Über schwierige Bibelstellen, Teil 13: Die Landnahme

Ich denke, dass für die Landnahme (für mich früher das größte Problem im Alten Testament – vielleicht abgesehen von Genesis 22) im Grunde genommen dasselbe Prinzip gilt wie für Teile der Tora – soll heißen, Regel Nummer 16 (das Alte Testament muss immer im Licht des Neuen interpretiert werden, weil Jesus das Wort Gottes ist, Gottes eigentliche Selbstoffenbarung an uns). Hier geht es um Stellen wie die folgenden:

  • Halte dich an das, was ich dir heute auftrage. Ich werde die Amoriter, Kanaaniter, Hetiter, Perisiter, Hiwiter und Jebusiter vor dir vertreiben. Du hüte dich aber, mit den Bewohnern des Landes, in das du kommst, einen Bund zu schließen; sie könnten dir sonst, wenn sie in deiner Mitte leben, zu einer Falle werden. Ihre Altäre sollt ihr vielmehr niederreißen, ihre Steinmale zerschlagen, ihre Kultpfähle umhauen. Du darfst dich nicht vor einem andern Gott niederwerfen. Denn Jahwe trägt den Namen ‚der Eifersüchtige’; ein eifersüchtiger Gott ist er.“ (Exodus 34,11-14)
  • Ihr sollt euch nicht durch all das verunreinigen; denn durch all das haben sich die Völker verunreinigt, die ich vor euch vertrieben habe. Das Land wurde unrein, ich habe an ihm seine Schuld geahndet und das Land hat seine Bewohner ausgespien.“ (Levitikus 18,24f.)
  • Er [Mose] sagte:Der Herr, unser Gott, hat am Horeb zu uns gesagt: Ihr habt euch lange genug an diesem Berg aufgehalten. Nun wendet euch dem Bergland der Amoriter zu, brecht auf und zieht hinauf! Zieht aus gegen alle seine Bewohner in der Araba, auf dem Gebirge, in der Schefela, im Negeb und an der Meeresküste! Zieht in das Land der Kanaaniter und in das Gebiet des Libanon, bis an den großen Strom, den Eufrat! Hiermit liefere ich euch das Land aus. Zieht hinein und nehmt es in Besitz, das Land, von dem ihr wisst: Der Herr hat euren Vätern Abraham, Isaak und Jakob geschworen, es ihnen und später ihren Nachkommen zu geben. (Deuteronomium 1,5-8)

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(James Tissot, Moses sees the Promised Land from afar, Quelle: Wikimedia Commons)

  • Da habe ich zu euch gesagt: Ihr dürft nicht vor ihnen zurückweichen und dürft euch nicht vor ihnen fürchten.Der Herr, euer Gott, der euch vorangeht, wird für euch kämpfen, genau so, wie er vor euren Augen in Ägypten auf eurer Seite gekämpft hat.“ (Deuteronomium 1,29f.)
  • Weil er [Gott] deine Väter lieb gewonnen hatte, hat er alle Nachkommen eines jeden von ihnen erwählt und dich [Israel] dann in eigener Person durch seine große Kraft aus Ägypten geführt,um bei deinem Angriff Völker zu vertreiben, die größer und mächtiger sind als du, um dich in ihr Land zu führen und es dir als Erbbesitz zu geben, wie es jetzt geschieht.“ (Deuteronomium 4,37f.)
  • Wenn der Herr, dein Gott, dich in das Land geführt hat, in das du jetzt hineinziehst, um es in Besitz zu nehmen, wenn er dir viele Völker aus dem Weg räumt – Hetiter, Girgaschiter und Amoriter, Kanaaniter und Perisiter, Hiwiter und Jebusiter, sieben Völker, die zahlreicher und mächtiger sind als du -,wenn der Herr, dein Gott, sie dir ausliefert und du sie schlägst, dann sollst du sie der Vernichtung weihen. Du sollst keinen Vertrag mit ihnen schließen, sie nicht verschonen und dich nicht mit ihnen verschwägern. Deine Tochter gib nicht seinem Sohn und nimm seine Tochter nicht für deinen Sohn! Wenn er deinen Sohn verleitet, mir nicht mehr nachzufolgen, und sie dann anderen Göttern dienen, wird der Zorn des Herrn gegen euch entbrennen und wird dich unverzüglich vernichten. So sollt ihr gegen sie vorgehen: Ihr sollt ihre Altäre niederreißen, ihre Steinmale zerschlagen, ihre Kultpfähle umhauen und ihre Götterbilder im Feuer verbrennen. […] Du wirst alle Völker verzehren, die der Herr, dein Gott, für dich bestimmt. Du sollst in dir kein Mitleid mit ihnen aufsteigen lassen. Und du sollst ihren Göttern nicht dienen; denn dann liefest du in eine Falle.“ (Deuteronomium 7,1-5.16)
  • Wenn ihr auf dieses ganze Gebot, auf das ich euch heute verpflichte, genau achtet und es haltet, wenn ihr den Herrn, euren Gott, liebt, auf allen seinen Wegen geht und euch an ihm fest haltet,dann wird der Herr alle diese Völker vor euch vertreiben und ihr werdet den Besitz von Völkern übernehmen, die größer und mächtiger sind als ihr. Jede Stelle, die euer Fuß berührt, soll euch gehören, von der Wüste an. Dazu soll der Libanon euer Gebiet sein, vom Strom, dem Eufrat, bis zum Meer im Westen. Keiner wird eurem Angriff standhalten können. Dem ganzen Land, das ihr betretet, wird der Herr, euer Gott, Schrecken und Furcht vor euch ins Gesicht zeichnen, wie er es euch zugesagt hat. (Deuteronomium 11,22-25)
  • Denk daran, was Amalek dir unterwegs angetan hat, als ihr aus Ägypten zogt:wie er unterwegs auf dich stieß und, als du müde und matt warst, ohne jede Gottesfurcht alle erschöpften Nachzügler von hinten niedermachte. Wenn der Herr, dein Gott, dir von allen deinen Feinden ringsum Ruhe verschafft hat in dem Land, das der Herr, dein Gott, dir als Erbbesitz gibt, damit du es in Besitz nimmst, dann lösche die Erinnerung an Amalek unter dem Himmel aus! Du sollst nicht vergessen. (Deuteronomium 25,17-19)
  • Nachdem Mose, der Knecht des Herrn, gestorben war, sagte der Herr zu Josua, dem Sohn Nuns, dem Diener des Mose:Mein Knecht Mose ist gestorben. Mach dich also auf den Weg und zieh über den Jordan hier mit diesem ganzen Volk in das Land, das ich ihnen, den Israeliten, geben werde. Jeden Ort, den euer Fuß betreten wird, gebe ich euch, wie ich es Mose versprochen habe. Euer Gebiet soll von der Steppe und vom Libanon an bis zum großen Strom, zum Eufrat, reichen – das ist das ganze Land der Hetiter – und bis hin zum großen Meer, wo die Sonne untergeht. Niemand wird dir Widerstand leisten können, solange du lebst. Wie ich mit Mose war, will ich auch mit dir sein. Ich lasse dich nicht fallen und verlasse dich nicht. Sei mutig und stark! Denn du sollst diesem Volk das Land zum Besitz geben, von dem du weißt: Ich habe ihren Vätern geschworen, es ihnen zu geben.“ (Josua 1,1-6)
  • Und hier sind wir auch schon bei meiner Lieblingsgeschichte (*räusper*) aus dem AT, der Eroberung Jerichos, zu Beginn der Landnahme jenseits des Jordan durch Josua: Als die Priester beim siebten Mal die Hörner bliesen, sagte Josua zum Volk: Erhebt das Kriegsgeschrei! Denn der Herr hat die Stadt in eure Gewalt gegeben.Die Stadt mit allem, was in ihr ist, soll zu Ehren des Herrn dem Untergang geweiht sein. Nur die Dirne Rahab und alle, die bei ihr im Haus sind, sollen am Leben bleiben, weil sie die Boten versteckt hat, die wir ausgeschickt hatten. Hütet euch aber davor, von dem, was dem Untergang geweiht ist, etwas zu begehren und wegzunehmen; sonst weiht ihr das Lager Israels dem Untergang und stürzt es ins Unglück. Alles Gold und Silber und die Geräte aus Bronze und Eisen sollen dem Herrn geweiht sein und in den Schatz des Herrn kommen. Darauf erhob das Volk das Kriegsgeschrei und die Widderhörner wurden geblasen. Als das Volk den Hörnerschall hörte, brach es in lautes Kriegsgeschrei aus. Die Stadtmauer stürzte in sich zusammen, und das Volk stieg in die Stadt hinein, jeder an der nächstbesten Stelle. So eroberten sie die Stadt. Mit scharfem Schwert weihten sie alles, was in der Stadt war, dem Untergang, Männer und Frauen, Kinder und Greise, Rinder, Schafe und Esel. (Josua 6,16-21)

