Über schwierige Bibelstellen, Teil 12: Das Gesetz des Mose

[Ach ja, dieser und der folgende Teil sind übrigens hauptsächlich detaillierte Versionen von „Das ist eben das Alte Testament“. Aber ich mag es detailliert.]

Das Gesetz des Mose wird von Bibelkritikern immer wieder gern aufgebracht – da heißt es dann, die Bibel legitimiere Polygamie, grausame Strafen für relativ geringe Vergehen, Sklaverei, oder die Vergewaltigung von Kriegsgefangenen. Aber wenn einem Stellen in Exodus, Levitikus oder Deuteronomium Bauchschmerzen bereiten, könnte ein Blick ins Neue Testament schon weiterhelfen. Erst einmal müsste nämlich auffallen: Die Christen halten sich nicht an diese in der Bibel stehenden Gesetze. Und nach 2000 Jahren Christentum kann man sich denken, dass der Grund dafür nicht sein wird, dass ihnen noch nie aufgefallen ist, dass diese Gesetze in der Bibel stehen.

Hier also einige relevante Stellen aus dem NT:

  • „Da kamen Pharisäer zu ihm und fragten: Darf ein Mann seine Frau aus der Ehe entlassen? Damit wollten sie ihm eine Falle stellen. Er antwortete ihnen: Was hat euch Mose vorgeschrieben? Sie sagten: Mose hat erlaubt, eine Scheidungsurkunde auszustellen und (die Frau) aus der Ehe zu entlassen. Jesus entgegnete ihnen: Nur weil ihr so hartherzig seid, hat er euch dieses Gebot gegeben. Am Anfang der Schöpfung aber hat Gott sie als Mann und Frau geschaffen. Darum wird der Mann Vater und Mutter verlassen, und die zwei werden ein Fleisch sein. Sie sind also nicht mehr zwei, sondern eins. Was aber Gott verbunden hat, das darf der Mensch nicht trennen. Zu Hause befragten ihn die Jünger noch einmal darüber. Er antwortete ihnen: Wer seine Frau aus der Ehe entlässt und eine andere heiratet, begeht ihr gegenüber Ehebruch. Auch eine Frau begeht Ehebruch, wenn sie ihren Mann aus der Ehe entlässt und einen anderen heiratet.“ (Markus 10,2-12)
  • „An einem Sabbat ging er durch die Kornfelder und unterwegs rissen seine Jünger Ähren ab. Da sagten die Pharisäer zu ihm: Sieh dir an, was sie tun! Das ist doch am Sabbat verboten. Er antwortete: Habt ihr nie gelesen, was David getan hat, als er und seine Begleiter hungrig waren und nichts zu essen hatten – wie er zur Zeit des Hohenpriesters Abjatar in das Haus Gottes ging und die heiligen Brote aß, die außer den Priestern niemand essen darf, und auch seinen Begleitern davon gab? Und Jesus fügte hinzu: Der Sabbat ist für den Menschen da, nicht der Mensch für den Sabbat. Deshalb ist der Menschensohn Herr auch über den Sabbat.“ (Markus 2,23-28)
  • „Und er rief die Leute zu sich und sagte: Hört und begreift: Nicht das, was durch den Mund in den Menschen hineinkommt, macht ihn unrein, sondern was aus dem Mund des Menschen herauskommt, das macht ihn unrein. […] Da sagte Petrus zu ihm: Erkläre uns jenes rätselhafte Wort! Er antwortete: Seid auch ihr noch immer ohne Einsicht? Begreift ihr nicht, dass alles, was durch den Mund (in den Menschen) hineinkommt, in den Magen gelangt und dann wieder ausgeschieden wird? Was aber aus dem Mund herauskommt, das kommt aus dem Herzen, und das macht den Menschen unrein. Denn aus dem Herzen kommen böse Gedanken, Mord, Ehebruch, Unzucht, Diebstahl, falsche Zeugenaussagen und Verleumdungen. Das ist es, was den Menschen unrein macht; aber mit ungewaschenen Händen essen macht ihn nicht unrein.“ (Matthäus 15,10f.15-20)
  • „Am folgenden Tag, als jene unterwegs waren und sich der Stadt näherten, stieg Petrus auf das Dach, um zu beten; es war um die sechste Stunde. Da wurde er hungrig und wollte essen. Während man etwas zubereitete, kam eine Verzückung über ihn. Er sah den Himmel offen und eine Schale auf die Erde herabkommen, die aussah wie ein großes Leinentuch, das an den vier Ecken gehalten wurde. Darin lagen alle möglichen Vierfüßler, Kriechtiere der Erde und Vögel des Himmels. Und eine Stimme rief ihm zu: Steh auf, Petrus, schlachte und iss! Petrus aber antwortete: Niemals, Herr! Noch nie habe ich etwas Unheiliges und Unreines gegessen. Da richtete sich die Stimme ein zweites Mal an ihn: Was Gott für rein erklärt, nenne du nicht unrein! Das geschah dreimal, dann wurde die Schale plötzlich in den Himmel hinaufgezogen.“ (Apostelgeschichte 10,9-16)
  • „Da brachten die Schriftgelehrten und die Pharisäer eine Frau, die beim Ehebruch ertappt worden war. Sie stellten sie in die Mitte und sagten zu ihm: Meister, diese Frau wurde beim Ehebruch auf frischer Tat ertappt. Mose hat uns im Gesetz vorgeschrieben, solche Frauen zu steinigen. Nun, was sagst du? Mit dieser Frage wollten sie ihn auf die Probe stellen, um einen Grund zu haben, ihn zu verklagen. Jesus aber bückte sich und schrieb mit dem Finger auf die Erde. Als sie hartnäckig weiterfragten, richtete er sich auf und sagte zu ihnen: Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als Erster einen Stein auf sie. Und er bückte sich wieder und schrieb auf die Erde. Als sie seine Antwort gehört hatten, ging einer nach dem anderen fort, zuerst die Ältesten. Jesus blieb allein zurück mit der Frau, die noch in der Mitte stand. Er richtete sich auf und sagte zu ihr: Frau, wo sind sie geblieben? Hat dich keiner verurteilt? Sie antwortete: Keiner, Herr. Da sagte Jesus zu ihr: Auch ich verurteile dich nicht. Geh und sündige von jetzt an nicht mehr!“ (Johannes 8,3-11)

Regel Nummer 16: Das Alte Testament muss immer im Licht des Neuen interpretiert werden, weil Jesus das Wort Gottes ist.

