Ein bisschen Scheiterhaufen muss sein

Was soll ich sagen: Ich brauchte in den letzten Tagen etwas zum Entspannen.

Na ja, und da das schon manchmal funktioniert hat, dachte ich mir, ein trashiger historischer Liebesroman könnte da vielleicht weiterhelfen – und es könnte außerdem beim Lesen Spaß machen, zu schauen, wie oft ich in Gedanken „historisch inkorrekt!“ rufen kann (zusammen mit dem Korrigieren von Rechtschreib- und Zeichensetzungsfehlern eine meiner liebsten Beschäftigungen). Ein Blogartikel als Rezension des Buchs könnte auch noch dabei herauskommen. Also, gedacht, getan.

So bin ich jedenfalls an Iny Lorentz‘ 700-seitigen historischen Roman „Flammen des Himmels“ geraten.

„Historischen“ Roman? wird sich der aufmerksame Leser, dem der Name der Autorin etwas sagt, jetzt sicherlich fragen. Aber ich greife mir vor – kommen wir erst einmal zur Handlung. Der Klappentext bietet die folgenden Informationen:

„Eine packende Frauenfigur, ein ungewöhnliches Setting und eine dramatische Geschichte aus dem 16. Jahrhundert

Fraukes Familie gehört zur verbotenen Sekte der Wiedertäufer. Als ein berüchtigter Inquisitor in ihrer Stadt erscheint, verhilft ihr Lothar, obwohl er der Sohn eines engen Vertrauten des Fürstbischofs ist, zur Flucht. Als die Wiedertäufer die Macht in Münster ergreifen, treffen sie sich wieder, Frauke auf der Seite der Ketzer und Lothar als Spion der Kirche, deren Ziel es ist, die Wiedertäufer zu vernichten. Wird ihre Liebe in dem mörderischen Ringen zwischen den Religionen eine Chance bekommen?“

Erst einmal muss ich hierzu sagen: Ein bisschen zu viele Adjektive in zu wenigen Sätzen.

 

20170714_105702[1]

Das Cover bietet ja schon mal gewisse Anhaltspunkte für die Art von Roman, die man zu erwarten hat. Die schöne geheimnisvolle junge Frau, die mit abgewandtem Gesicht in die Ferne blickt, gequält ein Kreuz an ihre Brust drückend, während sich im Hintergrund über der alten gotischen Kirche dunkle Wolken zusammenbrauen, sich aber dazwischen auch ein heller Lichtschein zeigt… (Und ja, das waren jetzt absichtlich zu viele Adjektive in zu wenigen Sätzen.)

 

Meine Erwartungen nach dem Lesen dieser Inhaltsangabe waren in etwa:

  • Ein gruselig aussehender, fanatischer, skrupelloser, vor keiner Foltermethode zurückschreckender Inquisitor also mal wieder. Natürlich.

 

 

Nobody expects the Spanish Inquisition. Müssen sie im Buch auch nicht, da sie nicht in Spanien leben.

 

  • Wir werden wohl eine Menge sex & crime kriegen. Also, „crime“ wahrscheinlich im Sinne von Krieg, Folter und Hinrichtungen, hauptsächlich. Viel blutiges Zeug halt.
  • Frauke und Lothar werden am Ende zu der Erkenntnis kommen, dass ihre Religionen irgendwie beide blöd sind. Was denn sonst?
  • Selbstverständlich bekommt ihre Liebe eine Chance! Oder denkt hier jemand, dass Frau Lorentz ihre Leserinnen mit einer Tragödie verschrecken will, in der das Liebespaar am Ende getrennt wird, gemeinsamen Selbstmord begeht, im Krieg umgebracht wird oder an der Pest stirbt? Oder, noch bessere Möglichkeit: Lothar sagt sich von seiner sündigen Liebe zu einer Ketzerin los, liefert sie als guter Katholik dem fanatischen Inquisitor aus und jubelt vor ihrem Scheiterhaufen, während sie als treue und standhafte Märtyrerin für ihren Glauben an die Lehren der Wiedertäufer-Propheten stirbt. Schließlich ist das hier eine hoffnungslose Liebe zwischen zwei Eigentlich-Feinden, die keine Chance haben kann.

 

Inzwischen habe ich das Buch zu Ende gelesen, und, nun ja, meine Erwartungen bezüglich des Inquisitors wurden eher noch übertroffen. Gleich auf der ersten Seite, als Frauke Hinrichs den Einzug des Inquisitors Jacobus von Gerwardsborn (übrigens ebenso wie die Hauptpersonen keine historische Figur – ein paar tatsächliche historische Personen wie der Fürstbischof von Münster kommen später noch am Rande vor) in ihre Heimatstadt Stillenbeck beobachtet, findet sich folgende Schilderung:

„Seine Kleidung einschließlilch der Stiefel war so dunkel wie eine Neumondnacht unter einem bedeckten Himmel, und sein schwarzes Maultier wies nicht einen hellen Fleck auf. Im ersten Augenblick wirkte der Mann auf Frauke wie einer der apokalyptischen Reiter, und sie hätte sich nicht gewundert, wenn auch sein Gesicht von der Farbe der Nacht gewesen wäre. Stattdessen war es so bleich, als meide der Mann die Strahlen der Sonne. Frauke erstarrte bis ins Mark, obwohl sie nicht wusste, wer dieser Fremde sein mochte, der die Menschen am Straßenrand musterte, als wolle er sie mit seinen Blicken durchbohren.“ Bessere Metaphern und Vergleiche waren wohl nicht im Angebot.

