Über schwierige Bibelstellen, Teil 13: Die Landnahme

[Dieser Teil wurde nach der Veröffentlichung noch einmal gründlich überarbeitet. Alle Teile hier.]

 

Für die Frage, wie die Landnahme nach dem Auszug aus Ägypten und der vierzigjährigen Wüstenwanderung (für mich früher eins der größten Probleme im Alten Testament) zu verstehen ist, gäbe es mehrere Lösungen.

Hier geht es um Stellen wie die folgenden:

  • „Bewahre, was ich dir heute auftrage! Siehe, ich vertreibe die Amoriter, Kanaaniter, Hetiter, Perisiter, Hiwiter und Jebusiter vor dir. Du hüte dich aber, mit den Bewohnern des Landes, in das du kommst, einen Bund zu schließen; sie könnten dir sonst zu einer Falle in deiner Mitte werden. Ihre Altäre sollt ihr vielmehr niederreißen, ihre Steinmale zerschlagen, ihre Kultpfähle umhauen. Du darfst dich nicht vor einem andern Gott niederwerfen. Denn der HERR, der Eifersüchtige ist sein Name, ein eifersüchtiger Gott ist er.“ (Exodus 34,11-14)
  • Ihr sollt euch nicht durch all das verunreinigen; denn durch all das haben sich die Nationen verunreinigt, die ich vor euch vertreibe. Das Land wurde unrein, ich habe an ihm seine Schuld heimgesucht und das Land hat seine Bewohner ausgespien. (Levitikus 18,24f.)
  • „Der HERR, unser Gott, hat am Horeb zu uns gesagt: Ihr habt euch lange genug an diesem Berg aufgehalten. Nun wendet euch dem Bergland der Amoriter zu, brecht auf und zieht hinauf! Zieht aus gegen alle seine Bewohner in der Araba, auf dem Gebirge, in der Schefela, im Negeb und an der Meeresküste! Zieht in das Land der Kanaaniter und in das Gebiet des Libanon, bis an den großen Strom, den Eufrat! Siehe, hiermit liefere ich euch das Land aus. Zieht hinein und nehmt es in Besitz, das Land, von dem ihr wisst: Der HERR hat euren Vätern Abraham, Isaak und Jakob geschworen, es ihnen und später ihren Nachkommen zu geben. (Deuteronomium 1,6-8)

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/d/d8/Tissot_Moses_Sees_the_Promised_Land_from_Afar.jpg

(James Tissot, Moses sees the Promised Land from afar. Gemeinfrei.)

  • Da habe ich zu euch gesagt: Ihr dürft nicht vor ihnen zurückweichen und dürft euch nicht vor ihnen fürchten. Der HERR, euer Gott, der euch vorangeht, er wird für euch kämpfen, genauso, wie er vor euren Augen in Ägypten auf eurer Seite gekämpft hat.“ (Deuteronomium 1,29f.)
  • Weil er deine Väter lieb gewonnen hatte, hat er alle Nachkommen eines jeden von ihnen erwählt und dich dann in eigener Person durch seine große Kraft aus Ägypten geführt, um bei deinem Angriff Völker auszurotten, die größer und mächtiger sind als du, um dich in ihr Land zu führen und es dir als Erbbesitz zu geben, wie es jetzt geschieht.“ (Deuteronomium 4,37f.)
  • Wenn der HERR, dein Gott, dich in das Land geführt hat, in das du jetzt hineinziehst, um es in Besitz zu nehmen, wenn er dir viele Völker aus dem Weg räumt – Hetiter, Girgaschiter und Amoriter, Kanaaniter und Perisiter, Hiwiter und Jebusiter, sieben Völker, die zahlreicher und mächtiger sind als du -, wenn der HERR, dein Gott, sie dir ausliefert und du sie schlägst, dann sollst du an ihnen den Bann vollziehen. Du sollst keinen Vertrag mit ihnen schließen, sie nicht verschonen und dich nicht mit ihnen verschwägern. Deine Tochter gib nicht seinem Sohn und nimm seine Tochter nicht für deinen Sohn! Wenn er dein Kind verleitet, mir nicht mehr nachzufolgen, und sie dann anderen Göttern dienen, wird der Zorn des HERRN gegen euch entbrennen und wird dich unverzüglich vernichten. So sollt ihr gegen sie vorgehen: Ihr sollt ihre Altäre niederreißen, ihre Steinmale zerschlagen, ihre Kultpfähle umhauen und ihre Götterbilder im Feuer verbrennen. […] Du wirst alle Völker verzehren, die der HERR, dein Gott, für dich bestimmt. Du sollst in dir kein Mitleid mit ihnen aufsteigen lassen. Und du sollst ihren Göttern nicht dienen; denn dann liefest du in eine Falle. Wenn du überlegst: Diese Völker sind größer als ich – wie sollte ich sie ausrotten können?, dann sollst du vor ihnen keine Furcht haben. Du sollst an das denken, was der HERR, dein Gott, mit dem Pharao und mit ganz Ägypten gemacht hat: an die schweren Prüfungen, die du mit eigenen Augen gesehen hast, an die Zeichen und Wunder, an die starke Hand und den hoch erhobenen Arm, mit denen der HERR, dein Gott, dich herausgeführt hat. So wird es der HERR, dein Gott, mit allen Völkern machen, vor denen du Furcht hast. Außerdem wird der HERR, dein Gott, Panik unter ihnen ausbrechen lassen, so lange, bis auch die ausgetilgt sind, die überleben konnten und sich vor dir versteckt haben. Du sollst nicht erschreckt zurückweichen, wenn sie angreifen; denn der HERR, dein Gott, ist als großer und Furcht erregender Gott in deiner Mitte. Doch der HERR, dein Gott, wird diese Völker dir nur nach und nach aus dem Weg räumen. Du kannst sie nicht rasch ausmerzen, weil sonst die wilden Tiere überhandnehmen und dir schaden. Doch wird der HERR, dein Gott, dir diese Völker ausliefern. Er wird sie in ausweglose Verwirrung stürzen, bis sie vernichtet sind. Er wird ihre Könige in deine Hand geben. Du wirst ihren Namen unter dem Himmel austilgen. Keiner wird deinem Angriff standhalten können, bis du sie schließlich vernichtet hast. Ihre Götterbilder sollt ihr im Feuer verbrennen. Du sollst nicht das Silber oder Gold haben wollen, mit dem sie überzogen sind. Du sollst es nicht an dich nehmen, damit du dabei nicht in eine Falle läufst. Denn es ist dem HERRN, deinem Gott, ein Gräuel. Du sollst aber keinen Gräuel in dein Haus bringen, damit du nicht selbst wie er dem Bann verfällst. Du sollst Grauen und Abscheu vor ihm haben, denn er ist dem Bann verfallen.“ (Deuteronomium 7,1-5.16-26)
  • Wenn ihr dieses ganze Gebot, auf das ich euch heute verpflichte, genau bewahrt und es haltet, wenn ihr den HERRN, euren Gott, liebt, auf allen seinen Wegen geht und euch an ihm festhaltet, dann wird der HERR alle diese Völker vor euch ausrotten und ihr werdet den Besitz von Völkern übernehmen, die größer und mächtiger sind als ihr. Jede Stelle, die euer Fuß berührt, soll euch gehören, von der Wüste an. Dazu soll der Libanon euer Gebiet sein, vom Strom, dem Eufrat, bis zum Meer im Westen. Keiner wird eurem Angriff standhalten können. Dem ganzen Land, das ihr betretet, wird der HERR, euer Gott, Schrecken und Furcht vor euch ins Gesicht zeichnen, wie er es euch zugesagt hat. (Deuteronomium 11,22-25)
  • Denk daran, was Amalek dir unterwegs angetan hat, als ihr aus Ägypten zogt: wie er unterwegs auf dich stieß und, als du müde und matt warst, ohne jede Gottesfurcht alle erschöpften Nachzügler von hinten niedermachte. Wenn der HERR, dein Gott, dir vor allen deinen Feinden ringsum Ruhe verschafft hat in dem Land, das der HERR, dein Gott, dir als Erbbesitz gibt, damit du es in Besitz nimmst, dann lösche die Erinnerung an Amalek unter dem Himmel aus! Du sollst nicht vergessen.“ (Deuteronomium 25,17-19)
  • Nachdem Mose, der Knecht des HERRN, gestorben war, sagte der HERR zu Josua, dem Sohn Nuns, dem Diener des Mose: Mein Knecht Mose ist gestorben. Mach dich also auf den Weg und zieh über den Jordan hier mit diesem ganzen Volk in das Land, das ich ihnen, den Israeliten, geben werde! Jeden Ort, den euer Fuß betreten wird, gebe ich euch, wie ich es Mose versprochen habe. Euer Gebiet soll von der Steppe und vom Libanon an bis zum großen Strom, zum Eufrat, reichen – das ist das ganze Land der Hetiter – und bis hin zum großen Meer, wo die Sonne untergeht. Niemand wird dir Widerstand leisten können, solange du lebst. Wie ich mit Mose war, will ich auch mit dir sein. Ich lasse dich nicht fallen und verlasse dich nicht. Sei mutig und stark! Denn du sollst diesem Volk das Land zum Besitz geben, von dem du weißt: Ich habe ihren Vätern geschworen, es ihnen zu geben.“ (Josua 1,1-6)
  • Bei der Eroberung Jerichos, zu Beginn der Landnahme jenseits des Jordan durch Josua, heißt es: Als die Priester beim siebten Mal die Hörner bliesen, sagte Josua zum Volk: Erhebt das Kriegsgeschrei! Denn der HERR hat die Stadt in eure Gewalt gegeben. Die Stadt mit allem, was in ihr ist, soll Banngut für den HERRN werden. Nur die Dirne Rahab und alle, die bei ihr im Haus sind, sollen am Leben bleiben, weil sie die Boten versteckt hat, die wir ausgeschickt hatten. Aber seid auf der Hut vor dem Banngut, damit ihr es nicht als Banngut erklärt und dann doch davon wegnehmt! So würdet ihr das Lager Israels zum Banngut machen und es ins Unglück stürzen. Alles Silber und Gold und die Geräte aus Bronze und Eisen sollen dem HERRN geweiht sein und in den Schatz des HERRN kommen. Darauf erhob das Volk das Kriegsgeschrei und die Widderhörner wurden geblasen. Als das Volk den Hörnerschall hörte, brach es in laut schallendes Geschrei aus. Die Stadtmauer stürzte in sich zusammen und das Volk stieg in die Stadt hinein, jeder an der nächstbesten Stelle. So eroberten sie die Stadt. Alles, was in der Stadt war, machten sie zum Banngut, Männer und Frauen, Kinder und Alte, Rinder, Schafe und Esel, mit der Schärfe des Schwertes.“ (Josua 6,16-21)

