#MeToo – Zählt das denn?

Ich glaube, ich muss nichts mehr darüber schreiben, was es mit diesem Hashtag auf sich hat, der auf die weite Verbreitung von sexueller Belästigung aufmerksam machen will; nur auf einen Punkt will ich eingehen: Den Einwand, dass ganz banale Dinge mit dieser Aktion aufgeblasen und auf eine Stufe mit Vergewaltigungen gestellt würden. Das ist vielleicht auch was, was sich Frauen fragen, bevor sie „#MeToo“ posten: Zählt so was überhaupt? War ja bloß ein blöder Spruch, eine unerwünschte Berührung, nichts Dramatisches, nichts, was einen länger beschäftigt hätte. Man kann es ja tatsächlich damit übertreiben, überall Sexismus zu sehen.

Aber: Es gibt eine große Bandbreite von sexueller Gewalt, und die fängt eben bei catcalling an und hört bei Vergewaltigungen auf. Das eine stört und gibt einem ein hässliches Gefühl der Verletzlichkeit (vor allem, wenn es sich wiederholt), das andere traumatisiert. Genauso, wie es eine große Bandbreite bei körperlicher oder emotionaler Gewalt gibt: Nicht jeder, der sich mal als Kind mit der Schwester geschlagen hat, landet später als Gewalttäter im Knast; trotzdem war das damals nicht gut. Wenn man Gewalt als das Ausnutzen von Macht (emotionaler, finanzieller, körperlicher, staatlicher, sexueller, was auch immer) zuungunsten / gegen den Willen von anderen Menschen definiert, ist jeder Mensch, der auf der Welt herumläuft, schon gewalttätig gewesen. Spätestens, sobald man Anna im Kindergarten ihr Lieblingsstofftier wegnimmt, weil es Spaß macht, zu sehen, wie sie sich dann ärgert und vergeblich versucht, es einem wieder aus der Hand zu reißen.

Worauf ich damit hinauswill: Eins, was die MeToo-Aktion auch leisten könnte und nach meinem Eindruck schon leistet, ist, ein wenig mehr wegzukommen von der Vorstellung, dass es einen tiefen Abgrund gibt zwischen Sexualstraftätern, die scheußliche Monster sind, und dem Rest der (Männer)Welt. Nö, so einfach ist es nicht. Viele Leute begehen sexuelle Grenzüberschreitungen in verschiedenem Maß; und das ist übrigens auch keine unvergebbare Sünde, aber es ist Sünde. Vor allem innerhalb von Beziehungen kommen solche Grenzüberschreitungen wahrscheinlich häufiger vor, ohne dass jemand sich so fühlt, als hätte er sich falsch verhalten; fremde Mädels zu belästigen, ist viel offensichtlicher etwas Schlechtes, als seiner Freundin zu nahe zu treten. (Was die Sache nicht besser macht, ist natürlich, dass die allgemein anerkannten Grenzen dafür, was in Beziehungen oder sich anbahnenden Beziehungen normal ist, sich verschoben haben bzw. völlig unklar sind.) Aber jemand kann sich auch meistens im Alltag „ganz nett“ verhalten und trotzdem finden, dass es doch bloß Spaß ist, den Mädels, die man beim Weggehen trifft, an den Hintern zu fassen, ohne sich groß zu überlegen, ob die das auch witzig finden. Das ist nicht Grausamkeit, sondern Gedankenlosigkeit, und Gedankenlosigkeit kann dann eben in Rücksichtslosigkeit und „entitlement“ übergehen (ich habe einfach kein deutsches Wort gefunden, das die Bedeutung dieses so passenden englischen Wortes perfekt wiedergibt – man könnte vielleicht „Anspruchsdenken“ verwenden, aber das klingt auch nicht ganz richtig; gemeint ist einfach die (bewusste oder unbewusste) Einstellung, ein Recht darauf zu haben, sich das einfach zu nehmen, was man gerade gerne haben möchte).