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(James Tissot, The Taking of Jericho, Quelle: Wikimedia Commons)

  • Und gleich darauf kommt im Buch Josua die Eroberung der nächsten Stadt: „Als die Israeliten sämtliche Bewohner von Ai, die ihnen nachgejagt waren, ohne Ausnahme auf freiem Feld und in der Wüste mit scharfem Schwert getötet hatten und alle gefallen waren, kehrte ganz Israel nach Ai zurück und machte auch dort alles mit scharfem Schwert nieder.Es gab an jenem Tag insgesamt zwölftausend Gefallene, Männer und Frauen, alle Einwohner von Ai. Josua aber ließ seine Hand mit dem Sichelschwert nicht sinken, bis er alle Einwohner von Ai dem Untergang geweiht hatte. (Josua 8,24-26)
  • In den folgenden Kapiteln geht es nicht viel besser weiter: Die Gibeoniter bringen die Israeliten mit einer List dazu, einen Vertrag mit ihnen zu schließen, sodass sie nicht umgebracht werden (Kapitel 9), müssen dafür aber in Zukunft „Sklaven, Holzfäller und Wasserträger für das Haus meines Gottes sein“ (Josua 9,23). Dann besiegt Josua ein von fünf Kanaaniter-Königen aufgebotenes Heer, erobert sechs weitere Städte und weiht alles, was in ihnen lebt, dem Untergang, wie das alle paar Verse so schön ausgedrückt wird (Kapitel 10), dann besiegt er noch ein paar Könige und erobert noch ein paar Städte, und am Ende wird das Land auf die israelitischen Stämme aufgeteilt.
  • Aber auch nach Josuas Tod ist die Landnahme noch nicht zu Ende gebracht. Das Buch der Richter beginnt mit den folgenden Versen: „Nach dem Tod Josuas befragten die Israeliten den Herrn: Wer von uns soll zuerst gegen die Kanaaniter in den Kampf ziehen?Der Herr antwortete: Juda soll (zuerst) hinaufziehen; ich gebe das Land in seine Gewalt. Da sagte Juda zu seinem Bruder Simeon: Zieh mit mir hinauf in das Gebiet, das mir durch das Los zugefallen ist; wir wollen (zusammen) gegen die Kanaaniter kämpfen. Dann werde auch ich mit dir in dein Gebiet ziehen. Da ging Simeon mit ihm. Juda zog hinauf und der Herr gab die Kanaaniter und die Perisiter in ihre Gewalt. Sie schlugen sie bei Besek – (ein Heer von) zehntausend Mann.“ (Richter 1,1-4)
  • Und auch zur Zeit Sauls sind die Amalekiter, die speziellen Feinde der Israeliten, noch immer nicht ausgerottet, also übernimmt der Prophet Samuel schließlich die Initiative: „Samuel sagte zu Saul: Der Herr hatte mich gesandt, um dich zum König seines Volkes Israel zu salben. Darum gehorche jetzt den Worten des Herrn!So spricht der Herr der Heere: Ich habe beobachtet, was Amalek Israel angetan hat: Es hat sich ihm in den Weg gestellt, als Israel aus Ägypten heraufzog. Darum zieh jetzt in den Kampf und schlag Amalek! Weihe alles, was ihm gehört, dem Untergang! Schone es nicht, sondern töte Männer und Frauen, Kinder und Säuglinge, Rinder und Schafe, Kamele und Esel! […] Saul aber schlug die Amalekiter (im ganzen Gebiet) zwischen Hawila und der Gegend von Schur, das Ägypten gegenüberliegt. Agag, den König von Amalek, brachte er lebend in seine Gewalt; das ganze Volk aber weihte er mit scharfem Schwert dem Untergang. Saul und das Volk schonten Agag, ebenso auch die besten von den Schafen und Rindern, nämlich das Mastvieh und die Lämmer, sowie alles, was sonst noch wertvoll war. Das wollten sie nicht dem Untergang weihen. Nur alles Minderwertige und Wertlose weihten sie dem Untergang. Deshalb erging das Wort des Herrn an Samuel: Es reut mich, dass ich Saul zum König gemacht habe. Denn er hat sich von mir abgewandt und hat meine Befehle nicht ausgeführt. Das verdross Samuel sehr und er schrie die ganze Nacht zum Herrn. Am nächsten Morgen machte sich Samuel auf den Weg und ging Saul entgegen. Man hatte Samuel mitgeteilt: Saul ist nach Karmel gekommen und hat sich (dort) ein Denkmal errichtet; dann ist er umgekehrt und nach Gilgal hinab weitergezogen. Als Samuel nun zu Saul kam, sagte Saul zu ihm: Gesegnet seist du vom Herrn. Ich habe den Befehl des Herrn ausgeführt. Samuel erwiderte: Und was bedeutet dieses Blöken von Schafen, das mir in die Ohren dringt, und das Gebrüll der Rinder, das ich da höre? Saul antwortete: Man hat sie aus Amalek mitgebracht, weil das Volk die besten von den Schafen und Rindern geschont hat, um sie dem Herrn, deinem Gott, zu opfern. Das übrige haben wir dem Untergang geweiht. Da sagte Samuel zu Saul: Hör auf! Ich will dir