Klar, auch die Bibel wird oft als das „Wort Gottes“ bezeichnet. Und das ist nicht falsch. Aber das eigentliche Wort Gottes, laut Johannes 1, ist der Sohn Gottes, Gott selbst. Jesus ist Gottes eigentliche Selbstoffenbarung an uns, und die Bibel berichtet von diesem Jesus, und auch von dem, was vor ihm kam – und das muss immer im Licht der endgültigen Offenbarung gesehen werden.

 

Als Jesus mit einer konkreten Frage zum Gesetz des Mose konfrontiert wird, sagt er: „Nur weil ihr so hartherzig seid, hat er euch dieses Gebot gegeben.“ (Markus 10,5) In der Tora gibt es Gebote, die „wegen eurer Herzenshärte“ (so die wörtlichere Übersetzung) gegeben wurden, nicht, weil sie an sich gut waren. Dazu gehören, wie Jesus sagt, Regelungen zur Scheidung. Man könnte sie mit heutigen Regelungen dazu vergleichen, was getan werden soll, wenn Väter keine Unterhaltszahlungen für ihre unehelichen Kinder leisten. Solche Regelungen stellen keine Idealsituationen her – ideal wäre es, wenn Eltern in einer liebevollen Partnerschaft zusammenleben und sich freiwillig gut um ihre Kinder kümmern würden –, sie betreiben Schadensbegrenzung. Und die in der Bibel enthaltenen Regeln taten das eben im Kontext der damaligen Zeit (in welchem auch sonst?).

Die Bibel heißt Polygamie nicht gut – aber das Gesetz des Mose schreibt vor, dass ein Mann, der mehrere Ehefrauen hat, sie gleich behandeln muss, und zwar auch dann, wenn es sich um Frauen handelt, die als Sklavinnen gekauft wurden, oder auch in Bezug auf das Erbe ihrer Kinder. „Nimmt er sich noch eine andere Frau, darf er sie in Nahrung, Kleidung und Beischlaf nicht benachteiligen. Wenn er ihr diese drei Dinge nicht gewährt, darf sie unentgeltlich, ohne Bezahlung, gehen.“ (Exodus 21,10f.) „Wenn ein Mann zwei Frauen hat, eine, die er liebt, und eine, die er nicht liebt, und wenn beide ihm Söhne gebären, die geliebte wie die ungeliebte, und der erstgeborene Sohn von der ungeliebten stammt, dann darf er, wenn er sein Erbe unter seine Söhne verteilt, den Sohn der geliebten Frau nicht als Erstgeborenen behandeln und damit gegen das Recht des wirklichen Erstgeborenen, des Sohnes der ungeliebten Frau, verstoßen. Vielmehr soll er den Erstgeborenen, den Sohn der Ungeliebten, anerkennen, indem er ihm von allem, was er besitzt, den doppelten Anteil gibt. Ihn hat er zuerst gezeugt, er besitzt das Erstgeborenenrecht.“ (Deuteronomium 21,15-17)

Die Bibel heißt Sklaverei nicht gut – aber es gibt Gesetze, die die Rechte von Herren über ihre Sklaven einschränken. „Wenn du einen hebräischen Sklaven kaufst, soll er sechs Jahre Sklave bleiben, im siebten Jahr soll er ohne Entgelt als freier Mann entlassen werden.“ (Exodus 21,2) „Wenn einer seinem Sklaven oder seiner Sklavin ein Auge ausschlägt, soll er ihn für das ausgeschlagene Auge freilassen. Wenn er seinem Sklaven oder seiner Sklavin einen Zahn ausschlägt, soll er ihn für den ausgeschlagenen Zahn freilassen.“ (Exodus 21,26f.) Und das in einer Zeit, in der in anderen Völkern Besitzer das Recht hatten, ihre Sklaven zu töten, wenn ihnen danach war.

Es gibt Stellen in der Tora, die von manchen als Legitimierung von Vergewaltigung verstanden werden, da sie davon handeln, dass ein Vergewaltiger sein Opfer heiraten soll: „Wenn ein Mann einem unberührten Mädchen, das noch nicht verlobt ist, begegnet, sie packt und sich mit ihr hinlegt und sie ertappt werden, soll der Mann, der bei ihr gelegen hat, dem Vater des Mädchens fünfzig Silberschekel zahlen und sie soll seine Frau werden, weil er sie sich gefügig gemacht hat. Er darf sie niemals entlassen.“ (Deuteronomium 22,28f.) Wie man an den Formulierungen leicht sehen kann, geht es hier aber gerade nicht darum, ein Vergewaltigungsopfer zu zwingen, ihren Vergewaltiger zu heiraten, sondern es geht darum, dass sie ein Anrecht darauf hat, dass er sie heiratet; als Wiedergutmachung für das, was er ihr angetan hat. Damals wäre sie von anderen Männern als beschädigte Ware betrachtet worden, was ihre Heiratschancen beträchtlich gemindert hätte, und damals war die Ehe für Frauen keine Sache der Liebe, sondern eine Sache der Versorgung. War das scheiße? Und wie. Aber so war es. Diese Gesetze versuchen, Schadensbegrenzung zu betreiben; entweder, ihr Vergewaltiger hat ihr die Sicherheit im Leben, um die er sie sonst vielleicht gebracht hätte, zu bieten, indem er sie heiratet, oder aber er hat ihrer Familie zumindest den Gegenwert des üblichen Brautpreises als Entschädigung zu zahlen. (Eine ähnliche Stelle, in der allerdings nicht von Vergewaltigung, sondern von Verführung die Rede ist, legt das als zweite mögliche Lösung nahe: „Wenn jemand ein noch nicht verlobtes Mädchen verführt und bei ihm schläft, dann soll er das Brautgeld zahlen und sie zur Frau nehmen. Weigert sich aber ihr Vater, sie ihm zu geben, dann hat er ihm so viel zu zahlen, wie der Brautpreis für eine Jungfrau beträgt.“ (Exodus 22,15f.)) Etwas Besseres bietet diese Vorschrift nicht, weil sie nichts Besseres bieten konnte.