Ich weiß nicht, ob wir ein Problem mit unserer speziellen Kultur haben, dass wir sie gleich „rape culture“ nennen sollten; vielleicht ist sexuelle Gewalt einfach ein ewiges Problem aller menschlichen Gesellschaften, die es jemals gegeben hat. Aber natürlich braucht es gerade für solche ewigen Probleme ständige Aufmerksamkeit. Und man kann daran etwas verbessern. Wenn jeder darauf achtet und Belästigungen nicht einfach durchgehen lässt – auch dann, wenn sie anderen Leuten und nicht einem selber passieren. Gerade die Männer sind hier gefragt!

Manche Probleme haben allerdings mit unserer speziellen Kultur zu tun – und dann vielleicht auch, damit zusammenhängend, mit Kommunikationsproblemen zwischen Männern und Frauen. Ein Beispiel: Als ich meinen Exfreund kennengelernt habe, sind wir erst ein paar Mal ausgegangen, und als wir uns dann fünf Tage gekannt haben (bisschen schnell für mich…), habe ich ihn mit in meine Wohnung genommen, wir haben zusammen gekocht, uns einen schönen Abend gemacht, und er hat mich dann schließlich gefragt, ob er mich küssen kann. Ich wollte erst nicht, habe dann doch ja gesagt, und mir einen kurzen Kuss ohne Zunge vorgestellt. (An alle neuen Leser: Ja, ich bin eine konservativ eingestellte Katholikin, und wir waren noch nicht mal offiziell zusammen.) Er hat das nicht so verstanden; und zusätzlich zum Küssen hat er dann auch seine Hände unter meinen Pullover geschoben und meinen Hintern angefasst; ich habe seine Hände mehrmals weggeschoben und ihm zu verstehen gegeben, dass ich das so nicht mag; das hat ihn nicht wirklich dabei gestört, mir wieder an dieselben Stellen zu fassen. Es war nichts Gewaltsames, nichts wirklich Schlimmes, eher etwas Unangenehmes, das bei einem eigentlich schönen Date gestört hat; er hat mir wohl einfach nicht geglaubt, dass ich es ernst gemeint habe, dass mir das alles zu schnell geht und ich das nicht mag. Vielleicht hätte ich bloß deutlicher Ärger zeigen und das ganze Rummachen abbrechen müssen, um ihn dazu zu bringen, aufzuhören, er wollte mir ja eigentlich nichts Böses; aber, ja, es ist ein Problem, wenn Leute unter einem „Nein“ ein „Überrede mich“ verstehen und man erst so deutlich werden muss. Wie gesagt, in diesem Fall war es eine sich gerade erst anbahnende Beziehung, eine Situation, in der man nicht einfach annehmen kann, mit was der Partner jetzt einverstanden ist. So sehen die Kommunikationsprobleme aus, die mit unserer Kultur kommen: Man will keine objektiven Standards mehr für Beziehungen haben; alles, was sich für dich gut anfühlt, wo du zustimmst, ist moralisch gut und ganz wunderbar toll. Sex, nachdem ihr euch fünf Minuten kennt? Klar! Wunderbar! Natürlich prallen dann immer wieder unterschiedliche Erwartungen aufeinander. Man darf theoretisch alles haben, also erwartet man, das, was man gerade will, auch in der Praxis bekommen zu können, und wenn man dann keinen Partner findet, der dazu bereit ist…? Tja, dann ist man frustiert und fühlt sich betrogen. Das Problem ist, wenn jemand körperliche Intimität als etwas sieht, das ihm (auch unabhängig von irgendwelchen Bindungen) einfach zur Verfügung stehen sollte. Die Person, die sie dann zur Verfügung stellen soll, gerät auf die Weise schnell mal aus dem Fokus.

Die Lösung ist natürlich dieselbe wie bei so ziemlich allen Fragen der Moral: Andere Leute als Personen behandeln.

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17 Gedanken zu “#MeToo – Zählt das denn?