verkünden, was der Herr mir heute Nacht gesagt hat. Saul antwortete: Sprich! Samuel sagte: Bist du nicht, obwohl du dir gering vorkommst, das Haupt der Stämme Israels? Der Herr hat dich zum König von Israel gesalbt. Dann hat dich der Herr auf den Weg geschickt und gesagt: Geh und weihe die Amalekiter, die Übeltäter, dem Untergang; kämpfe gegen sie, bis du sie vernichtet hast. Warum hast du nicht auf die Stimme des Herrn gehört, sondern hast dich auf die Beute gestürzt und getan, was dem Herrn missfällt? Saul erwiderte Samuel: Ich habe doch auf die Stimme des Herrn gehört; ich bin den Weg gegangen, auf den der Herr mich geschickt hat; ich habe Agag, den König von Amalek, hergebracht und die Amalekiter dem Untergang geweiht. Aber das Volk hat von der Beute einige Schafe und Rinder genommen, das Beste von dem, was dem Untergang geweiht war, um es dem Herrn, deinem Gott, in Gilgal zu opfern. Samuel aber sagte: Hat der Herr an Brandopfern und Schlachtopfern das gleiche Gefallen wie am Gehorsam gegenüber der Stimme des Herrn? Wahrhaftig, Gehorsam ist besser als Opfer, Hinhören besser als das Fett von Widdern. Denn Trotz ist ebenso eine Sünde wie die Zauberei, Widerspenstigkeit ist ebenso (schlimm) wie Frevel und Götzendienst. Weil du das Wort des Herrn verworfen hast, verwirft er dich als König. […] Darauf sagte Samuel: Bringt Agag, den König von Amalek, zu mir! Agag wurde in Fesseln zu ihm gebracht und sagte: Wahrhaftig, die Bitterkeit des Todes ist gewichen. Samuel aber erwiderte: Wie dein Schwert die Frauen um ihre Kinder gebracht, so sei unter den Frauen deine Mutter kinderlos gemacht. Und Samuel hieb vor den Augen des Herrn in Gilgal Agag in Stücke. (1 Samuel 15,1-3.7-23.32f.)

(Gustave Doré, La mort d’Agag, Quelle: Wikimedia Commons)

Okay… Heißt das jetzt also, der liebe Herrgott befiehlt Völkermorde und ist sauer, wenn sie nicht genau nach Plan ausgeführt werden?

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, diese Stellen zu deuten, in einen Kontext zu setzen, zu rechtfertigen oder wegzuerklären.

Ein unter den der historisch-kritischen Exegese zugeneigten Theologen beliebter Einwand ist, dass die Landnahme ja so gar nicht passiert sei. Die Geschichte mit den einstürzenden Stadtmauern von Jericho sei zum Beispiel nach dem archäologischen Befund sehr zweifelhaft; auch Ai (s. Josua 7-8) sei wohl zur Zeit der Landnahme gar nicht besiedelt, sondern bereits ein Trümmerhaufen gewesen (was der Name „Ai“ interessanterweise bedeutet). Hazor, okay, das könnten die Israeliten in dieser Zeit erobert und niedergebrannt haben, aber überhaupt, aus den späteren Büchern der Bibel sieht man ja, dass auch Jahrhunderte nach der Landnahme sehr wohl noch Kanaaniter in Kanaan lebten, manchmal unter den Israeliten, manchmal in anderen Regionen und im Konflikt mit ihnen, was heißt, dass die Israeliten sie offensichtlich nicht alle ausgerottet hatten.

Ähm, ja. Das ist ja alles schön und gut. Aber dass die Israeliten es nicht schafften oder sich nicht die Mühe machten, einem Ausrottungsbefehl vollständig nachzukommen, macht diesen Befehl nicht besser oder löscht ihn aus. Von daher kann man die bloße Existenz von Kanaanitern in späteren Jahrhunderten nicht als Argument gegen die Brutalität solcher Stellen gelten lassen. Die Funde in Jericho oder Ai sind etwas interessanter. Sie machen es durchaus wahrscheinlich, dass sich im Buch Josua reale historische Begebenheiten (evtl. Hazor) mit Legenden über die Frühzeit des eigenen Volkes (evtl. Jericho) mischen. Aber dennoch taugt das als Argument irgendwie nicht viel. Auch wenn einige dieser Eroberungsgeschichten nicht historisch sind, sind sie doch offensichtlich als Vorbild, als Inspiration gemeint. Vielleicht war man sich dabei im Klaren, dass sie nicht immer völlig historisch waren, so wie wir uns bei historischen Romanen darüber im Klaren sind, dass die Einzelheiten natürlich nicht stimmen. Für die Frage, wie man die handelnden Personen in diesen Texten bewertet, macht das aber keinen großen Unterschied. Gründungslegenden, in denen sich Fakt und Fiktion mischen, ja, vielleicht. Aber hier kann man nicht wirklich mit „das ist ja alles bloß symbolisch gemeint, das soll nur einen spirituellen Kampf symbolisieren“ oder ähnlichen Deutungen kommen. Das passt meinem Eindruck nach nicht zur Gattung der Texte.