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/6/63/Tissot_The_Taking_of_Jericho.jpg

(James Tissot, The Taking of Jericho. Gemeinfrei.)

  • Gleich darauf kommt im Buch Josua die Eroberung der nächsten Stadt: Als Israel sämtliche Bewohner von Ai, die ihm nachgejagt waren, ohne Ausnahme auf freiem Feld und in der Steppe mit scharfem Schwert getötet hatte und alle gefallen waren bis auf den letzten Mann, kehrte ganz Israel nach Ai zurück und machte alles mit der Schärfe des Schwertes nieder. Es gab an jenem Tag insgesamt zwölftausend Gefallene, Männer und Frauen, die Gesamtheit der Männer von Ai. Josua aber ließ seine Hand, die er mit dem Sichelschwert ausgestreckt hatte, nicht sinken, bis er an allen Bewohnern von Ai den Bann vollzogen hatte.“ (Josua 8,24-26)
  • In den folgenden Kapiteln geht es folgendermaßen weiter: Die Gibeoniter bringen die Israeliten mit einer List dazu, einen Vertrag mit ihnen zu schließen, sodass sie nicht umgebracht werden (Kapitel 9), müssen dafür aber in Zukunft „Sklaven, Holzfäller und Wasserträger für das Haus meines Gottes sein“ (Josua 9,23). Dann besiegt Josua ein von fünf Kanaaniter-Königen aufgebotenes Heer, erobert sechs weitere Städte und „vollzieht an ihnen den Bann“ (Kapitel 10), dann besiegt er noch ein paar Könige und erobert noch ein paar Städte, und am Ende wird das Land auf die israelitischen Stämme aufgeteilt.
  • Aber auch nach Josuas Tod ist die Landnahme noch nicht zu Ende gebracht. Das Buch der Richter beginnt mit den folgenden Versen: Nach dem Tod Josuas befragten die Israeliten den HERRN: Wer soll für uns zuerst gegen die Kanaaniter in den Kampf ziehen? Der HERR antwortete: Juda soll hinaufziehen; siehe, ich gebe das Land in seine Hand. Da sagte Juda zu seinem Bruder Simeon: Zieh mit mir hinauf in das Gebiet, das mir durch das Los zugefallen ist; wir wollen gegen die Kanaaniter kämpfen. Dann werde auch ich mit dir in das Gebiet ziehen, das dir durch das Los zugefallen ist. Da ging Simeon mit ihm. Juda zog hinauf und der HERR gab die Kanaaniter und die Perisiter in ihre Hand. Sie schlugen sie bei Besek, zehntausend Mann.“ (Richter 1,1-4)
  • Und auch zur Zeit König Sauls sind die Amalekiter, die speziellen Feinde der Israeliten, die Israel nach dem Auszug aus Ägypten hinterrücks überfallen haben, noch immer nicht ausgerottet; also übernimmt der Prophet Samuel schließlich die Initiative: Samuel sagte zu Saul: Der HERR hatte mich gesandt, um dich zum König seines Volkes Israel zu salben. Darum gehorche jetzt den Worten des HERRN! So spricht der HERR der Heerscharen: Ich habe beobachtet, was Amalek Israel angetan hat: Es hat sich ihm in den Weg gestellt, als Israel aus Ägypten heraufzog. Darum zieh jetzt in den Kampf und schlag Amalek! Ihr werdet an allem, was ihm gehört, den Bann vollziehen! Schone es nicht, sondern töte Männer und Frauen, Kinder und Säuglinge, Rinder und Schafe, Kamele und Esel! […] Saul aber schlug die Amalekiter zwischen Hawila und der Gegend von Schur, das Ägypten gegenüberliegt. Agag, den König von Amalek, brachte er lebend in seine Gewalt; aber am ganzen Volk vollzog er den Bann mit der Schärfe des Schwertes. Saul und das Volk schonten Agag, ebenso auch die besten von den Schafen und Rindern, nämlich das Mastvieh und die Lämmer, sowie alles, was sonst noch wertvoll war. Das wollten sie nicht zum Banngut machen. Nur alles Minderwertige und Wertlose machten sie zum Banngut. Deshalb erging das Wort des HERRN an Samuel: Es reut mich, dass ich Saul zum König gemacht habe. Denn er hat sich von mir abgewandt und hat meine Befehle nicht ausgeführt. Das verdross Samuel sehr und er schrie die ganze Nacht zum HERRN. Am nächsten Morgen machte sich Samuel auf den Weg und ging Saul entgegen. Man hatte Samuel mitgeteilt: Saul ist nach Karmel gekommen und hat sich ein Denkmal errichtet; dann ist er umgekehrt und nach Gilgal hinab weitergezogen. Als Samuel nun zu Saul kam, sagte Saul zu ihm: Gesegnet seist du vom HERRN. Ich habe den Befehl des HERRN ausgeführt. Samuel erwiderte: Und was bedeutet dieses Blöken von Schafen, das mir in die Ohren dringt, und das Gebrüll der Rinder, das ich da höre? Saul antwortete: Man hat sie aus Amalek mitgebracht, weil das Volk die besten von den Schafen und Rindern geschont hat, um sie dem HERRN, deinem Gott, zu opfern. Das Übrige haben wir zum Banngut gemacht. Da sagte Samuel zu Saul: Hör auf! Ich will dir verkünden, was der HERR mir heute Nacht gesagt hat. Saul antwortete: Sprich! Samuel sagte: Bist du nicht, obwohl du dir gering vorkommst, das Haupt der Stämme Israels? Der HERR hat dich zum König von Israel gesalbt. Dann hat dich der HERR auf den Weg geschickt und gesagt: Geh und vollziehe an den Übeltätern, an den Amalekitern, den Bann; kämpfe gegen sie, bis du sie vernichtet hast! Warum hast du nicht auf die Stimme des HERRN gehört, sondern hast dich auf die Beute gestürzt und getan, was dem HERRN missfällt? Saul erwiderte Samuel: Ich habe doch auf die Stimme des HERRN gehört; ich bin den Weg gegangen, auf den der HERR mich geschickt hat; ich habe Agag, den König von Amalek, hergebracht und an den Amalekitern den Bann vollzogen. Aber das Volk hat von der Beute einige Schafe und Rinder genommen, das Beste vom Banngut, um es dem HERRN, deinem Gott, in Gilgal zu opfern. Samuel aber sagte: Hat der HERR an Brandopfern und Schlachtopfern das gleiche Gefallen wie am Gehorsam gegenüber der Stimme des HERRN? Wahrhaftig, Gehorsam ist besser als Opfer, Hinhören besser als das Fett von Widdern. Denn wie Sünde der Wahrsagerei ist Widerspenstigkeit, wie Frevel mit Götzenbildern ist Auflehnung. Weil du das Wort des HERRN verworfen hast, verwirft er dich als König. […] Darauf sagte Samuel: Bringt Agag, den König von Amalek, zu mir! Agag wurde in Fesseln zu ihm gebracht und sagte: Wahrhaftig, die Bitterkeit des Todes ist gewichen. Samuel aber erwiderte: Wie dein Schwert die Frauen um ihre Kinder gebracht, so sei unter den Frauen deine Mutter kinderlos gemacht. Und Samuel hieb vor den Augen des HERRN in Gilgal Agag in Stücke.“ (1 Samuel 15,1-3.7-23.32f.)

