Von Beispielen, die nicht funktionieren; oder: wie sagt man noch mal für „erzwungenen Sex“?

Und… nochmal Amoris Laetitia. Ja, eigentlich hatte ich meinen Senf zu Kapitel acht und Fußnote soundsovielhundertwasweißich schon abgegeben, und eigentlich hatte ich auch nicht den Eindruck, dass da noch mehr zu sagen wäre. Aber Irren ist menschlich. Und hier geht es jetzt auch nicht direkt um Amoris Laetitia. Die Enzyklika ist eher der Aufhänger für etwas, worüber ich mich hier gerade aufregen möchte, weil ich wohl im Moment nichts Besseres zu tun habe. Es sind Semesterferien.

Vor nicht allzu langer Zeit hat der Papst-Vertraute und Erzbischof Victor Manuel Fernández, der offenbar auch an der Enzyklika mitgearbeitet hat, einen Text zu den umstrittenen Stellen von AL verfasst, in dem er die Sichtweise, dass wiederverheiratet-Geschiedene nicht zwangsläufig der Kommunion fernbleiben müssten, da sie sich nicht zwangsläufig in einem Zustand subjektiver Schuld befänden, als Vertiefung, nicht Verfälschung, der kirchlichen Lehre verteidigt. Das ist im Ganzen pastoraler und theologischer Blödsinn, worüber ich hier schon mal geschrieben habe (https://nolitetimereweb.wordpress.com/2017/01/21/ein-paar-gedanken-ueber-die-liberale-auslegung-von-amoris-laetitia/, https://nolitetimereweb.wordpress.com/2017/01/23/ein-kurzer-nachtrag-zu-der-sache-mit-amoris-laetitia-ueber-unbarmherzigkeit/); aber hier geht es mir gar nicht ums Ganze, sondern um ein spezielles Beispiel, das der Erzbischof nebenbei gewählt hat, um seine Ansichten zu illustrieren. Ich zitiere aus der englischen Übersetzung des Textes, die sich auf diesem ansonsten nicht empfehlenswerten Blog findet (https://rorate-caeli.blogspot.com/2017/08/full-text-pope-francis-ghostwriter-of.html), da ich nun mal leider kein Spanisch kann.

Der Erzbischof ist der Ansicht, dass objektive Regeln nicht jedem Einzelfall gerecht werden könnten (wofür er sogar ein eigentlich sehr gutes und selbstverständliches Zitat des hl. Thomas anführt, der sich angesichts von dessen Verwendung bestimmt gerade im Grabe herumdreht), und dass es für manche Menschen sehr schwer oder gar unmöglich sein könnte, den objektiven Regeln zu folgen. Dafür führt er dann ein Beispiel an (fette Stellen von mir markiert):

 

„Indeed, it is not easy to describe as an ‘adulteress’ a woman who has been beaten and treated with contempt by her Catholic husband, and who received shelter, economic and psychological help from another man who helped her raise the children of the previous union, and with whom she had new children and cohabitates for many years.

The question is not whether that woman does not know that cohabitation with that man does not correspond with objective moral norms. It is more than that. Some claim to simplify the matter in this way, by saying that, according to Francis, „The subject may not be able to be in mortal sin because, for various reasons, he is not fully aware that his situation constitutes adultery.“ (This is what Claudio Pierantoni stated in a recent conference, very critical of Amoris Laetitia in Rome on April 22, 2017.) And they question him that it makes no sense to speak about discernment if „the subject remains indefinitely unaware of his situation“ (Ibid.). But Francis explicitly said that „more is involved here than mere ignorance of the rule“ (AL 301). The issue is much more complex and includes at least two basic considerations. First, if a woman who knows the existence of the norm can really understand that not abandoning that man – of whom she cannot now demand a total and permanent continence – is truly a very grave fault against the will of God. Second, if she truly can, at this point, make the decision to abandon that man. This is where the limited formulation of the norm is incapable of stating everything.

[…]

But his [Pope Francis‘] emphasis is rather on the question of the possible diminution of responsibility and culpability. Forms of conditioning can attenuate or nullify responsibility and culpability against any norm, even against negative precepts and absolute moral norms. This makes it possible not always to lose the life of sanctifying grace in a “more uxorio” cohabitation.