(Ausgrabungsstätte in Jericho, Quelle: Wikimedia Commons)

Bevor ich mit der Interpretation weitermache, die ich für die richtige halte, am besten noch ein paar Informationen zum weiteren Kontext.

Es ist archäologisch gesehen schwer zu klären, was genau damals zwischen etwa 1250 und 1000 v. Chr. passierte; wie die Israeliten nach Kanaan kamen und wie sie sich dort ansiedelten. Dazu haben wir einfach zu wenige Quellen. (Wir wissen aus der Merenptah-Stele, dass sie 1208 v. Chr. schon da waren, aber mehr Schriftquellen, in denen Israel erwähnt wird, gibt es aus dieser Zeit nicht, und Quellen wie Mauerreste und Tonscherben sind schwieriger zu deuten.) Ich betrachte deshalb die Situation, wie sie in den biblischen Texten erscheint. Hier sehen wir, dass sie etwas komplexer war als bloß „Israeliten schlachten Kanaaniter ab, weil sie deren Land haben wollen“.

  • Im Buch Exodus greift das Volk Amalek Israel auf dem Weg von Ägypten nach Kanaan an (Exodus 17,8-16). In diesem Fall geht also der Krieg nicht von Israel aus.
  • Zu Beginn des Buches Deuteronomium, als Mose auf die Wanderung des Volkes durch die Wüste zurückblickt, sagt er: „Dann sagte der Herr zu mir:Ihr seid jetzt lange genug um dieses Gebirge herumgezogen. Wendet euch jetzt nach Norden! Befiehl dem Volk: Ihr werdet jetzt durch das Gebiet von Stammverwandten ziehen, durch das Gebiet der Nachkommen Esaus, die in Seïr wohnen. Wenn sie Furcht vor euch zeigen, dann seid auf der Hut, und beginnt keine Feindseligkeiten gegen sie! Von ihrem Land gebe ich euch keinen Fußbreit; denn das Gebirge Seïr habe ich für Esau zum Besitz bestimmt. Was ihr an Getreide zum Essen braucht, kauft von ihnen für Silber; selbst das Trinkwasser beschafft euch von ihnen gegen Silber! […] Wir zogen also weg aus dem Gebiet in der Nähe der Söhne Esaus, unserer Stammverwandten, die in Seïr wohnen, weg vom Weg durch die Araba, von Elat und Ezjon-Geber. Wir wendeten uns (nach Norden) und zogen den Weg zur Wüste Moab entlang. Und der Herr sagte zu mir: Begegne Moab nicht feindlich, beginn keinen Kampf mit ihnen! Von ihrem Land bestimme ich dir kein Stück zum Besitz; denn Ar habe ich für die Nachkommen Lots zum Besitz bestimmt. (Deuteronomium 2,2-6.8f.)
  • Später im Kapitel heißt es: „Als alle waffenfähigen Männer ausgestorben und tot waren, sodass keiner von ihnen mehr im Volk lebte,sagte der Herr zu mir: Wenn du heute durch das Gebiet von Moab, durch Ar, ziehst, kommst du nahe an den Ammonitern vorbei. Begegne ihnen nicht feindlich, beginne keine Feindseligkeiten gegen sie! Vom Land der Ammoniter bestimme ich dir kein Stück zum Besitz; denn ich habe es für die Nachkommen Lots zum Besitz bestimmt.  So blieb es bis heute. Das Auch dieses gilt als Land der Rafaïter. Einst saßen die Rafaïter darin. Die Ammoniter nennen sie die Samsummiter, ein Volk, das groß, zahlreich und hoch gewachsen war wie die Anakiter. Der Herr vernichtete die Rafaïter, als die Ammoniter eindrangen. Diese übernahmen ihren Besitz und setzten sich an ihre Stelle. Das war das Gleiche, was der Herr für die Nachkommen Esaus getan hat, die in Seïr sitzen. Als sie vordrangen, vernichtete er die Horiter. Die Nachkommen Esaus übernahmen ihren Besitz und setzten sich an ihre Stelle.Gleiche geschah mit den Awitern, die in einzelnen Dörfern bis nach Gaza hin saßen. Die Kaftoriter, die aus Kaftor ausgewandert waren, vernichteten sie und setzten sich an ihre Stelle. Steht auf, brecht auf und überquert das Tal des Arnon! […] Da sandte ich aus der Wüste Kedemot Boten zu Sihon, dem König von Heschbon, und ließ ihm folgendes Abkommen vorschlagen: Ich will durch dein Land ziehen. Ich werde mich genau an den Weg halten, ohne ihn rechts oder links zu verlassen. Was ich an Getreide zum Essen brauche, wirst du mir für Silber verkaufen, auch das Trinkwasser wirst du mir gegen Silber geben. Ich werde nur zu Fuß durchziehen, so wie die Nachkommen Esaus, die in Seïr wohnen, und die Moabiter, die in Ar wohnen, es mir erlaubt haben. (Das soll gelten,) bis ich über den Jordan in das Land gezogen bin, das der Herr, unser Gott, uns gibt. Doch Sihon, der König von Heschbon, weigerte sich, uns bei sich durchziehen zu lassen. […] Sihon rückte mit seinem ganzen Volk gegen uns aus, um bei Jahaz zu kämpfen. Der Herr, unser Gott, lieferte ihn uns aus. Wir schlugen ihn, seine Söhne und sein ganzes Volk. Damals eroberten wir alle seine Städte. Wir weihten die ganze männliche Bevölkerung, die Frauen, die Kinder und die Greise der Vernichtung; keinen ließen wir überleben. […] Nur dem Land der Ammoniter hast du dich nicht genähert, dem gesamten Randgebiet des Jabboktals und den Städten im Gebirge, also allem, was der Herr, unser Gott, uns verwehrt hatte.“ (Deuteronomium 2,16-24.26-30.32-34.37)
  • Das nächste Kapitel beginnt mit: „Dann wendeten wir uns dem Weg zum Baschan zu und zogen hinauf. Og, der König des Baschan, rückte mit seinem ganzen Volk gegen uns aus, um bei Edreï zu kämpfen. (Deuteronomium 3,1) Auch hier ist ein anderes Volk der Aggressor.
  • In der Geschichte mit den Amalekitern in 1 Samuel 15 macht Saul einen Unterschied zwischen den Amalekitern und den ebenfalls in der Gegend lebenden Kenitern. In den oben ausgelassenen Versen 5 und 6 heißt es: „Saul rückte bis zur Stadt der Amalekiter vor und legte im Bachtal einen Hinterhalt.Den Kenitern aber ließ er sagen: Auf, zieht fort, verlasst das Gebiet der Amalekiter, damit ich euch nicht zusammen mit ihnen vernichte; denn ihr habt euch gegenüber allen Israeliten freundlich verhalten, als sie aus Ägypten heraufzogen. Da verließen die Keniter das Gebiet der Amalekiter.“ Und es lohnt sich auch, Samuels Worte am Ende näher anzusehen: „Wie dein Schwert die Frauen um ihre Kinder gebracht, so sei unter den Frauen deine Mutter kinderlos gemacht.“ Diese Worte an Agag implizieren, dass es bei diesem Feldzug nicht nur um Rache für lange vergangene Ereignisse ging, sondern dass es auch zu dieser Zeit einen andauernden Konflikt mit den Amalekitern gab, bei dem es nicht klar ist, wer der ursprüngliche Aggressor war.
  • In der Tora gibt es auch Stellen, die die Kriegsführung im Allgemeinen behandeln, hier etwa: Wenn du vor eine Stadt ziehst, um sie anzugreifen, dann sollst du ihr zunächst eine friedliche Einigung vorschlagen.Nimmt sie die friedliche Einigung an und öffnet dir die Tore, dann soll die gesamte Bevölkerung, die du dort vorfindest, zum Frondienst verpflichtet und dir untertan sein. Lehnt sie eine friedliche Einigung mit dir ab und will sich mit dir im Kampf messen, dann darfst du sie belagern. Wenn der Herr, dein Gott, sie in deine Gewalt gibt, sollst du alle männlichen Personen mit scharfem Schwert erschlagen. Die Frauen aber, die Kinder und Greise, das Vieh und alles, was sich sonst in der Stadt befindet, alles, was sich darin plündern lässt, darfst du dir als Beute nehmen. Was du bei deinen Feinden geplündert hast, darfst du verzehren; denn der Herr, dein Gott, hat es dir geschenkt. So sollst du mit allen Städten verfahren, die sehr weit von dir entfernt liegen und nicht zu den Städten dieser Völker hier gehören. Aus den Städten dieser Völker jedoch, die der Herr, dein Gott, dir als Erbbesitz gibt, darfst du nichts, was Atem hat, am Leben lassen. Vielmehr sollst du die Hetiter und Amoriter, Kanaaniter und Perisiter, Hiwiter und Jebusiter der Vernichtung weihen, so wie es der Herr, dein Gott, dir zur Pflicht gemacht hat, damit sie euch nicht lehren, alle Gräuel nachzuahmen, die sie begingen, wenn sie ihren Göttern dienten, und ihr nicht gegen den Herrn, euren Gott, sündigt. Wenn du eine Stadt längere Zeit hindurch belagerst, um sie anzugreifen und zu erobern, dann sollst du ihrem Baumbestand keinen Schaden zufügen, indem du die Axt daran legst. Du darfst von den Bäumen essen, sie aber nicht fällen mit dem Gedanken, die Bäume auf dem Feld seien der Mensch selbst, sodass sie von dir belagert werden müssten. Nur den Bäumen, von denen du weißt, dass sie keine Fruchtbäume sind, darfst du Schaden zufügen. Du darfst sie fällen und daraus Belagerungswerk bauen gegen die Stadt, die gegen dich kämpfen will, bis sie schließlich fällt.“ (Deuteronomium 20,10-20)