(Gustave Doré, La mort d’Agag. Gemeinfrei.)

Heißt das also, der liebe Herrgott befiehlt Völkermorde und ist zornig, wenn sie nicht genau nach Plan ausgeführt werden?

Es gibt, wie gesagt, verschiedene Möglichkeiten, diese Stellen zu deuten, in einen Kontext zu setzen, zu rechtfertigen oder wegzuerklären.

Ein unter den der historisch-kritischen Exegese zugeneigten Theologen beliebter Einwand ist, dass die Landnahme so gar nicht passiert sei. Die Geschichte mit den einstürzenden Stadtmauern von Jericho sei zum Beispiel nach dem archäologischen Befund zumindest zweifelhaft; auch Ai (s. Josua 7-8) sei wohl zur Zeit der Landnahme gar nicht besiedelt, sondern bereits ein Trümmerhaufen gewesen (was der Name „Ai“ interessanterweise bedeutet). Hazor, gut, das könnten die Israeliten in dieser Zeit erobert und niedergebrannt haben, aber überhaupt, aus den späteren Büchern der Bibel sieht man, dass auch Jahrhunderte nach der Landnahme noch Kanaaniter in Kanaan lebten, manchmal unter den Israeliten, manchmal in anderen Regionen und im Konflikt mit ihnen, was heißt, dass die Israeliten sie offensichtlich nicht alle ausgerottet hatten.

Dieser Einwand ist allerdings alles andere als stichhaltig. Dass die Israeliten es nicht schafften oder sich nicht die Mühe machten, einem Ausrottungsbefehl vollständig nachzukommen, ändert nichts an diesem Befehl. Von daher kann man die bloße Existenz von Kanaanitern in späteren Jahrhunderten nicht als Argument gegen solche Stellen gelten lassen. Die Funde in Jericho oder Ai sind etwas interessanter. Sie machen es wahrscheinlich, dass sich im Buch Josua reale historische Begebenheiten (evtl. Hazor) mit Legenden über die Frühzeit des Volkes (evtl. Jericho) mischen. Aber dennoch taugt das als Argument irgendwie nicht viel. Auch wenn einige dieser Eroberungsgeschichten nicht historisch sein sollten, sind sie doch offensichtlich als Vorbild, als Inspiration gemeint. Vielleicht war man sich dabei im Klaren, dass sie nicht immer völlig historisch waren, so wie wir uns bei historischen Romanen darüber im Klaren sind, dass die Einzelheiten natürlich nicht stimmen. Für die Frage, wie man die handelnden Personen in diesen Texten bewertet, macht das aber keinen großen Unterschied. Gründungslegenden, in denen sich Fakt und Fiktion mischen, ja, vielleicht. Aber hier kann man nicht wirklich mit „das ist ja alles bloß symbolisch gemeint, das soll nur einen spirituellen Kampf symbolisieren“ oder ähnlichen Deutungen kommen. Das passt nicht zur Gattung der Texte.

(Ausgrabungsstätte in Jericho. Gemeinfrei.)

Bevor ich mit anderen Interpretationen weitermache, die ich für sinnvoller halte, am besten noch ein paar Informationen zum weiteren Kontext.

Es ist archäologisch gesehen schwer zu klären, was genau damals zwischen etwa 1250 (oder früher, falls der Exodus in eine frühere Zeit fällt) und 1000 v. Chr. passierte; wie die Israeliten nach Kanaan kamen und wie sie sich dort ansiedelten. Dazu haben wir einfach zu wenige Quellen. (Wir wissen aus der Merenptah-Stele, dass sie 1208 v. Chr. schon dort waren, und es gibt Hinweise, dass sie auch schon längere Zeit vorher dort gewesen sein könnten, aber archäologische Funde sind auch nicht immer einfach zu deuten und natürlich ist die Quellensituation für diese Zeit extrem schlecht; sehr vieles ist nicht erhalten.) Ich betrachte deshalb einmal nur die Situation, wie sie in den biblischen Texten erscheint. Hier sehen wir, dass sie doch deutlich komplexer war als „Israeliten schlachten Kanaaniter ab, weil sie deren Land haben wollen“. Und man sollte eine Situation nicht brutaler darstellen, als sie war, um an seiner Religionskritik/AT-Kritik festhalten zu können.