[Die der Deuteronomium-Stelle vorhergehenden Stellen werden übrigens von Bibelkritikern manchmal in dem Sinne gedeutet, dass sie unter Umständen die Todesstrafe für das Opfer einer Vergewaltigung vorsehen. In dem Fall ist das einfach Unsinn, der sich als solcher herausstellt, wenn man die Stelle genau liest. „Wenn ein unberührtes Mädchen mit einem Mann verlobt ist und ein anderer Mann ihr in der Stadt begegnet und sich mit ihr hinlegt, dann sollt ihr beide zum Tor dieser Stadt führen. Ihr sollt sie steinigen und sie sollen sterben, das Mädchen, weil es in der Stadt nicht um Hilfe geschrien hat, und der Mann, weil er sich die Frau eines andern gefügig gemacht hat. Du sollst das Böse aus deiner Mitte wegschaffen. Wenn der Mann dem verlobten Mädchen aber auf freiem Feld begegnet, sie fest hält und sich mit ihr hinlegt, dann soll nur der Mann sterben, der bei ihr gelegen hat, dem Mädchen aber sollst du nichts tun. Bei dem Mädchen handelt es sich nicht um ein Verbrechen, auf das der Tod steht; denn dieser Fall ist so zu beurteilen, wie wenn ein Mann einen andern überfällt und ihn tötet. Auf freiem Feld ist er ihr begegnet, das verlobte Mädchen mag um Hilfe geschrien haben, aber es ist kein Helfer da gewesen.“ Wie ich schon einmal erklärt habe: Die Frage, ob das Vergehen in der Stadt oder außerhalb geschehen ist und ob das Mädchen um Hilfe geschrieen hat oder nicht, dient einfach der Beweisfindung, um zu klären, ob es sich um eine Vergewaltigung oder um einvernehmlichen Geschlechtsverkehr gehandelt hat – hier geht es nicht darum, ein Vergewaltigungsopfer zu bestrafen, sondern herauszufinden, ob sie ein Vergewaltigungsopfer ist oder nicht. Die Verse 26 und 27 erklären ja noch einmal deutlich, wieso es nicht strafwürdig ist, vergewaltigt zu werden. Das Verfahren ist etwas ungenügend, geht aber wenigstens bei einem Tatort, wo, anders als in der dicht besiedelten Stadt, niemand in der Nähe gewesen wäre, um zu helfen, von „Im Zweifelsfall für die Angeklagte“ aus – auch auf freiem Feld hätte sie freiwillig mit einem Mann schlafen können. Hier ist es übrigens auch interessant zu sehen, wie unterschiedlich verlobte (rechtlich gesehen schon verheiratete, aber noch im Haus ihrer Eltern lebende) und nicht verlobte Mädchen bzw. die Männer, die mit ihnen Geschlechtsverkehr hatten, behandelt wurden. Ehebruch wurde deutlich strenger gesehen als vorehelicher Geschlechtsverkehr.]

Ähnlich sieht es mit einer anderen, sehr häufig von Kritikern zitierten Stelle aus: „Wenn du zum Kampf gegen deine Feinde ausziehst und der Herr, dein Gott, sie alle in deine Gewalt gibt, wenn du dabei Gefangene machst und unter den Gefangenen eine Frau von schöner Gestalt erblickst, wenn sie dein Herz gewinnt und du sie heiraten möchtest, dann sollst du sie in dein Haus bringen und sie soll sich den Kopf scheren, ihre Nägel kürzen und die Gefangenenkleidung ablegen. Sie soll in deinem Haus wohnen und einen Monat lang ihren Vater und ihre Mutter beweinen. Danach darfst du mit ihr Verkehr haben, du darfst ihr Mann werden und sie deine Frau. Wenn sie dir aber nicht mehr gefällt, darfst du sie entlassen, und sie darf tun, was sie will. Auf keinen Fall darfst du sie für Silber verkaufen. Auch darfst du sie nicht als Sklavin kennzeichnen. Denn du hast sie dir gefügig gemacht.“ (Deuteronomium 21,10-14)

Nein, die Bibel legitimiert hier gerade nicht die Vergewaltigung einer Kriegsgefangenen. Sie versucht, ihre Rechte zu schützen, so gut es eben möglich ist. Ihr muss ein Monat Zeit gegeben werden, um ihre Familie zu betrauern. Sie muss dann wie eine normale Ehefrau mit allen damit einhergehenden Rechten behandelt und versorgt werden. „Der Text in Deuteronomium gibt uns auch mehrere Hinweise, dass der biblische Autor diejenigen, die erzwungene Heiraten praktizierten, mahnt, ihre Handlungen zu überdenken. Erstens wird gesagt, dass die gefangene Frau, die der Mann heiraten will, ihren Kopf scheren muss, und dass der Mann sie mit neuen Kleidern ausstatten muss. Da langes Haar ein Zeichen der Schönheit und Kleidung sehr teuer war, mag das ein Weg gewesen sein, die Israeliten davon abzubringen, Zwangsheiraten zu praktizieren. Zweitens darf die Frau ihren Verlust einen ganzen Monat lang betrauern, und erst dann konnte eine Heirat stattfinden. Wieder wird gehofft, dass diese Vorschrift den Israeliten einen Sinn des Mitleids einflößt und sie motiviert, eine solche Frau nicht gegen ihren Willen zu heiraten. Aber wenn der Mann tatsächlich eine Frau heiratet, die er gefangen genommen hat, und sie ihm später nicht mehr gefällt, dann kann er sie nicht als Sklavin verkaufen. Er muss sie als seine legitime Ehefrau sehen. Wenn er die Ehe beenden will, dann muss er sie gehen lassen, weil, und hier kommt der wichtige Teil, der Text sagt, dass der Mann ‚sie beschämt hat’ (Deuteronomium 21,14).“* (In der englischen Übersetzung, die diesem Text zugrunde liegt, wird das Wort „humiliate“ verwendet, was „beschämen“, „erniedrigen“, oder „demütigen“ heißen kann. In der deutschsprachigen Elberfilder Bibel und ebenso in der Zürcher Bibel heißt es noch deutlicher: „weil du ihr Gewalt angetan hast.“ Leider kenne ich den Urtext hier nicht, und kann damit nicht beurteilen, ob die Elberfilder Bibel oder die Einheitsübersetzung ihn besser wiedergibt; allerdings wird auch in der Vulgata, der lateinischen Standardübersetzung, das Verb „humiliasti“ verwendet, was mit „erniedrigen“, „demütigen“, „entehren“ oder „schänden“ übersetzt werden kann.)