Zu Gerwardsborns Begleitung gehört auch Magnus Gardner, ein Berater des neu ernannten Fürstbischofs Franz von Waldeck, der den vom Papst entsandten Inquisitor im Auftrag des Bischofs zu etwas Mäßigung bei seiner Ketzerverfolgung bewegen soll – schließlich können auf dem Scheiterhaufen verbrannte Untertanen des Fürstbistums keine Steuern mehr zahlen, und so ein Fanatiker ist der Franz nun nicht, dass ihm die Ausrottung der Häretiker wichtiger wäre als die Möglichkeit, die Schulden, die er machen musste, um seinen Titel zu kaufen, endlich zu begleichen. Auch mit von der Partie ist Gardners Sohn Lothar, dessen Hauptaufgabe im Moment darin besteht, den Inquisitor bei Laune zu halten, indem er gegen ihn im Schachspiel verliert.

Tja, in Stillenbeck nun gibt es ein paar vereinzelte, in den letzten Jahren neu zugezogene Wiedertäufer, die ihren Glauben geheim halten, und eine bedeutende Zahl an Bürgern, darunter auch ein großer Teil des Stadtrats, die sich Luther zugewandt haben und vor Gerwardsborns Ankunft einen lutherischen Prediger an die Pfarrkirche berufen wollten. Nun mimen natürlich auch die wieder die braven Katholiken, aber Gerwardsborn will Ketzer brennen sehen, also beschließen die Lutheraner, seine Aufmerksamkeit von sich ab- und auf den gemeinsamen Feind, die radikale, kleine Sekte der Wiedertäufer, hinzulenken und denunzieren ohne genaueres Wissen Neuzugezogene wie Fraukes Familie (die schon dreimal aus verschiedenen Städten fliehen musste). Dass des Bürgermeisters Töchterlein die Familie schon vorher beim Inquisitor angeschwärzt hatte, weil es eifersüchtig auf die Schönheit von Fraukes älterer Schwester Silke war (ich weiß – einfallsreich, nicht wahr?), trägt auch noch seinen Teil dazu bei, dass sein Fokus sich nun ganz auf die Hinrichs richtet. Fraukes Vater zögert zu lange mit der Flucht aus der Stadt und will sie, als er sich doch noch dazu entschließt, unauffällig aussehen lassen, weshalb die Familie sich trennt; Hinner Hinrichs und der jüngere Sohn Helm gehen zuerst, angeblich, um Leder für ihr Handwerk zu kaufen, und die Mutter, die beiden Töchter und der ältere Sohn Haug bleiben zunächst noch zurück – woraufhin sie, wie es zu erwarten war, von den Schergen des Inquisitors gefangen genommen werden.

Die vier werden eingesperrt, ihnen werden Beweise untergeschoben und sie werden gefoltert, die Mutter wird von Gerwardsborns Folterknecht vergewaltigt, und Haug wird nicht lange danach als erster auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Die Frauen sollen am nächsten Tag an der Reihe sein, aber in dieser Nacht befreien Lothar, den Gerwardsborns Grausamkeit abstößt und der sich anscheinend in Frauke verliebt hat, nachdem er sie ein paar Mal auf der Straße gesehen und sich ein Mal mit ihr unterhalten hat, und ein Stadtknecht namens Draas, der in Silke verliebt ist, die drei, und Draas bringt sie heimlich zum Stadttor hinaus und zu anderen Wiedertäufern nach Geseke.

Von da an trennen sich die Wege der Figuren zeitweise: Draas kann nicht nach Stillenbeck zurückkehren und wird Söldner; Hinner Hinrichs und Helm hören, dass ihre ganze Familie tot sein soll und ziehen allein nach Münster, wo sich immer mehr Wiedertäufer sammeln und einheimische Wiedertäufer schon an Macht gewonnen haben, und wo, wie ihr Prophet Jan Matthys angekündigt hat, Christus zu Ostern vom Himmel herabsteigen soll, und dort heiratet Hinner eine streitsüchtige holländische Witwe namens Katrijn; Frauke, Silke und ihre Mutter gehen schließlich auch nach Münster, wo sie dem Rest ihrer Familie wieder begegnen; Lothar kehrt zuerst an die Universität zurück, wo er Jura studiert, wird dann aber von seinem Vater als Spion ebenfalls nach Münster geschickt, um diesem heimlich Nachrichten über die Situation in der Stadt zukommen zu lassen. Der neue Fürstbischof hatte bisher wegen schwieriger Verhandlungen mit dem Stadtrat über ein paar politische Angelegenheiten noch nicht in seine Hauptstadt einziehen können und nun, wo die Wiedertäufer an die Macht kommen, spitzt sich die Lage zu: Deren Lehre wird gewaltsam durchgesetzt, Heiligenfiguren in den Kirchen werden zerschlagen und Kirchengerät geplündert, Katholiken und Lutheraner werden vertrieben und ihr Besitz wird Täufern zugeteilt, es sei denn, sie nehmen den Täuferglauben an. Der Fürstbischof zieht allmählich einen Belagerungsring um die Stadt (wozu er ständig neues Geld aufbringen muss, das er eigentlich nicht hat), hofft aber noch, dass vielleicht die Gegner der Täufer in der Stadt noch etwas ausrichten und die neuen Herren wieder entmachten könnten, sodass er sich eine langwierige und blutige Erstürmung der Stadt sparen könnte. Auch Draas ist unter den Söldnern des Bischofs.