Zusammenfassend: 1) Als Israel aus Ägypten auszieht, wird es von den Amalekitern und von Og, dem König des Baschan, angegriffen, und auch König Sihon von Heschbon will das Volk nicht durch sein Land ziehen lassen. 2) Die Israeliten unterscheiden offensichtlich zwischen Völkern, die in dem Land wohnen, das Gott ihnen versprochen hat, und die sie ganz und gar zu vernichten beabsichtigen, und anderen Völkern, denen sie friedlich zu begegnen versuchen. Auch Stellen in der Tora, die die rechtliche Stellung von Fremden, die unter den Israeliten leben, behandeln („Einen Fremden sollst du nicht ausnützen oder ausbeuten, denn ihr selbst seid in Ägypten Fremde gewesen“ (Exodus 22,20), „Du sollst einen fremden Untertan, der vor seinem Herrn bei dir Schutz sucht, seinem Herrn nicht ausliefern. Bei dir soll er wohnen dürfen, in deiner Mitte, in einem Ort, den er sich in einem deiner Stadtbereiche auswählt, wo es ihm gefällt. Du sollst ihn nicht ausbeuten.“ (Deuteronomium 23,16f.), „Gleiches Recht soll bei euch für den Fremden wie für den Einheimischen gelten; denn ich bin der Herr, euer Gott.“ (Levitikus 24,22)), machen deutlich, dass die „Vernichtungsweihe“ (herem) im Kontext der Landnahme eine spezielle, zeitlich und örtlich begrenzte Aktion war.

Punkt 1 lässt erkennen, dass sich Israel allgemein wahrscheinlich nicht in einer Situation befand, in der sich alle kriegerischen Auseinandersetzungen vermeiden ließen. Es war eine harte Zeit damals. Israel war ein heimatloses Volk auf der Flucht, das gerade aus der Sklaverei entkommen war und ein Siedlungsgebiet brauchte. Da ist es nicht weiter verwunderlich, dass die alteingesessenen Völker der Gegend ihm von vornherein eher feindlich gegenüberstanden, selbst die, mit denen die Israeliten selbst den Frieden wahren wollten; wenn Flüchtlinge in großen Scharen kommen, ist man ihnen gegenüber nicht automatisch freundlich gesonnen. Von daher fragt sich, was passiert wäre, wenn die Israeliten versucht hätten, einfach ganz friedlich in Kanaan einzuwandern und sich irgendwo ein paar freie Stückchen Land zu suchen, was aus unserer Sicht so einfach klingt. (Wenn wir davon ausgehen, dass es überhaupt größere unbewohnte Flecken Land gegeben hätte, was zweifelhaft ist.) In den fünf Büchern Mose und den folgenden Büchern (Josua, Richter) wird diese Möglichkeit scheinbar gar nicht in Betracht gezogen – vielleicht, weil die Israeliten sie nicht als reale Möglichkeit sahen, da sie schlichtweg davon ausgingen, dass die Völker dort sie selbstverständlich sofort zu vertreiben versucht hätten. Also greift man sie eben gleich an, weil man weiß, dass man nicht an Land kommt, wenn man es sich nicht mit Gewalt nimmt. Hatte ich schon erwähnt, dass es eine harte Zeit war damals?

