Über diese heuchlerischen, pharisäischen Katholischer-als-der-Papst-Christen, oder: Der Franziskus-Effekt

Ein Problem, das ich mit unserem derzeitigen Papst, wie er manchmal erscheint, oder zumindest mit manchen seiner Anhänger, habe, ist ihre gewissermaßen selektive Barmherzigkeit. (Ich weiß nicht, ob alles oder auch nur ein größerer Teil dessen, was ich in diesem Artikel beschreibe, auf Papst Franziskus persönlich zutrifft, aber es geht mir auch nicht vorrangig um ihn oder irgendeine andere Person, sondern um ein allgemeines Phänomen. Hier also der offizielle Disclaimer: Dieser Artikel hier ist eigentlich nicht als Papstkritik im strengen Sinne gemeint, er kritisiert eher ein Phänomen, das besonders unter dem derzeitigen Papst wieder stärker aufgelebt ist, das aber nicht gerade neu ist.)

Wie gesagt: Selektive Barmherzigkeit. Was ich damit meine, ist Folgendes:

Man redet von Armut, Demut und Barmherzigkeit. Man tritt ganz betont schlicht auf, damit andere sehen, dass man den alten Prunk der Kirchenfürsten verabscheut. Man zeigt sich bestimmten Sünden gegenüber, die in der Welt beliebt sind, barmherzig, nicht verurteilend, manchmal verständnisvoll, manchmal auch verharmlosend. Andere Sünden dagegen verurteilt man mit den schärfsten Worten, die man finden kann. Ersteres sind meistens die Sünden des Fleisches, letzteres bestimmte Sünden des Geistes. Man betont, wie viel Gutes auch in vor- / außerehelichen Beziehungen zu finden sei, während es ja auch Ehen gäbe, in denen keine gute Beziehung zwischen den Partnern bestehe, und man predigt darüber, wie grauenvoll es sei, sich z. B. wegen seines Glaubens für besser als andere Menschen zu halten, oder wie schlimm Heuchelei sei. Die Lieblingsstelle in der Bibel ist das Gleichnis vom barmherzigen Samariter: Besser ein barmherziger Samariter sein als ein gleichgültiger Priester oder Levit; besser ein moralischer Atheist sein als ein heuchlerischer Katholik. Man setzt sich selbst mit dem Heiland gleich, der gegen den Legalismus und die Rigidität der Schriftgelehrten und Pharisäer auftritt und für die Armen, Gebeugten, Ausgestoßenen einsteht.

Und damit tut man – wenn auch vielleicht unbewusst – ganz genau dasselbe wie das, wofür der Heiland die Pharisäer kritisiert hat: Man sichert sich den Beifall der Welt. „Amen, das sage ich euch: Sie haben ihren Lohn bereits erhalten.“ (Matthäus 6,5)

Ich meine, Leute, bitte: Die ausgestoßenen Sünder unserer Zeit sind nicht wiederverheiratete Geschiedene. Es sind dicke, alkoholabhängige Langzeitarbeitslose, oder AfD-Wähler, oder auch religiöse Fundamentalisten, sagen wir mal, in der Nachbarschaft umherwandernde Zeugen Jehovas oder Leiter römischer Kurienbehörden – Leute dieser Art. Ausgestoßene Sünder sind diejenigen, die tatsächlich in der Öffentlichkeit und in den Medien schlecht wegkommen, ob nun zu Recht (wie in den Evangelien die Ehebrecherin) oder zu Unrecht (wie in den Evangelien die verschiedenen Leprakranken). (Natürlich kann es je nach speziellem Milieu noch zusätzlich ganz unterschiedliche Ausgestoßene oder Verachtete geben: Fleischesser, Flüchtlinge, Katholiken, Juden, Schulmediziner, Feministinnen, Machos, Trump-Wähler, Clinton-Wähler, Klimaskeptiker, Esoteriker, Hausfrauen, und so ziemlich alles, was es gibt, können dazu gehören.)

Und wenn man barmherzig sein will (was man sollte) : auch Unbarmherzigkeit gegenüber Pharisäern ist Unbarmherzigkeit, ob man sie nun bloß für Pharisäer hält oder ob sie es wirklich sind.