Zurück zu den Hinrichs. Als sie einander wiederfinden und Hinner Hinrichs ungewollte Bigamie herauskommt, er und seine zweite Frau sich aber nicht so wirklich trennen wollen, entscheiden die Herrscher von Münster, dass sie erst noch in der Bibel schauen müssen, ob die Polygamie für Christen vielleicht doch okay sein kann, also sollen sie solange alle zusammenleben, aber Hinner soll bitte nur mit einer der beiden Frauen schlafen. Der *ich-verkneife-mir-aus-christlicher-Nächstenliebe-was-ich-ihn-hier-gerne-nennen-würde* entscheidet sich für Katrijn. An dieser Stelle erfährt man auch, dass seine erste Frau Inken schwanger ist, und dass sie vermutet – ohne allerdings ihrem Mann etwas davon zu sagen -, dass das Kind von ihrem Vergewaltiger sein könnte. Sie versinkt jetzt immer mehr in einer schweren Depression und verlässt kaum noch ihre Kammer.

Unterdessen trifft Frauke Lothar wieder – der sich als Frau verkleidet, als arme täuferische Witwe ausgegeben und den Namen Lotte zugelegt hat, und immer wieder Botschaften in Flaschen in die Aa wirft, die die Leute seines Vaters dann außerhalb der Stadt herausfischen. Frauke freundet sich mit „Lotte“ an und entdeckt schließlich deren wahre Identität. Jetzt beginnt die wahre Liebesgeschichte (allerdings entgegen meiner Vermutung mit tatsächlich relativ wenig Sexszenen), und da Frauke eh schon längst ihre Zweifel an den Auserwähltheitsfantasien und Weltuntergangsprophezeiungen der Wiedertäufer hat, sind auch keine feindseligen Gefühle mehr zu überwinden. Auch Lothar mag die katholische Kirche mit ihren Scheiterhaufen nicht mehr so richtig, aber jetzt muss er natürlich eher noch dem Fürstbischof gegen die fanatischen Wiedertäufer helfen. Beide möchten gerne eine einigermaßen friedliche Lösung erreichen, und versuchen deshalb zwischendurch, herauszufinden, ob es noch Bürger gibt, die bereit wären, sich gegen die Täufer zu wenden oder den Truppen des Bischofs ein Stadttor zu öffnen.

Ein paar Monate ziehen ins Land, es gibt ein paar Wendungen im Plot und Nebenstränge der Handlung werden weitergesponnen. Fraukes Mutter stirbt bei der Geburt ihres Kindes, und das Kind ebenfalls. Die Täuferführer setzen ihre Macht immer radikaler durch – auch, als Christus zu Ostern 1534 nicht wie versprochen erscheint. Angesichts von dessen Ausbleiben unternimmt Jan Matthys einen verzweifelten Ausfall gegen die Bischöflichen und wird getötet, woraufhin Jan Bockelson van Leiden, ein weiterer Täuferprophet, erklärt, dass Gott ihm mitgeteilt habe, dass Matthys für seinen Hochmut und Stolz auf sein Prophetenamt bestraft würde und sie jetzt einfach so gut christlich leben müssten, dass sie Christus dazu zu bringen würden, irgendwann mal zu erscheinen. Jan van Leiden erklärt sich schließlich zum „König von Neu-Jerusalem“ (also Münster), und erlaubt außerdem, da sich inzwischen viel mehr Frauen als Männer in der Stadt befinden, die Polygamie nicht nur, sondern erklärt sie sogar für verpflichtend. Er nimmt sich selbst etliche Frauen, darunter Silke Hinrichs.

Unterdessen ist außerhalb der Stadt auch der Erzschurke der Geschichte wieder aufgetaucht: Gerwardsborn, der eigentlich nach Rom reisen wollte in der Hoffnung, zum Kardinal befördert zu werden, ist doch im Münsterland geblieben und agitiert – gegen den Willen des Fürstbischofs, der aber nicht viel tun kann, um ihn zu hindern – in den Söldnerlagern rund um die Stadt bei den Söldnern und ihren Anführern, damit sie bei einer Eroberung der Stadt alle Einwohner umbringen, da die mit dem Gift der Häresie angesteckt sein müssten, das man ganz und gar ausrotten müsse. So à la „Tötet sie alle, der Herr kennt die Seinen“ eben.

Long story short: Unsere Protagonisten helfen schließlich einem Münsteraner Bürger, der auf ihrer Seite steht, aus der Stadt zu fliehen, sodass der den bischöflichen Truppen einen Weg hinein zeigen kann.

Während der Eroberung sollen sie von ein paar Söldnern, die Lothars Vater geschickt hat, darunter Draas, in Sicherheit gebracht werden, was zuerst zu klappen scheint, als jedoch – man ahnt es – der schwarze Inquisitor, der auch mit den Soldaten in die Stadt gekommen ist, noch einmal seinen letzten großen Auftritt hat. Er erkennt Frauke neben Lothar und schließt daraus, dass der ihr damals in Stillenbeck zur Flucht verholfen haben muss. Während er noch Drohungen bzgl. Scheiterhaufen usw. ausstößt, bekommt jedoch Fraukes bisher recht feiger und enttäuschender Vater seine letzte Möglichkeit, sich als Held zu erweisen: Er taucht (unerkannt von den Protagonisten) am Dachfenster eines Hauses auf, erkennt Gerwardsborn unten auf der Straße und tötet ihn und einige von seinen Handlangern mit einer Handbüchse, wird dann allerdings selbst getötet. Die anderen gelangen sicher aus der Stadt hinaus.