Francis considers that even knowing the norm, a person „may be in a concrete situation which does not allow him or her to act differently and decide otherwise without further sin. As the Synod Fathers put it, ‘factors may exist which limit the ability to make a decision’“ (AL 301). He speaks of subjects who „are not in a position to understand, value or fully practice the objective requirements of the law“ (AL 295). In another paragraph he reaffirms: „Under certain circumstances people find it very difficult to act differently.“ (AL 302).

He also recalls that John Paul II recognized that in certain cases „for serious reasons, such as for example the children’s upbringing, a man and a woman cannot satisfy the obligation to separate“ (FC 84; AL 298). Let us note that St. John Paul II recognized that „they cannot„. Benedict XVI was even more forceful in saying that in some cases „objective circumstances are present which make the cohabitation irreversible, in fact.“ (SC 29b).

This becomes particularly complex, for example, when the man is not a practicing Catholic. The woman is not in a position to oblige someone to live in perfect continence who does not share all her Catholic convictions. In that case, it is not easy for an honest and devout woman to make the decision to abandon the man she loves, who protected her from a violent husband and who freed her from falling into prostitution or suicide. The „serious reasons“ mentioned by Pope John Paul II, or the „objective circumstances“ indicated by Benedict XVI are amplified. But most important of all is the fact that, by abandoning this man, she would leave the small children of the new union without a father and without a family environment. There is no doubt that, in this case, the decision-making power with respect to sexual continence, at least for now, has serious forms of conditioning that diminish guilt and imputability. Therefore, they demand great care when making judgments only from a general norm. Francis thinks especially of „the situation of families in dire poverty, punished in so many ways, where the limits of life are lived in an excruciating way“ (AL 49). In the face of these families, it is necessary to avoid „imposing straightaway a set of rules that only lead people to feel judged and abandoned“ (ibid.).“

 

Das Beispiel, das der Erzbischof sich ausgedacht hat, ist also eine Frau, die von ihrem eigentlichen, katholischen Ehepartner sehr schlecht behandelt und sogar geschlagen wurde, sich dann von ihm hat scheiden lassen oder von ihm verlassen wurde (das wird nicht näher ausgeführt, spielt aber auch keine Rolle), und dann einen neuen Partner oder zivilrechtlich angetrauten Ehemann (wird auch nicht ganz klar, was jetzt genau, ist aber ebenso egal) gefunden hat, der nicht katholisch ist, sich aber gut um ihre Kinder aus erster Ehe und ihre neu entstandenen gemeinsamen Kinder kümmert und auch sie selbst gut behandelt und sie in der Krise nach dem Ende ihrer Ehe vielleicht vor Selbstmord oder Prostitution gerettet hat. Die könne man wohl nicht einfach eine Ehebrecherin nennen. Nun ist dieses Extrembeispiel nicht ganz so tränendrückerisch, wie es auf den ersten Blick aussieht, wenn man bedenkt, dass die katholische Kirche Weltkirche ist. Eine Frau in einem armen Dritte-Welt-Land, die, sagen wir mal, von ihrem brutalen ersten Mann nicht bloß verlassen, sondern einfach auf die Straße gesetzt wurde, keine Familie hat, die sie unterstützen könnte, keine Ausbildung, mit der sie einen guten Job finden könnte, keine rechtliche Handhabe, um Unterhalt zu verlangen, die keine Hilfe vom Staat bekommt, und die ein paar Kinder durchbringen muss, könnte in ihrer Verzweiflung durchaus mit Prostitution Geld verdienen oder sich auch einfach umbringen. Kein Wunder also, dass sie erleichtert ist, wenn sie einen Mann findet, der sie aufnimmt und versorgt und vielleicht sogar zivilrechtlich heiratet. Lassen wir dieses Extrembeispiel also mal so stehen; so eine Situation könnte vorkommen.

So, und jetzt kommt ihr Gewissenskonflikt. Sie besinnt sich wieder auf ihren katholischen Glauben und möchte so gerne im Stand der Gnade leben und die Kommunion empfangen, aber sie sieht sich nicht imstande, ihren Partner einfach zu verlassen – wie soll sie die Kinder durchbringen? Wie soll sie leben? Und die Kinder sollten doch in einer intakten Familie leben! Und eigentlich liebt sie ihn ja auch… Sie kann nicht einfach ihre Familie auseinanderreißen… Sie hat schon bei ihrem Pfarrer nachgefragt, und Gründe für eine Annullierung ihrer ersten Ehe scheint es keine zu geben. Ja, da gibt es die Möglichkeit, von der der hl. Johannes Paul II. schon geschrieben hat, mit ihrem neuen Partner wie „Bruder und Schwester“ zusammenzuleben, in Anerkennung der Tatsache, dass sie nicht wirklich verheiratet sein können, solange ihr Ehemann noch lebt, aber ihr neuer Partner ist nicht katholisch und würde das nicht verstehen, und…

