Denken nicht notwendig

Jedenfalls laut Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, das über Facebook verkündet:

„Du musst keine Dichter und Denker schaffen. Aber du kannst deine Schüler_innen für Demokratie begeistern.“

Okay, also, Bildung und eigenständiges Denken brauchen wir ja nicht unbedingt, es genügt, liebe Lehrer, wenn ihr der Jugend nahebringt, unser politisches System toll zu finden. Angesichts der großen Gefahr, dass sie zu Monarchisten oder Anarchisten werden, ist das eure drängendste Aufgabe!

Liebes Ministerium: Wenn ihr die Demokratie schon so toll findet, wäre es auch ganz sinnvoll, darüber nachzudenken, was sie bedeutet. Ja, ja, Denken muss nicht sein, ich weiß, aber zwischendurch kann es ja vielleicht nicht schaden.

„Demokratie“, liebes Ministerium – gut zuhören jetzt -, kommt aus dem Griechischen und bedeutet „Herrschaft des Volkes“. Nun haben die alten Griechen zwar unter einer Volksherrschaft etwas Anderes verstanden als wir und würden unser System eher als eine Mischung aus Aristokratie („Herrschaft der Besten“, also einer Elite) und Monarchie („Herrschaft eines Einzelnen“) mit ein paar demokratischen Elementen, die alle paar Jahre ins Spiel kommen, bezeichnen. Aber wir sind ja auch keine kleine griechische Polis mehr, in der das „Volk“ (d. h. für die alten Griechen die freien Männer mit Bürgerrecht) recht überschaubar war und sich in seinem Alltagsleben hauptsächlich der Politik widmen konnte; ich hab ja an sich nicht so arg viel gegen unser Herrschaftssystem.

Aber, liebes Ministerium, ein Herrschaftssystem ist kein Selbstzweck, sondern dient dazu, sinnvolle Ergebnisse in der Regierung eines Landes hervorzubringen. Es soll das Recht durchsetzen, die Freiheit des Einzelnen wahren, und das Gemeinwohl fördern. Dazu halten viele Leute die Demokratie für sinnvoll, da mit ihrer Hilfe die Interessen aller Bürger, nicht nur die einzelner, Gehör finden können sollen. Um eine solche gute Regierung hinzubekommen, müssen allerdings diejenigen, die die konkreten Entscheidungen zu diesen Zwecken treffen, Ahnung von der Sache haben und – Achtung, jetzt kommt’s! – denken können. Und wer soll in einer Demokratie (also, theoretisch, dem Wortsinn nach) noch mal die zentralen politischen Entscheidungen treffen? Richtig, liebes Ministerium: das Volk. Genau das Volk, zu dem auch die Schüler_innen der angesprochenen Lehrer gehören (bzw., wenn man den politisch mündigen Anteil des Volkes meint: nach ihrer Volljährigkeit gehören werden).

Und, nur für den Fall, dass das eine neue Information für Sie ist, es gibt – wirklich! – auch andere Lebensbereiche als die Politik. Schüler_innen werden in ihrem Leben noch anderes zu tun haben, als ihre Begeisterung für die Demokratie zu demonstrieren. Sie könnten zum Beispiel einen Ölwechsel am Auto machen müssen. Oder die Verehrung eines kommunistischen Mörders und Diktatorenhelfers, dessen Tod sich zufälig zum fünfzigsten Mal jährt, demontieren müssen (https://www.nzz.ch/international/che-guevara-der-gescheiterte-messias-der-weltrevolution-ld.1320789 ). Oder mithilfe der Deutschen Bahn nach Hamburg gelangen. Oder den Gesamtpreis eines Einkaufs ausrechnen. Oder Simbabwe auf der Landkarte finden. Oder eine Software installieren, oder einem Unfallopfer Erste Hilfe leisten, oder einen Text von Kant verstehen, oder ein Krippenspiel organisieren, oder einen Apfelkuchen backen. Ich sage ja nicht, dass die Schule zwangsläufig das Kuchenbacken lehren muss; ich meine nur, dass sie noch was anderes lehren könnte als Begeisterung für das deutsche politische System; das hatte sich auch das Schulsystem der Deutschen Demokratischen Republik als Ziel gesetzt. Zum Beispiel könnte sie den Schülern Anhaltspunkte dazu geben, über die Fragen nachzudenken, die die großen „Dichter und Denker“ bewegten: Was ist der Mensch? Was soll ich tun? Was kann ich hoffen? Sind Social-Media-Präsenzen von Bundesministerien für irgendwas gut?

Vielleicht wäre es letzten Endes sogar dem Staatswesen nicht völlig unnütz, wenn ein paar der Bürger sich solche Fragen schon gestellt hätten.

 

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