Die Eroberung ist insgesamt etwas brutal verlaufen, aber immerhin nicht ganz so schlimm, wie der tote schwarze Inquisitor es gerne gehabt hätte, die Täuferführer werden allerdings hinterher hingerichtet, die restlichen Täufer, die sich nicht bekehren wollen, des Landes verwiesen. Silke kommt mit Draas zusammen, dem Lothars Vater eine Stelle verschafft, was er auch für den kleinen Bruder Helm tut. (Beide Geschwister haben in den letzten paar hundert Seiten etwas tragendere Rollen bekommen als zuvor und auch von Lothars Identität erfahren.) Lothar erklärt seinem Vater unumwunden, dass er Frauke heiraten will, auch wenn sie bloß eine Handwerkerstochter ist, und – das war jetzt auch für mich eine Überraschung – dass er nach Wittenberg gehen, sich den Lutheranern anschließen und Pastor werden will. Denn, wie die Autorin uns mehrmals im Lauf des Buches informiert hat, das Christentum an sich ist ja schon gut, Nächstenliebe und so, bloß – diese Katholiken! diese Wiedertäufer! diese Gewalt! Aber zum Glück bietet der Luther anscheinend einen dritten Weg, und so wird alles gut. Magnus Gardner akzeptiert Lothars Entscheidung und alle sind glücklich. The End.

Tja, was soll ich jetzt dazu sagen? Fangen wir mal mit dem Positiven an. Man sollte lernen, das Positive zu sehen.

Das Thema an sich ist extrem interessant. Die Episode mit den Wiedertäufern ist eine spannende, und tragische, Episode in der Geschichte der Reformation. (Allgemein eine spannende und sehr, sehr tragische Zeit.) Das hat mich auch dazu gebracht, gerade diesen Roman unter den mir zur Verfügung stehenden trashigen Historienromanen auszuwählen: Falsche Propheten, enttäuschte Hoffnungen auf das Weltenende, Fanatismus, erzwungene polygame Ehen, Religionskriege… spannend.

Das Buch hat sich tatsächlich als gutes Mittel zur Entspannung herausgestellt. Es liest sich schnell und flüssig, man muss nicht mitdenken, es macht irgendwie Spaß.

Es gibt Stellen, an denen man sich denkt: Hey! Hier hätte ich mehr historisch nicht Korrektes erwartet! Das hat sie ja besser gemacht, als ich erwartet hätte! Zum Beispiel, als erwähnt wird, dass es für das Verhör von Ketzern im Allgemeinen und die Folter im Besonderen tatsächlich Regeln gab, um die Angeklagten zu schützen – natürlich hält sich der schwarze Inquisitor nicht daran, aber er muss ja auch der skrupellose Erzschurke bleiben.

Okay, das waren die positiven Punkte, die mir eingefallen sind. Jetzt zu den negativen:

Der Titel. Was bitteschön soll er bedeuten? „Flammen des Himmels“? Flammen im Himmel? Verwechselt man da nicht Himmel und Hölle? Flammen, die vom Himmel her kommen? Na ja, das Weltgericht bleibt schließlich am Ende aus. Flammen um des Himmels willen? Das kann man aus der Formulierung, wie sie da steht, eigentlich nicht herauslesen, auch wenn es noch die sinnvollste Interpretation wäre. Man könnte ja fast meinen, Iny Lorentz hätte sich bloß zwei möglichst dramatisch und irgendwie nach Gewalt und Religion klingende Wörter ausgesucht und sie dann in beliebiger Reihenfolge mit einem beliebigen Artikel verbunden; aber das kann ja nicht sein, oder?

Die Figuren erfüllen wirklich alle Klischees, die zu erwarten waren. Die junge, kluge, rebellische Frau, die die Konventionen ihrer Zeit hinterfragt – das Paar, dessen heimliche verbotene Liebe sich am Ende durchsetzt – der gruselige, fanatische schwarzgekleidete Inquisitor – der sadistische, seine weiblichen Gefangenen vergewaltigende Folterknecht – der herumschnüffelnde, knabenschändende Mönch (ein Helfer des Inquisitors) – der reiche Stadtdechant, der sich eine Mätresse hält und zwei Hilfspriester seine Aufgaben erfüllen lässt, die arm sind wie die sprichwörtlichen Kirchenmäuse (eine unwichtige Nebenfigur) – die religiösen Fanatiker, die ständig davon reden, wer alles in der Hölle schmoren wird (Jan van Leiden etc.)…

Die Sprache. Ach du meine Güte, die Sprache. Awkward. Iny Lorentz versucht die meiste Zeit über, ihre Figuren irgendwie altertümlich sprechen zu lassen, allerdings hört sich das dann weniger nach Lutherbibel oder Mittelhochdeutsch an, sondern eher nach, na ja, bemüht hochgestochenem Deutsch mit ein paar älteren Wörtern dazwischen, und zwischendurch vielleicht auch mal ein paar Schimpfwörtern und Flüchen, wenn gerade Huren, Söldner oder Marketenderinnen sprechen. Und wenn in wörtlicher Rede ständig Ausdrücke wie „diese“, „daher“, „weshalb“, „dennoch“, „teilhaftig werden“ oder „auch kann ich vermelden“ vorkommen, dann wirkt das irgendwie… gekünstelt. Ebenso gekünstelt, wie es generell wirkt, wenn ihre Figuren über das Thema Religion sprechen. Sie hat es einfach nicht drauf, sorry. Das hört sich in etwa so authentisch an, wie es sich bei mir anhören würde, wenn ich versuchen würde, einen Dialog zu schreiben, der sich bei einem Antifa-Treffen abspielt. Sie hat sich vielleicht ein bisschen was von dem Vokabular angelesen, aber das reicht eben nicht.