Ja, und genau hier stoßen wir auf mein Problem mit der Vorstellung, die der Erzbischof von dieser „guten“ zweiten Beziehung hat. Er schreibt, dass die Frau „keine völlige und dauerhafte Enthaltsamkeit [von ihrem Partner] verlangen kann“. Er schreibt: „Die Frau ist nicht in einer Position, jemanden zu verpflichten, in völliger Enthaltsamkeit zu leben, der nicht alle ihre katholischen Überzeugungen teilt.“ Was hat sie hier denn zu melden? Sie hat ja wohl nicht das Recht, von ihrem Partner zu verlangen, auf Sex zu verzichten, wenn sie möchte, dass er noch länger mit ihr zusammenbleibt. Wenn sie auf die „Unterkunft, [den] wirtschaftlichen und psychologischen Beistand“, die sie von ihm erhalten hat, nicht verzichten möchte, dann sollte sie mal lieber regelmäßig die Beine breit machen. Wofür hat er sie denn vor der Prostitution bewahrt?

Okay. Ich beruhige mich wieder. Ja, ich weiß durchaus, dass es nicht gerade toll rüberkommen wird, wenn man seinem (Ehe)partner, mit dem man jahrelang zusammengelebt und schon Kinder bekommen hat, auf einmal erklärt: „Schatz, ich kann es einfach nicht mehr mit meinem Gewissen vereinbaren, mit dir zu schlafen, also lassen wir das bitte für den Rest unseres Lebens.“ Okay. Aber wie wird ein nichtkatholischer Partner, der ein so vorbildlicher Partner ist, der sich so hingebungsvoll kümmert, wie der Erzbischof das darstellt, auf so etwas reagieren? Vielleicht wird er befremdet sein. Vielleicht wird er wütend sein angesichts ihres neuen religiösen Eifers, den er nicht an ihr kannte, als sie sich kennengelernt haben, und von dem er nicht will, dass er ihre Beziehung zerstört. Vielleicht wird er noch einmal bei einem anderen Pfarrer nachfragen, ob nicht doch eine Annullierung ihrer ersten Ehe denkbar wäre. Vielleicht wird er versuchen, sie zu überreden, diese aus seiner Sicht unsinnigen Gebote der Kirche nicht so ernst zu nehmen. Aber wie wird er nicht reagieren? Er wird ihr nicht drohen, sie rauszuschmeißen, wenn sie nicht mit ihm schläft.

Nein, der nichtkatholische Mann in dem Beispiel hätte nicht unbedingt die Verpflichtung, mit einer Frau, die aus seiner Sicht bescheuerte religiöse Überzeugungen über ihre Beziehung stellt, noch für längere Zeit zusammenzubleiben, wenn er das nicht mehr will, das sage ich gar nicht. Aber wenn sie sich darüber trennen sollten und wenn sie ohne ihn aufgeschmissen wäre, dann hätte er die absolute moralische Pflicht, ihr und seinen Kindern und Stiefkindern weiterhin zu helfen – ihr Unterhalt zu zahlen, ihr vielleicht zu helfen, einen Job und eine Wohnung zu finden, sie noch solange bei sich wohnen lassen, bis sie das gefunden hat, auch weiterhin die Kinder zu sehen… Kurz gesagt: Wenn der Mann so toll wäre, wie er in dem Beispiel dargestellt wird, dann bräuchte die Frau gar nicht den Gewissenskonflikt „Mit ihm schlafen oder meine Familie auseinanderreißen und mittellos mit vaterlosen Kindern auf der Straße stehen?“ zu haben. Sie hätte höchstens den Konflikt „Mit ihm schlafen oder ihn verlassen und die üblichen Probleme, die eine normale Trennung mit sich bringt, in Kauf nehmen?“ – und, sorry, das kommt mir jetzt einfach nicht mehr wie eine wahnsinnig entsetzliche Extremsituation vor. Schwierig noch immer, ja, aber nicht gerade grauenvoll.

Es wird mir einfach nicht ganz klar, ob der Erzbischof sich fragt, ob sie „wirklich, an diesem Punkt, die Entscheidung treffen kann, diesen Mann zu verlassen“, weil sie dann wieder denselben wirklich schlimmen Problemen wie nach ihrer ersten Trennung gegenüberstehen würde, oder weil sie einfach ihre Familie trennen müsste.