  1. Also geht es um das Hauptlaster Gier und darum, sich als ein Opfer von Gier zu outen. Ich kann damit wenig anfangen. Artikel schreiben wie diesen – das ist ein sinnvoller Schritt, um auf die Gefahren der Gier aufmerksam zu machen, und auch, um Männer und Frauen auf spezifische Formen der Gier hinzuweisen. Aber ich finde es unsinnig, alte Verletzungen immer neu vorzukramen und damit zu zeigen, daß man auch irgendwie in die große Gruppe der Verletzten gehört.

    1. Ich glaube nicht, dass es bei der Aktion darum geht, alte Verletzungen hervorzukramen, sondern eben eher darum „auf die Gefahren der Gier aufmerksam zu machen“ usw. – genau das wollte ich hier ja. Ich finde, es ist etwas Gutes, auf „Alltagssünden“ aufmerksam zu machen, gerade, weil die weiter verbreitet sind als, sagen wir mal, Morde. Ehrlich, wegen irgendwelchen kleinen Sachen von vor ein paar Jahren oder so, wen beschäftigen die überhaupt noch so groß? Wer muss da unbedingt zeigen, dass man auch verletzt worden ist? Ich schätze, es geht den meisten Frauen, die so was posten, eher um so was wie „Solidarität“ und eben „raising awareness“. Oder so. Und was die angeht, die wirklich verletzt worden sind (also z. B. Vergewaltigungsopfer) : Die, denke ich, sollten ihre Verletzungen eben gerade nicht einfach verdrängen, sondern sie verarbeiten (ob dazu auch gehören kann, öffentlich darüber zu reden, kommt wahrscheinlich darauf an, was der Einzelnen hilft).

  2. Anders als Du finde ich aus genau den Gründen, die Du angesprochen hast, die ganze Geschichte im Grunde genommen wenig sinnvoll.

    Was hatten wir vorher, nüchtern betrachtet? Eine berechtigte Empörung über ein sittliches Schwein in der Filmindustrie, der sich für das Verteilen von Arbeitsplätzen (Filmbesetzungen) mit Sex bestechen ließ bzw. dazu aufforderte. Daß man sowas heutzutage frauenfeindlich nennen muß, um es Scheiße nennen zu dürfen – geschenkt. Daß das ein bißchen verdeckt, daß – solange wir nicht speziell über die Vergewaltigungsvorwürfe reden (*die speziell* bestreitet der Beschuldigte übrigens noch) – neben dem größeren, den Harvey Weinstein trägt, auch den Frauen, die die Gelegenheit zum Hochschlafen eben auch genutzt haben, einen kleinerer part of the blame zugeschrieben werden müßte – geschenkt. Daß es übrigens auch nicht unbedingt männerfreundlich ist, wenn einer, der eh schon eine liebende Ehefrau hat, sich Geliebte nimmt, „weil er’s kann“, die die anderen Männer somit (zumindest derweil) nicht daten und heiraten können – geschenkt.

    Jedenfalls hatten wir eine tatsächlich berechtigte Empörung über tatsächlich schweinisches Verhalten – wobei man, um Jakob Krakel zu zitieren, ja Schweinerei nicht sagen soll, weil die Schweine, die tun ja nix Böses.

    So, und was haben wir jetzt?

    Eine Kampagne, in der sich jede Frau, die jemals einen unsittlichen Übergriff der geringfügigsten Art hat erdulden müssen, ja wohl auch jede Frau, die ganz außerhalb irgendeiner Sechstgebotssache jemals wegen ihres Frauseins schlechter behandelt wurde (ihrer eigenen Meinung nach) sich meldet und sagt, schaut her, ich gehöre auch dazu.