Manchmal liegt das wohl auch an dem tieferen Problem, dass sie einfach nicht versteht, wie Menschen des 16. Jahrhunderts überhaupt dachten – nicht zuletzt in Bezug auf das zentrale Thema Ketzerei. Frau Lorentz legt ihren Hauptfiguren Meinungen wie diese in den Mund bzw. ins Gehirn:

„Frauke konnte nicht begreifen, weshalb Menschen anderen Menschen so etwas antun konnten. Gott im Himmel war doch um so viel größer, als der kleinliche Geist vieler Leute ihn erscheinen lassen wollte. Dabei dachte sie nicht nur an die Katholiken, deren Priester ihre Gebete nur auf Latein sprechen durften, und die Lutheraner, die unbedingt auf Deutsch beten wollten, sondern auch an ihren Vater und die anderen Mitglieder ihrer Gemeinschaft.“ (S. 64)

„Warum mussten Menschen alles zerstören, was nicht in ihr enges Weltbild passte?, fragte Lothar sich kopfschüttelnd.“ (S. 366)

„‚Solange du Gott im Herzen trägst, wird er darüber hinwegsehen, auf welche Weise du zu ihm betest.'“ (S. 732)

„Ein wenig schmerzte es ihn [Magnus Gardner], dass Lothar die große Karriere ausschlug, die sich ihm geboten hätte. Zum anderen aber bewunderte er seinen Sohn und fand, dass dieser auch als lutherischer Prediger seinen Weg gehen würde.“ (S. 734) –

So reagiert kein katholischer Vater des 16. Jahrhunderts auf die angekündigte Konversion seines Sohnes!

Natürlich müsste man hier im Blick behalten, dass es für das Jahr 1534 noch etwas schwierig ist, hier überhaupt von einer „Konversion“ im eigentlichen Sinne zu sprechen.

Ja, einige Sätze von Luther waren 13 Jahre vorher schon als häretisch verurteilt worden. Ja, vier Jahre vorher hatten die Lutheraner schon ihr eigenes Augsburger Bekenntnis formuliert. Ja, sie wurden immer mehr zu einer klar abgegrenzten und klar von der Kirchenobrigkeit abgelehnten Gruppe. Aber trotzdem sahen sich die Katholiken und die Lutheraner noch nicht als getrennte „Kirchen“. Es gab keine „Kirchen“ im Plural, sondern die eine Kirche, und ein Teil ihrer Mitglieder rebellierte gegen ihre althergebrachte Ordnung, da sie ihre neuen Ideen für das richtige Christentum hielten, das jetzt in der ganzen Kirche durchgesetzt werden müsste, um sie zu „reformieren“, sie also zu einem angeblichen Idealzustand der Frühzeit zurückzubringen, und der andere Teil war entsetzt über diese neuen Ideen und wandte sich heftig dagegen. Es gab in den 1530ern noch immer die Hoffnung auf eine Beilegung dieser theologischen Streitigkeiten, auf eine endgültige, alle zufriedenstellende Klärung der Fragen durch Religionsgespräche (die auch stattfanden) oder durch ein Konzil (das erst später stattfand, als sich die Trennung schon stärker verfestigt hatte).

Das Ganze war ein Konflikt innerhalb einer Kirche – ein heftiger Konflikt um für die Menschen enorm wichtige Fragen, von denen übrigens kaum welche in „Flammen des Himmels“ auch nur Erwähnung finden. Interessanterweise sind die einzigen Dinge, die als Unterschiede zwischen Lutheranern und Katholiken genannt werden, der Klerikerzölibat, die Sprache der Liturgie und die Heiligenverehrung – die ersten beiden keine doktrinären Punkte, und Punkte, bei denen Rom anfangs sogar zu Zugeständnissen gegenüber den selbsternannten deutschen Kirchenerneuerern bereit gewesen wäre. Kein einziges Mal wird von Frau Lorentz die damals so heftig debattierte Frage erwähnt, ob der Mensch durch den Glauben und die göttliche Gnade allein, ohne jede Bedeutung der menschlichen guten Werke, erlöst würde (=in den Himmel käme), wie es Luther proklamierte, oder durch ein Zusammenwirken des Glaubens und der Werke, wie die Katholiken sagten. Das war der Trennungsgrund der Konfessionen! Das war das, was die Menschen eigentlich spaltete! Klar, über die anderen Themen redeten sie auch, aber die grundsätzliche Frage nach dem Seelenheil war doch noch mal bedeutsamer für sie als die Frage nach dem Latein in der Messe; vor allem für Luther, der sein Leben lang geplagt war von Zweifeln über sein ewiges Heil. Und trotzdem spielt die Rechtfertigungslehre im Roman nicht einmal bei Lothars Hinwendung zum lutherischen Bekenntnis eine Rolle. Er findet die Katholiken zu grausam und die Wiedertäufer zu eingebildet und zu grausam, und er ist gegen den Zölibat, weil er Priester kennt, die ihn nicht halten, und gegen das Latein in der Messe, weil die Leute ja was verstehen sollen, aber er findet das Christentum an sich ganz gut, also will er zu den Lutherischen gehen und bei denen Pastor werden. That’s it.

Dass es Leute gab, die sozusagen über den Konfessionen standen und alle diese Unterschiede für gar nicht so wichtig hielten, wie Frauke und Lothar – das geschah nach dieser Zeit der zu nichts führenden Streitgespräche und der ebenfalls zu nichts führenden Religionskriege, als man irgendwann sah, dass keine Seite so schnell aufgeben würde, und man trotzdem zusammenleben musste, und man den ganzen Streit vielleicht irgendwie auch langsam leid war. Vielleicht war ja das, was den Vorfahren so wichtig gewesen war, doch gar nicht so entscheidend; es kam wohl eher drauf an, dass man überhaupt ein gläubiger Christ war, der zu Gott betete und die Zehn Gebote hielt. Solche Ansichten, die ein paar Jugendlichen aus den 1530ern in den Mund gelegt werden, wurden eher von ein paar Bildungsbürgern des späten 17. und des 18. Jahrhunderts vertreten.