Wenn er Letzteres meint: Sicher ist keine Trennung leicht; aber viele Leute trennen sich aus vielen Gründen, ob guten oder schlechten, und hier gäbe es gute Gründe. Wenn er nicht doch bereit sein sollte, eine Beziehung „wie Bruder und Schwester“ zu akzeptieren: Wieso könnten sie sich dann nicht einfach, nachdem sie klargemacht hat, wozu ihr Gewissen sie verpflichtet, und er, dass er die Beziehung so nicht mehr weiter führen will, im Guten trennen und sich das Sorgerecht für die Kinder teilen? Wenn ich ganz ehrlich sein soll, frage ich mich auch, ob es, in einem realistischen Szenario, ihren Kindern aus erster Ehe wirklich so wichtig wäre, dass sie mit ihrem zweiten Mann zusammenbleibt. Es mag ja Ausnahmen geben, aber in der Praxis funktionieren Patchworkfamilien leider nicht immer so wie im Fernsehen. Stiefväter bleiben Stiefväter, und die Kinder aus der vergangenen Beziehung stehen immer irgendwie zwischen allen Stühlen, wenn Mama einen neuen Freund hat und neue Halbgeschwister auftauchen. Vielleicht würden gerade diese Kinder an ihrem Beispiel eher merken und anerkennen, dass ihr die Treue zu einem einmal gegebenen Gelübde wirklich wichtig ist. Kann die Frau also diese Entscheidung treffen, die Treue zu dem Versprechen, das sie einmal gegeben hat, an erste Stelle zu setzen und mit den Konsequenzen, die sich dann daraus ergeben sollten, umzugehen? Was genau versteht Fernández unter können?

Und wenn er Ersteres meint: Ich hätte von einem Bischof andere Vorstellungen von einer guten Beziehung erwartet – und er stellt diese zweite Beziehung als vorbildlich dar. Ja, ja, er hat Zölibat und muss selber keine führen, aber er wird wohl im Lauf seines Lebens in Beichtstuhl und Ehevorbereitung usw. mit genügend Verheirateten und Verlobten und Ehepaaren zu tun gehabt haben. Aber hier schreibt er, dass eine Frau nicht von ihrem Partner erwarten kann, dass er ihre Überzeugungen und ihr Gewissen achtet. Wenn das nicht „rape culture“ schreit, weiß ich auch nicht mehr. Woher hat Erzbischof Fernández diese Vorstellung, die hier so beiläufig einfließt? Aus der tiefen Überzeugung einer säkularen Kultur, dass es das Absurdeste überhaupt ist, von irgendjemandem zu verlangen, auf Sex zu verzichten, oder aus einer abstrusen Paulus-Interpretation, in der er einen extrem fehlgeleiteten Begriff von den „ehelichen Pflichten“ auch noch auf objektiv ehebrecherische Verbindungen ausdehnen möchte? Oder will er einfach nur unbedingt ein Beispiel finden, in dem sich seine Beispielfigur in einer „ausweglosen“ Situation findet, und merkt gar nicht, was er da schreibt? Vermutlich das. Hoffentlich das.

Nein, man kann tatsächlich nicht von einem Partner oder Familienmitglied oder Freund verlangen, auf einmal alle Überzeugungen anzunehmen, die man selber hegt. Man kann versuchen, ihn zu überzeugen, aber man kann ihn nicht zwingen, sie anzuerkennen. Aber man kann von ihm verlangen, sie zu respektieren. Wenn du weißt, dass deine Partnerin es für eine Todsünde hielte, wenn sie mit dir schlafen würde, wenn du weißt, dass das einfach gegen ihr Gewissen gehen würde, würdest du dann versuchen, sie dazu zu bringen? Ich habe ehrlich gesagt meine Zweifel, ob der zweite Mann im Beispiel wirklich eine so viel bessere Wahl wäre als der erste. Wenn die Frau sich nicht in der Position sieht, von ihrem Partner zu verlangen, auf Sex zu verzichten – was sagt das dann über ihr Verhältnis zu ihm aus? Ich war auch schon mal über längere Zeit mit einem Mann zusammen, mit dem ich ein paar Diskussionen darüber führen musste, dass das, was ich über „Kein Sex vor der Ehe“ gesagt hatte, wirklich ernst gemeint war, und, guess what, auch wenn er es nicht mochte, hat er es letztlich geschafft, das zu akzeptieren. Einmal musste ich mir anhören, dass ich Glück mit ihm hätte und wahrscheinlich nicht viele andere Männer das mitmachen würden (was man halt so sagt, wenn man gerade sauer ist, nehme ich an – ich will hier wirklich nicht über meinen Exfreund herziehen, der eigentlich ein netter Mensch ist), aber er hat es geschafft, meine Überzeugungen zu respektieren. Wirklich, wenn man keinen Sex kriegt, klappt man nicht irgendwann zusammen und stirbt. Das kann man aushalten.