    Mich wundert nicht, daß es so viele sind. Mich wundert ganz im Gegenteil, daß so viele Frauen anscheinend *nicht* „#metoo“ posten. Vermutlich liegt es daran, daß sie es unsinnig finden. Grob überschlagen wird man die Frauen, die nur mit einer Lüge „#metoo“ posten können, je Großstadt und Landkreis an zwei Händen abzählen können – wenn überhaupt. (Allein die Geschichte, die Du oben geschildert hast, würde Dich z. B. auch dazu berechtigen.)

    Was haben wir also jetzt?

    Wir haben, nüchtern betrachtet, das entstandene Momentum an Empörung gegen Mächtige, die ihre Untertanen zu ihrer sexuellen Befriedigung nutzen*, verwurstet und eine allgemeine Lamentatio über die condicio humana gemacht.

    Toll. Echt jetzt.

    —-

    Die interessanten Fragen werden dabei nicht gestellt. Diese wären nämlich nicht „wem ist jemals irgendsowas in der Art passiert“. Die wären „wie oft?“ „von wievielen Tätern?“ „wie schlimm?“ vielleicht gar „tat es denen nachher leid?“

    Ich weiß ja nicht, wie sehr speziell unsere nichtkatholischen Zeitgenossen blind in der Welt herumlaufen, aber daß die Sünde diesseits des Jüngsten Tages, zuallermindest gesagt, wie ein deutsches Uboot ist (sie taucht immer wieder auf) ist doch jedem Menschen mit offenen Augen ersichtlich.

    >>Eins, was die MeToo-Aktion auch leisten könnte und nach meinem Eindruck schon leistet, ist, ein wenig mehr wegzukommen von der Vorstellung, dass es einen tiefen Abgrund gibt zwischen Sexualstraftätern, die scheußliche Monster sind, und dem Rest der (Männer)Welt. Nö, so einfach ist es nicht. Viele Leute begehen sexuelle Grenzüberschreitungen in verschiedenem Maß; und das ist übrigens auch keine unvergebbare Sünde, aber es ist Sünde.

    Selbstverständlich ist die Vorstellung falsch; aber 1. sollte das eh jeder wissen und 2. ist die Vorstellung zwar falsch aber vielleicht so falsch auch wieder nicht.

    Es gibt nämlich *tatsächlich* einen tiefen Abgrund zwischen dem Anfang von dem, bei dem sich der katholische Mensch anfängt zu sagen: „das beichte ich bei der nächsten Beichte, und es hat was mit dem sechsten Gebot zu tun, und zwar mit einer anderen Person, und zwar war sie davon nicht begeistert“, und einer eigentlichen Vergewaltigung. Auch zwischen Sünde und Sünde kann es sehr große Abgründe geben. Und mögen diese auch an sich kleiner sein als zwischen Sünde und Nichtsünde (was übrigens eine theoretisch durchaus interessante Frage und gar nicht selbstverständlich ist), so ist doch in unserer Welt die Sünde (irgendeiner Art) leider Gottes alltäglich und sie fallen damit mehr ins Auge.

    Du sagst zwar sehr richtig, daß das „auch keine unvergebbare Sünde, aber Sünde“ ist. Nur: ist genau *das* *nicht* der Effekt, den es in der breiten Öffentlichkeit hat, wenn man diese Grenzüberschreitungen, wie in sich falsch sie auch immer sind, gleich mit Vergewaltigern in einen Topf wirft. Ein Vergewaltiger hat nämlich *tatsächlich* etwas von einem scheußlichen Monster an sich; auch wenn er das nicht immer war und nicht immer bleiben muß. Insofern ist diese Vorstellung für das Denken der Menschen, das ja (selbst wenn der Mensch gescheit sein sollte) immer fokussieren muß und nicht alle Komplexitäten auf einmal betrachten kann, vielleicht gar nicht so verkehrt, sondern ähnlich hilfreich und (an sich) berechtigt wie der Psalm 1 mit seinem „denn der Herr kennt den Weg der Gerechten, der Weg der Frevler aber führt in den Abgrund“.

    Sorry, das war wohl ein wenig lang. 😉

    1. Ach, wieso sollte man keine langen Kommentare posten 🙂

      Dass man bei einem Thema hätte bleiben können, ist ein guter Punkt.