Regel Nummer 17: Nur weil etwas in einem in der Bibel enthaltenen Gesetz reguliert wird, heißt das nicht, dass Gott es gutheißt.

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/8/85/Tissot_The_Women_of_Midian_Led_Captive_by_the_Hebrews.jpg

(James Tissot, The women of Midian led captive by the Hebrews, Quelle: Wikimedia Commons)

 

Es gibt noch andere Schwierigkeiten mit den einzelnen Vorschriften der Tora, abgesehen von der, dass sie schlechte oder grausame Dinge wie die Polygamie oder die Sklaverei gestatten. Eine wäre, dass viele der Vorschriften schlicht unnötig oder blödsinnig klingen – die vielen Speisegesetze, das Verbot von Kleidung aus Mischgewebe, die Regeln zur rituellen Reinheit etc. Wozu das alles?

Diese Gesetze sind keine moralischen Gesetze, sondern gehören zum sog. zeremoniellen Gesetz. Es sind Gesetze, die a) Israel als Gottes heiliges Volk von den anderen Völkern unterscheiden und abgrenzen sollten, b) Gott auf ganz konkrete in den Mittelpunkt des Alltagslebens stellen sollten, c) besonders den Gehorsam gegenüber Gott lehren sollten (viele dieser Gesetze wurden nach dem Vorfall mit dem Goldenen Kalb erlassen; es handelt sich also sozusagen um eine pädagogische Maßnahme – tatsächlich bezeichnet Paulus das Gesetz des Mose in Galater 3,24 als „paidagogos“), d) oft einen bestimmten Symbolwert hatten, beispielsweise bei Gesetzen, die bestimmte Vermischungen verbieten (Israel soll sich nicht mit den heidnischen Völkern vermischen, den Gottesdienst nicht mit heidnischen Riten).

Das moralische Gesetz und das zeremonielle Gesetz überschneiden sich an manchen Stellen. Manche Dinge sind immer falsch – Tempelprostitution oder Okkultismus etwa. Andere waren damals falsch, weil sie damals eine bestimmte kultische Bedeutung für andere Religionen hatten, wie bestimmte Frisuren oder Tätowierungen. Ein Abschnitt aus dem Buch Levitikus bietet ein sehr gutes Beispiel für solche Überschneidungen: „Ihr sollt nichts mit Blut essen. Wahrsagerei und Zauberei sollt ihr nicht treiben. Ihr sollt euer Kopfhaar nicht rundum abschneiden. Du sollst deinen Bart nicht stutzen. Für einen Toten dürft ihr keine Einschnitte auf eurem Körper anbringen und ihr dürft euch keine Zeichen einritzen lassen. Ich bin der Herr. Entweih nicht deine Tochter, indem du sie der Unzucht preisgibst, damit das Land nicht der Unzucht verfällt und voller Schandtat wird. Ihr sollt auf meine Sabbate achten und mein Heiligtum fürchten. Ich bin der Herr. Wendet euch nicht an die Totenbeschwörer und sucht nicht die Wahrsager auf; sie verunreinigen euch. Ich bin der Herr, euer Gott.“ (Levitikus 19,26-31)

Das zeremonielle Gesetz hatte also einen Sinn in der Zeit, in der Israel sich auf das Kommen des Messias vorbereitete. Im Neuen Bund gilt es nicht mehr. Jesus betonte während seines irdischen Lebens immer wieder, dass die äußerliche, kultische Reinheit nicht das Entscheidende ist, und dass die Regeln kein Selbstzweck sind. Dann wurde nach seiner Auferstehung dem hl. Petrus offenbart, dass die Speisegebote nicht mehr gelten, und die Apostel entschieden auf dem Apostelkonzil, nicht von den Heidenchristen zu verlangen, sich zu „beschneiden und von ihnen [zu] fordern, am Gesetz des Mose festzuhalten“ (Apostelgeschichte 15,5). Auch in den Paulusbriefen finden sich übrigens zahlreiche Stellen zu den „Werken des Gesetzes“, z. B. im Römerbrief.

Regel Nummer 18: Im Alten Testament muss man zwischen dem moralischen (Zehn Gebote etc.) und dem zeremoniellen Gesetz (Speisegesetze etc.) unterscheiden. Das zeremonielle Gesetz des Alten Bundes hat seinen Zweck erfüllt und ist jetzt nicht mehr nötig.

Ab und zu werden einzelne Stellen aus dem zeremoniellen Gesetz auch als faktisch falsch kritisiert. Dazu gehören z. B. die Einordnung des Hasen als „Wiederkäuer“ in Levitikus 11,6 oder die der Fledermaus als Vogel in Levitikus 11,13-19. In diesen Fällen muss man einfach auf die Originalsprache schauen. Mit Wiederkäuern waren Tiere gemeint, die entweder, wie Kühe, halb verdaute Nahrung aus ihrem Magen noch einmal heraufholen und erneut kauen, oder, wie Hasen, ihren eigenen Kot fressen, um Nährstoffe, die ihr Körper beim ersten Mal nicht aufgenommen hat, beim zweiten Mal zu kriegen. (Ja, ich weiß – ekelhaft.) Und mit Vögeln meinte man schlichtweg Tiere mit Flügeln; hier findet keine biologische Klassifizierung statt. Übersetzungen haben eben ihre Grenzen.

 

Eine dritte wichtige Schwierigkeit mit der Tora wäre, dass die in ihr enthaltenen Gesetze manchmal übermäßig grausame Strafen vorschreiben. Die immer wieder wiederholten Grundsätze des Buches Deuteronomium hierzu klingen unerbittlich und brutal: „Du sollst das Böse aus deiner Mitte wegschaffen“ (Deuteronomium 13,6; 17,7; 19,19; 21,21; 24,7), und, noch härter und dem instinktiven menschlichen Gefühl für Moral widersprechend, „Du sollst in dir kein Mitleid aufsteigen lassen“ (Deuteronomium 13,9; 19,21; 25,12). Auch zu solchen Strafen haben wir die passende Jesus-Stelle: Als die Ehebrecherin zu ihm gebracht wird und die Schriftgelehrten ihn testen wollen, ob er sich auch an das Gesetz des Mose hält, sorgt er dafür, dass sie entgegen diesem Gesetz nicht gesteinigt wird.