  • Im Buch Exodus greift, wie oben schon erwähnt wurde, das Volk Amalek Israel auf dem Weg von Ägypten nach Kanaan an (Exodus 17,8-16); in diesem Fall geht also der Krieg nicht von Israel aus.
  • Zu Beginn des Buches Deuteronomium, als Mose auf die Wanderung des Volkes durch die Wüste zurückblickt, sagt er: Dann sagte der HERR zu mir: Ihr seid jetzt lange genug an diesem Gebirge entlanggezogen. Wendet euch jetzt nach Norden! Befiehl dem Volk: Ihr werdet jetzt durch das Gebiet von Stammverwandten ziehen, durch das Gebiet der Nachkommen Esaus, die in Seïr wohnen. Wenn sie Furcht vor euch zeigen, dann seid auf der Hut und beginnt keine Feindseligkeiten gegen sie! Von ihrem Land gebe ich euch keinen Fußbreit; denn das Gebirge Seïr habe ich für Esau zum Besitz bestimmt. Was ihr an Getreide zum Essen braucht, kauft von ihnen für Silber; selbst das Trinkwasser beschafft euch von ihnen gegen Silber! […] Wir zogen also weg aus dem Gebiet in der Nähe der Söhne Esaus, unserer Stammverwandten, die in Seïr wohnen, weg vom Weg durch die Araba, von Elat und Ezjon-Geber. Wir wendeten uns und zogen den Weg zur Wüste Moab entlang. Und der HERR sagte zu mir: Begegne Moab nicht feindlich, beginn keinen Kampf mit ihnen! Von ihrem Land bestimme ich dir kein Stück zum Besitz; denn Ar habe ich für die Nachkommen Lots zum Besitz bestimmt.“ (Deuteronomium 2,2-6.8f.)
  • Später im Kapitel heißt es: Als alle waffenfähigen Männer ausgestorben und tot waren, sodass keiner von ihnen mehr im Volk lebte, sagte der HERR zu mir: Wenn du heute durch das Gebiet von Moab, durch Ar, ziehst, kommst du nahe an den Ammonitern vorbei. Begegne ihnen nicht feindlich, beginne keine Feindseligkeiten gegen sie! Vom Land der Ammoniter bestimme ich dir kein Stück zum Besitz; denn ich habe es für die Nachkommen Lots zum Besitz bestimmt. Auch dieses gilt als Land der Rafaïter. Einst saßen die Rafaïter darin. Die Ammoniter nennen sie die Samsummiter, ein Volk, das groß, zahlreich und hochgewachsen war wie die Anakiter. Der HERR vernichtete die Rafaïter, als die Ammoniter eindrangen. Diese übernahmen ihren Besitz und setzten sich an ihre Stelle. Das war das Gleiche, was der Herr für die Nachkommen Esaus getan hat, die in Seïr sitzen. Als sie vordrangen, vernichtete er die Horiter. Die Nachkommen Esaus übernahmen ihren Besitz und setzten sich an ihre Stelle. So blieb es bis heute. Das Gleiche geschah mit den Awitern, die in einzelnen Dörfern bis nach Gaza hin saßen. Die Kaftoriter, die aus Kaftor ausgewandert waren, vernichteten sie und setzten sich an ihre Stelle. Steht auf, brecht auf und überquert das Tal des Arnon! Siehe, hiermit gebe ich Sihon, den König von Heschbon, den Amoriter, mit seinem Land in eure Hand. Fang an, in Besitz zu nehmen! Bei ihm sollst du den Kampf beginnen. […] Da sandte ich aus der Wüste Kedemot Boten zu Sihon, dem König von Heschbon, und ließ ihm folgendes Abkommen vorschlagen: Ich will durch dein Land ziehen. Ich werde mich genau an den Weg halten, ohne ihn rechts oder links zu verlassen. Was ich an Getreide zum Essen brauche, wirst du mir für Silber verkaufen, auch das Trinkwasser wirst du mir gegen Silber geben. Ich werde nur zu Fuß durchziehen, so wie die Nachkommen Esaus, die in Seïr wohnen, und die Moabiter, die in Ar wohnen, es mir erlaubt haben. Das soll gelten, bis ich über den Jordan in das Land gezogen bin, das der HERR, unser Gott, uns gibt. Doch Sihon, der König von Heschbon, weigerte sich, uns bei sich durchziehen zu lassen. […] Sihon rückte mit seinem ganzen Volk gegen uns aus, um bei Jahaz zu kämpfen. Der HERR, unser Gott, lieferte ihn uns aus. Wir schlugen ihn, seine Söhne und sein ganzes Volk. Damals eroberten wir alle seine Städte. Wir vollzogen an ihrer ganzen Bevölkerung den Bann, auch die Frauen samt Kindern und Alten; keinen ließen wir überleben. […] Nur dem Land der Ammoniter hast du dich nicht genähert, dem gesamten Randgebiet des Jabboktals und den Städten im Gebirge, also allem, was der HERR, unser Gott, uns verwehrt hatte.“ (Deuteronomium 2,16-24.26-30.32-34.37)
  • Das nächste Kapitel beginnt mit: „Dann wendeten wir uns dem Weg zum Baschan zu und zogen hinauf. Og, der König des Baschan, rückte mit seinem ganzen Volk gegen uns aus, um bei Edreï zu kämpfen.“ (Deuteronomium 3,1) Auch hier ist ein anderes Volk der Aggressor.
  • In der Geschichte mit den Amalekitern in 1 Samuel 15 macht Saul einen Unterschied zwischen den Amalekitern und den ebenfalls in der Gegend lebenden Kenitern. In den oben ausgelassenen Versen 5 und 6 heißt es: Saul rückte bis zur Stadt der Amalekiter vor und legte im Bachtal einen Hinterhalt. Den Kenitern aber ließ er sagen: Auf, zieht fort, verlasst das Gebiet der Amalekiter, damit ich euch nicht zusammen mit ihnen vernichte; denn ihr habt euch gegenüber allen Israeliten freundlich verhalten, als sie aus Ägypten heraufzogen. Da verließen die Keniter das Gebiet der Amalekiter.“ Und es lohnt sich auch, Samuels Worte am Ende näher anzusehen: „Wie dein Schwert die Frauen um ihre Kinder gebracht, so sei unter den Frauen deine Mutter kinderlos gemacht.“ Diese Worte an Agag implizieren, dass es bei diesem Feldzug nicht nur um Rache für lange vergangene Ereignisse ging, sondern dass es auch zu dieser Zeit einen andauernden Konflikt mit den Amalekitern gab, bei dem es nicht klar ist, wer der ursprüngliche Aggressor war.
  • In der Tora gibt es auch Stellen, die die Kriegsführung im Allgemeinen behandeln, hier etwa: Wenn du vor eine Stadt ziehst, um sie anzugreifen, dann sollst du ihr zunächst eine friedliche Einigung vorschlagen. Nimmt sie die friedliche Einigung an und öffnet dir die Tore, dann soll die gesamte Bevölkerung, die du dort vorfindest, zum Frondienst verpflichtet und dir untertan sein. Lehnt sie eine friedliche Einigung mit dir ab und will sich mit dir im Kampf messen, dann darfst du sie belagern. Wenn der HERR, dein Gott, sie in deine Hand gibt, sollst du alle männlichen Personen mit scharfem Schwert erschlagen. Die Frauen aber, die Kinder und Greise, das Vieh und alles, was sich sonst in der Stadt befindet, alles, was sich darin plündern lässt, darfst du dir als Beute nehmen. Was du bei deinen Feinden geplündert hast, darfst du verzehren; denn der HERR, dein Gott, hat es dir geschenkt. So sollst du mit allen Städten verfahren, die sehr weit von dir entfernt liegen und nicht zu den Städten dieser Völker hier gehören. Aus den Städten dieser Völker jedoch, die der HERR, dein Gott, dir als Erbbesitz gibt, darfst du nichts, was Atem hat, am Leben lassen. Vielmehr sollst an den Hetitern und Amoritern, Kanaanitern und Perisitern, Hiwitern und Jebusitern den Bann vollziehen, so wie es der HERR, dein Gott, dir zur Pflicht gemacht hat, damit sie euch nicht lehren, entsprechend all den Gräueln zu handeln, die sie zu Ehren ihrer Götter begangen haben, und so zu sündigen gegen den HERRN, euren Gott. Wenn du eine Stadt längere Zeit hindurch belagerst, um sie anzugreifen und zu erobern, dann sollst du ihrem Baumbestand keinen Schaden zufügen, indem du die Axt daran legst. Du darfst von den Bäumen essen, sie aber nicht fällen mit dem Gedanken, die Bäume auf dem Feld seien der Mensch selbst, sodass sie von dir belagert werden müssten. Nur den Bäumen, von denen du weißt, dass sie keine Fruchtbäume sind, darfst du Schaden zufügen. Du darfst sie fällen und daraus Belagerungswerk bauen gegen die Stadt, die gegen dich kämpfen will, bis sie schließlich fällt.“ (Deuteronomium 20,10-20)