      Ich würde meine Geschichte nicht mit #MeToo irgendwo posten, weil, wie gesagt, das eben eher ein geringfügiges Missverständnis und keine Gewalt war, und mein damaliger Freund die Grenzen, die ich eindeutig deutlich gemacht habe (kein Sex vor der Ehe und so) auch wirklich respektiert hat.

      Aber: ich finde trotzdem, wenn man mit einer bestimmten Aktion auf ein bestimmtes nicht so schlimmes, aber weit verbreitetes Problem aufmerksam machen will – z. B. könnte man genauso alle Förderschulkinder oder Förderschullehrer fragen, wie oft sie schon mal Vorurteile erlebt haben, da würde genauso viel zusammenkommen wie bei #MeToo – was ist daran so schlimm? Deswegen würde, um bei dem Beispiel zu bleiben, auch nicht, was weiß ich, die Euthanasie von Behinderten in der Nazizeit mit blöden Kommentaren von den Nachbarskindern gleichgesetzt. An sich finde ich so etwas gut. Klar ist jedem klar, wie weit verbreitet die Sünde ist, aber deswegen ist es trotzdem hilfreich, wenn man mal an diese, mal an jene Sünde (ob das jetzt sexuelle Übergriffe, Lügen, Gier oder was auch immer sind) immer mal wieder *erinnert*.

      Ja, Vergewaltigung ist ein sehr viel schlimmeres Verbrechen als eine geringfügige sexuelle Belästigung. Trotzdem: Wenn man die Vorstellung „Vergewaltiger sind Monster“ *zu weit* treibt, wozu führt das dann? Dass, wenn irgendein scheinbar ganz normaler Mensch einer Vergewaltigung bezichtigt wird, die Nachbarn und die Familie und die Kollegen sich das gar nicht mehr vorstellen können, dass das wahr sein könnte, weil, der hat doch immer so nett gegrüßt und war so normal und so nett! Ich finde es interessant, was Samantha Field dazu mal geschrieben hat: http://samanthapfield.com/2014/10/17/ordinary-monsters/ , http://samanthapfield.com/2017/07/12/biography-of-a-rapist/

      1. Die Sache ist halt die, daß ich ganz generell und unabhängig vom Thema Awareness-Raising für problematisch halte.

        Wenn bei einem Menschen die Awareness für ein Problem die Awareness geraised wird, dann will er das auch lösen; die Menschen sind nunmal so. Und wenn man dann sagen kann: „wir von der Firma Anne Xample Pharmaceuticals Inc. haben da ein Medikament entwickelt, das das löst“ (der Begriff stammt meines Wissens aus der medizinischen Branche), und das Medikament, Produkt oder was auch immer tut das tatsächlich, und dann macht man ein Awareness Raising, damit die Leute auch sehen, daß sie das Problem haben – dann ist dagegen erstmal nichts zu sagen (sofern das Problem wirklich ein Problem ist, aber das betrifft die Wirtschaftsethik).

        Ebenso wäre es zum Beispiel völlig in Ordnung, wenn wirklich ein ernsthafter und gutwilliger Irrtum bestünde, wonach es völlig in Ordnung sei, Behinderte zu beleidigen, daß man dann durchaus mit großem Aufwand eine Informationskampagne startet, die Leute darüber aufzuklären, daß das eben nicht so ist.

        —–

        Awareness-Raising *ohne* Lösungsangebot ist hingegen problematisch, weil Menschen Probleme, für die ihre Awareness geraised worden ist, gelöst haben wollen und kein Mensch weiß, was für Lösungen dabei herauskommen.

        Wenn man *heute* mit großem Aufwand eine Informationskampagne startet, die Leute darüber aufzuklären, daß Behinderte beleidigen nicht in Ordnung ist, dann ist der einzige denkbare Effekt der Super-Size-Me-Effekt (also die Beobachtung, daß Schulklassen, die im Kino den Film „Super Size Me“ anschauen und danach aus haben, dazu neigen, anschließend gemeinsam zum McDonalds zu gehen).