Was wäre, wenn sie andere Gründe hätte? Sie ist einfach schwer krank und kann deshalb keinen Sex haben. Sie möchte es nicht, weil eine weitere Schwangerschaft lebensgefährlich für sie wäre und ist übervorsichtig geworden, weil alle Verhütungs- und NFP-Methoden ihre Unsicherheiten haben. Sie hat eine ansteckende Geschlechtskrankheit (vielleicht, weil sie eine Affäre hatte, vielleicht, weil sie vergewaltigt wurde, vielleicht von einer verunreinigten Blutkonserve in ihrem Dritte-Welt-Krankenhaus) und will nicht riskieren, dass er angesteckt wird, wozu auch beim Gebrauch von Kondomen das Risiko bei regelmäßigem Sex nicht gering ist. Hat sie dann auch nicht das Recht, von ihm zu verlangen, ihre Wünsche zu achten? Oder was wäre, wenn eine Ehefrau bereits ein Jungfräulichkeitsgelübde abgelegt hätte und dann von ihren Eltern zwangsverheiratet worden wäre? Hätte die hl. Cäcilia (https://www.heiligenlexikon.de/BiographienC/Caecilia.html) denn auch nicht das Recht gehabt, sich ihrem nichtkatholischen Ehemann, der ihre Werte nicht teilte, zu verweigern? (Ja, ja, ich weiß, Zwangsehen sind gar nicht gültig, aber von der Ehe/Partnerschaft in Fernández‘ Beispiel behauptet das ja auch keiner.) Sollte eine Kirche, die Heilige wie Cäcilia, Charles Lwanga und Gefährten, Agnes, Dymphna, Maria Goretti, Lucia, Barbara und so weiter verehrt, nicht ein bisschen deutlicher gegen sexuellen Zwang stehen, als Fernández das hier tut?

Tatsache ist, man hat das Recht, von jedem Menschen auf dieser Welt, egal, wie dessen Überzeugungen aussehen, „völlige und dauerhafte Enthaltsamkeit“ zu verlangen – nämlich genau so lange, wie sich kein anderer Mensch findet, der zu Sex mit diesem Menschen bereit wäre. Andernfalls müsste man nämlich zwangsläufig sagen, dieser Mensch hätte das Recht, irgendeinen anderen Menschen zum Sex mit ihm zu zwingen… wie sagt man noch gleich, wenn jemand einen anderen Menschen zum Sex zwingt?

Ach ja. Vergewaltigung.

Vergewaltigung ist nicht immer der bedrohliche Fremde im nächtlichen Gebüsch. Vergewaltigung kommt auch gern mal in Beziehungen vor. „Wenn du nicht mit mir schläfst, verlasse ich dich“ ist noch kein Zwang im strengen Sinne, das nicht, aber es ist definitiv eine Art von Nötigung, jedenfalls dann, wenn derjenige, der das sagt, weiß, dass die andere Person ohne ihn mit einem Haufen hungriger Kinder mittellos auf der Straße stehen würde. Erzwungener Sex ist Vergewaltigung. Ein Vergewaltiger ist kein begehrenswerter Partner. Das Beispiel von Erzbischof Fernández macht keinen Sinn.

Wenn ihr zweiter Partner also die Art Mann ist, dem sie und die Kinder scheißegal sind, sobald sie nicht mehr die Beine für ihn breit macht, dann sollte sie wirklich schleunigst schauen, dass sie von ihm wegkommt. Such dir einen Job, irgendeinen (vielleicht nicht gerade Prostutierte – Regen und Traufe und so), such dir Hilfe bei Familie, Freunden, Nachbarn, in der Pfarrei oder bei irgendeiner Organisation, such dir irgendwelche Leute, denen du vertrauen kannst, und hau ab. Je schneller du aus dieser Beziehung raus kommst, desto besser.