Zusammenfassend: 1) Als Israel aus Ägypten auszieht, wird es von den Amalekitern und von Og, dem König des Baschan, angegriffen, und auch König Sihon von Heschbon will das Volk nicht durch sein Land ziehen lassen. 2) Die Israeliten unterscheiden offensichtlich zwischen Völkern, die in dem Land wohnen, das Gott ihnen versprochen hat, und die sie ganz und gar zu vernichten beabsichtigen, und anderen Völkern, denen sie friedlich zu begegnen versuchen. Auch Stellen in der Tora, die die rechtliche Stellung von Fremden, die unter den Israeliten leben, behandeln („Einen Fremden sollst du nicht ausnützen oder ausbeuten, denn ihr selbst seid im Land Ägypten Fremde gewesen.“ (Exodus 22,20), „Du sollst einen fremden Untertan, der vor seinem Herrn bei dir Schutz sucht, seinem Herrn nicht ausliefern. Bei dir soll er wohnen dürfen, in deiner Mitte, in einem Ort, den er sich in einem deiner Stadtbereiche auswählt, wo es ihm gefällt. Du sollst ihn nicht ausbeuten.“ (Deuteronomium 23,16f.), „Gleiches Recht soll bei euch für den Fremden wie für den Einheimischen gelten; denn ich bin der HERR, euer Gott.“ (Levitikus 24,22)), machen deutlich, dass der „Bann“ (herem) im Kontext der Landnahme eine spezielle, zeitlich und örtlich begrenzte Aktion war.

Punkt 1 lässt erkennen, dass sich Israel allgemein wahrscheinlich nicht in einer Situation befand, in der sich alle kriegerischen Auseinandersetzungen vermeiden ließen.  Israel war ein heimatloses Volk auf der Flucht, das gerade aus der Sklaverei entkommen war und ein Siedlungsgebiet brauchte. Da ist es nicht weiter verwunderlich, dass die alteingesessenen Völker der Gegend ihm von vornherein eher feindlich gegenüberstanden, selbst die, mit denen die Israeliten selbst den Frieden wahren wollten; wenn Flüchtlinge in großen Scharen kommen, ist man ihnen gegenüber nicht automatisch freundlich gesonnen. Von daher fragt sich, was passiert wäre, wenn die Israeliten versucht hätten, einfach ganz friedlich in Kanaan einzuwandern und sich irgendwo ein paar freie Stückchen Land zu suchen – wenn wir davon ausgehen, dass es überhaupt größere unbewohnte Flecken Land gegeben hätte, was zweifelhaft ist. In den fünf Büchern Mose und den folgenden Büchern (Josua, Richter) wird diese Möglichkeit scheinbar gar nicht in Betracht gezogen – vielleicht, weil die Israeliten sie nicht als reale Möglichkeit sahen, da sie mit guten Gründen davon ausgingen, dass die Völker dort sie selbstverständlich sofort zu vertreiben versucht hätten.

Gut. Aber andererseits, wie Punkt 2 deutlich macht, geht es hier offensichtlich nicht nur um „wir können leider nicht anders als Gewalt anwenden, um zu überleben, also wenden wir eben so viel Gewalt an, wie es sein muss“. Immer wieder wird angeordnet, an konkreten Völkern „den Bann zu vollziehen“, was bedeutete, sie alle zu töten, keine Frauen oder Kinder als Sklaven mitzunehmen, auch das Vieh zu töten, anstatt es in Besitz zu nehmen, überhaupt allen Besitz zu zerstören (z. B. durch Feuer), anstatt ihn zu plündern. Teilweise bedeutete er auch die Zerstörung ganzer Städte und das Verbot des Wiederaufbaus (z. B. bei Jericho). Hier glaubten die Israeliten eindeutig, einen göttlichen Befehl zu vollstrecken; und der Grund für den Bann war kein pragmatischer (Saul wird ja gerade für seine pragmatische Bereicherung am Besitz der besiegten Amalekiter bestraft), sondern ein theologischer und sozialer. Das Denken sah etwa so aus:

  • Gott hat uns dieses Land versprochen;
  • jetzt leben dort diese diversen anderen Völker, und sie praktizieren ihre falschen Götterkulte und in deren Rahmen Kinderopfer, Tempelprostitution und andere Dinge, die wir als Gräueltaten sehen;
  • daher straft Gott sie;
  • und zwar durch uns, die wir jetzt dieses Land von ihnen zu übernehmen und sie alle vollständig dem Untergang zu weihen haben;
  • der Grund dafür ist, dass ihre Schlechtigkeit vollständig ausgerottet werden muss;
  • u. a., damit unsere Leute nicht davon angesteckt werden und evtl. auch in ihr Verhalten verfallen;
  • wofür Gott uns ebenso strafen würde.

Eine Lesart der Erzählungen rechtfertigt die Landnahme in diesem Sinne mit der folgenden Argumentation:

  • Gott hat den Menschen das Leben gegeben und hat das uneingeschränkte Recht, das Leben eines jeden Menschen zu beenden, wenn er es für richtig hält (siehe dazu auch Teil 9 und 10 dieser Reihe.); irgendwann beendet Er es sowieso;
  • Gott könnte diese Vollmacht theoretisch auch an Menschen delegieren, wenn er wollte;
  • das hat Gott in diesem speziellen Fall getan und den Israeliten befohlen, die Kanaaniter zu töten;
  • also haben die Israeliten nichts Falsches gemacht; schließlich haben sie nur Gott gehorcht.

Diese Lesart sieht in den Landnahme-Erzählungen keineswegs eine allgemeine Rechtfertigung religiöser Gewalt; nein, es geht um diesen einen konkreten Fall damals vor 3000 Jahren, als Gott diese und jene konkreten Aktionen befohlen hat. Und dazu hatte er das unumschränkte Recht.