Ich möchte mal ein Gedankenexperiment machen, das in deutschen Landen zwar wenig realitätsnah ist (ich habe noch keine alten Damen getroffen, die sich so verhalten) – aber stellen wir uns einfach mal vor, dass folgendes Geschehnis passiert:

Eine junge Frau, die bisher mit Kirche und Religion nie viel am Hut hatte, fühlt sich irgendwie zum Glauben hingezogen und hat manches über den Katholizismus erfahren, was sie interessiert, also schaut sie einfach mal in eine Kirche in ihrer Nachbarschaft hinein. Sie stellt fest, dass dort gerade die Sonntagsmesse stattfindet und setzt sich also neugierig zu den Gottesdienstbesuchern und ist ganz fasziniert vom Geschehen am Altar. Vorher hat sie nicht besonders auf ihre Kleidung geachtet und so trägt sie also einen etwas kurzen Rock und ein Top, bei dem ihr BH durchschaut. Nach dem Ende der Messe wird sie von einer älteren Dame, die in der Bank hinter ihr gesessen hat, angegiftet, ob ihr eigentlich jeder Respekt vor dem Herrgott abgehe, dass sie eine halbe Stunde zu spät und dann noch in einem solchen unschamhaften Aufzug in der Messe erscheine.

Die Reaktion des durchschnittlichen Lesers dieser Geschichte wäre wahrscheinlich, die alte Dame als arrogant und unverschämt abzuurteilen, oder? Aber das muss nicht zwangsläufig der Realität entsprechen.

Weshalb kann sie so gehandelt haben? Kann der Grund wirklich nur gewesen sein, dass sie eine böse, hochmütige alte Frau ist, die auf alle Mitmenschen herabsieht, die nicht aufs i-Tüpfelchen genau ihren Vorstellungen entsprechen?

Nicht unbedingt. Es kann ebenso gut möglich sein, dass sie eine Neurotikerin ist – im religiösen Bereich nennt man so etwas Skrupulantin – , die fürchtet – obwohl sie vielleicht ahnt oder weiß, dass dieses Gefühl irrational ist -, dass sie in die Hölle kommt, wenn sie nicht jeden ihrer Mitmenschen auf seine von ihr vermuteten Sünden hinweist, damit er sich bekehren kann. Denn wenn sie das nicht tut, ist sie schließlich an deren Sünden und möglicher ewiger Verdammnis mit schuld, und das ist eine große Sünde, mit der wiederum sie sich die ewige Verdammnis verdient, so ihre zwangsgestörte Logik. Dabei hegt sie persönlich keinerlei Abneigung gegen die junge Frau oder sonst jemanden; sie fühlt tatsächlich vor allem Furcht und Mitleid – um sich selbst und um die von ihr gescholtenen Menschen. Sie hat Angst vor dem richtenden Gott, der diese und sie selbst verdammen könnte. Ihr Tonfall war unbeabsichtigt, und zu Hause angekommen verbringt sie zweieinhalb Stunden damit, den Vorfall noch mal in ihrem Kopf durchzuspielen, um sagen zu können, ob sie die junge Frau mit besagtem Tonfall vielleicht so sehr verletzt haben könnte, dass diese nie wieder etwas mit der Kirche zu tun haben will, womit sie dann ebenfalls wieder an deren ewiger Verdammnis mit schuld wäre. Dann verbringt sie noch eine halbe Stunde damit, Gott um Verzeihung anzuflehen und zu versuchen, vollkommene Reue zu erwecken, nur für den Fall, und am nächsten Tag geht sie zur Beichte. Ihrem Pfarrer ist sie schon bekannt, und er versucht, sie so gut es geht zu beruhigen, so wie er es jede Woche wieder wegen irgendeinem Vorfall tut. Allmählich ist er ratlos, wie er ihr helfen soll.