Und kommen wir jetzt mal zum Thema staatliche Verfolgung von Ketzerei. [Hier muss man auch noch eins im Blick behalten: Ketzer wurden von der weltlichen Macht hingerichtet. In katholischen Gebieten prüfte die Kirche, ob jemand ein Ketzer war, aber zur Hinrichtung wurde er „dem weltlichen Arm übergeben“. Es war die staatliche Autorität, die bestimmte, was die Strafe für Ketzerei war. Das Hauptziel der Inquisition war es zudem nie, Ketzer zu verurteilen, sondern, sie wieder auf den rechten Weg zu bringen; wer im Lauf des Prozesses widerrief, wurde nicht verurteilt (oder höchstens zu einer Wallfahrt o. Ä. zur Wiedergutmachung).] Die Menschen damals waren sich nicht unbedingt uneins, ob Ketzerei verfolgt werden sollte, sondern einfach darin, was Ketzerei war. Die Ketzer waren nicht gegen Ketzerverfolgung generell; sie hielten nur sich persönlich nicht für Ketzer. Natürlich waren die Lutheraner für die Verfolgung der Wiedertäufer; die waren ja Ketzer; sie waren es nicht, also durften sie nicht verfolgt werden, die aber schon. Sie waren die wahren Christen; die Wiedertäufer dagegen verkündeten eine falsche Lehre, also waren sie eine Bedrohung für die Gesellschaft; dagegen hatte der Staat vorzugehen. Die heute als ach so tolerant verschrieene Elizabeth I. von England ließ katholische Priester hängen, ausweiden und vierteilen, der Reformator Calvin ließ jemanden hinrichten, der die Dreifaltigkeit Gottes leugnete. So gut wie jeder Machthaber, ob katholisch oder protestantisch, ging auf irgendeine Art und Weise gegen das vor, was er als Ketzerei sah, wenn auch nicht zwangsläufig mit der Verbrennung aller Ketzer. (Die Ausweisung aus dem Land oder die Duldung unter bedeutenden Einschränkungen für die öffentliche Religionsausübung waren sehr viel häufiger.) Keiner verlangte von der anderen Seite allgemeine Meinungs- und Religionsfreiheit – was man von ihr verlangte, war, die Wahrheit einzusehen, an die man selbst glaubte. Man sah etwas als Wahrheit, und man ging daran, das auch mit staatlichen Mitteln durchzusetzen, wenn es möglich war. Ja, es gab schon gewisse Streitigkeiten darum, inwieweit Zwang und staatliche Verfolgung im Namen der Religion legitim sind, aber niemand sah die Religion als eine unwichtige Privatsache, die den Staat überhaupt nichts angeht.

Ketzer waren damals das, was heute „Verfassungsfeinde“ sind – eine Bedrohung für die Gesellschaft, die auf den Prinzipien des Christentums aufgebaut war. Jemand leugnet die Menschenrechte oder die Gleichheit von Mann und Frau? Bedrohung für unsere Gesellschaft. Jemand leugnet die Einsetzung der Kirche durch Christus oder die Legitimität der Kindertaufe? Bedrohung für die mittelalterliche Gesellschaft. Und in der mittelalterlichen Gesellschaft ging man mit allen Arten von Bedrohungen nicht immer zimperlich um. (Für Verbrechen wie Brandstiftung konnte man übrigens ebenfalls auf dem Scheiterhaufen landen.) Religiöse Streitigkeiten sorgten damals nicht selten für Unruhen und sogar Bürgerkriege (Hussitenkriege, Bauernkrieg, Schmalkaldischer Krieg, usw. usf.); tatsächlich ist das Täuferreich von Münster ja geradezu ein Paradebeispiel dafür, welchen Schaden Ketzerei anrichten konnte. Manche Ketzer (Katharer, Wiedertäufer) stellten sehr zentrale Grundlagen der Gesellschaft in Frage, da sie sich z. B. weigerten, Eide zu schwören oder Kriegsdienst zu leisten – im Fall der Wiedertäufer selbst für den Fall eines Verteidigungskriegs gegen die Osmanen (die übrigens 1529 Wien belagerten, also in genau dieser Zeit eine sehr reale Bedrohung waren). Ach ja, und natürlich hatte man auch noch Angst vor Gottes Zorn, falls man die Ausbreitung falscher Lehren nicht verhinderte. Dass keiner der Protagonisten des Romans auch nur irgendetwas Bedrohliches an – aus seiner Sicht – falschen religiösen Vorstellungen sieht, ist jedenfalls einfach unrealistisch.