(Vielleicht ist „Vergewaltigung“ hier nicht der passendste Begriff, und „survival sex“ wäre korrekter – Austausch von Sex gegen Fürsorge oder Essen oder ein Dach über dem Kopf, ohne direkten Zwang, aber auch ohne wirkliche Freiheit.)

Okay, jetzt habe ich mich ausführlich genug aufgeregt und bin auch schon wieder fertig.

 

Natürlich ist nicht nur dieses Beispiel fehlerhaft, sondern die ganze Denkweise des Erzbischofs. Davon auszugehen, dass es in manchen Situationen nur noch mögliche Handlungsweisen gibt, durch die man schuldig wird, dass es manchmal unmöglich ist, keine Schuld auf sich zu laden, das ist schlichtweg Blasphemie. Es ist eine Beleidigung Gottes, der uns immer einen Ausweg lässt. Wenn die Frau ihrem Partner Sex verweigert und er sie dann rausschmeißt, dann ist das schlimm und tragisch, aber es liegt dort keine Schuld auf ihrer Seite für irgendetwas vor. Wenn man einen gefangenen Terroristen nicht foltert und deshalb entscheidende Informationen nicht bekommt, die vielen Menschen das Leben retten hätten können, dann liegt keine Schuld vor, außer auf der Seite des Terroristen. (Ja, blödes Beispiel – jeder Experte sagt, dass Folter nichts bringt. Es geht mir nur um die Theorie.) Wenn man ein schwer behindertes Neugeborenes in einem Dritte-Welt-Land nicht aussetzt und es dann in Krankheit und Schmerz aufwachsen muss, liegt keine Schuld vor. Wenn man keine Atombombe auf zivile Gebiete wirft und der Krieg sich dann noch Jahre in die Länge zieht und am Ende mehr Opfer fordert, als die Atombombe gefordert hätte, liegt keine Schuld vor. Nicht alles Leid ist (direkt) durch persönliche Schuld verursacht. Manchmal entsteht Leid auch, wenn alle das Richtige tun. Sonst wäre es ja einfach, immer einen Schuldigen zu finden, dem man es anlasten kann, dass er es nicht vermieden hat.

Mit der subjektiven Schuld liegt der Erzbischof natürlich nicht völlig daneben. Natürlich würde Gott der Frau aus dem Beispiel anrechnen, dass ihre Situation schwierig ist und dass sie sich in einer schlimmen Verwirrung befindet. Gott ist vollkommen gerecht. Ich kann das Gefühl, das Fernández hier vielleicht rüberbringen möchte, an sich ehrlich gesagt gut nachvollziehen; dieses Gefühl von schierer Überforderung und Hilflosigkeit gegenüber einem Gebot: „Gott, ich weiß nicht, was ich tun soll, ich kann das nicht, ich kann das einfach nicht, ich weiß, was meine Pflicht ist – oder ich glaube zumindest, dass ich es weiß – ist das sicher so? – ich glaube schon – ich bin mir eigentlich ziemlich sicher – aber ich kann das nicht, ich schaffe das nicht, bitte, Gott, rechne mir das nicht an, hilf mir, ich kann das nicht…“ In der Moraltheologie nennt man so etwas ein perplexes Gewissen. Verminderte Schuldfähigkeit gibt es, und es ist wichtig, Bescheid zu wissen, dass es sie gibt, aber sie macht eine Tat an sich nicht besser. Und wenn ein Kleriker sich dann damit zufrieden gibt und von der Kanzel herab erklärt, dass dann ja alles schön und gut sei und man ruhig nach diesem verwirrten, geplagten Gewissen handeln könne und auch bestimmt nicht der Kommunion fernbleiben müsse, anstatt dass er für Klarheit sorgt, erklärt, was Gottes Gebote fordern – und was in manchen Fällen nicht – und Mut macht, ist einfach Unsinn.

Vor allem, wenn damit nebenbei Vergewaltigung oder sexuelle Nötigung oder „survival sex“ schöngeredet wird. Vielleicht sollte der Erzbischof sich lieber dafür einsetzen, dass alleinstehende Frauen nicht auf einen Partner angewiesen sind, um im Leben durchzukommen, anstatt zu erklären, dass dann in solchen Fällen bestimmt verminderte Schuldfähigkeit für Sünden gegen das 6. Gebot vorliegen müsse. Nette und nutzlose Binsenweisheit. Ja, okay, ich bin fertig.

 

 

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