Aber andererseits – es geht hier auch offensichtlich nicht nur um „wir können leider nicht anders als Gewalt anwenden, um zu überleben, also wenden wir eben so viel Gewalt an, wie sein muss“. Immer wieder wird angeordnet, konkrete Völker völlig „dem Untergang zu weihen“, was bedeutet, sie alle zu töten, keine Frauen oder Kinder als Sklaven mitzunehmen, auch das Vieh zu töten, anstatt es in Besitz zu nehmen, überhaupt allen Besitz zu zerstören (z. B. durch Feuer), anstatt ihn zu plündern. Teilweise bedeutet es auch die Zerstörung ganzer Städte und das Verbot des Wiederaufbaus (z. B. bei Jericho). Hier glaubten die Israeliten eindeutig, einen göttlichen Befehl zu vollstrecken; und der Grund für die Vernichtungsweihe war kein pragmatischer, sondern ein theologischer oder sozialer. Das Denken sah etwa so aus:

  • Gott hat uns dieses Land versprochen;
  • jetzt leben dort diese diversen anderen Völker, und sie praktizieren Kinderopfer, Tempelprostitution und alle möglichen anderen Dinge, die wir als Gräueltaten sehen;
  • daher straft Gott sie;
  • und zwar durch uns, die wir jetzt dieses Land von ihnen zu übernehmen und sie alle vollständig dem Untergang zu weihen haben;
  • der Grund dafür ist, dass ihre Schlechtigkeit vollständig ausgerottet werden muss;
  • a., damit unsere Leute nicht davon angesteckt werden und evtl. auch in ihr Verhalten verfallen;
  • wofür Gott uns ebenso strafen würde.

Hier ist nicht alles falsch. Aber kommen wir unten darauf zurück.

Eine Lesart der Erzählungen rechtfertigt die Landnahme mit der folgenden Argumentation:

Diese überraschend weit verbreitete Lesart sieht in den Landnahme-Erzählungen keineswegs eine allgemeine Rechtfertigung religiöser Gewalt; nö, es geht nur um diesen einen konkreten Fall damals vor 3000 Jahren, wo Gott eben diese und jene konkreten Aktionen befohlen hat.

Diese Interpretation klingt erst einmal logisch. Dennoch folge ich ihr nicht.

Eine ihrer Schwächen liegt meiner Meinung nach im dritten Punkt: Befiehlt Gott denn tatsächlich manchmal einem Menschen, einen anderen unschuldigen Menschen zu töten? (Und unter den Kanaanitern müssen ja unschuldige Menschen gewesen sein, die kleinen Kinder zumindest.) Um das zu wissen, schaue ich als erstes auf die endgültige Selbstoffenbarung Gottes, d. h. Jesus Christus, wahrer Mensch und wahrer Gott. Meines Wissens hat er niemals jemandem befohlen, überhaupt jemanden zu töten. Stattdessen finden wir z. B. diese Stelle in den Evangelien: „Als die Zeit herankam, in der er (in den Himmel) aufgenommen werden sollte, entschloss sich Jesus, nach Jerusalem zu gehen. Und er schickte Boten vor sich her. Diese kamen in ein samaritisches Dorf und wollten eine Unterkunft für ihn besorgen. Aber man nahm ihn nicht auf, weil er auf dem Weg nach Jerusalem war. Als die Jünger Jakobus und Johannes das sahen, sagten sie: Herr, sollen wir befehlen, dass Feuer vom Himmel fällt und sie vernichtet? Da wandte er sich um und wies sie zurecht. Und sie gingen zusammen in ein anderes Dorf. (Lukas 9,51-56) Oder diese hier, bei Seiner Festnahme: „Doch einer von den Begleitern Jesu zog sein Schwert, schlug auf den Diener des Hohenpriesters ein und hieb ihm ein Ohr ab. Da sagte Jesus zu ihm: Steck dein Schwert in die Scheide; denn alle, die zum Schwert greifen, werden durch das Schwert umkommen. Oder glaubst du nicht, mein Vater würde mir sogleich mehr als zwölf Legionen Engel schicken, wenn ich ihn darum bitte? Wie würde dann aber die Schrift erfüllt, nach der es so geschehen muss?“ (Matthäus 26,51-54)

Es scheint nicht recht zu Gottes Wesen zu passen, einem seiner menschlichen Geschöpfe zu befehlen, andere unschuldige Menschen zu töten. Hier treffen wir nämlich auch auf ein entscheidendes Problem: Woher weiß man selbst denn, dass es sich tatsächlich um Gottes Befehl gehandelt hat? Und nicht – sagen wir mal – um ein Symptom einer Psychose oder Schizophrenie? Stimmen zu hören ist ein häufiges Symptom dieser Erkrankungen. Oder, wenn man einen Befehl von einem Propheten erteilt bekommt, woher weiß man, dass dieser ein wirklicher Prophet ist? Jemand könnte antworten, dass, als Gott beim Exodus zu den Israeliten sprach, Seine Erscheinung so offensichtlich war, dass niemand mehr an deren Wirklichkeit und Seinem Willen zweifeln konnte. Aber dennoch, ist das alles wahrscheinlich? Würde Gott regelmäßig oder auch nur eine gewisse Zeit über immer wieder solche Befehle erteilen, und damit das Risiko eingehen, dass von da an etliche Leute, die nur das Pech haben, dass ihre Neurotransmitter nicht richtig funktionieren, zu Mördern werden könnten, weil sie sich einbilden, auch solche Befehle, die aber eben in ihrem Fall nicht real sind, erhalten zu haben, oder dass etliche falsche Propheten zu Morden aufstacheln könnten, weil die Leute ihre Botschaften für glaubwürdig halten würden? Ich kann mir vorstellen, Er nimmt mehr Rücksicht auf Psychotiker und Leute, die mit größenwahnsinnigen Sektenführern zu tun haben, und erteilt Menschen keine Sondergenehmigungen zu Genoziden. Und wieder: Klingen solche Befehle wirklich nach Gottes Wesen, wie wir es am bisherigen Höhepunkt der Offenbarungsgeschichte in Jesus gesehen haben?