Ein anderes Beispiel für die krasse Projektion von Ansichten des frühen 21. Jahrhunderts auf das 16. bietet das Thema Homosexualität. In einem Nebenstrang der Handlung, der tatsächlich zur Haupthandlung ganz und gar nichts beiträgt, kommt ein homosexueller Vergewaltiger vor, dem seine Taten schließlich leidtun und der sich doch noch als netter Kerl herausstellt und den Protagonisten hilft. Ich hätte mit dem Handlungsstrang an sich schon irgendwie meine Probleme; die Einfachheit, mit der Vergewaltigung hier mit „Schwamm drüber!“ behandelt wird, ist etwas verstörend. (Und bevor man mir hier eine besondere Abneigung gegenüber Homosexuellen unterstellt, ja, das sage ich ganz unabhängig davon, ob es sich um homo- oder um heterosexuelle Vergewaltigung handelt. Ein ähnlicher Plot mit einem reuigen heterosexuellen Vergewaltiger, der sich ziemlich einfach als eigentlich guter Mensch herausstellt, der auch irgendwie bloß ein Opfer seines strengen Vaters ist, hat mich beispielsweise in dem Film „Ku’damm 56“ sehr gestört. (Das war allgemein kein besonders guter Film; er leidet an den typischen Problemen deutscher Filme wie dem krampfhaften Bemühen um Originalität und der bemühten Kritik an den ach so heuchlerischen und spießigen 50ern.)) Sicher, es gibt keine Sünde, die nicht bereut und vergeben werden könnte, aber das Ganze wirkt, wie es im Roman geschildert wird, einfach nicht plausibel – wie oft verhalten sich reale Vergewaltiger so? Aber wie dem auch sei, zurück zum Thema Homosexualität an sich. Auf Seite 460 sagt Lothar zu Helm: „‚[…] Wenn Faustus und Isidor das miteinander tun, was sie mit dir gemacht haben, berührt mich das nicht. Es ist ihre Entscheidung, und sie müssen es vor sich selbst und Gott rechtfertigen. Anders ist es jedoch, wenn sie einen jungen Burschen betrunken machen, um ihrer Lust frönen zu können.'“ Nun ist es ja schon ein bisschen komisch, dass Lothar die Situation erst einmal dazu nutzt, um ein Vergewaltigungsopfer über Prinzipien der Sexualethik zu belehren, aber irgendwie muss Frau Lorentz ja auch ihre moralischen Lektionen an den Leser bringen, so wie sie es auch beim Thema religiöse Toleranz schließlich alle paar Seiten tut. Der viel entscheidendere Punkt ist aber: So hätte einfach kein Mensch des 16. Jahrhunderts gedacht! Die oben erwähnten religiösen Ansichten wären noch plausibler gewesen als das; für einen Menschen des 16. Jahrhunderts wäre der einzige Unterschied zwischen einvernehmlichen und nicht einvernehmlichen homosexuellen Handlungen gewesen, ob sich zwei Männer oder bloß einer der widernatürlichen Sodomie schuldig gemacht hätten.

Weitere kleinere historische Fehler fallen einem gelegentlich auf; zum Beispiel weist Fraukes Vater sie gegen Anfang des Buches, als die Familie zur Tarnung in die katholische Sonntagsmesse geht, an, bei der Kommunion die Hostie gefälligst hinunterzuschlucken, anstatt sie heimlich wieder aus dem Mund zu nehmen wie am Sonntag zuvor. An diesem Sonntag ist schließlich der Inquisitor anwesend und man darf unter keinen Umständen auffallen. Der Punkt hier ist bloß: Niemand hätte sich damals gewundert, wenn Frauke überhaupt nicht zur Kommunion gegangen wäre. Damals gingen die Leute zwar in der Regel jeden Sonntag zur Messe, aber nicht jedes Mal zur Kommunion, und zwar aus einer Art Scheu oder Ehrfurcht gegenüber dem Allerheiligsten Sakrament heraus. Viele waren überzeugt, vor jeder Kommunion erst zur Beichte gehen und in ganz besonders frommer Stimmung sein zu müssen. Die Päpste mussten im Mittelalter sogar Mindeststandards für den Sakramentenempfang festlegen; seitdem ist die Kommunion einmal im Jahr, nämlich zu Ostern, vorgeschrieben. Die meisten Menschen gingen damals selten zur Kommunion, vielleicht alle paar Wochen oder Monate oder eben auch nur zu Ostern. Die besonders frommen Leute gingen jede Woche. Sehr, sehr wenige Leute gingen jeden Tag. (Meines Wissens nach zum Beispiel die hl. Katharina von Siena.) Das alles änderte sich erst grundsätzlich Anfang des 20. Jahrhunderts mit dem hl. Pius X., der den Katholiken die wöchentliche oder bestenfalls tägliche Kommunion nachdrücklich ans Herz legte. Im 16. Jahrhundert dagegen wäre es eher aufgefallen, wenn Frauke zwar jeden Sonntag zur Kommunion, aber nie zur Beichte gegangen wäre. (Ach ja, die war (und ist) für Katholiken übrigens auch einmal jährlich vorgeschrieben.)