        So betreibt zum Beispiel eine gewisse politische Partei und ihre Anhängerschaft jede Menge Awareness-Raising in der Problematik „moslemische Flüchtlinge“ (als ob das irgendjemand nötig hätte), gerne garniert mit typischen Wendungen wie „wacht auf“ usf., weigert sich aber konsequent, tatsächliche *Lösungen* anzubieten. Man kann nur vermuten, daß sich die angestachelte Wut irgendwann in richtig sowohl einer allgemeinen Religionsfeindlichkeit wie in echten Rassismus verwandelt, aber selbst das wäre mir noch lieber, wenn es denn nur als konkrete Forderung daherkäme und nicht in so einem unbewußten status nascendi: dann hätte man etwas, wo man angreifen könnte.

        Und ebenso kann in diesem Fall das Awareness-Raising nicht dazu führen, daß ein Mann weiß, was er nicht darf. Es kann *vielleicht* in einem Nebeneffekt dazu führen, daß bei den wirklich offensichtlichen Grenzüberschreitungen vielleicht sich der eine eine Idee mehr am Riemen reißt, das gebe ich zu – wenn auch nicht, weil er sich gebessert hat, sondern weil er nicht zu den Vergewaltigern gehören will (aber gut, Strafmaßnahmen, auch wenn sie eine innerliche Wandlung zunächst nicht bewirken, sind ja trotzdem legitim und letztlich für die Moral hilfreich, lehren Cicero und St. Thomas). Vor allem aber wird es zu einem ganz großen „irgendwie müssen wir das Problem lösen und das alles vermeiden“ führen, wo jede Menge Nudeln zusammen mit dem Wasser ausgeschüttet werden.

        Es ist keine Schimäre: ich habe in mindestens zwei Kommentaren zu dem Thema sinngemäß lesen müssen, die Lösung sei z. B., im Berufsleben alles persönliche Miteinander, ganz besonders wenn Männer wie Frauen beteiligt sind (und sogar noch einmal besonderer wenn die fraglichen Frauen, wie die meisten, schön sind – das wurde in einem von den beiden Kommentaren, die ich jetzt im Kopf habe, so gesagt, war das dann eigentlich auch sexistisch?) – daß also alles berufliche Miteinander strikt professionell zu bleiben habe, jedes persönliche Interagieren von Dienstbeginn bis Dienstschluß zu unterbleiben habe. (Und nach Dienstschluß? Die Frage wurde nicht gestellt. Rein logisch ist eine Arbeitsbeziehung auch nach Dienstschluß aber noch verhanden.)

        Geht’s noch? Was für eine Arbeitswelt ist das denn bitte?

        – Natürlich haben sie das nicht *so* formuliert wie ich jetzt. Sie haben aber zum Beispiel, und jetzt zitiere ich zwar aus dem Gedächtnis aber wirklich nicht mehr umformulierend, gesagt: „eine Frau will nicht auf ihr schönes Kleid pp. angesprochen werden. Sie will auf ihre Fähigkeiten und ihre Arbeitsleistungen pp. angesprochen werden.“

        Seriously. Von dem radikalkapitalistischen Dampfgeplauder zu schweigen: das Abspalten der beruflichen Ichs von der Persönlichkeit soll die Alternative soll wirklich eine schönere Welt sein als die, in der wir jetzt leben?

      2. Bei dem Beispiel mit der Arbeitswelt stimme ich zu. Aber was „Raising Awareness“ angeht: Was sind denn z. B. Sonntagspredigten? Da wird auch immer wieder dasselbe gesagt, liebe deinen Nächsten, sei hilfsbereit, vergib anderen, urteile nicht, etc., ohne dass gleich konkrete Aktionen angestoßen werden. Ich denke außerdem, dass „Awareness“ auch eher dazu führen soll, dass die Leute, die nicht selber was tun, aber danebenstehen – also z. B. die Freunde der Kinder, die auf der Straße das behinderte Kind beleidigen, oder die Kumpel von Männern, die Frauen belästigen – auf die Probleme aufmerksam werden.