Oder vielleicht war die alte Frau geistig gesund, aber einfach gestresst und wütend wegen etwas, das gar nichts mit der jungen Frau zu tun hatte, die ihr nicht sittsam genug gekleidet war. Vielleicht hat sie direkt vor der Messe noch mit ihrer Tochter telefoniert, die sie seit drei Jahren nicht mehr gesehen hat, und diese und deren Familie freundlich zu Weihnachten eingeladen, was die Tochter abgelehnt hat, ohne sich auch nur die Mühe zu machen, sich eine glaubwürdige Ausrede einfallen zu lassen. Für sie und ihre Familie passe das nicht so gut, nein, zu Ostern wohl auch nicht, nein, auch die Faschingsferien seien schlecht. Im Lauf des Gesprächs hat die Tochter außerdem noch mehr als deutlich ihre Verachtung darüber zu erkennen gegeben, dass die Mutter immer noch die Vorbeterin beim Rosenkranzgebet in der Pfarrei macht und tagtäglich in die Messe geht; dann hat sie das Gespräch abgebrochen. Außerdem hat die alte Frau als Kind gelernt, die Ehrfurcht vor dem lieben Herrgott für sehr wichtig zu halten, und so ist ihr in ihrem aufgebrachten Gefühlszustand nach der Messe gegenüber der jungen Frau, die erstens viel zu spät und zweitens ihrer Ansicht nach nicht im Geringsten angemessen gekleidet gekommen ist, einfach ihr Temperament durchgegangen. Hinterher tut es ihr leid und sie hofft, dass die junge Frau am nächsten Sonntag wieder in die Messe kommt, sodass sie sich entschuldigen kann.

Das Problem ist eben: Kein Mensch, der heute hier auf Erden lebt, ist der Heiland. Daher kann auch kein Mensch anderen Menschen ins Herz schauen und endgültig sagen, ob sie nun arrogante Pharisäer sind oder nicht, und erst recht nicht, ob sie sich nicht vielleicht, wenn sie es sind, und wissen, dass sie es manchmal sind, eigentlich gerne bessern wollen.

Diese Art von selektiver Barmherzigkeit ist sicher oft gut gemeint und entwickelt sich dann nur falsch. Aber falsch entwickeln, das muss man sagen, das tut sie sich leider häufig.

Wir alle brauchen eben Barmherzigkeit.

 

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3 Gedanken zu “Über diese heuchlerischen, pharisäischen Katholischer-als-der-Papst-Christen, oder: Der Franziskus-Effekt

  1. Ertappt. Auch ich kann ziemlich giftig auf bestimmte Arten von Fehlern und Schwächen reagieren und sehr nachsichtig auf andere.
    Ich finde die Balance zwischen Verbindlichkeit und Barmherzigkeit immer wieder schwierig. Ja, ich will 100%ig katholisch sein. Nein, ich bin es nicht (weil Sünder, wie alle anderen auch). Und dann den richtigen Ton finden gegenüber denen, die meiner (nicht unbedingt richtigen) Ansicht nach noch ein paar Prozente weniger haben als ich – das ist schwierig. Wenn ich die Klappe halte, ist es vielleicht gerade in diesem Moment falsch. Wenn ich etwas sage, vielleicht auch.

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  2. Hat dies auf Des katholischen Kirchfahrters Archangelus unbotmäßige Ansichten – ob gelegen oder ungelegen. rebloggt und kommentierte:
    Einen doch anscheinend so klaren Fall (selbst)kritisch von mehreren Standpunkten aus zu betrachten (und ihn als scheinbar klar zu erkennen) ist ebenso selten wie erfreulich in der kath. Blogger-“Szene“. Auch mich stört das aufgesetzt „barmherzige“ mancher Zeitgenossen denjenigen gegenüber, für die sie vonvornherein Sympathie empfinden, während Personen, die als unsympathisch empfunden werden, kalt der sprichwörtliche „kurze Prozeß“ gemacht wird. Halt auffallend oft genau dieselben, welche gerade die geballte Verachtung des politisch-korrekten Mainstreams und dessen Medien trifft: AfD-Wähler, glaubenstreue Christen etc.

    Netter Blog, gefällt mir.

    Gefällt 1 Person

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