Man könnte nun einwenden: Aber befiehlt Gott denn tatsächlich manchmal einem Menschen, einen anderen unschuldigen Menschen zu töten? (Und unter den Kanaanitern müssen schließlich unschuldige Menschen gewesen sein, allein schon die kleinen Kinder.) Wenn man auf die endgültige Selbstoffenbarung Gottes, d. h. Jesus Christus, wahrer Mensch und wahrer Gott schaut, sieht man, dass er niemandem befohlen hat, zu töten. Stattdessen finden wir z. B. diese Stelle in den Evangelien: „Es geschah aber: Als sich die Tage erfüllten, dass er hinweggenommen werden sollte, fasste Jesus den festen Entschluss, nach Jerusalem zu gehen. Und er schickte Boten vor sich her. Diese gingen und kamen in ein Dorf der Samariter und wollten eine Unterkunft für ihn besorgen. Aber man nahm ihn nicht auf, weil er auf dem Weg nach Jerusalem war. Als die Jünger Jakobus und Johannes das sahen, sagten sie: Herr, sollen wir sagen, dass Feuer vom Himmel fällt und sie verzehrt? Da wandte er sich um und wies sie zurecht. Und sie gingen in ein anderes Dorf.“ (Lukas 9,51-56) (Leider erfahren wir nicht, was genau Jesus zu Jakobus und Johannes sagt.)

Aber andererseits: Auch im Neuen Testament, in der Apostelgeschichte, findet sich eine Stelle, an der zwei Christen für ihre Lügen gegenüber den Aposteln von Gott mit dem Tod bestraft werden: „Ein Mann namens Hananias aber und seine Frau Saphira verkauften zusammen ein Grundstück und mit Einverständnis seiner Frau behielt er etwas von dem Erlös für sich. Er brachte nur einen Teil und legte ihn den Aposteln zu Füßen. Da sagte Petrus: Hananias, warum hat der Satan dein Herz erfüllt, dass du den Heiligen Geist belügst und von dem Erlös des Grundstücks etwas für dich behältst? Hätte es nicht dein Eigentum bleiben können und konntest du nicht auch nach dem Verkauf frei über den Erlös verfügen? Warum hast du in deinem Herzen beschlossen, so etwas zu tun? Du hast nicht Menschen belogen, sondern Gott. Als Hananias diese Worte hörte, stürzte er zu Boden und starb. Und über alle, die es hörten, kam große Furcht. Die jungen Männer standen auf, hüllten ihn ein, trugen ihn hinaus und begruben ihn. Nach etwa drei Stunden kam seine Frau herein, ohne zu wissen, was geschehen war. Petrus fragte sie: Sag mir, habt ihr das Grundstück für so viel verkauft? Sie antwortete: Ja, für so viel. Da sagte Petrus zu ihr: Warum seid ihr übereingekommen, den Geist des Herrn auf die Probe zu stellen? Siehe, die Füße derer, die deinen Mann begraben haben, stehen vor der Tür; auch dich wird man hinaustragen. Im selben Augenblick brach sie vor seinen Füßen zusammen und starb. Die jungen Männer kamen herein, fanden sie tot, trugen sie hinaus und begruben sie neben ihrem Mann. Da kam große Furcht über die ganze Gemeinde und über alle, die davon hörten.“ (Apostelgeschichte 5,1-11)

Und auch Jesus spricht immer wieder vom kommenden Gericht Gottes und der Hölle – die wesentlich schlimmer ist als der zeitliche Tod, den damals die Kanaaniter erlitten haben. Sie können schließlich jetzt im Himmel sein; und die unschuldigen Menschen unter ihnen sind es auf jeden Fall.

Es ist also schon möglich, zu argumentieren, dass Gott zu unterschiedlichen Zeiten auf unterschiedliche Weise mit den Menschen arbeitet, und nicht von vornherein auszuschließen, dass Er seine Gesandten auch autorisieren könnte, Menschen das irdische Leben zu nehmen. (Weiter unten zu der Frage, ob es für Ihn Sinn machte, das in diesem Fall zu tun.) Man kann freilich sagen, dass so etwas im Lauf der Heilsgeschichte ein ziemlicher Ausnahmefall gewesen sein wird.

Man darf auch nicht vergessen, wie entscheidend die Landverheißung, die schon Abraham gegeben wurde, im Alten Testament war (und tatsächlich für das jüdische Volk bis heute ist). Daher denke ich, dass man zumindest nicht leugnen kann, dass Gott tatsächlich vorhatte, dem Volk Israel dieses Land zu geben. (Und wieso denn auch nicht? Wieso sollte es kein Land haben wie jedes andere Volk?)

Gott arbeitete im Kontext der damaligen Zeit mit seinem Volk – und wir sollten von der heute so weit verbreiteten Ansicht wegkommen, dass der Tod das Schlimmste ist, was einem passieren kann.

 

Wenn jemand dennoch nicht annehmen will, dass es sich hier um direkte Befehle Gottes gehandelt hat, gibt es auch eine andere mögliche Erklärung: Man kann der Ansicht sein, dass die (geplante / versuchte) Ausrottung der Kanaaniter nicht Gottes Willen entsprach, und diese Stellen stattdessen so interpretieren, dass die Führer der Israeliten, wie Mose, begriffen hatten, dass die Taten der Kanaaniter tatsächliche „Gräuel“ waren, die man am besten ausrotten sollte, und daraus schlossen, dass es Gottes Wille sein musste, die Kanaaniter auszurotten; dabei kann man auf die Unterscheidung zwischen Gottes direktem und Seinem indirekten Willen zurückgreifen, also dem, was Er bewirkt, und dem, was Er bloß zulässt (s. dazu Teil 8). In einer der oben zitierten Stellen wird auch von anderen Völkern erzählt, und davon, wer dort früher einmal von wem vertrieben wurde: „Auch dieses gilt als Land der Rafaïter. Einst saßen die Rafaïter darin. Die Ammoniter nennen sie die Samsummiter, ein Volk, das groß, zahlreich und hochgewachsen war wie die Anakiter. Der HERR vernichtete die Rafaïter, als die Ammoniter eindrangen. Diese übernahmen ihren Besitz und setzten sich an ihre Stelle. Das war das Gleiche, was der Herr für die Nachkommen Esaus getan hat, die in Seïr sitzen. Als sie vordrangen, vernichtete er die Horiter. Die Nachkommen Esaus übernahmen ihren Besitz und setzten sich an ihre Stelle. So blieb es bis heute. (Deuteronomium 2,20-22)

Hier wird also Gott auch die Verantwortung dafür zugeschrieben, welche anderen Völker, die nicht von Ihm erwählt sind, einander besiegten – kurz gesagt, wenn jemand Erfolg im Krieg hat, oder überhaupt, wenn irgendetwas auf der Welt geschieht, schlussfolgert man, dass das dem Willen Gottes entsprechen muss. Der Herr spricht durch das Schicksal, und das muss man irgendwie interpretieren. Wenn wir siegen, hat der Herr uns den Sieg verliehen, also muss er auch wollen, dass wir diese Völker bekämpfen und besiegen. So interpretierten die Israeliten eventuell ihre Erfolge. Umgekehrt, wenn wir verlieren, straft der Herr uns für unsere eigenen Sünden. Dieses Verständnis von Glück und Leid als Lohn oder Strafe durch Gott sieht man auch in späteren Büchern des AT sehr oft, z. B. bei den Propheten. Ein nuancierteres Verständnis des Schicksals und des göttlichen Willens braucht noch ein bisschen; z. B. haben noch Jesu Jünger Schwierigkeiten damit, zu sehen, dass die Blindheit eines Mannes nicht automatisch eine Strafe für seine Sünden oder die seiner Eltern ist (Johannes 9,1-3).

