Über schwierige Bibelstellen, Exkurs: Über das Ringen mit Gott (und der Bibel) – Weisheit 12 vs. Genesis 32 (u. a.)

[Dieser Teil würde nach der Veröffentlichung noch einmal überarbeitet.]

 

Ich habe in Teil 13 (über die Landnahme) eine Bibelstelle zitiert, in der sich folgende Zeilen finden:

„Denn wer darf sagen: Was hast du getan?/ Wer vermag sich deinem Urteilsspruch zu widersetzen? Wer könnte dich anklagen wegen des Untergangs von Völkern, die du selbst geschaffen hast? Wer wollte vor dich treten als Anwalt ungerechter Menschen? Denn es gibt keinen Gott außer dir, der für alles Sorge trägt; daher brauchst du nicht zu beweisen, dass du gerecht geurteilt hast. Kein König und kein Herrscher kann dich zur Rede stellen wegen der Menschen, die du gestraft hast.“ (Weisheit 12,12-14)

Ich bin hier schon einmal darauf eingegangen, dass ich es für sehr nötig halte, darzulegen, dass der Gott der Bibel ein gerechter Gott ist, und deshalb klarzumachen, wie Stellen wie die über die Landnahme verstanden werden sollten, und wie sie nicht verstanden werden sollten. Dagegen könnte man ja einwenden: Wieso fragt man überhaupt, wie sich Bibelstellen rechtfertigen lassen, ob Gott da und da nicht ungerecht handelt, usw.? Sollte man auf alle diese Fragen nicht einfach sagen: Gott hat es nicht nötig, sich zu verteidigen, akzeptier unhinterfragt, was Er sagt und tut. Und diese Bibelstelle selbst scheint genau diesen Einwand vorzubringen.

 

Ich antworte darauf, dass es zwei Arten gibt, Gott zu „hinterfragen“. Die eine Art stellt wirklich seine Gutheit infrage; die andere Art will einfach verstehen, was genau seine Gutheit bedeutet und wie sie mit diesen und jenen auf den ersten Blick unverständlichen Aussagen zusammenpasst. Es ist wirklich nötig, wenn man einmal erkannt hat, dass der Gott der Bibel

a) der wirkliche Gott ist,

und

b) vollkommen gut ist

auf Ihn zu vertrauen und nicht mehr an diesen Grundwahrheiten zu zweifeln. Aber wissen zu wollen, was genau das dann bedeutet, ist nicht falsch. Manchmal muss man solche Detailfragen zurückstellen und abwarten, bis man eine gute Antwort findet, im Vertrauen darauf, dass es eine geben muss; aber sie sind prinzipiell absolut gerechtfertigt.

 

Und wir brauchen zum einen dann auch ein vollständiges Bild dessen, was die Bibel zum Thema „Gott hinterfragen/mit Gott ringen“ sagt. (Zum anderen brauchen wir die obigen Verse im Zusammenhang – aber dazu unten.) Sie enthält nämlich u. a. auch folgende Stellen:

„In derselben Nacht stand er [Jakob] auf, nahm seine beiden Frauen, seine beiden Mägde sowie seine elf Kinder und durchschritt die Furt des Jabbok. Er nahm sie und ließ sie den Fluss überqueren. Dann schaffte er alles hinüber, was ihm sonst noch gehörte. Als er allein zurückgeblieben war, rang mit ihm ein Mann, bis die Morgenröte aufstieg. Als der Mann sah, dass er ihn nicht besiegen konnte, berührte er sein Hüftgelenk. Jakobs Hüftgelenk renkte sich aus, als er mit ihm rang. Er sagte: Lass mich los; denn die Morgenröte ist aufgestiegen. Er entgegnete: Ich lasse dich nicht los, wenn du mich nicht segnest. Er fragte ihn: Wie ist dein Name? Jakob, antwortete er. Er sagte: Nicht mehr Jakob wird man dich nennen, sondern Israel – Gottesstreiter – ; denn mit Gott und Menschen hast du gestritten und gesiegt. Nun fragte Jakob: Nenne mir doch deinen Namen! Er entgegnete: Was fragst du mich nach meinem Namen? Dann segnete er ihn dort. Jakob gab dem Ort den Namen Peniël – Gottes Angesicht – und sagte: Ich habe Gott von Angesicht zu Angesicht gesehen und bin doch mit dem Leben davongekommen. Die Sonne schien bereits auf ihn, als er durch Penuël zog; er hinkte an seiner Hüfte. Darum essen die Israeliten den Muskelstrang über dem Hüftgelenk nicht bis auf den heutigen Tag; denn er hat Jakobs Hüftgelenk, den Hüftmuskel berührt.“ (Genesis 32,23-33) (Eine erst mal sehr kryptische Geschichte, nicht wahr?)