Ich wüsste zu gerne, was genau Jesus damals zu Jakobus und Johannes gesagt hat.

Man könnte auch die grundsätzliche Aussage „Gott hat den Menschen das Leben gegeben und kann es ihnen wieder nehmen, wenn Er es für richtig hält“ kritisch hinterfragen. So ganz fehlerlos ist sie nämlich, wie schon in Teil 10 dargelegt, gar nicht, so logisch sie auf den ersten Blick auch klingt. Der Tod gehört nicht zu Gottes ursprünglichem Plan für die Schöpfung, genauso wenig wie Krankheiten, Schmerzen, oder die menschliche Bosheit. Alle diese Dinge sind erst durch den Fall der Engel und den Fall des Menschen in die Welt gekommen. Gott hatte nicht vor, den Menschen erst etwas zu schenken und es ihnen dann einfach mal wieder zu nehmen. Es macht also Sinn, davon auszugehen, dass Gott zwar den Tod von Menschen durch Krankheiten, Unfälle, Selbstmorde, Kriege oder was auch immer zwar zulässt, und in Seiner Allmacht aus diesem Übel auch Gutes entstehen lassen kann, aber dass Er nie selbst durch direktes wundersames Eingreifen Leute tot umfallen lässt oder anderen Menschen den Befehl erteilt, sie zu töten. (Man könnte hier evtl. einwenden, dass Gott Hananias und Saphira in Apostelgeschichte 5,1-11 tot umfallen ließ. Aber das steht da nicht. Da steht, dass die beiden nacheinander (vielleicht durch den Schock, der einen Herzinfarkt oder Schlaganfall auslöste?) zusammenbrachen und starben, und dass Petrus den Tod der Saphira vorherwusste. Mehr nicht.)

Ich halte es aus diesen Gründen also für unwahrscheinlich, dass es sich hier um direkte Befehle Gottes handelte; solange es auch andere Erklärungen für diese Stellen gibt, ziehe ich diese vor.

Dennoch darf man auf der anderen Seite auch wieder nicht vergessen, wie entscheidend die Landverheißung, die schon Abraham gegeben wurde, im Alten Testament war (und tatsächlich für das jüdische Volk bis heute ist). Daher denke ich, dass man zumindest nicht leugnen kann, dass Gott tatsächlich vorhatte, dem Volk Israel dieses Land zu geben – oder dass Er ihm zumindest vorausgesagt hatte, dass es das Land einmal besitzen würde? (Und wieso denn auch nicht? Wieso sollte es kein Land haben wie jedes andere Volk?) Ich denke allerdings, dass die (geplante / versuchte?) Ausrottung der Kanaaniter nicht Gottes Willen entsprach. Eher, denke ich, hatten die Israeliten begriffen, dass die Taten der Kanaaniter tatsächliche „Gräuel“ waren, die man am besten ausrotten sollte, und daraus schlossen sie, dass es Gottes Wille war, die Kanaaniter auszurotten.

Es ist hier wirklich wichtig, zu unterscheiden zwischen Gottes direktem und Seinem indirekten Willen, also dem, was Er bewirkt, und dem, was Er bloß zulässt (s. dazu auch noch hier: https://nolitetimereweb.wordpress.com/2017/02/19/ueber-schwierige-bibelstellen-teil-8-ich-aber-will-das-herz-des-pharao-verhaerten/). In einer der oben zitierten Stellen wird auch von anderen Völkern erzählt, und davon, wer da früher mal von wem vertrieben wurde. „Auch dieses gilt als Land der Rafaïter. Einst saßen die Rafaïter darin. Die Ammoniter nennen sie die Samsummiter, ein Volk, das groß, zahlreich und hoch gewachsen war wie die Anakiter. Der Herr vernichtete die Rafaïter, als die Ammoniter eindrangen. Diese übernahmen ihren Besitz und setzten sich an ihre Stelle. Das war das Gleiche, was der Herr für die Nachkommen Esaus getan hat, die in Seïr sitzen. Als sie vordrangen, vernichtete er die Horiter. Die Nachkommen Esaus übernahmen ihren Besitz und setzten sich an ihre Stelle. So blieb es bis heute.“ (Deuteronomium 2,20-22) Hier wird also Gott auch die Verantwortung dafür zugeschrieben, welche anderen Völker, die nicht von Ihm erwählt sind, einander besiegten – kurz gesagt, wenn jemand Erfolg im Krieg hat, oder überhaupt, wenn irgendetwas auf der Welt geschieht, schlussfolgert man, dass das dem Willen Gottes entsprechen muss. Der Herr spricht durch das Schicksal, und das muss man irgendwie interpretieren. Wenn wir siegen, hat der Herr uns den Sieg verliehen, also muss er auch wollen, dass wir diese Völker bekämpfen und besiegen. So interpretierten die Israeliten wohl ihre Erfolge. Umgekehrt, wenn wir verlieren, straft der Herr uns für unsere eigenen Sünden. Dieses Verständnis von Glück und Leid als Lohn oder Strafe durch Gott sieht man auch in späteren Büchern des AT sehr oft, z. B. bei den Propheten. Ein nuancierteres Verständnis des Schicksals und des göttlichen Willens braucht noch ein bisschen; z. B. haben noch Jesu Jünger Schwierigkeiten damit, zu sehen, dass die Blindheit eines Mannes nicht automatisch eine Strafe für seine Sünden oder die seiner Eltern ist (Johannes 9,1-3).