Man könnte also sagen, was damals abgelaufen ist, sah etwa so aus: Die Israeliten wussten, dass Gott sie auserwählt hatte, und dass Er ihnen das Gelobte Land versprochen hatte. Aus ersterem schlossen sie, dass er logischerweise in ihren Kriegen an ihrer Seite stehen würde, und aus letzterem, dass sie dieses Land mit militärischer Gewalt erobern sollten. Wenn Gott ihnen dabei Erfolg verleihen würde, musste Er mit ihren Unternehmungen einverstanden sein, und Er verlieh ihnen den Sieg wohl, um ihre Feinde zu strafen. Sie wussten, dass einiges in deren Gesellschaften vor dem Herrn ein „Gräuel“ war, und daraus schlossen sie, dass das ausgelöscht werden musste – und zwar, womit sonst, mit Gewalt, mit radikaler Gewalt. Und hier durfte man keine Kompromisse machen, weil man vielleicht doch irgendwie das Gefühl hatte, dass ja an den Göttern der Kanaaniter doch etwas dran sein könnte, oder dass ihre Wahrsagemethoden doch ganz nützlich sein könnten. (Interessanterweise war übrigens gerade König Saul, der in der oben zitierten Stelle vom Propheten Samuel so energisch zurechtgewiesen wird, weil er das Vieh der Amalekiter geplündert und ihren König als Trophäe mitgenommen hatte, anstatt das mit dem Bann voll und ganz durchzuziehen, auch anderweitig für solche „Halbherzigkeiten“ anfällig: Nachdem er selbst die Totenbeschwörer und Wahrsager aus dem Land vertreiben hatte lassen, ging er in 1 Samuel 28 zu einer Totenbeschwörerin nach En-Dor, um den inzwischen verstorbenen Samuel heraufzubeschwören und so über eine bevorstehende Schlacht Auskunft zu erhalten.) Die Frage war für die Israeliten damals nicht: Lassen wir Zivilisten am Leben? Sondern: Akzeptieren wir diese andere Religion und Kultur? Leben wir mit dieser Kultur in dem Land, in dem wir leben wollen? Einer Kultur, die Götter verehrt, die Kinderopfer verlangen?

Man könnte für diese Interpretation anführen, dass Gott sein „Vorrecht“, menschliches Leben zu beenden, vielleicht nicht so leicht aus der Hand geben würde – den Menschen nicht so einfach das Recht geben würde, wirklich „Gott zu spielen“. Das ist eine gut mögliche, allerdings auch nicht leicht beweisbare Annahme.

Ich halte diese Interpretation für möglich, folge ihr aber inzwischen selbst nicht mehr. Man könnte fragen, ob sie angesichts der ganzen Darstellung der Exodus-, Wüstenwanderungs- und Landnahmegeschichte wirklich naheliegt. Dort scheint Gott schon zumindest mit Mose recht direkt und deutlich zu kommunizieren, so dass für ihn kein Zweifel mehr möglich ist, dass er es mit Gott zu tun hat; und wenn wir auch nicht annehmen müssen, dass jede Einzelheit des Mosaischen Gesetzes so und nicht anders aus dem direkten Willen Gottes kommt, geht es bei allem, was Mose (auf welche Weise auch immer) von Gott erfährt und weiterverkündet, doch um eine Offenbarung Gottes; und die Anweisungen zur Landnahme wirken recht zentral und werden öfter wiederholt.

Dazu kommen die Wundererzählungen. Laut der Bibel hat Gott auch ein paar Wunder gewirkt, um Israel seine Siege zu ermöglichen. Hätte er das getan, wenn diese Siege nicht wirklich Sein direkter – im Unterschied zu seinem indirekten, bloß zulassenden – Wille gewesen wären?

Darauf könnte man zwar antworten, dass solche Wunder nicht bei allzu vielen Schlachten erwähnt werden. In der Regel heißt es nur „Der Herr gab sie in unsere Gewalt“ oder „Die Israeliten schlugen sie“ ohne irgendwelche übernatürlichen Vorkommnisse. Dann gibt es solche Schlachten wie die Abwehr Amaleks in Exodus 17, die eindeutig ein gerechter Verteidigungskampf war, bei dem auch ein moderner Leser kein Problem mit der Annahme eines göttlichen Eingriffs haben muss: „Und Amalek kam und suchte in Refidim den Kampf mit Israel. Da sagte Mose zu Josua: Wähl uns Männer aus und zieh in den Kampf gegen Amalek! Ich selbst werde mich morgen mit dem Gottesstab in meiner Hand auf den Gipfel des Hügels stellen. Josua tat, was ihm Mose aufgetragen hatte, und kämpfte gegen Amalek, während Mose, Aaron und Hur auf den Gipfel des Hügels stiegen. Solange Mose seine Hand erhoben hielt, war Israel stärker; sooft er aber die Hand sinken ließ, war Amalek stärker. Als dem Mose die Hände schwer wurden, holten sie einen Steinbrocken, schoben den unter ihn und er setzte sich darauf. Aaron und Hur stützten seine Arme, der eine rechts, der andere links, sodass seine Hände erhoben blieben, bis die Sonne unterging. So schwächte Josua Amalek und sein Heer mit scharfem Schwert.“ (Exodus 17,8-13) Außerdem sind solche Erzählungen vielleicht nicht (alle?) historisch; das gilt etwa für die Eroberung Jerichos.

Aber auch hier gilt wieder: Auch wenn die Details nicht historisch sind, kann man die Geschichte nicht einfach beiseite schieben; sie sagt dennoch etwas aus. Und um an die Aussagen der Bibel zu kommen, sollten wir eigentlich auch nicht erst die letztgültige Klärung irgendwelcher archäologischen Funde abwarten müssen.

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/2/28/Tissot_Moses_on_the_Mountain_During_the_Battle.jpg

(James Tissot, Moses on the Mountain during the Battle. Gemeinfrei.)

Auch interessant: Auch direkt nach dem Exodus, als die Ägypter Israel nachsetzen, Gott Mose das Rote Meer teilen lässt und die Israeliten trockenen Fußes hindurchziehen, heißt es, dass Gott dann noch einmal direkt eingreift, um die Ägypter zu besiegen (Katholiken kennen diese Stelle aus den Lesungen in der Osternacht) : „Um die Zeit der Morgenwache blickte der HERR aus der Feuer- und Wolkensäule auf das Lager der Ägypter und brachte es in Verwirrung. Er hemmte die Räder an ihren Wagen und ließ sie nur schwer vorankommen. Da sagte der Ägypter: Ich muss vor Israel fliehen; denn der HERR kämpft auf ihrer Seite gegen Ägypten. Darauf sprach der HERR zu Mose: Streck deine Hand über das Meer, damit das Wasser zurückflutet und den Ägypter, seine Wagen und Reiter zudeckt! Mose streckte seine Hand über das Meer und gegen Morgen flutete das Meer an seinen alten Platz zurück, während die Ägypter auf der Flucht ihm entgegenliefen. So trieb der HERR die Ägypter mitten ins Meer. Das Wasser kehrte zurück und bedeckte Wagen und Reiter, die ganze Streitmacht des Pharao, die den Israeliten ins Meer nachgezogen war. Nicht ein Einziger von ihnen blieb übrig.“ (Exodus 14,24-28) Mose, Mirjam und die übrigen Israeliten preisen Gott dafür: „Ich singe dem HERRN ein Lied, denn er ist hoch und erhaben. Ross und Reiter warf er ins Meer.“ (Exodus 15,1) Usw. Natürlich geht es auch hier wieder um Verteidigung, um Hilfe gegen die Sklavenhalter, die ihre entflohenen Sklaven zurückholen wollen. Aber man kann mit Fug und Recht sagen, dass Gott (der allmächtig ist) die Israeliten auch hätte schützen können, ohne jeden einzelnen ägyptischen Soldaten dieses Aufgebots zu töten; dass Er es tat, war Seine Entscheidung – und Er hatte das Recht dazu. Wo die Seelen dieser Ägypter, und die der bei der Landnahme getöteten Kanaaniter, jetzt sind, ist wieder eine andere Frage – und Gott ist hier völlig unparteiisch, gerecht und gnädig.