Der HERR erschien Abraham bei den Eichen von Mamre, während er bei der Hitze des Tages am Eingang des Zeltes saß. Er erhob seine Augen und schaute auf, siehe, da standen drei Männer vor ihm. Als er sie sah, lief er ihnen vom Eingang des Zeltes aus entgegen, warf sich zur Erde nieder und sagte: Mein Herr, wenn ich Gnade in deinen Augen gefunden habe, geh doch nicht an deinem Knecht vorüber! […] Die Männer erhoben sich von dort und schauten auf Sodom hinab. Abraham ging mit ihnen, um sie zu geleiten. Da sagte der HERR: Soll ich Abraham verheimlichen, was ich tun will? Abraham soll doch zu einem großen, mächtigen Volk werden, durch ihn sollen alle Völker der Erde Segen erlangen. Denn ich habe ihn dazu ausersehen, dass er seinen Söhnen und seinem Haus nach ihm gebietet, den Weg des HERRN einzuhalten und Gerechtigkeit und Recht zu üben, damit der HERR seine Zusagen an Abraham erfüllen kann. Der HERR sprach: Das Klagegeschrei über Sodom und Gomorra, ja, das ist angeschwollen und ihre Sünde, ja, die ist schwer. Ich will hinabsteigen und sehen, ob ihr verderbliches Tun wirklich dem Klagegeschrei entspricht, das zu mir gedrungen ist, oder nicht. Ich will es wissen. Die Männer wandten sich ab von dort und gingen auf Sodom zu. Abraham aber stand noch immer vor dem HERRN. Abraham trat näher und sagte: Willst du auch den Gerechten mit den Ruchlosen wegraffen? Vielleicht gibt es fünfzig Gerechte in der Stadt: Willst du auch sie wegraffen und nicht doch dem Ort vergeben wegen der fünfzig Gerechten in ihrer Mitte? Fern sei es von dir, so etwas zu tun: den Gerechten zusammen mit dem Frevler töten. Dann ginge es ja dem Gerechten wie dem Frevler. Das sei fern von dir. Sollte der Richter der ganzen Erde nicht Recht üben? Da sprach der HERR: Wenn ich in Sodom fünfzig Gerechte in der Stadt finde, werde ich ihretwegen dem ganzen Ort vergeben. Abraham antwortete und sprach: Siehe, ich habe es unternommen, mit meinem Herrn zu reden, obwohl ich Staub und Asche bin. Vielleicht fehlen an den fünfzig Gerechten fünf. Wirst du wegen der fünf die ganze Stadt vernichten? Nein, sagte er, ich werde sie nicht vernichten, wenn ich dort fünfundvierzig finde. Er fuhr fort, zu ihm zu reden: Vielleicht finden sich dort nur vierzig. Da sprach er: Ich werde es der vierzig wegen nicht tun. Da sagte er: Mein Herr zürne nicht, wenn ich weiterrede. Vielleicht finden sich dort nur dreißig. Er entgegnete: Ich werde es nicht tun, wenn ich dort dreißig finde. Darauf sagte er: Siehe, ich habe es unternommen, mit meinem Herrn zu reden. Vielleicht finden sich dort nur zwanzig. Er antwortete: Ich werde sie nicht vernichten um der zwanzig willen. Und nochmals sagte er: Mein Herr zürne nicht, wenn ich nur noch einmal das Wort ergreife. Vielleicht finden sich dort nur zehn. Er sprach: Ich werde sie nicht vernichten um der zehn willen. Der HERR ging fort, als er aufgehört hatte, zu Abraham zu reden, und Abraham kehrte an seinen Ort zurück.“ (Genesis 18,1-3.16-33)