      3. Außerdem kommen ja manchmal konkrete Ergebnisse bei Protestaktionen heraus. Denk an das neue „Nein heißt Nein“-Gesetz (mit dem ich mich nicht besonders gut auskenne, aber als Beispiel dafür, dass nicht alles bloß Schall und Rauch bleiben muss, passt es jedenfalls)

      4. Was wirklich eine wichtige Unterscheidung ist, wie du schreibst: Komplimente und Sexismus. Man denke nur an Frau Chebli… Ja, es gibt „Komplimente“, die sexistisch sind („Geiler Arsch!“), aber „Und dann sind Sie auch noch so schön“ zählt da doch wirklich nicht dazu

  3. Daß Ergebnisse rauskommen, habe ich nicht bestritten: das ist ja gerade das Problem. Es kommen irgendwelche Ergebnisse dabei raus; Hauptsache Ergebnisse.

    >>Ich denke außerdem, dass „Awareness“ auch eher dazu führen soll, dass die Leute, die nicht selber was tun, aber danebenstehen – also z. B. die Freunde der Kinder, die auf der Straße das behinderte Kind beleidigen, oder die Kumpel von Männern, die Frauen belästigen – auf die Probleme aufmerksam werden.

    Guter Punkt. Ist aber eine Gratwanderung. Ich halte es für essentiell, daß die, die dabei das Gute durchsetzen sollen, auf gar keinen Fall in den Ruf des Strebers geraten dürfen.

    >>Was sind denn z. B. Sonntagspredigten? Da wird auch immer wieder dasselbe gesagt, liebe deinen Nächsten, sei hilfsbereit, vergib anderen, urteile nicht, etc., ohne dass gleich konkrete Aktionen angestoßen werden.

    Ja, aber immerhin werden wir, nachdem wir das allsonntäglich ertragen haben, mit der hl. Eucharistiefeier und hoffentlich (soweit möglich) auch mit der hl. Kommunion belohnt.

    Wie Du wahrscheinlich merkst, und das meine ich ganz ernst: ich halte auch in Predigten nicht viel davon, wenn immer wieder auf einem solchen Niveau dieselben allgemein gehaltenen moralischen Ermahnungen verteilt werden.

    Es gibt so viel mehr, was Predigten machen können, z. B. die Schrifttexte auslegen und das Lob der großen Taten Gottes zu verkünden oder auch die kirchliche Lehre zu bestimmten ganz nichtmoralischen Punkten. Ich mag mit der Meinung ja allein herumstehen, aber es ist genaugenommen ein Unding, daß man in den Predigten so selten den Begriff Transsubstantiation hört.

    Natürlich hat der Prediger *auch* die Aufgabe, ein bißchen das übers Jahr verteilt einzustreuen, was eigentlich eine Katechese ist (schwierige Aufgabe, so als Prediger, nicht?). Dabei kommt dann auch – aber bitte nicht als einziges – die allgemeine Moral dran. Und wenn eine Predigt wirklich einmal um Nächstenliebe geht, dann hätte ich *wirklich* gerne Beispiele, wie man das konkret *macht*.

    1. Schön, daß Du das sagst.

      Tatsache ist, daß „und dann sind Sie auch noch so schön“ genau so verstanden wurde, als ob es „geiler Arsch“ gewesen wäre. Ich kann nicht umhin, daß für einen kulturellen Verlust zu halten, aber ich wollte in einem Gespräch mit einer Frau nicht als erster damit herausrücken^^

      1. Ja, mhm.

        Und deswegen denke ich auch: Eine Gesellschaft, in der es keine Sünden mehr gibt, werden wir nicht erreichen, das lehrt sowohl der Glaube, wie der gesunde Menschenverstand. Daß wir zwar nicht das, wohl aber eine Gesellschaft, in der zwar der Rest des Lebens nicht, wohl aber sämltiche Mann-Frau-Beziehungen ganz sündenfrei sind, hinkriegen, kann vor dem Hintergrund eigentlich nur abstrus genannt werden.