Die Strafen in der Tora haben unterschiedliche Gründe.

Es finden sich harte Strafen für schwere Verbrechen. „Wer einen Menschen so schlägt, dass er stirbt, wird mit dem Tod bestraft. Wenn er ihm aber nicht aufgelauert hat, sondern Gott es durch seine Hand geschehen ließ, werde ich dir einen Ort festsetzen, an den er fliehen kann. Hat einer vorsätzlich gehandelt und seinen Mitbürger aus dem Hinterhalt umgebracht, sollst du ihn von meinem Altar wegholen, damit er stirbt.“ (Exodus 21,12-14) Dieses Gesetz unterscheidet zwischen vorsätzlichem Mord und im Affekt geschehenem Totschlag (oder Körperverletzung mit Todesfolge); im zweiten Fall gibt es für den Täter die Möglichkeit, in eine Asylstadt oder einen Tempel zu fliehen; im ersten Fall gilt für ihn selbst in einem Heiligtum kein Asyl, er wird mit dem Tod bestraft. Oder es gäbe auch dieses Gesetz gegen Menschenraub: „Wer einen Menschen raubt, gleichgültig, ob er ihn verkauft hat oder ob man ihn noch in seiner Gewalt vorfindet, wird mit dem Tod bestraft.“ (Exodus 21,16) Das sind Gesetze, die vernünftigerweise nicht zu beanstanden sind. In der damaligen Zeit hatte man keine Hochsicherheitsgefängnisse. Es gab die Todesstrafe, die Verbannung (evtl. mit der Möglichkeit des Asyls in einer Stadt mit speziellen Rechtsprivilegien oder in einem Heiligtum), Körperstrafen und Geldstrafen (bzw. andere Schadensersatzleistungen). Die Todesstrafe war manchmal schlichtweg nötig, um eine Gesellschaft vor einem Verbrecher zu schützen; und wenn sie nötig ist, ist sie legitim, da sie dann nichts anderes als ein Fall von kollektiver Notwehr ist. Das Leben damals war hart, und kurz, und brutal.

Okay. Ich glaube, dass die meisten Leute nicht allzu viele Schwierigkeiten damit haben werden, zu akzeptieren, dass eine bronzezeitliche Gesellschaft manchmal nicht umhin kam, Mörder oder Menschenräuber hinzurichten. Aber dann sind da noch andere Vorschriften – Vorschriften wie diese hier:

  • „Wer seinen Vater oder seine Mutter schlägt, wird mit dem Tod bestraft.“ (Exodus 21,15)
  • „Wer seinen Vater oder seine Mutter verflucht, wird mit dem Tod bestraft.“ (Exodus 21,17)
  • „Jeder, der seinen Vater oder seine Mutter verflucht, wird mit dem Tod bestraft. Da er seinen Vater oder seine Mutter verflucht hat, soll sein Blut auf ihn kommen.“ (Levitikus 20)
  • „Wenn ein Mann einen störrischen und widerspenstigen Sohn hat, der nicht auf die Stimme seines Vaters und seiner Mutter hört, und wenn sie ihn züchtigen und er trotzdem nicht auf sie hört,dann sollen Vater und Mutter ihn packen, vor die Ältesten der Stadt und die Torversammlung des Ortes führen und zu den Ältesten der Stadt sagen: Unser Sohn hier ist störrisch und widerspenstig, er hört nicht auf unsere Stimme, er ist ein Verschwender und Trinker. Dann sollen alle Männer der Stadt ihn steinigen und er soll sterben. Du sollst das Böse aus deiner Mitte wegschaffen. Ganz Israel soll davon hören, damit sie sich fürchten.“ (Deuteronomium 21,18-21)
  • „Wenn ein Mann dabei ertappt wird, wie er bei einer verheirateten Frau liegt, dann sollen beide sterben, der Mann, der bei der Frau gelegen hat, und die Frau. Du sollst das Böse aus Israel wegschaffen.“ (Deuteronomium 22,22)
  • „Jeder, der mit einem Tier verkehrt, soll mit dem Tod bestraft werden.“ (Exodus 22,18)
  • „Ein Mann, der mit der Frau seines Nächsten die Ehe bricht, wird mit dem Tod bestraft, der Ehebrecher samt der Ehebrecherin.Ein Mann, der mit der Frau seines Vaters schläft, hat die Scham seines Vaters entblößt. Beide werden mit dem Tod bestraft; ihr Blut soll auf sie kommen. Schläft einer mit seiner Schwiegertochter, so werden beide mit dem Tod bestraft. Sie haben eine schändliche Tat begangen, ihr Blut soll auf sie kommen. Schläft einer mit einem Mann, wie man mit einer Frau schläft, dann haben sie eine Gräueltat begangen; beide werden mit dem Tod bestraft; ihr Blut soll auf sie kommen. Heiratet einer eine Frau und ihre Mutter, so ist das Blutschande. Ihn und die beiden Frauen soll man verbrennen, damit es keine Blutschande unter euch gibt. Ein Mann, der einem Tier beiwohnt, wird mit dem Tod bestraft; auch das Tier sollt ihr töten. Nähert sich eine Frau einem Tier, um sich mit ihm zu begatten, dann sollst du die Frau und das Tier töten. Sie werden mit dem Tod bestraft; ihr Blut soll auf sie kommen. Nimmt einer seine Schwester, eine Tochter seines Vaters oder eine Tochter seiner Mutter und sieht ihre Scham und sie sieht die seine, so ist es eine Schandtat. Sie sollen vor den Augen der Söhne ihres Volkes ausgemerzt werden. Er hat die Scham seiner Schwester entblößt; er muss die Folgen seiner Schuld tragen. Ein Mann, der mit einer Frau während ihrer Regel schläft und ihre Scham entblößt, hat ihre Blutquelle aufgedeckt und sie hat ihre Blutquelle entblößt; daher sollen beide aus ihrem Volk ausgemerzt werden.“ (Levitikus 20,10-18)
  • „Wenn sich die Tochter eines Priesters als Dirne entweiht, so entweiht sie ihren Vater; sie soll im Feuer verbrannt werden.“ (Levitikus 21,9)
  • „Eine Hexe sollst du nicht am Leben lassen.“ (Exodus 22,17)
  • „Männer oder Frauen, in denen ein Toten- oder ein Wahrsagegeist ist, sollen mit dem Tod bestraft werden. Man soll sie steinigen, ihr Blut soll auf sie kommen.“ (Levitikus 20,27)
  • „Wer einer Gottheit außer Jahwe Schlachtopfer darbringt, an dem soll die Vernichtungsweihe vollstreckt werden.“ (Exodus 22,19)
  • „Wenn in deiner Mitte ein Prophet oder ein Traumseher auftritt und dir ein Zeichen oder Wunder ankündigt,wobei er sagt: Folgen wir anderen Göttern nach, die du bisher nicht kanntest, und verpflichten wir uns, ihnen zu dienen!, und wenn das Zeichen und Wunder, das er dir angekündigt hatte, eintrifft, dann sollst du nicht auf die Worte dieses Propheten oder Traumsehers hören; denn der Herr, euer Gott, prüft euch, um zu erkennen, ob ihr das Volk seid, das den Herrn, seinen Gott, mit ganzem Herzen und mit ganzer Seele liebt. Ihr sollt dem Herrn, eurem Gott, nachfolgen, ihn sollt ihr fürchten, auf seine Gebote sollt ihr achten, auf seine Stimme sollt ihr hören, ihm sollt ihr dienen, an ihm sollt ihr euch fest halten. Der Prophet oder Traumseher aber soll mit dem Tod bestraft werden. Er hat euch aufgewiegelt gegen den Herrn, euren Gott, der euch aus Ägypten geführt und dich aus dem Sklavenhaus freigekauft hat. Denn er wollte dich davon abbringen, auf dem Weg zu gehen, den der Herr, dein Gott, dir vorgeschrieben hat. Du sollst das Böse aus deiner Mitte wegschaffen. Wenn dein Bruder, der dieselbe Mutter hat wie du, oder dein Sohn oder deine Tochter oder deine Frau, mit der du schläfst, oder dein Freund, den du liebst wie dich selbst, dich heimlich verführen will und sagt: Gehen wir und dienen wir anderen Göttern – (wobei er Götter meint,) die du und deine Vorfahren noch nicht kannten, unter den Göttern der Völker, die in eurer Nachbarschaft wohnen, in der Nähe oder weiter entfernt, zwischen dem einen Ende der Erde und dem andern Ende der Erde -, dann sollst du nicht nachgeben und nicht auf ihn hören. Du sollst in dir kein Mitleid mit ihm aufsteigen lassen, sollst keine Nachsicht für ihn kennen und die Sache nicht vertuschen. Sondern du sollst ihn anzeigen. Wenn er hingerichtet wird, sollst du als Erster deine Hand gegen ihn erheben, dann erst das ganze Volk. Du sollst ihn steinigen und er soll sterben; denn er hat versucht, dich vom Herrn, deinem Gott, abzubringen, der dich aus Ägypten geführt hat, aus dem Sklavenhaus. Ganz Israel soll davon hören, damit sie sich fürchten und nicht noch einmal einen solchen Frevel in deiner Mitte begehen.“ (Deuteronomium 13,2-12)
  • „Sag den Israeliten: Jeder, der seinem Gott flucht, muss die Folgen seiner Sünde tragen.Wer den Namen des Herrn schmäht, wird mit dem Tod bestraft; die ganze Gemeinde soll ihn steinigen. Der Fremde muss ebenso wie der Einheimische getötet werden, wenn er den Gottesnamen schmäht.“ (Levitikus 24,15f.)

Zusammengefasst: Für Vergehen gegen die Eltern, für die schwereren sexuellen Vergehen (Ehebruch, Inzest, homosexuelle Handlungen, Bestialität), und für fremde religiöse / okkulte Praktiken oder den Abfall von Jahwe wird hier die Todesstrafe angedroht. (Noch kurz zu der Frage, was genau mit „Hexerei“ oder den Kulten anderer Götter gemeint war, ein weiteres Zitat aus Deuteronomium: „Wenn du in das Land hineinziehst, das der Herr, dein Gott, dir gibt, sollst du nicht lernen, die Gräuel dieser Völker nachzuahmen. Es soll bei dir keinen geben, der seinen Sohn oder seine Tochter durchs Feuer gehen lässt, keinen, der Losorakel befragt, Wolken deutet, aus dem Becher weissagt, zaubert, Gebetsbeschwörungen hersagt oder Totengeister befragt, keinen Hellseher, keinen, der Verstorbene um Rat fragt. Denn jeder, der so etwas tut, ist dem Herrn ein Gräuel.“ (Deuteronomium 18,9-12) Also alles von Kinderopfern hin zu Geisterbefragung.)

File:Tissot The Sabbath-Breaker Stoned.jpg

(James Tissot, The Sabbath-Breaker Stoned)

Es ist schwierig zu sagen, inwieweit diese strengen Gesetze in der Praxis Anwendung fanden, und auch, ob sie überhaupt in jedem Fall Anwendung finden sollten oder bloß eine Höchststrafe festlegten. Aber lassen wir diese Fragen mal beiseite und gehen davon aus, dass die Gesetze so angewendet wurden, wie sie dastehen. Dabei sollte noch beachtet werden, dass es eine generelle Schwelle für die Anwendung der Todesstrafe gab, nämlich, was die Anzahl der Zeugen betraf, und auch harte Strafen für verleumderische Verdächtigungen: „Wenn es um ein Verbrechen oder ein Vergehen geht, darf ein einzelner Belastungszeuge nicht Recht bekommen, welches Vergehen auch immer der Angeklagte begangen hat. Erst auf die Aussage von zwei oder drei Zeugen darf eine Sache Recht bekommen. Wenn jemand vor Gericht geht und als Zeuge einen andern zu Unrecht der Anstiftung zum Aufruhr bezichtigt, wenn die beiden Parteien mit ihrem Rechtsstreit vor den Herrn hintreten, vor die Priester und Richter, die dann amtieren, wenn die Richter eine genaue Ermittlung anstellen und sich zeigt: Der Mann ist ein falscher Zeuge, er hat seinen Bruder fälschlich bezichtigt, dann sollt ihr mit ihm so verfahren, wie er mit seinem Bruder verfahren wollte. Du sollst das Böse aus deiner Mitte wegschaffen. Die Übrigen sollen davon hören, damit sie sich fürchten und nicht noch einmal ein solches Verbrechen in deiner Mitte begehen. Und du sollst in dir kein Mitleid aufsteigen lassen: Leben für Leben, Auge für Auge, Zahn für Zahn, Hand für Hand, Fuß für Fuß.“ (Deuteronomium 19,15-20)