„Es war am Ende der vierzig Tage und der vierzig Nächte, als mir der HERR die beiden Steintafeln, die Tafeln des Bundes, übergab und zu mir sagte: Steh auf, steig rasch hinunter, weg von hier; denn dein Volk, das du aus Ägypten geführt hast, läuft ins Verderben. Sie sind rasch von dem Weg abgewichen, auf den ich sie verpflichtet habe. Sie haben sich ein Bildnis gegossen. Weiter sagte der HERR zu mir: Ich habe mir dieses Volk angesehen. Ja, es ist ein hartnäckiges Volk. Lass mich, damit ich sie vernichte, ihren Namen unter dem Himmel auslösche und dich zu einem Volk mache, das mächtiger und zahlreicher als dieses ist! Ich wandte mich um und stieg den Berg hinunter. Der Berg stand in Feuer. Ich trug die beiden Tafeln des Bundes auf meinen Armen. Und ich sah, was geschehen war: Ja, ihr hattet euch an dem HERRN, eurem Gott, versündigt, ihr hattet euch ein Kalb gegossen, ihr wart rasch von dem Weg abgewichen, auf den der HERR euch verpflichtet hatte. Ich packte die beiden Tafeln, die ich auf meinen Armen trug, schleuderte sie fort und zerschmetterte sie vor euren Augen. Dann warf ich mich vor dem HERRN wie beim ersten Mal nieder. Vierzig Tage und vierzig Nächte aß ich kein Brot und trank kein Wasser, wegen all der Sünde, die ihr begangen hattet, indem ihr tatet, was in den Augen des HERRN böse ist, sodass ihr ihn erzürntet. Denn ich hatte Angst vor dem glühenden Zorn des HERRN. Er war voll Unwillen gegen euch und wollte euch vernichten. Doch der HERR erhörte mich auch diesmal. (Deuteronomium 9,11-19)

Mit Gott zu streiten, mit Gott zu ringen, mit Gott zu verhandeln, Gott zu hinterfragen, hartnäckig Bitten an Gott zu richten, damit Er etwas anders macht, als Er es ursprünglich geplant hatte… das alles wird in diesen Stellen als gut dargestellt.

 

Anderswo in der Bibel wird deutlich, wie diese Stellen zusammengebracht werden können.

Da wäre einerseits das Buch Ijob. Ijob, der schweres Leid ertragen muss, klagt über sein Schicksal, verzweifelt daran. „Ausgelöscht sei der Tag, an dem ich geboren bin, die Nacht, die sprach: Ein Knabe ist empfangen. […] Warum starb ich nicht vom Mutterschoß weg, kam ich aus dem Mutterleib und verschied nicht gleich?“ (Ijob 3,3.11)

Und er klagt Gott an: Habe ich gefehlt? Was tat ich dir, du Menschenwächter? Warum hast du mich zu deiner Zielscheibe gemacht, sodass ich mir selbst zu einer Last geworden bin? „ (Ijob 7,20)

Dabei bekennt er mit bitteren Worten seine eigene Hilflosigkeit vor dem Herrn: Wie sollte denn ich ihm Antwort geben, wie meine Worte gegen ihn wählen? Und wäre ich im Recht, ich könnte nicht antworten, um Gnade müsste ich bei meinem Richter flehen. Wollte ich rufen, würde er mir Antwort geben? Ich glaube nicht, dass er auf meine Stimme hört. Er, der im Sturm mich niedertritt, ohne Grund meine Wunden mehrt, er lässt mich nicht zu Atem kommen, er sättigt mich mit Bitternis. Geht es um Kraft, er ist der Starke, geht es um Recht, wer lädt mich vor? (Ijob 9,14-19)