Ich denke also, das, was damals abgelaufen ist, sah etwa so aus: Die Israeliten wussten, dass Gott sie auserwählt hatte, und dass Er ihnen das Gelobte Land versprochen hatte. Aus ersterem schlossen sie, dass er logischerweise in ihren Kriegen an ihrer Seite stehen würde, und aus letzterem, dass sie dieses Land mit militärischer Gewalt erobern sollten. Wenn Gott ihnen dabei Erfolg verleihen würde, musste Er mit ihren Unternehmungen einverstanden sein, und Er verlieh ihnen den Sieg wohl, um ihre Feinde zu strafen. Sie wussten, dass einiges in deren Gesellschaften vor dem Herrn ein „Gräuel“ war, und daraus schlossen sie, dass das ausgelöscht werden musste – und zwar, womit sonst, mit Gewalt, mit radikaler Gewalt. Und hier durfte man keine Kompromisse machen, weil man vielleicht doch irgendwie das Gefühl hatte, dass ja an den Göttern der Kanaaniter doch etwas dran sein könnte, oder dass ihre Wahrsagemethoden doch ganz nützlich sein könnten. (Interessanterweise war übrigens gerade König Saul, der in der oben zitierten Stelle vom Propheten Samuel so energisch zurechtgewiesen wird, weil er das Vieh der Amalekiter geplündert und ihren König als Trophäe mitgenommen hatte, anstatt das mit der Vernichtungsweihe voll und ganz durchzuziehen, auch anderweitig für solche „Halbherzigkeiten“ anfällig: Nachdem er selbst die Totenbeschwörer und Wahrsager aus dem Land vertreiben hatte lassen, ging er in 1 Samuel 28 zu einer Totenbeschwörerin nach En-Dor, um den inzwischen verstorbenen Samuel heraufzubeschwören und so über eine bevorstehende Schlacht Auskunft zu erhalten.) Die Frage war für die Israeliten damals nicht: Lassen wir Zivilisten am Leben? Sondern: Akzeptieren wir diese andere Religion und Kultur? Leben wir mit dieser Kultur in dem Land, in dem wir leben wollen? Einer Kultur, die Götter verehrt, die Kinderopfer verlangen?

Es war wirklich eine ganz andere Zeit. Ich habe noch nie viel für den Mythos irgendwelchen guten alten Zeiten übrig gehabt, und in diese Zeit möchte ich sicher nicht zurück. Aber der liebe Herrgott musste eben in irgendeiner Zeit anfangen.

Man könnte noch fragen, wieso Er nicht einfach klarer mit den Israeliten kommunizierte. Aber da könnten wir genauso gut fragen, wieso Er mit jedem einzelnen von uns heutzutage nicht völlig klar und unmissverständlich direkt kommuniziert, anstatt Instrumente wie die menschliche Vernunft und das Gewissen, die Bibel und die Kirche zu verwenden. Und das sind interessante Fragen, die einiges an Spekulation hergeben würden, und zwar genug für einen eigenen Artikel, weshalb ich sie hier nicht weiter verfolgen werde. Denn die entscheidende Frage ist für dieses Thema nicht: Wieso hat Gott sich auf diese und jene Weise offenbart? Sondern: Hat Er sich auf diese und jene Weise offenbart? Und das hat Er nun mal.

Eine weitere Frage bliebe noch. Was ist mit den Wundererzählungen? Laut der Bibel hat Gott schließlich Wunder gewirkt, um Israel seine Siege zu ermöglichen, nicht wahr? Hätte er das denn getan, wenn diese Siege nicht wirklich Sein direkter – im Unterschied zu seinem indirekten, bloß zulassenden – Wille gewesen wären?

Erst einmal könnte man darauf antworten, dass solche Wunder nicht bei allzu vielen Schlachten erwähnt werden. In der Regel heißt es nur „Der Herr gab sie in unsere Gewalt“ oder „Die Israeliten schlugen sie“ ohne irgendwelche übernatürlichen Vorkommnisse. Dann gibt es solche Schlachten, bei denen selbst ich mir ein direktes Eingreifen Gottes logischerweise vorstellen könnte – z. B. die Abwehr Amaleks in Exodus 17, eindeutig ein gerechter Verteidigungskrieg: „Als Amalek kam und in Refidim den Kampf mit Israel suchte, sagte Mose zu Josua: Wähl uns Männer aus und zieh in den Kampf gegen Amalek! Ich selbst werde mich morgen auf den Gipfel des Hügels stellen und den Gottesstab mitnehmen. Josua tat, was ihm Mose aufgetragen hatte, und kämpfte gegen Amalek, während Mose, Aaron und Hur auf den Gipfel des Hügels stiegen. Solange Mose seine Hand erhoben hielt, war Israel stärker; sooft er aber die Hand sinken ließ, war Amalek stärker. Als dem Mose die Hände schwer wurden, holten sie einen Steinbrocken, schoben ihn unter Mose und er setzte sich darauf. Aaron und Hur stützten seine Arme, der eine rechts, der andere links, sodass seine Hände erhoben blieben, bis die Sonne unterging. So besiegte Josua mit scharfem Schwert Amalek und sein Heer.“ (Exodus 17,8-13) Ebenso gut könnte man aber auch damit argumentieren, dass solche Erzählungen vielleicht nicht (alle?) historisch sind. Das gilt besonders für die Eroberung Jerichos – die Trümmer der eingestürzten Stadtmauer wurden bei Ausgrabungen schließlich nicht gefunden.

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/2/28/Tissot_Moses_on_the_Mountain_During_the_Battle.jpg

(James Tissot, Moses on the Mountain during the Battle, Quelle: Wikimedia Commons)

Und da ich leider nicht in der Zeit zurück reisen und alle diese Geschehnisse selbst überprüfen kann (okay, wie gesagt, das würde ich eigentlich auch nicht wollen), kann ich mit allen meinen Erklärungen im Grunde genommen auch nicht mehr bieten als mehr oder weniger gut begründete Spekulationen. Vielleicht habe ich Recht, vielleicht war es auch ganz anders. Es hier mir hier nicht darum, etwas zu beweisen, sondern darum, Möglichkeiten aufzuzeigen, wie diese „schwierigen“ Stellen verstanden werden könnten.

Zusammengefasst: Ich denke, dass hier wie so oft ganz einfach die Regeln Nummer 13 und 16 entscheidend sind: Das Alte Testament zeigt noch ein begrenztes Verständnis von Gott.

 

Noch ein Beitrag zu diesem Thema (deutlich kürzer als meiner) findet sich hier: https://thetalkingllama.wordpress.com/2014/03/22/i-read-the-bible-as-an-english-major-and-thats-okay/

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Ein Gedanke zu “Über schwierige Bibelstellen, Teil 13: Die Landnahme

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