An dieser Stelle sieht man sehr schön den generellen Sinn des Talionsprinzips in der Tora. (Das übrigens nicht nur im Buch Deuteronomium, sondern auch schon im Buch Exodus vorkommt: „Ist weiterer Schaden entstanden, dann musst du geben: Leben für Leben, Auge für Auge, Zahn für Zahn, Hand für Hand, Fuß für Fuß, Brandmal für Brandmal, Wunde für Wunde, Strieme für Strieme.“ (Exodus 21,23-25)) Es hat, wie andere weiter oben genannte Vorschriften, auch einen schadensbegrenzenden Zweck, indem es die exzessive Blutrache verbietet – wenn jemand dir ein Auge ausgeschlagen hat, darfst du ihn dafür nicht gleich umbringen –; aber vor allem soll es ganz einfach die reine Gerechtigkeit durchsetzen; Gerechtigkeit, die hart sein kann, die nicht durch Gnade abgemildert wird, die aber jedem ganz genau das gibt, was ihm zusteht und was er sich verdient hat.

Und, wie im Alten Testament sehr deutlich wird, wurden Ehebruch, Inzest, Verfluchung der Eltern, Totenbeschwörung oder die Verehrung anderer Götter eben als schwerwiegende, tatsächlich todeswürdige Verbrechen betrachtet. Dafür gab es verschiedene Gründe; der Abfall von Gott galt als schwerwiegend, weil er einen Treuebruch mit demjenigen bedeutete, der die Existenz des ganzen Volkes garantierte; die Familie oder Sippe war extrem wichtig und daher galt auch Verhalten, das sie schädigte, wie Ehebruch, Inzest oder Verfluchung der Eltern, als schwerwiegend.

Es gibt die Lesart, dass diese Gesetze, ganz genau so, wie sie sind, von Gott gegeben wurden und damals eben aus diversen Gründen (um die Israeliten erst einmal auf den richtigen Weg zu bringen; um deutlich zu machen, wie schlimm diese Vergehen sind; um die gesellschaftliche Ordnung der damaligen Zeit zu erhalten, o. Ä.) nötig waren, es heute aber nicht mehr sind, auch wenn die genannten Vergehen an sich immer noch ebenso schlecht sind wie damals. Dieser Lesart folgt z. B. Lutheran Satire anscheinend in diesem (eigentlich ganz gut gemachten) Clip:

 

 

[Achtung: Borderline-häretischer Content bei der Erklärung des Zwecks des moralischen Gesetzes. Es ist nicht nur dafür da, uns zu zeigen, dass wir es nicht erfüllen können, also alle Sünder sind! Lutherische Häresie! Wir sollen es erfüllen! Und können es! (Theoretisch.)]

Ich folge dieser Lesart nicht ganz. Noch einmal: Als Jesus mit einer konkreten Frage zum Gesetz des Mose konfrontiert wird, sagt er: „Nur weil ihr so hartherzig seid, hat er euch dieses Gebot gegeben.“ „Er“ ist hier Mose, nicht Gott – es handelt sich bei den Vorschriften, um die es geht, um das Gesetz des Mose; ein Gesetz, das dieser sich sicher nicht einfach aus den Fingern gesogen, sondern in einem echten Hinhören auf Gottes Willen verfasst hat, aber das ihm wahrscheinlich auch nicht wortwörtlich vom Himmel herab diktiert wurde, sondern das eben er selbst verfasst hat. Ich denke wirklich, wir sollten vorsichtig sein, wenn wir die Offenbarung Gottes im Alten Testament ansehen. Wir sollten sie uns nicht immer so direkt vorstellen, wie wir es manchmal tun. (Siehe dazu Teil 6: https://nolitetimereweb.wordpress.com/2017/02/08/ueber-schwierige-bibelstellen-teil-6-das-fortschreiten-der-offenbarung-wie-wir-das-alte-testament-lesen-sollen/) Gottes Stimme war wahrscheinlich am Anfang der Offenbarungsgeschichte nicht immer einfach zu vernehmen. Die Bibel zeigt uns ja, wie das Verständnis um Gottes Wesen im Lauf der Zeit zunimmt; sie zeigt nicht das Ergebnis, das gesammelte Wissen, das am Ende steht, sondern den Prozess, der zu diesem Wissen geführt hat. Sie erzählt eine Geschichte.

Ich möchte hier noch einen anderen Beitrag zu diesem Thema verlinken (https://thetalkingllama.wordpress.com/2014/05/18/what-frozen-taught-me-about-how-to-read-the-bible/), der genau darauf eingeht, und die Geschichte des Gottesvolkes mit dem Disney-Film „Frozen“ vergleicht. (Man könnte natürlich auch eine beliebige andere gute Geschichte nehmen. Aber ich bleibe bei der Analogie, weil „Frozen“ einfach zu meinen Lieblingsfilmen gehört, und ich daher ganz begeistert war, auf diesen Blogartikel zu stoßen.) Zusammenfassung der Story: Prinzessin Elsa hat magische Kräfte und kann Eis und Schnee herbeizaubern, diese Kräfte sind aber auch gefährlich und als Kind hat sie ihre kleine Schwester Anna damit verletzt, also versucht sie seitdem verzweifelt, sie zurückzuhalten, was am Ende nicht funktioniert, weshalb sie am Tag ihrer Krönung davonläuft und sich hoch oben einsam in den Bergen versteckt, wo sie sich ein Eisschloss zaubert. An dieser Stelle im Film kommt das folgende Lied:

 

 

Man kann Elsas Erleichterung darüber, dass sie sich endlich nicht mehr verstecken muss, sehr gut nachfühlen – „…and the fears that once controlled me / can’t get to me at all! / It’s time to see what I can do, / to test the limits and break through…“ –, aber trotzdem ist nicht alles, was sie in diesem Moment singt, wahr: „No right, no wrong, no rules for me – / I’m free!“ So funktioniert es auch wieder nicht, und das zeigt der Film in der Folge sehr deutlich. Elsa hat unabsichtlich und ohne es zu merken das ganze Land unter Eis und Schnee versenkt, und als ihre Schwester ihr nachgeht, um sie wieder zurückzuholen, und sie schließlich findet, verletzt Elsa Anna mit einem Eisblitz, was für Anna lebensgefährlich wird. Elsa kann sich nicht einfach zurückziehen und ihren Kräften freien Lauf lassen; sie schadet anderen Menschen damit, auch wenn sie es unabsichtlich tut und ihre bisherigen Versuche, niemandem zu schaden, nicht wirklich erfolgreich waren. Die Lösung bietet am Ende des Films, kurz gesagt, – eigentlich ganz genau wie in der Bibel oder bei Harry Potter – die Liebe. (Genaueres verrate ich nicht. Film ansehen! Er ist genial. Ja, wirklich. Viele Disneyfilme sind genial!)

Es wäre also falsch, alle Aussagen von „Let it go“ als Aussagen des Films herzunehmen, auch wenn manchen Leuten speziell dieses Lied so gut zu gefallen scheint, dass sie genau das tun. Das hier ist erst der Anfang. Ein paar Erkenntnisse müssen noch kommen.

Ähnlich ist es meiner Meinung nach mit der Bibel. Die Menschen, die diese Gesetze erlassen und Exodus, Levitikus, oder Deuteronomium verfasst haben, hatten bereits einige sehr wichtige Erkenntnisse über Gott und das Gute gewonnen: Das moralische Gesetz ist etwas Absolutes. Gerechtigkeit ist wichtig. Ehebruch oder Okkultismus oder Mord sind wirklich schwerwiegende Sünden, die Wiedergutmachung verlangen, konkreten Menschen schaden, und der Gesellschaft im Ganzen ebenso. „Du sollst das Böse aus deiner Mitte wegschaffen“ – das ist an sich keine falsche Aussage. Das Böse muss weggeschafft werden, ganz radikal, ohne Kompromisse. Aber dass das nicht immer am besten durch das Wegschaffen des Menschen, der das Böse tut, geschieht, das hatten die Autoren dieser Texte eben noch nicht erkannt. Die Unterscheidung zwischen Sünder und Sünde, die Erkenntnis, dass das Böse manchmal eher in der Seele des Einzelnen weggeschafft werden muss als in der Gesellschaft, fehlte noch. Die Gnade kommt zu kurz. Nicht, dass sie im Alten Testament gar nicht vorkäme; im Gegenteil, in anderen Texten kommt sie wieder und wieder und wieder zum Ausdruck. Aber hier fehlt sie. Und genau deswegen lässt Jesus die Ehebrecherin eben nicht steinigen, sondern sagt zu ihr, „Auch ich verurteile dich nicht. Geh und sündige von jetzt an nicht mehr.“ (Johannes 8,11).

„Gott ist die Liebe“, sagt der hl. Johannes (1 Johannes 4,8), und die Liebe, die sich in Jesus Christus offenbart hat, bringt die Gerechtigkeit und die Gnade zusammen. Also bitte Regel Nummer 16 im Hinterkopf behalten, wenn man das Buch Deuteronomium liest.

 

Tatsächlich lese ich persönlich übrigens das Buch Deuteronomium inzwischen sehr gerne. Es enthält unglaublich schöne Texte:

„Höre, Israel! Jahwe, unser Gott, Jahwe ist einzig. Darum sollst du den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft. Diese Worte, auf die ich dich heute verpflichte, sollen auf deinem Herzen geschrieben stehen. Du sollst sie deinen Söhnen wiederholen. Du sollst von ihnen reden, wenn du zu Hause sitzt und wenn du auf der Straße gehst, wenn du dich schlafen legst und wenn du aufstehst. Du sollst sie als Zeichen um das Handgelenk binden. Sie sollen zum Schmuck auf deiner Stirn werden. Du sollst sie auf die Türpfosten deines Hauses und in deine Stadttore schreiben.“

(Deuteronomium 6,4-9)

„Dieses Gebot, auf das ich dich heute verpflichte, geht nicht über deine Kraft und ist nicht fern von dir. Es ist nicht im Himmel, sodass du sagen müsstest: Wer steigt für uns in den Himmel hinauf, holt es herunter und verkündet es uns, damit wir es halten können? Es ist auch nicht jenseits des Meeres, sodass du sagen müsstest: Wer fährt für uns über das Meer, holt es herüber und verkündet es uns, damit wir es halten können? Nein, das Wort ist ganz nah bei dir, es ist in deinem Mund und in deinem Herzen, du kannst es halten.“

(Deuteronomium 30,11-14)

„Hiermit lege ich dir heute das Leben und das Glück, den Tod und das Unglück vor. […] Den Himmel und die Erde rufe ich heute als Zeugen gegen euch an. Leben und Tod lege ich dir vor, Segen und Fluch. Wähle also das Leben, damit du lebst, du und deine Nachkommen. Liebe den Herrn, deinen Gott, hör auf seine Stimme und halte dich an ihm fest; denn er ist dein Leben. Er ist die Länge deines Lebens, das du in dem Land verbringen darfst, von dem du weißt: Der Herr hat deinen Vätern Abraham, Isaak und Jakob geschworen, es ihnen zu geben.“

(Deuteronomium 30,15.19f.)

Man muss eben bloß wissen, was man mit den irritierenden Versen machen soll, die sich immer mal wieder zwischen die schönen verirren.

 

* Trent Horn, Hard Sayings, El Cajon, California 2016, S. 242f., Übersetzung von mir.

 

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Ein Gedanke zu “Über schwierige Bibelstellen, Teil 12: Das Gesetz des Mose

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