Ich sage zu Gott: Sprich mich nicht schuldig, lass mich wissen, warum du mich befehdest! Was hast du davon, dass du Gewalt verübst, dass du die Mühsal deiner Hände verwirfst, doch über dem Plan der Frevler aufstrahlst? Hast du die Augen eines Sterblichen, siehst du, wie Menschen sehen? Sind Menschentagen deine Tage gleich und deine Jahre wie des Mannes Tage, dass du Schuld an mir suchst, nach meiner Sünde fahndest, obwohl du weißt, dass ich nicht schuldig bin und dass keiner retten kann aus deiner Hand?“ (Ijob 10,2-7)

Seine Freunde, die ihn besuchen gekommen sind, sind empört angesichts solcher scheinbarer Blasphemie und machen sich sofort an die Aufgabe, Gott zu verteidigen: Gott ist gerecht, Ijob muss gesündigt und sich sein Leid verdient haben, da mag er noch so sehr seine Unschuld beteuern. „Wie lange noch willst du derlei reden? Nur heftiger Wind sind die Worte deines Mundes. Beugt etwa Gott das Recht oder beugt der Allmächtige die Gerechtigkeit?“ (Ijob 8,2f.) „O, dass Gott doch selber spräche, seine Lippen öffnete gegen dich. Er würde dich der Weisheit Tiefen lehren, dass sie wie Wunder sind für den klugen Verstand. Du würdest erkennen, dass Gott von deiner Schuld noch manches übersieht. Die Tiefen Gottes willst du finden, bis zur Vollkommenheit des Allmächtigen vordringen? Höher als der Himmel ist sie, was machst du da? Tiefer als die Unterwelt, was kannst du wissen?“ (Ijob 11,5-8)

Am Ende aber schaltet Gott sich selbst ein, als erstes mit zwei langen, an Ijob gerichteten Reden in den Kapiteln 38-41.

Zuerst scheint Er im Sinne der Freunde zu sprechen: „Da antwortete der HERR dem Ijob aus dem Wettersturm und sprach: Wer ist es, der den Ratschluss verdunkelt mit Gerede ohne Einsicht? Auf, gürte deine Lenden wie ein Mann: Ich will dich fragen, du belehre mich! Wo warst du, als ich die Erde gegründet? Sag es denn, wenn du Bescheid weißt! Wer setzte ihre Maße? Du weißt es ja. Wer hat die Messschnur über sie gespannt? […] Mit dem Allmächtigen will der Tadler rechten? Wer Gott anklagt, der antworte nun! (Ijob 38,1-5; 40,2)

„Da antwortete der HERR dem Ijob aus dem Wettersturm und sprach: Auf, gürte deine Lenden wie ein Mann! Ich will dich fragen, du belehre mich! Willst du wirklich mein Recht brechen, mich schuldig sprechen, damit du Recht behältst? Hast du denn einen Arm wie Gott, dröhnst du wie er mit Donnerstimme?“ (Ijob 40,6-9)

Allzu zornig wirkt das zwar nicht, aber sehr klar und deutlich.

Aber dann, in Kapitel 42, richtet Er Sein Wort noch an jemand anderen: „“Als der HERR diese Worte zu Ijob gesprochen hatte, sagte der HERR zu Elifas von Teman: Mein Zorn ist entbrannt gegen dich und deine beiden Freunde, denn ihr habt nicht recht von mir geredet wie mein Knecht Ijob.“ (Ijob 42,7)

Ijob erhält von Gott tatsächlich keine Antwort darauf, wieso er so leiden musste; die einzige Antwort, die er erhält, ist, dass die Antwort zu hoch für ihn wäre und Gott sie schon kennen wird.

(Und diese Antwort akzeptiert er; als Gott ihn auffordert, ihm zu antworten, sagt er: „Ich habe erkannt, dass du alles vermagst. Kein Vorhaben ist dir verwehrt. Wer ist es, der ohne Einsicht den Rat verdunkelt? – Fürwahr, ich habe geredet, ohne zu verstehen, über Dinge, die zu wunderbar für mich und unbegreiflich sind. Hör doch, ich will nun reden, ich will dich fragen, du belehre mich! Vom Hörensagen nur hatte ich von dir gehört, jetzt aber hat mein Auge dich geschaut. Darum widerrufe ich. Ich bereue in Staub und Asche. (Ijob 42,2-6) Letzten Endes genügt es ihm als Antwort, dass er Gott geschaut hat, und nun weiß, dass Er Gott vertrauen kann.)

