kind schwanger geworden war, erzählte meine Großmutter ihren Arbeitskollegen davon. Dann hörte sie einen dieser Kollegen fragen: „Ja, sind die denn asozial?“ Wir reden hier, nebenbei bemerkt, von einem verheirateten Paar mit Eigenheim – der Mann in Vollzeit beschäftigt und gut bezahlt, die Frau damals Hausfrau und Mutter – die nur das Verbrechen begangen hatte, zusätzlich zu den drei bereits vorhandenen Kindern noch ein viertes zu erwarten. Das ist schon einige Jahre her, und ich weiß nicht, ob die Vorurteile immer noch so stark sind, aber sie sind definitiv da. Vier Kinder markieren gerade so die Grenze, glaube ich – drei sind noch akzeptabel, und fünf bedeuten auf jeden Fall schon eine „Großfamilie“, bei der irgendetwas nicht stimmen kann.

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