        Dem Kampf gegen (z. B.) Zwangsprostitution, oder Vergewaltigung, oder usw., oder übrigens auch echte, nicht auf Sprücherl beschränkte Diskriminierung von Frauen am Arbeitsplatz, kann es nur schaden, wenn die Leute ihn als ebenso aussichtslos wie den Kampf gegen obscene language (um etwas immerhin wirklich Verwerfliches zu nennen) oder gar Flirten, das der Angeflirteten gerade unangenehm ist (um etwas Fragwürdiges zu nennen) halten. Aussichtslose Kämpfe werden eben nicht bzw. allenfalls in der privaten moralischen Optimierung geführt.

    2. Bei den Predigten und moralischen Ermahnungen sollten wir uns wohl einfach einigen, dass wir uns uneinig sind 😉 Ich denke halt, dass man immer wieder an die grundlegenden Gebote erinnert werden muss, die man natürlich schon kennt, um sich dann in der Praxis dran zu halten (und dabei sind Tipps für die praktische Umsetzung natürlich hilfreich).

  4. Ich finde vor allem deine Beobachtungen zum Kommunikationsproblem wichtig. Ich mache diese auch praktisch jeden Tag. Die Regellosigkeit und Formlosigkeit macht es Frauen und Männern schwer, miteinander umzugehen.

    Dennoch bin ich nicht in allem d’accord, ich sehe nämlich durchaus nicht eine Relativierung schwerer Verbrechen, wohl aber eine Kriminalisierung von männlichem Verhalten. Ich meine: Ich bin in dieser Sache als Katholikin eher staunende Beobachterin ;), aber Frauen können nicht gleichzeitig erwarten, von Männern 50 Shades of Grey-like Sachen zu erleben, die Versuche von Männern, sich irgendwie so zu verhalten dann aber beklagen. Bei vielen der „kleinen“ Übergriffe kommt es nämlich laut säkularer Welt einzig und allein darauf an, ob die Frau den Mann toll findet oder nicht, ob es okay ist oder nicht – eben weil wir weniger Regeln haben, die für gewissen Abstand sorgen.

    Wenn allein die Tatsache, ob das Individuum etwas gerade gut FINDET, Ausschlag darüber gibt, ob die Tat GUT und okay ist (was ja natürlich nicht stimmt, aber vom Rest der Welt so gesehen wird), ist es dem Mann doch unmöglich, immer richtig zu handeln, es sei denn, jede zärtliche oder spielerische oder flirtende Annäherung würde zuerst angekündigt und abgenickt – was irgendwie auch niemand will (oder?). Darum muss meiner Ansicht nach an erster Stelle eine formelle Klarheit wiederhergestellt werden (utopisch), damit ein Mann eben „lernen“ kann, was er darf und was nicht. Über individuelle Besonderheiten kann man dann ja immer noch reden.

    1. naja, zugegeben, wenn die ganze Gesellschaft von 50-Shades-of-Gray-Zeug ersatzlos verschont bleibt, ist das doch ein Gewinn für alle Seiten außer solche mit ohnehin perversen Lustvorstellungen.

      (Disclaimer: Ich sage das als nicht voll Informierter, dessen Kenntnisstand auf Hörensagen beruht.)

    2. Na ja, bei manchen Sachen muss man aber schon vorher fragen. Was Fifty Shades of Grey angeht: Ich glaube nicht, dass die Frauen, die #metoo posten, dieselben Frauen sind, die Fifty Shades anschauen/lesen. Es wäre freilich eine interessante Frage, *wieso* *irgendwelche* Frauen Fifty Shades mögen…

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