Das nur als Beispiel; wenn ich mich mit dieser Zeit besser auskennen würde, würden mir wahrscheinlich noch mehr Dinge auffallen. Zum Beispiel kommt mir die Tatsache, dass der Fürstbischof von Münster so wenige Einflussmöglichkeiten auf den von Papst und Kaiser entsandten Inquisitor hat, seltsam vor. Damals hatten die deutschen Landesfürsten in ihrer Territorien für gewöhnlich das Sagen und der Kaiser und der Papst nicht allzu viel Einfluss. Was hätte der Papst in Rom machen können, wenn der Fürstbischof dem Inquisitor verboten hätte, in seinem Gebiet Ketzerprozesse durchzuführen? Ich weiß die Antwort nicht, dafür kenne ich mich eben nicht genau genug mit dieser Zeit aus, aber ich habe gewisse Zweifel, dass Iny Lorentz das so ganz akkurat darstellt. Ähnlich beim Thema Verbrennen; Gerwardsborn und andere äußern ein paar Mal die Ansicht, dass das Feuer die Seelen der Verbrannten reinigen würde, sodass sie trotz ihrer Ketzerei noch in den Himmel kommen könnten. Es kommt mir unglaubwürdig vor, dass ein ausgebildeter Theologe meinen würde, die Hinrichtungsart könnte in irgendeiner Richtung einen Einfluss auf das ewige Heil haben. Soweit ich weiß, wurde das Verbrennen als Hinrichtungsart hauptsächlich gewählt, um den Verbrecher und die Erinnerung an ihn gänzlich auszulöschen – keine Leiche, kein Grab, kein nichts. Damnatio memoriae. Vielleicht verwechselt die Autorin das, was ihre Figuren glauben, mit der Vorstellung, dass die noch im Leben erlittenen Schmerzen das Fegefeuer verkürzen würden (für Nichtkatholiken: nein, Fegefeuer und Hölle sind eben nicht dasselbe; ersteres ist eine  Läuterung von lässlicher Schuld vor dem Eintritt in den Himmel, letztere bedeutet die ewige Trennung von Gott, die man sich durch die Abwendung von Ihm durch böse Taten etc. selbst zugezogen hat). Ich kann mir auch vorstellen, dass die Leute damals meinten, dass eine grausame Hinrichtungsart den Verbrecher noch am ehesten kurz vor seinem Tod zur Reue bewegen könnte. Vielleicht waren damals auch tatsächlich in der Populärtheologie die Vorstellungen verbreitet, die Verbrennung könnte nicht nur vor dem Fegefeuer, sondern auch vor der Hölle bewahren, oder, davon habe ich schon öfter gehört, eine „intakte“, ordentlich begrabene Leiche (anstatt einer zu Asche verbrannten) wäre die Voraussetzung für die leibliche Auferstehung am Ende der Zeiten. Aber, wie gesagt, Inquisitoren waren für gewöhnlich gut ausgebildete Theologen, die Ahnung von ihrem Fach hatten, was es unglaubwürdig macht, dass Gerwardsborn so redet.

Mein Gesamturteil über dieses Buch: Stellenweise auf nervige Weise moralisierendes, historisch eher unglaubwürdiges (wenn auch nicht ganz so krass unhistorisches wie andere Bücher, die ich schon gelesen habe), nicht besonders gut geschriebenes Werk mit eindimensionalen Protagonisten und einem ebenso eindimensionalen und extrem klischeehaften Antagonist, was die Nebenfiguren (wie zum Beispiel Fraukes Eltern) zu den interessantesten Figuren macht. Die Hauptfiguren haben keine besonderen Eigenschaften; man hat nicht das Gefühl, hier realen Personen zu begegnen. Sie sollen irgendwie gut und mutig und klug und tolerant sein, aber mehr könnte ich über sie nicht sagen. Der Plot ist mitreißend, während man das Buch liest, aber, wenn man am Ende darüber nachdenkt, nicht immer besonders sinnvoll konstruiert; mehrere lose Fäden in der Handlung führen am Ende zu nichts und man hat den Eindruck, die Autorin hat mehrere Nebenfiguren einfach deshalb sterben lassen, weil sie nicht so recht wusste, was sie am Ende mit ihnen anstellen sollte. Das stört, aber ich kann auch irgendwie verstehen, dass man zu diesem Mittel greift, wenn man eine Deadline vom Verlag hat und dieses Buch fertig kriegen muss, um so bald wie möglich mit der nächsten Fortsetzung von „Die Wanderhure“ anfangen zu können.

Nachdem ich mit „Flammen des Himmels“ fertig war, habe ich übrigens noch ein wenig in „Die Päpstin“ hineingelesen. Aber das habe ich dann doch nicht lange durchgehalten. Im Gegensatz zu Donna W. Cross, die ihren Leserinnen ungefähr drei Mal pro Seite auf überdeutlichste Weise klarmachen muss, wie schlimm und frauenfeindlich das Christentum ist, ist Iny Lorentz wenigstens einigermaßen unterhaltsam. Ich bin beinahe versucht, Mrs. Cross mit Bertold Brecht zu vergleichen, da sie ihr literarisches Werk genau wie er bloß als Mittel zum Zweck der Vermittlung ihrer Ansichten behandelt, anstatt Geschichten zu erzählen (man denke zum Beispiel an die „Dreigroschenoper“ – grässlich!), aber das wäre dann doch zu beleidigend gegenüber Brecht. Allerdings frage ich mich jetzt, wieso genau Johanna eigentlich im späteren Verlauf des Buches Papst wird, wenn ihr schon als Kind Homer und sächsische Legenden so viel mehr sagen als Jesus Christus; aber da ich nicht vorhabe, dieses Buch noch einmal in die Hand zu nehmen, werde ich das wohl nicht mehr erfahren. Ich glaube, jetzt versuche ich es mal wieder mit Büchern von guten Autoren, Angie Sage oder Khaled Hosseini oder J. R. R. Tolkien oder Corinna Turner oder Fulton Sheen vielleicht. Genug historische Romane fürs erste.

Advertisements

3 Gedanken zu “Ein bisschen Scheiterhaufen muss sein

  1. Sehr gut 🙂

    >>die religiösen Fanatiker, die ständig davon reden, wer alles in der Hölle schmoren wird (Jan van Leiden etc.)…

    Da allerdings denke ich mir speziell bei dem Beispiel, daß Jan van Leyden damit eventuell doch getroffen sein könnte. Wir kennen das ja auch aus heutiger Zeit, daß gewisse Leute ihre eigene Karikatur sogar noch übertreffen.

    Gefällt mir

    1. Ja, klar, das kann schon sein. (Jack Chick oder „Pope Michael“ (David Bawden) sind immer meine Lieblingsbeispiele aus der heutigen Zeit – bei letzterem dachte ich, als ich das erste Mal von ihm gehört habe, wirklich erst, der wäre bloß Satire.) Aber trotzdem, in diesem Buch wirkt die ganze Sprache auch bei diesen religiösen Fanatikern einfach so fake.

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s