Aber gleichzeitig wird vom Herrn selber bestätigt, dass Ijob „recht geredet“ hat von Gott, und seine Freunde nicht. Ijob hatte Recht damit, darauf zu bestehen, dass er nichts getan hatte, um sein Leid zu verdienen; und es war schlicht grausam und falsch von den Freunden, ihn überreden zu wollen, eine nicht existierende Schuld anzuerkennen. Ijob war im Recht damit, die Ungerechtigkeit in der Welt und in seinem Leben speziell zu sehen, und Gott direkt anzusprechen und nach Antworten zu suchen, anstatt über Gott apologetische Reden zu halten, um sicherzustellen, dass Er gegenüber einem leidgeprüften Menschen immer noch korrekt dasteht.

Dann gäbe es, in Bezug auf das Bittgebet, auch noch dieses in den Evangelien erzählte Ereignis:

„Darauf kam Jesus mit ihnen zu einem Grundstück, das man Getsemani nennt, und sagte zu den Jüngern: Setzt euch hier, während ich dorthin gehe und bete! Und er nahm Petrus und die beiden Söhne des Zebedäus mit sich. Da ergriff ihn Traurigkeit und Angst und er sagte zu ihnen: Meine Seele ist zu Tode betrübt. Bleibt hier und wacht mit mir! Und er ging ein Stück weiter, warf sich auf sein Gesicht und betete: Mein Vater, wenn es möglich ist, gehe dieser Kelch an mir vorüber. Aber nicht wie ich will, sondern wie du willst.“ (Matthäus 26,36-39)

Weisheit 12 beleuchtet die eine Seite der Wahrheit, und andere oben zitierten Stellen die andere.

  • Es ist gut, unser Verständnis von Gott zu hinterfragen, darum zu ringen, Ihn kennen zu lernen.
  • Es ist gut, zu hinterfragen, was wir für den Willen Gottes in unserem Leben halten.
  • Es ist gut, Bittgebete vor Gott zu bringen.

Aber: Trotzdem wissen wir, dass Gott am Ende Recht behalten wird, dass Er immer vollkommen im Recht ist, und dass wir Gott nicht zu irgendetwas „überreden“ können, das Er eigentlich nicht wollte.

Es ist nicht so, dass Gott ein Gott wäre, der dazu neigt, sich im Zorn für etwas Schlechtes zu entscheiden, aber dann von einem Menschen überzeugt werden müsste/könnte, das doch noch zu lassen, wie es bei einem oberflächlichen Lesen der Abraham-Geschichte in Genesis 18 erscheint. Beim Bittgebet kann man bekanntlich das (scheinbare) logische Problem aufstellen, dass Gott, wenn er möchte, dass etwas geschieht, es mit oder ohne unser Gebet geschehen lassen würde. Dieses Dilemma verkennt einfach die Art, wie Gott Dinge bewirkt, und wie Er dem freien Willen Seiner Geschöpfe Raum lässt. Er verhält sich (unter manchen Umständen) wie Eltern, die manchmal auch warten, bis ihre Kinder von selbst eine Frage stellen oder „Bitte“ sagen (und den Wunsch der Kinder dann entweder erfüllen oder nicht). Gott reagiert also sehr wohl auf unsere Bitten – und zwar unterschiedlich, je nachdem, was gut für uns ist; Jesu Gebet zeigt uns ja, dass man dann am Ende immer noch sagen muss: Aber dein Wille geschehe. Aber das heißt nicht, dass wir Ihn mit unseren Bitten von ungehörigem, ungerechtem Zorn abhalten müssten/könnten/sollten. Es ist gut, Bitten an Gott zu richten, aber im Wissen, dass Er dann nach Seinem besseren Wissen entscheiden wird, was das Beste ist, und mit dem Willen, in jedem Fall Seinen Willen geschehen zu lassen.