Die Frage wäre jetzt also nur noch: Hätte eine solche Anweisung Gottes, die Kanaaniter vollständig auszurotten, denn Sinn gemacht?

Es gibt durchaus Argumente dafür – gerade, wenn man ansieht, dass die Israeliten dieser Anweisung nicht vollständig nachkamen.

Das Endergebnis war nämlich, dass viele Israeliten sich mit den Kanaanitern vermischten, ihre Götter neben Gott verehrten (vielleicht aus dem Gefühl heraus, dass es sie möglicherweise auch geben könnte und man sie dann besänftigen müsste), und ihre Bräuche übernahmen. Da haben wir dann Herrscher wie Ahas von Juda, über den es heißt: Er ließ sogar seinen Sohn durch das Feuer gehen [d. h. für einen der kanaanitischen Götter als Menschenopfer verbrennen] und ahmte so die Gräuel der Völker nach, die der HERR vor den Israeliten vertrieben hatte.“ (2 Könige 16,3), oder wie Ahab von Israel und dessen Frau Isebel, die „die Propheten des HERRN ausrottete“ (1 Könige 18,4) und auch den Propheten Elija verfolgte.

Gott wusste vermutlich auch: Wenn Er den Israeliten keinen solchen Befehl geben würde, würde es trotzdem auf Kriege mit den Kanaanitern hinauslaufen, weil sie Israel auch nicht so einfach Land überlassen würden; vielleicht nicht auf so viele Tote, vielleicht auf irgendwelche Friedensabkommen am Ende – aber damit auch auf die besagte Vermischung mit den schrecklichen kanaanitischen Kulturen; und trotzdem auf Krieg und einige Tote. Man kann auch infragestellen, ob es z. B. für die kanaanitischen Frauen und Kinder denn wirklich angenehmer gewesen wäre, von den Israeliten (wie es damals in Kriegen üblich war und wie sie es vermutlich getan hätten) versklavt zu werden als einfach umgebracht, wie es dem Befehl beim „Bann“ entsprach. Zudem verhinderte Gott durch den einfachen Befehl des „Banns“ auch andere Sünden durch die Israeliten – z. B. Kämpfe um die Verteilung der Beute; und da Er es befohlen hatte, sündigten sie nicht, wenn sie die Kanaaniter töteten. Insofern kann man den Befehl des „Banns“ auch als kluge Strategie Gottes sehen, um die Seelen aller Beteiligten zu schützen.

Wie gesagt: Ich denke nicht, dass das die einzige mögliche Interpretation ist. Aber sie ist eine mögliche.

Sie wird übrigens auch nahegelegt durch folgende Stelle in einem späteren Buch des Alten Testaments:

„Darum bestrafst du die Sünder nur nach und nach; du mahnst sie und erinnerst sie an ihre Sünden, damit sie sich von der Schlechtigkeit abwenden und an dich glauben, Herr. Du hast auch die früheren Bewohner deines heiligen Landes gehasst, weil sie abscheuliche Verbrechen verübten,/ Zauberkünste und unheilige Riten; sie waren erbarmungslose Kindermörder/ und verzehrten beim Kultmahl Menschenfleisch und Menschenblut; sie waren Teilnehmer an geheimen Kulten und sie waren Eltern, die mit eigener Hand hilflose Wesen töteten – sie alle wolltest du vernichten durch die Hände unserer Väter; denn das Land, das dir vor allen anderen teuer ist, sollte eine seiner würdige Bevölkerung von Gotteskindern erhalten. Doch selbst jene hast du geschont, weil sie Menschen waren; du sandtest deinem Heer Wespen voraus, um sie nach und nach zu vernichten. Obgleich du die Macht hattest, in einer Schlacht die Gottlosen den Gerechten in die Hand zu geben oder sie durch entsetzliche Tiere oder ein Wort mit einem Schlag auszurotten, vollzogst du doch erst nach und nach die Strafe und gabst Raum zur Umkehr. Dabei wusstest du genau, dass ihr Ursprung böse und ihre Schlechtigkeit angeboren war und dass sich ihr Denken in Ewigkeit nicht ändern werde; sie waren schon von Anfang an eine verfluchte Nachkommenschaft. Keine Furcht vor irgendjemand hat dich dazu bestimmt, sie für ihre Sünden ohne Strafe zu lassen. Denn wer darf sagen: Was hast du getan?/ Wer vermag sich deinem Urteilsspruch zu widersetzen? Wer könnte dich anklagen wegen des Untergangs von Völkern, die du selbst geschaffen hast? Wer wollte vor dich treten als Anwalt ungerechter Menschen? Denn es gibt keinen Gott außer dir, der für alles Sorge trägt; daher brauchst du nicht zu beweisen, dass du gerecht geurteilt hast. Kein König und kein Herrscher kann dich zur Rede stellen wegen der Menschen, die du gestraft hast. Gerecht, wie du bist, verwaltest du das All gerecht und hältst es für unvereinbar mit deiner Macht, den zu verurteilen, der keine Strafe verdient. Deine Stärke ist die Grundlage deiner Gerechtigkeit und deine Herrschaft über alles lässt dich alles schonen. Stärke beweist du, wenn man an deine unbeschränkte Macht nicht glaubt, und bei denen, die sie kennen, strafst du die anmaßende Auflehnung.“ (Weisheit 12,2-17) (Vgl. dazu auch Teil 10 über göttliche Gerichtstaten im Allgemeinen und diesen Exkurs zum Ringen mit und Hinterfragen von Gott.)

 

Es sind für die verschiedenen möglichen Interpretationen jedenfalls wieder die Regeln 13-16 zu beachten:

Regel Nummer 13: In frühen Stadien der Offenbarung sind Gottes Botschaften manchmal noch mit Rauschen überlagert.

Regel Nummer 14: Es gibt einen Unterschied zwischen dem direkt verursachenden und dem bloß zulassenden Willen Gottes.

Regel Nummer 15: Es macht keinen Sinn, Gott dafür zu beschuldigen, dass er einem Menschen das Leben nimmt. (Das Argument ist hier nicht so sehr „beschwer dich nicht, dein Leben gehört Gott, er darf damit tun, was er will“, sondern eher „Gott, dem dein Leben gehört, wird dir dieses irdische Leben nur nehmen, wenn er einen guten Grund dafür hat, denn er will dir und allen anderen Menschen Gutes“.)

Regel Nummer 16: Das Alte Testament muss immer im Licht des Neuen interpretiert werden, weil Jesus das Wort Gottes ist.

3 Gedanken zu “Über schwierige Bibelstellen, Teil 13: Die Landnahme

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.