Und Ähnliches gilt eben für Ijobs Vorwürfe. Gott ist gerecht. Gott hört auf Ijobs Stimme und sieht sein Leid. Es gibt einen Grund für dieses Leid. Gott ist nicht einfach ein allmächtiger Tyrann, gegen den es keine Berufungsinstanz mehr gibt. Er ist vollkommen gut, und Er hat für alles Seine Gründe.

Und hier kommt wieder Weisheit 12,12-14 ins Spiel: Diese Stelle erinnert uns, gegenüber anderen Texten, in denen Gott sehr vermenschlicht dargestellt wird, dass der Herr eben in entscheidenden Dingen nicht wie ein Mensch ist. Er muss sich nicht rechtfertigen, auch nicht dann, wenn Er Leid zulässt. (Nicht „verursacht“, denn das tut Er nicht. Wichtige Unterscheidung, die gerade im AT manchmal noch unklar ist.)

Ich denke, dass es schon wichtig ist, zu fragen, wie genau Gott sich denn zeigt und ob wir das und das denn so und so verstehen können: Zuerst einmal, um keine Widersprüche im Verständnis verschiedener Bibelstellen (die Bibel ist eine dicke Sammlung vieler Schriften, die unterschiedliche Aspekte der Wirklichkeit beleuchten) entstehen zu lassen, dann  aber vor allem, um Gottes Gutheit niemals aus dem Blick geraten zu lassen. Gott ist gut; das ist das Fundament aller Bibelauslegung. Wenn wir dieses Fundament vergessen, könnten wir unsere Religion eigentlich gleich ganz vergessen. Einem nicht absolut guten Gott will man gar nicht dienen. Und wenn ungerechtfertigte Vorwürfe gegen unseren Gott vorgebracht werden, will man schließlich die Wahrheit kennen und verteidigen, anstatt uns zu zwingen, ein verzerrtes Gottesbild zu akzeptieren.

Es macht einen Unterschied, ob man sich fragt, wie etwas funktioniert, oder leugnet, dass etwas funktioniert. Wenn ich wissen will, wie ein Automotor funktioniert, leugne ich sein Funktionieren auch nicht.

 

Ach ja, und man sollte noch hinzufügen, wie Weisheit 12 weitergeht: Gerecht, wie du bist, verwaltest du das All gerecht und hältst es für unvereinbar mit deiner Macht, den zu verurteilen, der keine Strafe verdient. Deine Stärke ist die Grundlage deiner Gerechtigkeit und deine Herrschaft über alles lässt dich alles schonen. Stärke beweist du, wenn man an deine unbeschränkte Macht nicht glaubt, und bei denen, die sie kennen, strafst du die anmaßende Auflehnung. Weil du über Stärke verfügst, richtest du in Milde und behandelst uns mit großer Schonung; denn die Macht steht dir zur Verfügung, wann immer du willst. Durch solches Handeln hast du dein Volk gelehrt, dass der Gerechte menschenfreundlich sein muss, und hast deinen Söhnen und Töchtern die Hoffnung geschenkt, dass du den Sündern die Umkehr gewährst.“ (Weisheit 12,15-19)

Wenn man das gesamte Kapitel wird deutlich, dass hier v. a. gesagt wird: Gott hätte die Kanaaniter auch gleich hart bestrafen können, ihn könnte ja niemand anklagen; aber Er hat ihnen noch Zeit zur Umkehr gelassen. Er hat sich mit der Bestrafung der Kanaaniter nicht deshalb Zeit gelassen, weil es irgendjemanden (z. B. andere Götter) gegeben hätte, der sich Ihm hätte entgegenstellen könnten, sondern weil Er selber nachsichtig sein wollte. Die Aussage ist hier mehr „Unser Gott ist sehr wohl allmächtig, Er könnte euch vernichten, wenn Er wollte, aber Er ist eben auch gnädig!“, und weniger „Unser Gott kann machen, was Er will, Er braucht sich vor niemandem zu rechtfertigen!“. Das schon auch, aber nicht nur.

 

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